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Samstag, 4. Aprll 1925
Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderyeyen)
Der Narrentanz eueres Lebens.
Cinc Büßpredigt von Walter von Molo.
Walter von Molo, der den echten und unvergänglichen Rvthmus des ün innersten Gesundere und Wahrhaften hat. erhebt hier mahnend seine Stimme gegen die geistige Seuche unserer Zeit, die sich in billiger Exzentrik, Verantwortung», losem Gleichmut, in Verlogenheit und hysterischen Manien jeder Art äuhert.
Daß der Mensch am Leben hängt, voll zu leben bestrebt ist. entspricht seinem Selbsterhaltungstrieb, ist des Menschen Pflicht und Aufgabe. Ebenso ist es aber sicherlich auch Pflicht und Aufgabe des Menschen, wertvoll zu leben soll das Leben nicht zur Sinnlosigkeit sinken. Die Tatsache, dah euer Herz schlägt, dah ihr euch abends niederlegt und früh aufsteht, ist .richt das Leben. Wofür lebt ihr aber sonst von heute? Für Geld, für hohlen Ehrgeiz, für 'Bequemlichkeit, für Egoismus, für sinnlose Faul- hert oder für ebenso sinnloses Hetzen. Ihr sagt: „Um das Lebert zu geniehen." Wie genießt ihr es? Ihr zieht euch gut an. oder besser gesagt, teuer, ihr geht in Restaurants und eßt und trinkt Gutes, ihr geht in Kinotheater und Thea ter und langweilt euch, oder ihr seid vom Mist begeistert. 3n das wenige Wertvolle, das heute noch künstlerisch geboten werden kann wegen der Minderwertigkeit von euch Aufnehmenden geht ihr nicht, und wenn, dann beschimpft ihr es. Ihr kauft euch Schmuck und Häuser, ihr richtet diese nach eurem Geschmack, d. h. nach fremdem, gewesenem Geschnrack oder nach der Mode ein, ihr betreibt Geselligkeit, ohrre eine Spur dessen zu kennen, was wahre Geselllgkeit ist.
Ihr .erholt" euch. Aus der Todesangst heraus, euer höchst wertvolles Leben zu früh zu verlieren. Ihr macht jeden ilnfinn mit, der mich vorgemacht wird. Alle Seuchen der Zeit infizieren euch. Ihr meint, wenn ihr tanzt, ohne jeden seelischen Rhythmus in euch, dann sei es ein Vergnügen, oder ihr tanzt aus Verzweiflung, weil eure Seele nicht tanzt tm Rhythmus deS Glücke«. Ihr nehmt Kokain, weil es zum guten Tone gehört, ihr liebt gegen Bezahlung in und außer der Ehe. oder ihr seid noch verlogener in euren sogenannten glücklichen Ehen. Ihr sprecht von der Liebe zu euren Kindern, ohne daß ihr selbst euch in Liebe erfüllt und diese dadurch kennen lernt. Das ist arge Lüge und böses Tun. So erzieht chr hingebungsvoll eure Kinder wieder zu eurer Aeußelich- keit und Verlogenheit.
Und was das Verruchteste ist. ihr nennt das stolz .Pflichterfüllung" Ihr spielt und kokettiert, statt daß ihr empfindet und handelt, ihr redet, statt daß ihr lebt! O. es ist fürwahr herrliche Pflichterfüllung, feig und verantwortungslos, unwahr und leer geschäftig zu fein! Die Einen arbeiten wie verrückt, angeblich für ihr Volk, für die Menschheit, was erzielen sie? Tand wird produziert, Wertloses. Unnötige«. Aeußerliches. das ihr bestaunt und .Fortschritt" nennt. Das machen die Tätigen. Und die Untätigen, diejenigen, die sich solches teiflcn können, denen die .Tätigen" in neidvoll sinnloser Gier zu- Itrebcn, die besitzen ihr Ererbtes oder im besten Falle früher Erworbenes, ohne eS täglich neu zu erwerben und es so zu Recht zu besitzen. Die sinnlos Tätigen sprechen immer von «.neuer" Zeit, die sinnlos Untätigen loben die alte Zeit, die sie angeblich zu unserem Besten erhalten. Ihr streitet euch, ob Monarchie oder Republik, ihr haltet wunderbare Reden, die ihr entweder eurer täglichen Leibzeitung entnehmt, oder solche, die andere vor euch schon tausendmal und besser gehalten haben. Ihr „schmückt" eure Affen-Reden mit Zitaten und habt immer und für alles Krastsähe bereit, die so abgegriffen sind, daß sie jeder versteht und daher begeistert beklatscht. Ihr krittelt an allem Reinen und mißtraut ihm. Ihr seid stets Partei, und die Partei, um die cs euch geht, ist immer die, von der ihr euch materielle Dortelle versprecht oder sonstige Aeu^ ßerlichkeiten, die eure Enge verdecken. Ihr seid von verächtlicher Gehässigkeit gegeneinander, von sinnloser Rechthaberei und Härte, von verbrecherischer Ueberlegenheit, man tonnte euch um eure Einbildung beneiden, wenn man sie nicht aus tiefstem Herzensgründe verachten müßte. Der Gegensatz txuu ist der, daß ihr von „Güte" redet, von »Pazifismus" und ..Weltbeglückung", daß ihr euch um dieser Weltbeglückung willen
auch die Köpfe gegenseitig einschlagt und euch die dürren Seelen auch so zerstoßt.
