Ausgabe 
9.4.1925
 
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Ur. 84 Drittes Blatt Glrtzener Anzeiger iGeueral-Anzrfgrr s!lr Gbcchesseil) Vonnerslag, 9. Lprü 1925

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auch nicht entjchuldigl hatte, wurde ihre Privat-

klage für yirüdgenoinmcn erklärt.

hat zur

er beantwortete leine bewahrte ein voll-

Verteidigung bean-

Welchc Fragen der Richter an den Angeklagten stellte, mehr, sagte nichts mehr, kommenes Schweigen.

zu äußern, führte er gewiß unter vollständiger JJerfennung der Oertlichkeit, wo ei- sich befand, mit einer ruhigen, etwas leisen, gleichfalls sehr angenehmen Stimme, wie halb unbewußt, Fol­gendes aus, oder sprach sich, wie ich's aus­drücken möchte, ohne jede Rücksicht und doch ohne jede weitere Absicht, gleich! am als spräche er das, was er sagte, bloß so zu sich selbst, vor aller Welt hin. .

Es gibt sehr viele und unterschiedliche Be­weggründe. auch Ursachen zu Verbrechen, u.ro sie werden vom Gesetz dementsprechend beurteilt und abgeurteilt. Aus notwendigen und auch deshalb gerechtfertigten Gründen, daß sie als solche so gut wie cüles andere vorhanden sind, niemals nicht vorhanden gewesen sind und stets vorhanden sein werden. Aber dadurch ist das Derbrecheii selbst doch niemals aus der Welt geschafft worden: auch das Verbrechen hat von Uranfang bestanden unb wird in alle Zukunft weiterbestehen. Das Verbrechen ist etwas, das außer unD über der Macht des Gesetzes steht. Wir können nicht wissen, was das Derbrecheii ist. Es ist: die Erklärungen reichen nicht aus."

Die Beisitzer hoben den Kopf und wandten dem Angeklagten eine besondere Aufmerksamkeit zu. In unserer 2kähe lieh jemand von den Zu­hörern ein kurzes, ironisches Lachen vernehmen und sagte halblaut:Aha, Schlaumeier!"

Der Richter aber unterbrach den Angeklagten mit der Frage: ..Wenn ich recht verstehe, wollen Sie sagen, daß Sie sich darüber Gedanken ge- >nacht. daß sich das in Ihnen versetzt und Sie zu Sem, was Sie getan, getrieben hat, sozusagen mit so einer Art von Besessenheit?"

Der Angeklagte, der, während er gesprochen, vor sich niedergesehen hatte, hob das Gesicht und sah den Richter an. Er nahm sich aus, als ob er sich unterbrochen fühlte, aus dem Zufam-- meiihang gekommen sei. Dann aber senkte er das Gesicht wieder, schwieg einige Sekunden und fuhr in derselben Weise, wie er bisher gesprochen hatte, also immer in derselben leisen, stillen Weise fort:

Bei dem angestrengtesten, wirklich ernst­haftesten Streben, sich sittlich zu vervollkommnen und den religiösen Anforderungen zu entsprechen, gelangt man zu einem Punkt, wo, wenn man sich einen äußersten Zustand von sittlicher Voll­kommenheiten vorstellt, davor erschreckt, weil er von allen Verbrechen vollkommen losgelöst er» scheint, daß es doch ewig gibt und niemals nicht geben kann. Das Streben nach sittlicher Voll­kommenheit kann also als ein bloßes Fsiehen vor dem Verbrechen erscheinen, das doch als solches ewig unvermeidlich. Ein Fliehen, weil man alles

AMM öer Stadt Men 1925

Vom alphqdetischen Einwohner- und Firmenverzeichnis liegen die Buchstaben

I bis einschließlich M vom Mittwoch, dem 8. April, an drei Tage lang zu jedermanns Einsichtnahme osten.

