II
to K
II
r
to 16
I
m. (80 Slvrttes Blatt Gietzener Anzeiger (Senerai-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 4- August (925
■ ■■ ■ 1* . I
Die Ablösung der öffentlichen Anleihen.
Don Rechtsanwalt Dr. von Karger, Berlin.
Das Kefeti über die Ablösung der Anleihen Les Reiches, der Länder der Gemeinden und Kernen.oe- verband« kennt im Grunde keine Auswertung, sondern sieht nur einen Umtausch der allen Papier- morkanlechen in eine neue auf Reichsmark lautende und jür den Gläubiyer nicht kündbare üblöfungs- anleiye vor. Damit steht c= im Gegensatz zu dem Aufwertungsgesctz, das tatsächlich eine Auswertung der priootrechtlichen auf Papiermark lautenden Ansprüche bringt.
Die Reicheanleihen werden in die neue Slblösungsanleihe umgetaufcht, sofern es sich um auf Papiermark lautende Schuldverschreibungen, Buchschulden und Schatzanweifungcn des Deutschen Reiches handelt, ferner unterliegen dem Umtausch die Schulden der Länder, welche das Reich im Zusammenhänge mit dem liebergang der Staats- eisenbahnen übernommen hat, sowie solche schulden, die der Reichsminister der Finanzen mit .Zu- (limmung des Reichsrates zu Markanlechen des Reiches erklär!. Ausgeschlossen von dem Umtausch ift vor allem die Zwangsanleihe, ferner sind es die unverzinslichen Scha',-,Anweisungen des Deutschen Reiches, sofern fie nicht für Kriegsschäden im Ent- fchädigungsoersahren ausgegeben sind, und die Reichs- und Dorlehnskafsenjcheine. Aus diesen von dem Umtausch ausgeschlossenen Schuldurkunden können künftighin keine Ansprüche mehr hergeleitet werden, so daß sie endgültig als wertlos zu betrauten sind.
Bei dem Umtausch entfallen aus je 1500 Mark Nennbetrag der Sparprämienanleihe je 16 700 000 Nennbetrag der 8—löprozent. Schatzanweijungen R. 23, je 50 Milliarden Nennbetrag der 8—15proz. Schatzanweifungen St. 24, je 1000 Goldinark der tm Entschädigungsverfahren für Kriegsschäden abgegebenen unverzinslichen ^chaizanwcijungen und schließlich auf je 1000 Mark Nennbetrag der übrigen Markanleihen des Reiches 25 Rm. Nennbetrag Der Anleiheablösungsschuld.
Der Umtausch kann nur bann Durchgeführt werden, wenn Anleiheablösungsschuld im Betrage von 12L0 Rm. oder ein Vielfaches dieses Betrages auf die umzutaufchendcn Stücke entfällt; bei der Spar- Prämienanleihe muß also der umzulaufchende Betrag durch 75t), bei den vorstehend an letzter Stelle genannten übrigen Markanleihen durch 500 teilbar fein.
Die Anmeldung zum Umtausch muß innerhalb einer bestimmten Ausschlußsrist erfolgen, d. h. nach Ablauf dieser Frist kann ein Umtausch nicht mehr beansprucht werden. Die Frist wird noch vom Reichsminister der Finanzen bestimmt werden, der auch die Anmeldestellen bezeichnet. Bevor die diesbezüglichen Bekanntmachungen nicht erlassen sind, hat es für die Inhaber der Markanleihen keinen Zweck, irgendwelche Schritte wegen des Unftaufches iu tun, da für die Anmeldung voraussichtlich bestimmte Formulare vorgeschrieben werden, so daß lebe vorzeitig erfolgte Anmeldung später wird wiederholt werden müssen und deshalb nur doppelte Arbeit macht.
Wie schon gesagt, ist die Ablösungsanleihe für den Gläubiger nicht kündbar: eine Verzinsung kann solange nicht gefordert werden, bis nicht die Repa- rationsverpflichl ungen erlofchen sind: der Zeitpunkt, in dem dies der Fall sein wird, wird durch besonderes Gesetz festgestellt werden.
