Ausgabe 
16.7.1925
 
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Donnerstag, 16. Juli 1925

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. 164 Zweites Blatt

Neues zu schaffen, aber

Wilde Nordsee

Wo bist du, Sturm? Gibst du nun endlich Som­merfrieden, tückische Nordsee?

Und der rauhe Nord beginnt seinen Siegesgesang. Nicht gleich in voller Stärke, nein, langsam stei­gernd. Wie ein Meisterorganist, der Register auf Register zieht, bis in erhabener Majestät das volle Werk über die Menschen dahinbraust.

Generalprobe bei Nacht! Wir stehen auf hoher Düne und blicken weit hinaus. Das Meer rast, der Sturm heult schaurig, schwarzgraue Zacken und Klüfte sind die Wolken, Sand peitscht unser Gesicht. Und immer wilder wird das Toben.

neue Stil in den romanischen Ländern gefunden, wie in Italien, Spanien, Belgien und vor allem auch Frankreich, obwohl einzelne ganz von der lieber« lieferung abweichende,innerlich" eingestellte Schöp­fungen nicht übersehen werden dürfen, wie etwa das reizende Haus des Tourismus in der industriellen

Le Style des Boches.

Wanderung durch die Pariser Ausstellung.

Von Manfred Wagner.

Wohl jeder Fremde, der in diesem Jahre Paris besucht, wird sich mit besonderen Erwartungen zu dem riesigen Ausstellungsgelände begeben, das sich auf beiden Seiten der Seine zwischen Pont de la Concorde und Pont de l'Alma hinzieht, im Mittel­punkt von Paris, ist dieExposition des arts d6co- ratifs et industriels modernes , wie sie amtlich heißt, aus dem Boden gewachsen. Fast alle bedeutenden Länder der Welt haben sich an dieser Ausstellung beteiligt, so daß man dort auf einem Flecke einen Auszug der gesamten modernen Baukunst vor sich hat.

Betreten wir die Ausstellung vom Grand Palais aus durch die Ehrenpforte, so haben wir rechts den italienischen Pavillon mit vielen bunten Einlagen und einer endlosen lateinischen Inschrift

Sturmflut! Schaum spritzt über den Sand. Schritt für Schritt dringt die Flut vor. An allen Ecken des Dorfes ertönen die Warnungshörner.

Ihr durchdringendes tuhuuut vermischt sich gruselig mit dem Geläut der Alarmglocken. Ein­heimische und Badegäste eilen zum Strand, um die Körbe und Hütten abzuschleppen, die Badekarren einzuholen.

Es war höchste Zeit, denn schon klatscht und schlägt die Brandung an die Befestigungsmauer. Der Sand ist überspült. Wo eben noch stolze Bur­gen standen, wo groß und klein noch gestern in woh­liger Urlaubsfaulenzerei Siesta hielt da ist jetzt eine wilde, große, aufgewühlte Wasserfläche.

Ein gigantisches Schauspiel! Immer aufs neue versucht die tückische Nordsee, den Menschen Land zu entreißen. Doch Woge auf Woge zerschellt. Die Steinmauer ist hart, die Steinmauer in jahre­langer Arbeit geschaffen trotzt den gierigen Rie­senzungen der wütenden Wellen.

Und der Mensch wird, klein, ganz klein. Er läßt in ehrfürchtigem Erschauern seine Blicke schwei'en weit hinaus bis dorthin, wo Himmel und Wasser verschmelzen. Er schrickt zurück vor der titanischen Brandung, die in rasender Wildheit Schaumkamm auf Schaumkamm gegen das Geste«n schleudert. Er hört aus des Orkans Siegesgeheul die Worte her­aus:Was bjft du, Erdenwurm."

15 Minuten später. Ein kleiner Schritt. Er führt vom Erhabenen zum Lächerlichen. Durch die Dorf­straße zum Bahnhof.

Der Norddeutsche Lloyd hat seinen ersten Damp­fer aus Bremerhaven geschickt. Vor dem Weftan- leger, den wir mit dem Feldstecher erspähen, schau­kelt eine Nußschale hin und her, auf und nieder. Ein Kinderspielzeua? Nein: derDelphin",Sa- lon-Bäder-Dampfer^ seines Zeichens. Mit vieler Mühe legt er an, mit zwei Stunden Verspätung. Menschen kleine schwarze Punkte klettern in die Jnselbahn, die sich, umständlich ruckelnd, gegen Wind und Wetter zum Bahnhof vorarbeitet.

