montag, 20. Juli (925
Siebener Anzeiger (Generai-Anzeiger für Gderhefien)
M. 167 Zweites Blatt
(Nachdruck verboten.)
35. Fortsetzung.
sich mit
,Qlun. wie hieb der also, der
anderzufügen.
Job verheiratet hatte?" „Er magerte ab." „Und dann reifte er?" Pause.
„3a.“ „Wohin denn?" „Weih nicht."
Es geschieht nicht oft, bah eine junge Dame von der Schlagfertigkeit und der Weltgewandt- heit Gabbh Dulcrofts von der einfachen Antwort eines gewöhnlichen Chauffeurs höchst verblüfft war. Das hatte sich folgendermaßen zugetragen. 3n größter Erregung über die katastrophalen Neuigkeiten hatte Gabby schleunigst Platz in dem Auto genommen, das auf sie wartete. Sie brannte danach, etwas zu tun. Plötzlich war es ihr klar geworden, wie unauflöslich ihre eigenen Pläne mit Fob und der ganzen Thorbenschen Familie verknüpft waren. Ohne nähere Verwandte, wirtschaftlich unabhängig, ohne festen Boden unter sich, hatte sich Gabbh daran gewöhnt, Fob als ihre Schwester und die Exzellenz als ihren Vater zu betrachten. Ein alter ekelhafter Vormund, der die Gurkenzucht als einzige Passion seines Lebens kannte, war für sie nichts anderes als eine Maschine, die mit peinlicher Pünktlichkeit das nötige Geld ins Vollen brachte. Nicht einen Augenblick fiel es Gabby ein, ihn in der Situation, die sich so frech und rücksichtslos ergeben hatte, zu Rate zu ziehen.
Was gab's? Was sollte dies bedeuten? Warum in aller Welt fuhr denn der Chauffeur nicht? Das Auto rührte sich nicht vom Fleck — Gabby entdeckte plötzlich, daß sie die Waaentür schon vor mindestens zwei Minuten zugeschlagen hatte und doch machte der Mann am Rade keine Miene, zu fahren. „Warum fahren Sie nicht?" fragte Gabby in scharfem Ton.
Der Chauffeur wandte sich halb um und zeigte ein vollständig ruhiges Gesichts
Ich habe keine Adresse bekommen.
Gabby schämte sich. Das Fatale chrer Lage hätte sich nicht handgreiflicher m Erinnerung bringen können ..... sie wußte tatsächlich nicht,
wohin sie fahren sollte. Also irgendeine Haus- nummer, in irgendeiner Straße .....
Fraulein Fob
Roman von Anders Eje.
Fräulein Dulcroft tat also, als ob sie am anderen Ende der Stadt eine recht dringende Sache zu besorgen hätte, und bog der Sicherheit halber in eine Quergasse ein, die still und leer zwischen schlafenden Häusern dahinfloh. Sie war noch nicht viele Schritte gegangen, als sie daS Gefühl überkam, verfolgt zu werden. Da blieb sie unvermutet vor einer Auslage stehen. Richtig. Der Südländer war Fräulein Dulroft dicht auf den Fersen. Auf ihr Manöver nicht vorbereitet, muhte er seinen Weg fortsehen — dies gab dem Mädchen den Vorsprung, den es brauchte, eine Minute später tauchte sie in der Menge auf der Avenue wieder unter und lieh sich vorwärts treiben und wurde gleich darauf auf ihr eigene- erhitztes Gesicht im Spiegelfenster derselben Konditorei aufmerksam gemacht, in der sie kurz Dor- her mit Hilfe eines Eiscremesoda ihr Gemüt beruhigt hatte. ,, ,
Bei näherem Nachdenken kam Gabbh daraus, dah es keines Privatdetektives bedurfte, um auf die Spur der nunmehrigen Frau Fellips zu kommen. Sie trat in die Konditorei ein und ersuchte um den Adrehkalender und das Telephonbuch. — und in diesem brauchte sie nicht lange zu suchen. Vei dem Namen des Bankdirektors Fellips erhob sich ein ganzer Turm von Tele- phonnummern. Sie notierte sie alle und glaubte, damit ihrem Ziele einen entscheidenden Schritt nähergekommen zu sein.
Dann griff sie zum Adrehkalender.
