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Nr. 234l Erster Blatt <d

175. Jahrgang

Dienstag, 6. Moder 1925

Ericherm täglich, autzer Sonn» und Feiertags

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Die Eröffnungssitzung in Locarno.

Es ist nicht viel, was man von der ersten Sitzung der neuenFriedenskonferenz von Lo­carno" erfährt, das offizielle ®ommumqu6_ ist absichtlich sehr allgemein gehalten und beschrankt sich eigentlich mit einer Inhaltsangabe der Er- öffnungsrede Chamberlains, um dann nur kurz festzustellen, dast der Londoner Ent­wurf der Sachverständigen als Grundlage der Besprechungen benutzt werden soll. Einzelne Punkte sind den Sachverständigen zur wet­teren Durchberatung überwiesen, einzelne sind bereits angenommen, und emzelne behalt sich die Konferenz selbst vor, vermutlich alle dre- jenigen, die den politischen Charakter des ganzen Vertrages bestimmen. Aber eben wett sie so wenig Sachliches zu berichten haben schil­dern uns die zahlreichen Sonderberichterstatter die Aeußerlichkeiten in aller Ausführlich­keit Wir erfahren, dast sämtliche Herren im ein­fachen Iackettanzug erschienen sind, dast Herr Dr. Luther und Dr. Stresemann sehr ernst ausgesehen haben, während Staatssekretär Schubertheiter lächelnd, mit der Zigarre im Munde" dem Auto entstieg während am Schluß der Sitzung sämt­liche Herren sich dem Kreuzfeuer der Photo­graphen in den Weg stellten und sehr vergnügt aussahen. Halten wir dazu noch die sensationelle Meldung, daß der englischen Delegation von einem Fuhrunternehmer in Locarno ein Auto­mobil zur Verfügung gestellt ist, dessen Motor für ein deutsches Flugzeug bestimmt war, dann ist eigentlich die Auslese aus den spaltenlangen Berichten schon erschöpft.

Das ist reichlich wenig, entspricht aber der bei allen Delegationen bestehenden Absicht, möglichst wenig Aufhebens von dem Auftakt der Konferenz zu machen, und alles, was noch Etikettefrage aussehen könnte, beiseite zu lassen. Deshalb hat auch Herr Chamberlain den Vorsitz geführt, obwohl nach der internatio­nalen Reihenfolge eigentlich Deutschland an der Reihe gewesen wäre, da bei solchen Gelegen­heiten lisch der französischen Schreibweise ge­rechnet wird, bei derAllemagne" immer obenan steht. Ob es freilich auf die Dauer möglich sein wird, überhaupt ohne irgendeinen Vorsitzenden auszukommen, ist einigermasten zweifelhaft; das würde eine sehr freundschaftliche, reibungslose Aussprache voraussetzen, und die Liebenswürdig­keiten der Eröffnung dürfen doch nicht darüber hinwegtäuschen, dast die sachlichen Gegen­sätze vor der Hand noch in alter Schärfe bestehen.,

Wir wollen deshalb auch nicht untersuchen, wie es möglich war, dast die tschechische und polnische Fahne zusammen mit den Flaggen der übrigen Staaten über dem Konferenzsaal wehte. Das könnte eine kleine Spitze gegen die deutsche Delegation sein, die auf diese Weise feft- gelegt werden soll für die Teilnahme der Polen und der Tschechen an der Konferenz. War das die Absicht, dann wird sie zweifellos mihlingen; Deutschland bleibt darauf bestehen, Last es sich zunäch st nurmitdenWe st machten aus­einanderzusetzen hat. Gelingt es hier, zu einer Verständigung zu kommen, die auch unseren Wünschen gerecht wird, dann würde allerdings von uns aus nichts mehr im Wege stehen, um späterhin - aber gewissermaßen in einer zweiten Konferenz auch die Tschechen und Polen zuzuziehen, um mit ihnen über Schi e d s - gerichtsverträge zu beraten, die ober tn- sofern einen wesentlich anderen Charakter haben, als Deutschland sich ja gerade Vorbehalten will und must, jederzeit unter Ausschaltung kriege­rischer Maßnahmen die Reufestsetzung der deutsch-polnischen Grenze zu beant-

tragen.

