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Montag, 19. Januar 1925
Gteyener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
M. 15 Zweites Blatt
Rückschau im Ruhrgebiet
Don unserem 5t-Korrespondenten. (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Essen. Januar 1925.
In den Lagen des Nebels haben wir Zeit und Muhe zu besinnlicher Etnkehr. Der Rebel ist ja nicht ganz so schlimm wie der in London gewesen sein muh. aber cä herrscht doch immerhin eine für unsere Anschauungen ägyptische Finsternis. Handel und Wandel ist stark beein- trächtigt und es ist nur gut. daß hter Die Rebelschwaden nicht wie in London auch die Zimmer ausfullcn. So sängt das neue Iahr statt mit einem richtigen Winter mit dtescr druckenden Undurchsichtigkeit an. Auch über dem Schicksal, das uns für dieses Iahr beschieden ist, liegt dichter Rebel. Wann werden wir endlich auch die letzten Desahungstruppcn aus unserem arbeitsamen 2tancr hcrausziehen sehen?
Freilich, der Abschluß des Londoner Pakte«, das bedeutendste Ereignis des vergangenen Iahres. hat der Devölkerung und der Wirtschaft des Ruhrgebietes manche Erleichterung in der seit dem Ianuor 1923 so unerträglich leidvollen Situation gebracht. Die Zollschranken und die Paßschikanen verschwanden ebenso wie die Eisenbahnregte und das Raubsystem der Micumverträge. Tausende von Ausgewiesenen durften in ihre Heimat zurückkehren. die Ge- sangnisse öffneten sich und liehen wenigstens die meisten Gefangenen frei, wenn auch mancher Drove, der sich während des passiven Wider- standes aktiv betätigte, noch heute die von den Franzosen diktierte Freiheitsstrafe abbühen muh Trotz allem aber fehlt noch das letzte, die tatsächliche Wiedervereinigung mit unserem deutschen Daterlande, die erst erreicht ist. wenn auch der letzte Franzose aus dem Lande, da cm Wald von Schornsteinen zum Himmel ragt, verschwunden ist.
Wenn das Iahr 1923 auSgefüllt war mit dem passiven Widerstand gegen den französischen Einbruch, so standen die ersten neun Monate des jetzt hinter uns liegenden Iahres 1924 im Zeichen der R a u b w ir t s ch a f t derMicum, die rücksichtslos den Ruhrbergbau und unsere Eisenindustrie ausbeutete. ganz gleichgültig, ob die einzelnen Werke imstande waren, die aüberlegten Lieferungspflichten zu erfüllen oder nicht. Wie die Bevölkerung selbst in ihrem Kampfe gegen den französischen Eroberer wegen ihrer Ausdauer und Hartnäckigkeit uneingc- schranktes Lob verdient, so muh auch anerkannt werden, dah es die Ruhrwirtschaft verstand. trotz der ungeheueren auf ihr ruhenden Losten sich vor dem gänzlichen Zusammenbruch zu bewahren und auch für die Zukunft einer der wichtigsten Pfeiler deS deutschen Reiches zu bleiben. Das aber war nur durch Lieber- nähme ganz unerhörter Schulden mögllch, deren Abtragung noch Iahre in Anspruch nehmen wird Dte ersten Anfänge des wirtschaftlichen Wiederaufbaues an der Ruhr fallen zeitlich mit dem Deginn des vergangenen Iahres zusammen. Eisenindustrie und Bergbau versuchten gemeinsam, in der Erwartung der im Laufe ves Iahres erhofften wirtschaftlichen Wiedervereinigung mit dem Reich eine Basis zu finden, auf der sowohl die Micumverträge erfüllt wer- Den konnten als auch die Ruhrwirtschaft selbst erhallen werden muhte. Das war nur möglich, durch grobe finanzielle Unterstützung aus Privat-- und Reichsmitteln.
