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m. 142 Zweites Blatt
Der „Todespakt".
Cs tft ein englisches Blatt, das dieses Wort Dom Tvdespakt geprägt und damit den französischen Wünschen, die sich hinter der Antwortnote verberg.n. den treffenden Ausdruck gegeben aat. Don einer Gottcsgeihel spricht der „Daily Expreß", von einem Kricgspalt. dec den Tod aller teilt Er warnt vor dem französischen Sirenengesang und verlangt von den englis chen E.tern ein wirksames Veto, damit sie nicht ihre Kinder elbsi auf die Schlachtbank schicken Das ist eine kräftige, aber auch vielleicht notwendige Sprache, die vvr allen Dingen zeigt, bah Mr Chamberlain nicht alle Engländer hinter sich hat bei der Politik mit doppeltem Boden, die er in Genf eingeleitet hat. Denn auch die einflußreiche .Westminster Gazette" fonupt zu dem Ergebnis, dah England den Franzosen niemals drs Durchmarschrecht durch das Rheinland gewähren kann Herr Driand hat also das Spiel noch keineswegs gewonnen. und nachdem wir einmal die ganze Frage angeschnitten haben, wäre es töricht, wenn wir ohne writeres die Flinte ins Korn werfen sollten. Für uns bleibt dabei allerdings der Ausgangspunkt immer der, dah wir eine Entlast unq im Westen suchen, um den Franzosen über die Angst- Psychose hinwegzuhelfen, die sie heute angeblich nicht los werden können. Wir stehen zu den Verpflichtungen. die *pir — leider! — in Der- loilles übernommen haben, aber wir gehen nicht einen Schritt darüber hinaus und lehnen jeden Versuch der Franzosen ab, auf dem älmwege über den Sicherheitspakt die Forderungen durchzu- fetzen. für die sie unmittelbar nach dem Kriege im Rat der Entente keine Mehrheit fanden.
Die Antwort der französischen Regierung, wie sie jetzt vorliegt, macht zunächst einen relativ harmlosen Eindruck, weil sie absichtlich von Juristen für Juristen geschrieben ist und innerhalb dieser juristischen Konstruktionen sehr weitgehende politische Forderungen durchdrücken will. Das französische System der militärischen Dor- Herrschaft über Europa verlangt, das; Polen und die Ächechoslowakei dauernd auf . dem Posten lind, damit sie gewissermaßen Feldgendarmdienste für ihren westlichen Bundesgenossen tun müssen. Sollen sie das aber tun, dann glauben sie der Rückendeckung bei dGN französischen Millionenheer nicht en traten zu können, und gerade deshalb legt Frankr ich entscheidendes Gewicht darauf, bei jeder b',f ■ :ci Gelegenheit, auch bei einem russ sch-polnisch' i Krieg, Deutschland als Etappengebiet für fi > beanspruchen zu können. Gerade deshalb drückt Frankreich auch darauf, dah ein Einmarsch nach Deutschland auf Grund angeblicher Verfehlungen aus dem Der- lailler Dertrage kein E nmarsch in völkerbunds- rschtlichem Sinne sei. Dann hat es alles, was cs braucht, dann könnte es jederzeit eine der beliebten „Verfehlungen" konstruieren und die Ruhc- besetzung toiebcrhelen, vielleicht sogar nach Berlin ausdehnen. Die Engländer würden sich dann damit begnügen, von ihren Kronjuristen ein Gutachten ausarbeiten zu lassen, worin diese Besetzung rechtswidrig genannt wird, ohne aber daraus jrgendwe.'chKonsequenzen zu ziehen.