Eine bevorzugte Behandlung hat der Anleih e- altbesitzer erfahren: eine solche liegt bann vor, wenn der Gläubiger feine Markanleihen vol bem 1. Juli 1920 erworben hat, unb wenn sie ihm von bem Erwerbe bis zur Anmelbung ununterbrochen gehört haben. In einzelnen besonberen Fällen gelten Markanleihen als bereits vor bem 1. Juli 1920 erworben, auch wenn der Gläubiger sie erst später erlangt Hot: dies gilt insbesondere dann, wenn es sich um einen Erwerb von Todes wegen, durch Gütergemeinschaft, bei Auseinandersetzung einer Er- bengemcinschast oder als Ausstattung handelt und der Rechtsvorgänger die Stucke vor dem 1. Juli 1920 erworben hat und sie ihm bis zum Rechtsübergang ununterbrochen gehört haben.
Anschaffungen von Reichsanleihen auf Grund des Zwanges zur mündelsicheren Anlage, die vor dem 1. Juli 1923 erfolgt sind, werden in der Weife bevorzugt, daß der doppelte Goldmarkbetrag des Erwerbspreises als Altbesitz gilt. Eine gleiche Vergünstigung genießen ausschließlich gemeinnützigen, mildtätigen, ethischen oder religiösen Zwecken dienende inländische Anstalten, Stiftungen, Körperschaften ober sonstige Personenvereinigungen ober Ver- mögenskafsen, sosern ihre Satzung einen Zwang zur münbelsicheren Anlage enthält.
Den Anleihealtbcsitzern stehen zwei Rechte, bas Auslos ungerecht unb bas Recht auf eine Dorzugsrente zu. Ersteres wirb ben Anleihe- altbesitzern in Höhe bes Nennbetrages ihrer An- leiheablosungsfchulb gewährt. Erhält jeboch eine natürliche Person für ihre Altbesitzanleihen mehr als 12 500 Mark Anleiheablösungsschuld, so sind ihr für die ersten 25 000 Rrn. des Mehrbetrages auf je 2000 Mk., für die nächsten 25 000 Rm. auf je 3000, für die weiteren Beträge auf je 4000 Mark ber An- leiheablöfungsfchulb nur Auslofungsrechte im Nennbeträge von 1000 Rrn. zu gewähren. Ist jeboch jemanb nachweislich zwecks Zeichnung von Kriegsanleihe eine Verbindlichkeit eingegangen, bie ber Auswertung unterliegt, bann braucht er sich als Mehrbetrag nur bie Summe anrechnen zu lassen, um bie ber Gesamtbetrag ber Anleiheablösungsschuld ben Aufwertungsbetrag ber Derbinblichkeit über- steigt.
Auch bie Gewährung bes Auslofungsrechts hängt von ber Stellung, eines Antrages innerhalb einer bestimmten, vom Reichsminister ber Finanzen noch zu beftimmenben Frist ab.
Die Auslosungsrechte müssen vom Jahre 1926 ab in 30 Jahren burch regelmäßige Ziehung unb Einlösung getilgt werben. Die Einlösung erfolgt zum Schluffe bes Jahres, in bem bie Ziehung erfolgte, unb zwar in Höhe bes Fünffachen bes Nennbetrags zuzüglich 41 Proz. Zinsen seit bem 1. Januar 1926. Bemerkt sei ausdrücklich, daß die Zinsen bei der Einlösung für die ganze zurückliegende Zeit seit dem 1. Januar 1926 gezahlt werden, und daß nicht etwa eine regelmäßige Zinszahlung auf die Auslosungsrechte stattfindet. Bei der Einlösung muß in Höhe des Nennbetrages des Auslosungsrechtes ein entsprechender Betrag Anleiheablösungsschuld abge- liefert werden.
Die Dorzugsrente steht nur bedürftigen und im Jnlande wohnenden deutschen Reichsangehörigen zu, dis im Besitze eines Auslosungsrechtes sind, das sie selbst als Anleihealtbesiyer ober als Rechtsnach. folger bes verstorbenen Ehegatten ober eines Der-
ftorbenen Derwanbten ersten Grabes, dem das Auslosungsrecht als Anleidealtvejitzer gewährt worden ist, erlangt haben. Bedürftigkeit liegt nur dann vor, wenn das Jahreseinkommen 800 Rm. nicht übersteigt, doch bleiben bei der Berechnung dieser Summe gewisse Einnahmen außer Ansatz. Die Hohe der Dorzugsrente beträgt 80 v. H. des Nennbetrags des Auslofungsrechts, auf Grund besten sie gewährt wird, keinesfalls jedoch mehr als 800 Rm. jährlich, sie erhöht sich um 25 Proz. bis auf höchstens lOOu Reichsmark, wenn der Gläubiger auf das Aus- lolungsrecht, auf Grund besten die Dorzugsrenle ge- währt wird, verzichtet. Sie erhöht sich um 5<i Proz. bis auf höchstens 1200 Rm., wenn der Gläubiger zur Zeit des Besitzes bereits das 60. Lebensjahr vollendet hat. Wird eine Dorzugsreine gewährt, nimmt das Auslosungsrecht wahrend ber Zeit ber Gewährung an ben Ziehungen nicht teil, doch ift ber Berechtigte jeberzeit in ber Lage, auf bie Dorzugsrente zu verzichten unb fein Recht auf Teilnahme an ben Ziehungen wieber aufleben zu lasten.