Es galt aber auch. daS ganze Problem der Produktion und des Absatzes neu zu regeln, durch umfangreichen Personalabbau die Selbstkosten einzuschränken und die well über den Weltmarktsätzen liegenden Kohlen- und Eis en preise zu senken. Die Konkurrenzfähigkeit der Ruhrkohle blieb aber nach wie vor im wesentlichen nur auf das rheinisch-westfälische Industriegebiet beschränkt, da oberschlesische und englische Kohle den innerdeutschen Markt vollständig beherrschten. Zudem verbot sich ein weiterer Preisabbau schon deswegen, weil in der Zeit der Micumverträge auf jede Tonne Förderung ein Derlust von 8 bis 14 Mark entfiel. Ganz ähnlich stand es um die Eisenindustrie, die ebenfalls mit größten Schwierigkeiten kämpfte, da die Franzosen durch M.cumlieferungen und
Die rote Kaschgar.
Roman von Fedvr von Zvbeltih.
45. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Ende Februar erhiell Hellmut eine wichtige Dachricht aus weller Ferne. Über die er zuvörderst mit der klugen Alexe zu sprechen wünschte. Er sagte sich telephonisch bei ihr an und fuhr im Schlitten nach der Wesenburg. 2llere emfing ihn, unverändert in ihrer stolzen Schönheit, gebietende Herrin und zärtliche Schwester, bet ollem Macht- bewuhtsein ohne Händefalten, aber in gespannter Doraussicht lauernd auf das. was kommen muhte, in der Empfindungsttarhett. nichts umsonst haben zu wollen, nicht einmal das Leben.
Du entsinnst dich. Lepe." begann Hellmut. dah Onkel Geisbach vor seinem Tode einen amerikanischen Detektiv beauftragt hatte, m Iar- kent noch einmal Rachforschungen nach der Expedition Murray anzustellen. Der Mann heißt Beardsley und hat nun einen eingehenden Bericht geschickt, mit unverschämten Forderungen für seine Bemühungen, die totr ihm aber Wohl oder übel bewilligen müssen, zumal der Bericht neue Aufschlüsse bringt...“ Er zog den Brief aus der Tasche, mehr em Paket mit eng beschriebenen Papieren und allerhand Beilagen, Bestätigungen asiatischer Behörden in chinesischen Schriftzenchen und englischer Tlebersetzung. .. „Sieh das Danze selbst noch einmal durch", fuhr er fort, „es ijt ein wichtiges Material, das einige Helle in die dunlle Angelegenheit bringt — ich möchte vorderhand nur kurz referieren. Beardsley hat es durchgesetzt, daß der Distriktskommtssar von Iarkent in seinem Gebiet bei Gelegenheit der Steuereintreibung abermals Erkundigungen bei den pamiri- scheu Kirgisen einziehen lieft, und da hat man denn in einem ihrer Rester, es ist gleichgültig, Wo — ich tamr die zungenbrecherischen Rainen nicht behalten — hat man eine Sattellasche mit einer Anzahl Karten, zwei Pässen und amllichen Ausweisen verschiedener Behörden für Mister Murray und Gert gefunden."
O2Ö)‘‘. rief Alexe auffahrend, „hat man die Lnglücllichen ermordet?"
.Rein, das ist so gut wie ausgeschlossen. Die Kirgisen behaupten, und das scheint Wahrheit
Der Reichsgründungstag in Gießen.
Die Feier der Universität.
