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Nr. 1U Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Mittwoch,5. Mai 1925

Wendung in Indien?

Don Dr. E. Echutz-Ewerth. Gouverneur a. D.

6cü einiger Zeit gehen in Indien Dinge vor sich, die eine Wendung zugunsten Eng­lands in den Bereich des Möglichen rücken.

Bisher Halle der indische Rationalismus die von Englsnd durch die Montagu-EhelmsforD- Gesehaeb.ulg 1919 notgedrungen bewilligten Zu­ges! ändnii sc an das Selbstverwaltungsbegehren s w a r a i rundweg abgelehnt, teils als un- genügend, teils gefühlsmäßig in der Erregung > der das Blutbad von Amritsar, wo der General 'S-Dir eine Harm- und wehrlose Volksvrrfamm- lunfl mit Maschinengewehren hatte zusammen- schiessen lassen Der Widerstand gegen die eng­lische Herrschaft machte sich schließlich in drei Graden gellend. Mahatma Gandhi, der all­gemein verehrte Rationalheiliae. predigte völligen Boykott. non-cooperation, leynte also auch die Teilnahme «in den Wahlen zu den neugeschaffenen Selbstverwaltungskörperschaften ab. Im Gegen­satz dazu vertrat sein Freund C. R. Das. Bürgermeister'von Kalkutta, die Obstruktion auf parlamentarischem Boden. Eine dritte Richtung suchte durch Terror nach bolschewistischem Re­zept eine revolutionäre Diktatur vorzubereiten. Vermutlich bestehen zwischen allen drei Gruppen unterirdische Verkündungen Die englische Re­gierung half sich gegenüber der parlamentarischen Obstruktion mk Verwaltungsverfügungen und be­gegnete den Attentaten mit drakonischen Der- schärsungen des Straf- und Strasprozehrechts.

Dor kurzem nun ist zwischen den Swarajisten und der Unabhängigleitspartei, die sonst stets al- nationalistischer Oppositionsblock vereint ge­gen die Regierung standen, eine Spaltung eingetreten, so daß zum ersten Male ein Budget aus normal gesetzliche Weise das Licht der Welt erblickt chat, anstatt vom Dizekönig oktroyiert zu werden. Ferner erließ Das ein Manifest, in dem er vor allem Iungbengalen ermahnte, terroristische Gewaltakte zu unterlassen, und zwar auch dje Gewaltsamkeit der dagegen gerichteten Unterdrückungsmaßregeln beklagte, aber doch zu erkennen gab, daß die Ziele seiner Partei über Gleichstellung Indiens mit den Dominien, also im Rahmen des britischen Weltreichs, nicht hinaussingen. Auf diese Absage an die Revo­lution yat der Staatssekretär für Indien Lord Birkenhead im Oberhause das außerordent­liche Derwaltungsstrafverfahren mit dem gefähr­lichen Charakter der politischen Derbrechen gc- rechtfertigt, die Swaraj-Partei jedoch aufgefor­dert. aus dem anscheinend beschrittenen Wege sortzufahren. dTrnüt zuerst Ordnung und Sicher­heit wkederhergestellt würder. Gandhi hat auf Befragen etwas orakelhaft geantworte, alle Parteien könnten sich an dem Reformwerkunter ehrenvollen Bedingungen" beteiligen.

Wie weit es die indische Intellektualität in der westlichen Kultur gebracht hat, erhellt aus einer Einzelheit, die einer gewissen Pikanterie nicht entbehrt. Als die erwähnte Rede Birken­heads durch die Presse in Indien bekannt wurde, antwortete Das öffentlich darauf, indem er aus Daco von Derulams EssayBon Aufständen und Unruhen" folgende Stelle zitierte:Der sicherste Weg, Aufstände zu verhindern, besteht darin, daß man ihre Ursachen beseitigt: die Ursachen sind von zweierlei Art, große Armut und große Unzufriedenheit!" Der grlehrte Baco war unter Jakob I. Lordkanzler von Eng­land, und auch Birkenhead hat einmal dies Amt bekleidet. Das hat also einen Lordkanzler gegen den anderen auSgespielt, und feine Replik kenn­zeichnet zugleich treffend die Dersehlungen, die England in Indien zur Last fallen. Die indische Äationalbewegv.ng verfügt über viele Personen mit tiefg ünuiger Bildung. Gandhi, Tagore und Das sind keine Ausnahmen. Es ist begreiflich, daß sich ein solches Dolk nach den alten Methoden nicht mehr regieren läßt. Der kürzlich verstorbene Lord Curzon, von 1899 bis 1905 Dizekönig

