Einzelbild herunterladen

Nr. 245 Zweites Blatt

Hessen und der Reichsschulgesetzentwurf.

(Q3on unserer Darmstädter Redaktion.)

Während in Weimar die Reichsverfassung beraten wurde und Schulfragen zur Erörterung standen, erregten sich bereits in Hessen die Ge­müter, weil man für den weiteren Bestand der Simultanschule in unserem Lande fürchten mußte, die sich in Hessen seit Jahrzehnten bewährt hat. Der Artikel 146 der Weimarer Reichsverfassung, ist, besonders in seinem zweiten Absatz, ein erst nach harten Kämpfen kurz vor Abschluß des Derfassungswerkes zustandelommenes Kompromiß zwischen den damaligen Mehrheitsparteien, also Deniokraten und Sozialdemokraten einerseits, .Zentrum andererseits, in erster Linie aber ein Erfolg der Zentrumspcrtei, die wesentliche Punkte ihres schulpolUischen Programms durchgesetzt hat. In seinen entscheidenden Sähen hat der Art. 146 folgenden Wortlaut:

Das öffentlich: Schulwesen ist organisch aus­zugestalten. Auf einer für alle gemeinsamen Grundschule baut sich das mittlere und höhere Schulwesen auf. Für diesen Aufbau ist die Mannigfaltigkeit der Lebensberufe, für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule sind seine Anlage und Reigung, nicht die wirt­schaftliche und gesellschaftliche Stellung oder das Religionsbekenntnis seiner Gütern maßgebend.

Innerhalb der Gemeinden sind indes auf Antrag von Erziehungsb.'rechtiaten Volks­schulen ihres Bekenntnisses oder ihrer Weltanschauung ciazurichten, soweit hierdurch ein geordneter Schulbetrieb, auch im Sinne des Abs. 1, nicht beeinträchtigt wird. Der Wille der Erziehung^b?recl iglen ist möglichst zu berück­sichtigen. Das Rohere bestimmt die Landesgeseh- Hebung nach den Grundsätzen eines Reichsge- setzcs."

Der Rrscrentenenlwurf zum Reichsschulgeseh, der kürzlich bekannt gegeben worden ist, stellt nichts andere? als die Ausarbeitung der von der Rrichsverfasslmg gegebenen Richt­linien dar. In Verkennung dieser Tatsache schrieb dieser Tage ein Hess. Blatt, das der Sozialdemekratrie angehört:Wir werden das widerwärtigste Schauspiel erleben, daß minde­stens in protestantischen Gegenden Besitz und Christentum sich eng zusammenschließen i:n? die Armut mit Gewalt religiös expropriieren werden. Ein haßerfüllter und lediglich auf politisch reak­tionäre Ziele gerichteter Geist hat diesen Gesetz­entwurf geboren: ein Geist ähnlich dem jener falschen Mutter des salomonischen älrteils, aus­gehend auf Zerfleischung der lebendigen Volks­einheit."

Der Inhalt des Entwurfs ist zuerst dura) ein Hamburger Blatt bekannt geworden, darauf­hin wurde der Entwurf veröffentlicht. In dem Artikel 5 wird erklärt, daß die Bekenntnisschulen nach dem 'Bekenntnis zu bezeichnen seien, für das sie bestimmt sind. Die gesamten Unterrichts- und Erziehungsarbeiten dieser Bekenntnisschulen müßten getragen sein vom Geiste des Bekennt­nisses, für das sie bestimmt sind. Im Lehr­plan sowie bei der Auswahl der Lehrer und Lehrmittel müsse gebührende Rücksicht auf die bekenntnismäßigen Gebräuche der Schulen ge­nommen werden. Die Einführung von Lehr- und Lernbüchern für den Religionsunterricht habe im Benehmen mit der Religionsgesellschast zu erfolgen .Die Zahl der Unterrichtsstunden und der Lehrplan hierfür werde im Benehmen mit der Religionsgesellschaft festgesetzt. Lehrern, deren Tätigkeit den Vorschriften zuwider ., sei erforderlichen Falls der Unterricht an i er Bekenntnisschule abzunehmen. Rach § 15 des Entwurfs genügt ein Antrag, mit 40 Unterschrif­ten von Erziehungsberechtigten schulpflichtrger Kinder zur Errichtung einer Bekenntnisschule.

