Nr. (58 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (Eenerai-Anzeigrr für Gderheffen) vonneistag, 9. )uii 1925
Der „Potsdamer Kronrat".
Tine psychologische Skizze.
Amentoniich« 54)u6foim.l eopgrigb« bp Fritz fltrn, Hor.n.
Äon Prof. Dr. Fritz Kern
Der vorgebliche Zweck des Besuchs, den der dtterreichi'ch-lingnrijche Botschafter am 5.Juli 1914 bei Kaiser Wilhelm mochte, war, den Hailer iür die friedliche diplomatische Aktion tu gewinnen, die in dem Handschreiben und der Denkswritt entwickelt waren. Die wirkliche. geheime Absicht des Besuches aber war es. den Kaiser au Aeußerungen zu veranlassen, die man Kaiser Franz Josef und dem Grasen Tisza gegenüber als deutchen Wunsch nach kriegerischer Bestrafung Serbiens ausgeben konnte.
3. Graf Szögenys Erfolg.
Zuoorab gelang es dein Botschafter, den Kaiser zu der Meinung zu bringen, die Untersuchung des Atlentots habe zweifelsfrei ergeben, daß hohe serbische Beamte, aktive Offiziere, ja vielleicht sogar Mitglieder des Königshauses von dem Mordplan vor dessen Ausführung Kenntnis gehabt hätten. Diese Vorstellung hat den Kaiser entscheidend beeinflußt. Denn bann konnte es ja gar nicht allzu schwierig sein, auch beim Zaren die monarchische Ader zum Schwellen zu bringen. England, das 1913 die diplomatischen Beziehungen mit den serbischen Fürstenmördern abgebrochen hatte, würde angesichts dieser Tatsache von Serbien abrücken, und dann mußte es möglich sein, von den Ententemächten Duldung dafür zu erlangen, daß Serbien zur Sühne gezwungen werde. Ganz unmöglich war es dann aber vor allem für den deutschen Kaiser, dem Bundesgenossen in den Arm zu fallen. Szö- gcnns Mitarbeiter rühmt an ihm die Geschicklichkeit, Ne impulsive Neigung des deutschen Kaisers, sich in die inneren österreichisch-ungarischen Angelegenheiten einzumischen, „bittend, beruhigend, auf» klärend abzuwehren. Wann war die Mahnung ernster als nach Scrasewo, gegenüber den Angelegenheiten der verbündeten Monarchie sich Zurückhaltung auszucrlegen?! Um so mehr, als ein Dauererfolg gegen die serbischen Wühlereien doch sehr zweifelhaft ist! Also muß man endlich die Oesterreicher sich ihre Erfahrungen selbst holen lassen!, so sollen sie diesmal wenigstens nicht sagen können, „wenn's schief geht, Deutschland, sei cs gewesen!" Wie unverhohlen hatten die zuverlässigsten Deutschfreunde in der Donaumonarchie seit 1912 geklagt, man fühle sich von Deutschland verlassen und halb verraten, immer unterschätze Deutschland aus seinen engen, sel'ast'ichen Gesichtspunkten heraus die Schwere der jerbisckgi. Gefahr und lähme die Abwehr. Berlin hat vielleicht ein wenig gutzumachen, jedenfalls aber darf es diesmal, wo Oestereich die Brandstifter auf frischer Tat absassen kann, den Bundesgenossen nicht verlassen, ... um ihn nicht zu verlieren.
Diese Empfindungen bewegten den Kaiser, als Szögeny den Ernst und zugleich die Gunst der Lage und die Vecantwortung Deutschlands für die weitere Existenz der Monarchie heroorhob. Der Kaiser versicherte daß er die Bedeutung der Stunde würdige und seinem ehrwürdigen Freund vollen Beistand leisten wolle. Szögeny wußte längst, wie sehr Wil- helu II dauernd um Verehrung und Vertrauen oder um Kontakt warb. Seines guten Willens und feiner Begabung bewußt, hatte der viel umschmei- che te, aber innerlich freundearme Mann, je älter er wurde, namentlich seit dem November 1908, wo ihm von rillen Seiten, mich wo er es nicht erwartete, eisige Küh'e entgegenschlug, sein elementares Bedürfnis, anerkannt zu werden, mehr und mehr da- durch beiriedigt, daß er anderen nachgab, wenigstens dort, wo nicht verletztes Selbstgefühl ihn hart machte. Szögeny wußte, wie unfeft bei allem Gottesgnadenstolz des Kaisers Wille in Wirklichkeit war, wie ungern er Nein sagte, wo er gefällig sein konnte und zu gefallen hoffte. So tastete der Botschafter sich zum Hauptpunkt seines mündlichen Auftrages vor.