Ein Lazarettzug. O, ihr Armen, Geplagten, die ihr über die Trittbretter hinabklettert! Kalkweiß die Gesichter, müde und schleppend die Bewegungen, schmerzlich gefaltet die Stirnen. Jeder Zoll der Stlei» düng eine schreiende Erinnerung an seekranke lieber« fahrt. Wie müßt ihr gelitten haben!

Und der Sturm rast weiter.

Sonntagmorgen! Sturmsonntag. Es ist, als ob die Insel in Stücke gerissen werden sollte. Mit un­bändiger Kraft kämpft der Orkan gegen alles, was sich ihm entgegenstellt. Die kecken Sommerfrischler, die sich aus den Häusern wagen, kommen nur im Schneckentempo vorwärts. Die Fahnen auf den Masten werden zu Fetzen: die paar kümmerlichen Bäume und Sträucher, die die friesische Erde tragt, schwanken ohnmächtig hin unb her. Es ist, als wollten die leichten Sommerhäuser jeden Augen­blick zusammenkrachen.

Das Meer rückt dräuend näher und naher. Auf­gewühlt im Innersten. Mannshohe Wellen gisch­ten auf in schäumendem Zorne. Die unendliche Wassermasse wälzt sich gespenstisch-unheilverkündend über die Buhnen dem Dorfe zu.

Neue Sommergäste sind gekommen. Mit ihnen Sonntagsausslügler aus Bremen und Bremerhaven, die schon nach vier Stunden, am Spätnachmittag, wieder heimwärts wollen. Die blasse Angst guckt ihnen aus den Augen, als sie zur Abfahrt rüsten. Wird's wieder eine Schreckensfahrt werden wie am Morgen?

Das Bähnchen dampft ab. Man winkt Freunden und Bekannten ein letztesGute Fahrt!" zu und denkt im stillen: ,Lu beneiden seid ihr nicht."

Und nach zwei Stunden sind alle wieder da. Der 3hg hat versucht, bis zum Anlegeplatz vorzudrin­gen da umspült die Flut die Schienen. Umkehr! Üeberfahrt aussichtslos. Die Reisenden sind gefan­gen auf der Insel.

Und der Sturm rast. Und das Meer tobt. Was soll werden?

Am nächsten Morgen ein ähnliches Schauspiel. Abschiedsszenen auf dem Bahnhof. Abfahrt mit dem Züole. Das schleicht diesmal zwar bis zur Lan­dungsbrücke. Aber jetzt streikt der Dampfer. Der Delphin- hat sich, von den Wellen übertölpelt, giert auf eine Sandbank verlocken lasten. Nach zwei Stunden feiern wir aufs neue Wiedersehen.

Wenn die Nordsee stürmt..

Ein Reisebrief von Günter Schab. Auf Wangerooge, im Juni.

über dem Tore. Man kann dieses Gebäude, dem jegliches Gegenwartsbewußtsein zu mangeln scheint, nicht als geschmackvoll bezeichnen. Italien sonnt sich noch immer im Glanze seiner lateinischen Urahnen und hottte das doch eigentlich gar nicht so nötig. Belgien aus der linken Seite zeigt sich mit einem Gebäude ohne jegliche Komposition, an besten Vor­derseite eine Gruppe von Standbildern angebracht ist, die man in keiner Weise in Beziehung zum Ganzen bringen kann. Bei England verliert man gar völlig den Mut. Ein über und über mit kleinen, einander widersprechenden Einzelheiten verziertes Haus, bemalt mit schaurigen Farben. Das Ganze von einem Turm überragt, auf dessen Spitze sich ein grünes Segelschisfmodell wie ein großer Kirchen­hahn wiegt.

