Ausgabe 
20.5.1925
 
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Die neue Zollvorlage solle vor allen Dingen die Möglichleit geben, in ben Handelsver- trogsverhandlungen Weiler gU kommen. Die Lage unserer VolÄwirtsck>aft drücke sich in Der Passivität unserer Handelsbilanz aus. Das vorige Jahr habe eine passive Handelsbllanz von 2.5 M ll.arden ergeben. Sin Weg, aus der Passivität der Handelsbilanz herauszukommen, sei einmal die Eingliederung in die Weltwirtschaft und zum andern in ganz besonders starkem Maße die Kräftigung des inneren Marktes. Man habe bei den Erörterungen über die Zoll­vorlage oft gesagt, das sei eine reine Produ-- zcntenpvlitik. Das sei aber unrichtig. Was die Reichsregierung aber treiben wolle, das sei eine Prodük'ionsvolitik, und Prodnitionspolitik sei durchaus K o n s u m e n t c n p o l i t i k. Der ^m= Handelsgei ai.ke. vell durchgeseht, könne vielleicht einem großen System einen starken Impuls zur Entwicklung der Wirtschaft geben. Aber wenn isolierte einzelne Dinge Herausgenom,nen würden, so könne das zwar im ersten Augenblick für die Konsu,nenten eine Preisverbiluguirg dar­stellend wenn das aber gleichzeitig eine Störung oder Hemmung der Produltionspoli- 1 i t sei, dann nütze am Ende des Marktes das den Konsumenten auch nichts mehr. Die Lage sei heute in unserer Volkswirtschaft durch den Mangel an Konsumtionskraft da? Bevölkerung charakterisiert.

Die Produktionskraft bei der Landwirtschaft müsse gesteigert werden.

Dazu gebe es verschiedene Wege. Wege dazu seien z. D. die fortgeschrittene Technisierung oder Verbesserung der Saarguterzeugung. Alle diese Dinge kosteten Geld. Diese Aufwendungen wür­den in der VollswiNschaft nur gemacht, wenn eine gewisse Sicherheit der Preisge st a l t u n g vorhanden sei. Vun sei die Unsicherheit in der Preisgestaltung, wie sie sich in den Getreide- Preisen in den letzten Monaten in geradezu typi­scher Weise ausgewirft habe, in sehr starkem Matze durch die Weltnrarltpreisgesraltuna des Getreides bedingt . Wenn nun der Zollschutz dahin wirke, dah eine gewisse Sicherheit der Preisgestaltung immerhin gegeben sei, so könne die Landwirtschaft ein viel größerer Verbraucher von industriellen Erzeugnissen als sonst werden. Wenn dann die Industrie mehr zu tun habe, trete dabei noch eine ganz besondere Wirkung ein, auf die in Deutschland jetzt ein sehr starkes Gewicht gelegt werden müsse.

Es bestehe nämlich eine starke Ueber - schätzung des Handels. Das hange mit der Verarmung unserer Bevölkerung zusammen. 3c mehr die Produktion gesteigert werde, desto mehr seien die Möglichkeiten vorhanden, daß die Menschen, die heute innerhalb der Verteilung im Handel tätig seien, in die Produktion hineingingen. Das müsse auf der ganzen Linie preissenkend wirken. Sobald wir aber eine Preissenkung hätten, erhöhe sich die Kauf­kraft der Konsumenten, und damit erhöhe sich auch weiter feine Sparkraft. Durch die ge­steigerte Kapttalbildung werde das GÄd, das die Industrie und auch die Landwirtschaft be­nötige, billiger, und so werde die Steigerung des inneren Marktes einen Gesundungsvor­gang auf dem ganzen Gebiete der Wirtschaft herbeifuhren. Vach älcberzeugung der Reichsregierung werde diese Iollvorlage eine allmähliche Besserung herbeiführen. Der Plan sei von der ä1Ä>erzeugung getragen, daß auf diesem Wege die Produktionskraft im gongen gesteigert werde. Trete das ein, so sei der Zollschuh ein Mittel zur Gesundung unserer Volkswirtschaft.

Neue Verschleppung der Kontrollnote.

