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Nr. 295 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfen)

Donnerstag, 17. Dezember (925

Die freie Schule der christlichen Weltanschauung

Auf denOffenen Brief in Nr. 289 des . 'Gießener Anzeigers" erhalten wir von Pfar­rer Weck, Steinfurth, folgendesOffenes Antwortschreiben", mit dessen Veröffentlichung wir die Diskussion schließen. D. Red.

Sehr geehrtes Fräulein Welter'.

Lassen Sie sich für Ihre freundlichen Zeilen, die Sie die Liebenswürdigkeit hatten, an mich zu richten, von Herzen danken; einmal dafür, daß Sie die Münze, die ich in der Prägung:Freie Schule der christlichen Weltanschauung^ ausgegeben habe, akzeptieren und meilergeben, sodann dafür, daß Sie mir die Möglichkeit geben, Gedanken, die man heule durch die Macht der Organisation mit eilen Mitteln zu unterdrücken sucht, auch gegen olle aufkommenden Bedenken zu behaupten. 'Viel­leicht machen Sie sich auch noch den Ausdruck: Staatliche Zwangsgemeinschaftsschule" zu eigen, allein ich will nicht gleich zu Anfang zu viel ver- langen.

Weiterhin muß ich Ihnen dafür danke», daß Sie offen ausfpredpen, daß man die Kinder in der Schule nicht auseinander reißen solle. Im Ziele find wir uns also schon völlig einig, bleibt nur noch der Weg, es zu erreichen, und ich will hoffen, auch da werden wir uns finden. Da ich als Unbekannter zu einer Unbekannten rede, deren Stimme irgend woher aus der Ferne zu mir dringt, so lassen Sie uns einmal des Pfarrers und des Lehrers und der Kirche zunächst vergessen und miteinander reden als Mensch zum Menschen. Ich glaube ja dazu ein Recht zu haben, da Sie meine rein sachlichen Dar­legungen in die Sphäre einer persönlichen Bespre­chung hinübergezogen haben.

Ich hoffe zunächst, eine Zett im Menschenleben vollkommen verstehen zu können, da der Mensch, Über alle äußeren Formen sich hinwegfetzend, noch kinderlos, für keine Zukunft zu sorgen braucht und himmelhoch jauchzend die ganze Welt umarmen möchte. Aber Sie wissen auch, er, an den ich meine Worte anklingen lasse. Schiller, der begeisterte Sän­ger des Liedes:Diesen Kuß der ganzen Welt, Brüder, überrn Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen", der sagt bann später:Wie schön war diese Welt gestaltet, solange die Knospe sie noch barg, wie wenig, ach, hat sie entfaltet, dies Wenige wie klein und karg". Drum haben Sie einmal die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne, und folgen Sie mir einmal aus dem Reiche rosiger Gefühle und schwärmender Illusionen in die nüchterne Welt der praktischen Wirklichkeit.