In Hessen lehnen alle Parteien mit Aus­nahme des Zentrus den Entwurf ab. Roch in der letzten Sommertagung des Landtags, als über Schulfragen verhandelt wurde, kam diese Meinung zum Ausdruck. Aber selbst das Zen­trum hatte sich mehr oder weniger mit der Simultanschule abgefunden, wenn auch eine Aeu- ßerung des Zentrumsabgeordneten Dr. Schmitt

Sei personangi in cercadautore

(Sechs Personen suchen einen Autor.)

Pirandello in Frankfurt, Schauspielhaus.

Da sitzt ein kleiner, gut aussehender Herr in der Jntendantenloge, die Hände auf die Brüstung gelegt und den Blick auf die offene Bühne ge­richtet. Dann kommen Bühnenarbeiter auf die Szene und Schauspieler. Einer setzt sich ans Kla­vier, zwei tanzen, die legen die Mäntel ab, die plaudern. So ist man mitten im Stück. . .

Der Herr Souffleur und der Direktor sind da. Das Spiel kann beginnen. Licht! Plötzlich steht da ein Mann auf der Bühne. Spricht. Stört die Probe. Spricht weiter. Wird Mittelpunkt.

Mit ihm fünf Personen. Mutter, Tochter. Sohn, Junge, Kind. Ron capiseo, non capiscol Wehrt sich der Direktor. Die Tochter assistiert dem Vater, die Mutter greift ein. älnd schon spielen sie. Sich: verita, vrrita, ihr Leben. . .

Wer schreibt sie zu Ende? (Ein Stück, das gemacht werden muß".)

Kulissen. Tochter am Tisch. Der Vater: .Duon giontolBuon giorno.' Frage, Ant­wort, Schicksal liegt in dem Gruß.

Die Hauptakteucs dasselbe. Mit Souffleur. Dumm, dumm, sinnlos. Lächerlich. Die Tochter lacht. Schreit: 2a verita! La verita! Wahr­heit!

Das Stück kann nicht weitergehen. Madame Pace fehlt. Es ist unmöglich, ohne Madame Pace zu spielen. Die sechs Personen müssen sie haben. Ruhe! Der Vater zwingt sie. Auffliegt die die Tür: Ein Schrei der Kommödianten. Ma­dame Pace, aus einer dritten Welt, ist da. Zwischen hartem Wirklichkeitslicht unb_ weichem Dämmerrot reißt man ihr die Perrücke vom Kopf. Madame Paee ist Mensch. Geht- In die Debatte fällt der Vorhang.

(Der kleine Herr in der Loge hängt noch immer starren Blickes an der Bühne.)

Dann stehen sie wieder alle da. Szenerie wird gestellt: Brunnen, zwei Zypressen. Die Tochter ertränkt das Kind. Vater und Sohn geraten aneinander. Die Mutter leidet. Wein- krampf schüttelt die Tochter. Weiter, weiter! Ein Schuß: Der blöde Junge ist tot. Spuk? Rein, tot! Aber das ist Wahnsinn! Die Bühne ist ja leer! Der Direktor schwankt. Wahn­sinn! Halluzination: Auf dem Fetzen Horizont

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen) ' ü Freitag, 16. Oktober 1925

uns.)

e-s.

Ein Verismus restlos gelöst, unendlich be­glückend in schlackenloser Reine, lückenlos ge­schlossen, herrlichst auf eine kristallen klare Form gebracht. (So stark ist hier das Eisen des Stückes im künstlerischen Schaffensprozeß zusammengebo­gen, daß sich trotz des Symbolhaften derPer­sonen" die Bezeichnung rechtfertigt.)

Soll man Ramen nennen? Es war eine ein­malige Angelegenheit. Bleibt unwi'^-erholtes Er­lebnis. Da deckt sich Schein und Sein, Rolle und Akteur. Die Tochter, d.r Vater, der Dtrektor, die Heldin. Unt> alle anderen!

Zu dem Stück aber gehört der,kleine Herr in der Loge, der, die Hände auf bep Brüstung, kein Auge von seinen Gestalten läßt. Das scheint mir das Wichtigste für den Dichter Pirandello.

