Ausgabe 
5.11.1925
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

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Nr. 260 Zweites Blatt

Anatole France über den Versailler Frieden.

Von Marcel Le (9 o f f.

Marcel Le EoffsGespräche mit Anatole France 19141924", die in Frankreich so viele Leser gefunden, erscheinen nun in deut­scher Uebertragung von Ernst Klarwill im Musarion-Derlag, München. Wir entnehmen dem höchst aktuellen Buch den folgenden Ab­schnitt, in dem France sich schon 1919 mit ge­radezu prophetischer Voraussicht über die Folgen des Versailler Vertrages ausspricht.

D. Red.

France:Wir stehen vor der Unterfertigung eines Friedensoertrages, wie ihn ein französischer König niemals auszudenken gewagt hätte. Die Idee, zu dritt einen solchen Pakt zu entwerfen lind diesen dem besiegten Feind aufzuzwingen, ist ein Ergebnis, das Europa zu einem unbewohnbaren Erdteil machen wird. Die Zertrümmerung Oester­reichs ist Wahnsinn; die Balkanisierung des Zentrums von Europa muß den Keim neuer Kriege zeugen. England weiß ganz ge­nau, was es will. Es versichert sich zunächst der Ko­lonien und der Flotte Deutschlands uns aber speist es mit Versprechungen und einer Schuldforde- runp ob? die sicher uneinbringlich sein wird. Dieser Friede ist bestimmt der unheilvollste und schädlichste, den Frankreich jemals geschlossen hat. Bei alledem ist und bleibt Wilson die komische Figur. Er weiß nicht das Mindeste von Europa und seiner Geschichte und will dennoch die Rechte der Staaten mit der Präzisionswage abmiegen. Er verteilt die Gerechtigkeit mit einer bis auf das Milli­gramm stimmenden Genauigkeit."

Man kam nun auf Lloyd George zu sprechen.

France:Ach, ich bitte Sie sein Wortschatz gleicht völlig jenem Wilsons; aber der Unterschied zwischen den beiden ist groß. Der Brite ist ein ge­riebener Patron, der Amerikaner hingegen macht den Eindruck größter Wellfremdheit. Lloyd George liest zwar aus der Bibel vor und singt Psalmen, dabei füllt er seine Taschen und dient überdies den Interessen seines Landes. Er ist ein großer Eng­länder. Er wird uns alsbald im Stich lassen, denn im Grunde seines Herzens verabscheut er uns. Rur Frankreich ist seiner Ausgabe nicht ge­wachsen: Es hat nicht genug Krast, um einen reinen Gewaltfrieden zu schließen denn das wür­den seine Verbündeten nicht zulassen es ist aber auch nicht schwach und ergeben genug, um einen Vertrag gutzuheißen, der die Annäherung der Völ­ker und die Wiederaufnahme ihres Zusammen­arbeitens fördern würde. So schwanken wir zwi­schen zwei entgegengesetzten Polen dem imperialistischen und dem Versöhnungsfrieden hin und her. Wir können weder den einen noch den anderen ehrlich abschließen. Clömenceau strebt den ersteren an; die Verbündeten geben in ihrer Heuchelei vor, die zweite Alternative zu wählen. Der Vertrag von Versailles ist ein mißlungener Ausgleich zwischen den beiden Anschauungen. Er trägt das Gepräge seiner Widersprüche an der Stirn und in seinem inneren Gefüge. Den Frieden wird er nicht sichern; er wird vielmehr den Ausgangs­punkt neuer Kriege bilden."

Diese Aussicht bereitete uns wenig Freude. Wir alle standen noch zu sehr unter dem Eindruck der Wiederkehr des Friedens; wir widersprachen daher der Schwarzseherei des Meisters und wollten nicht an die Zukunft glauben, die er in so düsteren Farben gemalt hatte.

