Nr. 85 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vverhessen)Samstag, U. April 1925
politische Osterbetrachtungen.
•Bon öflerrcidjejdjem Vizekanzler a. D. Dr. Felix
Frank, Wien.
Geil ich im Januar des heurigen Jahres in Be- gleitung des Präsidenten 2 inghoser die Gast- freundlchast unserer reichsdcutschen Freunde genießen durste und die Gelegenheit gefunden hatte, im persönlichen Verkehr mit ihnen einen Gedanken- austausch über die großen Fragen der gesamtdeut- schon Politik zu pflegen, ist die Entwicklung nicht stillgestanden.
Mehr denn je steht heule das Deutsche Reich im Mittelpunkte der internationalen politischen Betrachtung. Go ungeheuer schwer die Wunden auch sind, die der Friede von Versailles dem im Reiche vereinigten deutschen Bolkskorper geschlagen hat, und so drückend sich msbesondere die in diesem Vertrage zum Ausdruck kommende Aechtung für unser Volk erwiesen hat, so war er doch nicht imstande, das zu erreichen, was gewisse Staatsmänner und Generale, die ihm zu Gevatter standen, damit bezweckt haben. Deutscher Fleiß, deutsche Tüchtigkeit und Unermüdlichkeit haben in Verbindung mit der jetzigen Außenpolitik der Reichsregierung erreicht, daß das Deutsche Reich nicht um Aufnahme in die Reihe der gleichberechtigten Rationen zu bitten braucht, sondern von den früheren Feinden gebeten wird, sich aufnehmen zu laßen. Welcher unendliche Fortschritt liegt insbesondere in der Art der Behandlung, die die deutschen Vorschläge zum Garanticpakt in London gefunden haben gegen- iiber der Behandlung, die das Deutsche Reich in früheren ähnlichen Fällen hinnebmen mußte.
Es kann naturgemäß nicht unsere, der Deut sch - Ocsterreicher, Ausgabe sein, zu den einzelnen Verhandlungspunkten, die in den Unterhattungen der außenpolitischen Aemter von London, Paris, Prag ufro. erörtert werden, Stellung zu nehmen: jedenfalls betrachten wir uns aber als Teil des deutschen Gesamtvolkes diesen Verhandlungen gegenüber nicht als desinteressiert. Wir sind ja durch den Friedensoertrag von St. G e r m a i n in eine ganz besondere Lage gebracht. Während andere deutsche Volksteile fremdnationaler Herrschaft unterworfen wurden, hat man dem so verbleibenden armseligen Rest des alten Oesterreichs die „Selbständigkeit gelassen. Die bekannte Bestimmung der Friedensverträge von Versailles und St. Germain, die den Anschluß Deutsch-Oestereichs an das Deutsche Reich von der Zustimmung des Völkerbundes abhängig macht, sollten diese „Selbständigkeit" noch Dcranlern. Wir gleichen so einem Glied, das aus einem Körper herausgeschnitten, für sich selbst sort- existieren muß, ohne daß ihm seine Transplanation auf einen anderen lebendigen Körper, der es seinerseits mit neuer Lebenskraft erfüllen würde, gestaltet wäre. —
Zwar werden in diesen Tagen der internationalen Diskussion über die in den Garantiepakt auf- zunehmenden Artikel die Stimmen jener immer lauter, die das Ziel der mitteleuropäischen Entwicklung in einer engeren Verbindung der Machfolge st aalen der ehemaligen Habsburger- monarchic erblicken. Und es ist gewiß sehr bemerkenswert, daß nunmehr gerade das P r ag e r K a - b i n e t l, das vordem von einer Verbindung, die auch nur die Icifefk Erinnerung an die alte Monarchie wecken könnte, nichts wissen wollte, immer mehr und immer eindringlicher den Gedanken des Zusammenschlusses dieser Staaten propagiert, wobei cs grundsätzlich kaum einen Unterschied macht, ob dieser Zusammenschluß Donauföderation genannt wird oder nicht. Denn der tschechoslowakische Außenminister Dr. B e n es ch sagte ja in der Debatte, die sich an sein außenpolitisches Expose anschloß, selbst, daß die Begriffe ^Konföderation, Zollunion ober Wirtschaftsgemeinschaft" sehr fließende seien. Wir befinden uns aber in lebhaftestem Widerspruch mit diesem Minister, wenn er „möglichst engen wirtschaftlichen Beziehungen bei der Auf- re ch le r h a l t u n g der politischen und wirtschaftlichen Souveränität" bas
Wort redet. Denn, wenn er die wirtschaftlichen Beziehungen über den natürlich auch von uns gewünschten Abbau der Handels- und verkehrspoltti- schen Beschränkungen hinaus gepflegt wissen will, so ist dies mit einer politischen und wirtschaftlichen Souveränität nicht vereinbar. Wir verweisen nur kur; auf die Entwicklung, die vom Deutschen Zollverein naturnotwendig über bas Zollparlament zum Deutschen Reichstag sührte. — Ob nun ber vom tschechoslowakischen Außenminister so lebhaft propagierte Zusammenschluß bann Donanföbera- Hon ober kleine Entente ober wie immer heißt, barauf kann es uns nicht ankommen. Jedenfalls müssen wir eine Entwicklung auf das schärfste ablehnen, die die 'Jiad)folgeftaaten ber alten Monarchien einem politischen Machtzentrum mit ber Spitze am Prager Hrabschin unb mit einem not» locnbigen Gegensatz gegen bie Politik bes Deutschen Reiches zusammenfassen will.
