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Zranlfurtam ölatn 11686.

Hr 294 (Elftes Blatt <75. ZahrgMg Mittwoch, 16. Dezember 192.)

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

Orud tin» Otrlog: vnihl'Iche Umverstläls-Vuch- und Steinirnderei B. Lange in Sieben. Schristlrrtuirg und Sestzäftsftelle: sa>afHrat;e 1.

Der Kongreß der Muselmanen in Baku

Bort unserem E. 8.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Konstantinopel, Dezember 1925.

lieber Öen bevorstehenden mohammedanischen Kongreß, der für die ersten Tage des Januar in Baku geplant ist, verlautet bisher auch in der Presse der orientalischen Länder kaum mehr, als' daß er tatsächlich dort stattfinden wird. Ganz beson­ders schweigsam verhält sich auch die sowjetrussische Presse, Denn bei dem ganz absolutistischen Charak­ter der bolschewistischen Negierung befleißigt man sich in Moskau gerade neuerdings in bezug auf alle astatischen Dinge einer Geheimdiplomatie, wie kaum in einem anderen Lande der Welt. Und doch durfte man gerade in Moskau am genauesten über die Zwecke und Ziele dieses Kongresses unterrichtet fein. Dafür spricht schon sehr deutlich der bemer­kenswerte Umstand, daß man die Hauptstadt Aser- beidshans, das wie alle transkaukasischen Re­publiken ganz unter dem Einfluß Moskaus steht, zum Versammlungsort gewählt hat.

Die pantürkische Bewegung, die als realpoli- tischer Faktor vorläufig noch ganz dedeutunaslos ist, erscheint heute nur als eine abstrakte Ideologie. Als solche kann sie für die Zukunft freilich eine sehr große Bedeutung gewinnen, doch hat man im Auge zu behalten, daß, mit Ausnahme der Dsmanen, alle türkischen Völker, die Aserbeidjhaner, Turkmenen, Usdecken, Kirgisen, Baschkiren, Tataren, sowie auch die zum großen Teil türkisierten Tschuwaschen, heute von der Zentralregierung der Sowjetunion indirekt oder direkt abhängig sind. Das einzige tür­kische Volk, das nicht Dem Islam angchört, die Jakuten m Ostsibirien, kommt hier schon wegen feiner geringen Zahl (nicht viel über 20 000 Köpfe) kaum in Betracht.

Ein eigentlich pantürkischer Kongreß müßte wohl naturgemäß in Angora, dem Zentrum der pantürkilchen Idee, abgehalten werden. Für Baku dürften Verhandlungen, die sich in dieser Richtung zu bewegen hätten, um so weniger in Frage kom­men, als sich eine realpolitisch ernst zu nehmende pantüxkische Bewegung in lekter Linie natürlich gegen den heutigen Bestand der großen Sowjet­union richten würde.

Es ist wohl sicher, daß auch alle nichttürkischen, mohammedanischen Länder ihre Vertreter nach Baku cntlenben werden, Arabien, Syrien, Persien, Afghanistan und auch Aegypten, Indien usw. Trotz­dem wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß es sich in Baku um einen panslamitischen Kongreß im eigentlichen Sinne des Wortes handeln soll, etwa nach Art eines religiösen Konzils, lieber die gei­stig. und politische Bedeutung des Islams für seine Bekenner herrschen in Europa immer noch nicht ganz richtige, meist sehr übertriebene Vorstel­lungen. Als in alter Zeit die Araber die Herrschaft des Islams in Asien und Afrika bis nach Spanien hin ausbreiteten, schufen sie in allen diesen Gebie­ten gewissermaßen arabische Kulturkolonien. Aber sowohl für den Arader, wie in späterer Zeit für die großen türkischen Sultane in der Glanzperiode der Türkenherrschast, war bei ihren mit gewaltiger Stoßkraft ausgeführten imperialistischen Eroberun­gen die mohammedanische Religion nur das poli­tische Aushängeschild für die großen Massen, genau so wie das Christentum für die Engländer bei der Ausbreitung der britischen Weltherrschaft.

