Ausgabe 
19.11.1925
 
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Aus dem Reiche der Frau.

Der Frauenüberschuß.

Don Dr. W. Schweisheimer.

Hebei all überwiegt die Anzahl der Knaben- aeburten gegenüber den Mädctangeburten. Die biologUche Andeutung dieser seltsamen Erschei­nung ist noch nicht geklärt. 3m allgemeinen treffen auf 100 lebende Mädchengeburten 106 Änabengcburten. Der den Tot- und Fehlgebur­ten tft das Verhältnis zugunsten der männlichen Seite noch beträchtlich hoher.

Das zur Zett der Oeburt bestehende Zahlen­verhältnis von 100 Mädchen zu 106 Knaben ändert sich jedoch bald. Bereits im ersten Le­bensjahre beginnt der Ausgleich: die Sterblich­keit bei männlichen neugeborenen und Säuglin­gen ist gröber als bei weiblichen. Auch weiter­hin sterben mehr Knaben als Mädchen, und bei 21 bis 25 Jahren sind etwa gleichviel junge Männer und Frauen vorhanden. 3m ferneren Verlauf des Geben« werden die Männerverluste immer größer, und bald entsteht ein deutlicher Frauenüberschuh.

Alle europäischen Kult'.irstaaten haben in gleicher Weise einen Frauenüberschuß zu verzeich­nen. Gmußgifte. namentlich Alloholmihbrauch. und Dolksseuch<m setzen die Lebensfähigkeit der erzeugten Kinder her b und erhöhen so die Zahl der Fehl- und Totgeburten.

Der moderne Krieg mit den neuzeitlichen Kampfmitteln wirkt durchaus im Sinne einer ä-egenauslese (Kontraselek.ion). Dicht die ge­sundheitlich tüchtigsten, daher wehrfähigsten Ele­mente bleiben Sieger. Ganz andere ümftänta entscheiden über das Geben der Kämpfer als in primitiven Kampfzeiten. Die gesundheitlich als Väter einer neuen Generation geeignetsten Män­ner gehen zugrunde.

3n den europäischen Staaten, die am letzt­vergangenen Krieg beteiligt waren, stieg der Frauenüberschuß von etwa 5,2 Millionen im Frie­den auf rund 15 Millionen nach dem Krieg, also fast auf das Dreifache. 3m Zählungsabschnitt 1919/21 trafen in Deutschland auf 1000 männ­liche Einwohner 1099 weibliche Personen (im ZählungSabschnitt 1910/11 waren es 1026). Doch geben derartige Gesamtzahlen kein klares Bild über die Verschiebung der Geschlechtsverhältnisse der Devolkerung. Am wichtigsten sind zunächst die Altersklassen zwischen 18 und 45 3abreit, das sind die für Heirat und Fortpflanzung in Be­tracht kommenden, im Krieg durch Männerverluste besonders geschädigten 3ahre. 3n diesen 3ahr- gängen ist der Frauenüberschuß viel größer ge­worden. Es kamen auf 1000 Männer im Alter von 18 bis 45 3ahren Frauen:

1913 1919

in Deutschland .... 1005 1180

Oesterreich und Ungarn . 1048 1230

Großbritannien und 3rlanb . 1078 1175

.. Fr n r.ich ..... 1017 «23)

31 Iren ..... 1109 1228

Die Heiratsaussichten der Frauen gestalten sich durch solche Aenderungen sehr ungünstig. Denn diese Zahlen betauten, daß in Deutsch­land für jede siebente Frau rein ziffernmäßig von anderen Gründen abgesehen kein Ehe­partner vorhanden ist. Durch das Dachrücken der jüngeren 3ahrgänge wird allmählich ein Ausgleich der Geschlechtsverhältnisse geschaffen, soweit nicht neue hemmende Einflüsse zur Gel­tung kommen.