B D ... F ... Fa .. Fe Fellips, hier war er. Fellips, Vankdirektor, Wohnung ...
Gabby mußte sich die Augen reiben und die Adresse nochmals lesen. Wahrhaftig! Wenn daS nicht das Seltsamste war, das sie je erlebt, wollte sie ihren Fuh auf keinen Tennisplatz in Londonderry mehr setzen. Die Sache konnte nicht weggezauberl werden, — hier stand es mit hin- rei<And deutlichen Vuchstaben: Fellips, Harry. Vankdirektor, Wohnung Hotel-Avenue 22--
die gleiche Adresse, die sie vor einer Stunde ganz unbewußt angegeben hatte, in der löblichen Absicht, vor dem Chauffeur nicht vollständig idiotisch zu erscheinen. War dies nun etwas anderes als das Schicksal mit grohem S. das Spiel des Unterbewuhtseins oder der Ernst des Ilebernatürlichen? (Fortsetzung folgt.)
„Hotel-Avenue 22“, sagte sie schließlich
Die Adresse, die Gabby aufs Geradewohl gewählt hatte, verursachte dem Chauffeur keinerlei Kopfzerbrechen. Die Straße lag im Zentrum der Stadt und Nummer 22 war das vornehmste Haus in ihr. Kaum zehn Minuten währte die Fahrt vom Palais der Exzellenz bis zum angegebenen Haus in der Hotel-Avenue, aber trotz dieser zehn Minuten war in Gabby Dulcroft noch kein vernünftiger Entschluß gereift. Einmal — das war, als sie in ihrer Börse das Geld für die Fahrt zusammensuchte — dachte sie daran, den Chauffeur in die Sache einzuweihen — er sah wirklich außerordentlich gut und diskret aus — aber der Gedanke verließ sie ebenso rasch, wie er gekommen war. Den Umstand, dah sie überhaupt auf eine solche 3dee kommen konnte, sah Gabbh als einen sprechenden Beweis für die Gröhe ihrer Hilflosigkeit an. .
Wieviel Uhr konnte es sein? Die Zeiger auf Gabbys rubinqeschmückter Armbanduhr zeigten auf eins. Also Zeit zum Lunch. Tatsächlich strömte auch an ihr eine Menge eiliger Geschäftsangestellter mit dem stereotypen Strohhut im Nacken vorüber. Die Drehtür des Restaurants gegenüber flatterte wild mit ihren Schwingen. Wie abwesend buchstabierte Gabby den Namen auf dem Schilde „Rekord" und darunter, mit kleineren Vuchstaben „warme Speisen zu jeder Tag^erzeihen Sie Warten Sie auf jemanden, Fräulein?“
Gabby zuckte zusammen. Der Ton war respektvoll, und die Stimme gar nicht unangenehm — der Mann war an ihrer rechten Seite aufgetaucht und stand noch dort, mit dem Hut, dem 'Strohhut in der Hand. Auch das Gesicht war nicht gerade unsympathisch — jeder Zug verriet den Südländer, Haar, Augen und Bart tiefschwarz, der Teint olwenfarbig.
Ohne zu antworten, machte Gabbh eine korrekte Wendung nach links, ärgerlich auf sich selbst wegen ihrer Unvorsichtigkeit. Sie hatte sich auf dem Trottoir exponiert, es war darüber nichts zu reden ..... Für eine alleingehende junge
Dame gab es bestimmte Regeln, sich auf einer grobstädtischen Strohe zu bewegen, die ohne Gefahr nicht übertreten werden durften.
I „Hat es einen Zweck, nach der Adresse der Fellips'scheu Herrschaft zu fragen?"
„Rein," sagte Walter erleichtert, „daS hat es nicht. Niemand bei uns weih von ihnen etwas." ,
Als Fräulein Dulcroft sich von Walter trennte, hinterlieh sie ihm ihren defekten Schirm und eine ordentliche Hand voll Silber.
Selbstverwaltung.
Von Stadtrat Dr. Merkel, Leipzig.
