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Nr. 33 Zweites Matt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, b. Juni (925

Augenpolitische Umschau.

Don Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M. d.R.

Die Militärkontrollnote ist endlich fertig übergeben Dieviele Monate hat die an­dere Seite dazu wirtlich gebraucht? 03.r müssen schon weit -urückdenken. wenn wir uns an die 2020 Kontrollbr'uche. die dafür Lurchgeführt wor­den sind, erinnern und daran denken.dah eigent­lich schon im vorigen Winter das alles hätte fertig sein müssen, als die Räumung der Kölner Zone spruchreif war. Es konnte auch längst fertig sein. Driand hat im Senat selbst erklärt, daß diese Verfehlungen Deutschlands, die öle Rote fest- stellen will, im einzelnen betrachtet, wenig be­deuten, und er konnte für das ganze nicht mehr sagen, daßfreilich, wenn man sie zusammen nehme,ein kleiner Schauer der Beunruhigung für Frankreich dadurch verursacht würde". Zynischer konnte man nicht sagen, daß diese Kontrollliste gar nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern nur Mittel zum Zweck, die Deutschen schikanieren zu können und Dorwände zur Derzögerung der Räumung von Köln zu Haden.

Ein Termin, zu dem Köln geräumt wird, ist noch nicht gesetzt. England möchte Frankreich darin feft legen. daß diese sogenannten Derfeh- lungen bis zum Herbst bereinigt werden können und Köln im September geräumt würde.

Können wir im Ernst nach allen Erfahrungen der letzten Zeit an eine solche Aussicht glauben? Sollen wir nicht mißtrauisch sein, daß dann wieder Dorwände zur Richträumung ge­sucht werden, wenn nämlich bis dahin eine Eini­gung zwischen England und Frankreich über die Sicher heitss rage nicht erfolgt ist?

3n dieser sind sich die Standpunkte trotz des vielen Papiers das mit Roten beschrieben wird, und trotz der Konferenzen nicht naher ge­kommen. Unter kZnen Umstünden will England das alte Bündnis mit Frankreich und Belgien wieder haben und unter keinen Umständen will es sich auf die deutsche Ortsgrenze oder in der Frage des österreichischen Anschlusses irgendwie fest­legen. Driand aber will, wie inan in England hübsch sagt, den Dersailler Der trag durch den Garantiepakt stereoty­pieren. Ratürlich einschließlich der Grenzen Deutschlands im Osten und Südosten, also in der Garantie für Polen und die Tschecho­slowakei. die England positiv ablehnt.

Am 9. Juni beginnt der Dölkerbundsrat wieder. Chamberlain und Driand werden sich dabei zum ersten Male nad) dem Amtsan­tritt des letzteren sehen und natürlich fehlt auch der geschäftige Dr. Benefch nicht. Cs scheint, als wenn Chamberlain immer noch der Idee nachhänge, das Bündnis mit Frankreich und Belgien allein zu erneuern. Aber er wird dazu nicht die Instruktionen seines Kabinetts erhalten und wird eher ausscheiden müssen, als daß Eng­land in dieser Richtung geht. So gehen diese Auseinandersetzungen weiter, an sich ermüdend, auch in vielem kleinlich, aber in ihnen spielt sich doch ein großer politischer Vorgang ab: das Auseinandergehen zwischen Eng­land und Frankreich, deren Wege sich eben scheiden müssen, weil die Ziele der großen Politik für die beiden Staaten, nachdem der Weltkrieg vorbei ist, in den konkreten Fragen verschiedenartig ge­worden sind. Und es wird von der Festigkeit Englands, von einem wachsenden oder nichtwach­senden Einfluß der Dereinigien Staaten ab­hängen. wieweit sich die Scheidung vollzieht, während Frankreich sich zu fragen hat. ob es dann in die Isolierung hmeinsteuert. in der es allmählich nur noch auf die Bundesgenossenschaft von Polen und Belgien, nicht einmal mehr der Tschecho-Slowakei. geschweige anderer europäi­scher Staaten zählen kann.