Für uns kann es nur eine Lösung bes österreichischen unb bamit bes mitteleuropäischen Problems überhaupt geben, unb bas i ft der Anschluß Deutsich-Oesterreichs an bas beutjdje Mu11erlanb. Dieser Gebanke war unb ist es auch, ber bie Großbeutsche Volkspartei dazu bestimmt, die Sanierung der öffentlichen Finanzen unb nunmehr auch der Wirtschaft als politisches Ziel zu erstreben. Denn wir wollen zum Deutschen Reich nicht als abgehärmte Bettler kommen, sondern als gleichwertige Brüder, bie bie in unserem Volkstum so reich entwickelte Mannigfaltigkeit burch bie Einfügung unserer bajuvarisch- östereichischen Stammeseigentümlichkeiten in ben Gesamtkörper ber Ration bereichert. Wir sind uns aber darüber klar, baß bie Sanierung, bie ja, wie nun auch von ihren ursprünglichen Gegnern anerkannt wirb, einem guten Ende entgegengeht, nur eine Etappe zu bem großbeutschen Enbziel sein kann. —
Wir Deutschösterreicher mußten oft bebauern, baß man im Deutschen Reiche ber österreichischen Frage nicht jene Aufmerksamkeit zugewenbet hat, bie biese Frage nicht nur für uns, als bie unmittelbar Betroffenen, sondern für bas gesamte beut- sche Volk hat. Gerabe nach bem Verlust ber Kolo- nien unb ber überseeischen Beziehungen wirb unser Volk ja noch mehr als vor bem Kriege seinen Blick nach bcin Oft en unb Süboften lenken müssen. Dabei wirb Wien bas natürliche Emporium beut- scher Wirtschaftskraft unb Kulturentwicklung nach dieser Richtung werden müssen, unb es wirb zu verhindern sein, daß dieser Entwicklung hier in der alten deutschen Kaiserftadt ein Riegel vorgeschoben wird.
So rufen wir unseren Brüdern im Reiche zu ben Ostern 1925, bie uns bas erstemal nach bem verlorenen Kriege als ein Fest auch ber politischen unb kulturellen Aufwärtsentwicklung erscheinen können, unsere besten Wünsche bafür zu, daß sie unter bem neu zu wählenben Staatsoberhaupt ben Weg zum beulschen Wieberaufstieg finden mögen.
Die Lösung des Aufwertungsproblems.
Auch eine Osterbetrachtung.
Don Lairdgerichtsbireklor Dr. Wunderlich, MdR., Dorsitzender des Aufwertungsausschusses.
3n den letzten Tugen des März 1925 hat die Reichsregierung endlich nach ntonatelangen Erwägungen und Prüfungen die zwei Gescchentwürfe der Oeftentlichkeit betaimtgcgcbcn, durch die sie das Aufwertungsproblenr endgültig losen will. Sn dem neuen Entwurf will sie die Auf w e r - tunfl d er privat rechtlichen Derhält- nisse, die sie bisher schon einem Sondernuf- wertungsrechte unterstellt, im wesentlichen also der Hypotheken. Pfandbriefe, Obligationen, Spar- guthaben und Dersicherungsansprüche regeln, in em anderen behandelt sie die öffentlichen Anleihen des Reiches, der Länder und Gemeinden. Es ist kaum anzunehmen,
daß diese Entwürfe irgendeinen Menschen restlos befriedigen werden. Dem einen geben sie noch zu weit, dem andern erscheinen sie nicht weitgehend genug. Immerhin werden wohl die Kreise, bic sich in ihren § Öffnungen und Wünschen auf höhere Aufwertung getäuscht sehen, bei wettern größer sein als die. die sich zu stark belastet suhlen. Sn der Sat schlicht sich namentlich das Aufwec-rungs- gesetz, das die privatrechtlichen Ansprüche be- trifft, eng, allzu eng an die 3. Eteuernotverord- nung an. die nunmehr feit nahezu 14 Monaten eine so schwere Beunruhigung in die Kreise der Hhpr thekengläubiger, der Sparer und Rentner getragen hat.
