Fortdauer derLustfahrtkontrolle
Berlin, 7. Nov. ($11.) Wie der „Täglichen Rundschau" aus Luftsahrtlreisen mitgeteilt wird, seht das Luftfahrtgarantiekomitee seine Kontrollbesuche nicht nur in Luftsahrzeugbaufirmen, sondern auch auf Flugplätzen und in Sportsliegerschulen nach wie vor fort. So besuchten in den letzten Tagen Vertreter dieses Komitees verschiedene westfälische Landungsplätze, u. a. auch Münster und Paderborn. Dabei sollen sie sich vorwiegend für die Namen der Luftpolizerbeamten interessiert haben, die tut Überwachung des Luftdienftes auf Flug- alähen stationiert sind. Beanstandungen sind Zier, wie auch bisher, nicht erfolgt.
Neue Sevaratistenumtriebe.
WEN. Koblenz, 6. Nov. Cs machen sich Anzeichen dafür bemeübar, daß die Separatisten ich wieder zu regen beginnen. Besonders auf- vllig war. daß sich einige Heinere Blätter auf- ;etan haben, so in Kreuzngch das „Kreuz- racher Tageblatt" und in Koblenz die .Mittel rheinische Aundfcha u". Das letzte Blatt ist in Koblenz gratis verteilt oorden und hatte in den ersten Sagen einen inselMlichen Anzeigenteil, bis die Geschäftsleute Iber den wahren Charakter des Blattes auf» geklärt waren. Wie jetzt einwandfrei feststeht, »andelt es sich um eine Gründung des Separa- istenführers Oehmen, der seiner Zeit wenige tage den Präsidenten der sogenannten „Rhcini- chen Republik" spielte. Die Firma Koblenzer Papierindustrie G. m. b. H., die die „*2Hit- elrheinische Rundschau" herausgibt, ist handels- lerichtlich eingetragen. Ihr Stammkapital beträgt iOOO Marl und als Geschäftsführer find der Luchdrucker Rosenbaum, der als Separatist nne Rolle spielte und der Kaufmann Otto Wirtz, der Schwager des Oehmen, eingetragen.
Der Fall Graff.
Berhaftrin-i emes Täters. —Ein deutsch-belgischer Schiedsausschust.
In Graz (Steiermark) wurde der frühere Schupobeamte K a w s verhaftet. Kaws, der sich seit seiner Flucht in Oesterreich aufhielt und sich Steiner nannte, hat zusammen mit dem Schupo- »eamten E n g e l e r den belgischen Oberleutnant 8 r a f f erschossen. Er wurde seinerzeit vom Stettiner Schwurgericht mit Engeler zusammen ium Tode verurteilt und ist dann aus )em Untersuchungsgefängnis geflüchtet. Die Verhandlungen wegen der Auslieferung Kaws ind bereits eingeleitet. Die deutsche und die )elgische Regierung haben sich dahin geeinigt, ne infolge der Ermordung des belgischen Leut» lants Graff entstandenen Meinung-- und Ur» eilsverschiedenheiten dadurch beizulegen, daß e i n Ausschuß gebildet wird, dem je ein deut» ches und ein belgisches Mitglied des ständigen )eutsch°belgischen Schiedsgerichts in Paris sowie -in Schweizer angehören. Der Ausschuß wird )ie Prozehvorgänge von Aachen und Stettin untersuchen und danach entscheiden.
Tagung der Internationalen Handelskammer.
Deutschlands Eintritt.