Hat man nach diesen Erfahrungen noch nicht alle Hoffnung verloren und wendet sich zu einem neuen Versuch nach links, so hört man sicher ganz leise Orgelklänge. Sie ziehen einen magnetisch zu einem Pavillon, der endlich einmal aufatmen läßt. Wie eine Oase wirkt dieses einfache, in seiner Kon­struktion so klare österreichische Gebäude von Prosessor Hoffmann. Ohne Verzierungen, selbst ohne Fenster, sichern die vorherrschenden Senkrech­ten den Eindruck der Geschlossenheit. An den Wän­den sieht man als einzige Erhebung die Namen verschiedener berühmter Oesterreicher. Drinnen ist alles in kräftigen, aber harmonischen Farbtönen ge­halten. Noch immer spielt die Orgel, die man weit­hin hören kann, da ihre Pfeifen außen angebracht sind.

Als das Hauptereignis der ausländischen Erzeug­nisse aber dürste Holland zu nennen fein. An diesem Gebäude sieht man, was aus einfachstem Baustoff geschaffen werden kann. Zum Bau dien­ten in der Hauptsache nur Backsteine, Holz, gla­sierte Ziegel, Glas und geschmackvoll verwendete Farben. Vor dieser Offenbarung modernen Geistes bleibt alles stehen. Die Ehrlichen bewundern, ein Teil von Neidern krittelt.

Zufällig fing ich die Kritik zweier französischer Architekten auf, die selber zur Ausstellung gebaut hatten. Aus deren Mund fiel die bedeutungsvolle Bezeichnung vomstyle des boches", die in ihrer Schärfe klar den Gegensatz zu der sonst vielfach auf dieser Ausstellung vertretenen Bauweise ausdrückt. Sämtliche europäischen Gebäude zeigen entweder diesen neuen Stil oder jenen alten, och, so trau­rigen Nachfahren der Renaissance, den überhaupt noch auf dieser Ausstellung vorzufinden so viele in Erstaunen versetzt haben mag.

Es ist sehr bezeichnend, daß die Franzosen jenen neuen Stil den Deutschen zuschreiben, obwohl wir doch gar nicht auf der Ausstellung vertreten sind. Und doch ist die Erkenntnis richtig, daß jener Stil mit Deutschland in engstem Zusammenhang steht. Man denke an den Stuttgarter Bahnhof, das Hoch­haus in Köln, das Chilehaus in Hamburg u. a. m., und man wird das, was bei vielen so urteilenden Franzosen nur hypothetisch ist, in Wirklichkeit vor« finden.

Worin unterscheidet sich nun jener neue Stil so einschneidend von den bisher üblichen? Um es ganz kurz anzudeuten: durch den Verzicht auf alles, was nicht unbedingt notsächlich zum Ganzen gehört, so z.D. jede von außen herangebrachte Verzierung, die mit dem eigentlichen Wesen des Baues nichts zu tun hat, sondern nur an sich nichtssagende Bauten anziehend machen soll. Verlangt wird, daß jedes Gebäude von innen nach außen gebaut werde^ wo­bei dann die inneren Verhältnisse die äußere Form bedingen .Baute man früher einen viereckigen Ka­sten, grenzte drinnen Zimmer ab und klebte drau­ßen ein paar Schnörkel als Verzierung an, so legt man heute Wert auf die Beziehungen der einzelnen, schon vorher in ihrer Art festgelegten Räume zu­einander.

|a.v v i bi naben ungarischen Grasen den Boden wohl vorbereitet, als sie am 6. Juli den Kanzler auf suchten, der Herrn Zimmermann zu seiner Seite« hatte. Da es vor allem darauf ankam. den bedenkenreichen Kanzler nicht stutzig zu machen, vermied Graf Hoyos hier den for­schen Ton. Cs war nicht schwer, aus dem Kanzler eine wennschon abgeblaßte Wiederholung der gestrigen Meinungsäußerungen des Kaisers und Zimmermanns herauszuholen. Bor allem waren die beiden Diplomaten darüber erleichtert, daß Dethmann die verfänglich« Frage nicht stellte, was sich denn Oesterreich von den beabsichtigten Sühncmaßregeln an bleibendem Gewinn ver­spräche?