Die Zeiten einer fanatischen religiösen Propa­ganda und Proselytenmacherei sind für die islami­tischen Länder längst vorbei und heute spielt in ihnen bc> ihrem Streben nach Selbständigkeit die Religion eine weit untergeordnetere Rolle, als man in Europa gemeinhin annimmt Für einen unter­geordneten panislamitischen Kongreß ließe sich wohl auch ein pasienderer Ort aussindig machen als ge­rade Baku, etwa eine der heiligen Städte und Wallfahrtsorte Mekka, Meschhed und Kerbela,' das in einem von schiitischen Mohammedaner bewohn­ten, aber freilich jetzt unter britischen Einflüsse stehenden Bezirk belegen ist. Die Einigung zwischen Sunniten und Schiiten, die sich früher so bitter befehdeten, zu einem politischen Zweck, zum Schutz gegen die europäische Gefahr hat sich ja bekannt­lich schon seit fast zwanzig Jahren vollzogen.

Die eigentlichen Zwecke und Ziele des Kongres­ses in Baku müssen nun von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus beurteilt werden, einerseits vom Standpunkt sämtlicher dort vertretener mo­hammedanischer Länder, andererseits aber vom Standpunkt der zielbewußt, geschickt und großzügig angelegten panasiatischen Politik Sowjetrußlands.

Cs wurde oben schon ausgeführt, daß für bie vertretenen Länder die eigentliche panislamittlche Bewegung in Baku nur eine untergeordnete ^olle spielen kann. Der Islam wird dort nur das äußer­liche Band sein, das die zu einer gemeinsamen De- sensivbewegung Versammelten umschlingt. Es heißt freilich, das; man in Baku zur Wahl eines end­gültig und allgemein anerkannten Kalifen schreiten will. Der 1924 enthronte Kalif Abdul Medshid hat herbei wohl nicht die geringsten Aussichten. Auch der Präsident im Zylinder, der einen Bernich- rungskrieg gegen Turban, Fez und Feredsheh führt, würde als Kalif sich sehr sonderbar ausnchmen. Der hoch angesehene Scheich Senussi würde im ganzen Orient doch wohl nicht die genügende Autorität be­sitzen während die übrigen Kandidaten als britische Schützlinge erst recht nicht in Frage kämen. So dürfte die Kalifenfrage, die aus den oben ange- führten Gründen jetzt auch wirklich ziemlich neben­sächlich erscheint, auch in Baku trotz aller Be­mühungen nicht ihre Lösung finden.

Was die mohammedanischen Länder zu gemein­samer Beratung in Baku zusammenführt, das rst

Um die Große Koalition.

Eigentlich eine merkwürdige Situation: Zen­trum und Demokraten treten als Pro­pheten Der großen Koalition auf und suchen abwechselnd Öen beiden Flügeln, der Sozial­demokratie und der Deutschen Dolks- Partei klarzumachen, daß es politisch ebenso notwendig tote nützlich ist, wenn sie ihren Wider­stand aufgeben und in den allein seligmachenden Schoß dieser Koalition hineingehen. Beide wollen von der Weisheit, die ihnen so bereitwillig bei­gebracht werden soll, nicht allzu viel wissen. 2m selben Augenblick aber kommt das Zentrum und lehnt eine führende Rolle bei der Aus­arbeitung des von ihm vorgeschlaoenen Rezepts ab, was indessen keineswegs hindert, daß die Germania", die der Gruppe Wirth nahe steht, den Sozialdemokraten geradezu Zuträgerdienste leistet und Der Deutschen VoTspartei zu verstehen gibt, das Zentrum würde sich zu revanchieren wissen, falls etwa durch die Schuld der Deutschen Volkspartei die große Koalition nicht zustande tarne. Die Sozialdemokraten haben es sehr ge­schickt verstanden, diesen Ball aufzufangen und registrieren sehr sorgfältig jede Stimme von rechts her, die geeignet fein könnte, falls die Berhandlungen zum Scheiern kommen, der Deut­schen Bolkspartei die Verantwortung dafür gu^u» schieben. Deshalb ist es doch vielleicht notwendig, die Dinge einmal grundsätzlich zu betrachten und durch einen Blick in die Bergan gen heil fest­zustellen, woran es liegt, daß die beiden Flügel ein so starkes Mißtrauen gegeneinander haben.