France:Ich bin zu alt, um Ihnen sagen zu können:Wir werden in zehn Jahren wieder über diese Frage sprechen, und Sie werden sehen, daß ich recht hatte." In zehn Jahren werde ich nicht mehr leben aber Sie sind jung und werden sich er­innern, daß ich richtig geurteilt habe. Dieser Friede ist ein Bankerott; für Frankreich bedeutet er einen furchtbaren Schlag. Wir werden nie zu unserem Gelde kommen. Wie vermag Deutsch­land allein sämtliche Reparationen zu bezahlen, die, wenn ich nicht irre, 232 Milliarden ausmachen? Warum verlangt man von Deutschland, es solle sich als der alleinige Kriegsschuldige be­kennen? Wer hat nur den Gedanken ausgeheckt, den deutschen Kaiser vor Gericht zu stellen? Die Schuld an diesem großen Kampfe tragen die Völker und einzelne Gruppen von Menschen, in deren haupt­sächlichem Interesse Kriege geführt werden. Aber es ist heller Wahnsinn, einen einzigen Mann mit der ganzen Schuld an so ungeheuren Ereignissen zu belasten. Kriegsschuldige gibt es in

200Iahre deutscher Musik

Der folgende Aufsatz unseres ständi- gen Musikreferenten war ursprüng­lich für die Jubelausgabe bestimmt, deren Charakter als Spiegelbild heimischer Kultur er sich jedoch schwer einfügen ließ. Wir brin­gen ihn daher in unserer Tagesausgabe zum Abdruck. D. Red.

Das Hochbarock hatte seinen Gipfel erreicht. Händel, der Vertreter des Europäertums, der Weltmann unter den Musikern; Bach, der gläubige Christ, über allem Politisch-Engen stehend; beide hatten sich über das Kleinpersönliche zu einer Ton­sprache erhoben, die weder an Ration noch Rasse gebunden war, die eben Musik im objektivsten Sinne darstellte.

Höhepunkten pflegt aber in der Regel eine Pause zu folgen, ein Abklingen, ein Suchen nach einem Reuen. Das Jahr 1750, ein Wendepunkt der Geistesgeschichte, ging auch an der Musik nicht vor­über. Rousseaus Ideen wirken sich aus, dasunoer- künstelte Gefühl" wird zum Schlagwort. Im Ge­gensatz zum Geschwollenen, Geballten, Pomphaften, Dekorativ-Repräsentativen des Barocks sucht man das Schlichte, Ginfame, Natürlich-Triebhafte, im Nachgeben an weichste Gefühlsstimmungen. Die weiche, lebendig-sinnliche Sphäre -des Ro­koko, durch den erwachenden Klassizismus gekühlt, gibt sich graziös-schwermütig. Ein Besinnen auf das Persönliche setzt ein, eine bewußte Abwendung von der Unnatur, ein Kampf gegen bisherige Re­geln und Geschmacksrichtungen; das Recht der Lei­denschaft, die unoerhüllte Kraft, das erlebende Schöpfertum, die Kroftnatur, das Genie will er­wachen und stellt sich dem gekünstelten Höflingstum entgegen, eine onklägerische Tendenz gegen die naturunterdrückende Schicht, zur Entlarvung der entnervten vornehmen Welt hinführend (Figaros Hochzeit"). Kurz das, was wir im allgemeinen als Sturm und Drang bezeichnen.

Und so verfällt diese Zeit im Ueberschwaug des Gefühls in tränenseligen Weltschmerz und jüng-

allen Ländern; einige befinden sich in England, einige in Rußland. Alles andere ist Lüge, Heuchelei und Blendwerk. Damit glaubt man die Völker zu- friedenzustellen, deren Haß aufgestachelt wurde und denen man nichts von dem Versprochenen zu geben vermag. Während des ganzen Krieges sind Geschäfte gemacht worden; auch jetzt ist noch immer von sol­chen die Rede, und unter den Sorgen der Unter­händler spielen Bergwerke, Kohle, Petroleum, Han­delsschiffe und der Weltmarkt eine viel größere Rolle als die Rechte der Rationen, die Befreiung der Unterdrückten und der Abschluß eines dauer­haften Friedens. Das Geld, nur das Geld be­herrscht und unterjocht alles. Der Kapitalismus ver­teilt die Erde und spottet des vergossenen Blutes und der Menschenopfer. Ein um die Wahrung der wirklichen nationalen Interessen seines Landes be­sorgter König hätte solches nie geduldet. Er würde sich gegen den blutgierigen Kapitalismus, diese im Geheimen wirkende Macht, die das Los der Kultur­welt in ihren Händen hält, mit aller Kraft auf- gebäumt haben. Aber niemand wagt es, solches aus­zusprechen."