Die Neoolution von 1918 hat wohl die Verfassungen des Reichs und die aller deutscher ßän- ber rasch über den Hausen geworfen, aber nicht ein einziges kommunales Grundgesetz. Das mag frappant erscheinen, ist aber darin begründet, dah die Umwälzung demokratisch-republikanischer Natur war und sich naturgemäß gegen die Monarchie richtete, jn den Gemeindeverfassungen war aber kein An- Sriffspunft gegeben, denn das waren ja bereits emokratisch-republikanische Gebilde, die sich in 100- jähriger Entwicklung bewährt hatten. N a ch der Revolution wurden aber auch die Gemeinden in den Umschichlungsptozeß hineingezogen und diese kommunale Revolution ist heute noch in vollem Gange. Drei Merkmale sind hier hervorzuheben: Der Drang in den Ländern nach Neuordnung der kommunalen Grundsätze; der Drang der Reichsgewalt nach Zentralisierung aus Kosten der Gemeinden und endlich Vernichtung der finanzwirtschastlichen Selb- ständigkeit der Gemeinden. Gerade der letzte Punkt steht jetzt bei den erregten Verhandlungen über den Finanzausgleich im Vordergrund des Interesses. Jeder einsichtsvolle Staatsbürger, nicht nur der Kommunalpolitiker, wird mit tiefer Sorge fest- stellen können, daß Parlamente, Regierung und öffentliche Meinung in Deutschland die Notwendig- keit einer freien starken Selbstverwaltung als Staatsnotwendigkeit nicht erkannt haben. Regierung und Parlament stehen in Deutschland der Selbst- Verwaltung ziemlich kühl gegenüber, sehr oft mit dem sacro egoismo kühler bureaukratischer und fiskalischer Berechnung. Gewiß hat der Staat in den letzten Zähren stärkste Kräfte einsetzen müssen zur Abwehr äußerer Angriffe und zur Aufrechterhaltung seiner selbst. Allein ein ganz wesentlicher Teil dieses deutschen Selbstbehauptungskampfes wird eben innerhalb der deutschen Seldstoerwaltungskör- per, in den Gemeinden geführt, d. h. in den Zellen, aus denen sich der ganze Staatsorganismus auf- baut. Darum sollte man gerade diese unmittelbare Kampffront stärken.
Im Reichstag ist zwar gelegentlich über die Nöte der Gemeinden gesprochen worden, leider ohne nachhaltige Wirkung. Ein selbständiger Reichstags- aüsschuß für kommunal-politische und gemeinde- wirtschaftliche Fragen wäre das Richtige; seine Schassuna scheiterte bisher an der Haltung einer der stärksten Parteien.
Welche Wirkungen hat nun diese Nichtachtung ober nicht genügende Beachtung der kommunalen Interessen getätigt? Schon in den Ländern ist die kommunale Grundgesetzgebung, die Schaffung der Gemeindeordnungen bisher ost stark dadurch gehemmt worden, daß der Gesetzgeber, also Regierung und Parlament, zu wenig auf die Stimme der Praxis gehört haben. Die Folge war, daß die 'neuen Geineinderesormen in manchen Ländern nach kurzer Zeit wiederum selbst reformiert werden mußten, so in Bayern, Mecklenburg-Sttelitz und jetzt in Sackisen.
Noch verhängnisvoller ist es, daß das Reich selbst oft Gesetze, die zu einer gesunden Selbstverwaltung nötig sind, nicht erläßt, sondern verzögert, z. B. Reichsschulgesetz, Grundsatzgesetzgebung für das höhere Schulwesen, Reichsbeamtengesetz. Weiter wirkt kommunalfeindlich, daß das Reich bei fast allen Gesetzen, die sich auf die Gemeinden aus- wirken, die kommunalen Interesien nicht genügend beachtet, so beim Landessteuergesetz, den Grundsätzen über die soziale Fürsorge und jetzt in erschreckendem Maße beim Finanzausgleichsgesetz.
Was soll geschehen, diese Mängel zu beheben? Oberbürgermeister Dr. Külz, der sich im Reichstag und auch sonst stark für die Gemeinden einsetzt, und dessen Ausführungen wir auch hier folgen, weist in erster Linie den Weg, daß die Gemeinden mehr als bisher Einfluß auf die Gesetzgebung gewinnen müssen. Auch Dr. Luther hat bei seinem Amtsantritt diese Notwendigkeit betont. Mit einem bloßen „Gehör" des Deutschen Städtetages als der obersten Vertretung der deutschen Gemeinden ist es nicht getan. Man hört die Stimme zwar, aber man beachtet sie nicht. Einfluß auf die Gesetzgebung können die Gemeinden nur dadurch gewinnen, daß in allen Parlamenten im Reiche wie in den Ländern ständige kommunale Ausschüsse eingerichtet werden, die in engster Fühlung mit den kommunalen Organisationen arbeiten. Die deutschen Städte sind
gegenüber, wie unser kleiner Staat, dessen Witt- jchaftskorper durch die Zerreißung der alten Habsburger Monarchie verstümmelt wurde, zu einer wirtschaftlichen Gesundung kommen soll. Und da haben wir schwere Sorgen.