Wir bitten dringend um Nachprüfung auf Nichttgkeit und Vollständigkeit der Einträge und um Einzeichnung etwa er- forderlicherAenderungenund Ergänzungen GeMWelle öes MeWAerlWs

Schulstrahe 7

sittlich schön haben will, ober weil man sich vor den schlimmen Folgen des Verbrechens, der Reue, den Gewissensbissen, dem Herausgerissensem aus seinem gewohnten bürgerlichen Leben mit den Bequemlichkeiten, die es bietet, oder vor der Strafe, die das Gesetz verhängt, fürchtet. Aber das wäre Feigheit und darum gerade wieder unsittlich. Da ja das Verbrechen aber mit allem anderen Weltzustand zusammenhangt, in ihm ein» beschlossen ist, wie aus ihm ausgeschaltet werden kann, wird der Gedanke unvermeidlich, daß ge­rade der Zustand höchster sittlicher Vollkommen­heit irgendwo wieder in das Verbrechen um­schlägt. ilebrigenä weiß man nicht, ob ein sittlich reiner Lebenswandel und das Streben nach immer höherer sittlicher Vollkommenheit nicht bloß eine ererbte, mechanische Funktion ist, bei welcher gar kein eigentlicher persönlicher Ver­dienst ist. Außerdem kann man ja gar nicht beurteilen, was der höchste Zustand von Voll­kommenheit ist: und um den höchsten handelt es sich, den höchsten, allein er ist maßgebend. Viel­leicht bestimmt sie sich gar nicht so einseitig nach dem hin, was unter Sittlichkeit verstanden wird."

Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er

Ich habe stets einen sittlich einwandfreien, unbescholtenen Lebenswandel geführt, habe auch stets aus all meinem Vermögen nach sittlicher Vollkommenheit gestrebt. Aber dann kam der Dag. wo ich von einer ilnrufje, einer Angst befallen wurde: wo ich davor, wie ich so dahrn- lebte. und wie mein Leben verlief, erschrak Ich zweifelte, ob ich wirllich ein Lebendiger wäre, ob ich Gott hätte, ob ich mich nicht von ihm entfernt hätte: anstatt, wie ich glaubte, ihm immer näher zu kommen. Mir war, als ob rcy erst erwachsen, zu mir kommen, im wirklichen Sinne lebendig werden müßte: und als ob ich etwas, das meiner Ralur. so wie sie ist, gänzlich zuwider, ein solches Verbrechen begehen mußte, um auszuwachen, lebendig zu werden, zu Golt zu kommen. Aus diesem Grunde Hao ich das Geld genommen. .

Er schwieg. Im Saal herrschte eine tiefe Stille. Iene Stille, die verrät, daß man sich etwas gänzlich Unverständlichem gegenüber fühlt, und jene Stockung, aus der dann sofort em jeder wieder zu feinem Standpunkt der Sache gegenüber zurückkehrt: also zu dem in solchem 3aile gewohnten und gewöhnlichen, wie er durch die allgemeinen Anschauungen gegeben ist.

Sie sind," sagte der Richter endlich,mit dem ilmcrfdjlagenen ins Ausland, nach Frank­reich. Paris gegangen, und haben dort eine io ansehnliche Summe, hundertrausend Mark, in ganz kurzer Zeit mit liederlichen Weibern durch-

Amtsgericht Wetzlar.

£* Wetzlar, 6. Aprrl Der Eisenbahn' Ingenieur a D.. jetzt Hilfsarbeiter Georg B. aus Frankfur' a. M. war wegen Betrugs an- geklagt. Er hatte sich von dem Kaufmann s. in Wetzlar ein Darlehn von 15 Bll. unter Vorspiege­lung falscher Tatsachen erschwindelt, indem er vorgab, diesen Betrug kurz nachher wieder zurück zuzahlen, was er aber nicht tat Der Angeklagte, der vom Erscheinen in der heutigen Verhandlung entbunden war. bestritt bei seiner kommissarischen Vernehmung, die Absicht Deä Betrugs gehabt zu haben, sondern er will der Ansicht gewesen sein, ein Herr I.. für den er damals tätig gewesen sei, werde diesen Betrag bezahlen. Das Gericht erkannte wegen Betrugs auf 2 Wochen Ge­fängnis. -