Paris, 6. Rov. (WB.) Der Rationalrat ter Internationalen Handelskammer ist heute iu einer Tagung zusammengetreten. Der Sitzung vohnten als Vertreter der fünf Verbände, die ter Internationalen Handelskammer 6eigetreten ind, nämlich: 1. der Deutsche Industrie- und Handelstag, 2. der Zentralverband deS Deutschen Lank- und Tankiergewerbes, 3. die Haupt- zemeinschaft des deutschen Einzelhandels, 4. der Reichsverband der Deutschen Industrie, 5. der Zentralverband d6s Deutschen Großhandels, bei. Franz v. Mendelssohn -Berlin. Prüft- ;ent des Deutschen Industrie- und Handels- iages, Abraham F r o w e i n. stellvertretender Präsident des Reichsverbands der deutschen Industrie, Geheimer Kommerzienrat Dr. Louis hagen-Köln, Reichsminister a. D. Hamm- Berlin, geschäftsführendes Mitglied des deutschen Industrie- und Handelstages, Geheimer Kommerzienrat Dr. L. Ravene -Berlin. Kommerzienrat Dr. Paul R e u s ch - Oberhausen, Franz Heinrich W i 11 h ö f t - Hamburg. Dr. Rieb- i>erg, deutscher Vertreter bei der Geschäftsstelle Der Internationalen Handelskammer.
Der Vorsitzende der Internationalen Handelskammer, Dr. Walter Leaf,
Direktor der Westminster-Bank, hielt zur Gin» sührung der Deutschen eine Ansprache, in der er folgendes ausführte:
Wir Ijaben das Vergnügen, heute unter uns ;um ersten Male die bevollmächtigten Vertreter aus der Mitte der deutschen Ration zu sehen. Ich begrüße Herrn von Mendelssohn und seine Kollegen im Äamen der Kammer. Sie kommen zu unS mit der Versicherung, daß es ihre Absicht ist, in unsere Erörterungen im Geiste der aufrich^ tigen Zusammenarbeit einzutreten. Unsererseits begrüßen wir Ihre Anwesenheit in demselben Geiste und versprechen Ihnen eilte ebenso aufrichtige Zusammenarbeit in allen Angelegenheiten des Bereiches der internationalen Handelskammer. Von Anfang an ist es der Grundsatz der Kammer gewesen, sich auf dis Angelegenheiten zu beschränken, in denen eine solche Zusammenarbeit möglich ist. Wir haben absichtlich aus unserem Gesichtskreise diese Punkte fortgelassen, mit denen Angelegenheiten des nationalen Gmp- findungslebens zu tief verbmtden sind, als daß eine Mrderung der Aussprache im Rate unserer Kammer möglich wäre. Wir haben in der Praxis herausgefunden, daß es recht war. dies zu tun und daß ein Arbeitsfeld übrig bleibt, das völlig genügt, alle unsere Kräfte in Anspruch zu nehmen. ein Arbeitsfeld, das wir. auf dem gemeinsamen Grund des Geschäftsmannes stehend, erforschen können. Es ist in der Tat das allerbeste Problem für unsere Zukunft, daß, während wir das getan haben, was in unserer Macht steht, um die Interessen des Friedens in unserer Sphäre zu fördern, die Staatsmänner der großen europäischen Länder auch ihrerseits mit Erfolg daran gearbeitet haben, die Streitpunkte aus- zugletchen, die wir ausdrücklich aus unseren Verhandlungen ausgeschieden haben.
Die 2lnwesei»ert des Herrn von Mendelssohn und seiner Kollegen unter uns ist ein beredtes Zeichen der Wichtigkeit dieses Friedens- Ivillens, den wir alle auf der sicheren Grundlage der Wiedergeburt Europas anerkennen. Durch die Äcrtfüfjrung unserer Politik, alle großen Wirtschaftsfelder der Welt einander näher zu
bringen, werden wir. dessen Bin ich sicher, unseren Einftuß vertiefen und uns zu einem wichtigen Faktor des neuen Europas machen.
