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m. 296 Erstes Blatt
175. Jahrgang
Zreilag, 18. Dezember 1925
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Dr. Fnedr Wilh. Cangc. Verantwortlich.
für Politik und Feuilleton Dr. Friede Dich. Gange; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An« zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich tn (Biehen.
Die Moffulentscheidung und das Irak.
[ • Bon unserem Genfer vr.-tt.-Berichterstatter.
1 (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Genf, 15. Dezember 1925.
Die Entscheidung über die Mossulfrage hat man zu Unrecht meist nur unter dem Gesichtspunkte ihrer Bedeutung für die Türkei oder für die englische Stellung nn Orient gesehen. Ist doch der dritte nur selten genannte Staat, das Irak, unter dessen Vermattung das strittige Gebiet heute steht, an der Losung der Frage mindestens soweit interessiert, wie cs die beiden anderen auch sind. 3a, darüber hinaus kann man sagen, daß von dem Ausgang dieser Angelegenheit für das Irak alles, wenn nicht zum mindesten Englands Stellung zu dem Lande abgehangen hat. Denn der Bündnis- und Schutzoertrag, auf Grund dessen England die Vertretung des Landes vor dem Völkerbund führte, und der zugleich die rechtliche Grundlage des erst 1924 erteilten Mandates ist, wurde ja von der Nationalversammlung des Gebiets nur unter der Bedingung ratifiziert, daß das Mossulgebiet in seinem ganzen Umfange dem Lande verbliebe. Und selbst, wenn man diese juristische Tatsache als bedeutungslos bezeichnen will, so bleibt doch eben die Tatsache übrig, daß der Verlust des Mosiulgebiets strategisch und wirtschaftlich das schwache Land so sehr geschädigt hätte, daß zum mindesten innerpolilisch eine sehr schwierige Situation daraus erwachsen wäre.
Das möge kurz aus der inneren Struktur des Landes begründet werden. Das Irak umfaßt unter Einschluß des strittigen Mosiulgebietes etwa 320 000 Quadratkilometer, allo ungefähr fünf Sechstel der Größe des heutigen Deutschlands, hat aber nur eine Bevölkerung von etwa 3 Millionen Köpfen. Ist bereits die unregelmäßige Vertellung der Bevölkerung über das Land verwaltungstechnisch von Bedeutung, da hier neben Großstädten wie Bagdad und Basra Wüsteneien liegen, so wird diese Schwie- rlgfeit noch dadurch vermehrt, daß es sich hier um eine stammesmäßig, kulturell und religivnsmäßig außerordentlich differenzierte Bevölkerungsmasse handelt, die ihrerseits durch kein besonderes Band, wie etwa ein Nationalitätsbewußtsein, verbunden ist. Sv stehen etwa einer Million Beduinen etwa zwei Millionen Ansässige, 2,4 Millionen Arabern Minderheiten von 350 000 Kurden, 60 000 Türken, 60 000 Persern, 40 000 Chaldäern, 30 000 Ieziden, 20 000 Armeniern und 60 000 Juden, etwa 1,4 Millionen Sunniten, die gleiche Zahl Schiiten und etwa 200 000 Andersgläubige gegenüber. Der im Lande bodenständige Neligionshaß zwischen den oehen, die Gegnerschaft dor Scheichs der Stämme und der Fanatismus und jeder Neuerung feindlich gesinnte Geist der ungebildeten Stadtbevölkerun- gen verschärfen dabei die Gegensätze zwischen allen diesen Volkssplitern so sehr, daß es sehr unwahrscheinlich märe, wenn diese Bevölkerung von selbst zusammenhielte. Da jedoch auch kein einzelner Dolksteil allein für sich imstande ist, die anderen zu majorisieren, so liegt die tatsächliche Macht in den Händen der zahlreichen angesehenen Familien und Priesterschaften, die natürlich nie mehr als den jeweiligen Vorteil zu vertreten vermögen. Würde eine Zentralgewalt fehlen, so würde im Lande wahrscheinlich eine politische Verwirrung herrschen welche an das bekannte Bibelwort von der „babylonischen Sprachen- und Völkeroerwirrung" nur allzusehr erinnern würde.
Trotzdem also das Schwergewicht des Landes in der Zentralregierung liegt, hat es diese schwer, allen diesen mannigfaltigen Elementen gerecht zu werden. Denn über sie ohne weiteres hinwegzugehen, hieße die Leidenschaften der Bevölkerung wecken, was, wie es ja auch der Aufstand von 1920 zeigte, äußerst gefährlich märe. Diese Zentralregierung muß aber dennoch über ein gcroiffes Maß von Ansehen und positiver Macht verfügen. Der kriegerische Geist der Kurden und Beduinen, der Glaubenseifer der Schiiten wollen durch Bajonette gezügelt sein.