Und da wäre zunächst das Eine hervorzuhe- ben, daß die Deutsche Bolkspartei sehr frühzeitig die Notwendigkeit erkannt hat. auch die Sozial­demokraten in die Reihe der regierungsfähigen Parteien aufzunehmen. Wir wollen doch nicht vergessen, daß nach ihrem großen Wahlsieg von 1920 Herr Heinze als Führer der Deutschen Bolkspartei from Reichspräsidenten mit der Bil­dung des K. binetts beauftragt war. Seine ganz« Tätigkeit hat sich darauf beschränkt, daß er zu den Sozialdemokraten ging Und sie fragte, ob sie bereit wären, mit der Deutschen Bolkspartei zusammen in die Regierung einjutreten. Sie haben das grundsätzlich ohne Angabe von Gründen abgelehnt und damals das Zustandekommen der großen Koalition verhin­dert Die Deutsche Volksp-rtci hatte sich wirk­lich ehrliche Mühe gegeben, die Verbindung nach links zu gewinnen, weil sie überzeugt war, daß eine solche Kombination die beste Lösung der ganzen irn apolitischen Schwierigkeiten ergeben tömite. Aber die Sozialdemokratie wollte nicht, wollte auch dann nicht, als in Preußen das Ministerium Braun gebilligt wurde und schlecht und recht die Gegensätze zwi­schen den beiden Flügelparteien auszugleichen suchte.

Erst nach dem Rücktritt des Kabinetts Cuno kamen im Reich die beiden feindlichen Brüder zu­sammen und bildeten unter starkem äußeren Zwang die Regierung Stresemann, die Regierung der großen Koalition, die nun endlich stabile innere Verhältnisse schassen sollte. Aber was war das Ergebnis? D e ganze Herrlichkeit hat gerade drei Monate gedauert, hat auch nur solange gedauert, nachdem inzwischen schon ein­mal ein Bruch entstanden war, der zum Aus­scheiden der Sozialdemotraten aus dem ersten Ka­binett Stresemann sührte und der notwendig wie­der geleimt wurde. In freien Drei Monaten aber hat sich gezeigt, obwohl es weder bei der Deut­schen Volkspartei, noch beim Zentrum, noch bei ben Demokraten an dem nötigen guten Willen fehlte, daß tatsächlich mit den Sozialdemokraten nicht zu arbeiten war. Sie wollten die Vorteile der Regierungspartei haben, wollten aber die Nachteile unpopulärer Maßregeln dafür nicht in Kauf nehmen und sprengten die Regierung,

als sie merkten, daß ihnen die Kommunisten den Wind aus den Segeln zu nehmen drohten.

Wenn es in Preußen etwas anders ging, so spricht das keineswegs gegen die sozialdemokra­tische Schuld. Hier liegen die Dinge insofern an­ders, als die stärksten Persönlichkeiten, Braun und S e v e r i n g , von der Sozialdemokratie gestellt wurden und sich im Kabinett durchzusetzen verstan- den, da die Vertreter der Deutschen Bolkspartei wiederholt ihre Zustimmung zu Kabinettsbeschlüssen gaben, die eigentlich von ihrer Partei gar nicht mehr vertreten werden konnten. Nur weil die Volksparteiler nicht viel mehr als ein Feigenblatt in dem sozialdemokratischen Ministerium Braun waren, deswegen hat die große Koalition in Preu­ßen solange gehalten. Entfcheidend dafür war nur volksparteiliches Entgegenkommen, nicht etwa so­zialdemokratische Vernunft.

