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Samstag, 14. November 1925

Hr. 268 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für DberlMn)

Em Letztes Wort vor der Wahl.

Das wahlberechtigte hessische Volk soll morgen wieder einmal zur Wahlurne gehen. 5n Stadt und Land sind die Oe meinbeparla mente, die Kreistage und die P r o v i n z i a l t a g e zu wählen. Wer sich nut offenen Augen in seiner enge­ren Heimat umschaut, der wird erkennen, daß in der Gemeinde sowohl wie im Kreise und in der Pro­vinz in den lomnicnden vier Jahren der Amtsdauer der morgen zu wählenden Parlamente viele wichtige Ausgaben der Wiederausbau- und Neformarbeit zu losen sind. Hiervon wird der einzelne Bürger in seinem Interesse ganz unmittelbar und unter Um­ständen sehr schmerzlich berührt. Daraus geht hervor, daß die morgigen Wahlen durchaus nicht unwichtig sind, daß ihnen vielmehr sehr hohe Bedeutung für Die Gestaltung der heimatlichen und damit zu einem großen Teil auch der persönlichen Geschicke des ein­zelnen Mitbüraers zukommt. Wer sich das klar macht, der wird mit uns der Meinung fein, daß morgen keine Wahlfaulheit herrschen darf. Es kommt darauf an, daß alle Wahlberechtigten von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen, damit eine möglichst vollkommene Klärung über das Verlangen der Wäh­lerschaft erzielt wird. Und aus diesem Grunde muß es auch morgen wieder heißen: Wahl recht ist Wahl pflicht!

Am Vorabend der Wahlen erscheint es uns an­gebracht, einigen nüchternen Ueberlegungen Raum zu geben, die die Dinge mit dem Maß des Tat­sächlichen und Möglichen messen. Zunächst die Stadtverordneten wähl in Gießen. Hier ist gegenüber der Wahl von 1922 insofern eine Aenderung zu verzeichnen, als statt der damaligen fünf jetzt sechs Wahloorschläge der wählenden Bür- gerfchaft zur Entscheidung unterbreitet werden. Der Neuling auf dem kommunalpolitischen Kampfplatz ist die Mittelstandsvereinigung. Auf deren Liste werben durchweg neue Männer um das Vertrauen der Wählerschaft. Das gleiche ist, nebenbei gesagt, auf der kommunistischen Liste zu bemerken, die keinen Namen ihrer bisherigen Vertreter im Stadthaus enthält. Die übrigen Parteien bringen an den her­vorragenden Stellen die bisherigen Stadtverordneten $ur Wiederwahl in Vorschlag, nur an einigen, eben­falls sicheren Positionen tauchen neue Namen auf, von deren Trägern man sich eine schätzenswerte Mit­arbeit im Stadthaus und natürlich auch gute Zug­kraft bei den Wahlberechtigten verspricht, lieber die paar neuen Namen und die Plazierung der Be­werber auf den einzelnen Wahlvorschlägen ist zu­nächst nichts weiter zu sagen; später, nach einer Reihe von Arbeitsmonaten, kann man darüber ur­teilen, ob der Griff gut war oder nicht. Aber die andere, ganz neue kommunalpolitische Erscheinung erheischt ernstere Beachtung: das Auftreten der Mittelstandsvereinigung. Was diese neue Bewerberin um Stadtverordnetensitze will, hat ihr Sprecher Architekt Nikolaus am Mittwochabend in der Turnhalleversammlung in progrannrckstsfchcn Sätzen gesagt; wir haben unserer Donnerstag-Ausgabe eingehend darüber berichtet. Manche dieser Forbe- rnngeii unterschreiben wir vollkommen. Um der Ge­rechtigkeit willen möchten wir aber doch feststellen, daß ein ansehnlicher Teil dieser Forderungen im alten, d. h. im gegenwärtigen Ctadtparlament und ebenso von uns in unseren Spalten früher auch schon erhoben wurden, einige der Forderungen sogar mehrfach. Insbesondere stimmen auch wir der Mittel­standsvereinigung bei in dem Bedauern darüber, daß die Politik Eingang in die Stadtparlamente gefunden hat. Dieses grundsätzliche Bedauern über eine weitverbreitete üble Erscheinung macht es uns andererseits aber auch zur Pflicht, sestzustellen, daß man unserem Stadtoarlament nach dieser Richtung hin feine schlechte Note erteilen kann. Es hat sich bisher noch nicht herabgewürdigt zum Tummelplatz parteipolitischer Heißsporne, und man darf hoffen, daß das auch in Zukunft wohl so bleibt wenn nicht etwa jetzt erst das Feuer der Leidenschaft hin- eingetragen wird. Daß wir auf parteipolitischer Grundlage zustandegebommene Fraktionsbildnnoen auch im Gießener Stadtparlament haben, ist freilich eine Tatsache, von der wir auch nicht sonderlich ent­zückt sind, die übrigens sogar von bürgerlichen Stadt­verordneten selbst bedauert wird mit dem Hinweis darauf, daß ja nicht die Bürgerlichen es waren, die