3n dieser Lebensnotwendigkeit Deutschlands liegt ja die gefährlichste Klippe für die ganze Konferenz. Bisher sind noch keinerlei Airzetchen dafür sichtbar geworden, daß die Westmachte allein bereit sind, hier den deutschen Wünschen entgegenzukommen. England freilich rst mehr desinteressiert und hat in seiner Presse offen ausgesprochen, daß der.Korridor ebenso rote die Teilung Obers ch kostens auf die Dauer u n ha l t b a r e K o n st r u k t t o n e n ,tnd. Frankreich dagegen will offtztell Polen mcht fallen lassen und klammert stch mit aller Macht an der Auffassung fest, daß es zwar die deutsch- französische Grenze sich mit englischer Hilfe ga­rantieren lassen will, daß es aber an der deutschen Ostgrenze selbst als Ga­rant a u f t r i t t und dadurch lederzett die Mög­lichkeit hat, in deutsch-polnische Auseinanderset­zungen sich mit seiner gesamten HeerEmacht zu unseren Hngimften einzuschAen. Gibt Frank­reich in diesem Punkte nicht nach dann ist nicht zu sehen, wie überhaupt ein befneoigenbet Ausgang der gesamten Konferenz möglich fern soll denn das würde darauf hinauslaufen, daß unsere Lage in der Mitte Europas künftig noch u n g ü n st i g e r ist als heute. Dazu aber sind wir nicht auf die Konferenz gegangen, wir wollen nach unseren Kräften gern dazu beitragew an­statt drs bewaffneten Friedens einen wirklichen Frieden zu schaffen, der ja auch für uns die Doraussetzuiig zur freien Entfaltung unserer Kräfte ist. Ein Bertragswerk aber, das auch jetzt wieder uns alle Lasten, der Gegenseite Ägen alle Vorteile sichert, kommt für uns in Betracht. Vom deutschen Standpunkt aus kann das gar nicht oft genug gesagt werden, roeil die Möglichkeit eines Scheiterns der Kon­ferenz doch besteht und wir nachher nicht die Verantwortung dafür tragen wollen.

Sitzungsbericht.

Locarno, 5. Oft. (SU.) Schon von lOÜIjr morgens an ist die Umgebung des In st tz - palastes, in dem um 11 älhr die erste Sitzung stattfindet, abgesperrt. Der Zutritt zu dem Pa­last ist nur den Mitgliedern der Delegation ge­stattet. Als Konferenzsaal ist ein geräumiger Raum in der ersten Etage vorgesehen, der durch einen mächtigen metallenen Kronleuchter geziert wird. Ein großer viereckiger Tisch steht auf einem Perserteppich. An jeder der vier Seiten sind vier Stühle aufgestellt für die Außen­minister und ihre nächste Begleitung. Wohl ist auf Briands Wunsch vermieden worden, ein Oben in der Rangordnung zu schaffen. Kleine Tische an den Seiten des Saales sind für die übrigen Mitglieder der Delegation reserviert. .Unter den Fenstern des Sitzungssaales hängen die Fahnen der an der Konferenz beteiligten Mächte, nach dem französischen Alphabet ge­ordnet. Sogar die polnische und tschecho-slowa- kische Fahne sind seltsamer Weise angeordnet, obgleich nach allgemeiner Auffassung ihre Ver­treter unter das wartende Publikum gehören.

Die Ankunft der Sensationen.

