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Der gefesselte Strom.

Roman von Hermann Stcgemann.

54. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Dort geht jemand," sagte sie auf einmal und wies mit dem Schirmstiel ins Geklüft.

,Da drunten ist der alte Fischerwcg, aber er ist jetzt gesperrt. Die rote Fahne hangt schon über dem Felsen, und um halb sieben Uhr fangen sie an zu sprengen."

Ruth gab die Erklärung in aller Ruhe.

Aus weiter Ferne kam der klägliche, plärrende Ton eines Harnes. Es war das Warnzeichen vor Beginn der Sprengungen.

Der alte Mann klettert ruhig weiter," sagte Frau Tylander verwundert.

Da warf sich Ruth in plötzlicher Angst ans Ge­länder und schrie:

Herr Ingold! Vater Ingold!"

Das eintönige Rauschen des Rheins verschlang ihren Schrei. Noch einmal schrie sie in wilder 'Angst, weit über die Brücke gelehnt, in deren Dach- höhlung ihre Stimme widerhallte.

Dort unten der Mann, der lief in den Tod, stieg gelassen über die Lauffensteine, Hemmte sich den uralten Pfad zwischen den überhängenden Felsen und dem kochenden Strom entlang, vom Wasser überschlagen, von Gischt beperlt, das Fang­netz auf der Schulter, ging an der Warntafel vor­bei und sah auch das rote Fähnlein nicht, das Gefahr kündete. Er wollte es nicht sehen.

Schnell zum Wagen, Mama! Wir müssen zur Zentrale. Sie dürfen nicht schießen!"

Als Ruth den Fischmeister zum letztenmal sah, bog er gerade um die Felsnase in den äußeren Paß, wo früher sein Kahn für den Fang im unteren Strom gelegen hatte.

Christian Ingold ging den feuchten Weg wie seit fünfzig Jahren.

Auf den dunstigen Tag war der klare Abend gekommen. Da standen die Fische in den wallenden Töpfen und warteten auf die Beute, die der Rhein­strudel ihnen zutrug. Geflügelte Schrecklein und Motten, die er durchkältet und aus der Luft herab­gerissen, und geringe Fischbrut, die sich zu weit in die Strömung gewagt hatte.

Das ewige Rauschen der Wasser war um ihn her, draußen im Werbe! lag rote Sonne, in sieben Farben spielte die Flut. Er atmete den Rhein, er spürte ihn im Haar und Bart, er ging im Gleichmaß der Tage, alter Ordnung treu, und stockte erst, als plötzlich der Weg vor ihm unnatürlich weit wurde, das Gestein durck-einandergefchüttet lag, der Fels mit tiefen roten Schrunden um ihn herhing, und in dem versprengten Trichter, der beim niederen Wasser vom Strom abgeichnitten mar, schwere rote Erdkrumen ausschlugen, die wie Tränen über die überhängende Felswand rannen und schwer ins verfärbte Becken fielen.

Christian Ingold starrte auf die Verwüstung, und die Hand vergaß, das Netz zu halten. Die Bleisenkel zogen es ihm von der Schulter, in tausend Maschen stürzte es hinab.

Mit verzweifeltem Schlag sprang ein starker Salm, den der Erdteig im verschütteten Trichter er- stickte, aus dem roten Wasser und hart auf den aus« geschachteten Pfad. Der silberne Leib, die rosigen Flossen glanzten, hoch auf fprang er noch einmal in zuckender dual.

Da bückte sich der Fischmeister langsam, während vom St. Josepys Acker her noch einmal das Horn erscholl, faßte ihn mit den rauhen, griffsicheren Händen, wiegte ihn einen Augenblick und schleuderte ihn, der wie ein silbernes Schwert die Luft durch­schnitt, weit hinaus in den grünen Sturz des Rheins.

Doch kaum geschah es, da krachte der erste Schuß, der zweite, der dritte, donnerte die Kluft, löste sich der Felsenhang, fliegen Erdsäulen, stürzten Stein- trümmer, und in rotem Staub und weißem Dampf verging Christian Ingold die Welt.

Nach einer Weile fiel noch ein letzter Schuß, schwach, wie zögernd, als wüßte die Patrone, was geschehen war.

Hoch über den tiauffen fliegen die rotbraunen Rauchbüschel der Sprengschüsse. An den Bergen ver­lief ersterbender Widerhall.

Dann schrie ein Vogel, nein, die Trompete eines Automobils, und nun ein Rennen, ein Klettern und Jagen, vorwärts, die Schüsse sind los, her­unter die Fahne, hinein in die Kluft, am Wasser hin, das schon den letzten Erdbrci fortgefpült hatte und wieder unbekümmert in die Ferne loste.

EHa iinmniiii um ii raruMaiirrTWnnMm

Sie fanden den Fischmeister von Rheinau, von der Lauffenwand erschlagen, neben seinem Netz niedergestreckt. Der Rhein wusch ihm sanft das blutige Gesicht.