Wegen Entziehung elektrischer Kraft waren angeklagt: Der Wagner Konrad R. von Ried er wetz und der Installateur Konrad W. von Wetzlar. Ersterer soll eine Lichtleitung auf seinem Anwesen haben anlegen lassen, die nicht durch den Zähler ging, während letzterer diese Leitung gelegt haben soll. Der An­geklagte R. behauptete, aus dieser Leitung fei kein Strom entnommen worden und W. bestritt, diese Lichtanlage gemacht zu haben. Das Gericht sah die Angeklagten als des- Vergehens über­führt und diktierte jedem 15 Mark Geld st r a^e zu.^ des Telephonisten Wilhelm

I. von Kassel stand heute ein raffinierter, schon mehrfach vorbestrafter Betrü­ger vor Gericht. Ihm wurden verschiedene Be trüge:eien zur Last gelegt. Erstens bat er den Kaufmann Karl S. von Leun um 20 Mk., dessen Vater den Metzger Karl S., ebenfalls um 20 Ml. und Den Anstreichermeister Wilhelm R. von Wetzlar um 15 Mk. geschädigt. Diesen schwin­delte er vor, er sei Besitzer eines Delikatessen geschäftes in Kassel und sei auf der Reise im Zuge bestohlen worden und daher momentan m Geldverlegenheit. Sofort werde er sich tele­graphisch Geld schicken lassen und dann die B:- träge zurückerstatten. Um die gleiche Zelt hat er in Weilburg einen Wirt um eine Zeche von 28 Mk. geprellt und den Wirt bei fernem Fort­gehen. als er nicht zahlen formte, in ähnlicher Weise beschwindelt, Am schliminsteir durch die Betrügereien des Angeklagten betroffen wurde jedoch der Phvtograpy H. von Weilburg, bzw. dessen Tochter Elise H.. die heute als Zeu­gen anwesend waren. Zu diesen kam der An geklagte, der ihnen schon von frühe, bekannt war, am 19. 2. 1925 in Weilburg in die Woh­nung und gab vor, er fei von feiner Frau ge­schieden in Wirklichkeit ist er noch verhei­ratet . und zum Beweis legte er ein Schrift­stück ähnlichen Inhalts vor. Er erflärte ebenfalls, daß er Besitzer eines Lebensmittelgeschäftes m Kassel fei. dieses aber nicht allein bewirtschaften könne und daher unbedingt eine Frau haben müsse. Er komme in der Absicht, die Tochter Elise H. später zu heiraten, diese Heirat müsse aber mit Rücksicht darauf, daß er unbedingt eine Stütze in seinem Geschäft brauche, schon recht bald stattfinden. Die Verlobung fand denn auch an einem der nächsten Tage statt. Der Angetlagte

Vermullich wird die _

tragen, daß er auf seinen Geisteszustand hin untersucht wird." wandte sich mein Freund in tiefer innerer Beteiligung an mich.Aber ob man ihn wieder in dieselbe Dank aufnehmen würde du verstehst: es wäre nichts aus geschlossener. als daß er das, was er getan oder sonst ein Verbrechen zum zweiten Male täte - es wäre ganz das Gleiche. Beachte seine vollkommene Ruhe. Er ist nicht mehr in Oet CEBelt; er ist in der anderen Dimension. Viel­leicht' siebt er toirCnh

Folge, daß die Privatklägerin auch die Kosten zu tragen hat.

Zwei Ehefrauen von A 11 c n - B ti s c ck haben sich gegenseitig wegen Beleidigung verklagt, auch soll eine von ihnen die andere mißhandelt haben. Sie vergleichen sich dahin, daß sie ihre 'Beleb bigungen zurücknehmen. daß diejenige, dic die an­dere Niißhandeft haben soll, an die andere zur Ab­findung aller ihrer Ansprüche 3U Mk. zahlte, und daß jede die auf ihrer Seite erwachfenen Moftcn und die entsprechenden Gerichtskoften übernahni.

Er schwieg.

Rach einer abermaligen sekundenlangen Stille erhob sich in der Zuhörerschaft ein unwilliges Gemurmel, ein paar halblaute Ausrufe, ein ent­rüstetes Lachen wurden laut, man sah fich an. aber auch noch werter

gebracht, sind danach ziellos, ohne jedwede Dar- mittel, mnhergeschweist, bis Sie aufgegriffen wurden."

