Leistung und Gegenleistung.
In außenpolitischen Fragen haben weite Kreise Deutschlands nach dem Kriege, trotz aller Nackenschläge, immer wieder einen Optimismus gezeigt, der manchmal direkt staunenswert ist. Die schwersten Angriffe vergessen wir schon nach wenigen Lagen. So geht es auch jetzt wieder mit der kürzlich in Berlin überreichten Der- sehlungsnote. die doch gerade herausgesagt eine Ungeheuerlichkeit bedeutet und obendrein einen ganz besonderen Nebenzweck hat.
Untere Presse ist darüber schon zur 'Tagesordnung übergegangen und befaßt sich heute sehr stark, leider zum Teil in optimistischem Sinne, mit der Frage des Sicherheitspaktes und der Korrektur unserer Ostgrenzen. Manche Blätter betreiben dabei sogar Dogelstraußpolitik und behaupten einfach, daß England eine Derartige Regelung der Ostgrenzenfrage in unserem Sinne selbstverständlich dulden würde. Zunächst müssen wir uns vor allen Dingen völlig klar darüber sein, daß die französische Antwort auf Deutschlands Sicherheitsangebot in Liebereinstimmung mit England, Polen, Belgien und Der Tschechoslowakei überreicht wurde. Italien stimmt in Den Haupt- zügen bei, will aber seine Brennergrenze garantiert haben und Den Zusammenschluß Deutschlands und Oesterreichs ein für allemal verhindern.
Polen gibt seine Zustimmung, und das bedeutet, daß es sich völlig sicher mit Bezug auf seine Deutfd* n Grenzen fühlt, daß es also von Frankreich und seinen anderen Paktgenossen eine genügende Garantie dafür erhalten hat. Frankreich will vor allen Dingen keine Revision des Versailler Vertrages zulassen. Wir sollen also von Den aus unserem Leibe gerissenen, uns so wertvollen Landesteilen, wir sollen von unseren Kolonialgebieten nichts zurückerhalten. In Versailles wurden Posen und ganze Teile Westpreußens sogleich an Polen abgetreten und die Abstimmungen Der Bewohner für Ostpreußen und Oberschlesien vorgesehen. Diese Abstimmungen haben in einer allen Regeln des Völkerrechts hohnsprechenden Art und Weise unter Den Bajonetten Der Entente stattgefunden, und ebenso geschah es in Schleswig.
Die Vorbedingungen des Versailler Vertrages sind nach Ansicht unserer östlichen Nachbarn sowie ihres französischen Bundesgenossen, durch diese Volksabstimmungen erfüllt, und die Grenzen sind nach Ansicht Frankreichs, Polens und der Tschechoslowakei auf rechtmäßigem Wege in ihrer heutigen Gestalt ein für allemal fixiert. Auch England erkennt diese durch Versailles bedingten Ortsgrenzen an. nur will es sich in ejnen daraus entstehenden Konlikt nicht env mischen und lediglich militärische unD maritime Hilfe bei einem Bruch des vorgesehenen Westpaktes, das heißt eines deutschen Angriffes auf die heutigen Grenzen Frankreichs und Belgiens, gewähren. Das ist olles, und das haben gewisse Leitungen bei uns als einen wesentlichen Fortschritt bezeichnet.
Als die Franzosen und Belgier in das Ruhrgebiet einrückten, da hieß es vorher auch, England und Amerika würden solch schändlichen Bruch des Versailler Vertrages nie dulden. Auch damals bliesen viele unserer Optimisten laut ims Hom. und was geschah? Die Franzosen Tagten sich. „Ruhrkohlen und Ruhrindustrie, Die man fest in den Fingern hat. sind besser als Reparationen. die möglicherweise mal bei ungenügender Sicherung ausbleiben können." Will man die volle Gefahr erkennen, dann muß. man sich besonders keine rosige Optimistenbrille aufsehen, sondern in aller Ruhe sämtliche Stimmen und Meinungen der Gegner anhören: nur so erhält man in allen Fällen ein klares, richtiges Bild, nur so wird man deutlich erkennen, was Die Gegenseite mit uns vor hat.