Auf Grund jener Untersuchungsergebnisse, so er» läuterte Szögeny, werde Oesterreich-Ungarn ein Sühneverlangen an Serbien stellen; weigere sich Serbien, so bleibe nur die Möglichkeit des bewaffneten Einmarsches. Auch wenn Rußland das nicht dulden wolle, sei Wien nicht gewillt, nachzugeben.
Diese schwerwiegende Mitteilung durfte Szögeny höchstens als Privatmeinung aussprechen, denn Berchtold war von Kaiser und Regierungschef nicht ermächtigt, einen solchen Entschluß zu notifizieren. Dieser Entschluß bestand ja gar nicht; ihn mitzuteilen wäre Betrug gewesen. Wenn indes der Botschafter dies alles ausdrücklich nur als Privatmeinung von sich gab, dann erweckte er nur die Bedenken, die er
einschläfern wollte. Wenn er gar oeriet, daß der- artige Wünsche und Absichten bereits an Tiszas Widerspruch gescheitert, also das gerade Gegenteil eines positiven Entschlusses waren, dann war alles verloren. Aber Graf Szögeny wäre nicht Graf Szögeny gewesen, wenn er gezögert hätte, verfängliche Dinge ganz naiv zu erledigen. Aus den Berichten aller der Offiziere, mit denen der Kaiser unmittelbar nachher einzeln gesprochen hat, geht übereinstimmend hervor, daß der Kaiser, in dem Frühstücksgespräch die Ueberzeugung gewonnen hatte, er stehe vor festen und unwiderruflichen Entschlüssen des Bundesgenossen.
Des Kaisers eine Natur, die nicht frei von Aengst- lichkeit und voll Pflichtbewußtsein war, hatte vor Tisch gesprochen. Auch der persönliche Wink, mit dem Berchtold in dem Handschreiben seinem Monarchen dem Deutschen Kaiser die energische und ziel- bewußte Weise in Erinnerung rufen ließ, mit der „sein seliger Großvater in die Balkandinge eingegriffen habe", hatte zunächst keine besondere Wir- kung hervorgebracht. Die mündlichen Eröffnungen nach Tisch aber lockten auch die andere Natur des Kaisers heraus, die jeder Zoll ein Kaiser war, und um so mehr Kaiser, je stärker sie unter den zarten Nerven der anderen Natur litt.
Wilhelm II. mochte den harmlosen Ungarn gern. „Mit Szögeny habe ich immer gewußt, wie ich dran bin", mit diesem Wort lobte er noch nach dem 5. Juli den biederen Alten im Gespräch mit Josef Stürgk. Graf Berchtold und seine Leute befanden sich mitten in einer verzwickten Aufgabe. Ein Teil ihrer Berliner Arbeit war nicht vorweisbar und wäre von Tisza scharf abgeschüttelt worden, wenn er jemals davon erfahren hätte. Der Eventualkriegs- beschluß gegen Serbien mußte dem deutschen Kaiser als schon gefaßt erscheinen, um ihm das Abwinken, wie in den zwei letzten Jahren, unmöglich zu machen. Tisza freilich würde, das wußte Berchtold, sich zu diesem Entschluß allenfalls überhaupt nur dann durchringen, wenn er sich dazu geradezu von Deutschland gedrängt fühlen würde, wenn bas Deutsche Reich diesen Entschluß verlangte. Aber der deutsche Kaiser würde seinerseits wieder nur bann einwilligen, falls er vor einem festen Wiener Entschluß stand, der hinwiederum ohne Tisza nicht gefaßt werden konnte. Vor dem Hindernis eines solchen Doppelspiels wäre vielleicht sogar ein Stärkerer zurückgescheut. Der Herrenreiter Berchtold hat das Hindernis genommen, wir bemerken auf welche Weife.