Hinter diesem hochpolitischen Kampfe tritt die handelspolitische Arbeit zurück. In Deutsch­land gab es freilich barurn die schwere Auseinan­dersetzung um die Annahme des Handelsab­kommens mit Spanien, die am 20. Mai zustande kam unter der Zwangslage der poli­

tischen Erwägungen und gegen bestimmte Ver­sicherungen der Regierung in bezug auf die Wetterführung des Vertrages. Das gründ äyliche Bedenken bleibt dabei vestehen. daß die im Handelsabkommen mit Spanien eingegangenen Bindungen automatisch und zwingend auf die weiteren Verhandlungen mit Frankreich und Italien wirken. Das ist erneut eine Mahnung, die Handelspolitik und die große Politik im Zu- sammenhang zu behandeln, unb es ist er­neut eine Mahnung, nicht die groß: Linie aus dem Auge zu verlieren, nicht sich das Gesetz des Handelns in diesen Dingen vom Gegner vor­schreiben zu lassen.wie es im Kampf um das deutsch-spanische Abkommen innen- wie außen-

Deutscher interejfierte, wird jetzt glücklicherweise Gemeingut werterer Schichten, namentlich bei der Jugend, und muß das auch werden. Das In­teresse an den Grenz- und Auslanddeutschen und ihren Sorgen, die Arbeit und Lieb« für sie, die Einsicht, daß diese Fragen Lebensfragen unseres Volkes im ganzen sind, muß wachsen. Wir müssen wissen, daß es unser Schicksal ist. wenn draußen, in Polen und in der Tschecho- Slowakei ein Stück deutschen Volkstums ab- bröckelt oder versinkt, die Einsicht, daß es daraus ankommt. wieviele Deutsche in den verlorenge­gangenen Gebieten sitzen, wenn einmal die Fesseln des Versailler Vertrages reißen, muß zunehmen. Wir freuen uns dieser machtvollen

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politisch der Fall war. Konkret ausgedrückt heißt das. jetzt müssen wir so bald wie möglich die Ent­scheidung über die handelspolitische Rüstung, über den Zolltarif, herbeiführen unb müssen in einem festen Programm die weiteren Derhanb- lungen führen, erst mit Frankreich, bann mit Italien, bann erst ben Abschluß mit England tätigen. Der Abschluß mit Nordamerika oder Verhandlungen nach dem Osten hin gehören in ein ganz anderes Kapitel unb gehen für sich. Aber ohne daß sich der Außenminister und der Reichswirtschaftsminister sowie die ganze Re­gierung klar machen, wie sie diese handelspo­litische Arbeit der nächsten Monate anregen wollen, ohne das verlieren sie noch stärker die Zügel aus der Hand, als es bisher wieder der Fall war. Dann arbeitet man in der Linie, die heute noch Wunsch der Linken ist und die. wie derVorwärts" bei Besprechung des spanischen Abkommens schon als feststehend jubelnd erklärt, eine freihändlerische Rote in die ganze künftige Handelspolitik hereingetragen werde, die zu den Schuhzolltenbenzen der SchuhzolltarisnovÄle in Widerspruch ständen. Durch solche ineinander­greifenden Bindungen im Zusammenhang mit der Meistbegünstigung wird es unmöglich gemacht, die eigne Handelspolitik, die Schutzinteressen, wirklich durchzuführen und durchzusetzen und dann ziehen Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen herauf, die verhängnisvoll sind, die an den Kampf um die Handelsverträge des Reichskanz­lers von Caprivt erinnern.

Heber Staat und Wirtschaft hinaus das Volk, das Auslanddeutschtum. das Grenzland- beutichtum. Wir denken an die großen wir­kungsvollen Tagungen in Münster unb Kuf­stein, des Schutzbundes unb des Vereins für bas Deutschtum im Auslanbe. Was früher nur verhältnismäßig enge Kreise weiterblicken ber

Kundgebungen, ihres Schwunges, ihrer erziehe­rischen und begeisternden Kraft und wünschen ihnen weithin Rachhall und Rachahmung. Es ist Ar­beit an ber Zukunft bes Volkstums, bie ba getan wird in der Forderung, das Ein- heitsbewußtsein über alle Grenzen des Staates hinaus zu wecken, Dolkstumsarbeit ist bie Er­ziehung zu einem deutschen Bewußtsein, das ge­rade an den Kämpfen und Schicksalen der Deut­schen außerhalb der Reichsgrenzen sich stählen und Hären soll und kann, älnd dieser Schwung, diese erhebende und erzieherische Kraft im Be­kenntnis zum Deutschtum über die Grenzen hinaus, wie sie durch diese Tagungen ging und Hunderttausende unserer Volksgenossen ersaßt hat, bie soll auch in ber nun kommenden schweren Arbeit der Innen- und Außenpolitik in uns lebendig unb richtunggebend sein.