Müssen wir nachdrücklich noch sagen, daß wir eine derartige Kombination ablehnen? Die Engländer haben das vorher gewußt und wissen es beute. Als Deutschland mit seinem ersten Vorschlag im Dezember hervortrat, tat es damit der englischen Regierung einen großen Gefallen, denn cs half ihr aus der europäischen Sackgasse heraus, in die sie sich sestgerannt hatte. Davon ist heute feine Rede mehr, in der Politik gibt es nun einmal keine Dankbarkeit, die wir auch nicht verlangen. Aber trotzdem ist der Ausgang des deutschen Sicherheitsangebots entscheidend für die ganze künftige europäische Politik. England hat in Versailles es verstanden, einen großen Teil seiner Forderungen durchzusehen, es hat die deutsche Flotte verschwinden lassen, hat sich in unseren .Handelsschiffen und an unteren Kolonien Jatt- gegessen, es hat trotzdem den Krieg nicht gewonnen. Der militärische Gewinner ist Frankreich qetoeicn, das auch heute noch stark genug ist, um leinen Willen auch den Engländern diktieren zu können, weck England kurzsichtig genug war, das deutsche Heer entwaffnen zu Iaffen. Was tetr nachher erlebt haben, waren eigentlich alles nur Versuche der Engländer, den schweren Fehler wieder gutzumachen, den sie in Versailles begingen. Sie waren zuletzt zu dem Ergebnis gekommen, daß sie nur mit amerikanischer ilntcr- flÜbung auf dem älmwege über den Finanzmarkt Frankreich klein bekommen könnten, weil das Vierzig-Milli rmen-Volk der Franzosen doch nicht stark genug ist. um auf die Dauer seine militärische Vormachtstellung geldlich untermauern zu können. Das ist die einzige Hoffnung auf eine Besserung der Atmosphäre, die England hat, und die auch wir haben. Die Engländer glauben »Dar, Laß ihnen als letzte Rettung der Rückzug dont Kontinent bliebe. Sie werden sich irren. Dazu ist ihre Wirtschaft viel zu eng mit dem übrigen Europa verflochten. Deswegen erwarten wir immer noch, daß sie trotz der französischen OiDte, die ja auch die Zustimmung ihrer Regie- rung gefunden hat, ebenso tote die der Polen und Tschechen, alle Hebel in Bewegung setzen werden, -im auf einer Konferenz die Giftzähne aus der iranzöstschen Politik herauszubrechen, die für Deutschland den Abschluß eines auf Gegenfeit g- leit und Anerkennung der deutschen Hoheits- rcchte beruhenden Sicherheitsvertrages tragbar mcchen.
Delle Alliance.
Eine zeitgemäße Erinnerung.
Von Hans Arthur v. Kemnitz, Kais. Gesandter z-D.. M.d.R.
Am 18. Juni sind 110 Jahre vergangen, seitdem )ei Belle Alliance oder, wie die Engländer sagen, Vaterloo, preußische und englische Truppen die Ilacht des korsischen Eroberers endgültig brachen. !s ist lange her, wird mancher sagen, und so sagte -uch ich zu meinem englischen Begleiter, mit dem ich Mi Jahre vor dem Kriege das englische Parla- nentsgebäude besichtigte, als wir vor dem bekannten jrestogemälbe angenommen waren, das Blüchers iiü> Wellingtons Begegnung am Abend der Schlacht SarfteUt. Angesichts der politischen Spannung, die hon damals zwischen Deutschland und England strrschte, hatte ich es absichtlich vermieden, mit mei- letn Begleiter über Politik zu sprechen. Aber angesichts dieses Bildes konnte ich mich doch nicht enteilten, zu ihm zu sagen: „Es ist lange her." Und Jas antwortete der Engländer, der, nebenher be
Siebener Anzeiger (Generat-Anzeiger für Gderheffen)
merkt, em Privatmann und kein Politiker war? Er antwortete Es ist deshalb schon lange her, weil wir glauben, daß Ihr jetzt so etwas wie ein neuer Napoleon sein wollt." Natürlich bemühte ich mich, ihm das Irrtümliche seiner Auffassung klar zu machen, ober es war vergeblich. Der englische poli- tische Jnstinli hatte sich bereits von neuem gegen die stärtstc Festlandmacht orientiert, die nun nicht mehr Frankreich, sondern Deutschland hieß.
