Fräulein Fob.
Roman von Anders Efe.
24. Fortjetzung. (Hochdruck verboten.)
Die eiLkalte Erfrischung kühlte ihre Nerven, ihr Blut, — Gabby begann ihre Enttäuschungen zu prüfen und fie zu ordnen. Alles in allem war es vielleicht gar nicht fo gefährlich. Natür- iio, wäre es besser gewesen, nicht so blindlings be.umzulaufen, wo eS doch Post und Telegraph qab, aber darüber, dah Fob ihr heilig gegebenes versprechen gebrochen hatte, kam Gabby nicht hinweg.
Die ganze sonst so widerliche Uebcrsayrt halte sie sich mit dem Gedanken beschäftigt, wie überrascht Fob sein würde. Beinahe zwei Jahre lang, also eine halbe Ewigkeit, hatte man von" einander nichts gehört, der Gedankenaustausch durch die Post hatte plötzlich aufgehört: auf einen Bries und zwei in langen Zwischenräumen abgcsandte Karten war keine Antwort gekommen, und somit hatte die Korrespondenz ihr Ende gesunden so wie ein Licht auslöscht. Gabby grübelte über Zobs Schweigen nicht viel nach, und als der Tag der Heimreise näher kam, war sic beinahe froh, dah oll die Neuigkeiten nicht in den schmalen, lilafarbenen Kouverts über die Nordsee geschickt worden waren. Gott, wieviel hatte man nun zu erzählen!
Das erste, was Gabbys Augen erblickten, als der Dampfer in den Hafen glitt, war Papa Filis Jacht. Da log sie und streckte ihren langen schlanken, schneeweihen Leib im Sonnenglanz, von reingeputzlem Metall funkelnd wie eben nur die Lustjacht eines Multimillionärs.
Ein gutes Zeichen, dachte sich Gabby, hier habe ich sic alle beisammen, den alten Fili und Fob, und Hempel und den Kapitän mit seinem verrosteten Bah. Sie sah sich schon an Bord, schleichend wie eine Angorakatze, um von rückwärts mit den Händen FobS Augen zu verdecken und mit heimlich verstellter Stimme zu fragen: ..Wer ist's?" Hnb dann genoh sie den Gedanken aus, welch freudige Ueberraschung sie erregen würde.
In dieser Erzählung wurde bisher keine Andeutung über Fräulein Dulcrofts Mut gemacht:
auS dem einen oder anderen hat der Leser vielleicht ersehen, dah sie nicht zu den -llci- schüchternsten gehörte. Aber als sie an 3orh der Jacht stieg, und aus die gerade geschilderte Weise zum Achterdeck rorschlich, wo fioj eine Gesellschaft in Sommerkleidern um eine ungeheure Schüssel voll bezuckertcr Erdbeeren dräng., verlor He vor Schreien fast den Atem Hid t ein Gesicht war da, das sie kannte. Uni) nachdem sie Hals über Kopf den Rückzug angetretcn. erfuhr sie von einem der Gäste, dah Erzellenz Thorben seine Jacht vor fast einem Iahr an einen ausländischen Magnaten verkauft Hobe, dessen Name klang wie das beste Gericht aus einer sranzösischen Speisekarte.
Enttäuschung Numm?r eins Die Iacht verkauft, die Iacht. die Fob ntchl weniger liebte als ihren Papa, der ihr versprochen hatte, sie niemals zu veräuhern, selbst wenn er fünfhundert Prozent bei dem Geschäft verdienen könnte.
Gabby lieh fich gar keine Zeit für den Lüstch. Bedrückt von bösen Ahnungen nahm sie ein Auto und fuhr sofort zum Thorbcnschen Palais hinaus, das gerade vor der Stadt lag. Hier begegnete ihr die Ueberraschung Hummer zwei, noch bevor der Chauffeur das Auto zum Halten gebracht hatte. Das Gartentor war geschlossen. Das vergoldete Gitter erhob sich abweisend und trotzig. Gabby konnte sich nicht erinnern, jemals früher dies gesehen zu haben.
Mit steigender (Nervosität suchte sic nach einem Knops, um darauf zu drücken, oder nach einem Glockenstrang, — dah dies mitten am Tage nötig war! Endlich fand sie, was sie suchte, einen halb vorn Schmiedewerk verhüllten Beinknopf. Das Signal gab drinnen im Gebäude ein bösartig surrendes, zischendes Echo, aber dennoch währte es volle drei Minuten, bis ein menschliches Wc^en sichtbar wurde.