In diesem Augenblick brach in der Zu­hörerschaft ein dicker Herr mit Glotzaugen und einem roten Gesicht in lautes Lachen aus. Die Aufmerksamkeit aller Zuhörer aber war auf den Angeklagten gerichtet: auch einige andere hatten ein Lächeln.

Der Angeklagte fah diesmal nicht auf, son­dern fuhr, immer in der gleichen Weife, ohne auf die Zwischenfrage des Richters zu achten, fort:

Was ich getan habe, ist ganz gegen mein Wesen, gegen meine Ratur gescheh rn Richts unbewußt, ober, sondern durchaus mit meinem bewußten Willen und Entschluß. Als ich mir das Geld aneignete, und als ich mich noch in derselben Rächt nach dem Bahnhof begab, um ins Ausland zu reifen, fühlte ich mich mit einem gewaltigen Ruck aus meinem Leben heraus in eine andere Welt geriffen. In eine innere An­schauung, einen Wirbel, den ich gewollt hatte. So ist auch die Art und Weise zu erllären, wie ich das Geld vertan. So auch, daß ich nachher

was galt Denn, was war Geld ! ohne jedes Bargeld ziellos im Ausland herumge- wandeit bin. Ich habe keine Reue gefühlt, auch keine Furcht vor «Strafe; oder insoweit doch, so war das ein Zustand, den ich nicht als einen dahin fich Bestimmenden empfand. Es war alles gleichgiltig. was ich getan, oder jetzt tat. von jetzt ab tat, ob ich Dieb und ausschweifend ge­wesen, oder jetzt Landstreicher war. Ich bin nun nicht mehr in der gewohnten Welt: ich bin in einer anderen Dimension. Ich habe Gott."

Die andere Dimension.

Von IohanneS Schlaf.

Ein Freund hattg mich eingelaben. mit ihm eine» Gerichtsverhandlung beizuwvhnen, der er aus persönlichen Gründen eine besondere Anteil­nahme entgegenbrachte. Cs Handelle sich um einen Bankangestellten, der mit einer bedeutenden Summe durchgegangen und nach Ablauf geraumer Zeit im Ausland ausgegiiffen worden war.

Der Fall," äußerte mein Freund,muß ja menschlich und psychologisch gerade dich inter­essieren. Ich kenne Den Mann, hab öfters mit ihm auf der Bank zu tun gehabt. Er ist bis­lang immer für einen absolut zuverlässigen Be­amten gehalten worden: außerdem für einen, wenn auch etwas eigenartigen, so doch außer­gewöhnlich sympathischen Menschen. Sein Le- venswandel war ein vollkommen unbescholtener, er war ein bescheidener, liebenswürdiger, von seinen Mitkollegen geachteter zuvorkommender Kollege Die Scnhe ist mir durchaus ein Rätsel. Ich brenne auf die Verhandlung."

Ich folgte der Einladung unb sollte etwas erleben, was wohl selbst vor Gericht nicht allzu oft vorkommt. ...

Vor den Schranken sah ich einen Mann. Der wie seine Personalien auswiesen, eben das 30. Lebensjahr überschritten hatte und unverheiratet war. Gleich auf den ersten Blick war es mir vollständig unbegreiflich, daß er em derartiges schweres Verbrechen halte begeben können. Er war so ganz und gar nicht Der Typ danach.

Seine Gestatt bot gerade nichts besonders Anziehendes. oder in einem gewissen Sinne in die Welt Passendes. Er war ein langer schmäch­tiger. lichtblonder, barllojer Mensch, der einen eher ungelenken steifen, vielleicht nüchternen, im übrigen stillen Eindruck machte. Angezogen aber fühlte ich mich auf der Stelle von feinem Gesicht. Er hielt es beständig etwas nach vorn gewandt in einer Haltung, als suche er angespannter Aufmerksamkeit einen Befehl zu vernehmen, der von irgendwoher an ihn gerichtet würde. Dies war der Ausdruck seiner lichtblauen, sehr sym- pathischen Augen unter einer hohen Intelligenz und rechnerisch mathematische Begabung verraten­den Stirn, über der Die sorgfättig, aber schlicht gescheitelten Haare eine schöne Welle bildeten. Seine bleichen Wangen zeigten eine angenehme Linie: auch das Kinn, eine ganz ungewöhnlich an­genehme. Die Rase war groß, gerade, hatte feine Rüstern. Der Mund, sehr schon und an ge­nehm, geschlossen, hatte einen bescheiden ernsten Zug.