In feinem lebhaften Geist sah der Kaiser bereits das Sühneoerlangen abgelehnt und die Oesterreicher in Belgrad einziehen. Des Kaisers zwei Naturen gerieten ins Handgemenge. Mit der Aktion könne nicht zugewartet werden, bestätigte die eine dem Botschafter, die Sühneforderung müsse dem Verbrechen auf dem Fuße folgen, letzt oder nie müsse man mit Serbien abrechnen. Die andere Natur wollte keine Verantwortung übernehmen, sich weder pro noch contra in die inneren Angelegenheiten Oesterreich-Ungarns mischen. Nur den einen Rat gibt der Kaiser: Wenn gehandelt werden soll, dann rasch! Wenn man in Wien wirklich die Notwendigkeit einer kriegerischen Aktion gegen Serbien erkannt habe, dann gebe es keinen besseren Augenblick als den jetzigen, in dem die ganze Kulturwelt mit Oesterreich fühle! Der Kaiser konnte natürlich nicht ahnen, daß seine Aeußerungen zu einem Bericht ad hominem Tisza verarbeitet wurden, wodurch überhaupt erst der Beschluß ermöglicht werden sollte, der ihm als fertiger vor Augen gestellt worden war! Und so ließ sich der Fürst denn nun gehen und war wieder einmal der tatfrohe und kraftvolle Beschützer, der scharfblickende Beherrscher der europäischen Situation, der, welcher der Königin von England, als es chr schlecht ging, den Feldzugs» plan geschenkt hatte, derselbe, der dem Zaren, als er in Kriegs- und Revolutionsnöten war, mit sicheren Ratschlägen beigesprungen war. Er, der mit lebhafter Phantasie und optimistischer Welt- und Men- schenbeurteilung unter Engländern sich vorübergehend ganz als Engländer fühlen konnte, unter Russen als Russe, beriet jetzt in Nibelungentreue das stammesbrüderliche Oesterreich. Nur nicht zuwarten! Deutschland steht in alter Treue zu euch, selbst wenn es zum Konflikt mit Rußland kommen sollte!
Aber es wird nicht zum Konflikt mit Rußland kommen, so beruhigte gleichzeitig die andere Natur. Natürlich werde sich Rußland feindselig am Balkan verhalten, dort wie bisher das Feuer schüren und die anderen Mächte der Entente gegen uns Hetzen.
Verkehrsordnung.
Berliner Brief von Georg Holland.
Seit Jahren bin ich einer der erfolgreichsten Hebertreter von Polizeiverordnungen. Unzählige Wale habe ich in den Wagen gespuckt (zur Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege) habe das Innere von Straßenbahnwagen mit glimmender Zigarre, Zigarette, ja sogar mit glimmendem „Dergleichen" betreten. Nun zog ich aus, die Verkehrsordnung zu übertreten:
Die Berkehrsordnung verbietet nämlich bei ISO Mark Geldstrafe das Ueberschreiten von Derkehrsstraßen 1. Ordnung an anderen Stellen als an den Straßenkreuzungen.
Ganz planmäßig ging ich vor. Zunächst galt es eine Derkehrsstrahe 1. Ordnung zu finden, das war nicht leicht. Alle Leute, die ich danach fragte, schüttelten die Köpfe, selbst die ältesten Leute, die sich doch so gut der heißesten und kältesten Tage entsinnen, meinten, daß die Schilder erst demnächst angebracht würden. Aber darauf konnte ich nicht warten. So wählte ich auf gut Glück die Luther straße „Dort ist", dachte ich, „die Scala, die Barietsbühne Berlins, dort wohnen die weltberühmtesten Friseure, dort rauschen Tag und Aacht die Autos, dort brausen Tag und Aacht die schönsten Frauen und Mädchen, .... dort wird schon eine Verkehrsstraße 1. Ordnung sein" ....
