Ausgabe 
5.9.1925
 
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Nr. 208 Drittes Blatt

Siegener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Samstag, 5. September (925

Jt

anderfahrten im Nordkaukasus.

Deutsche Kolonisationsarbeit im Kuban-Gebiet.

Don unserem Ä. H.-Derichterstatter.

1.

Kawkaskaja (Nordkaukasus), im August.

Gleichwie ein kostbare» Kleinod hüteten wir die Eisenbahnsahrkarte, mit der wir von Rostow nach dem nordkaukasischen Gebiet fahren konnten. Es war nicht leicht, sie zu erringen; Denn jetzt zur Reise­zeit ist auch in coiuictrufolanb für die Eisenbahnen, ruenigsten: soweit sie nach dem Süden, nach den Erholungsorten des Schwarzen Meeres, der Krim oder nach dem Kaukasus fuhren, Hochkonjunktur, xiug für Lug istausoerkauff, und jeder schätzt sich ulütflid), wenn er sich eine Fahrkarte erkämpfen konnte.

Der bis auf den letzten Platz gefüllte Schnell- «g, der aus dem Norden von Petersburg über oskauCharkowRostow nach Baku fahren MI, wartet bereits eine Viertelstunde über die vor- geschriebene Zeit hinaus auf dem Rostower Bahn- hoi: während Bahnsteig, Wartesäle und Bahnhofs- platz förmlich belagert sind von großen Scharen Reifender, die auf die nächsten Züge warten.

Unser Schnellzug fetzt sich endlich mit halb­stündiger Verspätung gegen 10 Uhr abends in Bewegung, lieber den Don geht es in die Rächt hinauf. Der Kuban ist unser Ziel. Batajsk, Ze- lina, Glubokajo und Tichoretzkaja sind die Haupt- ttationen, die wir zu durchfahren haben, Kam- kaskaja oder setzt Krapstkino ist die End­station.

Unsere Ausgabe ist eine Insormations- reise durch einen Teil des Kuban- gebiete». Direktor Döhler von der deutsch- russischen Saatbau A. ©., die es übernommen hat. weite Streifen des Kuban mit Saaten zu kul­tivieren und damit am Wiederaufbau der Ackcr- wirtschaft in Sowjetrußland mitzuarbeiten, ist unser Führer. Da wartet schon auf uns vor dem Bahn­hofsgebäude in Kawkafkaja dieTroik a", die­ses echt russische Dreigespann, das uns an unser Ziel bringen soll. Hinaus in die würzige Morgen­luft der russischen Landschaft. Hin und wieder geht f*8 an einem Bauerngefährt vorbei, dgs Erntegut nach der Eisenbahnstation bringt. Das ist ein schwe­res Stürf Arbeit, die auch wir spüren sollen: denn )ie russische Landstraße, die wenigstens in der Hegend, die wir durchfahren, mit fraglichem Recht diese Bezeichnung verdient, gibt einem jeden Wagen irgendwelcher Art eine harte Ruß zu knacken. St nie- tiefer Sand oder Schlamm, je nach der Wetterlage, smd zu überwinden, wobei man jeden Augenblick befurchten muß daß eine tückische verborgene Ein- enkung den Wagen aus dem Gleichgewicht bringt, tun, unsere munteren Traber wissen Bescheid, und o lassen mir uns sorglos über Köcher und Pfützen yinweg kräftig durchschütteln und uns manchen Spritzer um die Ohren sausen. Zwischen üppig qrunen Laubbäumen und Gesträuch gehts die all­mählich gänzlich vereinsamte Landschaft dahin.