Der Vcrumhafe.

Der Hasenabschuß auf dem gut besetzten Nie­derjagdrevier sollte durch zwei aufeinanderfol­gende Jagdtage erfolgen. Der erste Tag war für das Feld, der zweite für dm Wald vorge­sehen. Eine größere Anzahl von Schützen, die schon oft Jagdgäste auf dem Revier waren, hatte Einladung erhalten, darunter arch ein recht wohl­habender, etwas protziger Hubertusjünger, dec selbst Jagden besaß, imeölen Waidwerk aber noch wenig sicher war. Er führte natürlich Ge­wehre bester Firmen, schoß die teuerste Munition und glaubte deshalb berechtigt zu sein, sich für einen vorzüglichen Jäger und Schützen zu hal­ten. Im Kreise der Jagdgenossen brachte er dies bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck. Einen Ha­sen vorbeizuschiehen, das gab es für ihn nicht, und bei der Streckenanmeldung nach dem Treiben merkte er nie das berechtigt mißtrauische Gesicht des Protokollführers.

Die Jagdgesellschaft hatte Herrn Gerneviel ob seiner Prahlerei etwas auf dem Strich, er hatte aber auch seine guten Seiten. Machte sich alles auf seine Kosten lustig, so nahm er dies nicht übel und war kein Spaßverderber. Er wurde deshalb auch immer wieder gewissermaßen als ulkige Person eingeladen und sagte nie ab.

Diesmal sollte er aber eine besondere Lektion erhalten.

Seiner Gewohnheit gemäß hatte er am Feld­treibenjagdtage alle Fehlschüsse abgeleugnet, auf jeden, vom QLadj&ar krank geschossenen Hasen, so­bald er sich auch nur ein wenig rührte, ein bis