Im Reich jedenfalls hat sich gezeigt, daß die Möglichkeiten des Zusammenarbeitens mit den Sozialdemokraten sehr begrenzt sind. Auch das Ausscheiden der Deutschnationalen aus der Regierung Luther-Stresmann ist dafür kein Gegenbeweis; das bürgerliche Kabinett hat immerhin dreimal solange gehalten, wie die Koa- litionsreg'erung. Für die Deut'chaatianalen stan­den bei ihrem Ausscheiden wenigstens grund­sätzliche Fragen auf dem Spiel, für die Soz'al- demokraten Dagegen Fragen Der Parteitaktik. Das ist der große Unterschied, und deswegen w rd es niemand der Deutschen Volkspartei verdenken können, wenn sie nur sehr geringe Neigung zeigt, noch einmal eine Vernunftehe mit den Sozial­demokraten einz igehen. solange sie nicht erkennt, daß die Sozialdemokraten entschlossen sind, als staatserhaltende Partei auch den Dtoatsnot- Wendigkeiten Opfer der Parteivorteile zu brin­gen. Diesen Beweis sind die Sozialdemokraten Ibis her schuldig geblieben, sie fürchten immer wieder, daß ihnen ihre Parteisuppe anbrennt. wenn He auf sozialem, finanziellem oder wirt­schaftlichem Gebiet die Folgerungen aus unserer schwierigen ßagt ziehen müssen. Das wird auch diesmal kaum anders sein, soviel Mühe sich Herr Koch auch geben mag. um die sozialdemokra­tischen Kanten mit Watte auszupolstern.

Kochs Berh ndlungen mit den Parteien.

Berlin, 15. D^. (Täl) Die Führer der Fraktionen der Deutschen Dolcspartei, der Baye­rischen Volkspartei, des Zentrums der Demo­kraten und der Sozialdemokraten verhandelten: heute über das vom Abg. Koch ausgestellte Pro­gramm. Cs ergab sich grundsätzliches Ein­verständnis. Es wurde aber Vorbehalten, daß die Fraktionen, die beute abend zusammentreten, noch (5rtoägingen oder Klarstellungen verlangen können. Die Führer treten morgen vormittag zu abschließender Beratung über das Programm erneut zusammen. Nachdem sestgestellt worden ist, daß die Wirtschaftliche Vereinigung einem Kabinett der großen Koalition wohlwollend gegenübersteht, wurde mit ihr vereinbart, daß sie zu weiteren Verhandlungen zugezogen wird. Diese Besprechungen der Parteien werden am Mittwochvormcktag 10 ilfjr wieder ausgenommen werden. Personenfragen sind bisher überhaupt nicht erörtert worden, auch in den einzelnen Frak­tionen nicht.

D e Richtlinie«, die Der Abgeordnete Koch Den Parteiführern vorlegte, sollen im Wortlaut erst veröffentlicht werden, wenn ihre endgültige Formulierung sest- steht. Schon heute können wir mitteilen, daß sie außenpolitisch darauf hinzielen, eine Leben- digmachung des Locarnogeistes zu er­reichen und daß der Hoffnung Ausdruck gegeben

wird, daß Die Besetzung möglichst bald beseitigt wird. Weiter wird betont, daß eine Zusammenarbeit dor «u ropä.schm Länder not­wendig ist und daß eine W e l t w i r t s ch a s t s - konferenz geeignet sei, hier fördernd zu wir­ken. Innenpolitisch wird hervorgehoben, daß Der Zolltarif kein Selbstzweck sei. sonoern cm Instrument, um eine möglichst große Ausdehnung des deutschen Handels in der Welt zu erreichen. Ferner wird Die Frage Der Siedlung an­geschnitten, Die mehr als bisher gefördert werden müsse, besonders um den Inlandmarlt zu stärken. Cs wird die Notwendigkeit betont, daß d i c Wirtschaft rationalisiert r itö. Um bei diesen Bemühungen zu einer hohen Wirtschastlich- leit zu kommen, wird ein enges Zusammenarbeiten zwischen der Wirtschaft selber und der Reichs­regierung sowie den Regierungen der Länder gefordert, damit sie sich gegenseitig in die Hand arbeiten. Cs wird weiter Die Einsetzung eines Sachverständigenausichußes zur Prüfung Der Steuergesehe verlangt. Eine Reihe von Forderungen werden auf sozialpolitischem Gebiet gestellt. Die Besprechungen mit dem Arbeitsminister haben hier bereits eine Grund­lage gegeben. Dem Arbeusministerium liegt be­reits ein Gesetzentwurf vor, Der alle ArbeitSzeit- fragen zusammenfaßt (Kinderschuh, Schuh der Frauenarbeit, Sonntagsarbnt usw.). Hin icht tb Des Washingtoner Abkommens wird gesagt. Daß die Ratifizierung gleichzeitig mit Frankreich, Belgien und Cng'and erfolgen soll, damit eine gewiße Gegenseitigkeit Der haupt­sächlichsten Industrie'änder gewährleistet wird.