DieNote mit den sogenannten „Verfehlungen" wurde nur gebraucht, um uns bei den jetzt . folgenden Verhandlungen betreffend den Sicherheitspakt schneller gefügig zu machen. Llebrigens soll der gesamte Pakt erst in Kraft treten, wenn wir gnädig als Mitglied in Genf aufgenommen sind und, wie Herr Briand dort recht spöttisch betonte, den Völkerbund verschönen Dürfen.
Tatsächlich sind wir militärisch vollkommen machtlos, und der Gedanke allein eines deutschen Krieges gegen Die vereinigten Streitkräfte Frankreichs, Polens und der Tschechoslowakei ist unter den heutigen Llmständen als völlig absurd sogleich von der Hand zu weisen. And Dennoch wird das seiner Waffen und militärischen Mittel be-
Fräulein Fob.
Roman von Anders Eje.
13. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Herr Kehler ging weiter. Im Zimmer nebenan wurde an etwa zehn Tischen von Herren und älteren Damen Karten gespielt. Die vergoldeten Spielmarken lagen über die Mahagoniplatten der Tische verstreut, da und dort staken Banknoten unter den Markenkästchen oder Aschenbechern, und vor einer alten Dame in violetter Seide erhob sich ein ganz kleiner Turm von Goldmünzen. Herr Kehler machte Halt, ^unschlüssig, ob er grüßen solle oder nicht. Gerade in diesem Moment aber blickte Die alte Dame auf. James verbeugte sich tief und legte Die Hand aufs Herz.
„Puh," brach Die Dame ärgerlich aus, als Herr Kehler gegangen war, „sie werden sehen, daß er mir ünglüd bringt, der da mit seinen Narreteien."
Gleichzeitig schlug sie vom Talon einen Herzbuben auf, und Da Der Herzbub Die schlechteste Karte war, Die sie in Diesem Spiel erhalten konnte, tourDe sie in ihrer Vermutung bezüglich Des Herrn Kehler bestärkt. Der Widerwille, Der sie o us diesem lächerlichen Anlaß gegen James ergriff, sollte, wie man noch erfahren wird, nicht ohne Bedeutung bleiben.
Aber links von Der resoluten Dame in Violett sah ein magerer blasser Herr von sehr hohem Alter und großer Würde. Er haßte aus Instinkt und Gewohnheit alle Llmstürze, — auch Die historischen, Die seine persönlichen Verhältnisse gar nicht berührt hatten. Jetzt nickte er nachdenklich und wandte sich an seine Nachbarin:
„Sie haben recht, Fräulein Thorben," sagte er, „mit den Korsikanern kann man nicht genug vorsichtig sein. Denken Sie an Napoleon Bonaparte."
Doch Fräulein Karoline Thorben, Die Schwester Der Exzellenz, hörte nicht auf ihn. Sie hatte schon begonnen, Die Karten zu einem neuen Spiel zu mischen.
James Kehler sagte sich, daß sein Suchen nach Herrn Fellips unD Fräulein Fob gerade keine großen Aussichten auf Erfolg hatte. Der
raubte Deutschland in Paris DauernD als eine Nation dargestellt, die bis an Die Zähne bewaffnet jederzeit zum Losschlagen bereit ist. Llnsere deutschen Optimisten sollten sich Den Wortlaut Der französischen Tagespresse heute nur stets recht gründlich betrachten. Dann werden sie wohl anderes Siimes werden. Dabei glauben Die gallischen Chauvinisten ihren eigenen Zeitungsblöd- finn, und wenn führende Pariser Blätter wieder und wieder behaupten, daß Die Truppen Abd e( Krims in Marokko von Deutschland organisiert und reichlich mit deutschen Waffen und Kriegsmitteln versehen werden, so glauben Die französischen Zeitungsleser auch das. ,
Wenn man heute einem Volke seine Landes- gvenzen, seine Existenz überhaupt sichern will, so muß das vor allen Dingen mit Bezug auf das von schwerbewaffneten Nationen urnringteDeutsch- land geschehen. Zum mindesten Darf Der mit unseren ehemaligen Gegnern abzuschließende Sicherheitspakt nicht einseitig nur Die Vorteile Der anderen Seite sichern und uns schließlich nichts gewähren. Wenn wir Frankreich Den Besitz des stets, wenigstens in unseren Augen unD in Den Augen unvoreingenommener Historiker, deutschen Landes Elsaß-Lothringen garantieren, wenn wir Die heutigen Grenzen gegen Frankreich und Belgien anerkennen sollen. Dann müssen wir Die rasche Räumung von Ruhr unD Rhein verlangen, dann muß Die Abstimmung im Saargebiet beschleunigt und das an unseren Ostgrenzen Durch Vergewaltigung der politischen und wirtschaftlichen Tatsachen begangene schwere Anrecht nach Möglichleit wieder gutgemacht werden, dann muß man überhaupt in gerechter Weise Den Vertrag von Versailles einer gründlichen Revision unterziehen.