(Er mußte sich am Schluß wohl zehnmal zeigen. Bescheiden und dankbar. Glücklich gleich

dunkel triebhaft die Personen. Wohin soll das? Licht! Licht!! Licht!!!

älnd mit einem Lachen ist alles wieder ver­schwunden, woher es kam. Woher? ?

Der Direktor geht ab. Achselzuckend. Kopf­schüttelnd.

Der kleine Herr in der Loge liegt mit den Händen auf der Brüstung, starrt auf die Bühne und lächelt glücklich: Der Dichter Pirandello.

und Traum, aus einer anderen, fremden Di­mension. Die gefallene Perücke entkleidet sie ihres Wesens. Sie geht, fehl am Ort, davon.

Don romanischer Sprechkultur können wir lernen. Schön ist, daß man nichts versteht. So wird das Wesentliche klarer. Eine Frage, eine Ditte, ein Aufschrei, ein Gewähren, Befehlen, Erdrücken, es erwachst aus der Melodie der Worte, Hingt aus der Stärke und Schwäche des Atems, erhellt aus dem Blick, steht auf aus einem Zucken um den Mund, springt aus dem Wink der beweglichen Hand....

Die Hande: Einen HymnuS möchte man auf diese Hände schreiben.

Rhythmus im Sprechen der Masse: Aus ihr wächst der Träger des Wortes, in ihr versinkt er. Unb Tempo, irrsinnig, bis zur Anverständlichkeit gepeitscht von der Rot inneren Drängens.

Das Stück ist: Grandiose Skizze. Glück­licher Traum eines begnadeten Dichters.^ Da stehen die Rollen, tauchen ihm aus Urgründen des Schöpferischen auf, wollen Leben, fordern ihr Stück, ihre Wahrheit, chr Dasein. Der Dichter-Direktor, Mittler zwischen Wunsch und Schein, gibt Raum zum Spiest Und die Rollen lachen über ihre Interpreten! Was wißt ihr von uns! Abklatsch seid ihr, hilflos und dumm. Wir aber sind Leben und Wahrheit. Und ach, nie­mand ist, der uns ins Licht erlöst. Immer noch suchen wir einen Autor (= fehlt uns der kon­geniale Gestalter). Dichters Rot ist groß. Es ist, um irrsinnig zu werden. Und bei Lichte, nüchtern betrachtet: Lächerlich. Hahahaha. . . .

Und die Wertung? Was hier gesagt wird, gilt nicht einmalig. Ist Schöpfer-Schicksal. Gilt immer. Wird bestehen.

täten und sonstigen Hochschulen in Verbindung mit einigen großen Verbänden von Wissenschaftlern die Rotgerneinschaft der deutschen Wissenschaft mit der Aufgabe, die der deut­schen wissenschaftlichen Forschung durch die wirt­schaftliche Rotlage erwachsende Gefahr völligen Zusammenbruchs abzuwenden. In viereinhalb­jähriger Tätigkeit gelang es ihr, mit Stiftungen des In- unb Auslandes, vor allem aber mit Hilfe deS Reiches, im Zusammenarbeiten mit den Kultusverwaltungen der Länder manchem Rot- ftanb abzuhelfen, und die Durchführung vieler Forschungsaufgaben zu ermöglichen. Die bisherige Arbeit der Rotgemeinschaft hat aber auch gerade mit voller Deutlichkeit die Lücken auf allen Ge­bieten der Wissenschaft erkennen lassen, die es noch auszufüllen gibt. Mit einer Denkschrift über Forschungsausgaben im Bereich der nationalen Wirtschaft, der Vollsgesundheit und des Volks- Wohls ist jüngst die Rotgemeinschaft an den deutschen Reichstag herangetretey, um Mittel für diesen Zweck zu erbitten. Die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiete der Volksgesund­heit steht dabei mit in erster Linie. Willkommen ist der Rotgerneinschaft daher in diesem Augen­blick die Anregung aii8 Kreisen der Gewerk­schaften, vor allem d'^ Gebiets, das am schwersten unter der fremden Besatzung leiden mußte, des Ruhrgebiets sow.e des Oberbürgermeisters von Essen, auf einem wichtigen Teilgebiet der deutschen Wissenschaft, der Medizin, vor der Arbeiterschaft einen Lieberblick über den gegen­wärtigen Stand der Forschung zu geben, um darzulegen, wie diese Fragen das gesamte Volk, vor allem auch die Arbeiterschaft, angehen, wie die Wissenschaft zu helfen bemüht ist, und welche großen Aufgaben fürder ihrer warteten. Aus freudiger Mitarbeiterschaft soll durch den Mund der ersten Forscher Deutschlands bem werktätigen Doll näher gebracht werden, waS die medizi­nische Wissenschaft bisher geleistet hat und welcher lohnende Arbeitskreis hier noch winkt.Sirrten dem Zeichen®ie medizinische Wissen­schaft und das werktätige Volk" ver­anstaltet die Rotgerneinschaft in Essen in der Zeit vorn 25. bis 31. Oktober eine Medizinische Woche. Reichskanzler Dr. Luther nimmt en diesem Plan lebhaftes Jirteresse und w'll die Woche selbst durch eine Ansprache einleiten.