England hatte daher von Anfang an es nicht leicht, zwischen den beiden Schwergewichten der inneren Politik des Landes eine Politik des Ausgleichs und der mittleren Linie zu treiben. Aber die Hauptschwierigkeit war eben die, eine geeignete Persönlichkeit für die Zentralregierung des Landes zu finden. Der Emtr Peisial, den man 1920 in das Land berief, und 1921 nach einer Volksbefragung zum König des Landes proklamierte, mar ja nach feiner politischen Vergangenheit zweifellos eine für die Engländer sehr bequeme Persönlichkeit, aber er war völlig landfremd und flammte aus einer Gegend Arabiens, in der noch wildere Sitten herrschen, als im vergleichsweise zivilisierten Mesopotamien. Ließ man jedoch diesen Mann im unbeschränkten Besitze seiner Macht, so hätte er gefährlich werden können. Es mußte daher erst erprobt werden, ehe man ihn dauernd auf dem Throne lassen konnte. Anderseits war dieser Mann den Nationalisten des Irak, obgleich er ja auch Panarabist gewesen war, keineswegs eine genehme Persönlichkeit. Er galt als Werkzeug der Engländer und begegnete im Anfänge feiner Regierung ausgesprochenem Mißtrauen, daß erst seine kluge und nicht ungeschickte Vertretung der Interessen des Landes in den Verhandlungen mit England zu beseitigen vermockte. So war die ^Regierung des Landes lange nicht stabil, und die Stimmung des Volkes eine häufig schwankende. Die Verwaltung des Landes selbst blieb icdoch, was europäische Beobachter häufig zu übersehen haben scheinen, durchaus eine stetige, die sich dem gesetzten Ziele, nämlich dem Aufbau einer geregelten Verwaltung von Jahr zu Jahr mehr zu nähern vermochte. Das gesamte Land wurde vermessen, die Bevölkerung gezählt und registriert, eine vernünftige Steuererhebung eingeführt. Schulen wurden erbaut und ein Verwaltungsapparat geschaffen, der zweifellos von der großen staatspöli-
Das Scheitern der Großen Koalition.
Koch gibt seinen Auftrag zurück. — Vertagung der Regierungsbildung.
Berlin, 17. Dez. (TU.) Die heutige Parteiführerbesprechung unter Vorsitz des Abg. koch (Dem.) war nur von ganz kurzer Dauer. Am Schluß der Sitzung wurde folgendes Kommunique ausgegeben:
„3n der heutigen abschließenden Parteiführerbesprechung gab der Abg. Müller-Franken (So;.) folgende Erklärung ab:
„Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion erkennt an. daß der Abg. Koch, dessen republikanische und denwkratische Zuverlässigkeit außer Zweifel fleht, sich auf das eifrigste bemüht hat, für eine Regierung der Großen Koalition eine Basis zu finden, die für die Sozialdemokratie, das Zentrum, die Demokraten und die Deutsche Volkspartei annehmbar Ist. Die Fraktion muh jedoch seftstellen. daß durch das mangelnde Entgegenkommen der Deutschen Volkspartei, besonders in den sozialen und wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die In diesem Winter überaus dringend sind, diesen Bemühungen kein Erfolg beschieden war. Selbst ;u dem Programm des Abg. Koch hat die Deutsche Volkspartei jede klare Stellungnahme vermieden. Die Fraktion kann in der Formulierung. die ihr auf Grund der Besprechung der Parteien neuerdings oorgelegt wurde, eine geeignete Grundlage für die Bildung einer Re- glerung der Großen Koalition nicht erblicken."
Das Zentrum erklärte, daß es sich aus den Boden der Richllinien gestellt habe. Die Deutsche Volksparlei erklärte gleichfalls, daß sie zwar an einigen Stellen Bedenken erhoben habe, sich trotzdem aber auf den Boden der Rich t- llnien stellen könnte. Dieselbe Erklärung wie das Zentrum gab die Demokratische Partei ab. Der Abg. Leicht erklärte für die Bayerische Volkspartei, daß sie von einer etibgültigen Stellungnahme absehe. Der Abg. Koch stellte daraufhin fest, daß die Bemühungen um die Errichtung der Großen Koalition gescheitert seien. Er werde seinen Auftrag alsbald dem Reichspräsidenten zurückgeben.-
Minister Koch gibt seinen Auftrag zurück.