der Politik die Tür zum Rathaus geöffnet haben, daß sie vielmehr nur einer von der anderen Seite herbeigeführten Zwangslaoe Rechnung trugen. Es liegt uns fern, dieParteien auf dem Rat- hauje" in Schutz nehmen zu wollen, zumal auch wir an deren bisheriger kommunalpolitischer Tätigkeit mancherlei auszusetzen haben. Aber zur Vermei­dung allzu starker Disharmonien in unserem kom- munalpoliiischcn Konzert muh eine gewissenhafte Publizistik doch wenigstens die allzu stark aus dem Rahmen fallenden Behauptungen wieder ins Lot stellen. Und diesem Zweck diene die vorstehende Feststellung. Morgen wird nun der Wettlauf der Bewerber sich vollziehen. Wer dabei gut ab- schneiden, wer Einbuße erleiden oder gar auf der Strecke bleiben wird darüber heute zu orakeln fühlen wir keine Lust. Jedoch eines muß gesagt werden: Es ist außerordentlich bedauerlich, daß durch das Auftreten der Miltelstandsliste die Wähler der bürgerlichen Parteien noch mehr als bisher aus- einanbergerilien werden, während in der Stellungs- linie des wichtigsten politischen Gegners, der So­zialdemokratie, die Geschlossenheit unverändert fest ist. Wie diese Lage sich auswirkt, werden uns die Ziffern morgen abend verkünden. Dann wird sich auch zeigen, ob die Mittelstandsgruppe das Maß von Einfluß im neuen Stadtparlamenl besitzen wird, das ihre Freunde erhoffen. Wenn sie mit weniger als fünf Mandaten aus der Wahl hervorgeht, kann sie geschäft-ordnungsgemäß keine Fraktion bilden, da als Mindestziffer für Fraktionen fünf Mitglieder vorgeschrieben sind. Die genügende Stärke zur Frak­tionsbildung ist um deswillen wichtig, weil nur Fraktionen das Recht auf Vertretung in den Ausschüssen haben, wo doch das Schwergewicht der parlamentarischen Arbeit liegt, und wo allein der entscheidende Einfluß geltend gemacht werden kann. (Erringt die Mitelstandsoereinigung feine Fraktionsstärke, dann muß sie sich zwecks Gewin­nung von Einfluß an eine der jetzt von ihr ab» gelehnten Parteien anlehnen, wobei natürlich ab­zuwarten bleibt, wie diese sich zu einem solchen Ge­such stellen werden, ablehnendensalls muß sie ihren Weg allein gehen, und dann wird sie sich in der gleichen Situation befinden, in der die kommu­nistische Gruppe des jetzigen Stadtparlaments mit ihrem sehr bescheidenen Einfluß sich zeigt. Die erste Entscheidung über diese interessante Frage fällt mor­gen, und damit zugleich werden auch Rückschluß­möglichkeiten auf die Frage der Mehrheitsbildung in der künftigen Stadtverordnetenversamm­lung überhaupt sichtbar. Warten wir zunächst diese erste Entscheidung ab, die hoffentlich von einer sehr großen Zahl von Wahlberechtigten mit dem Stimm­zettel herbeigeführt wird.

Wersen wir noch einen kurzen Blick auf die Kreistags- und die Provinzialtags- mahlen. Welche Aufgaben diese parlamentarischen Körperschaften zu erfüllen haben, legten wir in un­serem ArtikelProvinzialtag Kreistag" in den Spalten unserer Donnerstag-Ausgabe dar. Auch diese Parlamente werden sich im Laufe der nächsten Jahre mit mancherlei schwerwiegenden Aufgaben be­faßen müssen. Dafür sind kenntnisreiche, vielseitige und mit reicher Lebenserfahrung ausgestattete Män- ner erforderlich, die die Vorlagen der Verwaltung mit der gebotenen ernsthaften Gründlichkeit und mit bestem Verständnis für die Notwendigkeiten der Zeit prüfen und dann nur nach rein sachlichen, aber nicht nach politischen Gesichtspunkten entscheiden. Auf welcher Liste die Wahlberechtigten solche Männer zu finden hoffen, ist ihre Angelegenheit. Mögen sie bei ihrer Entscheidung eine gute Hand haben, und mögen sie morgen in weitestgehendem Maße zur Berufung der erforderlichen tüchtigen Männer an die Wahl­urne herantreten.

Demokratische Wahlversammlung.