von Indien, wäre dort heute ein Anachronis­mus

In anglo-indischen Kreisen i'l man nicht allzu optimistisch gestimmi. erwartet aber doch mit Spannung den Ausgang dieser politischen Zwie­sprache zwischen Kalkutta und London. ä>er An­regung, Gandhi und Da zur persönlichen Der- handlung nach London einzuladen, wird voraus­sichtlich wenigstens vorläufig nicht stattgegeben werden, aus Etikettegründen. da der B i z e könig Lord Reading dieser Tag. urlaubs­weise in London eingetroffen ist. Er soll zunächst die wichtigsten Probleme mn der Zrntralregie- rung erörtern, darunter auch die Beamtensrage Der Indian Civil Service leidet an Personal­mangel. Indien ist heutzutage kein verlockender Ausenthalt, das Leben kostspielig, und in England scheint unter der Hand die Meinung zu bestehen, daß die Kolonie über kurz oder lang doch ver­loren gehen werde. Dazu hat das Buch des pseudonymen Verfassers CarthillThe lost Do­minion" viel beigetragen.

Die Weiterentwicklung hängt jetzt von den Entschließungen der englischen Regierung, sowie davon ab, ob Das, seine Aufrichtigkeit voraus­gesetzt, imstande sein wird, sich beim indischen Dolke durchzusehen. Darüber wird der Ausfall der bevorstehenden Reuwahlen in Indien Auf­schluß geben Der Umflanö, daß der Swarajisten- sührer kürzlich zur Wahl von internierten Kandi­daten aufgcsordert Hal. wird nicht ohne weiteres als eine Absage an die englische Regierung aus­zufassen fein.

Für Europa haben diese fernliegenden Er­eignisse eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Wäre in der Tat eine neu: Aera in Indien in Sicht, so würde England dadurch einer großen Sorge ledig werden und in der europäischen Politik freiere Hand bekommen.

Das östliche Gegengewicht

In Bukarest hat in den letzten Tagen dir fällige Konferenz der Kleinen Entente stattgefunden, die, will man den ersten Infor­mationen glauben, eine Reihe recht eigentüm­licher Vereinbarungen getroffen hat. Dem Charakter der Entente entsprechend, hat etwas anderes freilich auch nicht erwartet werden können. Bisher aber mußte jeder Beschluß oder jedes Ue&crcinlommen der llein-ententistischen Minister als befohlener, unselbständiger Schach­zug im Interesse der gesamten Alli­ierten aufgefaßt werden. In den letzten Rio» naten dagegen tritt auf dem Balkan ein stilles Ringen Englands und Frankreichs miteinander um die vorherrschende Beeinflussung der Staaten im Osten auf. Wie dieses Ringen aus­gehen wird, wissen selbst die Pariser und Lon­doner Götter nicht. Man darf sich darin auch nicht von Zufälligkeiten, so zielbewuht sie auch fein mögen, irreführen lassen, andernfalls die Ergebnisse der Bukarester Beratung als im In­teresse Frankreichs liegend und somit als französischer Sieg bewertet werden müßten.

Auf der Tagesordnung der Konferenz stan­den die Abrüstung Ungarn« und vorge­schobene Bestrebungen der Budapester Regie­rung. allmählich wieder zum Angriff gegen seine Rachbarn zum Zweck der Wiedererlangung ge­raubter Gebiete überzugehen. Dec Beschluß der alliierten Minister soll nun in einer Warnung an die Budapester Regierung gipfeln, sich die Konsequenzen eines solchen (doch nur von den Alliierten geträumten) Vorstoßes von vornherein klar zu machen. Das ist wahrscheinlich nicht ohne scheelen Blick auf die zeitweilige Ver­stärkung der bulgarischen Armee an­gesichts der Dolschewistengefahr geschehen, denn nichts ist den Alliierten ein so großer Dorn im Auge, wie die bloße Möglichkeit einer mih- tärischen Erholung feindlicher Staaten. Daher auch die geteilte Meinung über die Größe jener Bolschewistengefayr, die nach Deneschs und

Schach-Ecke.