Paris, 20. Mai. (DTV. Funkspruch.) Die . Votschasterkouserenz hat ihre für Mittwoch geplante Sitzung vertagt, lieber die Gründe der "Ver­tagung der Botschafterkonferen) glaubtPetit Iournal" folgendes mittellen zu können: Die oor- gefchlagene englische Rote enthalte eine Spezi­fizierung der deutschen Verfehlun­gen, die in zwei Kategorien eingeteilt seien: in Verfehlungen ernsten Charakters und in solche ge­ringfügiger Art. Die franzöfische Regierung sei der Ansicht, daß diese Unterscheidung wenig be­friedige. man suche deshalb nach einem Cin- vernehmen aus etwas obaeänderler Grundlage. Die Alliierten würden danach darauf verzichten, die Verfehlungen zu katalogisieren und einen Enkwaff- nungskalender aufzustellen. Deutschland würde auf- gesorderl werden, sich nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages zu richten und die Konkroll- kommision in Berlin würde beauftragt werden, nach einer gewissen Zeit feslzustellen, ob eine Er­füllung der Forderungen erfolgt sei oder nicht.

Die Marokkokrifis.

Innere Schwierigkeiten des Kabinetts Painlevs.

Paris, 20. Mai (WTD. Funkspruch j. Gestern nachmittag hat unter dem Vorsitz des Minister-Präsidenten Painleve und in Anwesen­heit des Außenministers Dciand und des Finanz- Ministers Caillaux eine Besprechung stattge­funden, in deren Verlauf man sich mit den An- gelegenbeiien der Marokkofrage und mit drr Frage der interalliierten Schulden beschäftigte. Vach Beendigung dieser Besprechung hat Mi­mst erpräsident Painlevs der Presse eine Mittei­lung zugehen lassen, in der es u. a. heißt? In dem Augenblick, in dem das Kabinett Painlevö gebildet wurde, hätte Marschall Liautey schon Verstärkungen verlangt gehabt, um einer Offensive begegnen zu können. Diese Verstär­kungen seien durch das voraufgegan- gene Kabinett vorbereitet und durch das Kabinett Painlev-a abgesandt worden. Der Marschall sei nunmehr hinlänglich mit schwerer Artillerie Flugzeugen und anderen Waffen ver­sehen. Es handele i>) hierbei vor allem um keine koloniale Expansion. Alle kriegerischen Er­eignisse spielten sich in dem fanzö fischen Protektoratsgebiet ab und die Regle- rung habe keine anderen Ziele in Marokko, als einen sicheren Frieden herzustellen, der der Würde Frankreichs entspreche und im R ihm en der be­stehenden Verträge bleibe. Diese Politik werde von Marschall Liautey getreu verfolgt. Keine Regierung hätte anders handeln können, als die jetzige Die Regierung fordere von drr öfsent- lichen Meinung, sich nicht durch falsche Vachrichten beunruhigen zu lassen. Man möge den Truppen und ihrem Führer volles Vertrauen schenken

Trotz dieser Deruhigungsversuche entwickelt sich der Marokofeldzug zu einem inneren

Problem ersten Ranges. Es verlautet, daß nicht nur von den Kommunisten, sondern auch von den Sozialisten Interpellationen ein- gebracht wurden, in denen die völlige Räu­mung der Marokkozone verlangt wird. Ministerpräsident Painleve, der in seiner Eigenschaft als Kriegsminister di.' Interpellatio­nen zu beantworten hat. beabsichtigt, wie zu­verlässig verlautet, die Vertrauensfrage zu stellen. Man hÄt es für nicht ausgeschlossen, daß die Stellung des Kabinetts schwer erschüttert wird, oder dah sich nur eine geringe Mehrhett zu seinem Gunsten ergeben wird. Außerdem ist die Rede davon, daß der linke Flügel der Sozialisten gegen die Regierung stimmen wird.