Die Lage, in der wir uns befinden, kann durch nichts eine schärfere Beleuchtung erfahren, als durch die Tatsache, daß wir 160 000 Menschen keine Arbeit geben können. Dazu kommt noch die Befürchtung, daß sich diese Zahl von Arbeitslosen infolge der Wirtschaftskrise im Herbst und Winter noch erheblich vermehren wird. Die Verhandlungen, die mit verschiedenen Staaten wegen der Unterbringung unserer Arbeitslosen geführt werden, gestalten sich ziemlich schwierig, obgleich wir beispielsweise in Wien allein etwa 750 O0U im heutigen 21 u 5 l a n b e geborene Menschen haben. Wien hat in der Zeit des alten Oesterreich eine große Zahl von Personen, die in den Nachfolge- ftaaten geboren sind, an sich gezogen und ihnen Arbeitsgelegenheit gegeben. Alle diese Arbeitskräfte müssen Beschäftigung finden. Die Zer- reißung des Wirtschaftsgebietes hat aber eine starke Verminderung der vor- hanbenen Arbeitsmöglichkeiten zur Folge gehabt, bie außerdem noch durch die Wirt- fchaftspolitik aller Nachfolgestaaten, bie burchweg auf eine möglichst starke wirtschaftliche Selbftänbig- feit unb Unabhängigkeit vom Auslände gerichtet ist, eine außerordentlich große Einschränkung erfahren. Wir können unsere Industrie, unseren Handel und Export unter den gegebenen Verhältnissen unb ben Schwierigkeiten, welche die Nachfolgestaaten uns bereiten, nicht so ausgestalten, um allen unseren Veoölkerungsschichten lohnende Ar- beitsgelegenheit zu schaffen. So bildet die große Zahl von Arbeitslosen nicht ewa eine industrielle Reservearmee, die bei günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen wieder Arbeitsgelegenheit findet, sondern es handelt sich hier vielmehr um einen B e - oölkerungsüberschuß, der durch Zuwanderung unter den von ben heutigen so verschieben gearteten altösterreichischen Verhältnissen entstauben ist.
Die Veranstaltung einer Wirtschaslsex- pertif e zur Untersuchung ber hanbelspolitischen und wirtschaftlichen Lage Oestererichs durch den Völkerbund hat eine lebhafte Erörterung der wirtschaftlichen unb zum Teil auch politischen Zu- kunstsmöglichkeiten unseres kleinen Staatswesens im Gefolge. Der Plan einer, wirtschaftlichen Ex- pettise, der von Genf aus angeregt wurde, verdankt ohne Zweifel sein Entstehen der in einem Teil des Auslandes verbreiteten Meinung, daß es möglich sei, zwischen den Nachfolgestaaten ein wirtschaftliches Einvernehmen herzuftellen. Der Gedanke einer Donauföderation hat nicht nur von Oesterreich, sondern vor allem auch von allen Nachfolgestaaten schärfste Ablehnung erfahren. Die Nachfolgestaaten sind Gegner der Donaufode- ration unb einer gegenseitigen wirtschaftlichen An- Näherung, weil bie Verfolgung einer bahinzielen- den Politik notwendigerweise ber ihrer Wirtschaftspolitik innewohnenben imperialistischen Tenbenz im Sinne der Ausdehnung ihres wirtschaftlichen Betätigungsgebietes geradewegs widerspräche. Alle Aeuherungen des tschechischen Außenministers Dr. Benesch, bie als Zeichen eines wirtschafUichen Entgegenkommens gegenüber Oesterreich gedeutet wurden, sind von ihm selber immmer schon kurze Zeit nachher widerrufen worben. Man könnte Dr. Benesch eine große Verlegenheit bereiten, wenn man ber breiten Oeffentlichkeit ben Unterschieb in feinen Aeußerungen in Genf unb Prag zum vollen Bewußtsein bringen würbe. Die Geneigtheit, Oesterreich irgendwelche wirtschaftlichen Konzessionen zu machen, war n i e vorhanden und wird sich auch in Zukunft nicht bemerkbar machen. Deshalb wird auch die Expertise neuerlich zu dem Ergebnis führen, daß eine wirtschaftliche Annäherung der Nachfolgestaaten über den Rahmen und einen etwaigen Ausbau der Handelsverträge nicht hinausgehen kann. Dafür äußerst bezeichnend ist der von Dr. Benesch gemachte Versuch, bas Hauptgewicht ber Expertise auf bie Ueberprüfuna ber finanziellen und sozialen inneren Verhältnisse Oesterreichs verlegen zu lassen.