Wenn Sie zunächst meinen, Sie hätten den Schlüssel zur Religion ober, um in Ihren Worten zu reden, zuder höchsten Form der Liebe, zur Güte, zum Dulden, zur Demut" gefunden in dem WorteErkenne dich selbst und deinen Gott in dir", so hoben Sic da, fürchte ich. einen ganz falschen Schlüssel gesunden, der nicht die Tür öffnet zur höchsten Liebe, zur Güte, zum Dulden, zur Demut (warum fehlt die Wahrheit?), sondern zur Selbst­vergötterung, die die römischen Kaiser einst zum Cäsarenwahnsinn führte. (S. Freytag, Verlorene Handschrift.) W-mn Sie weiter schreiben: Ist es denn nicht Pharisäerhochmut, wenn man behauptet, die andern hätten keinen Gott", dann liegt hier nicht Pharisaerhochrnut meinerseits, sondern eine glatte Unterstellung Ihrerseits vor. Wenn die an­dern keinen Gott haben, bann brauchen wir uns doch wahrhaftig nicht lange über die Gestaltung des Religionsunterrichts zu streiten. Lasten wir also einmal dies sonst so wunbervolle Gleichnis, bas gewiste Leute immer so gern als erstes Waffenstück aus ber primitiven Rüstkammer ihres geistigen Be­sitzes herausholen, ruhig beiseite, um das Gebet des Zöllners ist es Ihnen ja doch gewiß nicht zu tun. Auch habe ich es nicht nötig, Tausenden und Abcr- tausenden von Menschen der Jetztzeit die Chriftus- reltgion abzusprechen. Das besorgen diese schon selber mehr, als uns lieb ist. Wenn z. B. ein Lehrer in offener Versammlung erklärt, er halte nicht mit Christus, der Mann, an den er sich halte, sei Pesta­lozzi, und wenn man in gewissen Lehrerkreisen von der Christusreligion sich abgeroenbet hat unb bafür ein« Deutschreligion verkündet, bei der die deutschen Dichter die Propheten sind, und so viele der Lehrer solche Ausführungen mit Jauchzen begrüßten, wenn man so laut dafür geworben hat, daß es ein uner­träglicher Gewissenszwang für viele Lehrer sei, den Religionsunterricht zu erteilen, unb diese nun, nach­dem die Niederlage erlaubt ist, gleichwohl, doch gewiß aus äußeren Gründen, ihn ruhig weiter halten, bann haben wir Eltern doch auch mal bas

Recht, uns darum zu kümmern, was mit unseren Kindern eigentlich vorgeht, uod das gerade in einer Zett, ba nach Ihrem Schreiben soviel schlimme Lei- benschaften durch den Krieg aufgewühlt sind und wir einen sittlichen Tiefstand haben. Was ist denn zu machen, wenn so viele infolge einer verkehrten Aufklärung sich mehr in die Sphäre des Tierischen hinuntergezvgen fühlen unb nun einmal vorn Affen abstammen wollen. Es kann uns ja gewiß als Christen gleichgültig fein, ob Gott ben Menschen direkt aus ber Erbe schuf ober ihn erst bie niebere Form eines Daseins überlaufen ließ, aber Sie wollen boch nicht etwa behaupten, baß aus den Affenprozessen, die unsere Presse mit Rücksicht auf ihre tiefer so eingehend und ausgiebig behandelte, ihre Ansicht herausklang:Wir sind alle göttlichen Geschlechts."

Wie die Verhältnisse heute liegen, mag klar er­hellen aus dem, was dieAllgemeine Deutsche Lehrerzeitung", das amttiche Organ des Deutschen Lehrervereins, in der Nummer vom 9. Oktober über unsere evangelischen Sonntagsblättchen, die fast in jeder christlichen Familie gelesen werden, schreibt: Und nun ist noch eine Art Jugendschrift, die durchaus nicht aus dem Bedürfnisse der Jugend entstanden ist, sondern aus dem Machtinteresse der Erwachsenen. Es sind die Zeitschriften, die den Zweck haben, die Jugend urteilslos und willig zu machen, dem Interessenverband der Erwachsenen zu dienen. Hierzu sind die Zeitschriften zu rechnen, die Parteiintcressen der Erwachsenen dienen sollen, bie mancherlei Sonntagsblättchen unb parteipolitischen Machwerke. Das solche Machwerke als Schund­literatur übelster Sorte abgelehnt werden, ist selbst­verständlich."