Hierauf erwiderte Geheimrat Franz von Mendelssohn u. a.:
Für die freundlichen Worte herzlicher Begrüßung, die Sie, sehr verehrter Herr Leaf, als ausgezeichneter Förderer und Dolmetscher des an Ihnen mir feit langem bekannten Geistes aufrichtiger Zusammenarbeit und Gerechtigkeit soeben an die deutschen Vertreter gerichtet haben, sage ich Ihnen als Präsident der deutschen Gruppe der Internationalen Handelskammer auftichtigen Dank. Erfüllt von dem großen Gedanken der Verständigung der Völker, der dem Gefühl der Wünsche des eigenen Volkes nicht widerspricht, sondern es erhebt, wünschen wir aufrichtig eine Zusammenarbeit im Dienste des wirklichen Friedens und einer allen gemeinsamen Wohlfahrt, auf deren Grundlage jedes Volk um so besser seine nationale, kulturelle und ethische Eigenart entfalten, feinen Mitbürgern einen würdigen Lebensstand schaffen und Ben sozialen Frieden fördern könne.
Frankreichs heilige Mission in Syrien.
Paris, 7. Rov. (TU.) Der Kammeraus- schnh für auswärtige Angelegenheiten hat gestern nachmittag die Berichte Painlev^s und B-riands über d'.e Vorgänge in Syrien angehört. Painleva gab ‘eine eingehende Darstellung der Lage in Syrien seit Beginn dieses Iahres. Er erklärte mit Rachdruck, daß es Frankreichs heilige Pflicht fei, das ihm vom Völkerbund anbertraufe Mandat über Syrien auch we iterhin zu behalten. Cs fei immer das Streben der französischen Kolon'.alpolitik gewesen, die fremden Völker im Geiste der Duldsamkeit z'u erziehen, so daß sie sich selbst regieren konnten. Zur Erfüllung dieser Aufgabe habe die französische Regierung beschlossen. den Senator Henri de Iouvenel als hohen Kommissar nach Syrien zu entsenden. Die Kommission vertrat einstimmig den Standpunkt, daß sie sich eine endgültige Meinung über die Lage in Syrien erst nach der Rückkehrdes Generals Sarrail und nach seiner Vernehmung bilden könne.
Kunst- und Vil-ungsftagen im Preußischen Landtag.
Berlin, 6. Nov. (TU.) Zu Beginn der Freitagssitzung des Preußischen Landtages nahm das Haus das Ausführungsgesetz zum Finanzaus- gleich nach den Ausschußbeschlüssen an. Anschließend an die Abstimmung wurde die zweite Beratung des Kulturetats beim Kapitel „Technische Hochschulen und Universitäten" fortgesetzt.
Abg. Hott (Demokrat) bemängelt, daß die staatlichen Einrichtungen auf dem Gebiete der Medizin nicht ausreichend find. Der Geist auf den Universitäten lasse noch immer sehr viel zu wünschen übrig. Wer nicht rechts gerichtet sei, werde einfach boykottiert.
Abg. Dr. K l a m t (Wirtsch. Dg.) wendet sich dagegen, daß man aus den Akademien politische Institute machen wolle. Das vertrage sich nicht mit der Freiheit der Lehre. Die Professoren müßten wirkliche Träger der Wissenschaft sein und bleiben. Redner fordert Abhilfe für die Not der Privat- dozenten und warnt vor Ueberschötzung eines rein juristischen Wissens für den Verwaltungsbeamten. Das juristische Monopol dürfe nicht in dem bisherigen Umfange beibehalten werden. Aus Sparsamkeitsgründen müsse schlecht besuchten Unioersi- tätsabteilungen, von denen insbesondere nur die Ausländer Vorteile haben, das Lebenslicht ausgeblasen werden.
Abg. Dr. Semknler (Dn.): Die Deutschnationalen verlangten keine Bevorzugung, aber sie wehrten sich dagegen, daß Wissenschaftler wegen ihrer Parteieinstellung benachteiligt würden.
Abg. Dr. P i n k e r n e i l (D. V.): Der Student soll zum Opfer politischer Agitation zu schade sein. Auch an dem Elend der Studenten soll man nicht gefühllos vorübergehen. 1848 habe die Studentenschaft gegen das feudale Prinzip angekampft, 1918 und 1919 gegen den Versuch der Errichtung einer Maffenherrschaft. Sie sei immer national gewesen.
Das Haus geht über zur allgemeinen Besprechung über Kunst.