Da wird bei einer Biegung plötzlich der Kuban sichtbar, der sich in seinem breiten Bett zwischen reizvollen Uferlandschaften scheinbar träge dahin- iiial}t. Rur scheinbar, beim bei näherer Betrachtung erweist er sich als ein reißender Strom von impo­santer Breite. In ungezählten seltsamen Windun- nen fließt er dahin, so daß er auf unserer Fahrt, kaum das wir ihn verlassen hoben, immer wieder crld)eint und sein Lauf weithin am Horizont zu sehen ist. Endlich nach etwa anderthalbstündiger Fahrt sind die ersten menschlichen Behau­sungen zu erblicken, niedrige strohbedeckte Hüt- ten und im Hintergründe ein mit mafsiven Bauten umfriedeter Hof. Einst das Gut eines russischen Großgrundbesitzers, jetzt einer der Höse, die der vorher erwähnten Saatgut A. G. von der Sowjet- tjgicrnng in Form eines Pachtvertrages übergeben worben find.

II.

In dem weiten vom Kuban-Strom durchfloj- jenen und nach ihm benannten Gebiete, das sich nördlich der Hänge des Kaukasus von Westen noch Osten erstreckt und etwa halb jo groß wie Deutsch­land sein dürste, herrscht seit Jahr und Tag befon- bers reger Arbeitsbetrieb. An ber Ausnutzung des Kubanschen Ackerbodens find deutsche Unternehmen in namhaftem Umfange beteiligt. So hat dic ...Kon Zession Drufag" (Deutsch-russische Saatbau A. G.) em Gebiet, das nicht weniger als rund 22 000 Hek tar umfaßt, zu bearbeiten. Ein Teil davon liegt im Dongebiet, ber größere Teil am Kuban. Von dem Umfange dieser Ländereien kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß ein Ritteraut mit 500 Hektar in Deutschland schon als ein sehr großes Gut anzusehen ist.

Ein Fordauto sollte uns einen möglichst um­fassenden Einblick in die Bebauuna und dos Wesen des Kuban-Gebietes vermitteln. In der Glut der südrussischen Mittagssonne führte uns der Wagen aus den östlichen Gebieten nach dem Westen. Die schlech­ten Wege nahm man gern in Kauf gegen all bas Interessante, das sich dem Auge bot. Unendlich erscheint aber die Ursteppe, auf der allerdings gute Futtergräser wachsen, gewaltig sind aber anderer- feite die Gebiete, die durch deutschen Fleiß urbar gemacht worden sind. Weite Felder mit Sonnen­blumen, aus denen gutes Speiseöl hergestellt wird und dieses einen wertvollen Ausfuhrartikel bildet, dehnen sich zu beiden Seiten des Weges aus. Dann folgen große Ackerflächen mit Mais, Zuckerrüben, Zuckerrohr, Hanf, Lein, Tomaten, Melonen und ollen anderen Gartengewächsen. Auf ebenso großen Getreidefeldern liegt bas (Betreibe, in Puppen ge= bunben, da Scheunen zum Bergen der Feldfrüchte nicht vorhanden sind. Schöne schattige Alleen um­fangen uns nach Verlassen der Feldwege. Platanen, Pyramidenpappeln, Birken, Akazien und andere Laubbäume wechseln in stimmungsvoller Weise mit­einander ab. Auf einem Abhang liegt zwischen Baumgruppen eines schmucken Parkes basHerr- schaftshaus" eines ber großen Gutshöfe. Auf dem Hofe kann man landwirtschaftliche Maschinen aller Art, aus Deutschland eingeführt, sehen. In einem Seitengebäude ist eine Saatveredelungsanlage er­richtet, die Tag und 'Rächt mit Motorkraft arbeitend das gedroschene Gettreide reinigt. Dieses ausgelesene (Betreibe wird als Saatgut verwendet.