Der Zweck dieser Zeilen soll jedoch nicht sein, Kritik an diesen beiden Entwürfen zu üben. Dazu wird erst der rechte Augenblick sein, wenn die Entwürfe wirk^ch beim Reichstage eingegangen sind. Zur Zeit liegen sie dem Reichsrate zur Deschluhsassung vor, ihr Wortlaut steht also noch keineswegs endgültig fest und man wird gut tun. mit seiner Stellungnahme zu warten. bis sie der Reichsrat verabschiedet hat und das Kabinett danach endgültig schlüssig geworden ist. in welcher Gestalt es sie bem Reichstage vorlegen will. Rach den letzten Erklärungen ber Regierungsvertreter und Aufwertungsausschüsse ist damit zu lrechnen. daß sic um den 20. April 1925 herum beim Reichstag eingehen werden. Uns liegt nunmehr daran, von diesem Ausschüsse aus die großen Gefahren hervorzuheben, die die Hinausschiebung der Lösung des Aufwertungsproblems für unser Dolk mit sich gebracht hat. IJnfer Dolk ist jetzt tatsächlich in zwei grobe Heerlager gespalten. Auf der einen Seite stehen die Millionen der durch den Währungsverfall verarmten Gläubiger. Sparer und Rentner, auf der anderen die Schuldnerkreise, im wesentlichen Grundbesitz und Wirtschaft. die sich gegen die Aufwertung überhaupt oder wenigstens in einem größeren Umfange als die dritte Eteuemotverordnung vorsah, sperren.
Dazu kommt, daß die Aufwertungsfrage in den letzten Wahlkämpfen Don den Parteien in ihr Wahlprogramm aufgenommen worden und damit zu einem Gegenstand des Partei- k a m p f e s geworden ist. Wenn man nun bedenkt, daß im letzten Jahr das deutsche Dolk zweimal zum Reichstag gewählt und in wenigen Wochen zum zweitenmal wegen des Reichspräsidenten zur Wahlurne schreiten muß, so kann man sich vorstellen, wie tief diese an sich schon bestehenden Gegensätze aufgewühlt worden sind. Die Unmenge von Driesen, Denkschriften und Eingaben, die tagtäglich bei Reichstagsabgeordneten, insbesondere den Mitgliedern des Aufwertungsausschusses Einlaufen, gibt ein trauriges Bild innerer Zerrissenheit und Derhehung. lind mir will scheinen, als wenn beide Teile über das Ziel hinausschießen.
Die verarmten Sparer und Rentner, mit Recht verärgert unb verbittert, können in ihrer Erregung größtenteils die Schwierigkeiten des Problems, die schon für einen nüchtern und kühl abwägenden Mann außerordentlich groß sind, nicht mehr übersehen und erliegen häufig den Schlagworten. Da werden Forderungen erhoben unb nachgesprochen, über deren Tragweite sich der einzelne gar keine Dorstellung machen kann und will. Die Organisation gibt das Wort aus unb Millionen sprechen es nach. Hierzu gehört der Ruf: Fort mir der Dritten ©teuer- Notverordnung! Gewiß enthält sie eine Fülle von Härten, Lücken, Unbilligkeiten, aber die Folgen, die eintreten würden, wenn sie ersahlos aufgehoben würde — wie es der Reichstag kürzlich in unbegreiflicher ilebereilung für den 30. Juni 1925 beschlossen hat —, machen sich die wenigsten Har. Alle Inhaber eines Sparguthabens würden außerordentlich bestürzt sein, wenn sie — außerhalb der Vorschriften der Dritten Steuernotverordnung — einen Zivil- Prozeß gegen die Sparkasse für jeden Einzel
fall anfttengen müßten. Gewiß sind die Vorschriften der Dritten Steuernotverordnung gerade über die Regelung ber Ansprüche gegen össent- liebe Sparkassen lückenhaft und ansechkbar. Wie aber ber einzelne Sparkassenbuchgläubiger feinen Anspruch auf Auswertung im Zivilprozeß begründen unb bcmcifcn follte, wenn all« einhc ■ lichen Vorschriften über bie Hypothelenaulwer- tung und die Vildung einer Teilungsmasse beseitigt wären, kann ich mir beim besten Witten nicht vorstellen.
