Ausgabe 
11.4.1925
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 85 Pienes Blatt Gießener Anzeiger (Seneral-Anzetger für Vverhefsenf Samstag, U April 192«^

Buntes Allerlei.

Die deutsche Naturschutzpark-Bewegung.

Heilige Home unb geweihte Plätze gab In uralten Seiten, und man kann, wenn man Will, in dieser- frommen Scheu vor der unberühr­ten Natur das Vorbild jener Gedanken sehen, die in neuester Zeil zur Errichtung von Natur­schuhparken geführt haben. Aber was damals aus unbewußter Frömmigkeit geschah, das wird heute dcirch das unaufhaltsame Fortschreiten der Zivilisation zu einer bewußt geforderten Not­wendigkeit. Heber all in der Dell wird die freie Qtafur in ihrer jungfräulichen Schönheit ver­wüstet und verdrängt, und so ist man denn zuerst in dem Lande, in dem man am meisten Raubbau getrieben hat, in den Bereinigten Staaten, dazu übergegangen, einzelne Schutz- gebiete zu schassen, in Denen ebenso den mit Untergang bedrohten Menschen, den Indianern, wie der Tier- und Pflanzenwelt Zufluchtsstätten geschossen wurden. Die Alte Welt ist diesen» Beispiel gefolgt, und großartige Echuhporke sind verschiedentlich angelegt, so in der Schweiz und in Italien.

Auch bei uns in Deutschland und im stammverwandten O e st e r r e i ch war kurz vor dem Kriege eine<«schubpart-Bewegung ent­standen. Der Vater des Gedankens war der bekannte Naturforscher Dr. Kurt F ö r i d c , und im Zähre 1909 trat er mit Gesinnungsfreunden zur Gründung eines Bundes zusammen. Es war äußerst schwierig, in unserem Vaterland, wo jedes Stück Erde gebraucht und der Wirtschaft nutzbar gemocht werden soll, einen solchen letzten Fleck ilmatur zu erhalten. Doch Hot der Verein Naturschutzpark sich in der Lünebur­ger Heide ein Gebiet von 3600 Hektar ge­sichert, und in Oesterreich ist ein Park von 1140 Hektor im Salzburger Gebiet am Nord- hange der Hohen Tauern entstanden. ;3n dem Jahrfünft von 1909 bis 1914 nahm der Verein einen großen Aufschwung und umfaßte viehntausende von Mitgliedern. Der Krieg Hot sein Wirken gehenunt, aber-nicht erstickt, und heute hat er die Durchführung seiner Ausgaben wieder mit vollen Kräften ausgeiwmmen Es bleibt freilich itod) viel Arbeit zu lelften, denn bisher tarnt nur in beschränktem Blaße der Tier- unh Pflanzenwelt der unbedingte Frieden ge­währt werden. Doch ist erreicht, daß der Zauber der niederdeutschen Heidelandschaft unb b:8 Heidewaldes auch noch fernen Enkeln in aller Ursprünglichkeit sich offenbaren wird, und es ist eine hohe Kulturpflicht der Gegeitwart, für die Erhaltung ehrwürdiger Naturdenkmäler zu sorgeit.

Karfreitag als Grohreinemachelag.

