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Nr. 270 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gverhejjen- Dienstag, |7. November (925

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Deutscher Glaube in Ame ila.

Die Deutschamerikaner über Locarno.

Don Dr. Fritz Mittelmann, M. b. R.

Der Verfasser ist vor kurzem von der Tagung der interparlamentarischen Union aus Amerika zurückgekehrt.

Wer an der deutschen Zukunft verzweifeln wollte, der gehe nach Amerika, dort wird er seinen Glauben an Deutschland und an die große Entwicklung, die unserem Volle noch bevorsteht, wiederfinden. Bei den Deutschamerikanern, je- ixmsalls bei der großen Mehrheit von ihnen, lebt dieser Glaube, selbst der Zusammenbruch und die Revolution hat ihn nicht auszulöschen ver­mocht.

Die letzten Wochen boten mir zu Beobach­tungen in dieser Hinsicht reichlich Gelegenhert. 3d) sprach bei den verschiedensten Anlässen, bei größeren und kleineren Zusammenkünften, teils in Masfenkundg.bringen vor mehreren Tausenden, und es war mir vergönnt, auch in manche Fa­milie Eingang zu finden und daselbst einen Blick zu tun in die geheimste Gedankenwelt der ame­rikanischen Bürger deutscher Abstammung. Frei­lich nicht immer sind Mann und Frau gleich deutsch im Innern ihres Herzens geblieben. So kenne -ich einen Fall, in dem der Ehegatte dem Zuge des Geldes folgend seine deutsche Heimat und sein deutsches Empfinden völlig vergessen hat und auch äußerlich den Banker herauszu­stecken sucht. Die neunzehnjährige Tochter steht noch unentschieden zwischen ihnen und um ihre Seele tobt ein heißer Kampf, um sie für das Gedankenleben des Vaters oder für das tiefe deutsche Gemütsleben der Mutter zu gewinnen. Aber ich zweifle nicht daran, daß die Tochter den letzteren Weg gehen wird, demi die Liebe zur deutschen Heimat, selbst wenn sie diese nie mit eigenen Augen geschaut, ist gerade bei den Deutsch Amerikanerinnen ungemein stark entwickelt. 3m übrigen ist dieser eine Fall, den ich nur aus Gründen der Objektivität anführe, Gott sei Dank so vereinzelt, daß er gegenüber den Millionen von Deutschamerikanern nicht ins Gewicht fällt.

Die große Masse von ihnen ist im Herzen deutsch, fühlt deutsch und will deutsch fein, und zwar hat gerade der Krieg und die un­würdige Behandlung, die viele von ihnen wäh­lend desselben* erfuhren, sie zu dieser scharfen Einstellung geführt. Und dann kam der Ver­rat und Betrug an Deutschland, die falschen Vor­spiegelungen und Versprechungen Wilsons, und nun bäumte sich der alte deutsche Stolz und das deutsche Ehrgefühl in ihnen auf, und seitdem hängen die Deutschamerikaner mit noch viel größerer Innigkeit an ihrer alten Heimat, als dies wohl vor dem Welt­kriege der Fall gewesen sein mag. In rührender Weise suchen sie dies im Kleinen wie im Großen zu zeigen. Als Beispiel hierfür nur eine ganz (leine Episode, die ich selbst erlebt habe. In Detroit, jener Zweimillionenstadt, die durch ihre Automobile auch in Deutschland bekannt ist, ging ich zu einem Schneider, mir einen Anzug ausbügeln und den Mantel ausbessern zu lassen. Ich unterhielt mich während dies ausgeführt wurde, mit dem alten Meister sehr interessant und war überrascht, daß der in Amerika gebotene Mann so gut über politische Einzelheiten in Deutschland unterrichtet war. Als ich vor dem Fortgehen nach den Kosten für das Aufbügeln fragte, wei­gerte er sich auf das entschiedenste, irgendwelche Bezahlung entgegenzunehmen. And auf meine erstaunte Frage antwortete er treuherzig:Ich wat doch gestern Abend in Ihrer Versammlung. Sorgen Sie nur dafür, daß Deutschland wieder hochkommi! ' Mit diesen Worten drückte er mir zum Abschied die Hand und ging in seine Werk­statt zurück.