Also, ich faßte vor der Scala Posten, überzeugte mich, daß in unmittelbarer Aähe ein Schupo stand und .... lief quer über den Fahrdamm.
Was geschah? Rein gar nichts!
Ich lief zurück: wieder quer über den Fahrdamm, dem Schupo direkt vor die Füße. Aber er nahm keinerlei Aotiz von mir. Erst als ich
ihm auf die Füße trat und ihn einen nachlässigen Beamten nannte, fiel ich ihm auf.
„Wissen Sie denn nicht," herrschte ich ihn an, „daß es verboten ist, quer über den Fahrdamm zu schreiten?" „Ich verbitte mir ihre Belehrungen", antwortete er mir grob. „Sie können meinetwegen 25 mal auch auf dem Hosenboden über die Lutherstrahe hin- und herrutschen, das geht mich gar nichts an.“
Als ich aber immer herausfordernder wurde und eigensinnig auf meiner Bestrafung bestand, erklärte er mir rund heraus, daß dies nicht möglich sei, denn die Lutherstraße sei keine Ver- strahe 1. Ordnung. Im übrigen solle ich ihn ungeschoren lassen und mich auf die Tauenhien- straße verfügen.
Ich dankte ihm höflich und verlegte eiligst das Feld meiner Tätigkeit in die Tauenhien- strahe, zwischen Aümberger und Passauer Straße.
Dort lief ich verschiedentlich quer über die Straße, wenn ich nicht irre, etwa zwei Stunden lang, bis es mir endlich gelang, die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen. Man hielt mich fest, ermahnte mich milde und liebreich und wies mich auf die Gefahren der Straße hin. . . Allein, ich wollte doch übertreten, und lief nun erst recht quer über die Straße.
Jetzt stellte man meinen Aamen fest.
„Sie werden eine Mark Strafe zahlen!"
„Wie bitte? Eine Mark nur?“ sagte ich enttäuscht. Und lief schnell noch einmal hin und her. Man stellt von neuem meinen Aamen fest: „Diesmal werden Sie 25.00 Mk. Strafe zahlen."
„Wie bitte? Ich dachte 150 Mk.“
„Wenn Sie noch einmal herübergehen, 150 Mk." Was blieb mir anders übrig, als noch einmal herüber zu gehen? Man stellte zum dritten Male meinen Aamen fest. „Aun kostet es 150 Mk., und wenn Eie noch immer nicht
Aber Rußland sei ja gar nicht kriegsbereit, der Zar werde sich wohl hüten, für die Fürstenmörder einzuspringen. Auch Frankreich werde nicht an die Waffen zu appellieren wagen.
Aus diesem Anlaß des Attentats und feiner Sühne wird der Weltkrieg weniger leicht entstehen, als aus irgendeinem sonstigen Reibungspuntt; so solle sich der Kaiser Franz Josef nicht abhalten lassen, am Balkan Ordnung zu stiften.
Nachdem so die eine Natur des Kaisers in der Gewißheit, daß es gar so schlimm nicht kommen werde, sich erhoben und es der anderen Natur leichter gemacht hatte, den langentbehrten blanken mächtigen Schild über den hilfesuchenden, tödlich beleidigten Bundesgenosien zu halten, vereinigten sich beide Naturen in der nochmaligen Erklärung an
szögeny, der Kaiser mässe natürlich vor einer eigentlichen Antwort noch den verantwortlichen Kanzler hören, jedoch zweifle er nicht, daß v. Bethmann- Hollweg feiner eigenen Meinung beitreten werde. Zum Schluß der Audienz bewies der Kaiser noch einmal, wie wenig er an einen bevorstehenden Krieg dachte, durch den Auftrag, Szögeny inöchte anfragen, welchen Erzherzog nunmehr der deutsche Kaiser an Stelle Franz Ferdinands im September 1911 zu den deutschen Kaisermanövern einlaben solle, denen der König von Italien anwohnen werde. Mit diesem Auftrag, auf den Wien nicht mehr für nötig gehalten hat einzugehen, entließ der Kaiser seinen lieben alten „Zigeuner" (der seinen Part so gut gespielt hatte), und erwartete das Erscheinen Bethmann-Hollwegs.