Als erster trifft um 10.45 Uhr Chamber­lain mit seinem Kabinettschef und seinem Privatsekretär in einem auffallend schweren Wagen aus gehämmertem Aluminium ein, um­lagert von einer Menge neugieriger Journalisten. Dann erscheinen die Vertreter der Schweizer Regierung unter der Führung des Syn - dikus von Locarno. In kurzen Abständen folgen die Mitglieder der anderen Delegationen. Die Belgier kommen zu Fuß, Van der­de l d e im Bratenrock und Schlapphut, ferner erscheinen die Italiener, Senator Scia- loja und Unterstaatssekretär Gr an di. Dann folgt die französische Delegation mit Driand. Um 11 Uhr fahren die neuen Mer- cedeswagen der deutschen Delegation vor. Im ersten Wagen haben Reichskanzler Dr. Luther, Außenminister Dr. Strese­mann, Staatssekretär Kempner und Reichs- Pressechef Dr. K i e p Platz genommen. In kurzen schwarzen Röcken mit gestreiften grauen Hosen und weichen schwarzen Hüten steigen sie langsam die Treppe hinauf, an der Spitze der Kanzler mit sehr ernstem Gesichtsausdruck, Stresemann einen halben Schritt hinter ihm. Im zweiten Wagen folgen Staatssekretär v. Schubert und Ministerialdirektor Dr. Gaus. Die Herren be­gaben sich in den Konferenzsaal, wo sie in folgender Ordnung Platz nahmen: In der Mitte der Tafel saß der Syndikus von Locarno, R u s k a , ihm gegenüber Reichskanzler Dr. Luther und Reichsaußenminister Dr. Strese­mann, rechts von dem Syndikus Chamber­lain und S c i a l o j a , links Driand und Dandervelde.

Der Shndilus dvn Locarno

hieß die Diplomaten herzlich willkommen:In meiner Eigenschaft als Bürgermeister dieser Stadt," so erklärte Herr R u s k a,habe ich die Ehre, Sie zu begrüßen, eine Ehre, die meiner bescheidenen Person nicht zukommt und mir eine Pflicht auferlegt, der ich mich nicht entziehen kann. Locarno entbietet Ihnen feine ehrfurchts­volle Dankbarkeit, da Sie es durch Ihre hohe Güte zu dem Ort Ihrer Konferenz aus­wählten und so seinen Ramen mit dem erhabenen Werk verbinden wollen, das Sie hier zu beenden beabsichtigen. Sie gestatten mir, Ihnen meine Wünsche dahin auszusprechen, daß Ihre edlen Anstrengungen von vollem Erfolg ge­krönt sein mögen."

Im Ramen der Delegation antwortete Chamberlain

hierauf mit folgender Ansprache:Der Empfang, den Sie uns im Rainen der Stadt Locarno bereitet haben, hat mich tief berührt. Ich glaube damit das Empfinden aller derer auszudrücken, die in diesem Saale vereinigt sind. Es ift- nicht das erste Mal, daß ich Ihr edles und schönes Land besuche, älngezählte Male habe ich hier in der Vergangenheit Ruhe nach den Arbeiten und Schwierigkeiten des Alltagslebens gefunden. Als ich gestern vormittag von neuem in Ihre lachenden Täler fuhr und die Gipfel ihrer majestätischen Berge erblickte, habe ich mich ge­fragt, weshalb das heute noch leidende Europa nicht auch die Erleichterung finden sollte, die es notwendig hat, nach der es sich mit all feinen Fasern sehnt und die es gegenwärtig in höchstem Maße verdient. Das schöne Schweizer Land, so habe ich mir gesagt, wird uns den Erfolg unserer Aufgaben sichern."

Meine Herren! Wir haben keineswegs durch Zufall auf der Suche nach einem Zu­sammenkunftsort, wo wir diese für die Geschicke Europas so wichtige Erörterung führen könnten, übereinstimmend unsere Blicke nach der Schweiz gerichtet. Durch ihre Tradition, durch ihre Geschichte ist sie das Land der D e f r i e- digung und des Friedens. Es wäre über­flüssig, meinerseits an all die Dienste zu erinnern, die die Schweiz der Menschheit schon geleistet hat. Diese finden in der ganzen Welt Anerken­nung. Wiederum kommt die Schweiz uns zu Hilfe. Von diesem Augenblick an hängt es nur noch von uns ab, uns der Ehre, die uns angetan wurde, der ' Freundschaft, die uns be­kundet wurde, würdig zu erweisen. Roch einmal lege ich Wert darauf, Ihnen in meinem Ramen und ich glaube sagen zu können im Ramen aller hier Vereinigten, die Empfindungen der Dank­