Diese fecen die stärkste Macht auf dem europäischen Festland gerichtete Politik ist für England zwangsläufig gegeben, und es ist ein Trost für uns, daß dem so ist Dem; |o wie vor über 1 Kl Jahren England sich gegen Frankreich wandte, um bann in unserem Jahrhundert zunächst gegen Deutschland Front zu wachen, so nu ß mit mathematischer Notwendigkeit der Tag temmen, an dem es von neuem g-'ßen Frankreich einst'.,wenkt. Gegen Frankreich, das, wie zur Zeit des Korsen, wieder übermächtig gemorfceii ist, während Deutschland ohnmächtig am Boden liegt
Im Augenblick sehen wir allerdings von solchem Einschwenken noch wenig. Wir haben soeben von unseren Kriegsgegnern eine Note erhalten, die auch Englands Unterfchrift trägt, und in der eine Reihe von zum Teil jedenfalls unerfüllbaren Forderungen gestellt werden, deren „getreuliche" Erfüllung die Voraussetzung der Räumung der Kölner Zone bilden soll. Und Minister des Aeußern ist Herr Austen Ehamberlain, der die ihm nachgesagte Franzosenfreundlichkeit dadurch betätigte, daß er anfänglich nicht abgeneigt schien, dem alten französischen Wunsch zu willfahren und das gegen Deutschland gerichtete Kriegsbündnis mit Frankreich in defensiver Form zu erneuern. Die Mehrheit des englischen Kabinetts Hal eine solche Politik verworfen, aber auch der doppelseitige Sicherheitspakt, über den verhandelt wird, soll Englands ganze Wehrmacht für die 23er- teibigung der neuen Ostgrenze Frankreichs und Belgiens zur Verfügung stellen und die Entmilitarisierung des Rheinlandes dauernd sichern. Nicht nur Frankreich, sondern auch England sieht immer noch ein Interesse in der Aufrechterhaltung einer gemeinsamen Verteidigungslinie am Rhein. Das Glacis der englischen Festung, das einst nur Belgien bildete, bleibt auf bas Rheinland ausgedehnt.
Worin ist der Grund hierfür zu suchen? Wie kommt es, daß nicht nur das hysterische Frankreich, sondern auch das kaltblütige Albion noch immer deutsche Gefahren wittert, und daß England nicht begreift, daß die französische Gefahr am Kanal hun- benmal größer ist als die angebliche deutsche Gefahr am Rhein? Offenbar, weil es immer noch nicht gelungen ist, den Engländern klar zu machen, daß ein wieberecwachenbes und wiedererstarkendes Deutschland überhaupt gar nicht daran denken kann, sich wieder gegen England zu wenden. Gewiß ist England mit seiner Politik des Handelsneides, der planmäßigen Einkreisung und skrupellosen Verhetzung einer der Hauptschuldigen des Weltkrieges, und es wäre zu verstehen, wenn die zu nationalem Empfinden wieder befähigte deutsche Volksseele nicht nur mit französischer Gemeinheit und Raserei, sondern auch mit englischer Falschheit und kühler Vernichtungsabsicht Abrechnung zu hasten wünschte. Wer niemand in Deutschland ist so töricht, nicht zu roiffen, daß ein Rachekrieg gegen die vereinigten Westmächte eine Tat des Wahnsinns märe, und daß, weil mit Frankreich eine ehrliche Verständigung niemals möglich ist, und gar nichts anderes übrig bleibt, als uns mit England zu stellen. Die durch den Vertrag von Rapallo vollzogene deutsch-russische Annäherung war ohne Zweifel nützlich und nötig; solange aber die Sowjets in Rußland regieren, wird dieses Land allein uns niemals eine ausreichende Stütze sein können. Und da Italien von altersher im Fahrwasser Englands segelt, und die Vereinigten Staaten sich nur noch wirtschaftlich in Europa betätigen wollen, so kann das einfachste Gemüt sich an den Fingern einer Hand abzählen, daß England die einzige Möglichkeit für uns bedeutet. Und weil dem |u ist, und weil es immerhin noch ehrenvoller ist, englischer Landsoldat als französischer Sklave zu fein, so sollten wir den Engländern mit größerer Deustichkeit sagen, daß wir auch nicht im Traume mehr daran halfen, die englische Seeherrschaft beherrschen zu wollen, sondern bah unser einziges real- politisches Ziel nur darin bestehen kann, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das bis zur Stunde Deutschland vorenthasten wird, auch zu unseren Gunsten durchzusetzen und ein national geeinigter, souveräner Festlandstaat zu werden. Gewiß, eine Handelsflotte müssen wir wieder aufbauen, sonst können wir wirtschaftlich nicht leben und auch keine Kriegsentschädigung zahlen. Das muß auch England ei'.sehcn, und es sieht es ein. Aber die Polizei auf dem Weltmeer, das unsere Handelsschiffe befahren, die müßen wir, ob wir wollen ober nicht, ebenso wie zu Bismarcks Zeiten wieder in die Hände Englands legen Nicht das Deutschland Wilhelms II. wieder au^urichten, kann das Ziel sein, sondern das Deutschland Bismarcks und Kaiser Wilhelms des Großen.