Der Kanzler glaubte besonders klug zu handeln, indem er diese Frage gar nicht an- schnitt. Mit schwerem Herzen ging er in die neue Dalkankrisis ein. Sie war unver­meidlich. Aber die Krisis würde, so meinte Dethmann-Hollweg, um so leichter verlaufen, je weniger Deutschland sich einmischte. Auch hierfür glaubte der Kanzler in den früheren Balkan­krisen das genau zu befolgende glückliche Borbild zu haben. Auch damals hatte die Ziellosigkeit der Wiener Politik zu Tage gelegen, und trotzdem hatte auch damals eine gewisse Rückendeckung durch Deutschland Oesterreichs bange und ge­preßte Lage erleichtert.

Auch jetzt wieder mußte man es der be­freundeten Regierung selbst überlassen, zu be­stimmen, ob und wie sie glaubte in den Dal- kanschwierigleiten ihr Prestige zu behaupten. Die offenkundige Mäßigung, welche die beiden von Wien überbrachten Schriftstücke atmeten, und der begründete Zweifel, ob die Wiener überhaupt beei ihrer Aktion viel erreichen würden, er­möglichten und empfahlen eine weitgehende Zu­rückhaltung für Deutschland in konkreten Rat­schlägen. Solche Ratschläge, wie die Sühneaktion zu gestalten sei, hätten nur eine Mithaftung Deutschlands für den Erfolg begründet. Rur auf das eine drängte der Kanzler: daß die Aktion ihren ausgesprochenen Sühnecharakter bewahre. Die Krisis mußte gemildert werden, je mehr der Sühnezweck unmißverständlich hervortrat. Dazu gehörte einmal schnelles Handeln. Je mehr Zeit zwischen dem Mord und dem Sühneverlan­gen verstrich, um so eher konnten die kriegs­lustigen Elemente in der Entente den Anlaß der Aktion verdunkeln und ihr andere Beweggründe unterschieben. Reben der Schnelligkeit des Han­delns aber diente es zur Entgiftung der Lage, wenn Oesterreich-Ungarn allein handelte und Deutschland sich möglichst zurückhielt.

Es blieb ununtersucht, ob tatsächlich die Be­weise für die Mitschuld des serbischen Staates so schlüssig seien, wie der Kaiser nach Szöghenys 'Mitteilungen im Widerspruch zu dem Handschrei­ben annahm. Ununtersucht blieb die Umgren­zung der Wiener Sühneforderungen, und ununtersucht blieb vor allem die Frage, ob die Aktion nicht besser doch durch Deutschland vor­bereitet werden müßte. Die Aktion wurde nicht zu Ende gedacht. Berchtold und seine Leute wünschten das nicht. Wilhelm II. und Dethmann konnten es nicht, und von Tisza wußten sie nichts. Ihnen blieb dunkel, was man in Wien eigentlich zu erreichen hoffte und in concreto bezweckte. Sie erkundigten sich nicht: sie wünschten es lieber gar nicht zu wissen. Diese Frageentziehe sich der Kompetenz Deutschlands", meinte der Kanzler in seinem Deamtenstil. Er wollte den Wienern die Berantwortung abnehmen. Das Klarheits­bedürfnis des Staatsmannes ging ihm ab, er war auch bisher mit Unklarheit durchgekommen.

Bon allem, was der Kanzler sagte, kam es seinen Besuchern vor allem auf Eines an: Daß Deutschland den jetzigen Zeitpunkt für ein Einschreiten gegen Serbien emp­fehle. Diese Meldung heimzubringen, war der Grund und bei dem aufgewendeten Geschick auch das Ergebnis der Informationsreise des Grasen Hoyos nach Berlin. Zum Kronprinzenufer zu- rückgekehrt, depeschierten die Diplomaten sofort an Graf Berchtold, der Kanzler habe erklärt,

