Ausgabe 
5.12.1925
 
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Nr. 285 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 5. Dezember ^25 bmww minj ...___ .ras-wa«

Wirtschaft.

Börse und Geldmarkt.

Die Verfassung der Börse zeigt immer noch keinerlei Veränderung, d. h. man kann angesichts der aering.ügizen U.asätze von einer Dörsenlage überhaupt nicht sprechen, und noch viel weniger aus zeitweisen Schwanlungen irgendwelche Schlüsse ziehen. Hieran ändert auch nichts, daß in der vergangenen Woche vereinzelte Käufe der Reichskre.ftgeietlsckaft der Vor e nach außen hin «in etwas oefestigieres Aussehen gaben. Von feiten der Deichstreditgesellschaft wird versichert, dah es sich bei diesen Käufen nicht um Inter­ventionsläuse irgendwelcher Art gehandelt habe, sondern daß die Vank lediglich Kundenaufträge ausarführt habe. Die Version, daß die Reichs» kredugeiellschaft einzelne ausländische Stellen für den deutschen Wertpa )icr.narkt zu interessieren verstanden habe, hat etwas für sich. Es hat auf der anderen Seite jedoch nicht den Anschein, als wenn es sich hier um eine nachhaltige Bewegung handelte. Sobald die Aeichslreditgesellschast Käufe an einem Papier beendet hatte, trat stets sofort ein Rückschlag ein. Charakteristisch ist. daß nicht nur Verläufe von wenigen 100 Mk. Kurs­stürze hdrbeiführen, sondern daß auch umgekehrt geringe Kaufaufträge häufig mehrprozentige Kursbesserungeu bewirken. Auf den immer wiederkehrenden Vorwurf gegen die Banken, daß sie Kursstürze nicht vermeiden, was häufig mit ganz geringen Mitteln möglich sei. darf man auf der anderen Seite doch nicht vergessen, daß. solange für die Banken keinerlei Aussicht be­steht, die Effektenbestände wieder abzustoßen, ihnen bei Interventionskäufen natürliche Gren­zen gezogen sind. Sicherlich dürften die Danken noch auf größeren Effektenvosten aus den ver­schiedenen Interventionsaktionen sitzen, und es kann und darf ihr Zweck nicht sein, ihre eigenen Mittel und die Mittel ihrer Depositengläubiger in Effekten festzulegen.

Die Ueberwindung des Ultimo am Geld­markt hat sich leichter bewerkstelligt, als dies vielfach angenommen worden war, unter Be- rücksichttgung des Umstandes, daß mit dem 1. De­zember entsprechend der Dawesgrsehgebung 190 Mill. Rentenmark der Reichsbank zur Vernich­tung übergeben werden mußten. Die Lücke, die dieser Betrag, der in den letzten Wochen dem furzfristigen Ce'dmarkt zur Ver ügung stand, ver- ursacht hat. dürfte im wesentlichen durch die Be­reitstellung des Gegenwertes weiterer Ausländs­anleihen ausgefüllt sein. Die Ansicht, die an dieser Stelle verschiedentlich ausgesprochen wor­ben ist. daß man Rückschlüsse aus der Flüssig­keit des Geld- und Privatdiskontmarktes auf den Kapitalmarkt vermeiden müsse, ist durch die Aus­führungen des Reichsbankpräsidenten im Zentral- ausschuo der Reichsbank bestättgt worden. Die­jenigen Kreise, die eine Ermäßigung des Reichs- bankdiskontes erwartet hatten, sind denn auch enttäuscht worden. Solange die Kreditrestrittionen der Reichsbank bestehen bleiben, drückt sich in dem Reichsbankdiskont nicht die wirkliche Lage am Kapitalmarkt aus, und crft wenn es möglich ist, diese Äreötteinf nränfung:n abzubauen, ohne daß eine Kreditinflation eintritt, ist der Be­weis erbracht, daß der Reichsbankdiskont der tatsächlichen Marktlage entspricht. Die Reichs­bank dürfte daher den tatsächlichen Bedürfnissen der Wirtschaft vielmehr entsprochen haben da­durch, daß sie jetzt die Frage der Lockerung der Kreditkontingente anschneidet, und es ist auch unsere Ansicht, daß irgendeine Gesahr für die Währung hiermit nicht verbunden ist. Es ist nicht zu bestreiten, daß die Vertrauenskrise bisher schon eine gewisse Auslese herbeigeführt hat, und die Erfahrungen der letzten Monate werden auch weiterhin den Danken in der Kredit-