Bearbeitet von W. Orbach

Problem Nr. 11.

Don 9). Keidansli in Berlin.

Schwarz: »decket g h

»deckel g h

8

6

5

5

3

2

2

Weiß:

Matt in zwei Zügen.

Weih: 7 Steine. Ka8, Dd8, Te4, Sd7, Bb5, Bc3, Bg2.

Schwarz: 5 Steine. Kd5, Lc2, Ld6, Sc5, Sg4.

Partie Nr. 4

gespielt zu Baden-Baden am 19. April 1925.

Italienische Partie.

Weih: Dr. Tarrasch (Deutschland). Schwarz: Aljechin (Frankreich).

1. e2-e4 Tn7-e5

2. Sgl f3 2. Sb8-c6

3. Lil c4 3. Lf8 c5

4. c2-c3 4. Lc5-b6

5. d2d4 5. Dd8-e7

Dies ist eine alte Variante der italienischen Partie, welche sehr wohl anwendbar ist.

6. 0-0 6. Sg8-f6

7. Tfl-el 7. D7-d6

8. a2-a4? 8. al -ab

9. 112-h3. Dieser Zug, dec Läufer g4 verhindern soll, bildet eine Marke für den späteren Angriff.

Q 9 0-0

10. Lei - g5 Besser war liier Sa3, Lc2, e3! mit hervorragender Epringerpoßtion.

10 10. 1.7-dH

11. Lg5 c3 11. De7-d8!

12. Lc4-d3 12 Tf8c8

13. Sbl d2 13. Lb6-a7

Interessant gespielt. Schwarz vermeidet den Zug Sc4, die weihen Figuren stehen sich selbst im Wege.

14. Ddl-c2? 14. e5xd4

15. Sf3xd4 15. Sc6-e5

16. L.d3 f 1 ? 16. d6-d5!

17. Tal-dl 17. c7-c5

18. Sd4-b3 18. Dd8 - c7

19. Le3-f4 19. <e5-f3 +

20. Sd2xf3 20. Dc7xf4

21. e4xd5 21 Lc8-f5

22. Lfld3 22. Lf5xh3

23. g2xh3 23 Df4xf3

24. Telxe8 + . Dieser Abtausch vermeidet zwar den Bauernverlust, überläßt aber dem Gegner die e- Reihe, welche er zum entscheidenden Schiußangrisf auszunuhen imstande ist.

24 24. Ta8Xe8

25. Ld3 f 1 25. TeS-c5

26. c3c4 26. Te5-g5+

27. Kgl - h2 27. 516-g4 4-

28. K3Xg4 28. Tg5xg4

Weih gibt die Partie auf.

Man ersieht aus dieser Partie, daß der französische Vorkämpfer, welcher die meisten Aus­sichten auf den 1. Preis hat, sich in hervor­ragender Form befindet.

Aus der Lchachwelt.

Pfingsten dieses Jahres plant der Deutsche Schachbund einen Ländcrkamps Deutschland Oesterreich, welcher in Karlsbad oder Teplih- Schönau stattfinden soll. Es sind je acht Spieler von jeder Seite in Aussicht genommen.

Lösung von Problem Ar. 10.

1. Sd6, ed6: 2. Dg5 matt, l , Td6: 2 I )e 1 matt.

1 I(d6: 2. Tf6! matt.

1 . Tf6: 2. Te4 matt.

1 d4 oder g5 2. Tf5 matt.

Eine wahre Perke von einem Zweizüger!