Der Prozeß gegen Angerstein.
Fortsetzung der Zeugenvernehmung.
(Eigner Bericht des „Gießener Anzeigers". — Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Quellenangabe gestattet.)
• Limburg, 8. Juli 1,925.
3. Tag.
Zu Beginn der heutigen Sitzung wird die Beweisaufnahme fortgesetzt. Als erster Zeuge wird der Bater des ermordeten Alex Geiß, Landwirt Theodor Geiß aus Haiger vorgerufen. Der Zeuge bekundet, daß sein ermordeter Sohn stets um 6 Uhr morgens daheim Kaffee trank und dazu sein Frühstück ah. An jenem verhängnisvollen Tag ging er um 7 Uhr zur Arbeitsstelle. Der Weg bis dahin ist etwa in 10 Minuten zu geben. Wenn schönes Wetter war, nahm der Junge sein Frühstück an der Arbeitsstelle im Freien ein, bei schlechtem Wetter wurde an der Seilbahn gegessen. In dem Rock, den der Zeuge zurückerhalten hat, war nichts enthalten, so daß angenommen werden muh, daß der Junge das Frühstück vor der Tat verzehrt hat.
Der 2. Zeuge ist der Bater des getöteten Kiel, Oberweichenwärter Albert Kiel aus Haiger. Dieser bekundet, dah sein Sohn regelmäßig um 8 ilf>r vormittags zum Dienst erschienen ist und die Bureaufensterläden zu öffnen hatte. Als seine Leiche gefunden wurde, war sie noch mit dem Mantel bedeckt. Das Frühstück stak in der Manteltasche. Der Zeuge schildert seinen Sohn als einen braven Jungen. Er nimmt — entgegen der Behauptung des Angeklagten, er habe Kiel nach Brötchen in die Stadt geschickt — an, dah sein Sohn die Billa nach dem Betreten an jenem Morgen überhaupt nicht mehr verlassen hat, sondern sofort niedergeschlagen worden ist, da alle angestellten Ermittelungen des Zeugen, wo eventuell der Junge die Brötchen gekauft hat oder wo er sonst nach 8 ilfrr gesehen worden ist, negativ waren. Der Zeuge bekundet weiter, sein Sohn habe in den letzten Monaten vor seinem Tode wiederholt daheim erzählt, er wundere sich, was Angerstein für große Geldausgaben mache, Angerstein spiele sich als den frommen Mann auf, er, der Ermordete, habe ihn aber richtig durchschaut. Angerstein lüge und glaube an feinen Gott. Vorher hatte der Sohn des Zeugen sich stets lobend über Angerstein aus- gedrückt und geäußert, Angerstein habe einen Hellen Kopf, er wünsche, er (der Ermordete) wäre auch so hell wie Angerstein. Als der Ermordete von Hause fortging, hatte er 2 Silbermark im Geldbeutel. Aach der Ermordung wurden im Mantel außer diesen 2 Mk. noch 1,98 Mk. vorgefunden. Wie das zusammenhänge, kann sich Zeuge nicht erflären.
Die Bekundungen des Zeugen werden auch von seiner Ehefrau betätigt. Die Eheleute Kiel sind der Ansicht, dah die Urma v. d. Zhpen den Angeklagten nicht genügend kontrolliert habe. Wäre dies in ausreichendem Maße geschehen, dann wäre vielleicht das ilnglücf verhütet worden. Die Zeugen wollen daher die Firma für das Unglück, das über fie hereingebrochen ist, verantwortlich machen.