gewährunp Zurückhaltung auferlegen. Auf der anderen Seite haben fte die Wirtschaft ge­lehrt. daß es zwealos ist. Kredite zu Sätzen auf­zunehmen. die nicht herausgewirtschaftet werden können.

D'e Reichsbank En"e November

Rach dem Ausweis der Reichsbank vom 30. Rovember hielten sich die Zahlurgsmittelan. forderungen in den an den soa"izen Monats» schlü kn rblichen G.en en. Es flcssra 347,0 Mill. Rn,. R ichsbankncten und 157,1 ^ill. Rm. Ren­tenbankscheine, zusammen also 504,1 Mill. Rm., neu in den Verkehr ab, so daß sich der Umlauf an Reichsbanknotcn entsprechend von 2 423,9 Mill. Rm. auf 2 770,9 Mi (. R n. und der Umlauf an Rentenbantscheinen von 1 323,2 Mill. Rm. auf 1 430,3 Mi l. Am. erhöhte Ferner wurden für 193,4 Mill. Rm. Aentenbank^ scheine den betreffenden gesetzlichen De tim. un- gen entsprechend im Zusammenhang mit der Ab­deckung von Rentenbank.reiiten getilgt. Die Be­stände der Dank att Rentenbankschei­nen nahmen insgesamt um 350,5 Mill. Rm- auf 130,8 Mill. Rm. ab.

Der Wechselbestand erfuhr eine Zu­nahme um 270,2 Mill. Rm., wovon 147.5 Mill. Rm. auf Rückgabe von rediskontierten Wechseln cntf-llen; der gesamte Wech^elbeßan) erreichte fomit die Höhe von 1649,7 Mill. Rm. Der L o m» bardbestand erhöhte sich um 12,2 Mill. Rm. auf 23,8 Mill. Rm, der gesamte Wechsel-. Lom­bard- und Cff'ktenbestand um 232,7 Mill. Rm. auf 1395,2 Mill. Rm.

An fremden Geldern wurden der Dank im Zusammenhang mit den Abflüssen an Zah­lungsmitteln 331,0 Mill. Rm. entzogen, so daß noch 536,9 Mill. Rm. an solchen Verbindlichkeiten vorhanden sind.

Der De st and an Gold und deckungs­fähigen Devisen hat sich um 10,0 Mill. Am. auf 1609,7 Mill. Rm. erhöht, und zwar entfallen von der Zunahme 9,9 Mill. Rm. auf die deckungs­fähigen Devisen, während der Bestand an Gold nur unbedeutend zugenommen hat.

Dir umlaufenden Roten werden durch Gold- anlnhen zu 43,6 Prozent, (gegen 49,3 Prozent in der Vorwoche), durch Gold und deckungsfahige Devisen zu 53,1 Prozent (gegen 66 Prozent in der Vorwoche) gedeckt.

Berliner Börse.