_ Abg. Frau Oesterreicher (Soz.) betont, Bah beim Aufkommen einer neuen revolutionären Kulturepoche, die nach neuen Formen des künstlerischen Ausbruckes suche, bas Volk selbst Richter fein müsse. Die Rednerin wünscht besonderen Schutz für die notleidende Künstlerschaft.
Abg. Kimbel (Dn.) regt an, die Einrichtung der großen Goldenen Medaille für Kunst wieder einzuführen. Um der Rot der Künstlerschaft abzuhelfen, würden Staatsaufträge am wirksamsten sein.
Abg. Dr. Schwering (Ztr.) erklärt, mit der Aufwendung von 1 Mill. Goldmark für die altattische Statue hätten besser 100 Künstler jahrelang unterstützt werden können. Hinsichtlich der großen Theaterkrise sei zu bedauern, daß die Regierung beispielsweise in der Frage der Landesbü^ren immer noch mit erstaunlicher Ver» stäickmislosigkeit arbeite. Man dürfe nicht an falscher Stelle sparen. Er wünscht weiter bessere Denkmalspflege.
Abg. Buchhorn (D. Dp.) fordert größere Aufmerksamkeit für die Erneuerung des inneren deutschen Menschen. Dem Künstlerelend müsse nach Möglichkeit Abhilfe geschaffen werden. Be» ssonders in den gefährdeten deutschen Grenzgebieten müsse der deutsche Kulturgedanke Pflege finben. Die in den Theatern gebotene Kunst muffe eine Kunst sein im Sinne Schillers und Wagners. Zu empfehlen sei die Schaffung eines Staats- Preises für bildende Künstler, der dann aber auch wirklich verteilt werden müsse.
Abg. Frau Dr. Klausner (Dem.) wünscht staatlicherseits eine dauernde Hilfe für die notleidenden Künstler. Zu wünschen sei die Errichtung einer Zentralstelle deutscher Künstler. Die Rednerin wandte sich weiter gegen die Beschränkung der künstlerischen Freiheit und betonte, die Landesbühnen-Organisa- tion bedürfe regster Förderung.
Kultusminister Becker erklärt, das Ministerium werde alles tun, was ihm die Der- hältnifse gestatten. Die Echtheit und der hohe Wert der attischen Statue werde wohl von allen namhaften Archäologen anerkannt. Aus den Staatsmitteln brauchten nur 100 000 Mk. da
für zur Verfügung gestellt werden, es sei ein Kunstausschuß gebildet, der für die Bühnen- Organisation zuständig ist.
Eine Versorgungsanstalt der Reichspost.
Berlin, 7. Rov. (TU.) Am 5. und 6. Ro- bember trat in Berlin der Derwaltungsrat der Deutschen Reichspost zusammen. Der ReichSpost- minifter wies darauf hin, daß sich die Gesamtlage der Deutschen Reichspvst nicht wesentlich geändert habe und für die ersten sechs Monate des Wirtschaftsjahres die wirklichen Einnahmen gegenüber dem Soll um 33,3 Mil tonen Reichsmark zurückgeblieben seien. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildeten die (Beratungen über die geplante Versorg ungsan st alt der Deutschen Reichspost. Mit überwiegender Mehrheit wurde der Einrichtung der Versorgungsanstalt grundsätzlich zugestimmt. Sie hat den Zweck, den Angestellten und Arbeitern der Deutschen Reichspost und deren Hinterbliebenen gegen Beitragszahlung Zuschüsse zu den gesetzlichen Ruhegehältern und Invalidenrenten sowie zu den Hinterbliebenenrenten zu gewähren.
Kleine politische Nachrichten.
Als deutscher Reichskvminissar für das besetzte Rheinland soll der deutsche Botschafter in Madrid Freiherr Langwerth von Simmern in Aussicht genommen sein. Der Botschafter soll bereits nach Paris abgereist sein, wo er mit dem deutschen Botschafter von Hvesch Besprechungen haben werde.