Berlin, 17. Dez. ($H.) le die Telegraphen-Llnion erfährt, ersch'en heute vormittag um 11 lUjr der Abg. Koch beim Herrn Reichspräsidenten und gab ihm den Auftrag zur Regierungsbildung auf der Grundlage der Großen Koalition z u r ü ck. Der Herr Reichspräsident dankte dem Abg. Koch für seine mühevolle Arbeit, die, wenn sie auch kein posb- tives Ergebnis hatte, doch wesentlich zur Klärung der politischen Lage beigetragen habe.
Jin Hinblick auf die heute im Reichstag beschlossenen Weihnachtsferien des Parlamentes ersuchte der Herr Reichspräsident den Reichskanzler und die Reichsminister, die Geschäfte auch fernerhin weiterzuführen. Der Herr Reichspräsident wird seine weiteren Entschließungen in der Frage der Reubildung der Reichsregierung rechtzeitig vor dem am 12. Januar nächsten Jahres folgenden Wiederzusammentritts des Reichstages machen. Der Herr Reichspräsident hat im Laufe des heutigen Abends den geschäfts führen den Reichskanzler Dr. Luther empfangen.
Die Richtlinien Kochs.
Berlin, 17. Dez. (TL1.) Die Richtlinien des Abg. Koch, die die Grundlage der Partriführerbesprechungen der letzten Tage bildeten, werden nunmehr im Wortlaut ve.öfsentlcht:
Punkt 1 fordert Sicherung und Festigung der Verfassung und der Republik, sowie Kamps gegen alle verfassungsfeindlichen Elemente.
Punck 2 die Fortsetzung der Außenpolitik Luthers zur europäischen Verständigung und zur Herbeiführung der Gleichberechtigung und Freiheit Deutschlands, sowie Rü- stungsbeschräntung.n aller Staaten Europas.
3. Durchführung des Selbstbestim- mungsrechtes der Völker, auch, wo es sich um Deutsche handelt. Vertiefung der Beziehungen zu deutschen Minderheiten im Ausland.
4. Befreiung des deutschen Bodens von fremder Besatzung, Beschleunigung der Abstimmung im Saargebiet, Gleichberechtigung zur Lust.
5. Eintritt in den Völkerbund entsprechend den Erklärungen der Regierung Luther, Annäherung der europäischen Staaten, um Europa seine wirtschaftliche, kulturelle und politische Stellung zu erhalten.
6. Herbeiführung eines europäischen Wirtschaftsfriedens, Drrständigung der europäischen Völker über Produktion und Absatz, entschiedene Handelsvertragspolitik, Beteiligung an einer Weltwirtschaftkonferenz.
7. Förderung einer gesunden Erwerbs- und Wettbewerbswirtschaft, Bekämpfung einer Vormachtstellung der Kartelle, Förderung der Hmftetlung der Wirtschaft durch Hand-in-Hand-arbeitcn von Regierung und Wirtschaftskreisen, hierzu zielbewußte Kreditpolitik.
8. Intensivierung der Landwirt- schäft und Förderung des Siedlungswesens unter besonderer Berücksichtigung der Verdrängten.
9. Ein Gesetz zur Durchführung einer gerechten und mit dem Staatswohl vereinbarten Abfindung der ehern. Für st en.
10. Ein neues Schulgesetz nach dem Grundsätzen des Artikels 146 der Reichsverfas- sung unter Wahrung von Gewissensfreiheit und Elternrecht.
11. Politische und konfessionelle Gleichberechtigung bei der Aemler- besetznng.
12. Schaffung einer Reichshandwerks- o r d n u n g.
13. Verabschiedung eines Arbeiterschutzgesetzes, das den Kinderschutz, den Frauen- sch. tz und die Sonntagsruhe kodifiziert und die Arbeitszeit im Rahmen des Washrngtoner Abkommens auf der Grundlage des achtstündigen Arbeitstages regelt. Ratifikation des Washingtoner Abkommens unter der Voraussetzung, daß mindestens Frankreich und Belgien die Ratifikation vollziehen.
14. Ein Gesetzentwurf auf Grund des Artikels 16 der Reichsverfassung (paretätische Arbeitnehmervertretungen).
15. Beschleunigte Verabschiedung des Gesetzes über die Arbeitslosenversicherung, bis dahin Anpassung der Erwerbslosenunter- stühung an die wirtschaftliche Rot.