Tas güt es den Engländern klar zü machen, und dann wirb sich sehr bald der Augenblick ergeben, wo auch öer rechte Flügel der englischen Konserva- tuen, der heute noch deutschfeindlich gesinnt ist, seine Gedanken fallen lassen wirb, zur alten, gegen bie stärkste Festlandmacht gerichteten englischen Polistk zurückzukehren und die Wiedererstarkung Deutsch- lands in jeder Weise zu fördern, damit bas nötige Gegengewicht gegen Frankreich wieberhergestellt wird. Es gibt kein anderes Mistel für uns, um roifber fre» zu werden, und es gibt fein anderes Mittel für England, um sich vor Frankreich zu schützen. Ueberail in der Welt stört Frankreich die englischen Kreise. Nur durch den Kanal werden die britischen Inseln von der stärksten Militärmacht der Jetztzeit getrennt, und, was die Hauptsache ist, diese stärkste Militärmacht ist in der Lust allen anderen Ländern, und insbesondere England um ein Vielfaches überlegen. Das Aermelmeer wird von Flug- zeugen ebenso überflogen wie festes Land, und so haste Herr, Chamberlain völlig recht, wenn er vor einigen Monaten im englischen Unterhause sagte, baß England keine Insel mehr ist. Die weittragenden französischen Geschütze, die am Kap Gris Nez eingebaut sind, können London unter Feuer nehmen, und wie ganz anders würbe ein auf bie langgestreckten Küsten Frankreichs gestützter U-Boot-Krieg wir- ken als der, den wir einst aus der engen und leicht zu sperrenden deutschen Bucht heraus führen mußten. Nimmt man dazu bann noch bie englandfeindliche beinahe im französischen Machtbereich gelegene irische Republik, so muß man sagen: Lauter akute Lebensgefahren für das Herz des englischen Weltreiches."
Diese englische Schwäche in Verbindung mit bei törichten Angst vor deutschen Racheplänen ist der Hauptgrund, warum wir England in deutschen Dingen Frankreich gegenüber immer wieder nach
geb-m sehen Gelingt es uns, diese Angst zu beseitigen, so ;nl'ß die verbleibende Schwäche dazu fuhren, daß England uns in seinem ureigensten J-ueresse die Hand zur Wiedererstarknng bietet, damit Frankreich roifber einen Nachbarn erhält, der ihm ein Paroli zu bieten imstande ist.
Der Gießener Haushalts-Voranschlag für 1925 II.
Dem Schulwesen wird in der neuen HaushaUsrechnung ebenfalls weitgehende 5öri>e- rang zuteil. So sind z. B. für die V o l k s - und Fortbildungsschule. Stadtschulamt und Horte 186 220,08 Mk. gegenüber dem Vorjahr 73 234,80 Mk., also mehr 112 935,28 Mk. vorgesehen. Der Zuschuß aus der Stadtkasse ist für das neue Wirtschaftsjahr auf 178 052 Mk. veranschlagt. In der stark angewachsenen Ausgabeziffer sind vor allem erhebliche Beträge für bauliche Erneuerungen vorhanden. Daß diese Ausgaben geleistet werden müssen, steht für die Kenner der Verhältnisse außer allem Zweifel. Weiter sieht man in dieser Rechnung die ersten Zinsraten für die zu den Volks- und Fortbildungsschulbauten aufzunehmenden Kapitalien eingesetzt. Die Dermögensrechnung weist im Kapitel 72, Erbauung gern einheitlicher Gebäude, die Summe von 650 000 Mk. aus, die als erster Teilbetrag zur Herstellung von Schulraum für die Volks- bzw. Fortbildungsschule beschafft werden soll. Wenn diese Geldoperation, für die ja nur der Anleihemarkt in Betracht kommen kann, abgeschlossen ist, dürfte wohl der Inangriffnahme