Die Deutsche Demokratische Partei hielt gestern abend im Saalbau Sauer eine sehr gut besuchte öffentliche Wählerversammlung ab. Der Vorsitzende, Rektor Loos, knüpfte an feine Be- grüßungsworte einige kurze Betrachtungen über die Notwendigkeit der Wahlrechtsausübung; jeder Staatsbürger solle stolz daraus sein, daß er oft zur Wahl gehen könne, um mit dem Stimmzettel in der Hand zu erklären, wie er die Führung der zwei Schuß abgegeben und sich auch diejenigen Krummen angerechnet, die er vermeintlich krank-, der Rachbar aber totgeschossen hatte. Beim Frühstück wurde er deshalb entsprechend aufge­zogen, ließ sich dadurch aber keineswegs ein» schüchtern und behauptete sogar, es wäre ihm ganz gleich wie ihm die Hasen kämen, selbst wenn sie wie die Eichkater über die Bäume setzten, er legte sie doch mit seinem Browning und der Primamunition um. Diese Aeußerung nahm sich einer der Jagdgaste, der den Jagd­herrn als Hilfsjagdbegleiter unterstützte und nie um einen guten Schabernack verlegen war, ad im tarn.

Für den nächsten Tag, die Waldjagd, wurde folgender Plan geschmiedet. Ein alter Kater, der schon längst a conto feiner Missetaten das Zeit­liche hätte segnen müssen, wurde gegriffen, ein Hase abgebalgt und am Morgen vor der Jagd der Kater, allerdings mit vielen Schwierigkei­ten, in den Hasenbalg eingenäht. Die Pfoten und der vordere Gesichtsteil blieben frei, der Schwanz kam unter den Balg. Da die Löffel mit Hilfe von Draht gestützt wurden, sah der Bursche mit der anatomisch richtig sitzenden Blume einem starken Hasen zum Verwechseln ähnlich Sein Verhalten war allerdings alles andere alö Hasen» mäßig, denn er fauchte und schlug mit den Kral­len sobald man ihm zu nahe kam. In einem festen Lederrucksack konnte er aber gut zum ersten Treiben herausgebracht werden, wo er dann Herrn Gerneviel vor die Flinte bugsiert werden sollte. Die Jagdgesellschaft war von dem Dorhcv- ben unterrichtet, und das Treiben, lichte Stan-

öffentlichen Angelegenheiten gehandhabt wissen wolle.

Stabto. Kreisschulrat Fischer sprach hierauf als erster Redner. Er warf zunächst einen kurzen Rückblick auf unsere Außenpolitik, von der er. vor- ausgesetzt, daß eine große Masse des Volkes sie stützt, nach Locarno eine Wendung zum Besseren für unser Vaterland erhofft. Hierauf besprach er kurz die inuerpolitische Lage, die durch die unge­heuren WirtschastsnÜte als sehr schwer gekennzeich­net wird. Er wies besonders auf die außerordent­lich schlimme Lage der Landwirtschaft hin, betonte, daß es dem Handel und Gewerbe um fein Haar besser gehe, und fritifierte dann die mangelnde Aus- roirfung des Preisabbaues und die Steuerpolitik der Reichsregierung. Darauf ging der Redner zur Erörterung kommunalpolitischer Fragen über. Er besprach zunächst die Behandlung der sozialen Fragen durch das jetzige Stadtparlament, bei der alle Fraktionen stets volles Verständnis bewiesen hätten. Die Aufwertungsfrage müsse in pflichtbewußter Weise gegenüber den Anleihegläubi­gern der Stadt gelöst werden. Die Demokraten wür­den für die Gewährung des Höchstsatzes der Aus­wertung eintreten. Für die Ausgaben des Wohl­fahrtsamtes seien sehr hohe Betrüge erforder­lich, da das Reich bekanntlich sehr viele Wohlfahrts­arbeiten auf die Gemeinden abgewälzt habe, aber keine Geldmittel zur Verfügung stelle. Trotzdem müsse die Stadt diese Lasten auf sich nehmen, weil das eben Menschenpflicht sei, und aus diesem Grunde müßten diese Summen auch bewilligt wer­den. Aus dem Gebiete der Wohnungsfrage fei sehr intensiv zu arbeiten, denn bas Wohnungs- elenb vieler Mitbürger sei außerordentlich groß. Die demokratische Fraktion werde für die restlose Ver­wendung der Sondersteuer zu Wohnungsbauzwecken eintreten, sobald die jetzt noch hemmenden Bestim­mungen der dritten Steuernotverordnung beseitigt seien. Der gute Wille, auf dem Gebiete der Woh­nungsfrage tatkräftig und opferbereit zu arbeiten, sei übrigens bei allen Parteien des Stadtparlaments vorhanden. Ernste Sorge bereite die S ch u l h a u s- not. Dagegen müsse mit aller Tatkraft vorgegangen werden. Hier handle es sich um Aufgaben, an denen man nun nicht länger vorbeigehen könne. Die Er­werbung der Hardthöfe durch die Stabt fei eine gute Tat gewesen, wenn man bamals diese Kaufgelegenbeit versäumt hätte, dann wären die städtischen Körperschaften wert gewesen, daß man sie steinige. Dieser Ankauf lege große Zukunftsaus­sichten in die Hand der Stadt. Der Redner betonte schließlich u. a., das 21 m t des Stadtverord­neten bringe heutzutage viele schwere Arbeit mit sich, wer diese und die übliche Unpopularität nicht auf sich nehmen wolle, möge lieber wegbleiben. Am Schlüsse seiner Rede polemisierte der Redner gegen Redewendungen in dem Wahlaufruf der Deut­schen Volkspartei, die in ganz unzutreffen­der Weise gegen die Demokraten vorgebracht wor­den seien; diesen Aufruf bedauere er im Hinblick auf das bisherige gute Verhältnis im Stadtparla- ment.