Für bie auf Papiermark lautenben Anleihen ber Cänbcr gelten im allgemeinen ähnliche Bestimmungen. Auch hier muß ber zu gewährende Betrag der Ablöfungsonleihe 12,50 Rm. oder ein Dielfaches davon ausmachen. Sind die Anleihen erst nach dem 31. Dezember 1918 begründet worden, jo entspricht ihr Goldwert dem Goldwert des Betrages, der dem Schuldner aus der Begründung zu geflossen ift.
Sind Anleihen in der Inflationszeit getilgt worben, bann haben bie Gläubiger einen Anspruch auf Gewährung ber Ablösungsanleihe nur bann, wenn fie sich bei ber Tilgung ihre Rechte Vorbehalten haben. Befinbet sich bie Anleihe noch im unmittelbaren ober mittelbaren Besitz bes Gläubigers, bann kann biefer aber einen Umtausch auch bann beanspruchen, wenn bereits eine Abrechnung mit bem Schuldner ober eine Hinterlegung zugunsten bes Gläubigers ftattgefunben hat. Dies gilt auch bann, wenn Markanleihen bei Banken zur Einlösung eingereicht finb unb sich noch in beren Besitz be- finben, unb zwar auch bann, wenn bereits eine Abrechnung mit bem Gläubiger ober mit bem Schuld- ncr ober eine Hinterlegung zugunsten bes Gläubigers ftattgefunben hat.
Auch bei ben Ablösungsanleihen ber Länber steht ben Altbesitzern ein Auslosungsrecht zu, bas in gleicher Weise wie bei ben Reichsanleihen zu tilgen ist. Daneben gelten bie für bie Ablösungsanleihe bes Reiches geschossenen Dorschristen über bie Dor- zugsrenten entsprechend.
Unverzinsliche Schatzanweifungen ber Länber finb ebenso wie bie aleichen Schatzanweisungen bes Reiches vom Umtausch ausgeschlossen: auch aus ihnen können in Zukunft keine Rechte mehr hergeleitet werben.
Die Ablösung ber Anleihen ber Gemeinben unb Kemeinbeverbänbe regelt sich in gleicher Weise wie bie der Anleihen ber Länber. Die oberste Landes- behörbe ist jeboch befugt, bie Rechte ber Gläubiger burd) einen von ihr zu beftdlenben Treuhänder wahrnehmen zu lassen. Letzterer kann beantragen, baß bie Dauer ber für bie Tilgung ber Auslofungsrechte geltenben Frist von 30 auf 20 Jahre herab- gesetzt wirb, wenn bies ber Leistungsfähigkeit bes Schuldners entspricht. Andrerseits kann ber Schuld- ner beantragen, baß bie Dauer ber Tilgung auf einen über 30 Jahre hinausgehenben Zeitpunkt erstreckt wirb, wenn eine solche Regelung mit Rücksicht auf feine wirtschaftliche Lage unb bie Erfüllung feiner öffentlichen Aufgaben unabweisbar ist, unb seine Leistungsfähigkeit burch bie Dorschriften bes Versailler Vertrages in besonbers starkem Maße beeinträchtigt ist. Der bei ber Einlösung ber Auslosungsrechte, ber Auslosungsanleihen Des Reiches unb ber Länber zu zahlenbe Zinsbetrag von 41 Prozent ist bei ben Gemeinben unb Gemeinbeoerbän- Den auf 5 Proz. festgesetzt. Ferner ist sowohl ber Anleiheschulbner selbst wie auch ber Treuhänber berechtigt, die Erhebung des Einlosungsbetrages, ber grunbsählich ebenso wie beim Reich unb ben ßänbern bem fünffachen Nennbetrag bes Aus- losunasrcchtes entspricht, bis zum zehnfachen Nennbetrag zu beantragen, ein Antrag, ber jeboch innerhalb von 4 Monaten nach bem Inkrafttreten bes Ausführungsgesetzes gestellt sein muß.
din belgischer Pattvorschlag.