Die Mehrzahl der Sparer toill irgendwelche wirtschaftliche Erwägungen und Vorstellungen einfach beiseite lassen: für sie ist die Aufwertungsfrage eine reine Rechtsfrage die unabhängig von allen Wirtschastsproblemen gelöst werden könne. Unb boch müßten schon die einfachsten Erwägungen die großen Zufam- menhängc vor Augen führen. Wenn der Grundstückseigentümer feine Hypothelenzinsen in alter Hohe wieder abführen foll, muß er die Verfügung über fein Grundstück zurückerhalten, muß also die Wohnungszwangsw irtschast aufgehoben werden. Das aber führt einerseits dazu, daß die Hauszins st euer beseitigt werden muß, womit aber bie großen Fragen unserer ©tcuergdetigvbung unb bce Finanzausgleichs zwischen Reich, Ländern unb Gemeinden angeschnitten werden, anderseits dazu, daß die Gehälter unb Löhne erhobt werben müßten, was die Produltwnskosten unserer Wirtschaft steigert, unteren Erport gefährden und damit bie Durchführung ber ganzen Dawesgesehe in Frage stellen kann. Alle diese Probleme hängen unmittelbar zusammen: eins kann nicht ohne Einfluß auf das andere gefaßt werden. Die Aufwertungsfanatiker gehen sogar so weit, daß sie alte politischen Fragen lediglich unter dem Gesichtswinkel der Auswertung betrachten. Sie bilden Parteten, die zu den Reichstagswahlen mit eigenen Listen auftreten Diele find sich einig in der Frage bei Auf
Wertung, an alle übrigen Fragen ber Innen- und Außenpolitik denken sie überhaupt nicht. Das Bild größter polttischcr Unreife aber bot sich bei der letzten Reichspräsidentenwahl, als der Sparerbund Stimmenthaltung empfahl. Mit der Frage, in wessen Hand künftig auf sieben Jahre die Führung unseres Staates gelegt werden sollte, wurde bas Auf wertungs Problem verkoppelt. die zwar eine wichtige politische Sette bat, bei der Wahl aber sicher nicht entschieden werben kann, da es unmöglich ist, die Kandidaten auf Einzelsragen, auch wenn sie noch so wichtig wären festzulegen.
Dieselben Uebertrcibungcn und Verstiegenheiten aber auch auf der Gegenseite. Ich habe es lebhaft bedauert, baß im Januar 1925 die verschiedenen wirtschaftlichen Verbände lL^nb- wirtschaft, Industrie, Handel, Danken) sich einstimmig gegen jedwede Erhöhung der Auswertungssätze ausgesprochen haben unb daß noch neuerdings die Handelskannner Leipzig starr an diesem Standpunkt festgehalten bat; nur ein einziges Mitglirib dieser Kammer hat den Mut ge habt, in der Aussprache hervorzuheben daß weite Schichten der Bevölkerung diesen Beschluß nicht verstehen würden. Dieses glatte Ablehnen jeden
Verkauf durch unfere fahrt ad - 3far cfler
FAHRRÄDER aiyeiitätsmorke von WeltnX Elegante neue Modelle
Feuer am Nordpol.
Technisch-politischer Roman aus der Gegenwart.
Bon Karl-August von ßaffert
14. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Schließlich müssen Sie sich verpflichten, mir das genaue Resultat Ihrer Forschungen mitzuteilen, damit ich in der Lage bin, zu beurteilen, ob sich tatsächlich ein gewinnbringendes Unternehmen daraufhin aufbauen läßt. Sollte letzteres der Fall fein, was ich nichts glaube, so würden dann erst die eigcnttichc» Schwierigkeiten des ungeheuerlichen Geldbedarfs beginnen. Das ist freilich noch Zukunftsmusik, aber ich möchte auf alle Fälle die spätero Rechtslage klären.
Die denken Sic sich die Sache, Herr Nagel, falls ich etwa die Hälfte des Betriebskapitals aufbrächte und Sie die andere Hälfte?"