Ihr geht in die Kirchen, ober ihr verachtet sie. In den Kirchen hört ihr „zur Beruhigung" das, was euch lange vertraut ist, was euch da her nicht aufregt, über das ihr nie nachgedacht habt, was lebendiges Wort fein sollte, was euch entsetzte, wenn es jemals lebendig als Erleben in euch würde. Ihr sagt: Religion muß sein des Pöbels wegen! Das, was ihr Pöbel nennt, das lagt: Religion brauchen wir nicht, denn wir glauben nid>t mehr an Gott! Wenn euch aber das Sterben antritt, dann bekommt ihres beide mit der Angst zu tun. dann seid ihr einig, dann erkennt ihr vorüberhufchend gemein- fam, daß der Sinn eueres Lebens gewesen wäre, frei, mutig, nur der Verantwortung gegenüber Gott lebend, sich hier zu erfüllen! Ihr habt aber euere Zell leer vertan mit Tanten und Schwiegereltern in totem Sein und unglaublicher Geseheskundigkell. ihr habt über Testamente und Schenkungen, über Steuerstrategie nachgegrübelt, über mögltchst gute Anlage eueres Geldes, das ihr nun nicht mit nehmen tonnt, das jurüdbleibl, cllS Erbsünde für die nach euch.
Gewiß, ihr feiert auch Feste, ihr gebt euch Geschenke, aber zwischen dem. der gibt und dem. der enrpsängt. sind seelische Abgründe der Trennung, die chr mit euerem weichen Herzen, wie chr es nennt, immer wieder überlügt und das Güte nennt, was die größte Härte ist. Ihr verehrt die „Helden", die Großen der Vergangenheit. Kein Hauch davon ist in euch. Ihr treibt so Totenschändung. Ihr nennt euch gut, wenn chr schäbig Almofen gebt, wenn ihr mit ..Haltung" die Seele in euch verleumdet. Ihr erschreckt sofort oder bald nachher, wenn ihr einmal gefühlt habt, daß Seelen in euch schweben
Cs gehört zu euerem guten Ton. den Geist zu verehren, ihr kauft drum Bücher, die Mode sind, die man „gelesen haben muß" und glaubt, daß ihr aus Papier Kraft in euere durch eigene Schuld verdorrenden und verdorrten Wurzeln saugen könnt. Die da« produzieren, was euch gefällt, die rechnen mit ihren niedrigen, raffgierigen Instinkten auf euere niedrigen raffgierigen Instinkte. So versteht ihr euch gut, liebt chr euch und habt beide das, was ihr verdient.
Jede Reuerung hat euer Interesse und eueren Beifall, stolz wirst sich euere Unb tbung in die Brust und fühlt beglückt- Wir t'cmmen Weller! Ihr wißt nichts Gründliches mehr, aoer ihr könnt von allem reden. ®tn paar Sätze genügen euch, um auf jedem Gebiete Bescheid zu wissen. Ihr habt auch vor der Wissenschaft große Hochachtung. gewiß, wie vor der Kunst und vor der Religion, aber ihr laßt die Wenigen verkommen, die euch künden könnten unb wollen. Es sind euch Harlekine- die mutige Tat ist aus der Well verschwunden.