barkeit auszusprechen, die uns erfüllen. Den herzlichen Empfang nehmen wir als günstiges Vorzeichen und legen Wert darauf, Ihnen, Herr Bürgermeister, dafür zu danken."

Bürgermeister R u s c a verc.bfchiedete sich alsdann von seinen Gästen. Vor Eintritt in die Arbeiten der Konferenz wurde beschlossen, der schweizerischen Bundesregierung telegraphisch den Dank auszusprechen für die Gastfreundschaft und die freundliche Aufnahme, die den Delegationen in Locarno zuteil gewor­den fei.

Daraus eröffnet Chamberlain die eigentliche Sitzung mit folgender Ansprache:

Dem einstimmigen Wunsch entsprechend, den Sie freundlichst geäußert haben, habe i ch die Ver- antroortung dafür übernommen, unsere erste Zu­sammenkunst einzuberufen, da irgendjemand un­ter uns notwendigerweise die Initiative dazu übernehmen mußte. Ich wünschte, daß diese Un­terhaltungen einen s o freien und s o we­nig formalistischen Charakter wie möglich bewahrten. Sobald wir die großen Li­nien unseres großen Vorgehens festgestellt und unsere Dispositionen für die Einberufung der Zusammenkunft getroffen haben, erlaube ich mir anzuregen, daß wir auf die Förmlichkei­ten eines Vorsitzes verzichten und uns auf dem Fuße vollständiger Gleich­heit treffen, wobei jeder nach bestem Können für den Erfolg unseres gemeinsamen Werkes beiträgt, das den Frieden und die Wohlfahrt Europas anstrebt."

Die einzelnen Delegationen brachten sodann den Geist der Aufrichtigkeit und des guten Wil­lens zum Ausdruck, mit dem sie an die gemein­same Arbeit Herangehen. Es wurde einstimmig beschlossen, von einer Generaldiskussion abzu- sehen und sofort in eine Erörterung der einzelnen Artikel des von den Rechts­sachverständigen in London auSgearbeiteten Pak­tes einzutreten. Hinsichtlich einiger Artikel, gegen deren Fassung Widerspruch nicht erhoben wurde, konnte sofort älebereinstimmung fest- gestellt werden. Andere Artikel gaben zu Er­gänzungsanträgen Veranlassung. Diese Anträge wurden den Iuristen zur eingehenderen Erörte­rung überanefen. Schließlich wurden einige wei­tere Artikel der internen Erörterung der Konferenz Vorbehalten.

Rach Schluß der Sitzung verlieh zunächst die französische Delegation dasIustiz- gebäude unb hielt mit gutem Humor dem Schnell­feuer einer großen Schar von Photographen stand, wobei Driand durch einige scherzhafte Be­merkungen beifälliges Gelächter erzielte. Als zweite folgte die belgische Abordnung, ge­führt von Dandervelde, dicht dahinter die deutsche Delegation, bei deren Erscheinen sich das Knipsen zu einem wahren Massen- a n g r i f f verdichtete. Die allgemeine Zwang­losigkeit, der Verzicht auf Vorsitz und Geschäfts­ordnung, die gegenüber herkömmlichen Konfe­renzen geringe Feierlichkeit der Zusammenkunft, haben eine verhältnismäßig helle Atmo­sphäre geschaffen.

Beratung der Juristen.