Am Karfreitag sollen zwar alle Arbeiten ruhen, aber der Volksbrauch nutzt die heiliyen Kräfte dieses Tages doch zu mancherlei Verrich- tungen aus. Besonders die geplagte Hausfrau hat an diesem Tage viel zu tun, denn ev herrscht der Glaube, daß alles Ungeziefer ebenso wie die riexen und bösen Geister am .Karfreitag am sicher- sten und besten vertrieben werden kann. Deshalb i|t dieser hohe Festtag in manchen Gegenden der ag des G r o ß r e i n e m o ch e n s. Die Arbeit wird mit ganz neuen Besen vorgenommen, die vorher in der Kirche geweiht sein müssen. Im Schwarz­wald beginnt man mit dem Fegen und Kehren bereits in der Karsreitagnocht um 12 Uhr. Die Ar­beit soll bis zum Morgen durchgeführt werden, und dann werden die Besen an einem Kreuzweg niedergelegt. Man sand früher solche Besen am Karfreitagmorgen zu ganzen Hausen, aber jeder mann ließ sie liegen, denn sie hatten ihre Wirkung getan, und die weitere Verwendung solches Besens ward zum Unglück. Für das Kehren bestehen be­sondere Bestimmungen. So soll man die Treppen von unten nach oben fegen und den Kehricht auf­heben. Dos bringt Segen ins Haus, und das ganze Jahr über ist viel Geld im Spinde. In Böhmen kauft die Hausfrau einen Besen, bei dem sie nichts abhandeln dar,, kehrt unter Gebeten am Gründon­nerstag oder Karfreitag ganz allein dos Haus, trägt den Kehricht in der Mitte der Stube zusammen und verbrennt ihn im Ofen. Damit schützt sie das Haus gegen Einschlagen und bringt Glück für dos ganze Hahr herein. Auch die Ställe werden am Karfrei­tag gereinigt, weil dann das Vieh gut gedeiht. '

Osterrätsel-Wettbewerb.

Der Osterhase, den böse Zungen immer wieder einmal in dos Reich der Fabel weisen möchten, hat, den Lästermäulern zum Trotz, bei feinem dies­jährigen Besuch beim Rätselonkel wieder eine ganze Reihe von prächtigen Ostergefchenken für die flei­ßigen Rätsellöser und -löfcrinncn abgeladen. Da aber der Rätselonkel den Fleiß und die Geschicklich­keit seiner Freunde nicht bis in alle Einzelheiten von sich aus kennen kann, hat er sich des Brauches entsonnen, der auch sonst int Leben üblich ist, um die Tüchtigkeit eines Menschen festzustellen: Er will eine Art Prüfung anfteUcn und schreibt des.halb wieder einmal einen

Rätsel-Wettbewcrb aus, an dem sich alle Abonnenten desGießener Anzeigers" beteiligen dürfen.

Der letzte Einsendungstermin für die Lösun­gen ist Samstag, 18. April. Auf den Umschlag muß deutlich das WortR ätfel»-W ettbe- werb" geschrieben sein, damit die Redaktion die Briese gleich richtig und ohne Aufenthalt an den Rötselonkell weitergeben kann. Außerdem ist der Rät­sellösung beizufügen die genaue Angabe von Vor­namen, Nome, Alter, Schulklasse, Wohnort und Straße.

Die Lösungen werden zusammen mit den Na­men der Preisträger am Samstag, 25. April, im Gießener Anzeiger" veröffenllicht.

Silben-Rätscl.

Aus den 88 Silben: a ach an änt av avl bcer berg blu da da dam de da da del del der der e e ---e ed ei fot- fried früh

gar gam, ge gur Hal hän her her hum ja jahr kämm Ian Ian ke ke lec ter land le le lei len lor man me nier mor ne ne nei ner nid nor och ot phir po rent ro ro fant säum sche schon fc fe fei fon ft en ft en tc ten ti tung wa Wold weg Win wort ze - sind 44 zweisilbige Worte Au bilden, in denen je zwei beliebig aufeinander* folgende Buchstaben, in der Reihenfolge der Worte aneinandergereiht, ein Epigramm von Hebbel ergeben. Die Duchstabengruppe des letzten Wortes enthält drei Buchstaben.

1. Pflanze. 2. Amphibium 3. Gerichtsperfon. 4. Gabel. 5. Komponist. 6. Wind. 7. 3m Ruhe­stand lebende Gehaltsempfänger. 8. Christlich-