16. Verabschiedung des Arbeitsgericht s ge s e tz e s.
17. Rachprüfung des Steuerwesens zur Herbeiführung von Steuererleichterungcn, besondere Rücksichtnahme darauf, daß Lohn- und Hm- satzsteuer und die übrigen indirekten Steuern eines Abbaues zum mindesten in demselben Maße bedürfen, wie die Desitzsteuern. Verschärfung der Steuerkontrolle, Dabei Beteiligung von Vertretern der Oesfentlichkeit. Vereinfachung des Steuerwesens, Ersparnismahnahmen im öffentlichen Haushalt.
18. Heranziehung von Lieberschüssen aus Reichspost" und Branntwe'.n Monopol, Abgrenzung des Aufgabenkreises zwischen Reich, Ländern und Gemeindcn. erhöhte Selbständigkeit der Länder und Gemeinden in der Deckung ihrer Ausgaben.
19. Beschränkung aller finanziellen Maßnahmen durch die Rotwendigkeit, die deutsche Währung zu erhalten.
20. Berufung eines Sachvevständigen-Aus- schusses zur Begutachtung und Durcharbeitung der vorgeschlagenen wirtschaftlichen und finanziellen Maßnahmen.
Das Zentrum hält an der Großen Koalition fest.
Berlin, 17. Dez. (TU.) Die Zentrumsfraktion beschloß, auch nach Ablehnung der Sozialdemokraten e.nmütig an ihrer bisherigen Auffassung festzuhalten, daß die Große Koalition allein den Erfordernissen der Gegenwart ent
spricht, sie wird dieses Ziel auch weiterhin mit aller Entschiedenheit verfolgen.
Vertagung des Reichstags.
Berlin, 17. Dez. Der Reichstag ist heute in die Weihnachtsserien gegangen, die bis zum 12. Januar 1926 dauern sollen. Ohne große Debatte wurde in allen drei Lesungen ein Gesetzentwurf angenommen, der die Ausfuhr von K u n st g e g en st ä n d e n bis zum 31. Dezember 1927 verlängert. Bei dieser Geleaenheit verlangte der Zentrumsabgeordnete Schreiber staatlichen Schutz der Dome in Mainz und Köln gegen die Gefahr des Zerfalles. Die 3. Beratung des Lanowirtfchaftsetats wird im nächsten Jahre fortgesetzt. Der ReichstagSpräsi- dent L o e b e entließ die Abgeordnetcn mit den besten Wünschen zum WeihnachtSfeste und zum Reuen Zähre.
Aus dem Preußischen Landtag.
Berlin. 17. Dez. Der Preußische Landtag beendete heute die dritte (Slatbctatung und stimmte auch dem Etatgesetz zu. Bei der Beratung des Etats der Bergverwaltung, die die dritte Haushacksberatung abschloß, gelangten Anträge zur Annahme, die Bezug nehmen auf die schweren Grubenunfälle der letzten Zeit, die eine Beseitigung der elektrischen Grubenlokomockve forderten und die Durchführung deS schon vor längerer Zeit im Landtag behandelten Prämienverbotes von der Regierung wünschen. Zur Behebung der Arbeitsloiigleit wird Förderung und Ausdehnung der Rotstandsarbeiten durch die Gemeinden gewünscht. Die schwierige Lage der deutschen Grenzgebiete kam in der Beratung von zahlreichen Anträgen des OstausschusseS zum Ausdruck, die gewissermaßen ein Programm zugunsten eines wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wiederaufstiegs der durch den Versailler Frieden vom Mutterlande abgetrennten Provinz Ostpreußen darstellten. Schließlich nahm bas Haus noch in zweiter und dritter Ve- tatung das Gesetz über die weitere Gültigkeit des bisherigen Schutzpolizeigesehes an. Dadurch wird die Dauer des Gesetzes bis zum 31. März 1926 verlängert. ,
(Ein Mahnruf der deutschen Industrie.
Vom Reichsverband der deutschen Industrie ist ein umfangreiches Wirtschaftsprogramm veröffentlicht worden, das gerade im gegenwärtigen Augenblick der Re^icrungs eubi fcung von ganz hervorragender Bedeutung ist, da es sich doch eben erst bet den Verhandlungen zwischen Koch und den Sozialdemokraten gezeigt hat, daß es nicht die rein politischen Fragen, sondern diejenigen wirtschaftlicher und finanzieller Ratur sind, von denen das Zustandekommen eines neuen Kabinetts abhängt. Aus diesem Grunde, und vor allem auch deswegen, weil gewisse Parteien trotz aller sichtbaren Zeichen fortschreitenden Wirtschaftsverfa'.lS und seiner verheerenden Rückwirkungen auf das deutsche Volk die Wirtschaft noch immer als eine nie versiegende Steuerqueile ansehen, die um so stärker in Anspruch genommen werden kann, je heftiger die Rot wird, ist es zu begrüben, daß der Reicl's verband in durchaus sachlicyer Form einmal rach allen Seiten hin nicht nur mahnende Worte rich.et, sondern auch gleichzeitig Wege weist, die unbedingt beschritten werden müssen, wenn wir nicht eines Tages vor dem Ruin stehen und unter eine ausländische Wirtschasts- und Finanzdiktatur geraten wollen, wie sie uns von dem mit den weitgehendsten Vollmachten ausgestatteckn Repara- tionsagenten droht und tote sie Oesterreich sehr zu seinem Leidwesen schon über sich ergehen lassen mußte.