Weiter über alle Hindernisse ber oft fast un­gangbaren Wege hinweg führt uns das Fordauto durch das Land des Kuban dahin. Einige Blumen­felder, mit Astern, Löwenmaul, Stiefmütterchen, Cinien und anderen Blumen, durchweg aus Deutsch­land eingeführt, bringen in die Steppen- und Ackerlandschaft eine farbenfreudige Abwechslung, während zur Seite der Kuban-Strom mit seinen anmutigen Uferlandschaften prüfet. Hier und da ver­einigen sich die typisch russischen niedrigen Stroh- häuser zu einem Dorf. Kubankosaken sind es, die hier wohnen, in unscheinbaren Behausungen, die man eher Hütten nennen müßte, daneben ein ober mehrere Strohschober, dazu eine Hütte, die für das Vieh ober als Speicher dient. Rur selten verirrt sich hierher ein Kraftwagen, so daß bei unserer An tunst alles, was Beine hat, zusammenströmt, Die Männer wetterfeste, gedrungene Gestalten. Einst mit das beste Soldatenmaterial des Zarenheeres. Unter den Frauen mit ihrem bronzefarbenen son­nenverbrannten Teint, manche, die man schön nennen könnte. Und auf den Höfen balgen sich luftig in neckischem Spiel Kinder mit Hunden und kleinen Schweinen herum.

Eine kurze Weiterfahrt, und an das Kosaken- dors schließt sich ein anderer Ort an, dessen Häuser neuerer Herkunft zu sein scheinen. Sie sind auch aus Lehm, jedoch stabiler gebaut. Das Gesamtbild

mit einen guten Eindruck ber Geschlossenheit. Ich grüße eine kleinere ©nippe von Menschen, man antwortet und spricht deutsch. Das e r ft e deutsche ftoloniftenborf. Sie sind im Jahre 1906 nach Rußland gekomen. also deutsche Kolonisten neueren Datums, meist aus Sachsen ausgcmanberi. Deutsche Bauern, die Sprache und Eigenart in ihrem ganzen Leben und Wirken in Rußland bewahrt haben und auch zum Ausdruck bringen. Und nun wechseln weiterhin deutsche Kolonisten und Kojakendörser fneblid) miteinander ab. In den weiter folgenden Kolonistendörfern hat man es mit deutschen Kolo- ni|ten zu tun, die nicht erst, wie die vorher er- wähnten, Anfang des 20. Jahrhundert, sondern deren Väter vor einem Jahrhundert und mehr nach Rußland ausgewandert sind. Jahrhunderte haben aber nicht vermocht, ihnen trotz oller Stürme ber Zeiten deutsche Sprache und Sitte zu nehmen. Man hört ausnahmslos deutsche Romen wie Wagner, Wolter, Schultheiß, Herlina u. a. Georg, Hans, Günther usw. heißen die Jungen, Mario, Grete, Anna usw. die Mädchen, und untereinander spre­chen sie alle deutsch, das allerdings ein wenig mit rulsitchen Wörtern durchsetzt, jedoch für jeden nur Deulfchsprechenden verständlich ist. Und auch der Briefwechsel mit Angehörigen, die in anderen Län­dern weilen, ist deutsch. Und mit Stolz holt ein altes Mütterchen ein ganzes Bündel 'Briefe, die olle in deutscher Sprache geschrieben sind, hervor. Erst kürzlich schrieb wieder ihr Sohn, der in Oft- preußen weilt. Ein deutsches Eiland, Tausende von Kilometern von der Heimat entfernt, die niemals erfahren hot und niemals erfahren wird, wieviel Swweres ihre Kinder besonders im Lause des letzten Jahrzehnts in der rutt"chen Steppe erfahren haben. Der Weltkrieg, die Revolution und dann die ichreckliche Zeit der russischen Hungersnot in den Jahren 1922/23 haben die deutschen Kolonisten, deren cs im Shibangebiet weit über 100 000 gibt. Ungeheures erdulden lassen. Schlicht und anspruchs­los leben all diese Menschen auf ihren Dörfern. Das kommunistische System hat auch ihre» Besitz auf- teilen lafj-m, und olle haben gleich große ober viel­mehr gleich kleine Ackerflächen, 1,8 Difjatinen pro Kopf. Eine fünfköpfige Familie hat etwa 30 Mor- gen, gewiß unter Verhältnissen in Deutschland ein Bauernhof mit leidlichem Auskommen: die gleich großen Felder in Rußland sind aber nicht so er­tragreich und ausnutzbar, so daß die deutschen Ko­lonisten schwer ringen und sich durch andere Arbeit einen Nebenverdienst verschaffen müssen, und glück­lich der, der für den Dors-Sowjet bzw. für die Cooperotioe, d. h. Genossenschaft, für einige Ko­peken eine Fuhre machen ober für die deutsche Kon­zessionDrufag" arbeiten kann, zu ber die Bauern mitunter von 200 bis 300 Kilometer Herkommen, für die er einige Kopeken bekommt.