Wenn das nicht heißt, die eigenen Kinder gegen die Eltern aufhetzen, dann weiß ich nicht, was auf­hetzen heißt. Sind das denn unsere eigenen Kinder, die Gott uns ans Herz gelegt hat, ober sind das unsere Sklaven, die wir als herzlose Tyrannen unserem eignem egoistischen Machtinteresse zum Opfer bringen? Aus sich heraus soll sich also die Jugend orientieren, die Zucht des Elternhauses soll fallen und kirchliche Zeitschriften setzt man auf den Index. Nennen Sie mir in der ganzen Welt eine Diktatur oder Tyrannei, die so mit schmutzigen Fingern in das Verhältnis von Eltern und Kindern eingreift, als hier das Organ ber Männer es tut, benen wir zwangsweise unsere Kinder anvertrauen müssen. Da merke ich gar nichts von Liebe und Duldung und Verstehen, sondern da pflegt man eben offen diesen Geist des Widerspruchs,der wider Zucht sich frech empöret" . . . Gott sei Dank, daß es in deutschen Landen doch noch Leh­rer gibt, die das erkennen und nicht gut heißen, auch uns Eltern verstehen, unb hier nicht,von Dul­dung" unbVerstehen wollen" reben.

Auch das süßliche Iesusbild, das Sie sich ge­zeichnet haben, entspricht nicht dem Mann, der von sich sagte,ich bin die Wahrheit". Wäre er ber Mann gewesen, der in lauter Dulbung, Liebe und Demut zerfließt, die Juden hätten ihn wahrhaftig nicht ans Kreuz zu schlagen brauchen. Gerade über Kinder und Erzieher spricht er ein gar gewaltig Wort:Wer aber eines dieser Kleinen ärgert, die an mich glauben, dem wäre besser usw. Sollte die­ser Jesus da gar selbstso lieblos sein", anderen die Religion abzusprechen? Jedenfalls keine Spur von ber süßlichen weibischen Liebe, die Sie meinen, sondern diese Liebe ist männlich und stark, gesund wie die würzige Luft der Berge. Aber wenn wir nun jeden Menschen Religion zusprechen (auch Mu- hamedaner, Indianer und Neger haben solche), wäre das ein Grund, ihnen auch die religiöse Unterweisung unserer Kinder anzuvertrauen? Der Landwirt gibt, wie Sie sich auf dem Lande ja leicht überzeugen können, nicht mal seine Pferde jedem in die Hände, und wenn Sie heute über ein Ka­pital von 100 000 Mk. verfügen sollten, dann möchte ich wissen, ob ihre Liebe und ihr Ver­trauen wirklich so weit gehen sollten, daß Sie die Verwaltung und Anlegung dieser Summe so ohne weiteres jedem anvertrauen würden, trotz all der schönen Behauptungen:Wir alle sind göttlichen Geschlechts" u. dgl. Und nun verlangen Sie von uns Eltern, wir sollen einen noch viel größeren Schatz, unsere Kinder wahllos jedem anoertrouen, der nur als Beamter im Dienste eines Staates steht, ber schon bei anvertrautem irbischem Gute uns so manchmal enttäuscht hat und ber uns boch schon bei seinem Entstehen zur Genüge hat verstehen lassen, wie er über Religion und Kirche denkt?

Evangelische Eltern verlangen, daß evangelische Kinder in evangelischen Schulen von evangelischen Lehrern erzogen werden in evangelischem Geiste und das heißen Sie: .Hochmut und Verachtung säen, dem Kinde solche krasse Kluft schon in frühester

Jugend von Mensch zu Mensch beibringen?" Wissen Sie denn nicht, daß es gerade zum Wesen des evangelischen Unterrichts gehört, den Kindern Achtung auch vor anderen Konfessionen beizu­bringen und einer gerade soweit ein Christ ist, als er die Worte Jesu erfüllt?