England, Spanien und Marokko

London, 20. Mai. (I. 1L) Das politische Interesse Englands an den Vorgängen und Kämpfen in Marokko ist trotz der zur Schau getragenen Teil- nahmlosigkeit der englischen Presse, die offenbar nicht einmal Berichterstatter nach dem Kriegsschauplatz entsandt hat. sehr groß. Gerüchtweise verlautet, daß die letzten Kämpfe für die Franzosen alles andere als erfolgreich gewesen sind, und daß die militärischen Vorbereitungen Frankreichs weit umfassender sind, als die zensurierten Pressenachrichten erkennen ließen. Das Interesse der gesamten mohammedanischen Welt des nahen und mittleren Ostens ist ganz außerordentlich groß. Daß man in Spanien die Schwierigkeiten der Fran­zosen in Marokko mit einer gewissen Schadenfreude beurteilt, wird sogar in den englischen Blättern als pikante Einzelheit hervorgehoben. Diese Beobachtung ist nicht ohne politischen Beigeschmack. Frankreich kann einen wirtlichen durchgreifenden Erfolg in Marokko nur mit Hilfe Spaniens erzielen. Spanien hat aber durchaus kein Interesse an einem großen französischen Sieg in Marokko, weil dadurch die spanische Niederlage in Marokko zu sehr unter- ftrid;en werden würde. Es würde also eine Unter­stützung Frankreichs bssi feinem marokkanischen Aben­teuer für Spanien eine gegen das spanische Prestige gerichtete Aktion bedeuten. In England sieht man in dieser Sachlage den besten Schutz dec englischen Interessen, fo daß man der Notwendigkeit eines direkten Eingreifens einstweilen enthoben zu sein glaubt.

parlamentarisches aus Hessen.

Anträge der Deutschen Volkspartei

im Landtag.

Darmstadt, 18. Mai. Die Landtagsfrak­tion der Deutschen Volkspartei hat nachstehende Anfrage im Hess. Landtag eingebracht: Bei Ableben des Reichspräsidenten Ebert" fiel nicht nur der Schulunterricht am Beisehungs- tage aus. sondern es wurde außerdem in sämt­lichen hessischen Schulen eine Schulfeier an- geordnet. Wir fragen an. welche Gründe haben das Hessische Landesamt für das Bildungswesen bewogen, von Schulfeiern am Tage bei Einführung des neuen Reichspiäsi- benten von Hindenburg im Gegen­satz 5 u anderen Landern des Reiches abzusehen?

Die «Fraktion hat ferner die nachstehenden Anträge un Hess. Landtag eingebiadjt:

Wir beantragen, der Landtag wolle be­schließen, die Regierung zu ersuchen, die bringend notwendige bessere und gerechtere Be­soldung der hessischen Polizei, so­wohl der Schutzpolizei als auch der staatlichen Ortspolizei nach folgenden Grundsätzen durchzu­führen und dem Landtage alsbald eine ent- fprechende Gesetzesvorloge zu geben: I. Schutz­polizei: a) nach Avtauf der Ausbildungs­zeit Besoldung aus Gruppe 3 und 4 je zur Hälfte: während der Ausbildungszeit aus Gruppe 2; b) Polizeileulants aus Gruppe 7. Po­lizeioberleutnants aus Gruppe 8 und 9, Polizei­hauptleute aus Gruppe 10 und 11. II. Staat­liche Ortspolizei: a) Polizeiwachtmeister Besoldung aus Gruppe 5; für ältere Wacht­meister Aufstieg nach Gruppe 6. b) Kriminal- Wachtmeister aus Gruppe 6. c) Polizeioberwacht- meister, Kriminaloberwachtmeister, Polizeisekre- täre aus Gruppe 7. d) Polizeikommissäre aus Gruppe 8. e) Polizeiinspektoren aus Gruppe 9. f) Polizeiobeiinfpeltoren aus Gruppe 10. g) Po- lizeiräte aus Gruppe 11. III. Betr. Gendar­merie beantragen wir: a) sämtliche Ocnbarme» riewachtmeister in Besolbungsgruppe 6; b) sämt­liche Stationsführer in Besoldungsgruppe 7 unter Bewilligung der vor dem Kriege bezogenen Sta- tionssührerzulage in Höhe von 200 Mk.: c) sämt­liche Kreiskommissäre in Besoldungsgruppe 8 einzureihen.