Rosenfeld Alexanderhos, Eichenfeld usw. heißen die Dörfer der deutschen Kolonisten. Neuerdings haben sie auch russische Namen erhalten: Wanowka, Schrimbowkaio, Simcnowka, während die benach­barten Kosakendörfer Kasanskaja, Tifliskaja, Morsko- sowa usw heißen. Dic schönste und zugleich älteste deutsche Kolonie ist das bereits erwähnte Eichen­seid zu nennen. Lauter schmucke massive sauber gehaltene Häuser mit ebenso sauber und ordentlich eingerichteten Höfen. Man möchte sich in einem der besten Dörfer in Deutschland wähnen, wenn man dieses deutsche Kolonistendorf betritt. Ein kurzer Aufenthalt in dieser schönen Siebclung, einige Mi­nuten Unterhaltung mit den deutschen Landsleu­ten, die nur selten einen Besuch aus ihrer einstigen Heimat ihrer Väter erhalten, die Zeit drängt, und fort geht es weiter durch die schon in der Abend­dämmerung liegende Kuban-Landschaft.

Schöffengericht Gießen.

* Gießen, 3. Sept. Troy seiner Jugend hat sich der am 29. Oktober 1904 in Konfeld ge­borene Maurer Joses Gerhard Groß­mann bereits zum Schwerverbrecher entwickelt.

Er wird auS einer bayerischen Strafanstalt vov» geführt, wo er 2,; Jahre Zucht hau- verbüßt,

Dor dieser Okrurtcilimg hatte er End« vorigen Jahre- fein Unwesen in Ober bestellt getrieben und verschiedene schwere Einbrüche ve» übt bzw. versucht Des einem derartigen Tav 'uch in Schwalheim wurde er am 2 Dezember 1924 überrascht und. obwohl er auf seine Verfolg« verschiedene scharfe Schüsse abgab. festgenrmmen. Vachgewiesen wurden ihm Einbrüche und Ohr- bruchsversache in Dorheim. Schwalheim, DichelS- dorf. Rainrod. Gcfamrstrase: 3 Jahr c 4 Mo­na t eZuchihauS

Der mehrfach wegen Eigentumsoergeben voc* bestrafte Händler Fritz Henning aus Mao» bürg hat im Juli I. 3. in einem Haufe der hiesi­gen Reuen-Bäuc einen Bettbezug gestohlen, in­dem er mit einem Drücker -- er hatte deren st et- drei bei sich die verschlossene Türe der Woh­nung, die zeitweise von ihren Bewohnern rw laffen war. öffnete. 3n gleicher Weise versuchte er in der Löberstraste eine Tür mit dem Drücker zu offnen, wurde aber gestört. Dagegen gelang es ihm, in eine Wohnung der KaiferaN« einzu» bringen: bevor jedoch Zeit zum Sttchlen Hieb, überraschte ihn die Hausfrau, die aus ha Stadt zurückkehrte. Er ging flüchtig, wurde jedoch fest» genommen. Da- Gericht beurteilte diese Taten außerordentlich milde und erkannte auf mir 6 Monate Gcfäng nis: der Staai-anwalt, der 1 3abr 6 Monate Zucht hau- be­antragt hatte, erklärte, das Urteil nicht anet* kennen zu können.