Aber freilich, für Sie sind die Konfessionen nur tote Formen, bie sich bie Menschen selber ge­macht, und an denensie sich die Schullern wund reiben". Also weg damit! Aber sollte das wirklich in Gottes Willen liegen?Rasch fertig ist bie Iu- genb mit bem U r t e i l, bas schwer sich handhabt wie des Messers Schneide. Aus ihrem Hirne nimmt sie kühn der Dinge Maß, die nur sich selber rich­ten . . ."Sind die Formen, in denen sich uns die Religion bietet, wirklich nur Menschenwerk ober sind sie bas charakteristische hüllende Gewand, bas ber Geist sich formt? Haben Sie, verehrtes Fräulein, Ihre Gestalt, Ihr Antlitz sich selbst ge­geben, mürben Sie es bulben, baß man es als Men- schenmachwerk gewaltsam ändert? Ich denke mir, cs wäre gewiß schade darum. Oder ins Große ge­griffen: Die Bibel ist die Form, in der sich uns Gottes Wort und Offenbarung bietet. Nun streiten darob die Menschen feit Jahrhunderten. Um also dem Streit ein Ende zu machen, wäre es nach Ihrer Meinung das Richtige, man ließe einen geistigen Extrakt Herstellen, alle Bibeln verbrennen unb die große Herrlichkeit wäre da. Glauben Sie wirklich, man würde die Menschheit fördern, wenn man im Wahnwitz die geheiligten Formen zerschlägt und vernichtet und gegen Gott ankämpft, der doch bewußt alles werben ließnach seiner Art". Erst aus dem Streit der Gegensätze erwächst ber Fort­schritt, unb wo alles ineinander fließt, da ist der Tod und lein Leben.

Doch wollen Sie mich hier nicht verstehen, bann werden Sie vielleicht unter ein gewaltig Wort des Alten von Weimar sich beugen, bas wohl gerabc auch von unserer evangelischen Kirche gelten kann:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verlieh'n, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist also bald und fort und fort gedieh'» Nach dem Gesetz, nach dem du angetreten.

So mußt du fein, dir kannst du nicht entflieh'n. So sagten schon Sybillen, fo Propheten. Und keine Zeit und feine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

So reden die Großen, unb bie Kleinen sprechen vonSchultern wundreiben. Da haben Sie in ben Worten des großen Meisters das Gesetz, aus dem heraus wir Evangelische für unsere Konfession kämpfen. Ich glaube, auch die katholische Kirche weiß etwas davon, Sic werden es wohl noch er- fahren. Und lesen Sie im obigen Zusammenhang bei Goethe weiter, den so mancher Schulmann als deutschen Propheten gelten lassen will, bann können Sie noch die schöne Widmung lesen:

Gar manches Herz verschwebt im allgemeinen, Doch widmet sich das Edelste dem Einen!

Da ich nun weiter annehme, daß Sie getauft und konfirmiert sind, so lassen Sie mich noch auf einen schweren Vorwurf eingehen, in dem Sie nach Art verhetzter Kommunisten gegen die Kirche ben ebenso schweren als abgegriffenen Vorwurf erheben, sie habe den Mord gepredigt. Gestatten Sie mir die Gegenfrage, wo hat die Kirchezu morden und zu zerstören" aufgefordert und wo hat die Kirche hier etwas anderes getan, als was die Schule getan hat? Wenn wir am Tage des Toten­festes wieder getrauert haben um bie Gefallenen und aufblicftcn zu den Tausenden, die ihr Letztes gaben, wollen Sie wirklich alle diese Helden zu Mördern degradieren, Helden, wie Richthofen und Hindenburg als Mastenmörder brandmarken und so sich für geeignet halten, unsere Jugend zu wackeren deutschen Männern zu erziehen? Man hat ja nie in unserem Volke das Streben gezeigt, besonders christlich gerichtete Männer an leitende Stellen der Diplomatie zu bringen und auch heute ist beim Wahlkampf nicht allzuviel davon zu mer­ken. Auch hat sich die Kirche das Schauspiel ver­sagen können, daß sich aus ihrer Mitte ein früherer Pfarrer wie bei der Schule ein Erzberger in den Ministersessel schwang.

Aber haben Sie denn wirklich von der Kirche erwartet, sie hätte im Augenblicks, da die Russen schändend und mordend in ben Garten deutscher Lande einbrachen, die Feinde von allen Seiten wie hungrige Wölfe uns umdrängten, die teuflischste Macht der schändlichsten Lüge uns umhüllte, deren selbst die Feinde nun sich zu schämen beginnen, da unserem Volke in den Rücken fallen, ihm das moralische Rückgrat brechen sollen und sagen: laßt bie Feinbe schänben unb morben unb unser Volks­tum vernichten, sie handeln recht unb sie reben wahr.