Wenn Frankreich und seine Freunde, unD dazu gehört auch in weitern Maße momentan noch England, unser deutsches Land als ein angenehmes Ausbeutungsobjekt auf lange Sicht betracht en wollen und in Diesem Sinne unaufhörlich gegen uns vorgehen, Dann muß sich Der Geist eines jeden Deutschen Dagegen mit aller Kraft wehren, Dann wird aus einem solchen uns aufge- zwungenen Sicherheitspakt ein Pakt Der ilnrufoe, Denn ein Volk von 60 Millionen Menschen kann sich nicht Jahre hinDurch immer weiter durch nach eigenem Vorteil und eigenem Gutdünken handelnde Nachbarn knuten unD knechten lassen.
Verlangt man von uns einen Sicherheitspakt, dann müssen auch wir Gegenleistungen fordern. Dazu gehört nicht nur Die vernünftige Richtigstellung unserer LanDesgrenzen überhaupt, sondern vor alten Dingen auch Die Herausgabe unserer Kolonialgebiete und Die vollkommene Gleichberechtigung im WelthanDel.
Die Geschichte hat gezeigt, Daß Deutschland sich niemals auf Die Dauer von fremDen Mächten bedrücken, bedrohen und aussaugen läßt.
Will man Den wahren FrieDen, will man Die wahre Gesundung Europas. Dann kann das nur Durchweinen gerechten Ausgleich zwischen Deutschland und seinen ehemaligen Gegnern, Dann kann das nur durch Garantieverträge, Die auf gegenseitiger Gleichberechtigung aufgebaut sind, geschehen. P. F.
Englisch-russische Spannungen.
Erst schien es nur, als ob Die englisch-russischen Gegensätze mehr aus Den Ansichten einzelner führender Diplomaten erwuchsen und daß auch das Problem Chinas die Lage nicht derartig zuspitzen wurde, daß man in London der Politik Chamberlains in den oftasiatischen Einflußgebieten irgendwie Schwierigkeiten bereiten würde. Noch die jüngste Intervention Amerikas und sein Vorschlag, gelegentlich der großen Abrüstungskonferenz in Washington auch eine Chinakonferenz zusammenzubringen, und die verhältnismäßig große Zurückhaltung, die trotz allem die englischen Truppen und Diplomaten bei den chinesischen Wirren wahrten, deuteten Darauf hin, daß es England keineswegs darum zu tun sei, an der chinesischen Frage sich eine militärische Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus entwickeln zu lassen. Aber die Gegensätze haben sich trotz dieser verhältnismäßig günstigen Entwicklung in Ostasien schneller verschärft, weil die Sowjetpropaganda an weit lebenswichtigeren Nerven des britischen Imperiums getastet hat, als es die britischen Interessen in Ost- afien fein konnten.
Chamberlain hat es soeben noch einmal unterstrichen, daß sich in der Auffassung der britischen
Äcziehullgcn zu Rußland, wie in den programmatischen Warnungsreden des Staatssekretärs für Indien, Lord Birkenhead, und des Staatssekretärs des Aeußern Chamberlain das gesamte britische Kabinett einig ist.
Ohne Zweifel hat Chamberlain mit dieser Betonung den hoch staatspolitischen Eindruck seiner und Birkenheads Kundgebung deshalb besonders unterstrichen weil Der russische Außenminister Tschitscherin sich öffentlich gegenüber dem Vertreter des Reuterbureaus in scharfen Worten gegen die Reden Lord Birkenheads und des Generalstaatsanwalts f)ögg gewandt hat. Denn Tschitscherin hat ganz unzweideutig wissen lassen, daß es beim Abbruch der diplomatischen Beziehungen nicht bleiben würde: „Der nächste Schritt nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen kann nur der Krieg sein."