Seit Tagen ist die Debatte über das Sicher- heitsproblem ins Stocken geraten. Zweierlei Gründe mögen hierfür maßgebend sein; einmal die überspannten Forderungen Frankreichs, zum anderen die geringe Lust Chamberlains, vermittelnd und ausgleichend zu wirken. So hatten die Verhandlungen bereits einen Stand erreicht, der für den ganzen Pakt hätte gefährlich werden können. In diesem Augenblick hat sich nun Belgien ins Mittel gelegt und durch die Linierbreitung eines Graubuches über die Sicherheitsfrage die Initiative in die Hand genommen.
Daß London wie von einem Alp befreit aufatmet, geht aus den hier eingetroffenen Aeußerungen und Pressestimmen hervor, in denen der belgische Vorschlag gerühmt und in den Himmel gehoben wird. Paris schweigt sich vorläufig einmal aus, was vielleicht mit den noch fehlenden Richtlinien für bie französische Presse zulammenhängt, über die sich bis zur Stunde das Pariser Auswärtige Amt noch nicht einig geworden sein dürfte.
Der belgische Vorschlag hat nun in der Tat verschiedene neue und sehr wichtige Momente in die Dc a re hi einc;ebracht. Da ist z. B. die Fra-e des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund, über deren Losung allgemeine Hneinijki f errscht. Te gier ter ucht e;t. Deutschland den Eintritt unter Hinweis auf den Artikel 19 der Dölkerbundsfatzungen schmackhaft zu machen, nach dem jedes Mitglied des Bundes die Abänderung unanwendbarer Verträge beantragen kann. Auf der anderen Seite muh aber auch Belgien, obwohl es in der Angelegenheit des Schiedsgerichtsshsteins den französischen Standpunll verteidigen möchte, anerkennen, daß Zwangsmaßnahmen mit dem Schiedsgcrichtsgedanken unvereinbar sind. Sehr wichtig ist die im Zusammenhang mit diesem Vorschlag verbreitete Meldung, nach ber Belgien sich ebenso wie England weigern würde, in einen Konflikt mit Osteuropa hin- eingezogen zu werden. Durch diese Feststellung verliert Frankreich seinen belgischen Bundesgenossen, es muh. wenn es wirklich ernstlich an der Sicherheitsfrage interessiert ist. nun schon eine Schwenkung einnehmen und das geforderte Aecht des freien Durchmarsches burch das Rheinland fallen lassen- Mit dem Eingreifen Belgiens ist jedenfalls wieder Fluh in die allgemeine Aussprache gekommen. _ K
Die deutsche Turnerei und die Deutsche Einheit.
Don H. Obwald . Bad-Rauhe im.
Deutschlands Einheit war der Traum meines erwachenden Lebens, das Morgenrot meiner Jugend, der Sonnenschein der ManneSkrast und ist jetzt der Abend- ftern. der mir zur Ruhe wintt.
Jahn, Schwanenrebe. 1848.