Rintschischs Ansichten gar nicht so groß ist. In eir.em solchen Zusammenhang muß auch die Erledigung" der österreichischen Frage durch die Bukarester Konferenz als Versuch auf­gelegt werden. Oesterreich Weller in der Haltung der ülnsicherheit zu belassen, und zwar mit Zwangsmitteln, die jedweder Verständigung ent­gegenstehen. Oesterreich soll nach dem gemelde­ten ülebereinkommen die Möglichkeit verbaut werden, sich sowohl Deutschland anzuschließen, als auch sich wirtschaftlich den Rachfolgestaaten zu nahem. Die Eifersucht der Industrien dieser Staaten wächst von Tag zu Tag an, so daß Oesterreich schließlich aus den Krisen überhaupt nicht mehr herauskommt, sollte sich der franzö­sische Standpunkt von Bukarest av.d noch weiter in der Ostpolitik breit machen. Die Sanierungs­maßnahmen des Völkerbundes sind mit halber Hilfe und lahmen Schrittes bis heute ja nicht gerade ohne skandalösen Mißerfolg gewesen, aber es könnte sich doch ereignen, daß die Ü1 nHalt­barkeit des jetzigen Zustandes eines Tages doch auch politische Folgen zeittgt. Das Anwachsen der Begeisterung in Oesterreich für den Anschlußgedanken gibt den Alliierten keine Ruhe mehr: sie fürchten entschlossene Schritte der österreichischen Bevölkerung selbst. Dagegen und gegen jede Möglichkeit des An­

schlusses und im Sinne einer Verschlechterung von Oesterreichs Wirtschaftslage haben die Herren in Bukarest Beschlüsse gefaßt.

Landesverband hessischer Geflügelzuchlvereine.

!*! Aus allen Teilen des Hessenlandes hatten sich am Sonntag in Frankfurt a. M. die Vertreter der hessischen Geflügelzucht­vereine eingefunden. Der Vorsitzende, Hch. M u n t er m an n - Offenbach, erstattete den Jahresbericht. Für die Landesgeflügelausstel­lungen und Provinzialschauen wurden Ehren­preise bewilligt. Die Landesgeslügelausstellung, welche in Darmstadt stattfinden soll, wurde auf den 12. und 13. Dezember festgelegt. Die Pro­vinzialschau von Oberhessen wird im Januar n. 38. zu Lollar abgehalten. Der- bandSvereinen, die auf eine 25jährige und län­gere Tätigkeit zurückblicken, sollen durch Shren- diplome ausgezeichnet werden. Zwecks Auf­hebung der Taubensperre in Hessen will sich der Verband in einer Eingabe an den Landtag wen­den. Die Eingabe wird damit begründet, daß die Aussaat nicht mehr mit der Hand geschieht, sondern mit Maschinen, so daß die Körner sämt-

Don der Mystik desBuches

Don

Alexander v. Gleichen-Rußwurm.

Mehr als die Entdeckung von Amerika und alle Kriege mit ihren Schlachten und Friedens- schlüfscn hat die Erfindung der Buchdruckerkunst das europäische Dasein verändert. Es ist gciftig reich geworden, und der Gedanke hat unmittel­bare Fühlung mit der Menge genommen. Damit fiel ein breiter, leuchtender Sonnenstrahl mit wachsender Kraft auf die Menschheit, befruchtete sie geistig und ist weit hinaus wirksam gewor­den. In diesem Sinn besteht Jean Pauls Mort ausLevana" zu Recht:Kein voriges Alter .mb Dolk ist seit der Erfindung der Duchdruckerei zu vergleichen mit einem jetzigen." wie auch Victor Hugos Ausspruch, sie sei das größte Ereignis der Weltgeschichte.

Richt nur die Vergangenheit, alles, was die Menschheit getan, gedacht und erreicht hat, was sie wollte und war, beherbergt die gedruckte Welt in ihren Seiten, in ihr lebt auch die Gegenwart am nachhaltigsten, und das Herz der Zukunft schlägt merkbar darin. Mir kommt es immer so vor, als sei jedes Buch selbst ein lebendiges Wesen, das losgelöst von seinem Schöpfer ein eigenes Leben beginnt, indem es wirkt und mit feinen Gedanken neue Gedanken hervorruft. Deshalb sind auch die bedeutungs­vollsten Bücher jene, Die den Leser S"m Rach- denken und vielleicht auch zu ihrer Ergänzung aufforbem. Selbst wenn sie nicht voll befriebigen, fie regen an.