Der nächste Zeuge ist der Tagelöhner Bernhard Schantz aus Donsbach. Dieser Zeuge kam am Montagmorgen zur Billa des Angeklagten. Da ihm auf wiederholtes Klingeln an der Vordertüre nicht geöffnet wurde, ging er um das Haus herum und rief den Aamen des Angellag- ten vier- oder fünfmal Der Zeuge sollte Asche aus dem Ofen abholen. Angerstein erschien dann auch auf das Rufen, schickte jedoch den Zeugen wieder weg und bestellte ihn auf einen anderen Tag mit dem Bemerken, dah an der Dampfheizung Wäsche liege. Das war zwischen 8 und 9 Uhr vormittags. Der Zeuge erklärt, im Garten keinen Menschen gesehen zu haben, auch der
Hund, der sonst stets da war, war an jenem Morgen nicht da. Der Angeklagte uxir nach Ansicht des Zeugen etwas niedergeschlagen, er hatte einen Blick, als wenn er die Aacht nicht geschlafen hätte; also mehr müde als aufgeregt. Den Angeklagten schildert der Zeuge als einen stets freundlichen. gefälligen Mann, der allgemein beliebt war. An jenem Morgen konnte Angerstein dem Zeugen nicht frei ins Auge blicken.
Etwas dramatisch gestaltet sich die Vernehmung des Gärtners Otto Darr, dem Vater des Ermordeten Rudolf Darr. Furchtbar aufgeregt tritt dieser Zeuge vor den Richtertisch und blickt eine Zeitlang dem Angellagten starr ins Gesicht. Er bekundet dann, daß sein Sohn Rudolf sonst regelmäßig um 7 Uhr morgen- mit den Arbeiten bei Angerstein begonnen habe, gerade am Mordtage sei er etwas später zur Arbeitsstelle gegangen. Sein Sohn Rudolf habe noch, bevor er von Hause fortging, feiner Mutter erzählt, er habe einen furchtbaren Traum in der Aacht gehabt und nichts als Blut gesehen, aber er glaube nicht an solche Träume. Der Zeuge ist mit feinen Söhnen zusammen vom Bahnhof Haiger zur Arbeitsstelle gegangen. An der Bahnbrücke hätten fie sich von Rudolf getrennt, der seine Arbeitsstelle bei Angerstein aufsuchte. Rudolf habe ihn noch gebeten, doch einmal zu Angerstein zu kommen, da dieser schon wiederholt den Wunsch geäußert hatte, den Zeugen zu sprechen. Auch sein zweiter Sohn, mit dem er zusammenarbeitete, habe an jenem Vormittag wiederholt auf ihn eingewirkt, doch zu Angerstein hinüberzugehen. Der Zeuge erklärte, es wäre ihm fo zu Mute gewesen, als ob er an jenem Morgen nicht zu dein Angellagten gehen durfte. Zeuge hat auch noch von feiner Arbeitsstelle aus beobachten tonnen, wie Rudolf im Garten von Angerstein allem gearbeitet hat, Geiß war nicht anwesend. Auch , seien ihm noch einige Männer an jenem Vormittag begegnet, die ihm erzählten, sie hätten einen Tannenbau- verein gegründet und hätten Angerstein zum Vorsitzenden gewählt. Zeuge habe den Leuten erwidert, „da habet ihr einen intelligenten, guten Menschen gewählt, der euren Verein schon vorwärts bringen wird." Am Freitag vor dem Morde, bekundet der Zeuge weiter, hat Rudolf zu der Ehefrau des Zeugen geäußert, Angersteuis hätten doch so viel und konnten sich soviel leisten und doch sei etwas nicht richtig, denn Frau Angerstein habe zu ihm gesagt: „Rudi, lieber Rudi, es ist gut, daß du da bist, es ist mir zu Mute, als ob in diesem Hause erwas Schreckliches passieren muh, und diese Einbrecher!“ Dem Zeugen tarn es immer so vor, als ob der Angeklagte ein zweites Gesicht hatte.
Es wird hieraus die in tiefer Trauerklei- dung erscheinende Ehefrau des ermordeten Dureaugehilfen D i 11 h a r d t vernommen, die unter heftigem Schluchzen erklärt, ihr Mann habe täglich feine Reise von Aiederscheld um 7.45 Uhr vormitttags angetreten, und sei um 1/4 vor 9 Uhr im Bureau erschienen. Etwa 8 Tage vor der Tat habe ihr Ehemann ihr erzählt, er habe von dem Prokuristen Aix erfahren, Angerstein habe das Vertrauen der Firma verloren. Ihr Mann selbst habe sich ihr gegenüber über Angerstein nie beschwert.