Locarno, 6. Okt. (T. U.) 21m Montagnachmit­tag um 3 Uhr traten die juristischen Sach­verständigen Dr. Gauß, Fromageot, Hurst, Rollin und der Vertreter der italienischen Delegation zu einer Sitzung zusammen, um die juristischen Fragen des Entwurfes weiter zu bearbeiten. Nach der offiziellen Sitzung hat bis zu einem Grade auch die erste persönliche und politische Fühlungnahme ftattgefunben. Von maßgebender Seite erfahren wir, daß die d e u t s ch e D e t e g a t i o n mit dem Verlauf der ersten Sitzung recht zufrieden ist, trotzdem in den gestrigen späten Abendstunden ein heftiger Kampf um das Tempo der Konferenz vorherging. Die alliierten Delegationen, darunter namentlich die Franzosen und Engländer, hatten nach Informationen aus englischer Quelle die Ab­sicht, das Tempo stark zu beschleunigen, also gewissermaßen die Deutschen zu überrumpeln. Natürlich wurde diesem Versuch von deutscher Seite heftiger Wider st and entgegengesetzt. Es ist anzunehmen, daß die Weiterberatung der j u r i st i ° s ch e n Fragen zunächst einen großen Raum der Verhandlungen einnehmen wird.

Die Arbeitsmethode darf als recht glück­lich beze»ck)net werden. Das Fortschreiten von leich­teren zu den schwierigeren Problemen ist geeignet, von vornherein eine Atmosphäre der Der - ständigung zu schaffen, die sonst nur schwer er­reichbar wäre, wenn sofort mit den schwierigsten Problemen begonnen worden wäre, ü6er die eine Einigung erst langsam erzielt werden kann.

Cs war ein guter Gedanke, die Sachverstän­digen bereits am ersten Tage ju einer Bespre­chung Zusammenkommen zu taffen und ihnen als leicht zu tosende Aufgaben diejenigen Para­graphen des Londoner Sachverständrgenproto- kolls zu einer neuen Beratung zu überweisen, bei denen es sich nur um formale Aragen und um neue Fassungen handelt.

Der nächste Schritt wird bereits etwas schwieriger sein, denn es handelt sich hierbei schon um Gegen- stänbe politischer Natur, die aber keinen grundsätzlichen Charakter tragen. Man darf anneh­men, daß die Lösung dieser Fragen einige Tage in Slnspruch nehmen wird. Nach der in der Vormittags­konferenz getroffenen Dreigliederung der zu beratenden Probleme werden die Sachverständigen als dritten Tell ihrer Aufgaben diejenigen Probleme

zu bearbeiten haben, über die ein# grundsätz­liche Einigung zu erzielen fein wird, ja von denen es heute noch fraglich erscheint, ob eine Lösung in der ersten Konferenz von Locarno gelingen wird. Zu diesen Problemen gehören vor allen Dingen die Fragen des Abschlusses der O st o e r t r ä g e und des Eintritts Deutschlands in den Völker- bunt). Wie erinnerlich, nimmt Frankreich die Garantierung der Ostverträge für sich selbst in Anspruch, während von deutscher Seite die Absicht vorliegt, diese Ausgabe dem Völkerbund zu er­teilen. Man versteht nun auch, warum die Tschecho­slowakei und Polen mit ihrem Eintreffen in Locarno bisher gezögert haben. Sie halten ihre An­wesenheit erst in dem Augenblick für notwendig, wo die sie persönlich berührenden Fragen Gegen­stand der Beratungen bilden werden. Auch der § 16 des Dölkerbundspaktes darf in die Kate­gorie derjenigen Gegenstände eingereiht werden, für die man fürs e r ft e noch keine Lösung siebt. Der Optimismus, der am ersten Tage so offensichtlich von allen Delegierten zur Schau getragen wird, darf daher nur als gutes Omen aufgefaßt werden. Die Schwierigkeiten werden sich wohl in der zweiten Woche einstellen.

Leichte Indisposition Dr. Stresemanns.

Die für Dienstag vormittag 10.30 llfjr angc- sehte Sitzung der Konferenz ist verschoben worden. Die Verschiebung ist wegen einer leich­ten Indisposition des Ministers Dr. Stresemann erfolgt, die auf die Auswirkung des Klimawechsels zurückzuführen sein dürfte und voraussichtlich am Dienstag behoben fein wird.