Im Laufe Der Verhandtting auf gefordert, fl» über den Beweggrund seines Verbrechens

Uußenpollttfche Umschau.

Bon tkvf. Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.

DlcDs Mal gilt auch für die außenpolitische Umschau ausnahmsweise, daß die Innenpoli­tik vor der Außenpolitik stehen muß. Deutschland steht in dem zweiten und noch schär- treu Wahlkampf, der auf sieben Iahre über Per- ön und Politik seines Reich-Präsidenten enschei- )ct. Nicht nur, daß das selbstverständlich alle Auf- nerksamkeit und Kraft bei uns in Anspruch nimmt, vir meinen damit auch, daß sich das Ausland, will □gen die Weiterführung Der schwebenden außen­politischen Geschäfte sich danach ebenso zu richten Jabcn, wie wir, die deutsche '.Regierung und die deutsche Außenpolitik selbst.

Mit anderen Worten: In der Sicherheits- ijskussion, die ja das weitaus wichtigste Pro Mcm der Außenpolitik darf teilt, kann und darf jetzt n diesen Wochen, bis zur Erledigung der Prösi- lentenwahl, nichts geschehen. Es wird eine Note i»on der alliierten Seite erwartet, von der noch nicht jeftsleht, ob sie von ihnen allen gemeinsam ergebt (»Der ob sie nur von Frankreich kommt, unter Dil ligunn und Zustimmung der anderen. Es heißt, daß diese Note verlangen würde, Deutschland solle ieinc bekannten Anregungen in dem Memorandum erläutern und auf Sonderfragen Antworten geben. Unter diesen Sonderftagen meint man die Frage he» östlichen Grenze, des Eintritts in den Völker hunh. aes Anschlusses Oesterreichs, auch der Ören jen Belgeins und Italiens, die im deutschen IHt Ttnranbum nicht erwähnt find. Nebenbei: Deutsch and hat gar keine Grenze mit Italien. Wie kann ks sich in einem Pakt, der die Vertragsgrenzcn für Deutschland garantieren soll ober der durch Deutschland garantiert werden soll, um die ita­lienische Grenze handeln?

Irgendwie bindende und entscheidende Ant- tnorten auf diese Anfragen der anderen Seite kann die deutsche Negierung während des Wahlkampfes ii i d)t erteilen. Sie würde damit selbst eine schwere Ärifiö herausbejchworen. Man sieht auch nicht, wo­her irgendetwas kommen sollte, das eine sofortige Lntscheidung Deutschlands erforderte.

Man sieht das umso weniger, als auch Fran k- re i d) und die Regierung in ihrer Aktionfähigkeit lehr stark beeinträchtigt ist. Die Krise, die für dos Kabinett Herriot in der letzten Woche, am 2. April ifut wurde, mußte ja kommen. Zum ersten Mal [eit 1919, hat ein französisches Kabinett den Ver lud) begonnen, die wundeste Stelle der französischen siolitik, nämlich die Finanzen anzufassen und ia nieten zu wollen. Das Budget, dos jetzt um- kompft wird, das vom Senat umgestaltet ist und aus bem der Äonflirt hervorging, ist das erste seit 1919, das auf die Illusion, besser gesagt, den Betrug nerzichtet. Denn es war ein Betrug, dem fron lösische» Volke oorzuschwindeln, daß seine Einnah­men und Ausgaben im Gleichgewicht seien, unb daß die Lasten aus dem Kriege abgedeckt würden und abgedeckt feiyi durch em besonderes Konto, dos qesichrt wurde, wie es Der Finanzminister Klotz '.eichnetcle boche payera toutl" Der Dawes-Plan hat durch dieses Schwindelkonto einen dicken Strich gemacht. Man versucht auf der neuen Grundlage imb indem man den Dingen ins Auge sieht, das -Rubgct auf feste Füße zu stellen, und bamit brechen die Wunden auf, entsteht die Krisis.