Wächst es schier unheimlich im Bücherwald und schießen Reuerscheinungen hervor wie Pilze auf dem Waldboden in einem feuchten Sommer, das Bedürfnis zu lesen breitet sich gleichzellig immer weiter aus und die Fülle veränderten Erlebens verlangt immer wieder, die Dinge von verändertem Standpunkt zu betrachten. Alle Bücher, von den ältesten bis zu den jüngsten, stehen in geheimnisvollem Zusammenhang. Denn keiner, der ein Buch schreibt, wird aus sich selbst,

was er den Zeitgenossen bedeutet.Jeder steht auf den Schultern seiner Vorgänger." Was vor ihm geschaffen wurde, hat irgendwie beigetragen, ihm Geist und .Leben zu bilden, und was er schafft, bildet wieder andere Menschen und geht in deren Geist über.

Don diesem Gedanken ausgehend, wurde jüngst in einem Gespräch, als über metaphysische Dinge die Rede ging, der Inhalt aller Bücher ein großes Geisterreich auf Erden genannt. Wer jetzt atmet und Deues wirkt, beschwört jene, die längst durch die Zeit geschritten und steht mit ihnen in Wechselwirkung Ein Wort, das frühe­ren Generationen geleuchtet hat, blitzt plötzlich wieder auf, Reden aus längst verstummtem Munde tonen mit Zauberkraft, und die Ge­stalten Der Dichter werden nicht müde, Anteil, Tränen und Freude zu erwecken. Sie offenbaren ihr Geheimnis durch die Mystik des Buches, das denen, die es lesen, .Leben vermittelt, aber selbst neues Leben nur von diesen empfängt.

Als Terentianus Maurus in seinem Lehr­gedicht über die Derskunst den Sahhabent sua fata libelli schrieb (Bücher haben ihre Schick­sale), hat er, wohl unbewußt, auf diese Mystik ein treffendes Wort geprägt, denn unsere Bücher erfüllen ihr eigenes Schicksal, indem sie zum Schicksal der verschiedenen Generationen werden. Kaum eine Tat, kaum eine Bewegung, kaum ein Aufslammen nationaler Leidenschaft läßt sich denken, ohne daß ein Keim aus der gedruckten Welt in der äußeren aufgegangen wäre und sich zur Pflanze entwickelt hätte. Und keine Tat, keine Bewegung, kein wichtiges Ereignis wird jemals geschehen fein, noch geschehen, ohne daß Bücher Deren Wirkung weiter vermitteln unD lebendig erhalten.

Sie künden wohl Die Weltgeschichte, aber sie beeinflussen sie auch: sie künden wohl die Her­zens- und Geistesgeschichte der Menschen, aber sie» bilden auch Herz und Geist nach ihrer Form. Dahin ist Goethes Wort aus Den ..Maximen" zu verstehen, das an jenes des Terentianus Maurus anknüpft:Auch die Bücher haben ihr Erlebtes, das ihnen nicht entzogen werden kann." Als Mittelwesen stehen fie zwischen uns und Den

Toten Der Vergangenheit, aber auch zwischen uns unD den kommenden Dingen. Jede Wirklich­keit ist einmal Dichtertraum gewesen, stand ein­mal in Vers oder Prosa auf den Seiten eines Buches, wurde dann meist als Hirngespinst ver­spottet und triumphierte schließlich, indem das Erdachte Wahrheit wurde.

Viele Bücher sind allerdings wirklick) tot, ebenso wie viele Menschen, viele sind schlecht gewesen, und manche haben Schaden gebracht, aber alle, in denen eine Seele wohnt, gehören in das Reich jenes geheimnisvoll Lebendigen, aus dem stets erneut Die Schöpferkraft ins Da­sein strömt ..., Die Mystik des Buches, der innerliche Zusammenhang von einst und jetzt, von Wollen und Wirken, vom Gedanken und der Tat. Blicken wir auf die fast unabsehbare Reihe des Gedruckten, das Den WerDegang des Men­schen bis in Die kleinsten Regungen sesthält, so toirD uns bewußt, welche unüberwindliche Kraft von Diesem Stapelplatz des Geistes ausgeht, und wir begreifen im Hinblick auf die eigene Zeit, was Fr. L. Jahn in seiner Schrift überDeut­sches Holkstum" (1810) geschrieben hat: . Ein Volk, das ein wahres, volkstümliches Dücher- wesen besitzt, ist Herr von einem unermeßlichen Schatze ... Cs kann aus Dpr Asche des Vater­landes wieder aufleben, wenn feine heiligen Bü­cher gerettet werden."