uie deutsche Regierung stehe aus dem Stand­punkt, daß w i r beurteilen mühten, was zu geschehen hätte, um unser Verhältnis zu Ser­bien zu klären: wir können hierbei, wie auch immer unsere Entscheidung ausfallen möge, mit Sicherheit daraus rechnen, daß Deutschland als Bundesgenosse und Freund der Monarchie hinter ihr stehe. Graf Ezögyenh fügte hinzu:Im wei­teren Derlauf der Konversation habe ich fest- gestellt. daß auch der Reichskanzler ebenso wie fein kaiserlicher Herr ein sofortiges S i n- schreiten unsererseits gegen Serbien als radikalste und beste Lösung unserer Schwierig­keiten am Balkan ansieht." Obwohl die lange Depesche nicht ganz verbergen konnte, daß der Hauptteil des Gesprächs sich um die diploma­tische Aktion in Sofia, Bukarest usw. gedreht hatte, kam es den Berfertigem wie dem Emp­fänger der Depesche in Wirklichkeit doch einzig auf die Worte an, die, um Tisza besser in die Rügen zu leuchten, allein gesperrt wurden:ein sosortiges Einschreiten unsererseits gegen Ser­bien". ilnb nun keinen Tag mehr verloren: Schon zum Dienstag, dem 7. Juli, ist Tisza nach Wien bestellt. Graf Hoyos wird die tele­graphischen Meldungen mündlich passend er­gänzen.

Unterstaatssekretär Zimmermann aber schrieb am 6. Juli an Botschafter von Tschirschky in Wien einen Dries, wonach es für das Klügste erachtet werde, den Oesterreichern überhaupt keinen Rat zu erteilen, schon damit die Wiener Regierung nicht etwa nachträglich uns und un­sere Ratschläge dafür verantwortlich machen, könne, wenn die serbische Frage nicht eine ihren Wünschen entsprechende Regelung finden sollte. Wie sehr hatten die Bundesgenossen aneinander vorbeigedacht: Uns liegt unmittelbar nichts an der serbischen Frage, sie ist Oesterreichs Sache, meinte Herr Zimmermann, ob das österreichische Prestige den Einmarsch fordert, hat Wien, nicht Berlin zu beurteilen. Graf Hoyos freute sich des Erfolgs, die Deutschen an dem Leitseil des unausgesprochenen Dorwurfs mangelnder Bundestreue gebunden anzubringen. Herr Zim­mermann freute sich gleichzeitig, daß Deutschland keine Berantwortung übernommen und freie Hand behalten habe! Aber er hat vergessen, den Brief, worin er das ausführte nach Wien zu schicken, vielmehr ihn im Jahre 1917 in einer Schieblade seines Amtsschreibtisches im fertigen Umschlag wieder vorgesunden, als er nach dem Eintritte aller Weltmächte in das Weltmorden im dritten Kriegsjahr das Amt verließ und sein Zimmer für den Rachfolger räumte.

3m übrigen aber ist. was Dethmann und Zimmermann am 6. Juli versäumten, in den folgenden Wochen durch Tisza und Jagow noch vollkommen nachgeholt worden. Die verfängliche Frage: Was man mit Serbien zu tun gedenkt? wurde mit aller Schärfe und Klarheit gestellt und dahin beantwortet, daß Oesterreich-Ungarn keine Qlnnefionen vornehmen dürfe. Mit die­sem Beschluß, die territoriale Jntegri- tät Serbiens trotz der Sühneaktion zu wah­ren, war für die Entente jeder gerechte Kriegs­grund entfallen, und nur wenn die En­tente den Krieg unbedingt wollte, auch ohne eigentlichen Grund und beim schlechtesten Dor­wand, konnte es zu einer europäischen Kata­strophe kommen.

selbstverständlich geworden ist. _ ... ; ,

zwar fast alle Länder, etwas 9li ''

eine Fortsetzung der früheren Bauart in etwas an­derem Gewände. Am wenigsten Eingang hat der

Schaut man sich die Gebäude der Pariser Aus­stellung unter diesen Gesichtspunkten ein, so findet man den neuen Stil eigentlich noch recht vereinzelt, obwohl er doch schon gegen Ende des vorigen Jahr- huederts aufzukommen begann und heute in man« chen Ländern, wie z. B. gerade in Holland, gang selbstverständlich geworden ist. Es bestreben sich

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Copyright dy Fritz ft em. Sonn

Die vorhergehenden -ariaa h gezeigt, wie der Kaiser unter der Wiener Einwirkung au dem Entschluß kam, den Bundesgenossen den Rücken zu decken, obwohl deren Pläne gegen Serbien noch keineswegs klar waren. Au- der Vor­trag des Kanzlers am Rachmtttag des 5. Juli 1914 hatte diesen Entschluß nicht verändert.