germanifcher Dichter. 9. Jahreszeit. 10. Kul­tiviertes Land am Haufe. 11. Ansammlung von Tieren. 12. Stoff 13 Gasthaus. 14. Kohlen- reft. 15. Körperteil. 16. Gegerbte Haut. 17 Ge­birge. 18. Verwandtschaftsgrad. 19. Sagenhafter Berg. 20. Handwerkszeug 21. Bräunlicher Vor­name. 22. Lasttier. 23. Entgegnung. 24. Wäsche­stück. 25. Gedicht. 26. Pflanze. 27. Mythische Figur. 28. Schiffsgerät. 29. Mittelalterlicher Sagenheld. 30. Rest. 31. Polnischer Mädchen­name. 32. Fluß 33. Zugtier. 34. Stadt in Ober Hessen. 35. Ausruf. 36. Aniversitätsmitglied. 37. Sagenhafter Hmid. 38. Nuß. 39. Stadt in Mitteldeutschland. 40. Znsel im Indischen Ozean. 41. Straßenteil. 42. Teil eines Möbels. 43. Mi­litärischer Ausdruck. 44. Dichtung.

Kreuzworträtsel.

135

10

131

14

17

16

9

31

Es bedeuten:

Von links nach rechts: 1. Philosoph, 2 Dich­ter, 3. Dichter, 4. Stimmlage, 5. Blume, 6. Ern- gang, 7. Ostseebad, 8. europäische Hauptstadt, 9. Dramenfigur, 10. Stadt in Hessen, 11. Leckerei, 12. Ortsbezeichnung, 13. Teilbetrag, 14. Schlitten, 15. 3fel im Mittelmeer, 16. Badeort, 17. Welt­reisender, 18. Mittelsperson, 19. Streife, 20. Staat in Afrika, 21. Komponist.

Don oben nach unten: 22. Begrenzung, 23. chemische Substanz, 24. Teil eines Hafens, 25.

Rösselsprung.

fun»

land

wir

len

glut

die

die

an

in

durchs

zwei-

gen

de

flü-

un»

lot»

lelnb

bau-

strah»

de-

gen

gen

0*

nen-

me

hoch

nen

den

ge-

blick»

le-

ge-

ftem

fer

ten

ber

gol»

Hin-

die

lein

fon»

fier»

wand

mit

schmückt

-

lau»

bald

hell

ber

fest

wie

glot-

ling

heim-

die

glück-

scheu

li»

len

früh»

ge-

genb

veil»

du

li-

scheu

ling

tet

fe-

früh»

land

sag'

rau»

und

das

hold.

ger

ins

schrei-

chen

sie-

mit

bringst

chem

Krieasgott, 26. französischer Literarhistoriker. 27. Figur der deutschen Heldensage. 28. Sängrr. 29. Stadt in Indien. 30. germanische Gottheit. 31. griechische Sogenfigur. 32. Muse. 33. Aus- fichtsinstitut. 34. Körperteil, 35. Fluh, 36. Land­schaft in Südarabien.

(^utzisferuttgsausgabc.

q I r

m

b i c

Zn die erste wagerechte Reihe sind die in der nachstehenden Aufgabe vorkommenden Dokale, in die erste senlrechte Reihe die Konsonanten in zu suchender Weise einzutrogen. Somit erhält man den Schlüssel zu der Aufgabe, besonasazorunenizuzoza nebebeni sanebebuni zazo zuninuniba zibano ncziza nebebeniba rirunisosuni- ba nuzusonasazo banizini sizunesezo zibano banizi* niza beninuniba zaniso rusobebesi bobubuniba bo« zazonizubesonasazo.

Blumen Rätsel.

aj Begonie, Elematis, Dahlie, Edelweiß, He» livlrop, Zmmergrün. Zris, L?vkoje, Maßliebchen, Stiefmütterchen, Tuberose, Usombora-Deilchen.

b) Aster, Enzian, Erika, Jasmin, Zris, ZSlondmohn, Lilie, Maiglöckchen, Rose, llfam- baro-Deilchen, Zinnio

Eine Dame erhält von feilen eines Herrn einen Strauß, gewunden aus ben unter a ver­zeichneten Blumen. Sie errät sofort dessen Be­deutung, indem sie die Anfangsbuchstaben richtig aneinanderveiht. Die Dame sendet daraus um­gehend dem Herrn ebenfalls einen Strauß, zu­sammen gestellt aus den unter b verzeichneten Blumen. Dieser entnimmt aus deren Anfangs buchstaben zusammengezogen sofort die richtige Antwort.