Empfang der Presse bei Chamberlain.

Berlin, 5. Ott. ($1L) Der englische Außen­minister Austen Chamberlain empfing die in Lo­carno anwesenden Pressevertreter des Ausländes. Aus den gestrigen Erklärungen der deutschen Vertretern hätte er denselben guten Willen her­ausgelesen, der ihn selbst bestreit. Gr begrüße es, daß nach den gestrigen Erklärungen des Herrn Stresemann die Berliner Verhand- lungen mit Tschitscherin keinesfalls diese Konferenz belasten. Er stimme der deutschen Re­gierung zu, die die Pflicht gehabt habe, den russischen Außenminister zu empfangen, zumal dadurch die Entwicklung der Ostfragen gefordert worden fei.

Chamberlain unterstrich ferner die Bedeutung der Tatsache, daß so kurz nach dem Abschluß eines Dölkerringens die führenden beiderseitigen Staatsmänner sich zu einer freundschaftlichen De- fprechung zusammensärrden. Zweck und Aufgabe der Konferenz sei eS, die Bitternis des Krieges unter den Völkern zu beseitigen, die durch den Krieg hervorgerufemm Leiden zu beheben und die Versöhnung unter den Rationen anzubahnen. Der Frieden dieses schönen Stückcherrs Erde sei hoffentlich eine Garantie für den guten Verlauf der Konferenz. Es liege allerdin^ im Wesen einer derartigen Konferenz, daß Schwierig­keiten vorhanden seien, dock hoffe er, daß sie sich werden überwunden taffen. Er gebe der dringenden Hoffnung Ausdruck, daß die Ver­handlungen nicht von außen gestört würden.

Italien aus der Paktkonserenz.

Locarno, 5. Ott. lTTl.) Senator Scia- l v j a , der Führer der italienischen Delegation, enrpflng am Montag vormittag einige italienische Pressevertreter, denen er folgende Mitteilung machte: Die italienische Regierung habe nicht die Absicht, die Frage der Sicherung der Brenner-Grenze auf der Locarnoer Konferenz aufzuwerfen, da sie sie nicht zum Ge­genstand eines Handels machen wolle. Wenn eine re st lose Einigung zwischen Frankreich, Belgien und Deutsch­land erzielt werden sollte, die Gewähr für einen sicheren Frieden bieten würde, so wäre die ita­lienische Regierung bereit, ihre Unterschrift unter ein derartiges Abkommen zu setzen.

Polen und Tschechen auf dem Wege nach Locarno.

Prag, 5. Okt. (TA.) Der tschecho-slowattsche Außenminister Bene sch, der am Dienstag mit seinem juristischen Sachverständigen und sei­nem" Sekretär nach Locarno abreiste, erklärte in einer Hnterrebung, daß die Sicherheits-Kon­ferenz erst Ende der Woche die tschecho- slorvattsch-deutsche Schiedsgerichtsfrage beraten wird. Er hege volle Hoffnung auf ein gutes Gelingen. Auch der polnische Außenminister S k r z y n s k i ist nach Locarno abgereist. Er wird von folgenden Personen begleitet. Mo­ra w s k i, Polens Vertreter beim Völkerbund, dem Brüsseler Legationsrat Michelstein, die Referenten im Außenministerium L i p s k i und K o r m a n i d i und dem Berliner Gesandtschafts­rat Iaskobski.

Die englische Presse zur Konferenz.

London, 6. Oft (W.T.B. Funkspruch.) Die Morgenblätter beschränken sich im wesentlichen auf die Wiedergabe der Berichte ihrer Sonder­korrespondenten und der Rachrichtenagenturen aus Locarno. Alle Meldungen heben die, opti­mistische und herzliche Stimmung hervor, die auf der Konferenz herrsche. Die Rachricht von Strese­manns leichter Erkrankung erregt Bedauern, doch