Da die Klagen für die völlig unzureichende, den individuellen Fällen in keiner Weise Rech­nung tragende Handhabung der Fürsorge durch die Fürsorgeverbände nicht ver­stummen wollen, da ferner zahlreiches Material für die Annahme vorliegt, dah hinsichllich der Cßcrbfänbung des Mobiliars die Reichsgesetze von den Fürsorgeverbänden ebensowenig beobachtet werden, beantragen wir, der Landtag wolle bc= schlichen, die Regierung zu ersuchen: 1. dem Land­tag alsbald eine genaue Zusammenstellung sämt­licher hessischer D rorbnungen des Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft und sämtlicher Dienst­anweisungen dieses Ministeriums über die Klein­rentnerfürsorge vorzulegen.' 2. dem Landtag als­bald eine genaue Zusammenstellung dec von den Fürsorgeverbänden in Hessen geleisteten -Unter3 slützungen, und zwar getrennt nach der Gesamt­summe der vom einzelnen Verband gegebenen Unterstützungen und nach den einzelnen Unter­stützungssätzen, vorzulegen: 3. dem Landtag als­bald eine genaue Zusammenstellung vorzulegen, aus der die Zahl der für die Kleinrentnerhilse in Frage kommenden hessischen Fürsorgeempfänger und ihre Vermögens- und Emkunftsverhältnisse, sowett sie statistisch erfaßt sind. hervoigehen: 4. dem Landtag eine Vachweisung über die aus hessischen Staatsmitteln für obengenannte Zwecke geleisteten Zuschüsse, getrennt nach Art der Ver­teilung und Verwendung, vorzulegen-

Aus dem Finanzausschuß des Hessischen Landtags.

D a r m st a d t, 19. Mai. Der Finanzausschuß des Hessischen Landtags beschäftigte sich heute in einer längeren Aussprache mit Kap. 38 (Kirche n). Es lag hierzu ein Antrag Dr. Diehl vor, die dafür angesetzte Summe von 497 421 Mark um das Drei­fache zu erhöhen, lieber den Antrag wird morgen abgestimmt werden. Ebenso wurde die Abstimmung über einen Antrag Dr. Werner zurückgestellt, I worin verlangt wird, daß das Gutachten über die I Rechtsverhältnisse von Staat und Kirche möglichst

bald sertiggestelll werden. Bei Kap. 58 (S ch u l - turn- und Sportwcsen) wird ein Antrag Dr. Keller, die Stelle des Landcsturn- inspektors wieder herzustellen, gegen 4 Stimmen abgelehnt. Ein Antrag Birnbaum wurde gegen eine Stimme der Regierung als Material über­wiesen. Der 'Antrag will, daß ein einjähriger Tur n- lehrgang für Lehrerinnen mit wöchent­lich 810 Turnstunden eingerichtet wird, damit sie sich gründlich für dieses Lehrfach vocbcreiten. Das Kapitel wurde angenommen; ebenso Kap. hl (Gym­nasien). Kap. 62 (Höhere Bürgerschulen und Nähere Mädchenschulen), Kap. 63 (Fortbildung der Lebrec an Volks- und Höheren Schuten) und Kap. 64 (Ju­gendpflege) wurden angenommen. Zu Kapitel 65 (Volksbildung) hat der Abg. Leuchtgens einen Antrag auf Streichung der Einnahmen und Ausgaben dieses Kapitels eingebracht. Der An­trag wurde gegen zwei Süinmen bei zwei Stimm- entgaltungcn abgelchnt. lieber einen Antrag Sturm­fels, der eine Erhöhung des im Voranschlag ein­gesetzten Betrages miü,' wird morgen, ebenso wie über das ganze Kapitel, abaestimmt. Die Kapitel 69 (Landesbibliothek) und 70 (Landesmuseum) wurden angenommen.

Luther und Stresemann beim Reichspräsidenten.