Wirtschaft.

Börse und Geldmarkt.

An der Börse vollzieht sich gegenwärtig ein kleiner ReinigungSprozeß. Eine Reihe von Maklern, die über ihre Kräfte hinan- Engage­ment- eingegangen sind und nunmehr unerfüllte Berpflichtungen haben, sind von der Berlin« 3nsolvenzkommission alfl Aufgabe gestrichen wor­den. Es handelt sich hierbei nur um kleine Maklerfirmen, die für die Gesamtbörse überhaupt feine Bedeutung haben Ueberhaupt geht man gegen die Verwilderung der GeschäftSsitten an der Effektenbörse in der letzten Zeit etwa- schärfer vor, was dem Ansehen des Marftes nur dienlich ist. So ist die jüngste Befestigung der Kurse nicht zum wenigsten ein Ergebnis von zwangsweiftn Cxekutionskäusen, um bisher auSstehende Stücke- Lieferungen endlich durchzuführen. Man rüdt den Baissier- tatsächlich kräftig zuleibe. die mit ihren Leerabgaben wirklich so weit gegangen waren, daß Kassageschäste teilweise noch nach Wochen ihrer Erfüllung harrten. Gleichzeitig mit diesen Exekutionskäufen konnte man eine ver­mehrte Intercssennahwe seitens des AuSlande- unS feiten- der Kundschaft der Danken an den 3ndustrie-Eftekten beobachten, so daß sich wäh­rend der letzten vierzehn Tage ein völliger Um­schwung der Tendenz vollzogen hat. ES steht zu hoffen, daß die Besserung des KursniveauS nun auch anhalten wird, bis diese- wieder dem inneren Wert der Aftieir entspricht. Es bedarf feiner besonderen Begründung, wenn man darauf Hin­weis!, daß dieses vor allem auch im Interesse! unserer Aktien-Gesellschaften selbst liegt, denn das Ausland wird naturgemäß ein erhöhte- Bert rauen in deren Lage haben, wenn es sieht, daß man im Inland das eigene Bert rauen zur Lage ter industriellen -Unternehmungen durch eine vermehrte Kapitalanlage in deren Aktien zum Ausdruck bringt. Allerdings ist dem eine Grenze gesetzt in der ftnanziÄlen Kraft de- deutschen Publikums. Wenn auch der Dörscnaeld- marft eine sehr leichte Bevsassung hat und selbst am Ultimo sehr reichliche flüssige Mittel zur Ver­fügung standen, so ist dies nur em Zeichen bet Geldüberflüsse vor allem der öffentlichen Kassen, während die Privatwirtschaft nach wie vor unter

Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann Stegemann.

3. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Doch ehe sie sich gefaßt hatten, kam ein röchelnder Seufzer von den Lippen der Kranken, unb ihr Kopf sank hintenüber in die Kissen.

.Mutter!" schrie eine rauhe Knabenstimme, imb den Aeltern ungestüm beiseite drängend, sprang Hermann Ingold hinzu, stieß den Arm 1 unter das Kissen und richtete die Atemringende tu die Höhe. Dabei riß er mit den 3ähnen ten Pfropfen aus der Arzneiflasche und füllte bann den dünnen Silberlöffel, den ihm der Baler tedächtig hinstreckte.

Mit geschlossenen Lidern schluckte die Mutter, seufzte und murmelte:

Der Hanns muh seinen Kaffee haben."

Dem Manne, der das Leben in zwei Welten Tieiftem gelernt hatte, schossen die Tränen au- ten Augen.

Als die Mutter still lag, schickte der Dater ten jüngsten Sohn zum Malermeister Lorenz Ingold und lieh ihm sagen, die Mutter begehre ihre Kinder um sich zu haben in der letzten . Stunde.

