Der gefesselte Strom.
Vornan von Hermann Stegemann.
37. Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
„Warum nicht?" erwiderte er heftig. „Vorgestern. als ich dnfam, hieß es. der Vater sei krank, wünsche mich nicht zu sehen. Krank — daS hab' ich nicht geglaubt. Vicht sehen — um so eher. Gestern kamst du ungeheißen, riefst mich hinaus und wiederholtest, dah ich ihn nicht besuchen könne. Lind das war zu viel, Hermann. Lind unnötig dazu, denn gestern saß ich hier angeschmiedet, beide Füße im Stock. Gestern ging's um alles. Heute kommst du zum drittenmal. und jetzt höre ich, dah er wirklich krank ist. Lind jetzt muh ich's glauben. Lind weil ich's glaube, geh' ich zu ihm."
.„Hanns, geh' nicht!"
„Warum nicht! Meinst du, ich geh' aus Trotz. Weil er mein Vater ist, weil ich weih, dah ich ihm in sein Leben einen Rih gemacht habe, deshalb gehe ich. muh ich gehen."
„Lind wenn du ihn tötest!"
„Töten? Llnsinn, Bub, töten? Lebendig machen ist mein Beruf, nicht töten."
Er warf den Kopf in den Vacken.
„Lebendig machen", wiederholte er. „Siehst du, sie haben es eingesehen: vor einem halben 3a6r haben sie mir ihre Flüche, ihr Hohn- gelachter um die Ohren geschlagen, heute bin ich ihr Gott. Vun glauben sie. dah der Lauffen Gold schwemmt, wenn er aufgesprengt wird und in der Au die Turbinen laufen und das Wasser in den Schleusen braust. Sie sind sogar so hellhörig geworden, dah sie uns Bedingungen machen und uns die Hände 'binden wollen! Die Fischer, die Flößer die Ackerer: das Volk, das Iahr- hunderte ein Dämmerleben geführt hat, ist plötzlich lichthungrig geworden. Sie verkaufen ihre Sieder und ihre Vechte, sie wollen uns dabei nur den Daumen auft)rüden. Die Fischerinnung hat ihre Forderungen in runde Zahlen gebracht, und der Fischmeister Christian Ingold hat sich dabei als guter Aechner erwiesen. Ich will's ihm selbst bezeugen. Komm, Hermann, ich will ihm alles abbitten, was ich chm zu Leid ge
sonnen habe, er Weitz jetzt, dah ich nicht anders konnte."
„Geh' nicht, Hanns", mahnte Hermann noch einmal. „Der Vater ist nicht mehr Fischmeister, nicht mehr Gemeinderat. er ist bei seinem Vein geblieben."
„Vicht mehr Fischmeister, nicht mehr Obmann! Lind der Rhein findet noch den Weg durch den Lauffen!" rief Hanns.
„Verhöhn' ihn nicht, ich hab' zu dir gehalten, und ich weih jetzt, daß das Kraftwerk am Rhein größer ist und mehr wert als jedes Opfer, das es fordert, aber verhöhn' ihn nicht, Hanns! Ich erwürge dich, wenn du ihn verhöhnst!"
Mit flammendem Gesicht fuhr er auf den älteren Bruder los.
Rasch umspannte Hanns die drohenden Fäuste, und ihn dicht heranziehend, Auge in Auge senkend, sprach er leise:
„Verhöhnen? Hast du mein Erstaunen für Hohn genommen! Es ist mir durch und durch gegangen, dah der Vater nicht mehr Fischmeister ist. Durch und durch, und ich werde schwer daran zu kauen haben, dah ich ihn dazu getrieben habe." „ _
Der Iüngling war erblaßt, verebbt die Springflut seines erregbaren Blutes. Er sah, wie sich das Gesicht seines Bruders wieder hart spannte, die Blicke sich schärften und die Lippen trotzig zuckten. ’
Ieht gab Hanns ihm die Hände frei, strich sich über die Stirn und fuhr mit metallischer Stimme fort:
„Schwer, verdammt schwer daran zu kauen, aber ich trag's."
Lind erwandte sich zu den Plänen und Papieren auf dem Tisch.
Hermann wartete eine Weile, und als er die Hände des Bruders nervös bald dieses, bald jenes Schriftstück ergreifen sah, drängte ihm die Erzählung von der fressenden Verbitterung zum Wunde, die den Vater während des Winters befallen und ihn vor zwei Tagen nieder- gestreckt hatte.
Mit kurzen Fragen peitschte Hanns ihn vorwärts.
„Lind Ruth war bei ihm?"
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„3a, bis gestern morgen. Dann kam die Diakonissin."