Daß Chamberlain nunmehr auch ausdrücklich seine Äußerungen im Unterhause über die Unterminierarbeit gegen das britische Imperium durch eine „gewisse Macht" dahin präzisierte, daß er Sowjeteinflüsse gemeint habe, kennzeichnet die hochpolitische Bedeutung dieser Worte in letzter Stunde. Denn schließlich muß man in Deutschland, wo man Gesten des Außenministers als unwirksam nicht mehr zu beachten pflegt, sich vor Augen halten, daß es fid) bei diesem Warnungsduell zwischen den Stußenminiftern zweier großer Machtzentren wirklich um eine Frage auf Krieg und Frieden handelt.
Das wird unterstrichen durch die mit'englischer Hilfe vorgenommene Vertiefung des an der dänischen Seite des Sundes gelegenen Gebietes, durch Die englischen und russischen Manöver in der Ostsee und durch die Moskauer Konferenz der drei Sowjetbotschafter in Paris, London und Berlin sowie durch die Verhandlungen zwischen England und Frankreich über die gemeinsame Bekämpfung der von Moskau aus betriebenen Propaganda zur Aufhetzung der orientalischen Völker. Eine Verständigung ist nach Briands Erklärungen im Senat auf dem Marsche, aber er fühlte sich zum Schweigen verpflichtet, weil es sich um ein „äußerst delikates Problem" handelt.
Die englische Oefsentlichkeit ist äußerst stark beunruhigt. Jede Rede nimmt bereits Bezug auf die Möglichkeit eines englisch-russischen Konfliktes. Die Vertiefung des Sundes wird den größten englischen Schlachtschiffen die Einfahrt in die Ostsee ermöglichen und Rußland sieht naturgemäß darin eine Vorbereitung zum militärischen Aufmarsch. Briands Forderung auf Trennung der Sowjetregierung von den Direktiven der dritten Jnter- nationale, die auch von Chamberlain als Voraussetzung für den Weiterbestand der diplomatischen Beziehungen betrachtet wird, wird natürlich von Rußland nicht erfüllt werden können, schon deshalb nicht, weil sich die Sowjetregierung nie verantwortlich zu fühlen braucht für das, was die dritte Internationale vornimmt. Es ist genau so, wie wenn Mussolini seine Faszisten toben läßt und doch nicht die Verantwortung dafür zu übernehmen braucht. Für die Diplomatie und die große Politik der Mächte ist ein solcher Stillstand unhaltbar und Chamberlain hat nur allzu recht, wenn er es als eine Unmöglichkeit bezeichnet, einen Vertreter der Macht in den eigenen Mauern zu beherbergen, mit der man vielleicht schon am nächsten Tage die Waffen kreuzt. Und Zündstoff ist ja bei den stark divergierten Interessen des britischen Imperiums und Sowjetrußlands nur allzu reichlich vorhanden. Man erinnere sich nur an Kleinasien, an die Del- konzessionen in Persien, an die Einflußsphären in Afghanistan, an die Grenzwirren in Tibet usw. Kurz, es gibt kaum ein Fleckchen der indischen Einflußgebiete, wo nicht alles zur Entscheidung drängt und Lord Birkenhead fordert realpolitisch aus Anlaß der Chinawirren nur die Klarheit, die zur Führung einer gesunden Politik des Kaiserreichs unbedingt erforderlich ist.
Bürgermeisterwahlen im Kreise Gießen.
Z Lollar, 6. Juli. Bei der gestrigen Bürgermeisterwahl machten von 1321 Wahlberechtigten 1158 von ihrem Wahlrecht-Gebrauch. Davon entfielen auf den seitherigen Bürgermeister Schmidt 857 Stimmen. Sein Gegenkandidat, Gemeinderat W i s s e m a n n , erhielt 289. Ungültig waren 12 Stimmzettel. Bürgermeister S ch m i d t ist hiernach wiedergewählt.
n. Alten-Duseck, 6. Juli. Bei Der gestrigen Bürgermeisterwahl wurde BeigeorD--
Kommunalpalast hatte seine Prachträume für Diese Wohltätigkeitsveranstaltung geöffnet, zu Der fast zweitausenD Personen erschienen waren, man tanzte in sechs verschiedenen Sälen, man spielte Karten oder Roulette in neun Salons und man labte sich an etwa zwanzig flaggengeschmückten Bufetts. Heberall wimmelte es von Leuten. Unter solchen Umständen war es fast undenkbar .....