Von sozialhhgienischen Gesichtspunkten aus ist ein großer Frauenüberschuß als ungünstig, ungünstig, weil unnatürlich zu bewerten. Die Erhöhung des Frauenüberschusses trifft vor allem kie Jahrgänge vollendeter Reife. Mit der Ver­schlechterung der Eheausfichten der Frau wer­den die Charakteristika der Hoch-Zeit mensch­lichen Tricblebens nicht aus tat Welt geschafft. Die Folgen bringen in sexualhygienischer Be­ziehung Gefahren mit sich. Durch daS Einströmen der <5rrau auch in ungeeignete männliche Berufe tritt erhöhte gesundheitliche Gefährdung, damit ein Ausgleich^begiim unerwünschter Art ein.

Kind und Märchen.

Pädagogische Erfahrungen von Lisa Tehner.

Ick will Ihnen heute einiges über das Märchen­erzählen uni) meine Erfahrungen dabei sagen. Er­warten Sie feinen umfaßenden Dortrog von mir, ich bin kein Theoretiker und es kann sich mehr um eine Plauderei handeln. Ich habe auch noch wenig darüber nachgedacht, sondern rein instinktiv aus künstlerischen Motiven gehandelt. Aber eins ist sicher: ich scheide das Erzählen für Kinder und für Erwachsene sehr stark voneinander, nicht nur in meiner eigenen Auffassung, sondern auch rein tech­nisch gesehen in der Wiedergabe und dem Vortrag.

Unsere ganzen Märchen, gehen wir jetzt hier ein­mal nur vom deutschen Märchen aus, sind mehr als nur Kindererzählungen. Sie sind ebenso Gleichnis wie jede Bibelgeschichte. Kindererzählungen sind sie lediglich darum, weil sie in der Kinderzeit der Menschheit entstanden sind und in ihrem Aufbau primitiv und leicht faßbar, denn sie sind die ersten künstlerischen Ausdrucksversuche einer Fabulierkunst. Heute sind sie aus den Spinnstuben und dem er­wachsenen Volk, in denen sie seinerzeit entstanden, verschwunden und nur noch den Kindern verblieben, weil wir andern zu stark ins Geistige unseres Zeit- alters gerückt sind, zugleich aber auch ins Reale und Materielle.

Ihr Inhalt und ihr Gedankenreichtum ist aber deswegen nicht weniger tief. Die Aufgabe von uns Märchenerzählerinnen ist es, diesen Inhalt auszu- jchöpjen und lebendig werden $u lasten, auch das Ungesagte, was zwischen den Zeilen liegt, denn das erweckt erst das Symbol des Märchens.

Ich muß gestehen, für mich yat ein einfaches Grimmsches Märchen, nicht jedes, aber denken wir nur an Sneewitchen, Gänsemagd und manches Ihnen bekannte, einen unerschöpflichen Reichtum und immer neue Gesichter. Ich kann es hundertmal er­zählt haben, zum hunderteinsten Male erscheint es mir neu. Während mir so viele moderne hochkünst- lerische Dichtungen schon nach zehnmal Sprechen langweilig und erschöpft, ja farblos und mangelhaft erschein. Das ist sicher kein Daranherum-geheim- nisten und nur ,Hineinlegen".

Es sind rein geistige Dinge. Die aber kommen vor dem Kinde nicht in Frage. Das Stinb wird immer nur das Sichtbare sehen, bas ihm Faßbare. Daß hinter dem Faßbaren noch ein verborgener Sinn ist, muß ihn auch gar nickt aufgedrängt wer­den, das erwacht später von selbst in ihm, wenn es die liefe hat, zu verstehen. Zunächst muß bas Kind durch bas Sichtbare zu fesseln versucht werden.