In den Städten des besetzten Rheinlandes werden wiederum öffentlichie und unentgeltliche französische Lehrkurse eingerichtet, u. a. in Landau unb Koblenz. Die erforderlichen Lehrbücher werden unentgeltlich zur Verfügung gestellt.
Das belgische Iustizministerium dementiert die Meldung, daß den Gerichten der Auftrag erteilt worden sei, alle Kontumazialverfahren gegen Deutsche wegen Kriegsverbrechens ein zu stellen. Es sei auch unrichtig, daß der Auftrag zur Richtaussuhrung der bereits gefällten Urteile gegeben worden sei.
Der russische Vollskommissar für Aeußeres, Tschitscherin, hat seine Wiesbadener Kur unterbrochen und ist in Berlin eingetroffen. Er wird am Samstag an dem Empfang teilnehmen, den die Berliner russische Botschaft zum Gedächtnis der russischen Revolution veranstaltet,
Im lettländischen Landtag wurde gestern der bisherige Staatspräsident Tschakste mit 60 von 93 abgegebenen Stimmen auf drei Jahre wiedergewählt. Tschakste gehört der demokratischen Partei an.
Kunst und Wissenschaft.
Ein unbekannter Leibl.
Man weiß, daß einige Gemälde Leibls. von denen man aus Briefen und aus alten Nachrichten zuverlässige Kunde hat, heute unauf» sindbar sind. Zu diesen Bildern gehört auch das Porträt der Iuliette Dr.aun, alias Madame de Laux, das Leibl 1870 in Paris malte. Dieses Bildnis glaubt Emil Waldmann, wie er in einem ausführlichen Aufsatz in dem soeben erschienenen Novemberheft der 'Zeitschrift „Die Kunst" (F. Druckmann A.°G., München) ausführt, in einem sehr mondänen Damenporträt der Sammlung des Herrn von Remes in München wiedergefunden zu haben. Auf alle Fälle handelt es sich um ein sehr schönes, zweifellos echtes, vollsigniertes Werk Leibls, das stilistisch in der Mitte zwischen dem Bildnis der Frau Gedon (1869) und den beiden Porträts der Richte Lina (1871) steht. Das Bild war bisher nicht in dem großen Waldmannschen Leibl-Kata- log zu finden; auf 'alle Fälle wird das gemalte Oeuvre Leibls dadurch um ein Meisterwerk seines Pariser Stils bereichert.
Aus aller Welt.
In einem Benzintank ertrunken.
Ein entsetzlicher Unglücksfall hat sich auf dem Bahnhof Steinbeck bei Elberfeld ereignet. Dort war für einen Metallgrohhändler ein Tankwagen Benzin angekommen. Als der Händler den Wagen bestieg, um eine Probe zu entnehmen, wurde er durch die entströmenden Gase betäubt und stürzte in den mit Benzin gefüllten Tankwagen. Der Unfall wurde erst nach einiger Zeit bemerkt, als der Sohn seinen Vater suchte. Er sah den Mantel des Vaters am Wagen liegen und bemerkte dann das Unglück. Die herbeigerufene Feuerwehr konnte die Leiche bergen.
Dom Eisenbahnzug überfahren.
Zwischen Sulingen und Mehrbleck (Han- iwver) geriet eine etwa 40jährige Frau bei dem Versuch, ihren Hund vor dem Ueberfahren- werden zu retten, unter einen Güterzug. Die Frau war sofort tot.
Warenhausdiebstühle.
In Graz sind bei der Firma Kastner und Oehler, einem der größten Warenhäuser der Stadt, umfangreiche Dienstähle aufaedeckt worden. Im Zusammenhänge damit wurden einige Angestellte verhaftet. Der der Firma zu- gefugie Schaden dürfte sich auf reichlich eine Milliarde Kronen belaufen.
Wettervoraussage.
Unrrchig, meist trübe, Regenfalle, milder.