Als zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bas deutsche Volkstum ein staatenloses Dasein führte' ftanb bie geistige Entwicklung in ihrer Richtung auf das Ideale auj einer nicht wieder erreichten Höhe. Herder, Goethe, Schiller unb bie anberen Großen waren nur in einer Zeit möglich, bie frei von allen nationalen Vorurteilen bie geistigen Interessen voranstellte. Wie einst Altgriechenlanb ben Ruhm, das erste Kultur- unb Wissenschaftsvolk zu sein, mit dein Verlust seiner nationalen Freiheit zahlen mußte, so war auch das deutsche Volk daran, sich kosmopolitisch zu verflüchtigen. Schiller begrüßte das neue Jahrhundert mit einem Gedicht, das mit den Worten schließt:
In des Herzens heilig stille Räume Mußt du fliehen aus des Lebens Drang I Freiheit ist nur in dem Reich der Träume. Ein Jahr war nach Schillers Tod vergangen, da erinnerte man sich eines anderen Schiller- toortce. Man begriff, was er seinen Marquis Posa sagen ließ: .Geben Sie Gedankenfreiheit I"
Rapoleon hatte die Rhein- und mitteldeutschen ©tauten zu Vasallen gemacht. Preußen war niebergetoorfen, unb unter bebrüdenber Fremdherrschaft seufzte das deutsche Volk. Damals erwachte stärker denn je die Liebe zum eigenen, zum deutschen Volkstum. Arndt wandte sich an bas beutsche Wesen der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Er beschwor das deutsche Volk, seine Ehre zu retten. Zu ihm gesellte sich auS seiner stillen Gelehrtenstube Fichte. Der Philosoph des Idealismus zeigte, daß Freiheit für den Bestand des volklichen Zusammenhangs unentbehrlich, und daß es sittliche Pflicht sei. selbst mit Preisgabe des Lebens für die Erhaltung der Rationalität emzutreten. 3m Kampfe um des Dolles heiligste Güter erinnerte er an die Cherusker uno Riederländer und rief aus: „3n ber Weltgeschichte haben stets die gesiegt, die das Ewige begeisterte, und siegt immer und notwendig die Begeisterung über den, der nicht begeistert ift."
Zu diesen beiden, die ihrem Volke den Willen stärken wollten, gesellte sich Jahn mit der Ausführung des Gedankens, durch Pflege der deutschen Tugenden, das Volkstum zu beleben und zu heben. Er wollte ein starkes, lühnes Geschlecht. wie es die alten Germanen gewesen, unu zu diesem Zwecke verband er die Turner ei mit dem Feuer nationaler Begeisterung. Seit dem Zeitalter der Humanisten hatten die Leibesübungen Pflege gefunden. Luther, Locke, Come- nius, Rousseau. Pestalozzi. Basedow und Gats Muths hatten sich der Turn er ei um ihrer selbst willen angenommen. Jahn benutzte sie nun zu patriotischen und politischen Zwecken. Don seinen Turnplätzen führte ein sicherer Weg zu dem Ziel, das ihm und anderen als Ideal eine deuts che Ration vorschweben ließ. Der eigentliche Zweck der Liebungen wurde in den Jahren der Fremdherrschaft nicht laut, aber die jungen Gemüter ahnten, was sie erstreben wollten. Don den Turnplätzen ber Berliner Hasenheide aus fanden die Leibesübungen Zugang zu ben Universitäten und erfreuten sich dort eifriger Pflege. Vorerst waren es nur wenige Hochschulen. Doch knüpfte Jahn ein engeres Band, indem er die Burschens chaften mit ins Leben rief. In Gießen waren es die sogen Schwarzen, die unter Führung von Karl Folien und Chr. Satorius den Jahnschen Gedanken begeistert aufnahmen und bereits 1816 eine Turnvereinigung gründeten. Ernst Weicker schrieb damals an seinen Bruder Gottlieb: „Wenn Jahns Idee, durch eine Grundumbftdung der Erziehung ein neues Deutschland zu bilden, durchgeht, so muß es auch noch eine schöne Zeit für unser liebes Vaterland geben." Die „Schwarzen" zogen, wie einer Gießener Mitteilung im „Rhein. Merkur" zu entnehmen ist. fast täglich zu froher turnerischer Betätigung auf den Trieb, also zur selben Kampfstätte, die in diesen Tagen die mittelrheinischen Turner zu ernster Turnarbeit vereinigt sieht.
Das Ziel der nationalen Einheit war für die Turnerei ber Ansporn gewesen. Bei der Erhebung und Befreiung von der Fremdherrschaft hatte dagegen das Volk die Waffen um der nationalen ©clbftcrfjalturtg willen ergriffen, und in ihrer Begeisterung siegten die Volksheere über das Feldherrngenie Aapoleons. Wit der Wiedergeburt ber deutschen Staaten, vor allem Preußens, gewann das Verlangen der deutschen Einheit im Volle mehr und mehr an Boden. Alle waren sie darin einig, daß aus dieser Sammlung der Geister eine dauernde Gemeinschaft hervorgehen müsse. Im Rausche des Sieges schwelgten die Besten unserer Ration im Vorgefühl der erträumten Einheit. Sie schwärmten von dem heftigen römischen Reiche, von der Wiedererstehung der Kaiserpracht der Hohenstaufen und Salier. Es schwärmten nicht nur die Turner. Burschenschafter und Poeten, es schwärmten auch die Politiker. Doch die Idee der deutschen Einheit war bas Problem der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts, und es sollte noch lange dauern, bis diese Idee ihren Körper fand.