Aber wahrhaftig, — Herr Kehler hatte mit einem Mal Glück. Gerade gegenüber, auf Der anDeren Seite Des Treppenabsatzes, mit Dem Rücken gegen Die Balustrade, entdeckte er Fräulein Fob, in lebhaftem Gespräch mit — Fellips. Sie stand so, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte, aber der Bankier wandte ihm halb sein Profil zu.
Herr Kehler überlegte.....Rein. Entsprach
Ritts Bericht der Wahrheit, war Fellips vor kaum einer Stunde tatsächlich so gründlich aus Dem Konzept gefallen, so schien er sich zum mindesten sehr rasch wieDer gefaßt zu haben. Unbekümmert spielte ein Lächeln um seine Lippen, unD Die ganze Haltung trug Das Gepräge einer unbeschwerten Eleganz.
Herr Kehler beschloß, Das Tete-ä-Tete zwischen Fräulein Fob unD ihrem Kavalier zu stören, unD näherte sich dem Paar — man konnte ja zum Vorwand immerhin einen Tanz begehren, — aber so weit kam er gar nicht. Auf halbem Wege begegnete er unerwartet einem Blick aus den Augen der jungen Dame, der Kehlers liebenswürdige Mimik zu Eis erstarren ließ. Fräulein Fob hatte ihn aber nicht einmal feindlich angesehen, — ihre Blicke hatten ihn gestreift, ohne Daß in Deren kühlem, flimmerndem Ausdruck eine Aenderung gemerkt werden konnte.
Während Kehler seine Wanderung durch hie Galerie aufs Geratewohl fortsehte, dachte Fräulein Fob nach, o-b sie Herrn Fellips auf den Korsikaner aufmerksam machen sollte, den sie natürlich gesehen, und ob sie ihm die Details im Schlußakt des Savoy-Abenteuers mitteilen sollte, nachdem man schon mitten in den reuevollen Geständnissen stand. Aber sie brachte es nicht über sich. Die ganze Sache war ja auch vollkommen bedeutungslos.
Dafiir sagte sie:
„Jetzt, da Sie alles wissen, möchte ich gern Ihre Meinung hören.....“
„Meine Meinung.....worüber? Lieber Ihre
oder über meine Aufführung?"
„Zuerst das eine und Dann das andere. Beginnen Sie mit der meinen.“
Herrn Fellips' Blicke schwebten über die Galerie, als ob sie nach irgendwas suchten.
„Wenn ich nicht wüßte, daß Sie alkoholhaltige Getränke verabscheuen, würde ich Ihnen Vorschlägen, zu einem der Bufetts zu gehen und ein Glas Champagner zu trinken. Zum Zeichen gegenseitiger — wie soll ich nur sagen — Verzeihung."
„Ist es nur dies," fiel Fräulein Fob lebhaft ein, „so laßt uns sofort gehen. So wie Heinrich der Vierte mache ich bei außerordentlichen Ereignissen Ausnahmen. Also vorwärts, mein Herr!"
Fellips gelang es, in einem abgelegenen Winkel einen freien Tisch zu entdecken. Eine der Kellnerinnen kam mit Der Weinkarte.
„Welche Marke?" fragte Der Bankier aus alter Gewohnheit.
. Mumm," antwortete Fob rasch. Sie hatte Den Namen des Oberkellners in der sündhaften Nacht nicht vergessen. Fellips verstand die Anspielung, ließ sie aber, ohne eine Miene zu verändern, von sich abgleiten. Jetzt war er gewarnt.