Es sollen sich ja später solche Menschen gefunden haben, bie bas taten, aber haben Sic wirklich auch ber Kirche eine solche Rolle zugetraui?

Gewiß kann man nicht nach bem Kriege eine Zeit sittlicher Hohe erwarten. Aber eine Scheidung der Geister ist eingetreten und ein Suchen und Fragen nach Gott geht wieder durch die Men- fchenherzen, rote sie selber es sagen, möchte nur dem Suchen ein Finden folgen, denn mit bem Suchen allein ist es doch nicht getan. Aber gerade weil eine ganze Welt in Trümmer sank, geht nun ein Suchen nach den unverlierbaren Gütern ber Ewigkeit burch bie Menschenherzen unb ba sollten auch gerabc bie Erzieher unb Lehrer unseres Vol­kes begreifen, baß wir solche Güter den Herzen unserer Kinder nahe gebracht wissen wollen von Männern unserer Gemeinschaft und unseres Glau­bens, die nicht überall herumnippen und herum- irrlidjterlieren, sondern zu dem Gut ihres Glau­bens halten und das Wort verstehen: .Lastet uns nicht verlassen unsere Versammlungen, wie etliche pflegen."

Es gibt heute Tausende, die kritisieren über die Kirche (Sie selber sind ein Beispiel davon), sie be­greifen nicht, daß die Kirche nicht bloß Erfüllung, sondern auch Ausgabe ist. Auch sind seldstoerstänb- lich ihre Diener feine vollkommenen Menschen, das wäre vielleicht nicht mal gut, was sollten denn onst manche mit dein schönen Gleichnis vom Phari- äer und Zöllner an fangen? Aber die Kirche hat roch nun einmal den Auftrag, Buße zu predigen unb wenn sie das nicht mehr tut, bann gleicht sic dem bumpf geworbenen Salz, bas nach bes Herrn Wort sonst zu nichts nütz ist, als daß man es hin­ausschütte unb laste es die Leute zertreten . . . Die Liebe, bie nur Duldsamkeit ist und alles gut­heißt, hat noch immer in Sünden geendet. Schon der Herr des großen Abendmahles klagt, daß nicht alle lammen und ber Herr sagt uns, viele finb berufen, aber wenige finb auserwählt. Wie ber Amt, trotz aller Wissenschaft, immer wieber die Erfahrung machen wird, daß Tausende zu Kurpfuschern gehen, so wird es immer wieder solche geben, die von ber Kirche sich abroenben, konnte boch in jenem Gleich­nis ber Vater nicht mal den eigenen Sohn und der Herr nicht mal ben Kreis der 12 Jünger zusam- mcnhaltcn. So kann auch die Kirche heute viele nicht halten und muh sic ziehen lasten.

Wenn aber aus einem Heer Soldaten solche Weg­gehen, bie fühlen, baß sie nicht dazu gehören, bann wird dadurch das Heer nicht schlechter. Nur wird kein Mensch sagen wollen, daß solche i'nzuverlässigen Kantonisten nun in besonderem Maße geeignet wären, andere zu erziehen. Drum möchten wir Eltern, Männer und Frauen zu Erziehern haben, die die hohe Aufgabe, die bie Kirche für unter Volk hat, erkennen, Männer, auf bie Verlaß ist, bie bas hohe Gut ber Kirche den Kinbern nicht verekeln, bie nicht klagen unb schimpfen, fonbem bie anpacken, es besser machen.