Hanns folgte dem Bruder auf dem Fuße imb holte ihn im Gärtchen ein.

..Hermann, wir haben uns ja noch nicht begrüßt", rief er ihm nach.

Trotzig und scheu wandte der Knabe sich ab .nd antwortete ins Blaue:

..Ich bin dir ja doch nicht mehr gut genug. Int' die Mutter, die fragt jetzt nur noch nach Mr!

..Glicht mehr gut genug! Füchslein, du bist <in Barr!" entgegnete Hanns welch und zog ihn «m sich.Reun Jahre warst du. als ich nach Assuan ging. Jetzt bist du schon aus dem Kon- i-rmandenrock gewachsen."

Da fragte Hermann Ingold eifrig:

.Und wo war es schöner. HannS. in Aegyp­ten bei den Pyramiden am Ril oder in Amerika?"

Unter dem braunroten Haar liefen blaue Aedcrchen an den Schläfen hin, und ein leiben» kbaftlich verträumter Blick stieg auS den Augen

des Knaben und vergeistigte das magere blasse Gesicht, das von den ersten Sommersprossen be­tupft war.

Ich erzähl' dir von beibem. Hermann. Hol' jetzt den Lenz und die Defa: die Mutter, die fragt bfald nach keinem mehr von ihren Buben."

Die Mutter!" stich Hermann in bangem Schrecken hervor und schoß davon.

Und als es auf den Abend ging, dachte Margret Ingold wirklich ans Sterben, warf unruhig dic Hände, kämpfte um den letzten Atem und seufzte ein um das andere Mal tief, und mit jedem Seufzer schien sie ein Stück Erdenweh abzustohen, denn die Seufzer wurden leichter, fadengleich der Puls und stift das Ge­sicht. auf dem klar und farblos die Abendblciche lag.

Doktor Auer kam. fand nichts mehr zu sagen und ging wieder.

Sie sahen und standen um ihr Bett

Hanns Ingold stand am Fuhende des Bettes.

Er sah seine Mutter langsam ftiller und fremder werden. Er kam sich selbst fremd vor und hatte doch das Gefühl, überhaupt nicht fortgewesen zu sein aus diesem Haus und dieser Wett. Er hatte Erstochene und bei der Gestein­bohrung Berunglückte sterben sehen, in einer verpesteten Typhusbaracke gestanden und bei dem großen Hochwasser des Mississippi ein Dutzend Leichen aus den Turbinenschächten fischen helfen, aber er hatte noch nicht gewußt, was Sterben toax.

In ihm sprach eine Stimme: Das ist deine Mutter, die hat dich geboren, der bist bu_ an der Schürze gehangen, die hat die Hand über dir gehabt.

Starr, mit trockenen Augen blickte er auf sie nieder.

Es war ein sanftes Berscheiden.

Doch einmal seufzte sie sehnsüchtig, und bann grub sich eine stille Ruhe um ihren Munb. Lorenz öffnete das Fenster. Die feuchte frische Rheinluft quoll mit dem Rauschen ber Schnellen in bie schaudernde Stifte.

Christian Ingold trat ans Bett, drängte bie Sohnsfrau beiseite, griff unter das Kissen und hielt feine Frau in den aftcrletzten Zügen.

Sie spürt nichts mehr", sagte er, als müßte er sich entschuldigen.

Und so ist ihr letzter Seufzer erloschen, ihr Atem stillgestanden und ihr Herz erkaltet.

Sechs Uhr abends war's. drei Hochzeits­kutschen fuhren polternd über die gedeckte Brücke zu einer Luftfahrt in bie Schweiz.

Hanns Ingold hielt seinen jüngsten Bru­der umfaßt, der seine Tränen versteckte, und sah dem Bater zu. wie er mit seinen harten Händen und unbewegten Mienen die Bettdecke sanft über bie Brust der Toten zog und sorg­fältig unter ihre Schultern schob.