Auslösungen.

Wagische- Quadrat«

Bcsuchskartenrösselfprung, Friedrich von Schiller.

Silbenrätsel.

,.WaS dem Herzen widerstrebt, läßt der Kops nickt ein.

1. Weizen. 2. Akelei. 3. Salome. 4. Damast, 5. Elisabeth, 6. Medoc, 7. Haggai, 8. Erdbeben, 9. Rixdorf, 10. Zuckerfirup. 11. Esperanto, 12. Na­tionalpark, 13. Westminster. 14. Isolde. 15.. Da­vid. 16. Euphrat, 17. Rebus. 18. Stinnes. 19. Tanne. 20. Raguso. 21. Eichel. 22. Basalt.

Zur Erinnerung.

Dienstag dein. Gast. ® oft eilt Kreuzworträtsel.

Don links nach rechts: 1. Peter, 2. Trape.z, 3. Anis. 4. Nerv. 5. Udo, 6. Tee, 7. Rabat, 8. Lene. 9. Stern, 10. Tor. 11. Eis. 12. Rar. 13. As. 14. Seesen, 15. Enak, 16. Ei. 17 Ala, 18. Lu, 19. Eli, 20. Hellas, 21. Rebe. 22. Fa­mulus, 23. Antenne, 24. Leander, 25. Achen, 26. Eunuche.

Don oben nach unten: 27. Pate. 28. Energie, 29. Tier, 30. Es, 31. Tran, 32. Rot, 33. Puder, 34. Eden. 35. Zozelsgaß, 36. Natron, 37. Eben 38. Reede. 39. Lora, 40. Tandem, 41. Esel 42. See, 43. Recha, 44. Sieben. 45. Kallche, 46. Lau. 47. Urne. 48. Lende. 49. Lurch, 50. Etat, 51. Fern. 52. Alm, 53. Neu, 54. Ne.

lieber dem Glockenläuten

Türme sind Pforten zu einer anderen Welt. Dorum sind die Türmer und Torwarte auch andere Menschen als wir übrigen. Sie wohnen hoch über uns allen und haben einen Abstand nicht nur zu den Eiligen, sondern auch zu den Menschen. Sn- können warten, sie können schweigen, und können schauen, durchschauen. Aber sie können auch erzählen, lange und gut erzählen, und bas macht ihnen Freude. Sie suchen sich die Menschen aus, mit denen sie ein Gespräch anknüpfen.

Das alles macht, weil sie auf den Türmen wohnen.

Es war eine Auszeichnung, auf dem Turm wohnen zu können. Man war fast so etwas wie der Schutzpatron der Stadt, wenn man da an der Wand feiner kleinen Stube das rote Tuch und das Feuer- horn hängen sah. Oder wenn man nock Sonnen­untergang der stiller werdenden Stadt iyr Schlum­merlied blasen konnte.

Es hat nie eine Zunft der Türmer gegeben. Dazu waren es zu wenige. Und es würde nie eine gegeben hoben, den dazu waren sie viel zu einzig, einmalig in ihrer Art. Wenn man olle Türmer her ganzen Erde zusammenrufen wollte, sie würden sich auch nicht wohl fühlen unter ihresgleichen. Sie sind ins Alleinsein hineingewachsen seit Vater und Groß­vater und Urahne: das bleibt.

Denn die Türme haben ihr eigenes Leben mit ihren Treppen und kleinen Fenstern und den großen, schwingenden Glocken, von dem sie abgeben und in das sie ihre Bewohner einfpinnen. Sie verlangen so mancherlei Dienste, die jeden Tag um dieselbe Stunde mit nie versagender Pünktlichkeit getan werden müssen. Da ist die laut und hart in die Stille tackende Uhr, deren große eiserne Zeiger draußen am Zifferblatt der Stadt unten die Zeit ansagen. Da ist die Feierabendglocke und die Daterunser- glocke und die Sturmglocke, die an langen Seilen ruhig in ihrem Gestühl hängen und warten, bis sie den Mund auftun und mit ihrem Klingen über das Land hin rufen dürfen.