Mag bie Kritik der Kirche gegenüber schnell bei ber Hand sein, jedenfalls ist es ihr hoher Vorzug vor ber Schule, baß sie alles, was sie tut. in vollster Oeffentlichkeit tut. Sie gewährt den Eltern vollsten Einblick in ihre ganze Arbeit, und die Tätigkeit ber Pfarrer vollzieht sich Tag für Tag unb Woche für Woche vor vielen Zeugen. Selbst von ihrem Unter­richt gibt sie ben Eltern und der Gemeinde bei Prü­fungen und Konfirmation jederzeit Rechenschaft während sich die Arbeit der Schule an den unmün­digen Kindern hinter verschlossenen Mauern vollzieht und man selbst bie öffentlichen Prüfungen abgeschafft hat, baß niemand hineinschauen kann, was ba eigent­lich vorgeht. Auch zwingt sie niemand mit Gewalt und stellt es jedem frei, wie er es halten und zu welchem Pfarrer er gehen will (in bie Predigt). 6o sucht sie sich einer Kritik wahrhaftig nicht zu ent­ziehen, aber sie braucht sie auch wahrhaftia nicht zu scheuen. Und da sie sich nicht in fremde Dinge ein- mengt, dem Staate gibt, was des Staates ist, und ber Schule, was ber Schule, fo wirb sie, fo Gott will, auch die Kraft haben, dafür zu sorgen, daß andere sich nicht in ihre ureigensten Dinge einbrängen, wo­mit sie nun einmal (schon burch bie Taufe) betraut ist.

Zum Schlüsse bann noch ein Wort über bie neue Lehrmethobe, mit ber wir natürlich wieder einmal vor einem ganz besonderen Abschnitt der neuen Entwicklungsgeschichte ber Menschheit stehen", wor­über ich mir natürlich ebensowenig ein Urteil erlaube, als wenn jemand mir versichert, daß ausgerechnet er auf dem Mittelpunkt ber Erde stehe. Es ist ja gewiß erfreulich, wenn jemand sich so recht in eine Sache einfühlt und dabei das Empfinden hat, daß heute Kinderaugen in der Schule leuchten, wie es früher nicht der Fall war.

Im stillen aber habe ich gedacht, was wohl alles aus einem Goethe oder Bismarck hätte werden

Erwin Rosen, derdeutsche Lausbub".

Don Friedrich F r e k s a.

Weite! Ferne! Lebenskampf! Das find die Sehn­suchtsfanfaren, die in den Herzen der jungen deut­schen Menschen schmetternd locke». Edelste Tüchtig­keit wird durch diese Drei geweckt, aber leider auch jene falsche Romantik unb Sentimentalität, bie ohn­mächtig träumt vor ber Flimmerwand bes Films. Bücher, in denen stark gelebtes Leben einfach, bild­haft, voll Humor, ohne Lehrhaftigkeit und doch mit in sich ruhender Nutzanwendung daryestellt wird, fehlen leider der deutschen Literatur, tm Gegensatz zu der angelsächsischen. Ein Lebenswerk aber liegt vor, bas den Vergleich mit ben Besten der ameri­kanischen unb englischen Literatur aushalt: Es sinb bie fünf Dänbe Erwin Rosens, in benen der leider au früh Heimgegangene die Buntheit seiner Schick­sale vor bie Augen bes Lesers zaubert. Je langer man biese Bücher kennt, besto mehr bringt man in ihre stilistischen Vorzüge ein: Vor allem wirkt die Knappheit bes Vortrags, ber burchaus nicht karg ist, benn immer steigert sich das Erlebnis zu ber szenischen Kraft einer Anekdote. Die Umwelt gibt eigenen Rhythmus. Wir spüren das Zittern der Schiffsmaschinen, wenn ber Lausbub, der zu Hause nicht gut tun wollte, seine erste Fahrt über den Ozean macht; ber Cowboy-Galopp über die Baum» wollplantagen klappert mit in ben Ohren; das Schwingen ber Eisenbahnwaggons, auf benen sich ber Schwarzfahrer über bie Riesenausmaße des amerikanischen Schienenstranges hinweghilft, fühlen wir unter den Füßen. Geruch und Hämmern der Maschinen im Zeitungsgebäude von Neuyork um­gibt uns; der schreckliche Marsch der Fremdenlegio- näre durch den ausbörrenben Sanb ber Sahara macht uns schwindeln; aber auch bie Stimmung eines deutschen Burschenwanberers auf ben Obst- chausseen von Linz nach München klingt in uns mit.