Es genügt euch, eure Fehler zu kennen, bessern wollt ihr sie nicht — chr nennt sie „Eigenart"! Ihr habt ja irgendwo gelesen, daß das »interessant" ist. Alles an euch ist Nachahmung, und ihr habt eure festen Grundsätze, an die ihr allerdings, wem: ihr gerade Zeit habt, gern rührt, weil das amüfant, anregend und zerstreuend ist. aber ihr erwerbt keine festen Grundsätze. Diese könnten ja nur aus Handlungen hervorsprießen, aus Taten, und dafür feid ihr zu »klug" geworden, zu vor- fehend, zu berechnend, zu überlegt, zu „vernünftig". Ihr „rechnet" in allem und jeden,, ihr treibt Taktik mit dem Menschenleben. And immer zu selbstischen Zwecken. Die Einen, die das fühlen, wollen alles zerschlagen, das ist Wahnsinn. Die Anderen wollen alles „wie früher" haben, da« ist gleicher Wahnsinn, denn das ewige Leben geht dauernd weiter, ist sich immer ähnlich, doch es wiederholt sich nie.
Ihr habt alles in ein elendes Gleichmaß gebracht, dessen Langeweile die Stütze eurer H hl- hell ist. Die Kraftvollen, die anderes wollen, die wißt ihr zu 3 er mürben, die wenigen, die ungebrochen und rein schreiten wollen und müssen, laßt ihr allein, laßt ihr verkommen, aber wenn sie gestorben find, dann zieht ihr schwarze Kleider an, dann gebt ihr ihnen Blumen, dann sprecht oder schreibt ihr schöne Rachrufe, und ihr schwelgt teilnahmsvoll in der Erinnerung an den „lieben Toten". Ihr wünscht allen den Tod, die euch beunruhigen, die euch höher fiUren könnten, die euch aus eurer Enge herauszuritzen versuchen, aus eurer Scheinsicherheit in die Sicherhell Gottes. Sofort leckt eine einzige Flamme des Widerstandes aus euch hoch, da seid ihr ________immu ■i—.ii,» -.:» im iimut 1—1——
alle einig, wie im Augenblick des Sterbens (Der dem. der euch erkannt hat, Erlösung wird), wenn einmal einer unter euch tritt, bei einen Widerschein des Göttlichen in sich trägt. Ihr klagt darüber, daß das Idsal nicht mehr in der Welt sei. 1 h r habt es gemordet mit eurem Hirn, mit eurem Grübeln, ob daS „recht" oder „nicht recht" lei. was „man" tut! Ihr habt fein Vertäuen mehr zu eurem Fühlen, ihr habt feinen Mut mehr, euch dem Lttxm hinzugeben, wie es alle die taten, deren Bilder ihr euch in eure Zimmer stellt oder hängt „zur Ausrichtung". Ihr habt das Ideal gemordet, ihr mordet es täglich neu. Ihr habt den Besten den Glauben genommen an den Wert des Lebens mit euch und für euch.
Ihr liebt »die Ratur". das Aeußerliche der Ratur. deren Innerstes bat Lava und Erdboden im Schoß, und lauft oder zieht teure Pflanzen und Blumen, ihr steckt sie an. Daß ihr aber die Blume eures Wesens zu betreuen hättet, das wißt ihr nicht, das tut ihr nicht Alles ist euch zur Aeußerlichkeit geworden, ist leer Heberncmmcncs oder sogenanntes Neues, das euch ftyelt. Ihr habt euch durchaus an Sachen gehängt und dafür eure Seele verschachert Ihr habt dauernd die Sehnsucht nach „Führern", aber ihr laßt sie nicht hochlommen. und wenn sie hochtommen, so Laßt ihr sie schmachvoll im Stich. Sic beunruhigen euch!