Ein starkes Störungsgebiet ist nach den britischen Inseln vorgestoyen und hat im Kanal stürmisches, regnerisches Wetter verursacht. Zugleich fällt in Westeuropa das Barometer stark. Der im Rücken der nordöstlichen Störungen bei schwacher nächtlicher Bewölkung eingetretene Temperaturfall dürfte sich nicht Wetter auStoitfen.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 9,4, Minimum 3,8 Grad Celsius. Niederschläge: 0,1 Millimeter. Heutige Mor gentemperatur: 4,6 Grad Celsius.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 7. Rovember 1925.
Die Normalisierung.
Rur eine kleine Glosse . . .
Georg Peter Aaftang saß an feinem Schreibtisch und las gemächlich seine Fachzeitschrift, als sein Blick auf einer Bekanntmachung über die Normalisierung der Leistungsschilder für elektrische Maschinen hängen blieb. Er wiegte gedankenvoll sein Haupt hin und her. „Nun sollen auch noch die Schilder an den Maschinen vollständig übereinstimmend hergestellt werden? Dieses Angleichen bringt ja manche Erleichterung mit sich, man braucht nicht immer die halbe Wohnungseinrichtung mitzunehmen, wenn man Stecker, Taschenbatterien, Glühbirnen usw. kaufen will und bringt bestimmt das Passende mit nach Hause. Aber trotzdem, wohin sich das alles allmählich erstreckt----"
Es klingelte zweimal kurz. Gleich darauf brachte das Mädchen die Post herein, einen Brief in Geschäftsformat. „Der ist ja auch schon längst normalisiert." dachte Georg Leier, wahrend er ihn sorgfältig öffnete, und dann begann er zu lesen:
»Herr Georg Peter Aalfang aus Gießen, Dleichstr. 279 1, wird ersucht, umgehend beim Normenausschuß. Zimmer A, zwecks Normalisierung seiner Verhältnisse. Wohnung, Familie und seiner selbst vorstellig zu werden.
Der Normenausschuß:
Entenstraße 30 Direktor Gleichmacher."
Georg Peters Augen waren bei jeder Zeile größer geworden. „Also sind wir schon so weit", sprach er dumpf vor sich hin, nahm Hut unb Stock und ging zur Entenstraße. Er fand sich sofort zurecht, da Zimmer A zufälligerweise neben dem Eingang lag. Das Wartezimmer war leer. „Das verdanke ich meinem schönen Familiennamen, ja, wenn man mit zwei A anfängt, kommt man zu allererst daran!" Auf sein Klopfen erscholl ein kräftiges Herein, und gleich darauf befand er sich mehreren Herren gegenüber, die ihn scharf betrachteten. Nachdem er sich ausgewiesen hatte, wurde ihm mitgeteitt, daß er heute nur die wesentlichsten Grundzüge der Normalisierung, später die betreffenden Einzelheiten erfahren sollte.
Dann begann die Verhandlung, die protokolliert wurde.
„Wieviel verdienen Sie im Monat?" — „340 Mark netto.“ — „Von heute an bekommen Sie 520 Mark ..." — „Aaaaah ..." — „Davon haben Sie 50 Prozent an uns zu entrichten.“ Georg Peter sank in sich zusammen. „Wie lange arbeiten Sie täglich?" — „Neun Stunden." — »Ab morgen nur sieben — und vier Stunden werden Sie für uns tätig fein.“ Georg Peter wagte keinen Widerspruch.
„Wieviel Räume haben Sie?"' — „Fünf Zimmer und zwei Mansarden." — „Das ist ein Zimmer zuviel für sechs Personen." — „Erlauben Sie, wir sind mit dem Dienstmädchen nur fünfe.“ — „Infolge Normalisierung kommen auf jeden Mann fünf weibliche Wesen, daher erhalten Sie noch eine Person zuerteilt. Wir wollen sofort feststellen, in welches Verhältnis diese zu Ihnen treten soll. Was besitzen Sie außer dem Dienstmädchen an weiblichem Anhang?" — „Meine Frau, ..." — „Schreiber, notieren Sie: 1. Dienstmädchen. 2. Ehefrau, dann?“ — „meine Tochter," — „3. eine Tochter," — „und meine Schwiegermutter." — „Da haben Sie aber Glück, Schwiegermütter zählen doppelt. Schreiber, 4. und 5. eine Schwiegermutter!"