3m Gegensatz zu diesen europäischen Ver­hältnissen sind die Frauen in Amerika in der Minderzahl. 3n allen ehemaligen Koloniallän- tarn bilden die Frauen von Anfang der Be­siedlung an einen kleineren Bruchteil der Be­völkerung. Der sich allmählich ergebende Aus­gleich ist noch nirgends erreicht. Cs ist ver­ständlich, daß in einem Land wie in den Ver­einigten Staaten von Amerika, in tarn zwei Millionen Männer mehr sind als Frauen, die Stellung der Frau eine andere, geschätztere ist als in den Oäntam mit Frauenüberschuß. Die Anzahl der erwerbsmäßigen Frauen und Mäd­chen ist daher in den Vereinigten Staaken ver­hältnismäßig bedeutend geringer als in Deutsch­land, England usw. 3n Deutschland und Eng­land sind etwa der sechste Teil der Bevölkerung erwerbstätige weibliche Personen, in den Ver­einigten Staaten dagegen nur der vierzehnte Teil. Das sind gewaltige älnterschieta, die sich im täglichen Geben sehr fühlbar geltend machen müssen.

3n Ländern mit Frauenüberschuß kann er­höhte Mutterschaftsfürsorge einen Teil der un­günstigen Folgen verhindern. Von besonderer Bedeutung für die Regelung deS Frauenüber­schusses ist aber die Erhaltung jugendlicher Ge­tan. Unter den Reugeborenen befinden sich mehr Knaben, noch hoher ist der männlich? Anteil an den Fehl- und Totgeburten. Gelingt es, eine Anzahl Kinder am Leben zu erhaben, so betrifft das nicht Knaben und Mädchen i r glei­chem Maße, sondern in höherer Anzahl blei­ben Knaben am Geben. Sie können später den Ausbau der Bevölkerung im Sinn eines Aus­gleichs des Männermangels beeinflussen.

Der Appetit des Kindes.

Von Prof. Dr. L. L a n g ft e i n,

Direktor des Kaiserin-Auguste-Victoria-Hauses, Reichsanstalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit.

Ein wichtiaes Zeichen der Gesundheit des Kin­des ist guter Appetit, freudiges Erwarten der Mahl­zeit. Voraussetzung dafür, baß er sich zu jeder Mahl­zeit einstellt, sind zweckmäßige Ernährung, Pflege und Erziehung. Bel der Ernährung ist Voraus­setzung, baß die Nahrungsmenge dem Nahrungs- bebarf des Kindes angepaßt, Ueberernäbrung ver­mieden wirb. Zwischen den einzelnen Mahlzeiten sind Pausen einzuschreben, die ausreicken, damit der Magen von der Dorangegangenen Mahlzeit keine Nahrungsreste mehr enthalte, seinen Inhalt an den Darm rocitergcgeben habe und ausruhen kann. Das wirb beim öäugling erreicht, wenn zwischen den einzelnen Mahlzeiten Pausen von 34 Stunden liegen. Beim älteren Kinde ist die Einteilung der Mahlzeiten ungefähr die gleiche wie beim Erwach­senen. Die Hauptmahlzeiten sind das Frühstück, Mittagessen und bas Abendessen. Vormittags kann eine kleine Mahlzeit eingeschoben werben uno, wenn bas Kinb früh am Abend seine Mahlzeit bekommt unb es sich um einen schwachen Esser hanbelt, ist eine Nackmittaysmahlzeit nicht erforderlich.

Das ältere Kind kommt sehr gut mit vier Mahl­zeiten aus, namentlich wenn es sich um ein Stadt- rind handelt, das wenig Gelegenheit zur Bewegung im Freien hat. Zwischen den Mahlzeiten darf nichts, aber auch gar nichts gegeben werden. Es ist eine immer wiederkehrende Beobachtung, daß die Müt­ter, die wegen der Appetitlosigkeit ihrer Kinder sich Rat erbitten, zwar zunächst betonen, ihre Kinder bekämen zwischen den Mahlzeiten nichts, auf ein­gehendes Befragen doch zugeben müssen, daß ihnen dann unb wann mal Zwieback, Schokolade oder Obst zugesteckt wird. Auch das ist schädlich, denn der Magen kommt nicht zur Ruhe, Hunger kann sich auf die nächste Mahlzeit nicht einstellen.