Wie soll das anders werden? Furchtbarste Rot könnte euch vielleicht doch noch zur Vernunft des Herzens zurückbekehren, aber chr seid ja auch darin so raffiniert geworden, die Roi jeglicher Art aus euch auszusperren, daß auch das nicht mehr möglich ist. Wofür ziehen wir. die wir uns gegen euch aufbäumen, unsere Last? Wozu schaffen wir? Um „Utopisten" genannt zu werden, um „lebensfremd" genannt zu werden, um nicht voll genommen zu werden. Wir sind nur mehr Hanswürste eurer geputzten Lebensmahlzellen ohne Kraft und ohne Sinn! Ihr bringt das wundervolle Leben durch den Rarrentan.; eures sogenanstten Lebens um. Ihr seid Mörder! Die Geißel zu nehmen, euch aus dem herrlichen Tempel des Lebens hinauszu- iagen, das mit jeder Glüctsmöglichkell euch umsteht. zu allem bereit, das ihr nur zu ergreifen brauchtet, um wahre und glückliche Menschen zu werden es lohnt Hd) nicht. Es wäre schade um die Geisel. Ihr seid so offenbar verächtlich, daß selbst die Verachtung euch gegenüber zwecklos und banal geworden ist. Ihr habt eure Seelen so umstellt und verbaut, daß man euch die Kinder wegnehmen sollte, doch ihr seid ja ängstlich bemüht, sie zum Gleichen zu erziehen, und ihr nennt das „Mutter- und Daterliebe".
Was bleibt zu tun? Auf die Vernichtung zu warten, auf die Sintflut, zum mindesten auf das Glück einer persönlichen Sintflut, das einen hinwegnimmt. Ihr werdet auch darüber leicht ßintoegtommen, ich weiß es, beunruhigt euch nicht!
Die Kommunale Landesbank.
(7-, Darmstadt, 3. April. Der Bericht des Vorstandes der Kommunalen Landesbank für das abgelaufene Geschäftsjahr ist. Wie uns mllgeteilt wird, fertiggestellt. Der Bücherabschluß ergibt nach Verwendung von 127 706 Mk. für Abschreibungen einen Reingewinn von 801816 Mark, der zur Verfügung der Haupwersamm- lung steht. Die Zahl der Mllglieder ist von 130 auf 229 angewachsen. Das Stammkapital beläuft sich auf 464 000 Mk. An Darlehen wurden den Mitgliedern gewährt bzw. liefen am Jahresschlüsse noch: kurzfristige 7 328 741 Rm., langfristige 1 339 863 Rm. Von den im Jahre 1923 begebenen Anleihen waren am Ende des Berichtsjahres noch im Umlaufe: a) Papier- mar k a n l e i h e: 9 Proz. Obligationen 25 970 000 Pm., 7 , Proz. Obligationen 150 010 000 Pm., b) wertbeständige Anleihe: bprozentige Pfund-Schatzanweifungen 507 Pfund. Für die An Wertung der Papiermcnck-Anleihen wurde bereits im Vorjahre ein Betrag zurückgestellt. Der Immobllienbesitz (90 000 'TEtf bilanzmäßig aus- getoiefen) besteht aus 3 Häusern (2 in Mainz. 1 in Darmstadt). Bekanntlich ist am 1. Januar 1925 eine Arbeitsgemeinschaft mit der Hessischen Landesbank (Staatsbank) in der Weise ins Leben getreten, daß der Geschäftsbetrieb der seither getrennt verwalteten Bankanstalten (Kommunale Landesbant und Hessische Landesbank» in der Hess. Landesbank zusammengesaßt wird. Die
Gießener Stadttheater.
Bcrnard Shaw: „Die heilige Johanna"
Diese in allen Teilen ausgedlichenste Vorstellung bildete den Gipfelpunkt der diesjährigen Spielzeit. Das muß nicht nur um unseres Ensembles willen gesagt werden, denn ein gutes Teil Anerkennung gebührt dabei der Theaterleitung, die es fertig brachte, dieses Stück als eines der wichtigsten aus der gesamten dramatischen Produktion Europas in den letzten Jahren herauszubringen. Die unbestreitbaren Verdienste des Intendanten Stein- goetter auf dem Gebiete der Spielplangestaltung sollen in Kürze rückschauend noch einmal ausführlich betrachtet werden.
Heber das Stuck selbst ist am Donnerstag Eingehendes gejagt und dadurch die eigentliche Kritik zu deren Gunsten entlastet worden. Es bleibt übrig, zunächst der Spielleitung Dank zu sagen dte, nebenbei, sehr flott hintereinander spielen ließ, nut denkbar kurzen Pausen, und die in der Besetzung der Rollen eine glückliche Hand gehabt hatte, insbestrn- dere bei Johanna, dem Dauphin, Warwick, oto- qumber und dem Inquisitor. Volle Anerkennung verdienen die Szenen in der Kathedrale zu tRetmy und die Gerichtsszene- in denen sich Straffheit, Beweglichkeit und Disziplin kundgaben. Bei der Gestaltung der Bühnenbilder, von denen der Dom mit feinen Varianten (Gerichtssaal und Schlafgemach des Dauphin) hervorgehoben sei, mutz der verständnisvollen Unterstützung von Karl Löffler (Dekorationen) und Ludwig Keim (Beleuchtung) gedacht werden.