Als erste Voraussetzung einer Wicdergene- sung der Wirtschaft und damit Beseitigung der Arbeitslosigkeit fordert die Spitzenorgairisation der deutschen Industrie Rückführung der Steuern auf ein erträallches Maß und Anpassung der steuerlichen Abgaben an die Leistungsfähigkeit des einzelnen Betriebes. Man kann wohl getrost behaupten, daß
tischen Begabung der hier eingesetzten englischen Ratgeber spricht. Allein die Verfassung des Landes hatte unter dcn ungünstigen politischen Konstellationen zu leiden. Zwar war bereits 1920 eine konstituierende Nationalversammlung einberufen worden, aber erst 1923 wurde das Landesgesetz, das zugleich mit dem englischen Vertrage verhandelt wurde, unter Dach und Fach gebracht, ur.d erst 1923 konnte ein Wahlgesetz verkündet werden. Und, was besonders charakteristisch ist, erst am 1. November d. I. wurde das erste verfasiungsmäßige Pailamenl eröffnet. Erklärlich daher, wenn man angesichts dieser Vorgänge die Lage sehr lange für sehr unsicher gehalten Hot. Jedoch liegen die wirklichen Gefahren für den mesopotamlsche-u Staat nicht auf diesen Gebieten. König und Parlament halten sich bis zu einem gewißen Grade im Gleichgewicht. Vielmehr sind die gefährdeten Elemente in zwei anderen untereinander eng verbundenen Fragen zu sehen: In her Militär, und Finanzfrage. Ein Bud- I get von 150 Lakhs Rupien (ein Lakh sind etwa ! 120 000 Goldmark) ist für dieses arme Land eine
ganz ungeheuerliche Last. Heißt das doch eine Belastung von fast 10 Mark auf den Kopf der Bevölkerung, die ungefähr mit dem zehnten Teil dessen auskommen muß, was mir als Standard zu bezeichnen pflegen. Anderseits braucht das Land, wenn es wirklich erschlossen werden soll, Eisenbahnen und kostspielige Bewässerungsanlagen, und endlich eine ausreichende Armee zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung. In den ersten Jahren der Verwaltung trug nun zwar England einen großen Teil der Ausgaben, aber unter dem Druck der eigenen finanziellen Lasten wurde die anglo-indifche Regierung aczwungen, mit dem Irak einen Vertrag adzu- schließen, der eine allmähliche Ueberführung der Armeelasten aus das Irak oorsieht. Wenn heute bereits, nachdem erst die Hälfte des Programms verwirklicht ist, diese Lasten über 30 Lakhs betragen, so kann man sich oorstellen, welche Sorge den König erfüllt, wie das erst in der Zukunft werden soll. Es bleibt eigentlich dem Lande nichts anderes übrig, als feine Eisenbahnen (was zum Teil geschehen ist) und feine Delfelöer zu verpachten, um
sich hiergegen Anleihen gewähren zu lassen. Das Land hängt also am goldenen Faden der englischen Subsidie.
Und unter diesem Gesichtspunkte war die Mossulfrage von besonderer Bedeutung. Denn der Verlust Mossuls würde nicht nur den Verlust von einem Drittel der Bevölkerung, sondern auch den Verlust der Delfelber und des aussichtsreichsten Bauernlandes im ganzen Gebiet bedeutet haben und würde, eben infolge der strategischen Bedeutung des Gebietes, au erhöhten militärischen Sicherungen gezwungen haben. Das wäre natürlich von nicht ab- zufchender Wirkung auf das Irak selbst gewesen. Wenn man also schon dem etwas künstlichen Gebilde des heutigen mesopotamischen Staates eine Lebensberechtigung zuerkennen will, fo haben die Engländer mit ihrer Behauptung, daß sie in der Mossulfrage nur die Interessen des Irak vertreten hätten, nicht ganz so unrecht, wie man es gemeinhin annimmt. Denn die Zuteilung des Gebietes an das Irak durch den Völkerbund nützt eben nicht nur England, sondern auch diesem jungen Staate.