France hatte uns schon zu wiederholten Malen seine Gedanken über die Schädlichkeit des internatio­nalen Kapitalismus entwickelt, aber niemals mit mehr Bitterkeit und Verzweiflung als zur Zeit des Friedensschlusses von Versailles. Seine überaus hef­tigen Kritiken waren sicherlich zum Teil berechtigt. Fragte man ihn aber, was nach feiner A n - sicht zu geschehen hätte, und wie er sich die Lösung der durch den Frieden bedingten Fragen vorstelle, äußerte er sich auf recht undeutliche Weise. Seine Antworten waren wohl von hochherziger Humanitäts-Philosophie durchtränkt, aber unbe­stimmt und unklar.

lieber den Präsidenten Wilson machte sich France stets gerne lustig. In ihm erblickte er einen jener mit den besten Vorsätzen ausgerüsteten Idea­listen, die in der Welt stets das größte Unheil an­richten. Im übrigen war France der Ansicht, daß sich Europa in einem fortgeschrittenen Auflösungs­prozeß befinde. Die Zertrümmerung Oester- reichs erklärte er für eine Dummheit; die Rück­kehr Rußlands zur asiatischen Bar­barei nannte er eine Störung des im Laufe des 19. Jahrhunderts mit so großer Mühe aufrechterhal­tenen europäischen Gleichgewichts.

France:Talleyrand und Metternich handelten klüger; sie wollten nicht das Glück der Völker be­gründen; dadurch aber ermöglichten sie ihnen zu leben."

Wie die Franzosen in Syrienregieren".

Wir entnehmen die folgenden Ausfüh­rungen einem Briefe eines hohen ehe­maligen türkischen Generalstabsoffiziers.

D. Red.

B e r l i n, 29. Oktober 1925.

In Syrien drängen die Verhältnisse zu einer Entscheidung. Der Völkerbund, an den sich meine Freunde gewandt haben, um zu untersuchen, wie die Franzosen ihr Mandat auffassen und durch­führen, hat bisher kläglich versagt. Vorstellun- gen, die in derselben Sache in London gemacht wurden, lösten dort nur ein Achselzucken und eine hohle Phrase des Bedauerns darüber aus, daß man nicht in der Lage sei, etwas zu unternehmen. Die Bevölkerung Syriens hatte Frieden und Fort­schritt von den Franzosen erwartet, wie ihn gerade der Handel braucht, der Damaskus auszeichnete. Das Gegenteil wurde erreicht. Eifersüchtig nahmen die Franzosen Bedacht, daß dieser Handel nur ihnen zugute kam. Selbst Engländern und naturalisierten Syriern wurde das Leben hier so bitter schwer ge­macht, daß viele es vorzogen, nach Süden abzu- wandern. Aber wie die Stimmung umschlug seit dem Einzuge der Franzosen, findet hierin allein seine Begründung nicht.

Die zuchtlose französische Soldateska ein­schließlich der niederen und höheren Offiziere und ebenso die Beamten glaubten wohl in einem Lande zu sein wie in Algerien, wo sie mit ihrem giftigen Fusel seit fast 100 Jahren die mohammedanische Bevölkerung entsittlichten und ihnen jeden Begriff von persönlicher und nationaler Ehre austrieben. Die Frauen dünkten ihnen nichts weiter zu fein als öffentliches Eigentum. Wir haben hier Dinge erlebt, die jeder Beschreibung spotteten. Die Fran­zosen haben in Syrien noch schlimmer ge­kauft als im Rheinlande, nur daß der Deutsche eben kein Araber ist und verzeihen Sie diese Offenheit von der Seite eines Freundes

linghaftes Genietum.Nachahmung der Natur" wird das Motto, aber nicht als äußerliche Ton­malerei, sondern als Suchen des natürlichen Tons der Leidenschaft. Der Empfindsamkeit entsprechen auch die tiieblingsinftrumente der Zeit, das Clavi­chord mit seinem ausdrucksvollen bebenden Ton, die Glasharmonika (strumento flebile e malin- conico), die selbst dem alten Goethe noch das Herzblut der Menschheit" offenbart.