Der Kandidat Reallehrer Hebermehl sprach kurz über die sittlichen Schäden der Wohnungs- n o t und über Mittel und Wege zur Bekämpfung dieser Geißel. Er erwähnte zunächst einige beson­ders krasse Fälle von Wohnungsnot und betonte bann, er sei kein unbebingter Anhänger ber Woh­nungszwangswirtschaft, er sehne auch den Zeitpunkt der freien Wohnungswirtschaft herbei; aber die Zwangswirtschaft jetzt schon abzubauen, das wäre einfach unmöglich. Mit Wärme begrüßte der Red­ner die Bestrebungen der hessischen Sparkassen zur Förderung der Wohnungsbautätigkeit, er empfahl die Massenherstellung von Baumaterial in fabrik­mäßiger Art, damit die Baumaterialien verbilligt würden, schließlich als Gegenwirkung gegen die Bodenspekulation die Wiedereinführung und nach­drückliche Anwendung des Erbbaurechtes in un­serer Stabt. Falls er gewählt werde, wolle er sich dafür einsetzen, daß dem liebel ber Wohnungsnot nach jeder Richtung hin gesteuert werde.

Die Kandidatin Frau Dr. Marx erörterte die Wohnungsfrage vom ärztlichen Gesichts­punkt aus. Sic wies auf die Verbreitung ber Woh­nungsnot-Krankheiten (Tuberkulose, Rhachitis, Skrofulose) hin, führte gleichfalls einige krasse Fälle dieses Nebels an und forderte bann von der Stabt die Schaffung neuer gesunder Wohnungen, Einfüh- gen mit etwas Unterholz, wurde umstellt. Der unfehlbare Hasentöter stand erwartungsvoll als letzter Schütze vor dem Haken in der Front. Ihm war jedoch nicht ausgefallen, daß seine Vach­barn sehr dicht an ihn heranstanden, und die Zwischenräume nach den nächsten Schützen immer enger wurden. Recht viele der Jagdgenos­sen wollten Zeuge sein der Dinge, die da kommen sollten. Das Treiben wurde angeblasen, die Kanonade begann. In der Treiberwehr ge­genüber unfenn Freunde befand sich neben dem Treiber mit dem Lederrucksack der Hilfsjagdleiter, dem nun sein Schabernack vorzüglich gelang. Als die Treiber auf entsprechende Entfernung an die Front herangekommen waren, wurde, wie ver­abredet,Treiber richt euch" geblasen, und der Hasenkater in Freiheit gesetzt.