Gan; oben aber in der Spitze, wo nur noch schmale Leitern durH das Gebälk führen, in dem Reiche der Fledermäuse und der leichtbeschwingten

Tauben, da ist, auf der letzten Sprosse, der Ausguck, den ich bei allen Türmen am meisten liebe. Da gleitet das Dach steil noch unten fort, und der Turm selbst hängt wie eine Halskrause über den Schul­tern. Man könnte träumen, ein Riese zu sein unb aufzustehen und, mit dem Turm als steinernem Mantel angetan, durch das Land zu wandern, in die Städte hinein, mit riesigen Füßen von Platz zu Platz zu schreiten und sich dabei zu schütteln, daß die Glocken wie riesige Schellen im Innern er­klingen oder langsam und bedächtig mit dem Puls­schlag des Herzens dröhnen.

Settsam mannigfach sind die Gefühle, wenn man so einen Jahrhunderte alten Kirchturm besteigt. Ich wüßte kein Geschehen zu nennen, dos so gegen­sätzliche Stimmungen unmittelbar aufeinanderfol­gend auslöft wie gerade der Besuch eines Glocken­turmes in der otabt. Mit dem gewaltigen Schlüssel in ber Hanb öffnet man, ungemein wichtig schon, bas schwerfällige Schloß ber kleinen Pforte, hinter der die steinerne Wendeltreppe von Lichtspalt zu Lichtspalt auswärts kriecht. Schon nach zwanzig, dreißig Stufen ist man in gleicher Höhe mit den um­liegenden Dächern, und jeder Blick hinaus zeigt, wie hoch hinaus man schon ist über all den anderen, die ba unten umherkriechen. Dann kommt ein Stock­werk, geräumig, breit, mit Hellen Fenstern. Hier kann man verschnaufen. Schon ist man Nachbar nur noch des leise aufsteigenden Rauches unb ber hurtigen Tauben, bic ihre luftigen Streife um die Schornsteine unb Giebel ziehen. Unb eine kleine Be­klemmung legt sich um das Herz. Es ist nicht eigent­lich klar, worum. Dann kommen hölzerne Treppen mit engen Wänden bis hinauf zum großen Uhr­werk, das unentwegt tick, tack, tick, tack sagt. Ganz laut in die leere Stille hinein. Und dann die Glocken. In schweren Stühlen hängen ihre Riesenleiber reg­los stumm. Durch die halboffenen Schallöcher schlüp­fen Sonnenstrahlen unb spielen mit ben Buchstaben ber Inschrift. Der Winb, ber fingenb durch die Luken tanzt, hat mit leisen Schwingen dunkle Patina auf­gelegt. Ehrwürdig spricht so der fromme Spruch des Glockengießers zum Auge. Dann eine Tür und unten öffnet sich die Stadt.

Die klein ist das alles auf einmal! Unb wie allein stehe ich hier oben. Die Häuserblocks schließen

sich zu Körpern zusammen, Straßen werden zu Adern, in denen das Blut des Verkehrs rollt. Men­schen unb Tiere verschmelzen zur Einheit: Leben­diges Wesen, das sich sinnvoll im Organismus des größeren Körpers der Stadt bewegt. Alle die Hun­derte und Taufende von Einzelwillen, die uns so verschieden gerichtet erscheinen, solange wir selbst mitten zwischen ihnen stehen, werden von der höhe­ren Warte des Turmes aus zu Willenskomplexen, die gleichgestalteten Ausdruck finden: Bewegung. Alles andere wird unwichtig. Individuelles an Klei­dung, Haltung, Gedanken, Freude, Sorge fällt ab und ordnet sich ein in den Rhythmus des Stromes der Straße.