Dann setzte sich der Fischmeister, der bie ganze Zeit gestanden hatte, schwer auf den Stuhl neben ihrem 'Bett.

Da gab Hanns den Geschwistern ein Zeichen, und leise gingen sie hinaus.

Wo der Rhein nach Uebertoinbung deS Felsenpasses von Rheinau in bie sanfte Aue tritt, lag bas aufgehobene alte Kloster, das Doktor Engelhardt vor einundzwanzig Jahren angekauft und zu einer Heilanstalt gemacht hatte.

Ich habe den Bau feiner Bestimmung wiedergegeben. Pax intrantibus". sagte er, wenn ein Patient den Weg zu ihm fand.

Das Zwiebeltürmchen mit dem rostigen Helm stach rot aus den weißblühenden Bäumen, als Hanns Ingold vom Wald herabkam.

In Pappeln zischelte der Wind. Schäfchen weideten am Himmel.

Es war nichts verändert worben, seit er zum letzten Wale in 6t. Joseph gewesen war. Das niedrige Gebäude schien hinter den bröckeln­den Mauern des weitgespannten Gartens zu schlafen. Die Läden lagen vor den Zellenfenstern. Im Refektorium waren bie Borhänge herab- gelaffen Und Hanns hatte toieber das Ge- ftihl, daß alles in ber Heimat stift und tot lag. dem Absterben nahe, ohne Puls, ohne Leben.

Wie die Mutter am Tage seiner Heimkehr gestorben war, müde vom Geben, so starb hier alles. Rur bie Bäume blühten, bie Bienen flogen und der Rhein schoß im ungestillten Drang der Frühlingsfchmclze der Ebene zu.

Run lag bie Mutter schon brei Tage vor der Stadtmauer in der Erde, und die Besä war in bas Fischerhaus übergefiebelt und sorgte für den Bater.

Hanns bog vom Wege ab und umging die Mauer des Gartens. Er erkannte die Stellen wieder, wo sie als Knaben hinübergestiegen und wie Stare in die Obstbäume gelallen waren. Er umschritt das Mauergeviert, bis er an die Fluhseite kam. Sanft senkte sich die Aue zum Rhein herab. Am User ragten die GachSfaften mit den ausgeschwungenen Rehen aus dem Busch­wald in den grünglihernden Strom, der, noch aufgeregt von dem Schuß und Sprung durch den Lausscn, quirlende Trichter drehte.

Wie viel Kraft ging da verlorenI HannS sand diesen Gedanken wie zufällig am Wege, aber als er ihn festhielt, laugte sich seine Ein­bildungskraft daran satt. Unwillkürlich blieb ec stehen und nestelte den goldenen Bleistift von der Uhrkette, zog das Rotizbuch hervor und begann zu rechnen. Er kam auf vierzigtausend Pserdekräfte. die am Gauffen gewonnen werden konnten.

Der Kuckuck rief vom nahen Gaubtoalb in den Frieden der Stromlandschaft.

Hanns Ingold rechnete. Ein heftiger An­trieb peitschte seine Rerven, im gewaltigen schöpfe­rischen Drang schuf er auf dem Papier und im Kopf die Heimat neu.

Er hatte vergessen, wo er war und zu wem er auf dem Wege war. Wenn er von den Zahlen aufschaute, warf er prüfende Blicke auf den Strom und schätzte die Entfernungen.

In weißem Gischt kam der Rhein gestürzt, schoß zwischen den roten, abgeschliffenen FelL- toänben hervor und zog mit gesammelter Wucht wie flüssiges Glas talabwärts. Der Schattenriß Rheinaus stand am rechten Ufer und stand schwarz vor dem weihdurchwirkten. blauen Himmel.

Der Gauffen mußte gesprengt werden, da- Stauwehr fand erst auf dem Jelfengrund Wurzel und Fundament, dazu muhte der Strom ein Stück auS dem Bett gedrängt werden.

(Fortsetzung folgt) j

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