Die zweite Voraussetzung für einen guten Appe­tit ist eine richtige Pflege. Immer wieder muß ich betonen, daß dazu nicht nur Sauberkeit des Kindes gehört, sondern vor allem die Pflege im Freien, die gerabe in ber Großstabt, so schwer sie zu erreichen ift. nicht vernachlässigt werden darf. Spazierengehen zwischen bet- Häuserreihen ersetzt diese Pflege im

Ich glaube, und ich habe auch bisher immer ver­sucht so zu handeln, unb bin am weitesten damit gekommen, daß wir Erwachsenen uns dem Kinde gegenüber viel stärker aufgeben müssen als vor jedem andern. Wir müssen uns zum Kinde hinunter be­geben, und in die Ideenwelt des Kindes stellen, von seinen Begriffen unb Gebauten ausgehen nur so können wir das Kind zu uns Heraufziehen und bilden.

Ich habe es auch versucht, z. B. in Schulen vor den unteren bis mittleren Klassen einmal auf die Kinder gar keine Rücksicht zu neh- men, nur mit dem Gedanken, die Geschichte ist ja an sich eine Kindererzählung. Ich will nur von meinem künstlerischen Gesichtspunkt ausgehen, van meiner Auffassung aus unb rein sprachtechnisch für bie Erziehenden Anregung geben. Ich sand auch ohne weiteres bei ber Lehrerschaft Anerkennung als ..Künstlerin", die Kinber blieben mäuschenstill, aber fremb, kühl unb ungerührt. Diese ihnen sonst ver­traute Geschichte war ihnen fremb unb zu hoch. Dringe icy aber nun dieselbe Geschichte nur vom Temperament aus, mit ber ganzen Kindlichkeit, die in jedem Märchen liegt, verweile ich bei jeder Klei­nigkeit, die Kindern wichtig ist, für den Verlauf des Märchens aber nur Auftakt und Beigabe, und darum im Vortrag abfallen muß, so packe ich die Kinder unb fessele sie. Man braucht deshalb bas Märchen nicht realistisch zu bringen ober ihnen ben Schimmer bes Geheimnisvollen unb Ueberirdischen zu nehmen, ober es verflachen. Mau muß vielleicht nur noch stärker selber daran glauben unb überzeugt sein von bem, was man spricht, benn Kinber haben ein sehr feines Gefühl für bas Echte.

Aber, um jetzt nur bei diesem Erzählen zu bleiben. So denken Sie doch daran, wie eine aus­führliche Schilderung von Esten und Trinken, von prächtigen Kleidern, von allem Wunderbaren den Kindern das Märchen belebt. Ich gehe oft so weit, landesübliche Gerichte heranzuziehen: unb wenn ein Prinz in Schwaben mit keiner Prinzessin Kugelhupf zum Feste ißt, ober in Thüringen grüne Klöße, so rückt er dem Kinde dadurch bedeutend näher. Wie stark Kinder auch auf alle diese Kleinigkeiten reagie­ren und grünblid) darin sind, habe ich oft erlebt, unb kann ich Ihnen in Beispielen erzählen. Ein sicher nicht unwichtiger Faktor, lebendig zu erzählen, ist aber, vorn Vortrag aus, das Nachmachen ber Tier- stimmen, ohne dabei ins Theaterhafte zu getan. Aber bas liegt, wenn man sich ein wenig in den Vokal hineinversetzt, meistens schon im Vokal selber. Unsere Sprache ist darin so sein unb nachfühlenb. Es liegt meistens in der Häufung der Zisch- ober

Freien nicht. Em weiteres Moment für Erhaltung eines guten Appetits ist die zweckmäßige Erziehung, Aus reicher Erfahrung darf ich wohl sagen, daß die Erziehungsfehler ein Hauptmoment darstellen, das die Appetitlosigkeit der Kinder verschuldet. Selbst­verständlich bedarf das appetitlose Kind, das dem Arzte zuzuführen ist, einer genauen Untersuchung, benn Appetitlosigkeit kann auch das Zeichen einer ernsteren Erkrankung sein.