Berlin, 20. Mai. (TU.) Der Reichs­präsident v. Hindenburg nahm gestern vormittag einen längeren Vortrag des Reichskanz­lers Dr. Luther und des Reichsaußenministers Dr. Strefemann über Fragen der Außen­politik entgegen. Im Laufe des Nachmitags ftatteie der Reichspräsident dem päpstlichen Nuntius Msgr. Pacelli, dem Doyen des diplomatischen Korps, einen Gegenbesuch ab.

Geyen dieRevolulionsseierLage.

Dessau, 19. Mai. (WTB.) Der A n hal­lt j ch e Landtag beschloß gemäß einem Antrags der aus der Deutschnationalen und Deut­schen A o l k s p a r t e i gebildeten bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft die Aushebung des 1 Mai und 9. November als gesetzliche Feiertage. Für den Anttag stimmten außer den 'Antragstellern die Demokraten und Mit- glieder der W i r t s ch a f t s p a r t e i. Die An­nahme erfolgte mit 18 gegen 17 Stimmen der So­zialdemokraten und Kommunisten.

Der Waldbrand bei Stettin.

Schützengräben gegen das Aener. Das Wild in den Flammen verbrannt.

Berlin. 19. OKai. (Wolff.) Ueber den großen Waldbrand in Pommern, durch den 600 Hektar Forst vernichtet wurden, werden folgende Einzelheiten bekannt:

Das Feuer ist am Montag vormittag gegen 11 Uhr auf den Kahlflächen der staatlichen Oberförstereien von Friedrichs­walde und Puett. die durch den Abtrieb des Culenforstholzes entstanden sind., zum Aus- b r u ch gekommen, hat diese Flächen unb den angrenzenden, bereits auf g Mr beitet en Holzschlag durchlaufen und von dort in den Stadtforst Alt dämm übergegriften.

In den ersten Vachmittagsstunden trafen außer den benachbarten freiwilligen Feuerwehren in Lastwagenzügen Reichs­wehrtruppen aus Altdannn. Stargard und Stettin ein. Unter Leittrng der Reichswehrkom- ntanfccurc wurde die Bekämpfung des Wald­brandes energ sch ausgenommen, war jedoch wegen ungünstiger Winde zunächst vergeblich.

Um 5 Uhr nachmittags war das Flammen­meer bereits so dicht an das Dorf Horns trug herangekommen, daß die verzweifelten Bewohner zu räumen begannen und alles bewegliche Inventar auf be­reitstehende Militär autos und son­stige Fahrzeuge verluden. Das Vieh mußte aus den Ställen geholt und unter der Obhut der Frauen und Kinder auf die Weide getrieben werden.

Die männlichen Bewohner, die Schützen­gräben und Dämme um den Ort austoarsen, hatten stark unter den Einwirkungen des Rauches und der furchtbaren Hitze zu leiden.

Aach teetierem Vordringen des Flammen­meers mußte die Chaussee Altdamm-Gollnow gesperrt werden.

Trotz ausopfernder Tätigkeit der Reichswehr­truppen, der Feuerwehren und zahlreicher frei­williger Helfer brannte abends 6 Uhr nach vor­sichtiger Schätzung ein Gebiet von 15 Kilometer Länge und 4 Kilometer Breite. Es schien un­möglich. den Flammen Einhalt zu gebieten, die durch den lebhaften Wind immer mehr auf3 gepeitscht wurden. Riesige Feuersäulen stiegen allerorts in den Himmel und wurden auf weite Strecken durch die Luft getragen. Immer weiteres Waldgebiet wurde durch die Flammen erfaßt. Durch das schauerliche Schauspiel und die w^thin sichtbaren Rauchschwaden wurden Tausende von Zuschauern angclocft, die selbst von dem in der ßuftlurie über 10 Kilometer entfernten Stettin herbei­eilten, bis wohin der Sturm den Rauchtrieb.

Vachdem bzreitd auch eine Reihe von Bahn­hofsgebäuden geräumt waren, trat endlich gegen 8 Uhr abends durch Drehung der Windrichtung eine Wendung zum Disseren ein und schließlich vollkommene W'ndstllle, so dah buchstäblich im letzten Augenblick das Dorf Hornskrug uns die beiden Eisenbahnstationen Arnims- walde und Grost-Christinenberg verschont blieben.