Freiheit vom Zwang"; der Amtskomponist kommt in Verruf, man will aus Erlebnis und Stimmung schaffen. Wo noch sog. Bestellungen er­ledigt werden, da sind sie meist nur die Veran­lassung, dem schon längst innerlich Gestalteten und Gereiften die letzte Formung zu geben. Das freie Schaffen wird der Lebensinhalt des Künstlers, Fesseln der Anstellung werden gemieden; der Schas­sende scheidet sich von dem nur Wiedergebenden. Je genauer der Schaffende seine Persönlichkeit, sein Erlebnis im Werk festlegt, um so weniger Mit­arbeit wird vom ausführenden Orchestermitglied '.'erlangt, es wird zum Beamten, zum Angestellten. So finden wir denn fast überall an den Höfen Or­chester, deren Ausführende die Bedienten der Für­sten sind. Von solch einem Bedientenorchester wird uns vom Hofe des Fürsten Solms-Braun­fels berichtet, das in feiner Zusammensetzung dem des Fürsten Esterhazy ähnlich war, dem I. Haydn lange Jahre vorstand, wo er seine Erfahrungen sammelte.

Da aber die Ausführungen dieser Orchester nur einem beschränkten Kreise zugängig waren, aber das Musikverlangen mit dem Erwachen bes_ Bür­gertums immer mehr wuchs, so traten fast überall Konzertgesellschaften ins Leben;Musikausübende Gesellschaften", dasgroße Konzert" in Leipzig (1781 dann insGewandhaus" verlegt). (Frankfur­ter Kaufleute, die zur Uraufführung von Holzbauers Günther von Schwarzburg" in Mannheim den ganzen ersten Rang des Theaters aufkaufen wollten, müssen es sich gefallen lassen, vom Kurfürsten als Gäste geladen zu werden. Erft 1789 wurde das

Deutschlands durch seine Dulderpose die Welt von feiner Friedfertigkeit zu überzeugen glaubt

toefjon damals, als die Franzosen von den Drusen eine Niederlage nach der andern erlitten hatten, war die Stimmung in Damaskus sehrge­hoben". So sehr, daß tagtäglich die Soldaten gewarnt wurden, nur in größeren Trupps sich auf den Straßen zu zeigen. Erst als wesentliche Ver­stärkungen der Garnison von Beirut her eintrafen, änderte sich das. Ader auch nur vorübergehend. Denn als von Damaskus immer neue französische Kontingente nach dem Hauron geschickt wurden und regelmäßig jämmerlich geschlagen mit zahl­reichen Verwundeten zurückkehrten, oft ohne auch nur einen ihrer Gegner zu Gesicht bekommen zu haben, trat die alte Nervosität wieder in ihre Rechte. Damals erzählten französische Offiziere einem meiner Agenten, der auch französische Offi- zicrsuniform trägt, daß man den Truppen nicht mehr trauen könne. Selbst weiße Fran­zosen machten davon keine Ausnahme. Wie richtig meine Agenten über die Stimmung in der fran­zösischen Syrienarmee berichtet haben, zeigte sich Mitte August, als em Dampfer, derMessageries Maritimes", der übrigens gerade den Emir Faist'al von Irak an Bord hatte, ein ganzes Bataillon französischer Infanterie nach Marseille zurückbe­förderte, welches sich schwerer Meutereien schuldig gemacht hatte.

Vorgestern erhielt ich nun Nachricht, daß die Franzosen einige 20 erschosseneBriganten" auf demMidan" in Damaskus öffentlich ausftellten, die einen Automobilzug derAdministration Mi- litaire" überfallen hatten. DieseBriganten" hatten aber doch nichts anderes getan, als jeder tapfere Soldat im gleichen Falle tut und tun muß, den Feind zu schädigen. Aber sie fielen nicht etwa im offenen Kampfe, sondern erst nachdem der französische Convoi die weiße Flagge gezeigt hatte; als sie sich darauf näherten, wurden sie heimtückisch erschossen.

Die Schaustellung gerichtlich abgeurteilter Ver­brecher ist zwar landesüblich. Wenn aber die Fran- zosen tückisch erschossene Freiheitshelden wie Ver­brecher behandeln, so können sie sich nicht wun­dern, wenn meine Landsleute dies als eine Schmach empfinden, und es gehört feine Prophetengabe dazu, um schon heute zu sagen, daß diese fran­zösische Bestialität nicht ungerächt bleiben wird. (Ist schon geschehen. D. Red.)