Sich ab und zu schüttelnd flüchtete er gegen die Front und hielt die Richtung so gut, daß er tatsächlich unfern Gerneviel auf etwa 20 Schritt kam. Dauh! donnerte die nie fehlende Flinte. Mein Hasenkater zeichnete sich aber auf diese unfreundliche Begrüßung derart, daß er vor dem dicht r. b>n ihm in das dürre Laub prasselnden Schuß einen großen Satz seitwärts machte, eine Kiefer annahm und mit großer Be­hendigkeit einen Querast erreichte, auf dem er kauernd verhasste und mit seinen etwas verrutsch­ten Löffeln ein köstliches Bild abgab. Linser Kunstschühe aber nicht faul, getrieben von Schieß-- wut und Jagdneid, den »Ernst" der Lage gar nicht erfassend, war im marsch, marsch am Baurn, den aber fast gleichzeitig auch der Hilss- jagdleiter mit einer Anzahl Treiber erreicht

rung einer hygienischen Wohnungskontrolle, Einrich­tung einer im Walde gelegenen Waldschule für tuberkulöse Kinder, Schaffung von Liegestätten im Walde für Leicht-Tuberkulöse, Bereitstellung von Schrebergärten, allmähliche Beseitiaung alter bau- fülliger Häuser durch neue Wohnhausbauten, Schaffung von Kinderspielplätzen usw.

Stabto. Stadtbauinspektor Höhn berichtete über Bau- u n b Grundstücksfragen. Er gab zunächst einen Ucb erb lief über die Grundstücks- antäuse der Stadt in den letzten drei Fahren, mit denen man durchaus einverstanden sein könne. Die demokratische Fraktion fordere die Aufstellung eines großzügigen Bebauungsplanes, Verbesserung des Zustandes vieler Straßenzüge durch Pflasterung, Bekämpfung der Staubplage in den ungepflaftcr- ten Straßen. Weiter empfahl auch dieser Redner die Linderung der Wohnungsnot auf dem Wege der Typisierung und Normalisierung des Baumaterials. Schließlich berichtete der Redner über die Woh­nungsbauten der Stabt und über den Volks­hallenbau.

Stabto. Kaufmann Leopold Mayer referierte über die Arbeit im Finanzausschuß, dem wichtigsten der städtischen Ausschüsse. Dort werbe stets mit peinlichster Sparsamkeit gearbeitet, wenn man darüber auch keine großen Reden mache. Man habe gar kein Interesse daran, alles gutzu­heißen, was die Verwaltung anforbere, aber was unbedingt notwendig fei, müsse trotz aller Spar­samkeitsbestrebungen doch bewilligt werden, und wenn deswegen auch neue Steuern genehmigt wer­den müßten. Die Entwicklung der Stabt bürfe nicht gehemmt werden. Der Redner gab dann eine ver­gleichsweise Ueberficht über die Höhe ber Steuern und Betriebstarife hier und in anderen hessischen Städten bekannt, aus der man entnehmen konnte, daß in anderen Städten noch mehr bezahlt werden muß als hier. Mit der Versicherung, daß er und seine politischen Freunde stets nur den Interessen der Allgemeinheit, aber nicht bestimmten Sonder- interessen dienen würden, schloß der letzte Referent seine Ausführungen.

Der Vorsitzende dankte allen Rednern in herz­lichen Worten' wie auch die Versammlung ihnen mit lebhaftem Beifall gedankt hatte. An die Vorträge schloß sich eine Aussprache an.

Mielerwünsche

und Sladtverordnerenwahl.