,Lch zweifle nicht, daß sich selbst in unserem verarmten Deutschland Geldgeber fänden, die ihre Kapitalien in einem derartig aussichtsreichen Unternehmen anlegen werden. In dem von Ihnen an- nommenen Falle würden doch wohl Sie dieselben Rechte haben, wie meine etwaigen Hnterrnänner oder Aktionäre."
„Das wäre nicht gerecht", warf Linda ein. „Herr Nagel ist der Vater des Gedankens, der aber ohne die Tätigkeit des Herrn Sanders unausführbar bliebe. Beide Herren müssen daher, gleichgA- tig, wieviel Geld sie später dem Unternehmen zu- bringen, einen ausschlaggebenden Einfluß erhalten."
„Selbstverständlich bekommen die Gründer, zu denen Sie ja auch gehören. Fürstin, einen anständigen Gründergewinn", rief Stratoff. „Das ist bei jedem Geschäft so üblich. Mich interessiert nur die etwaige politische Lage des neuen Unternehmens. Wir werden Neuland in Besitz nehmen, das niemand gehört. Mit anderen Worten, wir bilden einen neuen, unabhängigen Staat. Selbständigkeit ist schön, aber gefährlich. Täten wir nicht gut daran, uns einer Großmacht anzüglichem?"
„Sollen wir uns etwa Rußland anschließen?" fragte Linda.
„Das beste wäre cs, falls Sie nicht für Rumänien plädieren. Deutschland kommt wohl kaum in Frage, weil wir dann vor räuberischen lieber- griffen ber Franzosen nicht sicher wären."
„Selbständig müffen wir bleiben", erklärte Nagel. „Natürlich habe ich den Gedanken, einen Teil der Einnahmen des neuen Staates meinem verarmten Baterlanbc zuzuführen."
„Ihre etwas unpolitische Offenheit freut mich, junger Mann", sagte Stratoff. „Ich glaube, wir werden zusammen arbeiten können. Und da will ich ebenfalls offen sein und Ihnen mitteilen, daß der Staat Kirgisia auch zum großen Teile mit deutschem Kapital gegründet ist. Sollte Ihr Unternehmen Erfolg haben, so werde ich Sie persönlich mit meinem großen Kompagnon bekanntmachen. Also wir sind uns wohl einig, daß die Erträgnisse sowohl Deutschland wie Rußland zugute kommen sollen. Rumänien erhält natürlich auch seinen Teil", setzte er mit einer Verbeugung gegen die Fürstin hinzu.
„Ich glaube, im Prinzip können wir diesem Vorschläge zustimmen", meinte Sanders. „Jetzt müßte uns Herr Nagel nur noch auseinandersetzen, wann nach seiner Ansicht die Reise zum Nordpol beginnen kann. Lange Zeit haben wir nicht mehr, denn sobald der Herbst kommt, wird es in den nördlichen Breiten recht unangenehm."
„Ich kann sofort nach Deutschland fahren", sayte der Ingenieur. „Mit Hilfe meines Freundes wird die Ausrüstung und Verproviantierung des Flug- Zeuges in vierzehn Tagen vollendet fein. Geeignete Flugzeugführer und etwa zwei weitere Hilfskräfte stellt mir die Fabrik in Gotha. Sie verfügt über unternehmungslustige und tüchtige Leute. In spätestens drei Wochen hoffe ich bann in Kalmikowskaja einzutreffen."
„Wie groß wird Ihr Benzinbedarf in ben Depots fein?" fragte Stratoff.
„Für jebes genügen 10 000 Liter."
„Ich werde sofort nach Ehristiania unb Neuyork telegraphieren unb gebe Ihnen nach Gocha Nachricht, ob und wann bas Benün bereitgestellt ist. Wieviel Geld brauchen Sie für die Reise nach Deutschland?"
„Die Ausrüstung mit Proviant, Kleidung, Benzin, Ersatzteilen und vor allem die Beschaffung ber nötigen wissenschaftlichen unb aeronautischen Instrumente bürste 50 000 Dollar betragen", meinte Nagel.
„Sie bekommen einen Kreditbrief über 100 000 auf bie Deutsche Bank in Berlin. Ist sonst noch etwas nötig?"
„Wie erhalle ich bie Päße für mich unb meine drei Begleiter?"
„Die bekommen Sie auf ber Sowjetbotschaft in Berlin. Ebenfalls über die Botschaft bitte ich Nachricht, wann Sie in Gotha abfahren. Ein öffentliches Telegramm an mich wäre unratsam."
„Dann werde ich also noch morgen nach Deutschland abreifen", sagte Nagel. „Hoffentlich bereitet mir die Petroleumgesellschaft keine Schwierigkeiten."