Drei BänbeDer deutsche Lausbub in Arne- rifa*, das Buch der furchtbaren ErlebnisteIn

der Fremdenlegion" und das Buch bes gereiften MannesAllen Gewalten zum Trotz" (Erwin Rosens Europäische Erinnerungen) liegen vor*).

In unserer Zeit bes zerfasernden Psychologis- mus tut es wohl, eine solche Jugenbschilderung zu lesen, wie im ersten Kapitel bes Lausbuben. Auf wenigen Seiten ist gufammengebrängt das, was typisch ist, die Wärme, die Weichheit des jungen Menschen, ber nicht weiß, wohin er mit seiner Phantasie und seiner Tatkraft soll. Ein prächtiger dichterischer Ton ft angeschlagen. Das Eingeständns bes erstickten Heimwehs, als er am Abschiedsabenb mit bem Vater im Bremer Ratskeller zusammen­sitzt, wiegt taufen Seiten jener kunstvollen Iugenb- schilberungen von heute auf, in benen alle Schulb auf bie Lehrer unb Erzieher gehäuft wird, denen die Kinder als strafende Ankläger gegenübergestellt werden. Dieser Lausbub fühlt, daß er seinen Eltern Herzeleid bereitet hat, aber trotzdem bleibt er ein Leichtfuß. Das beweist fein Verhalten auf dem Ozeandampfer gegenüber dem Steward und bie Pokerfahrt von Neuyork hinunter nach Galoestone. Trotzdem ist ber Herzschlag gut Das merkt ber Leser nicht an ben Vorsätzen ober an bem Glück, das zur rechten Stunbe sich immer wieber einstellt, benn Glück ist ja Charakter, wie Napoleon sagt. Und bas Glück, bas biefer Lausbub wirklich besitzt, ist bas klare unb bestimmte Jungenauge, bas ben Charakter bes anderen von ber Nasenspitze ablieft.

Die Eigenschaft, bie sich bei Erwin Rosen erst später voll entwickeln sollte, bie bes künstlerischen Beobachters, erhält ihn in seinem ersten Jüng- lingslebenskamps. Mit richtigem Instinkt geht er an ben Menschen vorbei, bie ihm schaben konnten, und hält fest an benen, bie ihm von Nutzen sind. Diese Gottesgabe des starken Blickes verrät sich

*) In Lug' Memoiren-Bibliothek in einer gro­ßen Zahl von Auflagen erschienen. Jeder Band in Halbleinen 6,50 Rm., Ganzleinen 7 Rm. Ferner billige Volksausgaben:Lausbub", drei Teile in 1 Bd. 7,50 Rm.,In ber Freinbenlegion" 2,50 Rm. (Robert Lutz, Verlag, G. m. b. H., Stuttgart.)

durch diese Darstellung selbst, und damit wird dieses bunte tieben in seinem Aus und Ab in sich klar, ohne daß eine große analytische Beschreibung not- roenbig wäre. Jenes Schwerste ist geglückt zu schil­dern in den fünf Büchern, wie ein schreckliches Er­lebnis eines Traumes steht bas Erlebnis ber Fremdenlegion dazwischen. Er war wirklich von allen guten Geistern verlassen, als er nach Belfort ging und sich verkaufte. Erst danach ward er wieder er selbst, als er sich wieder frei machte, als mit bem Herrenmenschen ber trotzige Bubenmut erwachte, sich herauszuhauen.

Immer wieber muß dieses Buch bem beutschen Volke nahegebracht werden, zumal in ber heutigen Zeit, da die französischen Werber in einem großen Teil beutschen tianbes Freiheit genießen. Immer wieber muß an bieses Buch bie Sortierung geknüpft werben: alle Staaten sollen sich gegen bie Einrich- tung ber Fremdenlegion wenden. Sie ist eine an­dere Form ber Sklaverei.