Aus der Provinz.

Landkreis Gießen.

* Klein-Linden, 6. Juni. Am 21. Juni begeht der hiesige Mannergesangverein '21 r i o n" sein 35jähriges S t i f t u n g s f e ft. Aus Anlaß dieses Gedenktages soll nach Teilnahme des Vereins am Gottesdienst auf dem Friedhof eine schlichte Gedächtnisfeier für die 32 verstorbenen Vereinsmitglieder ftattfinben. Die Festansprache hält Pfarrer Ackermann.

Grohen-Buseck. 5. Juni. Ein il n - glückssa11 mit tätlichem Ausgang er­eignete sich gestern mittag kurz nach 12 älhr in unserem Dorfe. Der Landwirt C h r i st o p h Schwalb II. befand sich mit einem Rind auf der Straße, als das Tier plötzlich scheute, Öen Mann zu Boden riß und ihm zweimal heftig auf den Leib trat. Dem Bedauernswerten wur­

den dadurch zwei Rippen gebrochen und die Leber zerrissen. Einige Stunden nach dem Unfall erlag ber Mann seinen schweren Verletzungen.

* Lich, 5. Juni. Wegen Vornahme von Walzarbeiten wird bie K r c i »ft r a f> c Langs- dor fL i ch zwischen Lich und Dir klarer Abfahrt von Montag, 8. Juni, bis auf wei­teres für ben Durchgangsverkehr gesperrt. Die Sperre zwischen Dirklarcr Abfahrt und Langsdorf wird am gleichen Tage wieder auf­gehoben. Der Verkehr wird über Muschenheim bzw. Rieder-Bessingen geleitet.

Mrcie Jricdbcrg.

sf. Friedberg. 5. Juni. Das hiesige Po­lytechnikum. das im öffentlichen und wirt­schaftlichen Leben der Stadt c.ne immer größere Rolle spielt, war im vergangenen Seme­ster von 596 Hörem besucht, im Sommersemester wurden 141 neu ausgenommen. Die Zahl der deutschen Studierenden betrug 562 (bacn-n 393 Preußen, 97 Hessen), das Ausland war vertreten durch 1 Holländer. 7 Lettländer. 3 Dikaucr, einen Oesterreicher. 5 Russen. 4 Rumänen. 2 Ts Scho­stowa ken. 5 Türken und 4 Ungarn. Es ist dank­bar zu begrüßen, daß die Stadtverwaltung be- fchlossen hat. die seitherigen unhaltbaren Zu­stande durch einen Äcubau ein Ende zu be­reiten. ein Wettbewerb ist bereits ausgeschrieben. Rach Erledigung der Vorarbeiten soll noch im Herbst der Bau in Angriff genommen werden. Man kann wohl mit Bestimmtheit damit rechnen, daß nach Herstellung eines würdigen Bauwerkes ein bedeutender Aufschwung ber Aist alt eintrtii. Don großem Werte ist auch die Einrichtung eines akademischen Mittagstisches. der für 33 Pf. eine gute und arrsreichende Mahlzeit biet ei unb so dazu beiträgt, manchem weniger Bemittelten das Studium zu ermöglichen. Die über ganz Hessen verbreitete Familie R o e nt h e l d hielt im hie­sigen Kasino einen Familientag ab. an wel­chem sich über 50 Mitglieder der Familie be­teiligten und der einen sehr schönen unb ange­regten Verlauf nahm: den Vorsitz führte Geh. Iustizrat Roemheld-Ridda.