Die Blätter der beiden Flügelparteien der Gro- ßcn Koalition,Tägliche Rundschau" und Vorwärts", betonen in ihren Bemerkungen zu den Besprechungen über die Regierungsbildung, daß

unter allen Umständen Klarheit geschaffen

werden müße. Das volksparteiliche Blatt erklärt, daß neben den Kochfchen Richtlinien das fozial- demokratifche Programm einhergehe, und es sei möglich, daß beide Programme nebenein­ander bestunden. Die Fraktionen müßten wissen, ob und in welchen Punkten die Sozialdemokratie ihr Programm weiterhin aufrechterhalte, und ob cs sich um Mindestforderungen handele.

Das sozialdemokratische Blatt teilt mit, daß die sozialdemokratische Reichstagssraktion ihre Vertre­ter bei den Verhandlungen beauftragt habe, a u f klare und eindeutige Formulierung b e st i m m t e r P n n k t e zu d r i n g e n , die be­reits in dem sozialdemokratischen Programment. rourf in unmißverständlicher Form dargestellt wor­den seien. Im Namen der Reichstagsfraktion könne das Blatt erklären, daß die Sozialdemokraten zu ihren Vorschlägen ständen. Das Blatt spricht schließ- sich die Hoffnung aus, daß der heutige Tag endlich volle Klarheit über das Schicksal der Großen Koali­tion bringen werde.

Die hessischen Sozia'Äemvkralen gegen die Grotze SocrttUori.

WSN. Darmstadt. 15. Dez. 3n einer Verircterkonferenz der hessischen Sozialdemo­kratischen Partei wurde nach längerer AuSs rache eine Entschließung angenommen, in der die ilebetscugung ausgedrückt wird, daß im ge­genwärtigen Moment die Große Koalition für d i e Sozialdemokratie untragbar sei. Die Politik der Rrichsregie- rung. die von der Volkspartei entscheiden^ be­einflußt worden sei, habe die wiriscka tliche Lage der breiten Volksmassen dermaßen erschüttert, daß es unmöglich erscheine, mit dieser Partei die Lage so zu verbessern, wie es den voliti- schen und wirtschaftlichen Zielen der Sozial­demokratie entspreche.

ohne Zweifel das gegenwärtig mit elementarer Ge­malt immer mehr hervortretende Streben nach möglichst selbständiger politischer nationaler und kultureller Entwicklung. Dieses Ziel ist nur in der Türkei, in Afghanistan, und in letzter Zeit auch in Persien durch den Willensstärken Risa Ehan erreicht worden, wöbe: nur die kulturelle Evolution, ab­gesehen von rein äußerlicher Nachahmung, noch vieles zu wünschen übrig läßt.

Aber die Gebiete, die die völlige politische Un­abhängigkeit mehr oder weniger schmerzlich ver- missen, Aegypten, Indien, Syrien und Mesopota­mien einerseits, die zentralasiatischen Republiken andererseits, wollen nicht mehr nur ein Objekt der europäischen Politik fein, nicht mehr von England, Frankreich und Sowjetrußland für deren eigen­nützige Zwecke mißbraucht und ausgebeutet werden. Diese Bestrebungen werden daher für sie in Baku in erster Linie in Frage kommen.