Ein selten kultiviertes Publikum ehrte sich und den Dichter: Der Abend war wertvoll:

Pirandello als Regisseur mit seiner Truppe des Theatro d'arte di Roma. Auch hier ein Großer. Er ehrt den Grundsatz: Die Szene ge­hört dem Schauspieler. Er kennt die Bedeutung der Bewegungslinie einer Figur. Ganz klar war aufgerissen: Rechts im roten Licht die ungeborenen Ideen, die Gestaltung suchen. 2inI8_ im grellen Weiß bei Leute der Scheinwelt, Komödianten, die jenen Leben geten sollen. Draußen, außerhalb, der Direktor, oft der Mittler, dann auch in der Mitte posttert. Leben suchend stoßen immer gegen die unsichtbare Kluft der Mitte die positivsten der Schatten, Vater und Tochter. Als sie durch­brechen, verliert auch der Direk'.or an Helle, alles schwankt; noch ein Hin und Her: der Wahn­sinnsanfall ist da. Im nüchternen Licht ver­schwindet alles. Rur irgendwoher .aus dem Unterbewußten, dringt ein Lachen. . . Madame Pace, herbeigezwungen, kommt zwischen Schein

Eine medizinische Woche in Essen.

Seit Beginn der Inflation führt die deutsche Wissenschaft den schwersten Kampf um die Gr- haltung ihrer Existenzgrundlagen. Als der Wäh­rungsverfall im Jahre 1920 immer fühlbarer wurde und die Fortsetzung w.ssenfchaftlicher Ar­beiten schwer beeinträchtigte, gründeten die deut- schm Akademien der Wissenschaften, iUniversi-

Sonotag, 18 £fi» 1 Uhr nachm.: 3n> iammtnfunit mit B(nmlielnb.2iabt üid)u.$eiprc(buniib. Deihnachlöstier.

*k

je zu .£ Sieb. Mb

ZI

Sonntag, 18.t:

MWA

nach

Marburg.

^fammentteffert Moen Kameraden orsAmllmevemnS

jyz UhttIolnitagb

hOMlN.

Ms-

®u!|Sen »*etB mit,BfiFommct- ter4lld,Änfl der Zur TEN

UnloU-''-^ WÄLE

Sietzener w»»S.

llebunAM.

aus einer Landtagssihung, die einige Jahre zu­rückliegt. und die der deutschnationale Abg. Dr. Werner zitierte, wohl nicht unmittelbar als Zu­stimmung aufzufassen ist, so kommt sie doch einem Sichabfindcn mit den bestehenden Tatsachen sehr nahe. Jedenfalls hat das Zentrum in den letzten Jahren seine früher üblichen Proteste gegen die Cimultanschule im Hess. Landtage nicht mehr erneuert. Den Standpunkt der evangelischen Kirche zu dieser Schulgattung Hessens hat Prä­lat D. Dr. Diehl im Landtag etwa dahin formuliert, daß die evangelische Kirche auf dem Boden der Anerkennung der Simultanschule flehe, doch müsse die Gewähr gegeben sein, daß keine, religionsscindlich-en Tendenzen im Unterricht her­vortreten. Gegen Ende des Monats September haben sich die evangelischen Pfarrer Hessens, die auf dem Boden der Deutschen Volks­partei stehen, für die Simultanschule ausge­sprochen, ebenso der Landesschul-AuSschuß der Deutschen Volkspartei. Von der Deutsch- nationalen Volksparte^ Hessens liegen gerade aus jüngster Zeit wieder mehrere Zeug­nisse vor, daß sie unentwegt für die Simultan­schule eintritt und die Einführung der Bekennt­nisschule in Hessen ablehnt. In einer Zuschrift deutschnationaler Lehrer an eine Zeitung ihrer Partei werden die nachstehenden Punkte beson­ders an dem Reichsschulgesetzentwurf bemängelt:

1. Die Zerschlagung der deutschen Schule und ihre Auslieferung an die Kirche.

2. Wesentliche Abtretung bedeutender Rechte des Staates an die Bekenntnis- und Weltan- schauungsgemeinschasten.

3. Gefährdung der wohl erworbenen Rechte der Lehrer, die auch Staatsbeamte sind.

Beachtenswert ist diese Stellungnahme, weil die Sozialdemokratie für die Fassung des Entwurfes den Reichsminister Schiele und die Deutschnationale Volkspartei verantwortlich ma­chen will, otwohl die Grundlagen schon in Weimar festgelegt worden sind. Außer den Sozialdemokraten haben auch die Demokraten den Reichsschulgesetzentwurf durchaus abgelehnt. Von der hessischen Zentrumspresse liegen nur gelegentliche Zustimmungen vor; es ist aber zu erwarten, daß die Partei sich wieder stark für ihr altes Schulideal einsehen wird.

Die hessische Lehrerschaft zeigt sich seit der Veröffentlichung des Entwurfs sehr Beun­ruhigt; sie hat an vielen Orten und in allen Teilen des Landes Versammlungen abgrhalten, die sich scharf ablehnend gegen die Bestimmungen des Entwurfs aussprechen, soweit sie die Simul­tanschule beseitigen wollen. Im wesentlichen fol­gen die hier gefaßten Beschlüsse einer Kund­gebung des Hessischen Landeslehrer­vereins, in der llar ausgesprochen ist, daß nach dem Entwurf die Bekenntnis- und Weltan- schauungsschule zur Regelschule wird. Die Lei­stungsfähigkeit wird herabgesetzt, es entstehen Zwergschulen, die Kosten werden größer und die Gewissensfreiheit der religiösen Minderheiten wird vergewaltigt.

In Hessen ist die Simultanschule eine Frucht der Kämpfe bet älteren Generation der Libera­len. Diese Schulgattung hat sich feit mehr als 50 Jahren bewährt und niemals konnte gegen sie beweiskräftig der Vorwurf erhoben werden, sie habe die religiöse Erziehung vernacUässigt oder die Religionsgemeinschaften geschädigt. Fast das ganze Land ist mit dem bestehenden Zustand zufrieden; die Beunruhigung ist gewissermaßen erst von außen hereingetragen worden. Dis jetzt ist der Reichsschulgesehentwurf nur ein Referentenentwurf; es heißt, daß er noch einmal umgearbeitet werden soll, bevor er dem Ministerium borgelegt wird. Hoffentlich geschieht dies, und zwar in der Weise, daß die Länder mit Simultanschule, wie Hessen, diese Schul­gattung behalten dürfen.

Zusammenfassung der Deulfchtumspflege!

Anläßlich einer jüngst in Berlin durchgeführ­tenTagung bet Auslanddeutschen" hat es sich herausgestellt, daß die größere Oeffentlichbeit des deutschen Inlandes und Auslandes im ollge-

fchreitung seiner Wesensgrenzen.