Und solche Beispiele und Erlebnisse könnte ich mehrere Wiedergaben, denn es handelt sich hier keineswegs um einen vereinzelten und un« gewöhnlichrn Fall. Die Freude über eine per­sönliche Fühlungnahme mit einem Abgesandten de valten Heimat ist in den Kreisen der Deutsch­amerikaner ganz allgemein groß, und darum sollte häufiger in irgend einer Weise hierzu Gelegenheit gegeben werden Freilich die Deutschamerikaner wurzeln mit ihrer Anschauung fast ausnahmlos und da kann ich nur Gott sei

Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann Stege mann

65. Fortsetzung (Nachdruck verboten )

Am andern Morgen kam Hermann nach Hause. Al» er gebräunt und wetterfest zu ihm ins Kontor trat, packte Hanns ihn an den Schultern und schüt- teste ihn.

Bub, wie siehst du aus! Wie ein Mann!"

Und nach einer Weile Hermann strich mit vielen zusammenhanglosen Erinnerungen von seiner Nordlandfahrt an der Wand hin und fand keinen rechten Faden und kein rechtes Ende kurz und bestimmt:

.Hermann, deine heimliche Braut ist dir untreu geworden. Sie hat sich mit einem anderen verlobt. Diesmal öffentlich. Irreparabel, wie es scheint. Es steht schon im Anzeiger."

Hermann stand gerade vor einer Kopie der Böck- lmschen Tritonen und antwortete nicht.

Hanns legte ihm die Hand auf die Schulter.

« Kopf hoch, Hermann, du wirst doch nicht" Oa unterbrach er ihn.

Du, Hanns, Visionen wie die habe ich auf Spitzbergen gesehen. Und dort, wo alles so ge­heimnisvoll ist, das Meer, das Land, der Himmel i.nb selbst die Nachte, habe ich sehr viel erlebt. ,'nnerlich, Hanns. Weißt du, wer mir von allen Menschen, die ich kenne, am unmittelbarsten er­schienen ist? So, wie eine Naturerscheinung? Trotz seiner Beschränkung! Unser Vater'"

Unser Vater:' wiederholte Hanns unwillkürlich.

Und Hermann stihr fort, ohne sich nach ihm um­zuwenden.

,3a, eine Ahnung, ein Gefühl dafür habe ich ja immer gehabt, aber ich habe ans Ende der Welt fahren mpssen, um es klar und herrlich zu erleben."

Die Hand, die auf seiner Schulter lag, zog sich leise zurück, heiliges Schweigen füllte den Raum.

Hermann Ingold hat kein Wort über die Un­treue seines Mädchens verloren. Er war darüber hinausaewachfen, schon lange mit dieser dritten Liebe fertig geworden.

* » *

Der Tag der Einweihung des Krastwe . zu Rheinau kam. Der Betrieb war am 30. September

Dank aus rufen, in dem Deutschland Bismarcks: von der Revolution und ihren sogenannten Seg­nungen wollen sie nichts wissen. Darum herrscht in diesen Kreisen auch grenzenlose Freude über die erfolgte Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten: sie sehen in dieser ragen­den Persönlichkeit die Verkörperung der besten und stolzesten Vergangenheit und zugleich eine Gewähr für eine bessere Zukunft ihres alten Heimatlandes. Wenn ich in diesem Sinne in den Versammlungen sprach, dann wollte der Beifall kein Ende nehmen: sobald der Rame

teilung von Locarno ein Verkennen der ganzen Situation und wirft nicht mit Anrecht die Frage auf, warum sie es denn erst bis dahin kommen ließen, wenn sie den mit ihrer Zustimmung gegangenen Weg nicht zu Ende gehen wollten. Diese Zwiespältigkeit ihrer Handlungsweise hat den Deutschnationalen sehr viele Sympathien in den Kreisen der Deutschamerikaner geraubt, geraubt. Realpolitik, die uns vorwärts bringt, das ist es, was die Deutschamerikaner im Inter­esse ihrer alten Heimat wie in ihrer eigenen verlangen. And nur bei einer solchen halten sie

Preis ausschreib en

Schon immer haben die Empfehlungsanzeigen im Giehener Anzeiger auch in Bezug auf die Sahausstattung allgemeine Anerkennung gefunden, ein An­sporn mehr für unsere technischen Mitarbeiter, der Ausgestaltung des Anzeigen­teils in der Jubiläumsausgabe ganz besondere Sorgfalt angedeihen zu lasten.