Unten im Turm schlägt die Stunde. Sechs lange, schwere Tone. Sie hallen über die Dächer hinab auf das Pflaster der Straßen, fallen zwischen die Reihen unb Gruppen auf ben Plätzen, bie sich aneinanber oorbeischieben unb sich gegenseitig burch- bringen, ohne darauf zu achten. Nur füllt sich gleich darauf die Menge in den Straßen stärker an und ber Strom des Verkehrs fließt breiter und schneller einher. Keiner aber schaut herauf zu dem riesigen Zifferblatt mit den schweren, eisernen Zeigern, die von Minute zu Minute weiterrücken, unbeirrbar in ihrer Sicherheit.

Eines von den Kinden allein blickt, einer plötz­lichen Eingebung folgend, steil am Turm empor. Es erblick» ben fremden Menschen da oben, der herunterwinkt. Da schicken seine kleinen Händchen den Gruß zurück, unb auch seine Gefährten unb Kameraden lassen ihre leuchtenden Augen herauf­grüßen. Irgendwo am Ronde der Stadt hat ein kleiner Tolpatsch nicht aufgepaßt. Ein roter Luft­ballon steigt zwischen die Dachfirste unb klettert immer höher, vom Wind getrieben. Jetzt ist er nahe am Turm, schon höher als ich. Unb bie zwanzig Kinderaugen unb -Hände haben ihn schon erwischt und sie jubeln:Da, da! Ein Luftballon!" Wie er kam und verschwand, ist er auch vergessen, mit ihm der fremde Mann auf dem Turm. Den aber freut es doch zu wißen, daß wenigstens Kinderaugen noch manchmal ben Weg finden, heraus aus Zweck­mäßigkeit, Pflicht und Gesetz und hinauf nach einem bunten Luftballon, der sekundenschnell vorüberfliegt, ober nach einem Taubenschwarm ober nach einem

fremden Mann, der freundlich nickend ihrem Spiel zusieht ....

Unter mir beginnt das Abendläuten. Langsam, schwer, feierlich unb laut quellen bie Klöppelschläge aus bem Turm. Don ben anderen Türmen kommt Antwort. Ueber die ganze Stadt spannt sich ein Netz von Tönen, dessen Fäden zu der tief am Horizont stehenden Sonne laufen, von der all bas Klingen auszugehen scheint. Unb mit ber tiefer finfenben Sonne senkt sich bie golbene Last klingenden Lichtes tiefer unb tiefer in bie abenbliche Lanbschast: die Ferne verschwimmt, unb bie Nähe gespenstert mit langen Schatten.

Da steige ich hinab zu ben schwingenden Glocken und stehe inmitten des ungeheuren Brausens wie in einem kleinen Nachen auf stürmischer See:

Zitternd schwingt das Gebälk, cs tanzt jede Fiber des Körpers in dem lauten Aufschrei des ge­schlagenen Erzes, in gigantischem Schwung wendet sich oas große Rund der Glocke dir zu, donnernd trifft ber Klöppel den wuchtigen Mantel, und auf- brüllend schreit dir der erzene Mund seinen Ruf in bie Ohren, baß dir der Atem vergeht und du zitternd und Hein dastehst, gewärtig, von bem Orkan der Töne hinweggewirbelt zu werben, hinaus, wesenlos irgendwo über die Stadt, ihr ben Sonntag an­zujagen. cs.

Elster unb Krähe auf Notgeldscheinen.

Originelle Notgeldscheine schildert un8 Albert Erhardt in der .Ornithologischen Monatsschrift". Sie flammen von Greves­mühlen in Mecklenburg, das als Krähenstadt bekannt ist. 3n fünf farbigem Druck zeigen diese Notgeldfcheine den nordwestlichen Stadtteil unb die Kirche, die sich in den klaren Fluten des Dielbecker-Sees spiegeln. Während eine Elster mit einer Goldmünze im Schnabel und ein Käppi tragend zum Fluge anseht, übernehmen die »Grevesmühlener Krähen" die Bürgschaft für die Geldscheine, indem sie durch zwei dargestellte Übertreter stolz erklären lassen:CBenn uns bei Heister stahlen hett ok Gold und Edelstein, för 50 Pfenning fünb noch gaub bei Grevesnwhlner Kreib'n."