Der Franken ist alles andere als fest. Die .Finanzen sind nicht in Ordnung, man rechnet das Defizit, das da ist, tünftlid) zum Fenster heraus and über alledem schwebt die Last der interalli­ierten Verschuldung an England unb Norbamerika, die auf den Franken schwer brückt. Man will eine Stabilisierung, nachdem der Franken auf etwa ein Viertel ober ein Fünftel bes Friebenswertes gesunken ist. Herriot will durch eine scharfe Bud­get- unb Steuerpolitik die Sanierung herbeifüh- reu. Das bedeutet Steuern unb kaum ein Bolk mif ber Erbe ist so scheu gegen birefieSteuern wie die Franzosen. Inbem man auf biesem Wege, ben wir beinahe als natürlich unb selbstverstänblich unb

zwangsläufig empfinden, die Entwicklung zur Knappheit an Zahlungsmitteln, zur Kapitalflucht unb Steuerhinterziehung, zur j)amfterung von Banknoten geführt hat, wein man im Augenblick nicht weiter, als daß man den Umlauf der No­ten erhöht. Das soll keme Inflation fein. Aber es ist unb bleibt eine! Denn man gibt Pa­piergeld mehr aus, ohne die zureichende Deckung, und man schafft zusätzliche Kaufkraft, ohne daß man die Produktion hebt. Den gleichen Lauf kennen wir. Den haben erst Oesterreich. Polen, Rußland durchgemacht, und haben wir 1923 bis zum letzten durchgemacht. Vor dieser Aussicht steht heute bas französische Volk. Daher bann sofort bic nervöse Erregung, bic Panik, bic begreiflicherweise das Rentnervolk befonbers ergreift unb hoher bic Krisis.

Ob sie Herriot besteht ober nicht, ob als Nach folger Briand ober Loucheur. Milleranb unb Poin- car6 »der Joseph Eailleaux bas Kabinett bilben, das bedeutet .zugleich aud) einen Schritt weiter auf dem Wege, auf dem bic Entscheidung gefun­kten werben muß.

Zurück zu Poincar« ober vorwärts in eine wirkliche Serftänbigung unb Befrie­dung Europas, bic freilich sowohl in ber Frage ber interalliierten Schulben, wie nod) mehr in der Sicherheit, Militarkonttollc unb Herrfchafts ansprüchc in Europa Zugeständnisse unb Einsichten voraussetzt, bic sich wohl Herriot selbst nod) gar nicht klar gemacht hat, die vielleicht für Eail- Icaujr klar unb zwingend finb, für bic aber heute nicht einmal in der sozialistifchen Linken der fran­zösischen Kammer schon bas Verständnis bn ist!

Wie sich das aud) meitercntroirfelt, für bas Laufenbe bebcutet bic Krise Frankreichs hier, ber Wahtkatnpf Dcutfchlanbs b o r t, daß die Erörterung um bic Sicherheitsfrage verlangsamt wird. Ehe nicht in Deutschland ber Präsident gewählt ist, wird es nur platonisches Gespräch sein, wenn man heute schon diese Frage auf einer großen internationalen Konferenz er­örtert sehen will. Soweit sind die Dinge noch lange nicht! Denn es fehlt ja in ihnen auf ber anberen Seite an jeder Vereinbarung, unb in bezug auf uns unb für uns an der Anerkennung ber wirk­lichen Gleichberechtigung unb Lebensnotwenbigkeiten Deutschlands, ohne bic für uns eine Diskussion gar nicht möglich ist.

Amtsgericht Gießen.

* Gießen, 7. April. Aud) in ber heutigen Sitzung kamen wicberum saft nur Beleibigungs- flagen zur Verhandlung, bic auf Streitigkeiten zwi­schen Vermietern unb Mietern ober zwischen Miets­parteien besselben Hauses zurückzusühren sinb.