5. ®raf Hoyos' (Erfolg.

In der österreichisch-ungarischen Botschaft zu Berlin wurde an diesem Abend der Bericht verfertigt, den Graf Hoyos für seinen Meister benötigte. Die Berechnung auf die Werte Ehre, Treue Beileid und Recht war voll gegluckt: darüber hinaus mußte nun Berlin gegen Buda- pest ausgespielt werden.

In Diplomatenberichten wird der Drang zu schlichter und vollständiger Wiedergabe des Ge­schehenen nicht selten gezügelt durch Auswahl- und Darstellungsprinzipien, die aus psycholo­gischer Kenntnis der wenigen Leser genommen sind, für deren Beeinflussung die Berichte ver­saht werden. Am Ballplah besaß man eine alte Kunst im Glätten, und schon am 4. Juli hatte man es dort verstanden, dem Kaiser Franz Josef und dem Grafen Tisza eine den wirklichen Ansichten des Botschafters v. Tschirschky merkwürdig widersprechende kriegStreiberische Aeuherung desselben aus apo­kryphen Quellen vorzulegen. Aber was nun Szögyenh und Hoyos am Abend des 5. Juli von Berlin nach Wien telegraphiert haben, bedeutete noch einen viel größeren Fort­schritt in der Linie des Grafen Berchtold zur Erschütterung der Stellung des Grafen Tisza. Wenn Tisza diesen Bericht las, so erhielt er das Bild, daß der deutsche Kaiser nach der Lesung der so zahmen Wiener Schriftstücke den Krieg gegen Serbien geradezu gewünscht und gefordert habe. Weggelassen war in diesem Bericht sorgfältig das gesamte Angabengerüst, mit dem Szögyenh in Potsdam gearbeitet hatte. Wcggelassen war, daß die Untersuchungsergeb­nisse die amtliche serbische Mitschuld erwiesen hätten: weggelassen die Mitteilung, daß in Wien angeblich schon kriegerische Entschlüsse gefaßt seien: weggelassen, daß Wien erst diplomatische Dühneforderungen stellen und nach deren Ab­lehnung einmarschieren wolle. Weggelassen muh­ten alle diese Angaben schon natürlich deshalb werden, weil sie garnidjt stimmten und Tisza nicht übel ausgesahren wäre, wenn er entdeckt hätte, auf welche Prämissen man den deutschen Kaiser geschraubt hatte. Aber indem man diese ganzen Prämissen wegließ, stand nun zugleich auch der deutscheKriegswille in nackter Größe da, sozusagen aus sich selber stammend, ein un­ausweichlicher Dorwurf für den Pazifisten in Budapest.Der deutsche Kaiser würde es be­dauern, wenn wir den jetzigen für uns so gün­stigen Moment ungenützt ließen." Ist dieser Wunsch als Antwort auf das unbestimmte Ge­rede der Schriftstücke nicht fast soviel wie ein Befehl?

Keine Silbe vom Abwarten der Unter­suchungsergebnisse. von völkerrechtlich vorsichti­gem Wägen, überhaupt kein Derweilen bei Ein­zelheiten, sondern die Generalorder:Auf! Los! Rasch!" So stellte man den Kaiser Wilhelm dem Grafen Tisza bar.

Aber der Kaiser ist nicht die verantwortliche Regierung. Bevor Graf Hoyos von Berlin abreift, muß er .au<$> noch einen Bericht über Herrn v. Dethmann-Hollweg bringen.

Dazu diente ihm der 6. Juli.

Cs ist anzunehmen, daß, wenn Herr von Dethmann-Hollweg von den Meinungs­verschiedenheiten gewußt hätte, die zwischen den Grasen Derchtold und Tisza bestanden, er sich tief erleichtert auf die Seite Tiszas geschlagen hätte. Einem wie es schien zur Aktion grund­sätzlich entschlossenen Oesterreich gegenüber glaubte der Kanzler die ebenfalls grundsätzliche Rückendeckung nicht versagen zu dürfen.

f rieben?