Aus all dem folgt, baß die Schlüsse, bie aus ber Veranstaltung ber Expertise nach der Richtung gezogen wurden, als ob sich die österreichische Politik vom Deutschen Reiche lösen wolle, durchaus unrichtig sind. Im Gegenteil: Jede Untersuchung
Seb verheiratet«?"
„Fellips. Vankdirektor."
2lhl Fräulein Dulcroft- Schirmftock sprang ht der Mitte ab.
„Aber, was macht das Fräulein, klagte Walter, „ein so feiner Schirm."
„Das war wirklich dumm." gab Gabby zu, „aber die Schirmstöcke sind jetzt richtiger Plunder." „ , ...
Walter stimmte lebhaft zu. Er begrüßte innerlich das Mißgeschick als eine Rettung vor dem weiteren Examen, aber er täuschte sich. Es gab noch sehr vieles, worüber Fräulein Dulcroft Klarheit haben wollte: wo die Hochzeit statt- fanb. was für Hochzeitsgäste teilnahmen, wie die Braut gekleidet war, was die Zeitungen schrieben, was die Leute sagten, — und wie knapp Lauch Walters Antworten waren, gewann Gabby doch halbwegs eine Vorstellung davon, tote die Hochzeit Fräulein Fobs verlaufen war
Immer wieder glaubte Walter, daß Fräulein Dulcrofts Neugier endlich befriedigt sei. Aber es nahm kein Ende
„Und Exzellenz selbst? Was machte er für eine Miene?"
Der Bediente zeigte in einen entlegenen Winkel des Parkes, wo hinter einem halb verwitterten Gips-Napoleon mit leeren Augenhöhlen und sphinxgleichen Zügen ein Springbrunnen plätscherte.
Gabby verstand.
„Was tat dem Herr, nachdem sich Fräulein
durch die uachreoolutionäre Gesetzgebung stark ins Hintertreffen geraten, unter dem alten System hatten sie in den Ersten Kammern der Lanblage eine wirksame unmittelbare Vertretung. Die Län- ber haben biese unmittelbare Möglichkeit in der Gestalt bes Reichsrats behalten, bie Stähle aber sind weber im Reichsrat, noch z. B. im Preußischen Staatsrat vertreten.
Darüber hinaus müssen aber bie Praktiker ber Selbstverwaltung bie Autorität ihrer Sachkenntnis viel mehr als bisher in ihren politischen Parteien — unb wenn es not ist, auch gegen sie — durch- setzen; sie müssen viel mehr als bisher aktiven Anteil am parlamentarischen Leben nehmen, vor allem an dem ber einzelnen Länber.