4 Dad-Rauheim. 4. Juni. Ein Mann, ber sich um bas Bad und überhaupt für die Allgemeinheit große Verdienste erworben hat, feierte heute in voller Arbeitsfrische seinen 7 0. Geburtstag: Wilhelm Wallmann, der Leiter des hiesigen DerkehrsbureaüS. Der Jubilar ist Mitbegründer deS Bundes deutscher Derkehrsvereine und deS Verbandes hessi­scher Derkehrsvereine. 2m Arbeits­ausschuß des letzteren, dem er seit Bestehen nunmehr ein Dierteljahrhundert ununterbrochen angehört, hat er viel ersprießliche Arbeit geleistet, wie er überhaupt immer für die Hebung des Fremdenverkehrs in Hessen unermüdlich tätig war. DerOffizielle Führer von Bad- Rauheim", der alljährlich kostenlos an viele Tausende von Kurgästen verabreicht wird und ihnen ein zuverlässiger Ratgeber ist, ist in des Hauptsache Wallmanns Werk. Die allseitige Hochschähung, die der in seinem Wesen schlichte Mann findet, tat sich heute durch zahlreiche Ehrungen kund. Vertreter der Stadt, der Ver­kehrskommission, der Kurverwaltung, der Ver­eine und viele Private erwiesen ihm ihre Auf­merksamkeit. Möges es dem arbeitsfreudigen Manne noch lange vergönnt sein, für unser HMi- sches Bad und darüber hinaus für unser ge­samtes Hessenland wie seither segensreich zu

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Das Venedig Japans.

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Das Gebiet, das jetzt wieder von einer so furcht­baren Erdbebenkatastrophe heiNigesucht worden ist, liegt im Westen Japans und umfaßt die weitere Um­gebung der Stadt Osaka, der zweitgrößten Stadt des Landes, deren Einwohnerzahl nach den neuesten Zählungen sogar noch die Tokios übertreffen soll. Man hat. Osaka dasVenedig Japans" ge­nannt, und zweifellos erinnern die vielen, die Stadt durchschneidenden Kanäle an die Lagunenstadt, wenngleich die altjapanischen niedrigen Gebäude mit den 'jtenaiffancepaläften Venedigs an Pracht nicht wetteifern können. Auch in Osaka ist der Bootsver- kehr ein Hauptbeförberungsmittel, und auf den stillen Kanälen, die von den malerischen Konturen der altjapanischen Baukunst eingerahmt sind, träumt noch die Romantik, während auf den breiten, gut gepflegten gepflasterten Straßen sich richtige Wolken­kratzer erheben und der Verkehr einer modernen Großstadt dahin^raust. In Osaka Haden zahlreiche große Industrien ihren Sitz, und es wird hier sehr viel gearbeitet.

Durchwandert man abends die Straßen unb Gassen, so sieht man in den nach außen in der ganzen Breitseite sich öffnenden Wohnungen noch bis spät in die Nacht die Handwerker, wie die Schneider, Schuster, Metallarbeiter, Glasschleifer, Uhrmacher, Barbiere, tätig. Dabei war bisher die Bevölkerung außerordenllich genügsam: R e i s und immer wieder Reis, dazu einen getrockneten Fisch und ein Kännchen grünen Tee und man war vollauf befriedigt.

In der Neuzeit zeigt sich allerdings auch in den breiten Volksschichten das Verlangen nach größerer Abwechslung der Nahrung. Ebenso steigt anscheinend, wenigstens in den Großstädten, die Dergnügungs- sucht, die teils in den Tee Häusern, in denen Geishas Tänze aufführen, befriedigt wird, aber auch in den zahllosen Th^eatern, Kinos, Restaura­tionen und auf den Straßen sich auswirkt. Man muß das bunte Leben und Treiben auf der Theater­straße in Dotombori, dem Vergnügungsviertel von Osaka, die mit Fähnchen und Reklameschildern und bunten Tüchern überreich geschmückt ist, erlebt haben, um zu wissen, daß es auch in Japan recht vergnügt zugehen kann.