Sie, wieder sie! Das Gewissen war noch da, er spürte es, mit unzähligen Stimmen begann es zu raunen und ihm zuzuslüstern: Sie, wieder sie! Du hast sie vergessen, beiseite gesetzt, seit dein Werk Flügel bekommen hat, aber sie ist da, wo d u sie brauchst. Lind aus einer Vergangenheit, die erst wenige Wochen hinter ihm lag, ihm aber schon lange int Gedächtnis zerronnen war, tauchte plötzlich ihr Bild, der Tag, da sie zu ihm nach Frankfurt geeilt und ihm ihr Geld, ihre Zeit, chren Ruf, alles, alles geopfert hatte und dann wieder heimgelehrt war mit einem mageren Dank, auf den er zwei Seiten Papier verwendet hatte. Blicklos starrte er auf den bunten Lageplan. Liebte er sie denn nicht mehr? Lind als hätte der Bruder sich zum Sprecher seiner eigensten Gedanken gemacht, fragte Hermann auf einmal leise:
„Hanns, warst du schon bei ihr?"
Stärker mahnten die inneren Stimmen, doch hart erwiderte er:
„Du hörst, dah ich keine Zeit hatte."
Lind Entfremdung baute die ersten Steine auf zwischen Hermann Ingold und seinem Bruder.
Schon im Begriff zu gehen, sagte der Iün- gere noch:
„Der Vater hat dir die Privatstunden, die du für mich bezahlt hast, gutgeschrieben. Er will nicht, dah einer vom anderen empfängt."
Ein Stutzen, em Auffahren und Sichbeherr- schen, und Hanns Ingold antwortete: „Gut."
Dann stieß er den Zirkel in den großen Plan, rollte ihn auf und griff zum Bleistift. Hinter ihm klang die Tür.
In der Konferenz waren viele Seiten mit Wünschen, Begehren und Vorschlägen vollgeschrieben worden, die von den Gemeinden, Anstößern und Kraftabnehmern, von der Handelskammer und der Regierung zum Ausdruck gebracht worden waren. Sie hatten sich der Gründung willig gezeigt, seit die Millionen dahinter leuchteten, aber den Entwurf hin und hergewendet wie eine alte Iacke.
Lind der Ingenieur hatte den ersten Zwang gespürt, der dem frei schaffenden Geist auferlegt
wird, wenn Pläne in Wirklichkeit wachsen sollen« Aber Ingold war kein Schwärmer, sondern ein Wirklichkeitsmensch, der um jeden Fußbreit Boden rang und das Ganze nicht fallen lieh, weil im kleinen gemäkelt wurde.
Schon rih ihn der Kampf mit den Widerständen, die ihm bei der Ausführung des Werkes entgegentraten, ungestüm fort. Die Gesellschaft war gegründet, vier Millionen gezeichnet, Verträge geschlossen und die Genehmigung in sichere Aussicht gestellt, jetzt hatte er Boden unter den Füßen und lieh sich nicht mehr werfen.
Er war nie gesunder, mutiger, rücksichtsloser gewesen als in diesen Tagen. Er spürte angestaute Energien nach Entfaltung ringen: alle Kräfte seines Geistes, alle Schwingungen seiner Seele drängten zu seinem Werk.
Die Fischer verlangten Entschädigungen, Abfindung für die Wasserweide, die verloren ging. Gut, das war eine Geldfrage, die hatten andere zu erledigen. Er sorgte nur für die Fischpässe, die sie gefordert hatten. Einer am linken Llfer, wo der Talweg zog, war schon im Plan vorgesehen. Eie verlangten auch eine Treppe am rechten Llfer. Dort, wo der Vater das Stanggarn geführt hatte.
Mit festen Strichen zeichnete er die Treppe in den Plan. Er muhte den Pah im spitzen Winkel zu der schräg stromab gedichteten Turbinenanlage anlegen, das Llfer zurucksehen und bastionieren. die Treppe auf sechzig Meter zurückbiegen und dann ins Gelände einschneiden, um sie mit einer Steigung von 5 Prozent um das Turbinenhaus herum in den freien Strom zu führen.
Der Lageblan zeigte das alte Strombett mit seinen Felsenufern, die Flut grün angefärbt und die Klippen schwarz schraffiert, jeden Felsen genau nach der Vatur profiliert. Blaue Kurvenlinien gaben Strömung und Wirbel an. und in harten roten Strichen stand das Werk mit seinen neuen Llfern, die rücksichtslos ins Gelände schnitten, mit dem quergestellten Stauwehr und dein schräggerichteten Turbinenhaus im gefesselten Strom.
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