Hunberte von Lebenslehren ergeben sich aus Erwin Rosens stark gelebtem Leben leibst. Selbst ein Vielgereister erhält neue Blicke, so über ben Unterschied bes Daseins In ben Vereinigten Staa­ten unb in Deutschlanb. Mit köstlicher Selbftironie schilbert sich Erwin Rosen, wie er als smarter ame­rikanischer Zeitungsmann nach Deutschland kommt und nun seine Erfahrungen auf bas Vaterlanb übertragen will. Die granbiose Einheitlichkeit ber Vereinigten Staaten ersteht in Erwin Rosens Schil­derung, die ganze Großherzigkeit des Amerikaners, der Respekt hat vor jedem, ber arbeiten will. Unb dennoch, wie viel heimischer'fühlt er sich selbst, wenn er schildert, wie er in Ulm in einem kleinen Stüb­chen seine kleinen Arttkel und Geschichten schreibt, oder wie er in Innsbruck im Hause bes k. k. Loko­motivführers sitzt und dort schuftet, um seine Schul­den in Hamburg zu bezahlen. Ich habe immer be­wundert, wie er es fertig bekommen hat, ohne große Umfchweifungen zu machen, bie eigentümliche Luft beider Städte in der Nase bes Lesers erstehen zu lassen Krieg, Nieberlage unb Revolution erlebte er ganz unmittelbar. Eine Märchenzeit hat er den

Krieg genannt, er, ber erprobte Lebenskämpfer, ber ehemalige Fremdenlegior.är unb Kubakrieger, ber als 40jähriger kriegsfreiwilliger Musketier in ben Krieg zog, sich an ber Oft- und Westfront seine Be­förderungen bis zum Leutnant und Nachrichtenoffi­zier und im Erleben der Kriegsschrecken feine Ver­wundungen holte. Der unbeschreibliche Optimismus, der ihm eigen war, ließ ihn über die Schrecknisse hinwegsehen. Sein höchster Wunsch war erfüllt: im männlichen Leben zu stehen. Darum mußte er zu denen gehören, bie nach ber Nieberlage ben Kopf nicht hängen ließen. Er warf sich mit seiner ganzen Kampffreubigkeit in bie nationale Bewegung, bie ihm in Hamburg viel zu danken hat. Erwin Rosen wirb immer das Beispiel bleiben für ben Mann, ber aus ber eigenen Weichheit feine Straft gewinnt. Mit seinem jung gebliebenen Herzen wird er immer, be» sonbers auf bie lefenbe Jugend einen unmittelbaren Zauber ausüben, wird sie in ihm boch unmittelbar ben Kameraben erblicken. Die Herzenskraft, die ihm eigen war, ließ ihn den schönen Brief an seinen kleine» Sohn Peter schreiben, ber bem BandAllen Gewalten zum Trotz" vorausgesetzt ist. Ich ent­nehme ihm brei Leitsätze, von benen ich wünschen möchte, daß ein jeber Deutscher sie sich merkt:

Solange in Menschen unb Völkern bie Lust am Leben unb Schaffen nicht untergegangen ist, solange kann feine Niederlage bas Bleidenbe sein: Vielleicht sind Katastrophen nur dazu ba, um Kräfte auszu° lösen."

Gar wenig nur vermögen Verhältnisse unb Zeiten ein Menschenleben zu führen unb zu bestim­men. In ber eigenen Seele ist die rettende Straft verborgen."

Am schönsten aber ist neben ber Begeisterung, bas weiß ich mit untrüglicher Gewißheit, bas ver­spüre ich heute mehr benn je in allen Fasern meines «eins, bie Freube an ber Arbeit; jener Ar­beit und jener Leistung, die nicht mit Heller und Pfennig rechnet, wie anfammelnber Wucher, son­dern aus den Menschen herauswächst, weil Wachsen und Werben ber große Lebenstrieb finb."