Die jetzigen Bestrebungen ber Regierung unb ber Reichstagsausschüsse, ben Finanzausgleich zu ungunften ber beutschen Gemeinden umzugestalten, lenken ben Blick auf bie Bedrohung ber städtischen finanziellen Selbstänbigkeit burch das jetzigeSteuer- unb Finanzsystem überhaupt. Eine gesicherte, auf eigener Verantwortung beruhenbe Finanzwinfchaft ber deutschen Städte ist A unb O jeber Selbstverwaltung. Das jetzige Ueberweisungssystem, wo Zehntausende beutscher Gemeinben zentral aus der großen Reichskrippe gefüttert werben, ist aus bie Dauer unhaltbar; dieses System bedars ber Aenbe- rung von Grunb auf. Es muß nun enblich ein Neubau ber öffentlichen Finanzen aufgerichtet wer- ben ,in bem Reich,Länber unb Gemeinben jebes eine eigene, felbftänbige Wohnung bekommt, worin sie einen selbstänbigen, gesicherten unb georbneten Haushalt unter eigener Verantwortung führen können. Die beutschen Gemeinden können unb wollen nicht länger als simple Kostgänger bes Reiches von ben Brosamen leben, bie von des Reiches Tische fallen, unb Reichskanzler Dr. Luther hat selbst einmal gesagt — freilich war er barnals noch Oberbürgermeister von Essen —: Wir (b. h. bie beutschen Städte) müssen dazu kommen, daß unser Verhältnis zu Reich unb Staat auf feste georbneie Grunb- lage gestellt wird.
Jetzt ist es Zeit, baß bie aus ber Not ber Inflationsjahre übernommenen unsystematischen, zum Teil sogar zweckwibrigen Steuer- unb Finanzgesetze bes Reichs burch eine planmäßige Neuorbnung ber Steuer- unb Finanzwirtschaft abgelöst werben. Dabei müssen zwei Hauptpunkte maßgebend fein: Ginmai einfachere unb wirtschaftlichere Gestaltung ber Steuern unb zum andern klare unb organische Abgrenzung ber Steuergebiete zwischen Reich, Län- " bem unb Gemeinben. Es muß auch ber jetzt in verstärktem Grabe brohenben Bevormunbung ber beutschen Gemeinben auf finanziellem Gebiete porge- beugt werben. Gewiß ist eine Staatsaufsicht in gewissen Grenzen notroenbig, benn bie Gemeinben sink) organische Bestandteile einer höheren Gemein- schastsorbnung, eben des Staates, ber seinerseits an ber gesetzmäßigen Hanbhabung ber Selbstverwaltung ein vitales Interesse hat. Allein bie Staats- bureaufratie bars nicht in eine Gängelei unb Be- Dormunbung ausfallen, bie jebe freie Entwicklung unterbinbet. Der Schöpfer ber beutschen Stäbte- Selbstverwaltung, Freiherr vom Stein, hat hierzu treffenb einmal geäußert. „Zutrauen oerebelt ben Menschen, ewige Vormundschaft hemmt sein Reifen."
Deutsche Selbstverwaltung ist ber Ausgangspunkt schaffender Kräfte gewesen für Volk unb Staat, ja, man barf ohne Uebertjebung sagen: Die beutschen Stäbte finb bie stärksten Träger ber (ul- tureüen, wirtschastlichen unb sozialen Entwicklung bes beutschen Volkes gewesen. Der Zusammenbruch 1918 traf auf ein beutsches Stäbteroefen, bas noch soeben bie gewaltigen neuen Aufgaben ber Kriegs- zeit fast (pielenb erledigt hatte. Es muß also auch gelten: Bahn frei für die Selbstverwaltung ber deutschen Stäbte.
Deutschöfterreichs Wirtschastssorgen.
Don Vizekanzler Dr. Leopolb Waber.
Deutschösterreich ist es in ben letzten drei Jahren unter ben größten Opfern ber Bevölkerung gelungen, die Währung zu stabilisieren und die staatsfinanzielle Ordnung wieder herzustellen. Damit im Zusammenhänge sind auch im Innern Reform- maßnahmen in ber Verwaltung burchgefühtt worden, die dem Staatsbudget wesentliche Ersparnisse bringen werden. Diesem Erfolge auf der staats- wirtschaftlichen Seite steht allerdings das Problem
ber wirtschaftlichen Lage Oesterreichs wird zu bem Ergebnis sühren, baß eine W i e b e r a u i r i ch » t u n g ber österreichischen Wirtschaft nur im Rahmen eines größeren Wirt- fchastsgebieies möglich ist. Altöfterrreich mit feinem großen einheitlichen Wittfkhaftsgebiet ist endgültig erlebigt. Die naiiirliche Winjchaftentwick- lang, bie sich immer als stärker erweist als politische Konzeptionen, bie von einem allzu engen Gesichtskreis ausgehen, wirb zu einer flonfohbierung Mitteleuropas fuhren, bie dem beftehenben Bevol- kcrungsoerhältnis entspricht unb die zu verhinbern keiner ber Nachfolgestaaten in ber Lage fein wirb. Auch bie große Entente wirb sich biefer Entwicklung auf die Dauer nicht cnigegenfteUen, weil bas Interesse ihrer eigenen Bevölkerung unb Wirtschaft allzusehr an biefer mitteleuropäischen Wirtschaft beteiligt ist. Die Zeit wirb auch ein Abflauen ber gegen bas deutsche Volk gerichteten Strömung bringen unb baburd) freie Bahn schassen für eine gesunde politische Entwicklung. Dann wirb auch ber Zeitpunkt kommen, in bem bas Selbstbestimmungsrecht Oesterreichs verwirklicht werben kann.