Vorsichtigerweise hatte die Garnison unmittel­bar darauf die Stadt verlaßen und auf den Höhen jenseits der Barada ein befestigtes Lager bezogen. Die schönen von Pappeln umsäumten Straßen, die dort zusammenlaufen, wimmeln jetzt von Truppen, die rücksichtslos nicht nur alle Bäume fällen, son­dern auch die reichen Gärten, die sich bis zur Stadt hinziehen, völlig verwüstet haben. Tatsächlich steht hier kein Obstbaum mehr. Dlur dann und wann werden starke Abteilungen in Begleitung von Tanks und Panzerautos in die Stadt geschickt, um die Bevölkerung zuberuhigen".

Was sich nun entwickeln wird Allah allein weiß es. Man glaube aber in Frankreich ja nicht, daß man es nur mit den Drusen zu tun habe. Nein, heute wirkt sich das geistige Erbe des unver­geßlichen Mohammed Bey-Farhid in gleicher Weise gegen Engländer wie Franzosen aus, na­mentlich gegen die letzteren. Unsere Kassen werden von allen wahren Mohammedanern immer wieder gefüllt, und dieser Kriegsschatz ist für unsere Feinde unerreichbar. Aus ihnen wird sowohl die Armee König Alis von Hedschas, wie die A b d e I Krims, des Emirs von Transjordanien A b - du11ah und der S y r i a n e r unterhalten. Dieser Schatz ist die Quelle, die alle finanziellen Sorgen dieser aufrechten Mohammedaner reguliert, wo immer sie den Kampf um ihre Freiheit, ihren Bil­dungsdrang und ihre politische Selbständigkeit füh­ren. Zur Zeit sind wir dabei, neue Truppen bereit­zustellen. Ehemalige Schüler der früher von Deut­schen geleiteten türkischen Schulen haben die Aus­bildung in ihren Händen. Der Ersatz geht von hier an die verschiedensten Fronten. Sie würden Dru­sen als Kavalleristen im Hedschas finden, Tunesier und Aegypter in gewissen anderen Gebieten, Rif- leute im Hauran, dagegen wieder Syrier in Ma­rokko. Selbst die französische aktive Ar­mee wird systematisch mit unseren Leuten durch­setzt, die nur auf den Befehl warten, der kommen wird, je toller es die Franzosen treiben und zu einer furchtbaren Katastrophe führen muß. Viel­leicht erklärt sich auch die Nervosität der Franzosen aus dieser unsichtbaren riesigen Gefahr. Sie wissen jetzt genau wie die Engländer, daß wir heute den wahren Dschihad führen. Nicht nut für uns, son-

Berliner Opernhaus dem Publikum erstmalig gegen Eintrittsgeld zugängig.

Das Zeitalter der Empfindsamkeit wurde zur Geburtsstunde des weltbeherrschenden deutschen In­st r u m e n t a l st i l s. In seinen Elementen von italienischen Einflüssen nicht frei, setzte er die Me­lodie zur Herrschaft ein, flächig getragen von der Harmonie, die nun auch zur Auswirkung gelangt. Während die lineare Stimme in ihrer gleichzeitigen Verflechtung und Verbindung mit anderen musi­kalischen Gedanken manches von ihrer Individuali­tät aufgeben mußte, wurde die herrschende Melodie dem Ohre übersichtlich durch ihre Einteilung in Motive, Perioden. Sie erhielt durch kadenzierende Wirkungen etwas Geschlossenes, Gerundetes, sie war imstande, der wechselnden Folge von Gefühls­erregungen Ausdruck zu geben, während die poly­phone Kunst im Verlauf des Stückes den Grund­affekt festhielt. Das Nacheinander der Gefühlsstim­mungen führte hin zu verschieden gestalteten The- men, die in ihrem Gegensatz einander befruchteten; die Sonate, als Grundform der Ouvertüre, der Symphonie, erwächst. Dynamische Ausdrucksmittel, die Mittel des Vortrags gelangten jetzt zur vollsten Auswirkung, und aus ihnen bildete sich die Grund­lage einer neuen Orchesterdisziplin.