An bas Dorliegen einer solchen Möglichkeit den- ken bie Mütter gewöhnlich nicht, sie glauben, baß die Ernährung nicht richtig gewählt ober bas Kind ungezogen ist. Sie haben sich gewöhnlich auch gar nicht davon überzeugt, ob nicht doch irgendwelche Erkrankung vorliege, denn sie haben nicht einmal zum Thermometer gegriffen, um die Temperatur ihres Kindes festzustellen. Es ist bas eine bebauet» liche Unterlassungssünde, der wir Immer wieder in Familien begegnen. Alles mögliche wird dem Arzte berichtet, aber darüber, ob die Temperatur des Kin- des erhöht war ober nicht, weiß die Mutter häu- fig nicht Bescheid. Sie sagt zwar, bas Kinb habe kein Fieber gehabt, aber sie hat bas bem bloßen Gefühl nach geurteilt, ohne zu messen. Würben bie Mütter allgemein die Gewohnheit haben, bei jeder Krankheitserscheinung ihrer Kinder und dazu ge­hört auch Appetillosigkeit die Temperatur früh und abends zu messen, würde dem Arzt bereits ein außerordentlich wertvoller Anhaltspunkt für die geben sein.

Temperatur messen und eine Temperaturkuroe führen, ist ein unbedingtes Erfordernis für die Be- obachtung unb die Beurteilung eines Kindes. Wird diesem Erfordernis genügt, bann ergibt sich in einer Reihe von Fällen, daß tatsächlich irgenbeine chro­nische fieberhafte Erkrankung vorliegt. Der Arzt ergreift bann die Maßnahmen, um bie chronisch fieberhafte Erkrankung zu heilen, und damit besteri er bie Appetitlosigkeit. Es wäre also ganz verkehrt, von vornherein ein bestimmtes Schema anzugeben, nach bem bie Appetitlosigkeit eines Kinbes behau- beit werden soll, unb bieses Schema ber Mutter in bie Hand zu geben. Diese hat vielmehr bie Ausgabe, ein appetitloses Kind dem Arzt zuzuführen, der, je nach der Ursache der Appetitlosigkeit, die Fehler in der Ernährung^ Fehler in der Pflege abstellt ober im Falle bes Vorliegens einer Erkrankung die not- wendigen Maßnahmen zur Behebung tnfft. Der Arzt wird m einer Reihe von Fällen auch sest- fteUcn können, daß bie Mitteilung der Mutter, bas Kind esse gar nichts, gar nicht ben Tatsachen ent­spricht, fonbem daß vielmehr die Mutter ganz ver­kehrte Auffassungen über den Nahrungsbedarf ihres Kindes hat unb auf Grund dieser falschen Auffas­sung zu ihrer Anschauung gelangt ist. Er stellt häufig durch genaues Befragen fest, daß die Mut­ter versucht, ihr Kind mit allen möglichen Dingen zu päppeln, z. B. dem älteren Kinde viel Breie, Milch unb Eier gibt unb es bann schon als appetit­los bezeichnet, wenn bieses bann Gemüse, Fleisch, Brot, Kartoffeln verweigert. In diesen Fällen liegt eben ber Fehler einer einseitigen, bas Kind schä- bigenben Ernährung vor, auf bie es bann als natür­liche Abwehrmaßnayme mit Appetitlosigkeit reagiert. Zwingt dann die Mutter das Kind, weitere Nah- rung zu sich zu nehmen, so bleibt es oft nicht bei einer Verweigerung ber Nahrung, fonbem es kommt auch zum Erbrechen.