Krofdorf—Gießen.
Die Erschließung
der verkehrsarmen Gebiete.
£ In Krofdorf fand am Mittwoch abend eine von dem dortigen Bürgermeister Drock- mcier einberufene öffentliche Bürger- Versammlung statt, die sich mit den De r- kehrswünschcn und Verkehrsnöten des gesamten Krofdorser Gebiet-beschäftigte. Die Versammlung fand im Freundschen Saale statt und war aus allen Schichten der Bevölkerung sehr stark besucht.
3n seinem einleitenden Vortrag ging Bürgermeister Drockmeier eingehend auf die gesamte Materie ein, die er in zwei Teile gliederte, in die Verbesserung bestehender Verkehrsmittel und in die Schaffung einer st ä n d i g e n Verbindung mit Gieße n. Beide seien für das gesamte öffentliche Leben des Gebiets von gleich hoher Bedeutung. 3m ersten Teil seines Vortrags führte der Redner auS, daß die Verhältnisse auf der hier vorbeifahrenden Bahnlinie Lollar-Wehlar einfach unhaltbar sind. Auf die Bedürfnisse der Bevölkerung wird hierbei überhaupt keine Rücksicht mehr genommen. Der Sonntagsverkehr ist ganz eingestellt, während der Verkehr an den Wochentagen fast lahmgelegt ist. Anschlüsse an weitere Züge sind durchweg crst nach l1/,- bis 2stündigem Warten auf den Anschlußstationen zu erreichen. Sogar der Arbeiterverkehr in den frühen Morgenstunden leidet an demselben Mangel. Ganz unhaltbar sind diese Zustände geworden, seitdem die feit&cnge Reichsbahn in eine selbständige Reichsbahngesellschaft umgewandelt wurde und angewiesen lft. große Ueberschüsse als Reparationssummen abzuführen. Alle seither unternommenen Schritte zur Verkehrsverbesserung waren vergeblich. Em Antrag. der auf eine Verbesserung der Fahrgelegenheiten abzielte, wurde von der Sisenbahndirettion Frankfurt glatt abgelehnt. Daraufhin wurden die in Frage kommenden Handelskammern, Gewerbekammern, Gewerkschaften, der Reichsland- bund. die anliegenden Bürgermeistereien hie Reichs- und Landtagsabgeordneten für die Angelegenheit interessiert. Sm weiterer Antrag, wenigstens eine Kommission auS Krofdorf zwecks Entgegennahme der dringendsten Wünsche zu empfangen, wurde ebenfalls abgelehnt. Seit kurzem ist insofern eine Besserung eingetreten, als es durch Dorstelligwerden eines LandtagSabgeord- neten beim zuständigen Ministerium gelang, durch diese Stelle bei der Direktion in Frankfurt darauf himuwirken, die gesamten Wünsche nicht schematisch abzulehnen, sondern sie wenigsten- zu prüfen. Nach einem neuerlich eingetroffenen Schrriben auS Frankfurt ist man dort zur Entgegennahme der Beschwerden bereit. - wenn die erforderlichen Erhebungen abgeschlossen sind. Es ist zu hoffen, daß diese Erhebungen nicht zu umfanareich und langwierig werden. Das zweite Problem, das Krofdorf und Nachbarschaft ganz besonders am Herzen liegt, ist die Schaffung einer Cßer- bindu ng mit Gießen. Die Stadt kann letzt nur zu Fuh erreicht werden. Bei schlechtem Wetter ist dies eine ganz beschwerliche Reise, ab-
Gabby saß eine Weile still und versuchte, die zerbrochenen Stücke des Schirmftockes anein-