Der Leutnant als Lustspieldichter

v Wenn heute auch Gustav von Mosers Lust­spiele so ziemlich von den Bühnen verschwunden sind, so dürste doch der Tag kommen, da diese Werke eines ebenso harmlosen wie drastischen Humors ihre Wiederauferstehung erleben, und es wird sich uns Dann in diesen Stücken eine Welt offenbaren, die völlig untergegangen ist und uns gerade deswegen interessiert. Moser ist jetzt 100 Jahre tot, aber als er als alter Mann seine frischen Lebenserinnerun­genDom Leutnant zum Lustspieldichter" nieder­schrieb, da gab er bereits dem Empfinden Ausdruck daß er sich selbst und seine Zeit überlebt habe:3n meiner frühesten Jugend habe ich Die Straßen Ber­lins noch mit Dellampen erleuchtet gesehen, die Thea­ter gingen um sechs Uhr an, man vorher zu

Abend und ging nachher um 10 schlafen. Eisen­bahnen gab es in Deutschland noch nicht. Leute, Die in Paris und London gewesen waren, galten als große Reisende. Ich selbst habe als Potsdamer Ka­dett den ersten Zug von Berlin in Potsdam an­kommen sehen, habe den Weg von Berlin nach Reiße wiederholt mit der Post zurückgelegt, man brauchte dazu 2 Tage und 2 Rächte ich habe Den Telegraphen auf Der alten Sternwarte mit seinen sechs Armen arbeiten sehen usw. . . . Ich habe zwar 100 Stücke geschrieben, aber mir nie eingebildet, ein großer Dichter zu fein, hatte Freude, wenn meine Arbeit gefiel unD das Publikum sich amüsierte. Doch habe ich offene Augen für die Gegenwart und soviel Selbsterkenntnis, daß ich einsehe: Meine Zeit ist um!" Alle diese lustigen Stücke Mosers vomDeilchenfresser" undRe­gistrator auf Reisen" bis zuMilitärfromm" und demWilden Reutlingen" atmen noch die idyllische Stimmung von 1850, Die Moser, derewige Leut­nant", auch noch im Kaiserreich wiederfand. Denn er hatte die hellen Augen eines Sonntagskindes, war ein Lebenskünstler, der allen Dingen die fröh­liche Seite abzugewinnen wußte und der sein Leben lang von Derfröhlichen Leutnantszeit" zehrte. Die er mit vollen Zügen ausgetoftet. Humorvoll hat er erzählt,wie er zum Theater tarn". Als Leut­nant in Görlitz wollte er auch einmaldas Leben hinter den Kulissen kennen lernen". Aber der Stadt­rat, der das Theater unter sich hatte, witterte da­hinter unmoralische Absichten und verbot ihm den Zutritt zu der intimen Theaterwelt. Da erklärte Moser:Schön, in einigen Wochen komme ich doch hinein!" Und am nächsten Tage fing er an, fein erstes Stück zu schreiben. Und dieses Lustspiel wurde auch wirklich auf der Görlitzer Bühne aufgeführt, er durfte hinter Die Kulisien Vordringen und wurde Dort als einer Der beliebtesten und am meisten ge­spielten Theaterschriftsteller heimisch. Nachdem er sein LustspielSchach und Matt" dem Berliner Theaterdirektor Wallner eingeschickt hatte, schrieb er auf dessen ermunternde Antwort immer mehr Stücke, vielfach mit anderen Autoren zusammen, und hat sich gern mit L'Arronge, mit Benedit, Mosen, Schön- than und anderen in den Triumph geteilt.

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iGießener Brauhaus-Pilsener]