Berlin, 5. Dez. Der von der Dörse er­wartete Phönix-Ab ch. i.l nuamrhr erftlgl und hat ergeben, daß der Pessimismus nicht gerecht- ferttgt war. Sowohl Bilanz als auch die Er­folgsrechnung des Unternehmen3 haben vielmehr günstige Aufnahme gefunden, so daß die Ge- schäftstättgkeit in Phönixwerten wie überhaupt am Montanmarkte heute viel reger war, als in den letzten Tagen. Die Kurse hatten leichte Besserungen zu verzeichnen, zumal auch die seit gestern abend eingetcetene Franken- besserung für die deutsche Eisenindustrie gün­stigere Perspektiven eröffnete. Paris, das in den letzten Tagen gegen London 127. notierte, hat sich auf 124. befestigt. Auch Warschau war gegen Kabel bis auf 7,5 bis 7,75 erholt. Für Schiffahrtsaktien blieb das Inter­esse erhalten, die Kurse konnten weiter leicht an^iehen. Im übrigen waren die Umsätze trotz einiger Wochendeckungen belanglos. D kam besonders darin zum Ausdruck, daß eine

Reihe von Werten eine Erftnotierung n- ! fest- gestellt werden konnte. Gegen Ende bet ersten Dörsenslunde fanden etwas regere Umsätze inaus- ländischen Renten, namentlich Ungarn und Rumänen statt. Deutsche Vortriegs- pfandbriefe waren infolge der nunmehr be- kannigewordenen neuen Aufwertungsverordnung gleichfalls etwas höher. Am Geldmarkt ist

die Lage weiter recht flüffig. Tägliches Geld war zu 7'/, bis 9 Prozent, teilweise schon darunter, zu erhalten. Monarsgeld war mit 9/i bis 10 Prozent ebenfalls leicht ermäßigt. Die deutsche Reichsmark notierte im Auslände unverändert. Am Devisenmarkt waren außer den eingangs erwähnten Besserungen von ParN und Warschau keine Veränderungen zu verze7chnen.

Börsenkurse.

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Motorenwerke Mannheim ftranffurter Armaturen . . Konservenfabrik Braun . . Metallgeld! chaft Frankfurt . Pei. Union A.-G.

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Frankfurter Börse.

Frankfurt a. M., 5. Dez. Tendenz: Ziemlich fest. Die Dörsenlage hatte trotz des üblichen flauen Sarnstaggefchäftes eine wesent­liche Besserung zu verzeichnen. An Stelle der Abgabeneigung trat eine etwas regere Kauf­lust, die aber nur für bekannte führende Werte zur Geltung kam. Die Stimmung wurde durch den nunmehr bekanntgewordenen Phönixabschluh

günstig beeinflußt. Obwohl das Unterneönun eine Mvidende nicht verteilt, hinterließ die D.-röfsent- lichung des Geschäftsber chtes ein ?a guten Ein­druck, zumal bisher in 365rienfreifen nur prssi- mistifche Gerüchte über den zu erwartenden Ab- fchluß im Umlauf waren. Die Anregung, die 'hiervon auSging, stimulierte auch für die anderen Marktgebiete, m t A tönahm: des Schiffahrtsmarktes, für dessen Werte das Interesse wesentlich kleiner geworben ist. Am Montanmarkt setzte das Gesckäst ziemlich lebhaft ein. Phönix halten eine Drlse- rung von ca. 3,5 Prozent zu verzeichnen. Auch die übrigen Montan rerie konnten etlrai im Kur'e pr: filieren. Chemie werte tra.e.i leicht le oft gt, de g eichen Eieklrowerte. B a r.!- a 11 i e n lasen farm ve.än. e:t. Die Nebenmärkte toie'en nur ganz geringe Veränderungen arf. Für deutsche Anleihen steifte sich et as Rachfrage ein. Ausländische Renten hal­len einen ganz geringen Ma kt, die Kurse büeben a'er gut besä iptel. Der Freiverkehr war ohne Geschäft. Api 0,27, Brown-Doveri 53 Pro­zent, Entreprise 8,5, Growag 33 Pro ent, U'a 46,5 Prozent, Uiüerfraufen 50,5 Pro ent. 2m lreile.en Ter a i e tra e.i Schis fahrtswerte angeboten: im Freiverkehr hör e r. an Ha sag mit 77 Prozent, Norddeutscher L.ozd mit 85 Prozent. Im Schlußver.aufe trur^e die Stimmung infolge drr U -g wi hrit über dm Ausgang der b?verstehenden R gierungi-Umbil- dung wieder unsichrr, w b.'i dir stärker gestei­gerten Werte Irichie Einbußen zu verzeichnen hatten. Der Geldmarkt war weiter flüssig. Tägliches Geld war zu 972 Prozent angrbo.et. Monetsgcld stellte sich 'für erste Adressen auf IOV4 Prozent, für zweite Adressen auf 11' st Prozent. D nl-Diskontrn 7 Prozent, Jadustrie- Acrepte 9 Prozent. Die Neubildungen der Re­gierungen in Spanien und Frankreich begegnet in Kreisen der internationalen Finanz etwas größerem Vertrauen. Paris kannte sich g:g:n London auf 124,25 b festigen, Madrid auf 33,93. London war stark befestigt mit 4,853/K, gegen K..bel. Die übrigen Valuten waren unverändert.