Den Haupterfolg des Abetrds erntete Gerda Lachfeld als Johanna. Gertenschlank, fast zerbrechlich zart, erschien sie in ihrer Mannerklei- bung und hatte doch die stimmlichen Mistel, eine ganze Gruppe von Heerführern und fanatischer Mönche in Schach zu halten. Frisch und unverbraucht ist sie als Bauernmädchen beim -r-chlotz- hauptmann Robert von Baudricourt, findet -tone andächtiger Einfalt vor dem Erzbischof von Rerms «ad wächst in Heller Begeisterung m ihre Aufgabe
als Führerin des französischen Heeres hinein. Der Gipfelpunkt der Leistung liegt jedoch in dem stillen Sichverfenken in das Göttliche nach der Krönung. Die große, stumme Geste spricht eindringlicher als alle Worte. Und dieses Erlebnis wiederholt sich im Epilog bei der Huldigung aller ihrer Schicksalsgenossen. Die Johanna ist aus einem großen Wurf und ist der Beweis einer starken Künstlerschaft.
Unmittelbar daneben sind zwei Rollen zu nennen: Felix Norfolk als Graf Warwick und Adolf Telek'y als Inquisitor. Norfolk ist ein ausgezeichneter Shaw-Spieler. Er weiß, die Nonchalance, die spitze Liebenswürdigkeit des Dichters entzückend lebendig zu machen (wenngleich sich mitunter der Verdacht einschleicht, daß gelegentlich (!) für das Parkett gespielt wird. Norfolk ift Könner genug, das zu vermeiden). — Adolf Teleky stattete seinen Inquisitor mit viel Reife und Klarheit aus. Auch hier war eine vornehm abgetönte, fein ausgefeilte Leistung, die wesentlich zum Gelingen der Gerichtsszene beitrug.
Julius Bastö als Dauphin war sehr beachtlich. Die nicht ganz einfache Rolle halte er mit sicherem Instinkt für Erlaubtes und Unerlaubtes angelegt und geschickt die Klippen umgangen, die in der Besetzung durch den jugendlichen Komiker zweifellos vorhanden waren. Karl Juhnke, der rm Anfang den Schloßhauptmann Saubicourt derb und flott gab, spielte später den .Kaplan von ctogumber; stark in dem Wahnsinnsanfall, gut auch vorher, eine sicher umriffenc Figur voll Fanatismus und Engstirnigkeit. .
Bei Kurt Joachim Baum ((Dunors) klang warme Freundschaft in den Gesprächen nut Johanna durch: gleichwohl blieb die Figur etwas farblos. Auch Max Hoffmann tonnte durch Sicherheit im Einsatz seine recht sympathische Rolle in ihrer Auswirkung im Zusammenspiel und nach außen noch steigern. Paul Schubert lieh dem . Kaplan eine gute Figur. Etwas mehr Ruhe in Bewegung und Sprache würde feine Ueberlegenheit zweifellos steigern.
Z)ans K u r z h 0 f f, der als Blaubart forcierte Tone anwandte unb fo ungünstig wirkte, war wett
besser als fierr aus dem Jahre 1920. Leider hatte man vergessen, ihm einen tief ausgeschnittenen Frack mit weißer .Hemdbrust und Handschuhen anzuziehen und ihn in einen scharfen Lichtkegel zu stellen. Er fällt doch immerhin aus dem Rahmen der Uebrigen heraus. Karl Volcks Erzbischof von Reims soll nicht vergessen werden als eine geschlossene Leistung, die nach keiner Seite hm starke Ausschläge zeigte, deshalb gleichwohl wertvoll blieb. Als Schloßverwalter gefiel Ludwig Link- mann in den Anfangsszene. Hartmut Brands Leistungen interessieren stets: wenn sich die Regie um ihn Mühe gibt, zeitigte er sehr ost recht beachlliche Ergebnisse. Gestern spielte er denPoulengey und den Domherrn von Paris.