Zur Feier des 18. Januar als des Grün» tungetagcä deS Deutschen Reiches hatte die Hessische LandeSuniversität bereits am Samstag zu einem akademischen Festakt in die eRue Aula eingeladen, die in ihrem grünen Schmuck, mit den von den Emporen hernieder- wallenden Fahnen der Korporationen und den zahlreichen Chargierten das altvertraute feierliche Bild bot. Unter weihevollen Orgelklängen erfolgte der Einzug des Senats — der akademische Gesangverein fang Conradin Kreutzers schönen Männerchor „An das Vaterland" und dann toanbte sich
Seine Magnifizenz, der Rektor der Landesuniversität
Herr Geh. Ktrchenrat Professor D. Dr. Krüger mit folgenden lief empfundenen und warm nachklingenden Worten an die Festversammlung:
Rach löblichem Brauch der letzten Iahre sind wir auch heute wieder zusammengdommen. um in unserem Kreise das Gedächtnis der weihevollen Stunde zu erneuern, in der im Spiegelsaal des Schlosses von Dersallles das neue Deutsche Reich gegründet wurde. Wir sehen sie mit dem geistigen Auge, die glanzende Dersamm- lung. wie sie der Künstler auf farbenprächtigem Gemälde im Andenken der Rachwelt feftgehalten hat: Auf den Stufen des Thrones, aufrecht und fest, der ehrwürdige Greis, der Preuftens Krone trug, umgeben von seinen fürstlichen Genossen: vor ihm die veckeichafte Gestalt des Reichsgründers. des märkischen Edelmanns Otto von 'Bismarck, in der Hand die Urkunde der Kaiser- Proklamation. neben und hinter ihm die Schar der Staatsmänner und Generäle: Blinkende Helme, blitzende Schwerter, jubelnde Hochrufe! Wahrlich, die stolze Freude, die aus Aller Augen leuchtet, wir können sie noch heute nachempfinden: Rach hartem Kampf, gegen zähen Widerstand, war es erreicht worden, das hohe Ziel, nach dem das deutsche Herz in heißer Sehnsucht verlangte, um das em ganzes Geschleckt gelitten und gestritten hatte: Ein einiges deutsches Daterland. Gewiß hatte auch das Eisen seine blutige Arbeit verrichtet, als es gatt, die Krone zu schweiften. Aber nicht auf der Spitze des Schwertes wurde dem Kaiser die Krone gereicht, und nicht wie ein Imperator der Vergangenheit hat er sie entgegengenommen. Im Gefühl der schweren Derantwortung, die sich mit der Kaiserkrone auf fein greises Haupt sen
ken werde, hat er wenige Tage vor dem 18. Ianuar an die Fürsten und die freien Städte unvergängliche Worte gerichtet. ES ist gut. sie sich in (Erinnerung zu rufen „Ich nehme die deutsche Kaiserkrone an. nicht im Sinne der Machtansprüche. für deren Verwirklichung in den ruhmvollsten Zellen unserer Geschichte die Macht Teutschlands zum Schaden seiner inneren Entwicklung eingesetzt wurde, sondern mit dem festen Dorsatze, soweit Gott Gnade gibt, als deutscher Fürst der treue Schirmherr aller Rechte zu fein und daS Schwert Deutschlands zum Schutze desselben zu führen."
Wenn wir diese Worte hören, so steigt ein anderes Bild in uns herauf. Kein zellgenössi- scher Maler hat es in Farben festgehalten, und doch hat es sich uns unauslöschlich eingeprägt. Am Weihnachtstag de« Iahres 800 kniet vor dem Hochaltar der römischen Peterskirche der Frankenkönig Karl. Dem im Gebet Versunkenen fetzt der Papst die Krone auf und begrüßt ihn unter dem Hymnengefang feiner Geistlichen und dem jubelnden Zuruf des Dolkes als Kaiser und Augustus. Das war die Geburtsstunde des Reiches, das wir uns gewohnt haben, als römisches Reich deutscher Ration zu bezeichnen. Es ist das Reich, dem die Machtansprüche in die Wiege gelegt waren, für deren Verwirklichung — ich wiederhole die kaiserlichen Worte — in den ruhmvollsten Zeiten unserer Geschichte die Macht Deutschlands zum Schaden seiner inneren Entwicklung eingesetzt wurde, mit dem aber auch — so muß ich, und sicher nicht gegen den Sinn des Kaiserworts, hinzufügen — manch schmachvolle, den Deutschen demütigende Erinnerung verknüpft ist. Gegen ein solches Reich haben Kaiser Wilhelm und fein Kanzler immer wieder die tr-amenhc Stimme erhoben: bis zum letzten Atemzug treu den Worten der Botschaft vom 18. Ianuar: „iln« aber und Unfern Rach- folgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen. allezeit Mehrer des Deutschen Reiches zu fein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt. Freiheit und Gesittung." Was besagen diese wundervollen Worte anderes, als was in der Zeit der Sehnsucht der Dichter sang? „Einigfell und Recht und Freihell für das deutsche Daterland. danach laßt uns alle streben, brüderlich, mit Herz und Hand. Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand. Blüh' im Glanze dieses GLickes. blühe, deutsches Vater- land."
hohe Zollsätze jeden Absatz im unbesetzten Deutschland und im Auslande systematisch unterbanden.