Vorzüglich sind in Osaka die Volksschulen ein­gerichtet. Die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt sind das mächtige alte Schloß Oshiro, das mit

seinen gewaltigen Granitmauern und wuchtigen Ge­bäuden noch an die alte Ritterzeit gemahnt, und die großartige Tempelanlage von Tennoji. Von der hochgelegenen Terrasse des Schloßhofes hat man einen weiten Umblick über die Delta-Ebene des Jo- dogawa-Flusses, der in den Golf von Osaka mündet. Uebrigens spielt auch das deutsche Moment in Osaka eine Rolle. Davon kündet eine deutsch-japa- nisches Sommerfest, das Professor Hans Driesch mit seiner Frau auf seiner letzten ostasiatischen Reise mitmachte. Er erzählt, wie er in Osaka zu einer Sit­zung des Deutsch-Japanischen Vereins eingeladen wurde. Die Sitzung fand in einer Braue­rei. deren Besitzer in Weihenstephan bei Frei­sing studiert hatte, unter einem großen, mit Lam­pions, Fähnchen und Girlanden dekorierten Zelt statt. Erst hörten wir einen Vortrag, dann setzten wir uns alle an lange Tische und man reichte uns sehr gutes japanisches Bier vom Faß und Aufschnitt. Die japanischen und deutschen Herren wechselten auf Deutsch herzliche Reden. Fast alle anwesenden Ja­paner hatten kürzere oder längere Zeit in Deutsch- land studiert. Es war ein wirklich harmonisches Zu- samensein.

Die Rosenindustrie Bulgariens.

Don M. Büttner.

Gerade diese späten Frühlingstage sind für Bulgarien wie alljährlich die Zett der Rosenernte; die ersten Blüten werden etwa vom 1. bis 15. Mai, die letzten um den 15. Juni herum gepflückt. Bei_an- kfdltend warmer Witterung vollzieht sich die Ernte schneller, weil dann alle Stöcke innerhalb von vier­zehn Tagen aufblühen. Bei kühlerer Temperatur und häufigeren Regenfällen dauert die Ernte etwa einen_ Monat lang. Das Pflücken beginnt täglich mit Sonnenaufgang unb wird im allgemeinen nur bis 9 Uhr morgens fortgesetzt, feiten jedoch länger, da die nach 9 Uhr gepflückten Rosen erfahrungs- gemäß leicht an Duft verlieren und einen geringeren lelertrag liefern.

Die bulgarische Rose gedeiht am besten an den milden südlichen Abhängen des Balkans und hier insbesondere in dem geschützten berühmten Rosental von Kasanlik und Karlowo. Hier vollzieht sich um diese Zeit die Rosenernte, und man mag sich Bild unb Stimmung ausmalen, wenn man etwa eine Weinernte am Rhein in sorgloseren Zeiten miterlebt hat. Unter einem strahlenben Himmel bietet es einen reizvollen, malerischen Anblick, wenn die bulgari­

schen Mädchen, gesunde Bäuerinnen mit rosigen Wangen unb in ihren bunten Gewänbern, fingenb die frischen, samtartigen Blüten sammeln. Wie ein leuchtendes, vielfarbiges Gemälde schimmert dann das ganze paradiesische Tal, und eine Wolke süßer Düste schwebt darüber. Die Blumen werden in dem Zeitpunkte gepflückt, in dem sie am frischesten und lieblichsten sind, also noch an demselben Morgen, an dem sich die Knospe erschlossen hat. Jede junge Blüte, die sich gerade öffnen will, wird mitleidlos von Mädchenfingern geknickt und in den Sammel­korb geworfen. Auch die Destillation der Rosenblätter muß noch am Tage des Pflückens selbst erfolgen. Um ein Kilogramm Blütenblätter zu erhalten, müssen durchschnittlich 1000 Rosen sterben. Ein Hektar der Plantagen von Kasanlik erbringt annähernd 3000 Kilo Blütenblätter, was mithin etwa drei Millionen Rosen entspricht, unb erst biese liefern ein einziges Kilogramm des kostbaren Dels. Der einfache bul­garische Bauer, ber sich noch nicht ber mobernen Destillationsapparate bebient, benötigt bafür sogar fast die doppelte Materialmenge.

Von besonderer Wichtigkeit ist die Preisfrage, bie auch auf biesem Gebiet manche Schwierigkeiten bietet. Im allgemeinen wirb alljährlich der Verkaufs­preis der Rosen einige Zeit vor ber Ernte durch eine Vereinbarung zwischen den Delfabritanten und den Rosenbauern festgesetzt. In diesem Jahre ist eine entsprechende Einigung noch nicht erzielt worden, da die Bauern diesmal einen wesentlich höheren Preis fordern als den vorjährigen, der 8,40 Lewa für das Kilogramm betrug.