es, für seine auf nationalem, kulturellem und wirt« schaftlichem Gebiete liegenden Aufgaben der Festi­gung des Volkstums auch im Kernlande, damals in Wien, Freunde und Helfer zu werben. Es ent­stand dort im Jahre 1880 derDeutsche Schul- v e r c i n". Ein Jahr später wurde in Berlin der Allgemeine Deutsche Schulvcrein zur Förderung des Deutschtums im Ausland" ins Leben gerufen, der gleidjgefinnte Kreise im Reich sammelte und zu Opfer und Auf. tlärungsarbeit vereinigte. Dieser Verein, der heute alsVerein für das Deutschtum im A u s l a n d" weit über eine Million Mitglieder umfaßt, und in diesem Jahre zum ersten Male über eine Million Goldmark an Mitteln aufgebracht hat, ist somit der älteste und größte Verein auf diesem Gebiete. Er hält sich seinen Satzungen eilt- sprechend, jeder Art von Politik fern. Er unterstützt lediglich kulturelle Einrichtungen, in erster Linie Schulen, Vüchereien, Kulturoerbände jenseits der Grenzen und klärt das Reichsdeulschtum über das Gesamtdeutschtum und seine Lage auf.

Nach dem Zusammenbruch traten an den V. D. A. gewisse politische Aufgaben im Zusammen­hang mit den Volksabstimmungen heran, die er als reiner Kulturoerein ohne Gefährdung feiner Gesamtarbeit jenseits der Grenzen nicht auf sich nehmen zu können glaubte. Vom damaligen Dar- sitzenden des D. D. A. wurde zur Lösung dieser Aufgaben derDeutsche Schutzbund" ge­gründet, der sich alsbald große Verdienste in den Abstimmungskämpfen erwarb und es verstand, die führenden Streife des europäischen Grenz- und Siedlungsdeutschtums zu ständiger engerer Füh­lungnahme in volkspolitifchen Fragen heranzu- ziehen. Nach Beendigung der Abstimmungsarbeiten hat der Schutzbund bann diese Gemeinsamkeit der Interessen ständig zu erweitern und zu vertiefen gewußt und daneben nacheinander eine Reihe Ion- tretet volkspolitischer Fragen bearbeitet. Gegen- roärtig hat er seine Aufmerksamkeit dem Bevöl­kerungsproblem und der Siedlungsfroge, besonders im Osten, zugewandt. Ein Verem, der im Aus- lande geschädigten Reichsdeutschen ist derBund der Auslanddeutschen", der nach Kriegs- ausgang gegründet wurde und mit Energie, soweit es überhaupt möglich war, auch mit Erfolg, die Entfchädigungsfrage bei der Regierung vertreten bat. Diese Bearbeitung der Entfchädigungsfrage ist fein allgemein anerkanntes Gebiet. Ein nach wissen- schasUichen Grundsätzen arbeitendes und in der praktischen Nutzbarmachung dieser Grundsätze für das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Deutschen sehr erfolgreich tätiges Institut mit Sammlungen, Archiven usw. ist dasDeutsche Auslands- Institut" Stuttgart. Der Vorsitzende des Auf­sichtsrates dieses Instituts ist Exz. von Hintze, der Vorsitzende des V. D. A. Aus den Namen ergibt sich das Arbeitsgebiet der in diesem Zusammen- hange weiterhin in Frage kommenden Spitzen­vereine, derDeutschen Kolonialgesell- schäft", derVereinigung Deutsch- Evangelisch im Ausland", desNeichs- verbandes für die katholischen Aus­landdeutschen", derVereinigung für deutsche Siedelung und Wanderung". Alle die genannten Verbände sind in demVer­band der freien Deutschtumvereine" zusammengefaßt, in welchem der D. D. A. den Vor­sitz führt. Zwischen V. D. A. und Bund der Aus- landdeutschen schweben Verhandlungen, die, nach Abzweigung der Entschädigungsfrage, einen Zu- sammenschluß der Organisationen zum Ziele haben. Der in letzter Zeit häufiger genannte Ostbund ist eine Interessenvertretung der vertriebenen und ausgeplünberten Ostmärker. Aus der Grundlage des Heimatbewußtseins bestehen noch zahlreiche Hei­mo t b ü n d e, die Heimattreuen Oberschlesier, Ost- preußen, sudetendeutschen Bünde und andere Ver­bände landsmannschaftlicher Natur. In diesen Zei­ten, in denen nach Zertrümmerung des souveränen Staates um die Volksbehauptung gekämpft wird, ist die Frage der zweckmäßig organisatorischen Kräftegruppierung vielleicht von ausschlag­gebender Bedeutung. Hoffentlich bringt die nächste Zeit auch hier eine engere Zusammenfassung als Vorbedingung der bitter nötigen Kräftesteigerung und einen Verzicht jeder Organisation auf lieber»

«ÄftSfeSf«»

Provinz Ober bei. ,» "°k«retun«s iu beleä ö8e kommen nur erff. ? i^^^nnennbnebnuie flÄ'temoltße Cmüete ücksichtigt werden.