Man kann nun recht gespanni darauf sein, wie weit es der sowjetrussischen Politik in Baku gelin­gen wird, das bis jetzt so geschickt gehandhabte Heft in her Hand zu behalten, und die Vertreter der verjammclten Länder als Front gegen die britische Weltherrschast mobil zu machen. Gewisse Anzeichen sprechen dafür daß ihr das heute nicht mehr so ganz leicht gelingen wird. In jedem Fall aber oer- leih, bie Wahl des Kongreßortes der russischen Po­litik ein bedeutendes Uebergewicht gegenüber der britischen. Ob aber die einseitige Einstellung dem Gedeihen der Muselmanen sehr förderlich fein wird, erscheint doch recht fraglidj.

Die Entscheidung in der Mossulsrage.

Mosiul dem Irak zuaesprochen. (5'ugland bleibt Äkaridatar

Genf, 15. Dez. (IBB.) heute abend sind die aus London erwarteten zustimmenden Instruktionen über das Schicksal des Bloffulgebiets bei der eng­lischen Delegation eingetroffen, die dem Bat der in geheimer Sitzung tagte, sofort Mitteilung machte. Damit ist die Entscheidung über das Bloffulgebiet gefallen, das endgültig dem Irak zuge­sprochen wird. England übernimmt das Man­dat für weitere 25 Jahre und ist bereit sofort mit der Türkei in wirtschastliche Verhand­lungen einzutreten, die der Rat ausdrücklich von England gefordert hat Die öffentliche Bekanntgabe des Ratsentscheides erfolgt Mittwoch nachmittag. Man vermutet, daß die türkische Delegation entsprechend ihrer seitherigen Haltung an dieser Sitzung nicht teilnehmen wird.

Der Kampf um Mossul har damit also ein vorläufiges Ende erreicht: vom Völkerbund ist dahin entschieden worden, daß das umstrittene Mossul-Gebiet nicht der Türkei, auch nicht Eng­land. sondern dem Völkerbund selbst zu­geschlagen und dem Irak, das Bundesgebiet ist, einverleibt wird. Das ist die Entscheidung, wie sie auf dem Papier steht. 3n Wirklichkeit hat sie aber doch ein ganz anderes Gesicht. Der Irak ist nämlich vorn Völkerbund seinerzeit Großbritannien zur Verwaltung

überwiesen worden. Da aber die Mandats­zeit binnen kurzem abläuft, hatte Chamberlain verstanden, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und den Rat dah'n xu beeinflussen gewußt, daß er das Vilajet Mossul dem Irak unter der Bedingung einer Verlängerung der englischen Mandatsdauer um 25 Jahre einverleibt. Somit bedeutet also die Gen­fer Entscheidung einen glatten Sieg Eng­lands auf breitester Front. Richt ein­mal eine Volksabstimmung ist in Erwägung ge­zogen worden, obwohl es doch hier nicht ledig­lich um die llebereignung der Oelsdlder an ir­gendeine interessierte Macht, sondern auch um das Schicksal der in Dem umstrittenen Gebiet wohnenden Bevölkerung geht, Die wirklich alles andere als englandfreundlich ist. Womit wieder einmal bewiesen ist, daß Der Völkerbund eigent» nur eine Interessengemeinschaft bar» stellt. Wie sich die Türkei verhalten wird, bleibt abzuwarten. Diese Entscheidung wird sie nicht annehmen, sie wird aber auch keinen Krieg vom Zaune brechen, zumal es ja genug andere Mittel gibt, um den Engländern die Freude an der Mossul-Deute zu tauben. Cs fei nur an Syrien erinnert.

Zuspitzung in China.

Pekina ernstlich gefährdet. Rxhlands Rolle.

N e u y o r t, 15. Dez. (TU ) Die in Peking woh­nenden Ausländer verfolgen die Kampfhandlungen iin Raume zwischen Tientsin und Peking mit großer Besorgnis. Die Truppen Fengyusiangs find in den