So ist es verständlich, baß trotz mancher Enttäuschungen das Londoner Abkommen im Herbst als wesentliche Erleichterung betrachtet wurde Die Eisenindustrie konnte sich, wenn auch nur langsam, wieder erholen und ist zur Zell recht gut beschäftigt. Anders der Bergbau, her nach tote vor unter Absatzschwierigkeiten leidet und wegen der starken auf ihm ruhenden Lasten — Schulden. Steuern. Sozial- lasten, Zinsen. Eisenbahnfrachten — noch oft mit Derlust fördert, also außerstande ist, durch einen weiteren Preisabbau die Ab ahkrise zu überwinden. Dem Preisabbau stehen auch Lohnerhöhungen im Wege, die im letzten Iahre vorgenommen wurden, von denen die letzte im Dezember sogar die Schließung weiterer unrentabel gewordener Zechen notwendig machte.
Dte Lohnkämpfe des vergangenen Jahres waren besonders schwer im Monat Mai. Doch war eine längere und anhalt ende Ruhe unter der Arbeiterschaft des Ruhrgebiets im letzten Iahre eigentlich überhaupt nicht zu verzeichnen. Das ist natürlich einmal auf die Teuerung zurück- zuführen, bamt aber auch auf die Agitation der sozialistischen Gewerkschaften, die der Arbeiterschaft von Zeit zu Zeit die nahe Wiedereinführung der achtstünd'gen Schicht über und der siebenstündigen unter Tage in Aussicht stellten — was natürlich niemals eintrat —, dafür aber stets Anlaß zu 'Verstimmungen gab, die dann von so- zialist.scher Selle noch künstlich gesteigert wurden
Aber auch unter der Arbellgebrrschaft machte sich, und zwar gerade in den letzten Monaten des vergangenen Iahres. eine scharfe Beunruhigung bemerkbar, da vom ReichsarbellSministerium auS die Arbeitszeit in den Hochöfen und Stofe- reien verkürzt werden soll, was unzweifelhaft auch die Arbellerschaft anderer Produktionszweige mit den gleichen Forderungen auf den Plan rufen wird.
Die Ruhrwirtschaft ist nur. in das neue Jahr ftinetngegangen, ohne daß sich bisher wesentliche Aussichten eröffnet hätten, die Eisen- und die Montanindustrie wieder einigermaßen gewinnbringend zu gestalten. Man hat auch wenig Hoffnungen, daß es in absehbarer Zeit gelingen werde, den Absatz von Kohle und Eisen zu vergrößern, da die Reichsbahn an den übermäßig hohen Tarifen und an der im Frieden ganz unbekannten Derkehrssteuer festhält. Ebenso ungünstig wirken die hohen sozialen Abgabe n, bei deren Derminderung aber natürlich mit allergrößter Dorsicht zu Werke gegangen werden muß. Dielleicht würde auch eine gerechtere Verteilung der Steuern und eine Herabsetzung der Zinsen für die großen aufgenommenen Schulden zugunsten einer Preisherab.etzung vor allem für Kohle wirken Hand in Hand damit würde natürlich dann auch sofort eine Preissenkung der Gegenstände des täglichen Bedarfs eintreten, d. h. es würde sich die Kauftrast der Löhne heben. Bis jetzt haben Lohnaufbesserungen eine Hebung der wirklichen Kaufkraft noch nicht zur Folge gehabt, weil