Und nun kommen wir zu Ihnen selbst. Herr Doktor, bitte, die Größe!"
Der mit Herr Doktor Angeredete maß Georg Peter vom Kopf bis zum F»h. „1.70 Meter, also normal." — „Gut, messen Sie jetzt zuerst den Leibesumfang, der scheint am meisten abzuweichen!" — „1.38 Meter." — „Das sind 13 Zentimeter zuviel!“ — „Ich schneide das Mehr sofort weg", sagte der Herr Doktor, griff nach seinem Messer und trat dicht an Georg Peter heran. Aber dem ging die Sache nun doch zu weit. „Nein," schrie er laut, „hier hört die Norm auf!!" Und er stieß den Doktor mit geballten Fäusten so heftig von sich, daß er tönend wider die Wand flog, — nämlich e r, der Brvnzeritter, der auf dem Schreibtisch stand, vor dem Georg Peter Aalfang--
eingeschlafen war. Tacho.
Neichszentrale für Heimatdienft
Der Gießener Vortragszyklus der Landesabteilung Hessen der Reichszentrale für Heimatdienst brachte gestern abend in der Neuen Aula den dritten Vortrag. Der Staatssekretär a. D. Prof. Dr. August Muller-Berlin sprach über „Die Stellung der Landwirtschaft in der deutschen Volkswirtschaft". An Hand eines reichen statistischen Materials gab der Vorttagende interessante Einblicke in die Verflochtenheiten unseres Wirtschaftslebens und in die Wechselwirkungen zwischen, den einzelnen Wirtschaftsgruppen, um schließlich eingehend die Frage zu untersuchen, ob es möglich sei, die Produktion unserer Landwirtschaft, die, wie auch schon vor dem Kriege, den Nahrungsmittel- bedarf unseres Volkes nicht ganz decken kann, noch weiter zu steigern, ja soweit zu heben, daß unser Volk tatsächlich ganz aus den Erträgen der eigenen Scholle ernährt werden kann. Nach vielseitigster Beleuchtung dieses wichtigen Punktes kam der Redner zu dem Ergebnis, daß die Frage, ob unser Volk ganz aus eigener Produktion ernährt werden könne, theoretisch und auch praktisch zu bejahen sei. In Kalorien ausgedrückt, müsse die Produktion allerdings noch um 35 Proz. gegen den heutigen Stand erhöht werden, wenn das Ziel erreicht werden solle. Hauptoorbedingung für das Gelingen dieser Aufgabe sei eine Wirtschaftspolitik, die die verkehrte Kapitalverwendung — wie z. B. in der Jnftationszeit zu Industriebauten ohne Sinn und Zweck — aus- schließe und dafür sorge, daß unserem Wirtschaftsfundament, der Landwirtschaft, das unbedingt erforderliche Kapital zur Verfügung stehe. Die fesselnden Darlegungen des Redners wurden mit lebhaftem Beifall ausgezeichnet.
Gießener Wochenmarktpreise.
am 7. November. ((Händlerpreise.)
Es kostete das Pfund: Butter 200 bis 210, Matte 40, Käse 60 bis 70, Wirsing 8, Weißkraut 4 bis 6. Rotkraut 10, gelbe Rüben 10. rote Rüben 10, Spinat 20, Unter-Kohlrabi 6, Grünkohl 20, Rosenkohl 40, Feldsalat 100, Tomaten 40, Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 40 bis 100, Schwarzwurzeln 50, Kürbis 6, Kartoffeln SU bis 4, Aepfel 15 bis 20, Birnen 10 bis 40. junge Hahnen 100, Suppenhühner 100 bis 120, Gänse 100 bis 120, Nüsse 60: das Stück: Eier 18,