Die Erziehung bes Kindes muß fick in der Bahn vollziehen, daß die Nahrungsaufnahme zu jeder Mahlzeit eine Selbstverständlichkeit ist, nichts Be­sonderes daraus gemacht wird, daß es nicht be­achtet wird, wenn ein Kind einmal etwas weniger zu sich nimmt, was ja insofern passieren kann, als wir ja in ber Appetenz bes Kinbes nicht etwas ab­solut sich immer Gleichbleibendes zu sehen haben. Sehr häufig entwickelt sich aus einem falschen Vor­gehen bei einmaliger Verweigerung einer Kost erst bie chronische Appetitlosigkeit. Die Mutter wirb ängstlich, daß das Kind nicht aufißt, sie redet ihm gut zu, füttert ihm die zurückgebliebene Nahrung nach und erzeugt dadurch einen Widerwillen beim Kinde. Dieser Widerwillen fixiert sich insbesondere bei sensiblen Kindern, unb so wird aus ber ein­maligen, mehr zufälligen Nahrungsverweigerung bas liebel ber chronischen Appetitlosigkeit: es ist die

Mnarrlautc, die dem betreffenden Tier gemäß find. Dor Erwachsenen sind diese Dinge natürlich Mätz­chen und müssen zurücktreten, wenn es nicht unfein unb charlatanhaft wirken soll. Es genügt da An­deutung.

Denken wir doch einmal an Tiere, die in Frage kommen, Ihnen allen ist der Froschkönig geläufig. Für uns ist dieser Frosch doch nur Symbol des Un­erlösten, der wie eine Vision und ein Mythos schwingen soll. Für das Kind ist er aber ein regel­rechter Frosch. Ihm ist es zwar sehr wunderbar unb märchenhaft, daß er plötzlich ein Königssohn wirb, aber bestimmt nicht unmöglich ober unglaubhaft. Denn bas Kind lebt noch in der Welt der Wunder, und seine Phantasie hat noch die Köaft, an sich selber zu glauben, sie hat sich ihm noch nicht als Trugschluß erwiesen. Wir haben diese Kraft nicht mehr, und darum ist heute auch alle Phantasie in ber Dichtung viel farbloser, denn der Dichter glaubt selbst nicht mehr an sie als solche, auch er hat die Kindlichkeit ber Volksseele verloren, ruht im Gei­stigen, unb alles ist ihm nur noch ein Gleichnis.

Natürlich sind bie Veranlagungen ber Kinder verschieden. Das eine unb das andere Kind ist gläu­biger. Es gibt Kinder, bie bie Märchenwelt schon sehr stark aus dem sie umgebenden Leben trennen unb nie in einem Laubfrosch einen Königssohn er­warten, die schon die ganze Skepsis ihres Zeitalters im Blute haben. Für sie sind Märchen auch nur Unterhaltungslektüre, die sie freut, aber über die sie nicht nachdenken. Ich kenne aber genügend Kin­der, die sich brennend wünschen und darauf warten, Feen zu begegnen, Wunder zu erleben. Und ich selbst kann von mir sagen, daß ich als Kind alle Märchen in mein tägliches Leben übersetzte, ja, auch biblische Geschichten, unb so weit ging, des Nachts meine Puppen anzublasen, in ber festen Hoffnung, sie könnten dadurch lebendig werden, wie seinerzeit der erste Mensch.

Es herrschen verschiedene Meinungen darüber, wie weit man Kinder in dieser Märchenwelt leben lassen soll, ob es vom erzieherischen Standpunkt aus gut tut, ob nicht verwirrend, vom Realen ablenfenb, bie Phantasie überspannend und anderes mehr. Es mag Ausnahmefälle neben, aber auf jeden Fall ist das Märchen erzieherisch gut. Wir sollen die Phantasie ber Kinder pflegen, denn aus ihr steigt später ein großer Teil aller Produktivität. Unsere Zeit ist auch so materiell eingestellt, daß der Gegenpol der ideellen Kräfte, die im Märchen liegen, notwendig sind. Und bas Märchen befähigt auch das Kind, das Gleichnis zu verstehen, und ist darum religiös. Wenn ich nun an rein stoffliche Erfahrungen

falscheste Methode, die bem Kinde in diesem Zustand mit aller Macht etwas beibringen zu wollen, zu besten Aufnahme es keine Lust hat.