Während Herr Fellips bestellte, überlegte Fob. Sollte sie es wagen? ..... Sollte sie es
wagen, Herrn Fellips nach den weiteren Ereignissen dieser Nacht auszufragen, nach dem Namen und den persönlichen Verhältnissen ihres Retters, nach den Absichten und Plänen des Bankiers bezüglich dieses Mannes — wenn er überhaupt solche gehabt hatte. Wenn die Auseinandersetzung zwischen den beiden Herren sich nach dem gleichen Programm vollzogen hatte wie jetzt — bei einem Glas Champagner — wäre Die Gefahr, davon zu sprechen, nicht so groß gewesen, aber Fob war ihrer Sache nicht sicher. Sie hatte Herrn Fellips' vorbehaltlose Selbstschilderung in allzu frischer Erinnerung.....
Er war rachsüchtig, hatte er gestanden. Aber in dem herzlichen und verehrungsvollen Blick,
netcr Heinrich Becker mit 433 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Der seitherige Bürgermeister Rau erhielt 218 Stimmen. Ein Wahlkamps und Die sonst üblichen Trinkereien fanden nicht statt. Heinrich Becker war bis jetzt bei der Firma Bock zu Gießen als Werkmeister in der Zigarrenfabrik tätig. Er erfreut sich hier in den weitesten Kreisen großer Beliebtheit.
V. Londorf, 5. Juni. Am heutigen Sonntag sand die hiesige Bürger meist erwähl statt. Der bisherige Bürgermeister Wilhelm Aumann II. wurde mit 465 Stimmen wieder- gewählt. Es wählten ca. 80 Proz. Der Gegen- kandidat Heinrich Bott, welcher sich auf Anregung einiger Wähler zur Annahme einer Kandidatur hatte bewegen lassen, trat am Tage vor Der Wahl zurück, wohl in Der richtigen Annahme, Daß eine KanDidatur gegen unseren bewährten und allseits beliebten Bürgermeister Aumann aussichtslos sei. Die Beliebtheit und Anerkennung, Die sich Bürgermeister Aumann in seiner 23jährigen Amtszeit erworben hat, bekunDete am Abend der Wahl fast das ganze Dorf, welches unter Führung des Gesangvereins „Frohsinn" dem Gewählten ein Ständchen und feine Glückwünsche darbrachte, für die der Geehrte herzlichst dankte.
—.= Watzenborn-Steinberg, 5. Juli. Außerordentliche Beweise größten Vertrauens, Der Anerkennung und der Einmütigkeit, wie man sie sich nicht schöner hätte Denken können, ergab Die gestrige Bürgermei st erwähl für unseren seitherigen Bürgermeister " K»rl Schäfer III. Erhielt er Doch von 1386 Wahlberechtigten 922 Stimmen. Von den beiden Gegenkandidaten erhielt Heinrich Haas III., Schuhmachermeister, 316, und der Schriftsetzer Otto Burk 25 Stimmen. 6 Stimmen waren ungültige Bei her Wohnung des neugewählten Bürgermeisters erschienen nach Dekamitwerden des Ergebnisses mshr als .seine Wähler, um ihn zu beglückwünschen. Beherzigensweicke Worte richtete der Bürgermeister Schäfer an Die Versammelten. Der Gesangverein Germania überbrachte dem Neugewählten, seinem Mitgliede, ein Ständchen und seine Glückwünsche.
is. S t e in b a d), 5. Juli. Die heutige Bürger- mei st erwähl stand im Zeichen schärfster Agitation. Nachdem man in den letzten Tagen nur gerüchtweise von einem Gegenkandidaten hörte, trat die Gegenpartei noch Samstag abend mit dem Postschaffner ftch. Keßler II. als Kandidaten auf. Die Wahlbeteiligung war sehr rege. Don 677 stimmberechtigten Wählern machten 609 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Es entfielen auf den seitherigen Bürgermeister K r äm e r 492 Stimmen, der Gegenkandidat Keßler brachte es nur auf 111 Stimmen; sechs Stimmen waren ungültig. Krämer. der das Bürgermeisteramt bereits 15 Jahre führt, ist somit auf weitere sechs Jahre wieder gewählt.