Die Frau eines Eisenbahners aus Lang- Göns vermißte an einem Tag im Januar ihre Zeitung unb befdjulbigtc eine in dem gleichen Hause wohnenbe Witwe, die mehr als 20 Jahre älter ist als sie, bas Blatt weggenommen zu haben. Trotz­dem diese das in ruhiger Weise in Abrede stellte, wiederholte die Angeklagte dieselbe Beschuldigung nod) einmal unb fügte noch hizu, bic Witwe lasse nichts liegen als glühendes Eisen unb Mühlsteine, und überhäufte sie mit einer Fülle von unflätigsten Beschimpfungen und bekannten Einladungen. Ihre Behauptung, die Witwe, die Privatklägerin, habe sic ebenfalls beschimpft und einen Eimer voll Wasser in ihre Stube geschüttet, wurde durch die Beweis- ausnahme nicht bestätigt. Mit Rücksicht auf die Ge­meinheit ber gebrauchten Schimpfworte unb bie Schwere ber Beleidigung erhielt bic Angeklagte eine Geldstrafe von fünfzig Mark. Außerbem würbe ber Privatklägerin das Recht zugesprochen, bas Urteil auf Kosten ber Angeklagten burch Anschlag am Gemeinbehaus in Lang-Göns öffentlich bekannt zu machen.

Eine Frau aus Alten-Bufeck hatte eine aiiberc Frau von da wegen Beleibigung verklagt. Da sie heute trotz ordnungsmäßiger Ladung nicht erschienen und nicht vertreten war, ihr Ausbleiben

veranlaßte nun Dic Elise H.. ihren Beruf als Friseuse auszugeven und mit ihm eine Reise nach Koblenz zu machen, um ihr sein Geschäft zu zeigen. Bei Der Abreise von Weilburg ver- stanD et es so einzurichten, daß der Zug nach Koblenz oerfäumt wurde, und so wurde denn zuerst die Reise nach Kassel angetreten. In Gicßcn angelommeii. überredete er dann die H., die Fahrt zu unterbrechen und am nächsten Mor­gen weiterzusahren, angeblich, um nicht nachts nach Kassel zu kommen. Der Angeklagte mietete dann im Hotel Lenz Zimmer. Insolge einer Aus­einandersetzung, Die sie hier hatten, erregte sich bic Zeugin H. derart, daß sie Herzkrämpse be­kam. Diesen Anlaß benutzte der Angeklagte, um unter Dem Vor geben, et wolle zu einem Ar zt und in die Apotheke gehen, auf Rimmerwiedersehen zu verduften. Zuvor hatte er jedoch noch ver­schiedene Gegenstände der Zeugin, wie einen fei Denen Schal, eine Hutnadel und der Personal­ausweis der Zeugin mitgehen beißen. Die Zeugin saß nun mittellos unb ohne jegliche Hilfe da. Ietzt mcrltc sie. daß sie einem Betrüger schlimm­ster Sorte in die Hände gefallen war. Erst durch die Hilse von Bekannten gelang ihr Die Heim­reise. Auch der Vater bei Zeugin ist durch den Qlngctlagten in Bedrängnis geraten, denn er nerfaufte auf Veranlassung des Angeklagten. Der angab, er <H.) könne später mit nach Kassel ziehen, seine Waren zwecks Ausgabe des Ge schästs. Der Angeklagte gab ben Tatbestand tut großen und garrzen zu. er bestritt dagegen, die der Zeugin H. bei feinem Weggang aus dem Hotel Lenz mitgenemmenen Gegenstände mit der Ab­sicht des Diebstahls mitgenommen zu haben. Die Staatsanwaltschaft beantragte Verurteilung des Angel tagten wegen *3ctrug8 in 5 Fällen zu emer Gesamtstrafe von 9 Monaten Gefängnis und bezügl. des Diebstahls Freisprechung. Das Ge richt erkannte auf 7 Monate Gefängnis wegen Betrugs in 5 Fällen unter Anrechnung von 1 Monat Untersuchungshaft imD bezügl. de« Diebstahls auf Freisprechung. In der begrün i'ung führte das Gericht aus, daß die Geschädigte H. durch ihre große Leichtgläubigkeit dem 2In- getlagtcn sein Vergehen wesentlich erleufrtert hab

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