Als Ruth Engelhardt sich zu ihm durchgekämpft halte, fiel sie weinend an der Leiche des allen Fischers nieder, und die Ingenieure und die Ar­beiter starrten wie Schuldbeladene auf die schöne Signorina, die das zerschlagene Haupt in ihren Schoß nahm und im kältenden Schatten des Rheins und des Todes kauerte, bis die Tragbahre kam, auf der sie Hanns Ingolds Vater aus dem Lauffen trugen.

Hanns war noch am linken Ufer. Ein Gerücht lief zu ihm und meldete, daß ein Unglück geschehen fei. Er kletterte über das Brückengerüst.

Dort stand Doktor Engelhardt mit dem Spreng« Ingenieur.

Was ist geschehen?"

Engelhardt trat aus ihn zu.

Es trifft niemand eine Schuld. Ingold. Hören Sie, niemand! Und jetzt kommen Sie, ich weiß, Sie sind ein Mann."

Und Schritt für Schritt führten sie ihn zu dem roten Haus, in dem er diese Nacht die Variante zu seinem Werk ausgearbeitet hatte. Schritt für Schritt. Sie gaben ihm kurzen Bericht.

Als er eintrat, wußte er alles.

Auf einem Feldbett, zwischen Plänen und Skizzen, lag sein Vater.

Aber das Gesicht war fremd und friedlich zu­gleich, über die tödliche Wunde an der Schläfe fiel das vom Rhein gewaschene weiße Haar.

Wie von Frauenhand gebettet lag er, und vornüber fiel stumm und tränenlos sein Sohn und umfaßte den erstarrten Leib mit klammernden 'Armen.

* . * *

Der Herbst verging und der Winter härtete den Boden. Frühling kam, und das Eis, das in diesem Jahr in großen Schollen den Rhein hinabtrieb, knirschte und klirrte an den Brückenpfeilern, und wenn es den Lauffen hinunterfegte, war es, als spränge ein Geharnischter kampfgierig bergab.

Die Türme wuchsen, die Schlote begannen zu rauchen, und wo Napolis Bretterbuden gestanden hatten, schossen Arbeiterhäuser in rotem Backstein aus dem Boden. Vom hohen Dachgerüst des Schal­

terhauses flatterten schon die bunten Bänder des Aufrichtbaumes. Gewaltig dröhnten die Beton« rammen im Flußbett.

Doktor Engelhardt war ein einsamer Mann, aber er hatte sich in der Ambulanz heimisch ge­macht, und der junge Kliniker, der dort das Szep­ter führte, ließ sich die Hilfe und die Ratschläge des alten Herrn gern gefallen. Nur von chirurgischen Fällen hielt Engelhardt sich ängstlich zurück.

Eisengrau war die Lockenwildnis, die er unbe­deckt ins Freie trug. Er spottete weher und grim­miger als je über das laute, geldklirrende neue Wesen.

Wenn von Berlin Nachricht kam, schüttelte er die Haare wie ein übermütiges Füllen und lief, in den Wald. Sein Herzleiden hinderte ihn, höher zu steigen, er ging nur soweit, daß die neue Welt hin­ter ihm versank. Dann erzählte er den Bäumen von seiner Tochter.

Ruth war Mutter geworden. Ihre Briefe waren keine Ergüsse, doch schien sie glücklich zu sein.

Und der Professor sprach zu den Waldbäumen und zu dem blühenden Fingerhut, der dicht vor ihm stand:

Ihr wißt ja, was glücklich sein heißt. Glücklich sein ist kein Zustand, Fräulein Fingerhut, es ist nur eine Augenblicksempfindung. Und kaum empfun­den ist es nur noch Erinuerung.-Wud manchmal auch erst Glück in der Erinnerung. Aber Ruth ist in anderem Sinne glücklich. Sie ist ein lebendiges und Leben kündendes Geschöpf, sie ist ein Mensch mit offenen toinnen, sie hat ein Herz, das Ihrer dunklen Säfte nicht bedarf, mein Fräulein vom purpurnen Becher. Sie steht schlank wie ihr Schlanken und badet die Stirn im Morgenlicht wie ihr, hochstämmige Schwarzwaldtannen! Sie wird auch unter den Geldhunden nicht die Zunge heraus­hängen. Sie ist mein Mädel, sie ist"

Er brach ab, sah sich scheu um, stieß Ruths Brief in die Tasche, warf noch einen Blick auf die geheimnisvoll leuchtende Blume, in deren Säften er feit einem Jahre Linderung seines Leidens fand, und ging wieder zurück nach St. Joseph, das hin­ter dem großen Direktionsgebäude des Kraftwerkes beinahe verschwand.

Der zweite Winter fuhr zu Tal. Silvester war eine Nacht dichten Nebels.

(Fortsetzung folgt.)

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