Das Reick Wilhelms und BtSmarckS liegt am Boden Die Verhältnisse sind stärker gewesen als die Menschen. Es steht un# nicht zu. Einzelne, gar einen Einzelnen verantwortlich zu machen für das rasende Tempo einer ungeheuerlichen Entwicklung, her tpir zuerst mit Staunen und Bewunderung, bann mit tr-achsender Beklemmung und Sorge gefolgt sind, bis sich der grauenvolle Abgrund auftat. in dessen Strudeln wir verlanten. Run mühen wir uns. wieder aufzurichten, was zerbrach, in anderen Formen. Ob besseren, wird die Zukunft lehren. Wiederum leben wir in her Zeit der Sehnsucht. Wer die glorreichen Tage erlebt hat. in denen das Reich erstand, dem har* man eS nachfühlen, wenn er, Bitterkeit im Herzen, noch im greifen Haar den Blick gerichtet hält auf die Ideale seiner Iugend und die Männer, die ihm Führer waren auf dem Wege zu nationale): Wohlfahrt. Freiheit und Gesittung. Aber er muß auch Verständnis besitzen für die Röte eines anderen Geschlechts, auf das die Schlage des Schicksals mit furchtbarer Gewalt nicbcrge- fault sind, und das in der Bitterkeit seines Herzens sich den Blick nicht frei zu halten vermag für eine größere Dergangenheit. Sie sollen Beide ihre Hoffnung fetzen auf die Iugeid. die un gährenden tteberfchwung ihrer Gefühle nach dem rechten Wege sucht, um unser Daterland aus der Rächt der Pein und Schmach wieder htnaufzusühren an dos Sonnenlicht der Freihett und des Friedens. Was der Kyss- Häuser birgt, werft niemand, und niemand kann sagen, wer ihn offnen wird.
Eines aber willen wir alle ober sollten es wissen. Zu Deutschlands Größe geht der Weg nur durch Einigleit und Recht und Freiheit. Wie oft führen wir diese Worte im Munde, und wie tpcniq handeln wir danach! Wo ist unsere Einigkeit, wo unser Recht, wo unsere Freiheit? Zerbrochen, verachtet, besudelt, ihtb wer hält die Wacht am Rhein, von der wir in besseren Tagen gelungen haben? DaS grinsende Gesicht des hohnlachenden Tyrannen wird nicht verschwinden, und der Albdruck auf unserer Brust wird nicht «reichen, solange das Messei des Parleizwistes in unserem Innern wütet. Möchten die Worte der Botschaft vom 18. Ianuar 1871 in uns allen Widerhall finden, toe» Geistes Kinder wir auch sind. Dann erst werden auch die Worte wieder Wahrheit werden, in denen der Dichter unterer aller Sehnsucht und unserer aller Hofftrung zusammengefatzt hat:
aus Anlaß der letzten Aufbesserungen sich stets eine Heraufsetzung der Preise im Kleinhandel ergeben hat. Hier hätte das Reich ein dankenswertes Arbeitsgebiet, auf dein es für das Ruhrgebiet nach seinen schweres Leiden viel tun tonnte. Außerdem Liegt eS im Interesse des Reiches, den alten Abs atz- markt her Ruhrkohle auch im unbef ctzten Deutschland wieder zu begründen.
Die erfreulichste Feststellung, die man in diesen Tagen der Rückschau aber noch machen kann, ist die Erkenntnis von der unglaublich zähen Lebensenergie des Ruhrgebiets,die sich im vergangenen Iahre bewiesen hat. Es ist bezeichnend, daß bei einem Vergleich der Wohnungsbauten in den einzelnen Städten des Reiches gerade die des R u h r - gebietes mit an erster Stelle stehen. Ueberaü regt sich neues Leben, die einzelnen Städte arbeiten an der Derschönerung des Stadtbildes und an der Vereinheitlichung der Stadttelle, die ia ost aus den verschiedensten Gemeinden zu einem Ort zusammentouchsen. So hat be'onders Dortmund große Pläne. Der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk beabsichtigt die Schaffung neuer Verkehrseinrichtungen und durchgehender großer Straften, auf denen ein neuer Krastwagenverkehr durch bai ganze Gebiet hindurch ausgebaut werden soll So ist das Iahr 1925, auch wenn es noch so nebelig beginnt, voll guter Hoffnungen wegen der zähen Ausdauer, die das Ruhrgebiet bewiesen hat und weiter beweist.