„Dafür werde ich sorgen", sagte Linda. „Was raten Sie mir, an Kleidung mitzunehmen, unb wie- viel Gepäck darf ich mitbringen?"
„Das Flugzeug besitzt eine große Tragfähigkeit, fo daß Sie sich in Ähren persönlichen Bebürf- niffen nicht zu beschränken brauchen. Für bie Polarfahrt rate ich zu bequemen, wollenen Kliebern. Die übrigen Sdeibungsftütfe für eine etwaige Landung im Nordlande werbe ich für alle Teilnehmer besorgen. Sehr lieb wäre es mir, wenn Herr Sanders mich nach Deutschland begleiten könnte, um mich bei meinen Vorbereitungen zu unterstützen."
„Herr Sanders muß mich nach Kalmikowskaja bringen", sagte Linda.
„So ist es richtig", lachte Stratoff. „Die Frau Fürstin übernimmt bereits bas Kommando ber Expe- bition." Er roanbte sich an Nagel. „Zeigen Sie uns, daß Sie nicht nur Ingenieur und Held sind, sondern aud) ein tüchtiger Organisator. Eswarten Ihrer noch ganz andere 'Aufgaben."
„In spätestens drei Wochen treffe ich bei Ihnen ein", sagte Nagel kurz.
„Gut, junger Freund!" rief der Russe. Ich prophezeite heute morgen bereits, daß Sie Glück haben würden. Beweisen Sie, daß ich recht hatte."
Zweiter Teil.
1.
Sehr herzlich wurde bas Wieberjehen ber beiden Kriegskameraben. Als aber Martens vernahm, daß ber " lang gehegte Plan feines Freunbes ber Derwirlichung entgegenging, schien er doch bebent- lich.
„Mißtraust bu der Tüchtigkeit deiner Flugzeuge?" fragte Nagel.
„Die sind erprobt unb über allen Zweifel erhaben. Aber schließlich steckt in jeber Maschine ein Kobold, ber seine Tücken im ungünstigsten Augen
blick hervorkehren kann. Unb eine derartige Tücke vermag euch den sicheren Tod bringen."
„Hattest bu solche Bedenken, wenn cs galt, einen feindlichen Schützengraben zu nehmen?"
„Damals ging es um Deutschlands Ehre."
„Geht es fetzt um weniger? Ich will Deutschland wieder ehrlich machen unb beutscher Tüchtigkeit zu neuer Geltung verhelfen.'
„Dann fahre in Gottes Namen", sagte Martens. „Meine „Schwalbe" erhälst bu umsonst gestellt. Wie steht cs aber mit aer Bebienungsmann» schäft'"
„Verfügst bu über tüchtige unb anständig gesinnte Leute, die ihr Letztes vergeben würden?"
„Ich habe eine Anzahl prächtiger Jungen in meinem Betriebe: Ingenieure von Beruf, frühere Offiziere, aber auch famose Arbeiter. Willst bu mit ihnen reben?"
„Am liebsten sofort."
Martens gab einige Anweisungen ins Telephon, unb kurze Zeit barauf waren zehn junge Männer im Bureau ihres Chefs versammelt.
Nagel erlunbigte sich bei jedem einzelnen nach Tätigkeit, Gesundheit unb Familie. Zwei Verheiratete schieb er aus. Als biese bas Zimmer verlassen hatten, setzt« er ben übrigen in kurzen Worten seinen Plan auseinander.
Er erklärte, daß es sich herbei vorwiegend um wssenschaftliche Zwecke handle, die aber unter Umständen für Deutschland große Bedeutung erlangen könnten. Gebraucht würden zwei Flugzeugführer und zwei Hilfsingenieurc, bie funkentelegrophisch ausgebilbet seien. Als Gehalt stellte er 1000 Dollar pro Monat in Aussicht, bie nach glücklicher Heimkehr zur Auszahlung gelangen würben. Für einen etwaigen Tobesfall erhielten die Hinterbliebenen 10 000 Dollar. Herr Martens übernähme die Bürgschaft für die Erfüllung ber Bebingungen.
Alle acht Männer erklärten sich bereit, mitzu- fahren. Da keiner freiwillig zurücktrat, sollte bas Los entscheiben.
Der junge Ingenieur Liebharb bat Martens, ihm ein paar Worte zu gestatten.
„Fliegen Sie anstatt mit einer Maschine mit zweien unb nehmen Sie uns alle mit", sagte er zu Nagel.
(Fortsetzung folgt)
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