des Schulhausneubaues nichts mehr im Wege stehen. Die dringende Rotwendigkeit dieses Baues, die schon seit einer Reihe von Jahren gegeben ist, kann von niemand bezweifelt werden, der unseren Schulhausverhältnissen auch nur gelegentliche Aufmerksamkeit schenkte. Hoffentlich gelingt es, mit der Verwirklichung dieses Bauvorhabens rasch und großzügig vorauzukommen, damit die jetzigen mißlichen Zustände baldigst beseitigt werden können. In der Doranschlagsberechnung des Lyzeums und der erweiterten Mädchenschule ist besonders bemerkenswert, daß das Schulgeld, berechnet nach der Schülerzahl am 15. Mai 1924, jetzt 110 328 Mk. bringen soll gegenüber 56 100 Mk. im Vorjahr; an jenem Tage zählte man in der Höheren Mädchenschule 696, in der Erweiterten Mädchenschule 83 Schülerinnen. Das Hinaufklettern der Schulgeldveranschlagung zeigt, wie stark der Staat mit seiner Schulge ldf estsetzung den Dogen angespannt hat. Bedenkt man, daß diese Bildungsstätten in sehr starkem Maße von den Kindern des wirtschaftlich schwer ringenden Mittelstandes und von den Kindern kleiner Beamter usw. besucht wird — durchweg wohl nicht aus Dünkel, sondern aus der Erwägung, dah diese Kreise ihren Kindern als Lebensmitgift nur eine gute Schulbildung mitgeben können — so muh man auch heute wieder sagen, dah Hessen mit seinem notorisch höchsten Schulgeld im ganzen Deutschen Reiche die unsozialste und mittelstandsfeindlichste Schulgeldpolitik betreibt. Der Staatszuschuh zum Lyzeum beziffert sich auf 27 627 Mk., der Zuschuß der Stadtkasse auf 39 567,56 Mk. Recht interessant ist der Voranschlag der Studienanstalt i. E. (Obersekunda). Die Ausgaben werden mit 6072 Mk. ausgewiesen, die durch 1800 Mk. Schulgeld und 4272 Mk. Zuschuß aus der Stadtkasse gedeckt werden sollen. Für das Jahr 1925 trägt unsere Stadt zunächst die Zuschuhlasten allein. Man muß aber erneut an den Staat die Forderung stellen, daß auch er zu dieser Anstalt seinen Geldanteil beisteuert. Das ist einmal erforderlich vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus. denn ebenso toie Darmstadt und Mainz für ihre Studienanstalten vom Staate Hilfe erhalten, muh der Hauptstadt der Provinz Oberhessen das gleiche gewährt werden; und zum andern ist die staatliche Beihilfe auch unerläßlich von dem Gesichtspunkt aus, dah ja die Segnungen dieses Instituts nicht nur in Gießen allein, sondern zum Besten der Gesamtheit unseres Volkes auch über unsere Stadtgrenzen hinaus wirksam werden. Für daS Gymnasium, Realgymnasium und O b e r r e a l sch u l e mit 145 820 Mk. Zuschuß gegenüber 90 698 Mk. im Vorjahre muh die Stadt 55 122 Mk. im neuen Jahre mehr leisten. Interessant sind einige Angaben über die Schülerzahlen; im Gymnasium zählte man am 15. Mai v. Js. 209 Schuler, davon 159 Einheimische — 76 Proz., der Beitrag der Stabt zu den ungedeckten persönlichen Ausgaben beträgt hiernach 45 Proz.; im Realgymnasium waren es am gleichen Tage 369 Schüler. davon 243 Einheimische ----- 66 Proz., der Beitrag der Stadt zu den ungedeckten persönlichen Ausgaben beträgt hiernach 40 Proz.; in der Oberrealschule betrag die Schülerzahl ebenfalls am 15. Mai v. Js. 816, davon 450 Einheimische — 55,1 Proz., der Beitrag der Stadt zu den ungedeckten persönlichen Ausgaben beträgt hier also 35 Proz.