zu sein, denn zahlreiche Zeugen bestätigten die Aussagen, bei der Schneeschmelze in einer Gebirgsschlucht auf ein verendetes Pferd gestoßen zu sein, das noch vollständig bepackt war, und zwar mit Lebensmitteln, mit Konserven aller Art und mit einer Tasche voll Papieren. Darunter befanden sich auch Empfehlungsbriefe der deutschen. englischen und russischen Gesandtschaft in Peking an die Kommandanten zweier Forts in Pamir, eines russischen und eines chinesischen, und diese Schreiben waren ebenso wie eine Anzahl Anweisungen an die Stammesältesten in den kll- gisischen Lagern und wie die beiden Pässe auf die Ramen Murrays und Gerts ausgestellt. Daraus geht also zweifellos hervor, daß die Expedition gescheitert sein muß, denn ohne Karlen war für sie in dem vereisten Gebirge kein Weiter- kommen möglich, und wenn sie sich wllklich nach einem der beiden Forts hätten durchschlagen können, so wären schon der Paßlosigkeit halber entsprechende Rachftagen nadj Iarkent und Kcllch- gav und vielleicht bis nach Peking hin ergangen, denn das Schicksal der beiden Verschwundenen hat ja halb Asien in Bewegung gesetzt!"
Alexe nickte. Sie hatte die Papiere durchblättert und hielt nun den Brief des Herrn Beardsley in der Hand.
„Der Mann schreibt", sagte sie, „daß er seinen Auftrag als beendet betrachte. Er sieht in der Auffindung des Packpferdes den Beweis für den Untergang der Karawane. Das Gelände in der Umgebung der Schlucht ist abgesucht worden, man ist auch hier und da auf animalische ileberrefte, auf Menschen- und Tierknochen gestoßen, aber die Schneestürme und die Wölfe Pamirs fordern alljährlich Opfer, und die unzugänglichen Höhen und die Tiefe der Eisspalten bergen unlösliche Geheimnisse. Für Mister Beardsley ist der Tod Gerts gewiß — und auch Theda wird sich in ihre Wittvenschaft sinden müssen."
Hellmut schwieg einen Augenblick. Ein Schatten ging über seine Stirn.
„Armer Gert", sagte er dann.
Alere hatte sich erhoben und trat an das Erkerfenster, ilnö während ihr Blick über die verschneiten Aecker und Wälder draußen schweifte, fühlte sie eine starle Wallung in ihrem Herzen. Lin heißer Tropfen Blut fiel auf diesen geheimen
Grundlagen 0erfolgen als vordem Ich lernte sie. sie reichen zurück bis zur Hochzell Gerls und seiner Abreise nach China. Aber ich hätte mich dagegen gefträubt Ich hätte es mll meiner Mannesehre nicht für vereinbar gehalten, einem Fernen das Weib abspenstig zu machen."
„Die Mannesehrc Gerts hatte nichts gegen seine Verkuppelung mll einem kranken Kinde. Es wäre eine höhere Ehre gewesen, dies Band zu lösen. Aber streiten wir nicht."
„Rein, strellen wir nicht. Heut liegt alles anders. Gerts Tod gibt Theda die Freihell, ich kann um sie werben. Deine moralische Zucht hat mich härter gemacht, Lese. Ich prüfe nicht mehr, ich will "
„Und sie?" fragte die Schwester.
„Sie ist mein, wenn ich will.