Um nun zu erfahren, welche Anzeige in dieser Sonderausgabe unserer Leserschaft am eindrucksvollsten, somit also am wirksamsten erscheint, fordern wir unsere Bezieher auf, uns unter Beifügung einer kurzen Begründung den Namen des Auftraggebers derjenigen Anzeige schriftlich mitzuteilen, die sie für die wirksamste halten.

Drei Anzeigen, auf die sich die höchste Stimmenzahl vereinigt, werden bekanntgegcben. Die drei treffendsten Begründungen für diese Mahl werden mit je einem Geldpreise bedacht in Höhe von

150 Mark

100

50

Die Aushändigung der Preise erfolgt rechtzeitig vor dem Weihnachtsfeste. Die Einsendungen müssen aufdemUmschlag dieBezeichnungPreisausschreiben" tragen. In besonderem eingeschlossenen Umschlag sind Name, Stand und Woh­nung anzugeben. Sämtliche Zuschriften sind bis zum 10. Dezember an die Ge­schäftsstelle des Giehener Anzeigers zu richten.

Die Entscheidung über die besten Begründungen wird von Sachverständigen gemeinsam mit dem Verlag getroffen.

Gießen, den 31. Oktober 1925.

Verlag des Gietzener Anzeigers.

Hindenburg fiel, erhoben sich die Zuhörer spontan und riefen und klatschten, sodaß manchmal mi­nutenlang gewartet werden mußte, bis sich die Hindenburg-Begeisterung gelegt hatte. And die Säle waren fast durchweg mit schwarz-weih-roten Fahnen geschmückt, mit den Farben, unter denen sie einst über den Atlantischen Ozean auswan­derten und von denen sie wünschten, baß sie von der Rationalversammlung nie geändert wor­den wären. Daß die Abgeordneten anderer Fraktionen diesen Anschauungsunterricht mit den entsprechenden Degllittvorten auch erlebten, kann der weiteren Entwicklung der Flaggenfrage in Deutschland nur förderlich sein.

Aber ebenso entschieden sind die meisten Deutschamerikaner gegen irgendwelche inneren Putsche oder gegen eine Politik der großen Worte. Auch sie wünschen, daß in der alten Heimat Realpolitik getrieben wird, starke, zielbewußte, nationale Realpolitik, von der sie die endgültige Befreiung erwarten. Den Austritt der Deutschnationalen aus der Reichsregierung billigt man in weitesten Kreisen daher nicht, denn man sieht in ihrer grundsätzlichen Verur-

mit sechs Turbinen eröffnet worden. Arn 2. Oktober fand die Einweihung statt.

Ruth saß mit ihrem Kind im blumengeschmückten Automobil und wartete auf ihren Mann. Das Städtchen hatte geflaggt. Girlanden spannten sich über die Gassen, aus umwölktem Himmel löste sich zögernd die Sonne.

"Die großen Fahnenmasten an der eisernen Git­terbrücke warfen die roten Blitze ihrer Banner in den silbergrünen Strom. Elfenbeinfarbene Dünste schwebten über der früheren Fischerinsel oberhalb der Schnellen.

Im Vestibül begegnete ihm Dr. Keller mit seiner Frau und Fräulein Konstanze. In ihrer Gesellschaft dec Forstassessor, der im Frühling von Waldshut nach Rheinau versetzt worden war.

Und nach einem Zögern, der etwas Auffälliges hatte, machte Keller plötzlich halt, rief Hanns, der schon weitergegangen war, an und sagte:

Herr Generaldirektor, Sie sollen den ersten Glückwunsch erstatten, das bringt beiden Teilen Glück. Meine Tochter hat sich heute mit Herrn Assessor Allhaus verlobt."