In den letzten Jahren ist die bulgarische Rosen- tultur ziemlich stark zurückgegangen, zu einem gro­ßen Teil als eine Folge des Krieges, durch den die früheren Hauptabsatzgebiete Frankreich und Belgien verloren gegangen sind. Aber auch die Fortschritte ber chemischen Jnbustrie in ber Erzeugung künst­licher Riechstoffe, die Verringerung des Luxusbedarfs in der Welt sowie hohe Schutzzölle auf Parfümerien tragen dazu bei. Während die mit Rosen bebaute Fläche in Bulgarien im Jahre 1912 noch rund 10 000 Hektar umfaßte, betrug sie 1915 nur noch 8522 und im Jahre 1924 sogar nur noch 4599 Hektar.

Diel gefdjabet haben der Rosenölindustrie jedoch auch die Fälschungen, bie durch Zusatz von Gera- niumöl hauptsächlich türkischen Ursprungs zu ber echten Es'eckz heroorgerusen werben. Wel­chen Umfang diese Fälschungen angenommen haben, ergibt deutlich die amtliche Statistik. Danach wurden z. B. 1915 in Bulgarien erzeugt 3858 Kilo Rosenöl, ausgeführt dagegen 5502 Kilo, im Jahre 1920 wur­

den erzeugt 1702 Kilo, exportiert aber 4038! Bor dem Kriege war Deutschland einer der besten Ab­nehmer. Im übrigen wird das echte Rosenöl wegen seiner Stärke nicht direkt als Parfüm verwendet, sondern dient der Riechstoff-Fabrikation als Roh­stoffmaterial. Eine gewisse Konkurrenz zur Rosen - i.ibuftrie Bulgariens, wo diese übrigens schon seit mehr als 300 Jahren heimisch ist, bilden noch bie Kulturen in Persien, im türkischen Kleinasien unb in Grasse (Frankreich), ohne daß aber das dort er­zeugte Del es nur entfernt an Menge und Güte mit der unverfälschten bulgarischen Essenz aufnehmen konnte.

Der Kuriosität halber sei endlich noch erwähnt, baß zur Sortierung bieses eigenartigen Wirtschafts­zweiges in Sofia unb Kafanlif ein befonberes Fi­nanzinstitut besteht, bas ben poesievollen Namen Rosenbank" unb bie TelegrammabresseRosabank" führt. Das Unternehmen befaßt sich einerseits mit bem Vertrieb winziger Rosenölfläschchen in Holz- etuis im bulgarischen Stil, bie man alsAnbeuten an Bulgarien" ben fremden Besuchern anhängt: andererseits finanziert die Bank aber and) ben Engrosverkauf unb Export als Organ der Vereini­gung bulgarischer 'Rosenölprobuzenten.

Gießener Stadttheater.

Der wahre Jakob", Schwank von Arnold unb Bach.

Bei diesem Stück hat sich's die Luspielfabrik Arnold und Bach leicht gemacht, was nicht hindert, daß es dem Publikum trotzdem gefällt.

Tod dem Philister" (aber bitte nicht ; u tot!), so etwa ist die Parole. Denn auch in ihm kann ber wahre Jakob" einmal ganz nett zum Vorschein kommen, wenn nur auf ben richtigen Knopf gebrückt wirb.

Bei Rudolf Goll (Struwe) waren scheinbar sogar mehrere Knöpfe gedrückt worden wenig­stens war die Wirkung so. Rita 21 n 6 r 6 (Duette) hatte die Ausgabe des Knopfbrückens zu erfüllen unb entlebigte sich ihrer mit allem Charme und sprudelnder Frische, bie wir an ihr gewöhnt sinb. Eine ganz prächtige Charakterfigur, darstellerisch wie in Sprache unb Maske stellte Max Hoffmann als Gras Beckstedt hin. Auch alle anberen Darsteller waren auf ihrem Posten.

Der Beifall war groß, bas Haus leer und draußen schien der Vollmond . . . es.