Auch das Klavier machte den entscheidenden Schritt zur Moderne: 2ln die Stelle des Kielflügels trat das Hammerklavier, durch neue Ausdrucksmög­lichkeiten die Produktion befruchtend. Der geistige Führer der neuen Orchesterbewegung war der Böhme Johann S t a rn i tz. 1742 erregte er gelegent­lich der Kaiserkrönung in Frankfurt als Violinvir­tuose ein derartiges Aufsehen, daß Kurprinz Karl Theodor ihn in seinen Prioatdienst nach Mannheim zog. Hier wurde Stamitz der Schöpfer der Sin- sonies d'Allemagne, die von diesem Zeitpunkt an die Konzertsäle Frankreichs, Englands und der Nie­derlande beherrschten. (Eine der frühesten französi­schen Symphoniesammlungen svor 1755s: La ine- lodia germanica!). Den vier Söhnen Bachs fiel die Rolle als Mittler zwischen altem und neuem SM zu.

Donnerstag, 5. November 1925

dem auch für euch, unsere alten treuen Waffen- gefährtcn. Unsere Gegner wissen, worum es geht. Die Katastrophe in Tantah ist nur ein Beweis dafür, allerdings auch dafür, daß wir schreckliche Opfer werden bringen müssen. Unsere Taktik be­ginnt sich zu bewähren, wir werden das Joch der Fremden abschütteln. Niemand Hilst uns ja, und am allerwenigsten der Völkerbund, unter dessen Augen sich in Syrien, wie im Ris und Aegypten, und demnächst auch anderswo Tragödien abspielen, die in ihrer Furchtbarleit selbst manche Episode des Weltkriegs in den Schatten stellen.

Oderhessen.

Landkreis Gictzcn.

Wres eck, 5. Rov. Olm kommenden Sonn­tag hält das Männer-Quartett .Har­rn o n r c sein diesjähriges Konzert im Draun- schen Saale ab. Dem Chor, der unter der Lei­tung des Herrn Otto Mank tn Wehlar steht, geht tn gesanglicher Hinsicht ein ausgezeichneter Ruf voraus, so daß em genußreicher Abend zu erwarten tst, der noch dadurch erhöht wird, daß kte in weitesten Kreisen rühmlichst bekannte Kapelle Mank-Wteseck den instrumentalen Teil übernommen hat. Cello-Solis eines nam­haften Künstlers werden dem Abend eine be­sondere Rote geben.

f. Klein-Linden, 4. Rov. Zu der ge­stern gemeldeten Besichtigung derFeuer- löschgeräte und der äleberreichung von Ehrenzeichen an 2 Feuerwehrleute fei noch fol­gendes nachgetragen: Die Besichtigung der Ge­räte ergab, daß diese in gutem Zustande waren. Um aber mit der Zeit Schritt zu halten, wurde die Anschaffung einer mechanischen Ausziehleiter erwogen, damit auch ein Hilfsmittel gegen Brände der größeren Gebäude vorhanden sei. Richt zuletzt dient die Reuanschaf- fung eines modernen Gerätes auch dazu, das Leben der Feuerwehrleute mehr zu schützen und speziell den jüngeren Leuten den Beitritt zur Freiwilligen Feuerwehr angenehm zu machey. Die Aufstellung eines Trockenturmes für Schläuche soll in den nächsten Tagen erfolgen. Dieser Turm ist umso notwendiger, als die Gemeinde in den letzten Jahren gerade die Schläuche durch Reuanschaffungen wieder auf- gefrischt hat. Als wundester Punkt wurde die Wasserfrage bemängelt. Die Gemeinde ist bis jetzt noch nicht im Besitze einer Wasser­leitung. Sogenannte Brandweiher fehlen ganz, und in trockenen Jahren ist das halbe Dorf ohne Wasser für den Haushalt. Was soll erst geschehen im Falle eines größeren Brandes? Bei Wassermangel nutzt auch die beste Aus­rüstung und die größte Schlagfertigkeit einer Wehr nichts. Diese Zustände auf dem Gebiete des Feuerlöschwesens und der Wasserversorgung au beseitigen, wird wohl mit die erste Aufgabe Der kommenden Gemeindevertretung sein. In der hiesigen sowie in den angrenzenden Ge­markungen sind in letzter Zeit mehrmals Wild­schweine gesehen worden. Es handelt sich um 2 alte und 68 junge Tiere. Der Keiler soll ein besonders schwerer Bursche fein.