Gott sei Dank. Gabby erkannte das Gesicht. Das war Walter, der früher auf der Iacht als erste Kajütenwache diente, ein bescheidener, aber denkfauler Mensch, der offenbar zum Zerberus in diesem verschlafenen Schloh befördert worden war.
Zum Glück - Gabbys Nerven vertrugen nicht mehr viel — betrug sich Walter in diesem kritischen Augenblick genau so, wie er sollte:
er zog die Mütze, öffnete das Dartentor. verbeugte sich und sagte: ..Nein, daS Fräulein Dulcrofl! Das ist aber eine Uebcrrafchung!"
. Was soll das hier bedeuten?" fragte das Mädchen in einem Ton, her klaren und augenblicklichen Bescheid forderte.
Walter begann sehr heftig zu blinzeln und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ah mehr kam es nicht. Er muhte nicht, was c: antworten sollte, der arme Walter und zog es daher vor, zu schweigen.
Gabby sah ein, dah sie ihre Fragen in Ordnung stellen muhte, und fing daher mit jener an, die ihr am nächsten lag.
Warum Haden sie die Iacht verkauft?"
..Wenn ich das mühte."
Walter schüttelte betrübt den Kopf.
..Ist Fräulein Fob zu Hause?"
Jetzt nahm Walters Gesicht einen Ausdruck noch tieferer Niedergeschlagenheit an.
„Es gibt kein Fräulein Fob mehr."
Ohne zu denken, was sie tat, packle Gabby den Bedienten so heftig am Arm. dah ihr Driss die Spuren ihrer feinen Fingernägel hinterlassen muhte, w
„Ist sie tot?“
„Das nicht," antwortete Walter leise. „DaS nicht, Fräulein Dulcroft. Aber Fräulein Fob ist verheiratet."
Sin leichter Windschauer erwachte unvermutet in einem fernen Winkel des Gartens und strich mit seinen schläfrigen Schwingen über die Kronen her Linden Glitzernd floh die Sonne über die Nasenflächen. *
Fob verheiratet! Kein Fräulein Fob mehr! Fob verheiratet!
Gabby fchluckte ihre Erregung hinunter. Aber sie muhte dreimal schlucken.
„Ist Onkel Fili.....ist Erzellenz zu Hause?"
.Ich bin allein hier, Fräulein."
„Und die Exzellenz?"
„ Fort."
„Bei Fob?"
Walter schüttelte abermals den Kopf. Jetzt sah es danach aus, als ob er an der Rcihs märe, etwas hinabzuschlucken.
Gabby beschloß, das Derhbr methodisch fort- zusehen. Walter war zwar wortkarg, aber zu
einem Ja oder New konnte man ihn doch noch bringen.
Zu beiden Seiten der dekorativen Marmor- treppe waren Nllchen eingelassen, dort pflegte man früher zu fitzen und aber alles mögliche zu plaudern. Gabbv zeigte dorthin:
„Komm."
Walter folgte ihr wie ein gehorsames Kind, aber es schien ihr. dah er darüber alles andere denn froh mar. Er muhte nicht viel, und waS er muhte, war nur Trauriges
„Allo, erstens einmal wann geschah ..... daS mit Fräulein Fob?"
Walter suchte nach einer Antwort. Erst suchte er danach über die Baumgipfel. hinweg, dann forschte er auf hem Rasen Aber trotzdem er die ganze Zeit den Atem anhielt und die Stirne in Falten zog, war da» Ergebnis recht armselig nicht eia Laut kam über seine Lippen.
.Heuer?" hals ihm Gabby.
„Nein."
„Voriges Jahr? 3m Sommer?"
..Nicht richtig?"
„Allo im Frühjahr?"
Stummes Nicken.
„Zweitens, wie hieh er?"
Wer?"
Gabby beherrscht sich
Mit dem sich Fob verheiratet hat?" Walter starrte in den Park hinein.
„So bars man nicht fragen!" sagte er schließlich.
„Wieso?"
„Weil cs nickt das Fräulein war, das sich mit jemandem verheiratete, sondern er. der sich mit dem Fräulein verheiratete."
„Daraus bist du nickt selbst gekommen, Walter," sagte Gabby entschieden.
„Nein," gab er bereitwillig zu. „Daraus ist Fräulein Lally gekommen "
Fräulein Lally, die Haushälterin. Hundert Ehanccn gegen eine also, dah die Beobachtung richtig mar. Gabbys Staunen kletterte mit Riesenschritten eine Höhe empor, die kein Ende zu nehmen schien. Fob hatte sich zur Hochzeit schleppen lassen wie ein willenloses Lamm auS hem Jahre 1850! Märchenhast
(Fortsetzung folgt.)
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