Gerade das Gegenteil erscheint geboten, wenn Kinder ihre Nahrung chronisch verweigern, die Nah­rung ausfpuefen oder faufaul sie im Munde zwischen den Backen hin- und herwälzen-, dann führen gewöhnlich zwei andere Methoden zum Ziel. Die eine Methode ist bie, daß bem Kinde erst das Hun­gergefühl wieder beiaebracht wird. Das geschieht da­durch, daß man die Zahl der Mahlzeiten nicht etwa noch vermehrt, dem Kinde versucht, in der Zwischen­zeit bas beizubringen, was es zu ben Hauptmahl­zeiten stehengelasten hat, daß man vielmehr früh, mittags unb abends dem Kinde drei kleine Mahl­zeiten anbietet unb sie, ohne barüber viel zu reden, falls sie nicht aenommen werben, nach kurzer Zeit wiederum wegbringt. Geht man konsequent in die­ser Weise vor, dann stellt sich schließlich bas Hun­gergefühl bes Kinbes ein; es sieht auch bie Konse­quenz seiner Umgebung barin, bah ihm an Stelle ber verweigerten Mahlzeiten nicht etwa etwas an- beres, worauf es meyr Lust hat, Näschereien ober Echokolabe, gegeben werben, fonbem daß es, wenn es etwas essen will, barauf angewiesen ist, diese drei Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Ist einmal, ge­wöhnlich nach drei Tagen, bas Eis gebrochen, und geht man bann weiter konsequent mit langsamer Nahrungssteigerung vor, bann stellt sich der Appe­tit wieder ein.

Diese einfache Maßnahme scheitert gewöhnlich bann, wenn die Mutter zu ängstlich ist, um eine auch nur geringgradige Hungerkur durchzuführen, infolgedessen nicht bie notwendige Konsequenz auf­bringt unb eine nervöse Umgebung bas sensible Kind nur noch mehr in Unorbnung bringt In solchen Fällen wirkt es zauberhaft, wenn bas appetitlose Kinb unter anbere Kinber gebracht wirb, bie, ver­nünftig erzogen, in Ruhe ihre Mahlzeiten zu sich nehmen; bann lernt es sehr schnell in Gesellschaft wiederum burch Nachahmung sein Nahrungsbedürf- nis in normalen Mahlzeiten, in bie sich feine stö­rende Unruhe mischt, zu sich nehmen. Wir sehen bas insbesondere häufig bei einzigen Kindern; denn um diese herrscht gewöhnlich jene übergroße Be­sorgnis, welche bewirkt, daß aus einer vorüber­gehenden Nahrungsverweigerung eine dauernde Appetitlosigkeit wird.

Die Mutter aber merke sich, daß sie das appetit­lose Kind nicht einfach mit einer von ihr als zweck­mäßig befundenen Diät ernähren foll, auch nicht, um den Darm zu entleeren, Abführmittel ober Einläufe zu geben hat, sondern daß die Appetitlosigkeit ein Krankheitssymptom ist, dem sehr verschiedene Ur­sachen zugrunde liegen können.

Quitten.

Eine Sammlung von HerbstrezePteL.

Diele kennen sie gar nicht, die Quitten* Repfel und »Birnen, die, frisch gepflückt, mit einem weichen Flaum überzogen sind und beim Liegen ein köstliches Aroma verbreiten. Kompott, Gelee. Marmelade, alles kann von Quitten zu- bereitet werden. 3a, sogar Pasten, Bonbons und Eis.