Für die Wiederaufnahme des Zinsendienstes der städtischen Anleihen sind rd. 100 000 Mk. eingestellt. Recht ansehnliche Beträge sind auch in den Voranschlägen der Betriebe für den Kapitalzinsendienst unb für Schuldentilgung vorgesehen. Rechnet man alle diese Beträge zusammen, so erhält man rund 200 000 Mk. für den Zinsendienst. Hnö dieser Aufwand dürfte wohl auch notwendig fein. Rach unseren Ermittlungen beläuft sich die städtische Anleiheschuld heute noch auf etwa 20 Millionen Reichsmark. Rechnet man mit einer 25 bis 30prozentigen Aufwertung, so kommt man auf ein zu verzinsendes Schuldkapital von 5 bis 6 Millionen, dessen Zinsendienst, zu 4 Proz. gerechnet, 200 000 bis 300 000 Mk. erfordern würde. Die Bereitstellungen des Voranschlags dürsten also voraussichtlich den ersten Erfordernissen im großen und ganzen genügen.
Einen recht energischen Anlauf zur Bewältigung dringender Aufgaben der Stabterweite- rang bzw. baulichen Vervollkommnung offenbart die Dermögensrechnung. Wir haben bei der Betrachtung ber Schulerforbemisse schon darauf hingewiesen. daß ein erster Teilbetrag von 650000 Mark für den Schulhausbau tn ber Dermögensrechnung angeforbert wird. Weiter werben in dem Titel , Erbauung gemeinheitlicher Gebäude" 50 000 Mk. für bie Errichtung ber Feuerbestattungsanlage auf dem Reuen Friebhof verlangt unb bamit b|e Durchführung eines Ge- bankens in bie Wege geleitet, ber schon lange unb immer mit Recht in den Vordergrund ber
Samstag, 20. Juni 1925
zu erfüllenden kommunalen Zukunftsaufgaben gerückt wurde. Zur Förderung des Wohnungsbaues sind wieder 300 000 Mk. vorgesehen. Die Verwaltung erwartet für Woh- nungsbauzteecke eine Einnahme von 100 000 Mk. aus der Eondersteuer, mithin ist lic bereit, aus den übrigen Mitteln der Stadt 200 000 Mk. zuzu- schießen. Gemessen an dem Wohnungsbedarf, ist bie Summe von 300 000 Mk. freilich nicht allzu groß. Aber man darf hoch nicht übersehen, daß bie umfaffenbe Wohnungsproduktion gar nicht Ausgabe einer Stabtverwaltung ist, baß bie Stabt höchstens rcgulicrcnb auf ben Wohnungsmarkt eintoirfen soll, die eigentl che Produktion dagegen der privaten Bautätigkeit obliegt. Wenn man den Wohnungsbau-Titel des Voranschlags unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, wird man nicht umhin können, ber Stabtverwaltung für bie erneute Bekundung ihres starken Interesses an der Lösung ber Wohnungsfrage Anerkennung auszcH) rechen. Für Straßenbauten unb Strahenbefestigungen sind insgesamt 240 500 Mk. als Ausgabe vorgesehen, gegen 62 500 im Vorjahre. Man muß anerkennen, daß hier ein kräftiger Schritt vorwärts getan werben soll, namentlich auch hinsichtlich der Reubefesti-- gung von Straßen, für bie allein 100 000 Mk. aus- geworfen sind, während im Vorjahre hierfür nichts bereitgestellt war. In der Gesamtheit betrachtet und mit ben vielen, vielen Rotteendigkeiten verglichen muß jedoch gesagt werben, daß auch die runde Viertelmillion noch zu gering ist zur Bewältigung ber dringlichen Ausgaben. Es kann freilich nicht alles, was in einer langen Reihe von Jahren zwangsläufig versäumt werden mußte, in einem einzigen Jahre nachgeholt werden, aber wir meinen, man hätte gut unb gern doch mindestens eine halbe Million für Straßenbauten unb -befeftlgungcn vorsehen sollen. Ramentlich hinsichtlich der Daulanderschliehung liegt bei uns bekanntlich noch sehr viel im argen. Daß hierfür noch wert größere Mittel, als heute verlangt, auszubringen sein werden, dürfte wohl niemand zweifelhaft fein, sicherlich am wenigsten der Stadtverwaltung. Zur guten Vorsorge für Die Zukunft muh man bie an unb für sich recht lobenswerte Zugeknöpftheit im Bewilligen, die namentlich in Stadtverorbnetenkreifen besonders beliebt ist, hinsichtlich ber Daulanbbereitung mehr als bisher aufgeben, denn eine kräftige Aufwärts- bewegung in ber Entwicklung unserer Stabt ist nur bann möglich, wenn in großzügiger Weise Mittel bereitgestellt werben. Zu b esem Zweck muß man sich unter ilmftänben vorübergehrnb auch zu Maßnahmen verstehen, bie vielleicht bei manchem Steuerzahler wenig oder gar keinen Beifall finben, bie aber doch m ihrer Auswirkung weit ivichtiger unb bebeutungsvoller sind als Jnterefsen. bie sich nur auf das Heute richten. Mit diesen Gedanlengängen kommen wir zu dem außerordentlich wichtigen Steuerkapitel. das wir in den nächsten Tagen in einem Schlußartikel einer Betrachtung unterziehen werden.