Die Zeugin Senta Kiel, eine Freundin der ermordeten Ella Barth, bekundet, Ella habe, von einem Ausflug zurückgekehrt, die Aacht vom Sonntag zum Montag in ihrer Familie verbracht. Aach Angaben der Zeugin ist Ella am Montag, morgens 9 Uhr, in das Haus von Angerstein zurückgekehrt. Ella habe von den Eheleuten Angerstein stets gut gesprochen und geäußert, ihr Schwager — der Angeklagte — ersetze ihr ihren Vater.
Horen können, werden Sie verhaftet." — „Gut, gut,“ antwortete ich, „für heute bin ich zufrieden und mit liebertreten fertig ...“ Und machte mich aus dem Staube. An der Ecke der Aürn- berger wollte ich ordnungsgemäß hinüberwechseln. Gerade hatte der Berkehrsposten die Aürn- berger Straße abgeriegelt. Bedächtig und in dem angenehmen Gefühl, meine wohlerworbenen Polizeistrafen sicher im Topfe zu haben, trat ich vom Bürgersteig. — Da — — bog ein Auto aus der nicht abgeriegelten Tauenhienstrahe in flottem Tempo in die abgeriegelte Nürnberger Straße ein.
Das Auto überfuhr mich---Ich habe
nämlich keine Augen im Hinterkopfe. — Ich horte ordentlich, wie meine armen Knochen knirschten. Im nächsten Augenblick war ich tot.---
Wird nun meine Seele die sauer verdienten Polizeistrafen bezahlen oder nicht? Oder wird sie richterliche Entscheidung beantragen? Oder wird man kurzerhand meine irdischen Ueberreste im Zwangsverfahren versteigern? — — —
r
(Erlebnis unter Büchern.
Von Hans Gäsgen.
Im Ausleiheraum einer großstädtischen Bibliothek.
Wände voll Bücher, Tische voll Bücher, Bücher, wohin man schaut. Und Menschen, die aussehen, als seien sie aus den dicken Folianten herabgestiegen, die grau, staubig und gelehrt auf den Brettern stehen.
Leute, die Bücher entleihen wollen, sind noch nicht da; nur der Professor und sein Gehilfe machen sich an den Büchern au schaffen.
Da geht die Tür auf, und die junge Bibliothekarin springt herein.
Was hält sie in der Hand?
Eine Rose, eine wahrhaftige Rose.
Ein Rascheln und Raunen geht durch die Schmöker an den Wänden, wie wenn der Wind in welkem Laube wühlt.
Der Professor aber rückt feine Dritte zurecht und blickt streng und ehem auf die Blüte in der Hand des Mädchens.
Es sieht aus, als wolle er ein hartes Wort sagen zu dem heiteren Wesen, das so gar nicht passen will in das graue Schweigen dieser Räume.
Aber der Mund ist ihm verschlossen. Kein Wort weiß der alte Herr zu finden, der sonst! nörgelt und kritisiert von früh bis spät.
Und nun tritt das Mädchen gar auf den Professor zu, reicht ihm die Rose und sagt glicht: „Die gehört Ihnen, Herr Professor, weil Sie doch freute Geburtstag fraben.“
Der Stein, der seit Jahren und Jahrzehnten auf des Alten (Seele lastete und ihren Frohsinn erdrückte, fällt da mit einem Male hinab ins Wesenlose; ein richtiger Ruck geht durch die hagere Gestalt.
Und nun geschah ein Wunder. Der Mann, der seit unzähligen Jahren nicht mehr froh gewesen, lächelte.
Und der uralte, verknitterte Gehilfe lächelte, und die Folianten lächelten und raschelten froh und hell mit den Titelblättern, auf denen altertümlich gedruckt stand: Anno domini 1630 oder Anno domini 1710.
Der Sommer war in die grauen Räume gekommen, der strahlende Sommer mit Lerchenjubel, Waldesgrün und kühlen Tälern. Eine Rose und ein junges Mädchen hatten ein Wunder getan. Und da sagen die dummen Menschen, es gäbe kein Wunder mehr!?