-.- Watzenborn-Steinberg, 4. Rov. Am Samstag sprach in einer Bürgerversamm- lung Bürgermeister Schäfer übet das Auf - wertungsgeseh. Für die kommende Ge­meinderatswahl liegen b re i Wahl- vorfchläge vor, und zwar von der Sozial­demokratischen Partei, der bürgerlichen Partei und von der Mittelstandspartei. In der letzten Gemeinderatssihung wurde für die Zep - pelin-Eckener-Spende ein Betrag von 30 Mk. bewilligt. Ferner beschloß der Gemeinde­rat, als S t e u e r z u s ch l a g für das ver­pachtete Gemeindegelände 20 Prozent des Pachtpreises zu erheben. Beanstandungen bei dem Faselvieh anläßlich der letzten amtlichen Untersuchung beweisen dem Gemeinderat die un­bedingte Rotwendigkeit der Erbauung eines Fasel st alles, sobald es die finanziellen Ber- hältnisse der Gemeinde gestatten. Bei den Kon­zessionsgesuchen des Ludwig Jung 3. zur Er­richtung einer Schankwirtschaft und des Friedrich Müller zum Betrieb einer Kaffee- und Schank- wirtschaft wird die Bedürfnissrage bejaht.

> Holzheim, 4. Nov. Die Arbeiten in un­serem Basalt st einbruch, der zum Teil Eigen­tum unserer Gemeinde ist, zum Teil dem Kreise Gießen gehört, haben seit der Verpachtung <an die GewerkschaftMargarete" größeren Umfang angenommen. Jrn Gegensatz zu anderen Steinbrü-

Die Oper erlebte gerade in dieser Zeit ihre ge­waltigste Umwandlung und wurde zum Kampfplatz für nationale und internationale Bestrebungen. An den fremdsprachlichen und fremdgearteten Darbie­tungen allerdings vortrefflicher Wandergesellschaften fand das erwachende Nationalgefühl des Bürger­tums keinen rechten Gefallen. Die Empfindsamkeit suchte ein ihrer Schlichtheit entsprechendes Abbild, forderte sinnliches Leben, Natur, Individualisierung. Dies bot das Singspiel mit dem Uebergewicht der literarischen Handlung über die sich sonst selbst form­gestaltende Musik. Notleidende Schauspieltruppen nahmen sich des Singspiels an; so mußten sich an­dererseits die musikalischen Anforderungen nach dem mehr oder weniger großen Stimmvermögen der Ausführenden richten.

Nicolo I o m e 11 i - Stuttgart leistete ebenso wie Tommaso Traetta-Wien in deutsch-romantischen Wegen wichtige Vorarbeit für die hohe Oper. Mün­chen, Prag, Darmstadt, Dresden iverdcn Haupt- pflegestatten für die Sturm- und Drangkunst des letzteren. Vereint mit Gluck haben beide ebenso stark rote Lessing und Winkelmann dem Hellenismus Goethes und Schillers wichtige Vorarbeit geleistet.

Gluck führt den Kampf mit den Italienern durch, er schafft den dramatischen Opernstil.Wenn ich eine Oper komponiere, suche ich zuerst zu vergessen, daß ich Musiker bin." An Stelle wechselnder Büh­nenspiele treten großzügige Szenen mit erhabenen Empfindungen, feine Dirtuosenkoloratur mehr, die Musik wird zur Dienerin des edelgewählten Dichter­wortes; die einzelnen Arien vertreten keinen fest- stehenden Affekttypus, sondern entspringen dem sich nicht wiederholenden Einzelfall der Handlung. Aller­dings eine Eharakteremwicklung innerhalb eines Werkes ist ihm noch nicht gegeben, feine Gestalten haben trotz aller Dramatik doch ein statuengleiches Beharren. Die gleiche Zeit, in der Lessing seinen Laokoon schrieb. Der Weg für die Wiener Klassiker ist nun geebnet. Haydn sucht und findet den Stll in seiner Tätigkeit als Kapellmeister des Fürsten Esterhazy in Eisenstadt und steht in feiner späteren Zeit als Gebender und Nehmender zu W. ?(. Mo-