Kompott. Reife Quitten werden geschält und in gleichmäßige, vom Kernhaus befreite Schnitten zerteilt. 3n kochendem Wasser läßt man sie ein paarmal aufwallen, auf dem Sieb ablaufen, läutert reichlich Zucker und läßt sie darin weich kochen. Der Saft wird, nachdem die Quitten herausgenommen sind, dick eingekocht und lauwarm über die Früchte gegossen.

Gelee. Schalen und Kerngehäuse, die Ab­fälle beim Kompottbereiten, werden gut gekocht, aus dem Saft herausgenommen und dieses wird mit Zucker dicht eingekocht.

Marmelade. Die weichgekochten Früchte werden durch einen dichten Durchschlag getrie­ben und dann langsam mit Zucker dickgekvcht unter dauerndem Rühren. Auf 1 Pfund Mark kommt ein Pfund Zucker. Die Marmelade muh auf kleinem Feuer stehen, bis sie rot wird.

E l s e S ch a b.

denke, die mir bei bem Erzählen vor Kindern auf- fielen, so habe ich immer wieder bie Beobachtung gemacht, baß nur bie kleineren Kinber sich bekannte Märchen wünschen unb biese lieben. Größere Kinder wollen nur neue unb möglichst recht lange Märchen. Auch wird heute sehr viel von Lehrer unb Leyre- rinnen erzählt, im Nahmen bes Unterrichtes, und darum erwarten sie von mir, bie von auswärts kommt, etwas Besonderes und Neues. Und wenn bann ein 13jähriger Großstadtknabe zu mir sagte: Fräulein, bat konnte man alles so vor sich seyen wie im Kino, auch wenn Sie feene Silber bei sich haben, bat is Sache", so ist bas bie größte An­erkennung, die er mir zollen konnte.

Wie oft ich überhaupt mit b.m Kino verglichen worden bin, ist psychologisch für unsere heutige Äugend sehr bezeichnend. In Berlin ging ein Knave nur so weit, wohlwollend zu sagen:Dat war fast so schön wie Kino." Das Kino stand ihm entschieden noch höher.

Völlig unempfänglid) für bas Märchen ist meines Erachtens nach das Alter von 15 bis 18 Jahren, be­sonders in höheren Schulen, aber auch auf bem Lande. Das ist bas Ueberzeugungsalter, in bem bie Realitäten bes Märchens nicht mehr fesseln unb der Sinn des Ganzen, das Gleichnis ihnen doch noch nicht aufging. Viel später erst kehren sie von neuen Gesichtspunkten aus zum Märchen zurück.

Wenn ich nun noch einige Worte darüber spre­chen soll, welche Märchen eignen sich für unsere Kinder am besten, so ist bas sicher nicht immer so einfach, und ich Halle cs nicht für gut, zu starke Kraßheiten und Grausamkeiten, die für bie Volks­phantasie oft köstliche Dokumente sind, Kindern zu erzählen. So stört mich immer noch die Hänsel- und Gretelfassung, in ber die Mutter die Kinder in den Wald schick! um sie los zu sein, und dann noch dafür belohnt wird. Doch wie weit man da Kür­zungen vornimmt, muß jeder Erzähler selbst aus eigenem Takt entscheiden.

Aus jeden Fall aber erzählen Sie unseren Kin­dern alte Märchen, lassen Sie sie so lange als mög- lieh in ber Märchenwelt und rauben Sie ihnen dts Kraft richt, an bas Wunder zu glauben. Diese Dinge sind Stärkungsfragen für fein Leben, feine Produk- timtät, feine Menschlichkeit, fein inneres Künstler­tum und seine Frömmigkeit. Ich glaube, baß keiner ein wirklich großer, reifer Mensch werben würde, der nicht einmal wirklich aus vollem Herzen Kind gewesen ist, an ben Quellen alten Volkstums trank unb gläubig war, unb sich von ba aus bie lefete Kinblichkeit der Seele bewahrte, die ein Teil tat Kundschaft Gottes tft.