Die Reichswehrtruppen sind erst atn Diens­tagvormittag toieber abgezogen. Das große Waldgebiet, dessen schöner Forstbestand voll­ständig vernichtet ist. bietet ein Bild traurigster Zerstörung. Der Wert der vernichteten Baum­bestände wird allein auf 10 b i s 15 Millio­nen Goldmark geschäht. Der Gesamtschaden soll bei weitem größer sein. Auch der wertvolle Wildbestand ist vollständig vernichtet.

Die vor dem Feuer herftleheuden Tiere schreckten bor den Zuschauermengen zurück unb rannten wieder in den brennenden Forst, wo sie ein klägliches Opfer der Flammen wurden. Menschenleben s inb nicht zu Schaden ge­kommen; doch ist eine Anzahl Rettungsmann­schaften namentlich auch bei der Reichswehr an Rauchvergiftung erkrankt.

Mit dem Auto unter den Güterzvg.

Ann aber g i. Crzgeb.. 20. Mai. (WTB. Funllpruch ) B im Passieren des Bahnübergangs

in der Gemeinde Schlema wurde gestern c3ötB kurz nach 8 Uhr das Auto des Kupfcrschmiedeoei- besitzers Veugebauer aus Annaberg von einem Güterzug ersaßt und vollständig zertrüm­mert. Der Besitzer und der Chauffeur wurden sofort getötet, drei weitere Insassen er­litten schwere Verletzungen.

Feuer in der Untergrundbahn.

75 Personen verletzt.

An der Grand Central-Station der Veuyottcr Untergrundbahn entstand während der verkehrs­reichsten Morgenstunden infolge Kurzschlüs­se s in einem überfüllten Zuge eine Panik. Etwa 75 Personen. meistens Frauen und Kinder, wurden in dem in Rauch und Flammen ein- gehüllten Zuge verletzt. 2n dem Zuge spielten sich Schreckensszenen ab. Diele Frauen und Mädchen warfen sich zu Boden oder suchten verzweifelt die Ausgänge zu erreichen. Andere wurden durch die Fenster geschleudert ober niedergetreten. Durch das Erlöschen bei elektrischen Lampen wurde die Panil noch verstärkt. Vielen Leuten wurden die Kleider vom Leibe gerissen. Die Verletzten fanden zuerst in den benachbarten großen-Hotels Auf­nahme, wo die Foyers und Speisesäle zeitweilig in Hospitäler üertixmbelt waren. Fünf Män­ner, welche, um sich selbst zu retten, d i c Frauen zurückstießen, wurden von d e r Polizei niedergeschlagen. Von dem angrenzenden Danderbilt-Hotel ließen die Ange­stellten Leitern in den Schacht der Untergrund­bahn hinab und halfen den Passagieren, durch einen Votausgang die Straße zu erreichen.

Explosion in einem Zelluloidlager.

Aus Raat wird gemeldet: Im Zelluloidlager einer Sackleinewandfabrik ereignete sich eine Ex­plosion, in dem sich ungefähr 12 Wagen mit Zellu­loid befanden. Die Fabrik, sowie eine benach barte Kunstlederfabrik wurden durch die Explo­sion saft gänzlich zerstört. Glücklicherweise ereignete sich die Explosion während der Mit tagspause, so daß von den Arbeitern nur einer schwer und einer leicht verletz! wurde. Auch einige Passanten erlitten leichtere Ver­letzungen. Die Fensterscheiben der anliegenden Häuser wurden in weitem Umfange zerbrochen.

Romantische Entführung.

Eine aufregende Szene zwischen einem Chauffeur und einer Tänzerin spielte sich kürzlich des nachts in einem Berliner Droschken­auto ab. Eine Tänzerin wollte sich kurz nach Mitternacht von einem ihr völlig unbekannten Chauffeur nach Hause fahren lassen. Sic mußte plötzlich entdecken, daß der Wagen eine ganz andere Richtung cingeschkagen hatte. Der Chauffeur, den sie durch Hilferufe zum Halten zwingen wollte, fuhr mit rasendem Tempo und gelöschten Laternen weiter. Schließlich wurde dec Wagen von P o l i z i st e n durch ein zweites Auto eingeholt und zum Halten gebracht. Kurz vor- her war die Tänzerin aus dem Wagen ge­sprungen. Bei dem gefährlichen Sprung zog sie sich Verletzungen an Armen und Knien zu. Der Chauffeur wurde verhaftet.