Die Bedeutung der Stadtver- ordnetenwahlen für Mieter und Wohnungslose" war das Thema, daS in der öffentlichen Mieterversammlung im Saal- bau Sauer behandelt wurde. Der Versammlungs­leiter, Reallehrer Hebermehl, begrüßte als Vorsitzender des Gießener Mietervereins die Anwesenden und erteilte dem Landtagsabgeord­neten, Stadtverordneten Mann, Gießen, bas Wort. Aus dem Vortrag des Redners sei fol­gendes entnommen: Der Riß zwischen Mieter und Vermieter geht zweifellos durch alle po­litischen Parteien hindurch. Es ist zu begrüßen, daß der Mieterverein bestrebt ist, die Wcchl- vorschlage so zu gestalten, daß die Interessen der Mieter dabei nicht zu kurz kommen. Deo Gemeinde liegt die Pflicht ob, die Fürsorge so zu gestalten, daß es keine Obdachlosen gibt. Während früher jemand längere Zeit an einem Orte wohnen mußte, bis er gesetzlichen An­spruch auf eine Wohnung hatte, ist im vori­gen Jahre hierin insofern eine Aenderung ein» getreten, als jetzt jeder Ortsanwesende den Schuh der Gemeinde genießt und auf Schaffung von Wohngelegenheit Anspruch hat. Redner spricht dann über die Durchführung des Micterschuh- gesetzes, das von den Gemeinden nicht immer zugunsten der Mieter und Wohnungsuchenden angewandt wurde. Um die Wohnungsnot zu be­seitigen, ist für Beschaffung von Reubauten zu sorgen. Wie schlimm die Verhältnisse geworden sind, geht u. a. aus der Tatsache hervor, daß das Wohlfahrtsamt der Stadt Gießen die Kinder von elf Familien getrennt von ihren Eltern untcrgebracht hat. Für diese und ähnliche Auf­gaben gibt die Stadt jährlich 18 000 Mk. aus. Zu 10 Prozent gerechnet, könnte die Stadt ein Kapital von 180 000 Mk. verzinsen, eS wäre sogar noch möglich, zinsfreie Wohnungen zur

halte. Mit dem rührigen Waidmann waren auch seine Rachbarn mit Hallo an den Ort der Tar geeilt, wo Gerneviel wie versteinert mit fertig­gemachter Flinte nach dem Baumhasen stierte und allmählich erst die Fassung fand, die sich in einem verlegenen Lächeln und Umherschauen Luft machte Die Heiterkeit der Jagdgenossen artete in ein Homer.sches Gelächter aus mit den Zwischen­rufen:Schießen Sie doch, schießen Sie doch!" denn der Daumhase hielt ben Lärm nicht auS und vcrstieg sich in höhere Regionen. Mit dem Aus­ruf:Ra, Herrschaften, nun laß ich mich aber nicht weiter verkohlen, wir wollen jetzt man weiter jagen!" versuchte Gerneviel die Komödie zu beenden. Tatsächlich fand diese erst ihren tragischen Abschluß durch einen Scheiß, den der Hilfsjagdleiter auf den Kater abgab. Der Daum­hase kam mit zerschmettertem Schädel zur Strecke.

Am Abend beim Jagdessen mußte Gerneviel noch manches wegen des Baumhasen über ftch ergehen lassen. Das Wundertier erschien natür­lich auch im Streckenbericht, wobei der Jagdherr erklärte, daß der unfehlbar: Haientoter doch Wort gehalten hätte und die Hasen selbst auf den Daumen zur Strecke brächte, denn bei der Entbalgung hatte man ein Schrot im Kater­schwanz gefunden, das nicht von dem Kopfschuß herrühren könnte. Soweit wäre nach den Jagd- grundsätzen des Herrn Gerneviel der Kopf­schuß gelte nur als Fangschuß, er der glückliche Schütze, wozu ihm durch schallenden Zu trank mit Waidmannslust von den Jagdgästen gratuliert wurde. 5. Kb

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