Als die Turner und Burschenschaften 1892 in Jena Bismarck einen Huldigungszug brachten, sagte ber erste Kanzler und Schmied bes Deutschen Reiches: „Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Gedeihen. Sie haben eine Ahnung gehabt, doch zu früh ..." Bei den Verhältnissen, wie sie um 1818 lagen, war die deutsche Einheit in der Tal eine Ahnung, deren Verwirklichung noch eine Kluft entgegenstand. Wohl hatten wir in Sprache, Literatur und Geistes art ein deutsches Doll, aber das politische Deutschland war ein Konglomerat von Fürsten, die ihren Besitzstand durch das nationale Prinzip bedroht sahen. Zudem hatten die Monarchen Europas nach der Riederringung Rapolevns eine christliche Gemeinschaft geschlossen, deren Bekenntnis in der alleinseligmachenden Kraft des damaligen Zustandes unb des Gottesgnadentums der Monarchen beruhte. Eine deutsche Einheit war dieser , heftigen Allianz" verdächtig, denn sie war dem Volle entwachsen und damit eine Volksbewegung.
die notwendig bie beftebenbe Ordnung bedrohte. Die Masse des deutschen Volles, in der ber E.n- heilsgedanke meistens noch nicht rechten Boden gesaA. nahm das Ergebnis bin. Richt so die süh- renben Deister, von denen bie Turner unb die Burschenschaften beeinflußt waren. Aus dem Wartburgfest kam die Entrüstung ber national Gesinnten zum öffentlichen Ausdruck. Burschenschafter und Turner benutzten den 18. Oktober 1817, den 6rinncrungstdg an die Völkerschlacht bei Leipzig, zu einer Kundgebung gegen bie herrschenden Regierungen. 1819 war es einer aus ihren Reihen, der den Gesandten Kotzebue ermordete.
Unter Führung des allnrächtigen Metternich. des österreichischen Reichskanzlers, erfolgten Darauf rücksichtslose Maßnahmen, die vom Bundestag als Gesetz ausgestellt wurden. Die Turnplätze wurden geschlossen, und die Männer. die dem deutschen Geiste die SinheitSidee geboten, wurden verfolgt. Jahn und Arndt kamen neben vielen anderen auf Festung oder wurden in langwierige Untersuchungen verwickelt, wie der Butzbacher Rektor Dr. Friedrich Ludwig Weidig. So endete der Traum der deutschen Einheit mit einem jähen Erwachen.
Doch die Gesetze der reaktionären Regierungen tonnten die freiheitlichen Regungen auf die Dauer nicht niederhalten, sie gewannen Ausbreitung unb tieferen Boden. Ebenso ging es mit der Turnerei. Obwohl ihr mit JahnS Verbannung der Lebenskern genommen, im Stillen nahm sie Fortgang und drang in immer weitere Kreise ein. In gleichem Maße stiegen die Gedanken der deutschen Geistesgrößen ins Volk hinab, um den Dolkswillen für das Ziel zu gewinnen. 1842 kam das Turnen wieder zu öffentlicher Betätigung, namentlich in preußischen Landesteilen. 1848 erfolgte ein abermaliger Rückschlag und brachte zum zweiten Male die Welle der Einheitsbestrebung und damit auch die Pflege der Leibesübungen zum Stillstand.
Die enge Verschmelzung der Turnerei mit den politischen Bestrebungen jener Zeit brachte es mit sich, daß der politische Aufschwung die Turnsache stets fördernd belebte, wahrend Rückschläge nicht ausblieben, wenn reaktionäre Strömungen sich wieder geltend machten. Aber selbst die schärfsten behördlichen Maßnahmen konnten auf die Dauer den Eigentlichen Lebensnerv der Turnerei nicht unterbinden. Aus dem Revolu- tionsjahr 1848 errettete sich die Idee der deutschen Einheit, sie lebte und wirkte weiter und kämpfte weiter den Kampf mit dem spröden Stofs. Dem Volle hatte die erste Hälfte des Jahrhunderts gehört. Es hatte die Frage der deutschen Einheit erfaßt und bie Lösung vorbereitet. Damit war die Erkenntnis gekommen, daß die völlige Lösung nur ein Genius bringen konnte. Vor allem arbeiteten die Turner unentwegt an dem Dau einer deutschen Ration Wetter. Die Farben Schwarz-Rot-Gold waren ihnen Symbol für ihre Bestrebungen. Rach und nach verschwanden Die Fesseln behördlicher Bevormundung. Die Schleswig-Holsteinische Frage brachte einen erneuten Aufschwung des Rationalgefühls. War Deutschland noch ein Gewirr von Staaten, so hatten die Turner schon eine Brücke der nationalen Gemeinschaft geschlagen. 1860 fand in Koburg das erste Deutsche Turnfest statt, 1861 folgte Berlin und 1863 sammelte Leipzig die Turner auS allen Gauen. Mochten die staatlichen Gebiete Grenzen und Zollschranken aufweifen, die Turner hatten sie beiseite geschoben und vertraten bereits ein geeintes Deutschtum.