Aus der Provinz.
Landkreis Gießen. '
al. Aklendorf (Lahn), 17. Juni Am Sonntag kehrte unser Gesangverein ^Einheit" vom Gesangswettstreit in Großen-Linden preisgekrönt zurück. Unter Leitung seines tüchtigen und hochgeschätzten Dirigenten Heinrich Köhler konnte der Verein in ber 3. Landklasse einen 1. Preis unb einen Ehrenpreis erringen, sowie ben Hauptehrenpreis aller ßanbfiaffen mit nach Hause bringen. Dieser selten schöne Erfolg legt Zeugnis ab von ber SangeSfreublgfeit in unserem Kleebachtal-Dörfchen.
Kreis Friedberg.
Sf. Friedberg, 18. Juni. Die heutige Stadtoerordnetensitzung war von besonderer Wichtigkeit, da sie sich mit dem st ä d t i s ch e n Voranschlag befaßte, der in diesem Jahr wegen der großen Anforderungen für Schulneubauten, Pflasterungen, Kanalisationen von besonderer Bedeutung ist. Das Haus war deshalb auch vollständig besetzt. Vor Eintritt in die Tagesordnung gab der Bürgermeister noch bekannt, daß Einladungen zu dem Auaustinerschultage am 20.Juni und zu dem * u r n f e ft e am 28. und 29. Juni eingelaufen finb. Der städtische Voranschlag, der den Stadtverordneten im Auszüge gedruckt vorlag, schließt in Einnahme und Ausaabe mit 2 600 000 Mark ab. Als besonders wichtiae Poften in der Ausgabe sind zu erwähnen je 400 000 Mark als e r st e Rate für Erbauung der Schillerschule (höheren Mädchenschule) und des Polytechnikums, 172 000 Mark für Pflasterung und Herstellung von Straßen, 75000 Mark für Herstellung erhöhter Fußsteige, 80 000 Mark für Kanalisation des südlichen Stadtteils, 25 000 Mk. für Errichtung eines Verkaufspavillons mit unterirdischer Be- bürfnisanftalt in ber süblichen Kaiferstraße, 25 000 Mark für Errichtung einer Friebyofsverwal- terwohnung mit Leichenwagenhalle auf dem Friebhofe. In ber Einnahme sind für Steuern 462 700 Mark vorgesehen. Der Bürgermeister verlas die einzelnen Posten des Voranschlags, über die sich bisweilen eine sehr lebhafte Debatte entspann, besonders wurde die Getränkesteuer, für die eine Einnahme von 30 000 Mark vorgesehen ist, von einer Seite des Hauses lebhaft bekämpft, und deshalb auch beschlossen, daß über diesen Posten getrennt abgestimmt werden soll. Nach mehrstündiger Verhandlung wurde bie Betriebsvermögensrechnung m i t 2 5 gegen 2 Stimmen angenommen, bie Getränke ft euer bei ber befonberen Abstimmung mit 14 gegen 13. Ein Antrag ber Kommunisten auf unentgeltliche Lieferung ber Lehrmittel an bie Dolksschüler würbe abgelehnt. Der Bürgermeister teilte noch mit, bah bie Beschaffung bes benötigten Baukapitals für bie Schulen auf fast unüberwinbliche Schwierig«
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