> Holzheim, 6 Ium. Bei der gestrigen Bürgermei st erwähl wurde bet ziemlich starker Wahlbeteiligung unser seitheriger Bürgermeister Heinrich Wetz II. trotz eifrigsten Bemühens einiger Gegner wiedergewählt. Von 678 abgegebenen gültigen Stimmen entfielen auf seine Person 574, während sein Gegenkandidat, Wilhelm Grieb VIII. nur 104Stimmen auf sich vereinigen konnte. Bürgermeister Wetz hat sich in Den sechs Jahren seiner Amtstätigkeit sehr bewährt unD sich zweifellos große Verdienste um das Wohl unserer Gemeinde erworben. Seine Wiederwahl wird hier mit Freuden begrüßt.
h. Birklar, 6. Juli. Bei der gestrigen Sür« germei st erwähl wurde Bürgermeister Mül- ler zum dritten Male einstimmig wieder- gewählt. Die Wahlbeteiligung war trotzdem sehr rege. Dem Gewählten wurde der übliche Baum gesetzt, und ein Fackelzug brachte ihm bei Eintritt der Dunkelheit ein Ständchen.
I. Hungen, 6. Juli. Bei der gestrigen Bürgermei st erwähl in unserer Stadt wurde der bisherige Bürgermeister Julius Fendt auf 6 Jahre wiedergewählt. Er erhielt 532 Stimmen, sein Gegenkandidat Wilh. Wieder st ein 449. Von 1085 Wahlberechtigten stimmten 992 ab, ungültig waren 11 Stimmen. Bürgermeister Fendt steht seit 1904 ununterbrochen an der Spitze unserer Stadt.
* Dilling en, 6. Juki. Bei der gestrigen Bürgermei st erwähl wurde der Maurermeister Heinrich Pauli III. mit 336 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Sein Gegenkandidat. der Beigeordnete Otto Zimmer III., erhielt 288 Stimmen. Der seitherige Bürgermeister Rühl, der 24 Jahre Bürgermeister
den er in diesem Augenblick auf sie warf, lag nicht die mindeste Rachsucht.
„Zum Wohl, Fräulein Fob. Wenn Sie erlauben, nenne ich Sie so."
„Tun Sie es nur, alle nennen mich so."
„Verzeihen Sie die Frage. Sind Sie auf Fob getauft?“
„Das war nur Papas Idee, aber es ging mit ihr, wie mit allen feinen Ideen, — sie tourDe populär. Unö jetzt nennt mich nur Tante Karoline bei sehr feierlichen Gelegenheiten Marianne, oder wenn sie bös auf mich ist."
Fob schwieg. Sie dachte plötzlich an etwas.
„Hören Sie," sagte sie Dann sehr eifrig, „ich werde Ihnen etwas erzählen, wenn Sie mir dann etwas anderes sagen."
„Also ein christliches Tauschgeschäft."
„Jawohl."
„Ich bin mit allem einverstanden."
„Sie waren neugierig, warum ich Fob heiße. Ich werde Ihre Neugierde befriedigen. Lind dann befriedigen Sie die meine, — in einer anderen Sache. Passen Sie also auf. Vor ungefähr neunzehn Jahren wurde an Bord eines großen Schiffes mitten zwischen Neuyork und Boulogne ein Baby geboren. Das Baby war ich. Der alte Fili, — Papa, wissen Sie, — hatte eine schreckliche Freude über meinen Einfall, zur Welt zu kommen, nachdem das Schiff den Hafen schon verlassen hatte, denn sonst hätte er doch ein halbes Billett für mich lösen müssen. Schon damals war bei Papa Der Sinn für ersparte Auslagen bedeutend entwickelt. Das große Ereignis sollte aber auf irgendeine Weise fest- gehalten werden, — am liebsten auf eine billige Weise, — und Da fiel es Papa Fili ein, mich Job zu nennen: das sind Die Drei Buchstaben, Die auf alle portofreien Kolli gesetzt werden, — free on board. War dies nicht pfiffig?"
„Ihr Vater ist ein hochbegabter Mann," sagte Herr Fellips ernst.
„Das war also meine Erklärung. Jetzt kommt die Reihe an Sie."
„Ich bin bereit, Fräulein Fob. Wie lautet die Frage?"
Fob blickte in ihr Champagnerglas, in dem die sprühenden Schaumperlen ihr Spiel ohne Ende trieben. (Fortsetzung folgt)