Fleifchvergiftrmg.

Infolge Genusses von gehacktem Pferde- f l e i s ch sind in Mühlheim etwa 20 Per f o n e n erkrankt. Einige mufjttn dem Kran- tenhause zugefühtt werden. Eine Person ist tn= folge der Erkrankung gestorben.

Kunst und Wissenschaft.

Dr. Richard Stegemann t-

In Braunschweig, seinem Wirkungsorte, ist soeben der Handelskammerpräsident i. R., Geh. Regierungsral Dr. Wichard Stegemann ge­storben. Größte Verdienste hat er sich wahrend seiner 30jährigen Tätigkeit als Vorsitzender des Deutschen Verbandes für das kaufmännische Bil- dungswesen erworben. Seine Tätigkeit ist grund­legend für den Aufbau und Ausbau des eben ge­nannten Bildungswefens in Deutschland gewesen. Insbesondere verdanken die deutschen Handelshoch­schulen, die Rüstwerkstäten des deutschen kaufmänni­schen Geistes, seiner Anregung ihre Entstehung Imb hohe Entwicklung. Auch über die Grenze« Deutsch­lands hinaus knüpfte er durch Gründung der Inter­nationalen Gesellschaft für das kaufmännische Bil­dungswesen sruchtbringende Verbindungen mit dem kaufmännischen Bildungswesen des Auslandes.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 20. Mai 1925.

Christi Himmelfahrt.

Vor etwas mehr als hundert Jahren brachten deutsche Auswanderer.' die aus Amerika wieder nach der Heimat zurückgecehrt waren, ein Lied mit, das in frommen Kreisen bis aus diesen Tag gern gelungen wird. Es ist ein Lied der Sehn­sucht, man hört es in der Sommernacht, wenn junge Menschen durch stille Felder schreiten, seine Melodie, von Posaunen geblasen, erllingt bei Begräbnissen über dem Gottesacker; die erste Strophe lautet:

Wo findet die Seele die Heimat, die Auh? Wer deckt sie mit schützenden Fittichen zu? Ach, bietet die Welt keine Freistatt uns an. Wo Sünde nicht herrschen, nicht anfechten tarnt? Vein, nein, nein. nein, hier ist sie nicht: Die Heimat der Seele ist droben im ßid)t

Diese Strophe berichtet von des menschllchen Herzens Sehnen und Empfinden, von dem Ver­langen nach einer Heimat, in der die Seele zur Ruhe kommt. Jeder liebt seine Cxdcnheimat. Mit tausend Fasern haftet er an ihr, das Der­weilen in ihr macht ihn froh, jeder Baum, jeder Stein, jedes Haus erzählt ihm eine lange Geschichte, die mit seinem innersten Sein ver- bunben ist, die Frühlingsfluc und die Herbst­nacht, die er in der Heimat verbringt, führen ihm die Erlebnisse ferner Tage herauf. Hier steht das Haus, in dem der Vater ihn heran- leitete, dort liegt der Friedhof, auf dem die Mutter schläft, diesen W?g ging er in jubelnder Freude, auf jenem Pfade schritt er, als er in bitterem Leide um liebe Menschen bangte, sein Leben haftet an den Feldern, den Wäldern, am Lufthauch, der durch die Heimat weht, am Bach, der durch ihre Wiesen rinnt.

Dennoch, wie nahe die Heimat auch seinem Herzen steht, ungetrübtes Glück vermag sie ihm nicht zu geben. In seinem berühmten Erbauungs­bucheVon der Aachfolge Christi" sagt der Mönch Thomas von Kempcn:Wo ist einer, dem alles nach seinen Wünschen geht? Weder ich bin es. noch du. noch irgend ein anderer Mensch auf Erben. Keiner ist ohne einige Trüb-