Devisenmarkt BerlinFrankfurt a. M.

Telegraphische Auszahlung.

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Milderung des Froste, wieder Schneefälle, vorwiegend trübe.

Gestrige Tagestemperaturen' Maximum: minus 8,7 Grad Celsius, Minimum: minus 18.7 G.ao Ce ,iu . : ea i e ge i e.nte a u:: mi us 16,7 Grav Celsius.

Pelzmärtel.

Gin Rümberger Spielzeugroman.

Dach dem I a'ienischen der Teresah erzählt von Gustav W. Eberlein.

Copyright 1925 bh QL Scherl G. m. b. H., Berlin.

8. Fottsetzung. Nachdruck verboten.

Krachaus machte Kunigunde ehrerbie ig dar­auf aufme.f am. Weil aber auch die Spie.sachen manchmal etwas übelnehmerisch und eigensinnig sind, entspann sich zwischen beiden ein sonder- barer Streit. Karl der Große hatte die Statue aus dem Marktplatz und beanspruchte daher für sich das Vorrecht, das Unternehmen zu tom- mandie.en: Kunigunde dagegen hatte die Linde und infolgedessen keine Lust, nachzugeben.

Mit der Linde hatte es folgende Bewandtnis:

Seinerzeit, als der gute Kaiser Heinrich, der Gemahl Kunigundes, zum erstenmal Rürnberg besuchte, das damals eine kleine Stadt, aber schon mit Burg und Graben, mit Türmen und Mauer- gürtel umgeben war, geschah es, daß der Kaiser auf dem Wege zur 'Burg, die sich auf steilem Felsen erhebt, einen Fehltritt tat. Er wäre in die Tiefe gestürzt und zerschmettert liegen ge­blieben, wenn er sich nicht an die Zweige einer Linde hätte ank a.nmern können, die am Rande des Abgrundes stand. Zur Erinnerung an diese Schick a'slinde. Der er seine Rettung verdankt-, schnitt der Kaiser einen Zweig ab und brachte ihn Kunigunde. Die Kaiserin gelobte, ihn mitten in den Burghof au Pflanzen, damit er Wurzeln fasse, wachse, erstarke und ein schöner, drcht- be aubler Daunt werde, In dessen Schatten aus De ehl Kunigundes Recht gesprochen werden solle. Und so geschah es. Jahr um Iahr, Iahr- Hunderte hindurch grünte die Linde, und Jahr­hunderte hindurch begab sich jeder, der Unrecht erlitten hatte, unter diesen Daum, um sein Recht zu fordern.