MMissM Vertreter) um. günjiim lin8ungen eingeiiellt.

Bewerbungen an dir

MMh iÜNMMnM

meinen noch sehr wenig über die Organisationen und die Arbeitsziele der für das Auslonddeutschtum arbeitenden Verbände unterrichtet ist. Es dürfte wohl nur ein zahlenmäßig außerordentlich kleiner Kreis von unmittelbar Beteiligten fein, der die besondere Zielsetzung dieser vielen, dem äußeren Anschein nach gleichen, aber doch von ver­schiedenen Organisationen veranstalteten, dem Aus- landdeutschtum gewidmeten Taguüfien kennt. Daß jo viel derartige Veranstaltungen abgehallen wer­den und auch in der Oeffentlichkeit Beachtung finden, ist an sich ein erfreuliches Zeichen der Zeit. Wird es doch offenbar, daß das Bewußtsein der Zu­sammengehörigkeit oller Deutschen und die moralische Verpflichtung des Binnen- b e u t f d) t u m s gegenüber dem Auslanddeutschtum im wachsenden Maße ein Problem erster Ordnung zu werden beginnt. Dos Deutschtum beherzigt die Lehren des Friedensdiktates, noch denen die früher als Abgrenzung des nationalen Lebenskreises emp­fundenen Grenzen für die Volksgesamtheit nur von relativem Zeitwert find.

Dos Problem hat aber noch eine andere, weniger erfreuliche Seite. Es scheint unser volkspsychologi- sches Schicksal zu fein, für alle Schattierungen einer Sacheinheit organisatorisch besonders ge«

NR.

POSTSCHECKAMT STUTTGART

sammelt alle Gaben für die 3eppel$K=6<fcnet»Spen6e Ebenso werden Seiträge von allen Reichsbankstellen, Sparkassen und Sanken entgegengenommen un­kostenlos an -en Reichoaus- anvschuß für -le Zeppelln- Gckener.-Spen-e,Serlinw2, RurMrste«-amm 13,geleitet

bundene Kräfte einsetzen zu müssen, die in ihrem Zusammenwirken durchaus nicht eine Summierung der Energien nach demselben Ziele hin bedeuten. Es Hot sich herausgestellt, daß vielfach bei der Schwierigkeit einer genauen Abgrenzung aller Ar­beiten durch die Vielfältigkeit der Organi­sationen Reibungen und Hemmungen geschaffen werden, die einen Teil der für die Sochaufgaben dringend nötigen Kräfte verbrauchen. Es ist daher zu wünschen, daß einmal durch eine möglichst klare Abgrenzung der Arbeiten und dann weiterhin durch möglichst geschlossene Deremheit- lichung, Zusommenfasfung ober Zusammenlegung gleichgerichteter Verbände die Sache, der sie dienen, gefördert wird. Naturgemäß sind die Ansichten über die Möglichkeit einer weiteren Zusammen- faffung der Kräfte sehr geteilt. Es läßt sich auch nicht verkennen, daß die geschichtliche Entwicklung aus naturgegebenen Anfängen heraus die verschie­denen Organisationen vielfach und sicherlich auch zum Nutzen der Sache zu Verbänden mit starkem Eigenlebey gemacht hat, so daß man mit durchaus gegebenen Größen rechnen muß.

Zunächst sei eine Uebersichtsskizze der verschie­denen Organisationen und ihres Tätigkeitsgebietes sowie ihrer Entstehung gegeben. Der Gedanke der Verpflichtung des Mutterlandes gegenüber den in irgendeiner Form außerhalb der Grenzen lebenden Söhnen ist aus dem Grenzlandkompf selbst heraus entstanden und zum ersten Male praktisch im Rahmen durch den Kuraten Mitterer im Nonsber- gebiete (Südtirol) verwirklicht. Mitterer verstand