DaS starke Anwachsen der Deutschen Turnerschaft und die mächtige Werbekraft, die sich in ihren Veranstaltungen auswirkte, trugen wesentlich dazu bei, daß sich immer weitere Volks - kreise auf den Reichsgedanken einstellten. So tonnte sich nach trefflicher Dorbereitung die Idee der deutschen Einheit endlich ihrer Verwirklichung nähern. 1859 war noch der Ruf ergangen: „O, nur ein kräftiges Wort, ein Mann, eine Tat. damit die Deutschen sich nicht schämen müssen. Deutsche zu sein!" 1864 zog das Gestirn Bismarcks immer glanzender am politischen Himmel empor. Die deutsche Einheit war sein Ziel. Bismarck brauchte für sein Werk die harmonischen Schwingungen des nationalen Empfindens, und die vereinigten sich zu einer gewaltigen Symphonie, an der auch die eng- wandigsten Grenzen Neinstaatlicher Parlamente zerschellen mußten. Er brauchte ein Volltparla- ment, das allgemeine deutsche Wahlrecht. Die Deutsche Turnerschaft hatte an diesem Gedanken mit vorarbeiten helfen. Jetzt, wo eine mächtige deutsche starke Faust dem Sehnen nach der deutschen Einheit die Erfüllung bracht«, war der politische Teil des Programms der Deutschen Turnerschaft erschöpft.
Bedurfte damals das deutsche Vaterland rastloser Kämpfer, um den Guß der Einheit zu vollziehen, so bedarf es heute ebenso der Mitarbeit, um nach innen und außen die Einheit zu erhalten und in ihr den Ideen zur Wirklichleit zu verhelfen, die in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts die deutschen Turner mtt dem Einheitsgedanken verknüpft haben.
Roch zu keiner Zeit war der Gedanke der deutschen Einheit und Einigkeit notwendiger und vordringlicher als gegenwärtig, aber nicht etwa in aufj ^ächzender Begeisterung oder in zündender Rede, sondern m zähem Tatwillen zu sicheren Zielen Dieser Tatwille zu deutscher Einheit gehört zu den köstlichsten Inhalten unserer Seele und verdient deshalb auch nachdrücklichste Pflege in der Turnerschaft. Ihre mächtige Organisation, die alle Stände unseres Dolles umfaßt und wett hinausgreift über unsere Grenzen zu allen, die deutschen Dlutes sind, (jat somit auch heute wieder eine Aufgabe, ähnlich der, wie sie sich unsere Däter gestellt hatten. Wenn sich die deutschen Turner ihrer Vergangenheit bewußt bleiben, wenn sie nie vergessen, welche Hoffnungen und Wünsche an der Wiege ihrer Bestrebungen gestanden haben, wenn sie an der Neutralität als dem Kernpunkt ihrer Satzung festhalten, dann wird ihnen die Lösung dieser Aufgabe auch gelingen Die Deutsche Turnerschaft wird wesentlich mit dazu beitragen, über den Partei- und Konfessionshader, über die Stan deswegen sähe hinweg ein einigendes Band um alle Deutschen zu schlingen. Möge die Turnerfchaft stets dessen eingedenk bleiben. Mj sie nicht nur an der körperlichen und geistigen Ertüchtigung unterer Jugend und unseres Dolles mittuhelfen hat, sondern darüber hinaus auch ein Führer xur deutschen Dolkschaft. ein Träger des deutschen cZinungswillens bleiben muß, im Öhme ihres -Turnvaters" und all der anberen Tvrnerfüyrcr.