Dabei zwinkerte er vergnügt und vielsagend mit den Augen.

Zerstreut brachte Hanns seinen Glückwunsch an. Das hübsche blonde Mädchen wurde sehr rot, als er es tat.

Erst fünf Minuten später, auf der Treppe, fiel ihm ein, daß es Hermanns heimliche Braut war, die sich öffentlich mit einem anderen verlobt hatte. Und der Junge tarn übermorgen heim.

Er blieb nur eine Stunde im Kreise der Gäste und Teilnehmer an der Eröffnungsfeier, dann brach er wieder auf.

Die Nacht war fommerlich warm. Die Glas­veranda, die auf den alten, stark verkleinerten Gar­ten hinausging, war geöffnet. Der Springbrunnen plätscherte. Das Gas fang in den Leuchtern.

Frau Kommerzienrat Tylander faß mit Ruth im 'jtusblirf der Tür auf der Terrasse. Hanns be­grüßte sie, und wieder war im Druck ihrer Hände das heiße Spiel, das sie so lange schon schreckte.

Ruth fragte, ob es richtig wäre, daß St. Joseph umgebaut werde, und als er bejahte, sagte |ie, dann käme sie morgen von St. Joseph Abschied nehmen.

eine aktive AnteUnahme der Anion, auf die wir Wert legen müssen, für möglich.

Bundestag des Reichsbundes der höheren Brannen.

Wir erhalten als Ergänzung der kurzen Aotiz des WTD. über die Kölner Tagung des R. h. D. folgende Mitteckungen:

Der Reichsbund der höheren Beamten eröff­nete seinen d.esjährigen Bundestag in Köln am 8. Rovember mit einer öffentlichen Tagung in bei Großen Halle im Rheinpark. Etwa 3000 Menschen wohnten der Veranstaltung bei, ein Beweis, welch große Bedeutung ihr sowohl von der Oesfentlichkeit als auch von feiten der höheren Beamtenschaft beigemessen wurde. In feiner Be­grüßungsansprache an die Spitzen der Behörden und die aus allen Teilen des Vaterlandes er­schienenen Vertreter legte der 1. Vorsitzende des Reichsbundes, Staatsminister a. D. Dr. Scholz, dar, daß drei Probleme die höhere Beamten»

Und Hanns Ingold antwortete, daß die Bu­reaus heute geräumt worden seien. Sie werde die Schlüssel an den Türen finden und ungestört sein.

Ruhig, beinahe gleichgültig klang Frage und Antwort, aber sie waren blaß und wußten, daß sie sich dort trafen.

Ruth sah den flehenden heischenden Blick in seinen Augen und las im Zucken seiner Lippen das Wort:Komm!"

Sie fühlte sich emporgehoben und wie von seli­gem Schwindel fortgerissen.

Am späten Jlndjmittag, als der Tag sich mit schwerem Goldglanz rüstete, ging sie allein hinaus nach St. Joseph. Der Garten lag unberührt. Hanns hatte noch keinen Baum schlagen lassen.

Als Ruth ins Refektorium trat, fand sie alles still und leer. Sie durchschritt das ganze Haus, erst langsam, bann schneller, bis sie es wie auf der Flucht verließ.

Draußen wartete er auf sie; wieder fieberten ihre Hände ineinander.

Schweigend gingen sie an der Spalierwand entlang. Die Taxushecken schoben sich um sie her, da sprach sie leise:

Ich hätte nicht flammen sollen. Es war alles leer, die Erinnerung war schöner."

Da drinnen im Haus, ja, da ist nichts mehr, das ist leer. Aber wir sind noch da, Ruth. Und es ist nicht das Haus, zu mir bist du gekommen, denn du mußtest kommen."

Auch du bist nicht mehr der Hanns Ingold, der du hast ja dein Werk!"

Da stöhnte er auf, und ehe sie ihn erraten konnte, stürzte er vor ihr nieder, preßte das Ge­sicht an ihre Knie und umklammerte ihre Hüften.

Sie stand wie erstarrt.