„Gut..." Alere glitt in den Sessel. . „Ich habe die Gesetzbücher durchstöbert, sand auch Gelegenheit zu einer Rücksprache mll meinem juristischen Beirat. Seiner Dislretivn bin ich sicher. Gesetzlich ist Gert noch nicht tot, es muß erst feine Todeserklärung beantragt werden. Rack dem bürgerlichen Recht wurde das nicht vor drei Iahren von dem Zeitpunkt ab möglich sein, ber als der Beginn des Derschollenseins anzunehmen ist. und jetzt ist erst die Hälfte dieser Zeit ver» strichen. Aber die letzten Berichte über die Expedition Murray ermöglichen eine frühere Todeserklärung. Ihr müßt versuchen, das Ausgebot bei den Gerichten baldigst zu erreichen — falls Theda damit einverstanden ist."
„Daran zweifle ich nicht", erwiderte Hellmut. „Vergiß nicht, wie alles liegt. Ihre Heirat erfolgte unter einem Zwange, ihre Krankheit machte sie willenlos. Sie gehorchte öcm Befehl ihres Vaters. Rach der Hochzeit trennte ihr Mann sich von ihr Rasch geschriebene Briefe blieben die einzige Verbindung. Was sie sonst noch von ihm vernahm, war wenig erheiternd. Dann kam der Skandal von Peking. 5'e hat oft mll mir über Gert gesprochen und dabei fiel manches herbe Wort. Dann tauchte er unter, man hörte nichts mehr von ihm. llnd inzwischen hatte Theda die Fesseln der Krankheit abgeworfen, die Genesung brachte ein neues Sehnen — es ist alles so begreiflich! Ich weiß nicht, wie sie die Rachricht von feinem Tode aufnehmen wird aber eine Erlösung ist er für sie."
Opfertisch. Kein Weib vergißt eine erste Leidenschaft. Aber Milleid mit Begangenem war ihr fremd. Der Tod Gerts löschte eine Schrift auf der Tafel ihres Lebens, doch den Griffel htelt sie in der Hand und schrieb neu über dem Verlöschten, schrieb die Befehle ihres Bluts, so gewaltherrisch, tote ihre Leidenschaft gewesen war.
Sie wandte sich zurück und blieb vor Hellmut stehen.
„Warum bedauerst du ihn?" fragte sie. „Es ist ein Glück für ihn. daß er frühzeitig starb. Er war gewiß kein Hinterwettler und feiner von den Dutzenden, llnd daß immer das veredelte Raubtier in ihm schrie, formte mich ihm nur näher bringen, denn es war Instinkt unsrer Rasse, Im Einquecento hätte er eine Welt erobern können, in unsrer Zell der Kompromisse war er ein lächerlicher Eroberer. Er schloß Verträge mit sich selbst, um den andern und sich zu gefallen, und da wurde er zum Pharisäer. Er zerbrach seine Ichsucht, wenn einmal das Herz ihm weich wurde, und dann war er ein Schiff ohne Steuer. Er wußte wohl, was er wollte aber oft nicht, was er tat. Man ist Adler oder Kriechtier, man ist schlecht in den Augen der Blöden oder gut in der Fülle alb enter Tugend, nur soll man nicht halb sein. An seiner Halbheit wäre Gert doch endlich gescheitert."
„Ein bitterer Rachruf", sagte Hellmut.
„Die Wahrheit ist fein Flötenspiel. Bruder. Auch für Theda ist Gerts Tod ein Glück. Zu Zarathustra sprach einmal ein Weib: Ich brach die Ehe, doch zu oft brach die Ehe mich. So wäre es mll Theda gekommen. Dauerndes Glück konnte Gerl nicht spenden. Rie über die Feierstunde hinaus. Thedas Sehnen geht nach dem kleinen Glück des Behagens, nach dem Familien- tisch und der Kinderstube, nach dem, was du ihr schetcken könntest, weil du zu den Bescheidenen gehörst und den Sichsügenden, zu den Braven der Herde."
„Dank für das Urteil, Lexe! Es hat seine Stacheln, aber es mag treffen. Ich war immer anberä als du."
„Sei's wie es fei, jedenfalls ift der Tod Gerts auch für dich ein Glücksfall, so wie für Theda und für ihn selbst —“
„Und tote für dich", ergänzte Hellmut. „Denn mm kannst du deine Pläne auf bequemeren