Da kommt Antwort. In bie\ Sonnenglast des Samstagnachmittags hinein fährt kaum merklich eine leichte Brise. Die Fähnchen und Wimpel der 2and- burgen und Stranbförbe regen sich. Ein wenig nur, bann etwas lebhafter. Sie horchen auf wie bie Menschen, bie verschlafen unb wohlig-behaglich im pulvertrockenen weißen Sank) ruhten.

Nordwind! Und weiße Wölkchen. Da sauchts auf einmal über bas Wasser her, treibt dunkle Wolken blitzschnell zusammen, peitscht hinein in die Flut: Tempo, ihr Wogen, Tempo! Unb bie Sonne verhüllt ihr Haupt. Aus bem Klarblau bes Himmels wird ein leichtes Grau. Kampsesfroh schieben sich bun- felgraue unb schwarze Massen vor, drohen, drän­gen, jagen sich in wilder Wut, schlucken jedes Helle Fleckchen erbarmungslos.

Die Reisenden stürmen bas Verkehrsbureau von Wangerooge. Ein Generaldirektor, der zu einer wichtigen Sitzung nach Berlin fahren wollte, mehrere Kaufleute, deren Geschäfte ohne bie Leiter brach liegen, Bureauangestellte, bie nur über Sonntag abkommen konnten alle sitzen fest auf uaferer Norbseeinsel, völlig abgeschnitten von ber großen Welt.

Die Carolinensieler Fähre hat sich schon bei Ta­gesanbruch burch bas Wattenmeer gekämpft und fährt heute nicht wieder, bie paar Plätze im Flug» zeug sink) längst besetzt. Was tun? Die (frrMung ber unfreiwillig Gefangenen steigt von Stunk» zu Stunbe.

Unb bie Norbsee brüllt, unb der Sturm tobt.

Es ist ein unheimliches Gefühl, auf biefem ver­lorenen Posten hier braußen zu sitzen.

Da enblich, am Nachmittag verminbert ber Norb seine Gewalt. Die Wagen sinken zusammen. Der Gemeinbebiener klingelt die freudige Botschaft aus: Abfahrt nach Bremerhaven!

Zum drittenmal: Ade! Da fährt derDelphin". Aber er schaukelt doch noch bedenklich. Glückliche Heimkehr!

Unb wieber Sonne! Der Strank) sieht aus wie ein Schlachtfelb. Schlick, Tang, zerfetzte Fahnen, zerborstene Latten. Da lugt bie Sonne burch bie Wolken. Unb schon eilt groß unb klein hinunter ans Wasser. Eins, zwei, brei werden Körbe unb Zelte neu aufgebaut. Neue Fähnchen werben ausgezogen, Sanbwälle erstehen, noch viel höher unb schöner als bie alten. Ueberall eifrige unb frohe Ferien­arbeit. Kinber quirlen zwischen ben Erwachsenen hin unb her, lassen ihre Schiffe im Wasser schwim­men, schippen unb schaufeln, backen Sanbkuchen. Das Stranbieben in seiner primitiven unb darum so echten Fröhlichkeit ist in vollem Gange.

Und bie Sonne lacht dazu. Erst ein bisserl gries­grämig. Doch bann schickt sie den Menschenkindern ihre schönsten unb wärmsten Strahlen.

Die Sonne scheint, bie Sonne wärmt, gleißt, blendet, brennt, glüht. Tag für Tag. Der Strand- fanb hat Höchsttemperatur. Tag für Tag. Die Nord­see plätschert träge. Zieht sich zur Ebbe, still unb versonnen schlürsenb, tief in sich selbst zurück, rollt bei Flut fast widerwillig schwerfällig vorwärts, über das Watt, das durch Stunden ausgetrocknet lag wie Stein. Das Strandgras steht starr. Kein Lüstchen regt sich. Auf ber Insel ist große, weiche, weite Sommerstille. Tag für Tag.

Ibeales Urlaubswetter! schläfst bu? Tückische Norbsee gibst bu Sommer-

DerPotsdamer Kronrat".

Eine psychologische Skizze.

"on Prof. Dr.