Seine Schullern bebten, sie spürte die Wärme seines Mundes. So hatte er vor ihr gelegen in jener Nacht, da sie ihn mit Drohungen, Hohn und Spott zu ihr hinausgepeitjcht hatten.

Und Ruch hob die Hande und fügte sie leise, von scheuer Zärtlichkeit zitternd, um feinen Kops und hielt so still. Ihre Augen hatten keinen Blick, ihr Herz schlug dumpf und schwer.

Er ergriff diese Hände und küßte fie, zog sich an ihnen, die dem Wunsch entgeaenfamen, in die Höhe und legte den Arm um sie. In fesselloser

schäft bewegen: ihr Derhällnis zum Staat, zur Wirtschaft und zu den Organisationen der mitt­leren und unteren Beamten. Wenn ber höhere Beamte cs sich zur Ehre airrechnet. bem Staat unbebingt b'.e Treue zu halten und demgemäß ben Streik entschieden ablehnt. so erwartet er, daß auch ber Staat seine Rechte achtet unb ihm diese Ein­stellung wirtschaftlich nicht unmöglich macht. Denn bic Wirtschaft ber Aeberzcugung ist, bah der ver­armte Staat einen so starken Deamtenapvarat nicht mehr tragen kann, so können wir uns dieser Auffassung nicht verschließen, erklären aber, daß bic Verringerung nur burch organisatorische Ver­einfachung möglich ist. Dr. Scholz bestreitet der Wirtschaft bas Recht zur Behauptung, nur sie feiste produktive Arbeit, und verlangt von ihr Anerkennung der Deamlenarbeit als gieichwerlige produktive Le.stung. Der R. h. B. will mit der übrigen Beamtenschaft in treuer Kameradschaft zusammenstehen, fordert von dieser jedoch volle Gleichberechtigung und eine Politik, die frei ist von Mißgunst. Oberbürgermeister Dr. Adenauer, der dem R. h. D. den Willtommengruß der Stadt Köln entbot, bezeichnete es als ein hervorragen» des Verdienst des Reichsbundes, dah er dem Rivellierungsprinzip tatkräftig entgegengetreten fei: dieses sei entstanden aas falschverstandenem sozialen Gefühl. R vellierung fei der Feind jedes, auch des sozialen Fortschritts. Der Rachmittag des 8. Rovember war mit AuSfchuhs Hungen ausgefüllt. 3m Mittelpunkt ber geschäftlichen Ta­gung bes Plenums, die am 9. Rovember folgte, standen die Frage der wissenschaftlichen Fortbil­dung ber höheren Beamten, über die Geh. Rat Dr. v. Strempel, Berlin referierte, unb die ber Beamtenbesoldung, welche angesichts der trost­losen Lage der gesamten Beamtenschaft die Refe­renten Obcrftubicnb.reftor Dr. Dolle, Berlin unb Stud.-Rat Dr. Bohlen, Münster zu heftigen Angriffen gegen die verantwortlichen Stellen und zu entschiedenen Forderungen veranlaßte. Dr. Bolle erklärte, dah die Besoldung für die Beam­tenschaft nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ein ethisches Problem fei. Der schwerste Ansturm auf ben Geist der Beamtenschaft fei der ständige Kampf um die bedrohte Existenz. Die Regierung betrachte sich als Dcrhandlungsgegner und habe sich stets in erbittertem Kampfe das Wenige, das sie gewährte, abtroyen lassen. Besonders ver­hängnisvoll fei. daß bic Regierung neuerdings die Besoldung von ben maßgebenden Faltoren d r Wirtschaft abhängig mache. Er wies nach, daß die W.rtschaft mit unlauteren Mitteln arbeite, die den höheren Beamten glcichzustellendm Ange­stellter: aus den Tarifen hevausnehme und ihre Bezüge verschleiere. D.e Wirtschaftsgrupven sols- ten einsehen, bah es unhaltbar sei. die Doamten- gruppen 6 bis 13 nach Abzug der Steuern mit einem Realeinkommen von 67 Proz. abzufinden. Die untersten Beamtengruppen könnten mit ben ihnen zugebilligten Gehältern überhaupt nicht existieren. Da ber Beamte kein Anteil an der Hochkonjunktur habe wie der Angestellte in der Wirtschaft, erwachse dem Staate d.e Pflicht, jenem zu allen Zeiten feine wirtschaftliche Existenz zu gewährleisten. Dr. Dohlen kennzeichnete bic Ge­fahr, die dem höheren Deamten dadurch droht, daß einzelne Betriebe dazu übergehen, ihre höhe­ren Beamten aus der staatlichen Besoldungsord- nung hcraaszuheben. Mit gröhter Verwunderung würbe festgestellt, dah in einigen Ländern (z. D. in Hessen!) nicht einmal die Sechstelung bei der höheren Beamtenschaft durchgeführt ist und die Erwartung ausgesvrochen, ixift diese besonders cklngerechtigkeit baldigst beseitigt werde. Als Er­gebnis der Verhandlungen wurde eine Entschlie­ßung einstimmig angenommen, in der es u. a, heißt:

Der Bundestag des RvichSbundes der höheren Beamten hält die gegenwärtige Be­soldung der gesamten Beamtenschaft für völlig unzureichend und drückt die bestimmte Erwartung aus, dah das Reich und die Länder im Bewuht- fein ihrer Pflicht gegen bie Beamtenschaft um­gehend Schritte unternehmen, um der unbestreit­baren wirtschaftlichen Rot der Beamten aller Gattungen abzuhelfen. Der Bundestag erklärt es für eine Pflicht des Reichsbundes, dafür einzutreten, dah d.e Besoldung ber einzelnen Gruppen der höheren Beamten nach einheitlichen Grundsätzen geregelt wird.

Mit Rücksicht auf Absatz 1 und 2 fordert der Bundestag 1. eine allgemeine, prozentual

Hingabe fanden sie sich zu leidenschaftlicher Um­armung.

Sie rührten nicht mehr an das, was gewesen war, was fie getrennt hatte, nichts war übrig als die sehnsüchtige Leidenschaft, das Glück zu um­armen, das sie in diesem Entströmen geflauter Ge­fühle und gesprengter Hemmungen zu finden glaubten.

Aber in Ruth war schon zu viel Fremdes, zu oiel, was Hanns Ingold nicht kannte. Sie erwachte zuerst aus dem Glücksrausch, der sie ins Grenzen­lose gerissen hatte.

Noch einmal stammelte sie seinen Namen unter den durstigen Lipven, die die ihrigen suchten, dann befreite sie sich. Dürfte verstört um sich, beruhigte ihr Herz, indem sie die Hand darauf preßte, und ging.

Ruth!" rief er leise. Er wollte sie von neuem ergreifen. Diesmal rasch und fest, wie man die Beute greift.

Bleib!" wehrte sie, und im Goldglanz der Wachs erblaßt.

Mit schweren Knien, wie im Traum, sich selbst fremd, verließ sie ihn.

Hanns Ingold wartete, bis ihr Schritt verhallt und ihre Gestalt zwischen den Bäumen verschwun­den war. Dann stürzte er sich mit einem unsäglich köstlichen Kraftgefühl unb einer Freude, wie ihn noch keine erfüllt hatte, in die Vorbereitungen zur Eröffnung des Betriebes und zur Einweihung seines Wertes.

In der Sitzung des Verwaltungsrats und bei der Ausgabe der letzten Anordnungen für den 2. Oktober sprach er bestimmter und glänzender als je. Als wäre ein Alpdruck von ihm genommen. Sein Schritt, feine Haltung, seine Stimme hatten etwas Sieghaftes.

Jetzt verband ein Flutdamm das Erfand mit dem rechten Ufer, und der Altrhein, an dem Christian Ingolds Hütte gestanden hatte, war durch den Aus­hub des Kesselhauses ausgefüllt worden.

Solange die öffentliche Feier im Rathaus und im Direktionsgebäude währte, fühlte sich Ruth Ty- lanber an ihrem Platze als Gerharts Frau. Aber als die Reben gehalten, die Schlüssel übergeben waren unb bie Besichtigung des Werkes begann, ge* riet fie in Verwirrung.

(Fortsetzung folgt)