Hans Sachs, als feinfühliger Poet, hätte dem ehrwürdigen Baum bei der Meinungsver­schiedenheit den Vorzug gegeben. Aber die Sta­tue Karls des Großen siegte über die Linde Kunigunde?, weil dem fadenscheinigen Einwand,

der Daum sei inzwischen alt geworden und habe keine Aeste mehr, sondern nur noch einen ganz von E.eu umwucherten Stamm, sonderlarerweise viel Gewicht beigelegt wurde. Fast einstimmig beschloß man daher, Karl dem Großen nicht nur die Leitung des Unternehmens zu übertragen, sondern auch eine Versammlung aller Kame­raden zu Füßen seiner S a ue ein uberu en. Denn wollte man die kühne Idee in die Wirklichkeit umseZen, fo handelte es sich zunächst darum, ohne Verzug in die Häuser einzudringen, um jene Legionen von Gewährten zu gewinnen, die von der Sache noch nichts wußten und sich darauf einrichteten, als Spielzeug die Weihnachtsfeier derer zu verschönern, d.e eine empfindliche Strafe verdient hatten.

Die Türe wurde geöffnet und alles setzte sich in Marsch. Karl der Große führte Kuni­gunde am Arm, Hans Sachs ging für sich allein, leise vor sich hinträ.'lernd. Dieben Krachaus schritt auf leichten Sohlen Fisi, die Gummikatze: eines dem anderen mißtrauend, sahen sie sich grimmig an. Darnach kamen alle Puppen, die Dlei- soldalen und sämtliche Tiere, inbegriffen die Qlrche Rrah, darauf die Kinderthea.er, die Wagen mit dem Hausrat, die Gewehre, die Trompeten, die "Ballen, die Kegel, die Domino­steine und was man sich nur alles an Spiel­sachen wünschen kann. Die P,erde vor den Leiter­wagen hatten schwer zu ziehen. Es war wie der Auszug eines ganzen Volkes, da? vor einer Landesgeißel flüchtete. Gaaz am Schlüsse trip­pelte der b amierie Christophorus Herzensräuber.

Rürnle.gs Straßen waren wie ausgestorben. In hellen Streifen fiel daS Licht aas den Fenstern, aber kein Gesicht zeigte sich an den Scheiben. Riemand kam auf den Gedanken, einen Dlick hinauszuwerfen. Kein ha.lender Schritt in den Gassen. Tiefe Stille üoer jedem Platz. Der Himmel hatte sich ausgeheitert, wie eine leuchtende Kugel schwebte in seiner blauschwarzen Kuppel der Mond. Große Eiszap'en hingen von den Dächern herunter und der Schnee glitzerte. Es war ein echter Weihnachtsabend, voll jenes süßen Zaubers, wie ihn die kalten. weihen, schweigsamen Winternächte haben, Rächte, in denen man mit Sicherheit in den Nürnberger Straßen dem Pelzmärtel begegnet

Und tatsächlich, wer war es, den man ritt­lings auf der Statue Karls des Großen am Schönen "Brunnen sitzen sah? Er, kein anderer, Pelzmärtef, wie er leibte und lebte.

Pelzmärte' ist ein sonderbares Kerlchen. Er lebt feit wenigstens tausend Iahren und ist trotz­dem noch nicht einmal fo groß wie ein Kind: er ist der verschmitzteste, der boshafteste und zugleich der liebenswürdigste aller Kobolde. Er weih alte?, sieht alles und erscheint sogar in der Gestalt des Nikolaus oder Samichlaus, wenn es ihm gerade so paßt. Es gibt niemand in Nürnberg, der ihn nicht kennt. Er ist der Freund der Kinder, aber imstande, einfach zu ver­schwinden, wenn man ihn fo vertraulich be­handelt, als gehöre er zur Familie.

Denn Herr Pelzmartin, kurz Pelzmärtel ge­nannt, ist sich seiner Bedeutung bewußt und ver­langt den g.eichen Respekt, den man Nikolaus schuldet.

Halt da!" schrie jetzt Pelzmärtel, indem er Karl dem Großen auf die Krone sprang. Cs war zu komisch, das kleine pelzvermummte Männchen unehrerbietig auf dem Haupte des großen Käfters herumturnen zu sehen, wenn dieser Karl der Große auch nur aus Stein war. Dem anderen Karl dem Großen, der Kunigunde am Arm führte, stieg die Galle auf, aber wenn Pelzmärtel seine Schrullen hat, ist es besser, so zu tun, als ob man nichts sähe.

Halt! Ick» weiß, was euch in Harnisch brachte, weih, wo ihr hingeht und was ihr im Sinne habt. Ader, mit Verlaub," sagte der Schelm ironisch, indem er vor Vergnügen mit den Deinen schlenkerte, denn er ist glücklich, wenn er sich über andere luftig machen kann,mit Verlaub, meine Herrschaften, habt ihr denn eigentlich einen Kriegsplan? Hier handelt es sich um nicht weniger, als Taufende von Fen­stern zu erklimmen hm, wie und womit, wenn ich Litten darf?"

Die kleine Armee war wie vor den Kopf geschlagen und fand keine Worte. Sie hatten wirk.ich an gar nichts gedacht.

Ihr seid unvorsichtiger als die Kraniche", bemerkte Pelzmärtel von oben herab.Wenn die Kraniche einen Krieg vorbereiten, dann stu­

dieren fie Strategie wie Generäle. Ihr aber seid Vogelscheuchen und nichts weiter. Na a.so, wie denkt ihr euch denn eigentlich die Sache?"

Mit deiner Erlaubnis", sagte eine schöne und klare musi.a ische Sttnme,werden wir da­mit anfangen, deine Hilfe zu erbitten.

Aha hm", sagte Pelzmärtel ge­schmeichelt.

Dann", fuhr die schöne Stimme fort,werden wir, immer mit deiner Erlaubnis, alle Spiel­fachen Nürnbergs, die sich uns noch nicht au* geschlossen haben, durch ein Ständchen aufmerk.am machen."

Es war Hans Sachs, der gesprochen hatte. Und Pelzmärtel begriff sofort, wo er hinauS- wollte: denn der Musik von Hans Sachs kann niewaad wide.stehen. Pelzmärtels Aufga ? war es nun, zu verhindern, daß au '> die Nür .rger selber da? nur für die Spie fach m bestimmte Ständchen hörten: denn a.weui a.ls würde die ganze Dürgerfchaft sich an die Fenster gedrängt haben, die Mütter, die Großmütter, die Tanten und Richten, Kinder und Lehrer und Kinder- fräulein, die Diener und Köchinnen, sie würden die Türen aufgeriffen haben, auf die Straßen getreten und alle den verführerischen Laulen- flängen des dichtenden Schuhmachers gefolgt sein.

Es gibt da eine Geschichte von einem Manne, dem es mittels seines Flötenspieles gelang, alle Mäuse an sich zu locken, die in ungeheuren Mengen die S adt Hameln heimgesucht hatten. Als nun der F.ötenspieler die Plage von den Bürgern genommen hatte, verweigerten sie ihm die ausgemachte Belohnung. Da zog der erzürnte Fremdling ein zweites Mal mit feiner Flöte durch die Straßen und spielte so zauberhafte Weisen, daß alle Kinder angelockt wurden wie die Mäuse und alle im Fluh ertranken wie die Mäuse. Mit der Laute von Hans Sachs konnte sich aber jene Zauberflöte nicht messen. Die Weisen, die der Meisterünger darauf zu spielen wußte, waren unendlich viel schöner.

Wacht auf, es nahet gen den Tag, ich hör' fingen im grünen Hag eine wonnigliche Nachtigall, ihr' Stimm' durchk.taget Berg und Tgl...

(ftortleRung folgt.)

*HVM" Höhe Heizkraff, alibewciLrh

Lillig allLe.^ehzl-'*

Irzi van Rauch,

Ohne (Schlacke, öhne Gnti.-