Der Beifall, der sich von Szene zu Szene steigerte, galt neben der Darstellerin der Johanna dem Intendanten Steingoetter, der sich denn auch zum Schluß mit der Titelheldin vor dem begeiferten Haufe verneigen konnte. e-s.
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Der Prophet von Dörnach
Zum Tode Rudolf Steiners.
Mitten im Kampf um den Wiederaufbau seines Goecheanums in Dörnach, gegen den sich bezeichnenderweise der gesunde Sinn der Schweizer entschieden wehrte, ist Rudolf Steiner, 64jährig, einem langen Leiden erlegen. Seine anthroposophische Lehre war das lyrische Erzeugnis der Zeit und nur der halt- und die Ziellosigkeit der Kriegs- und Revolutionszeit konnte Steiner seinen raschen und erstaunlichen Erfolg danken.
Mit iner selbstherrlichen und apodiktischen Schärfe ohnegleichen setzte Steiner Alles und Jeden in Beziehung zu Dem System irrationaler Tendenzen, das er zum Fundament einer neuen, einzigartigen, allumfassenden Äutturgemeinschast auszubauen trachtete. Ausgehend von einer eingehenden 'Beschäftigung mit dem gewaltigen Komplex Goethe, dessen naturwissenschaftliche Schristen er "herausaab, geriet er später in den Bcmn sozia-
Verbandlungen wegen der vollkommenen Verschmelzung der bei Den Anstalten find noch iw Gange.
Wetzlar voran! Und Gießen?
Im ersten Teile unterer Besprechung der (Siebener Zukunftsaufgaben (Ur. 68 von, 21 März) haben wir dargelegt, daß es notwendig ift, für die städtebauliche Erweiterung und Reugestaltung Gieße ic s einen ganz großzügigen Bebauungsplan aufzustelleii. Wtr cmpfaßfcn. .zu diesem Zwecke einen Wettbewerb zur Erlangung möglichst vieler, guter Bebauungsund Erweilerungspläne auszuschreiden, der den gesamten deutschen Städtebauern off en ßeben müßte". Wie wir aus vielen persönlichen Aeußerungen unb aus zahlreichen Zuschriften entnehmen tonnten, find unsere Vor - schlage in den verschiedensten Schichten der Bür- gerschaft durchaus zustimmend ausgenommen wor den In den letzten Tagen erhielten wir ferner- Kenntnis davon, baß die Stadtverorbneten- trahion der Deutschen VollSpartei vor einigen Wochen einen Antrag an die Stadtverwaltung gerichtet bat. bessern Forderung in den ziel- gebenden Gesichtspunkten mit untrer Ansicht über« einstimmt. Man muß wünschen, daß diesem Antrag recht bald entsprechende Taten folgen mögen. Wenn untere Stadt nun vielleicht in Bälde einen Wettbewerb der deutschen Städte baulünftler zur Erlangung großzügiger Bebauungspläne ausschretben sollte, so würde sie keineswegs etwas ÜngctoöbnlidieS tun, sondern nur Spuren folgen, die andere Städte vor ihr schon gewandelt finb. Zu diesen anderen Städten, die auch nach dieser Richtung hin früher auf dem Plan waren, gehört wieder unsere Rachbarstadl: Wetzlar Diese bat. wie uns jetzt bekannt wirb, schon im vorigen Jahre einen großen Wettbewerb zur Erlangung eines neuen Bebauungsplanes für die Stadt Wetzlar ausgeschrieben. Dor wenigen Tage« hat nun bas Preisgericht stattgefunden, das nach außerordentlich eingehender mehr' tägiger Prüfung von 41 ««gegangenen Entwürfen 5 mit Preisen ausgezeichnet bat. Dieses Preisgericht stand unter dem Vorsitz des Geheimrats Prvf Dr Genzrner-- Dresden, dem Preisrichterkollegium gehörten neben den Wetzlarer Vertretern u. a_ iroch an Professor Heiser- Dresden. Oberbaurat a. D. Prof. 3. Mues- mann- Dresden unb Pros. Dr.-Ing. Helm Berlin. Die preisgelrönten unb die angekausten Entwürfe sind von hervorragenden Fachleuten in Eharlottenburg, Berlin-Wilmersbors. Frankfurt a. TR.. Hannover. Eßlingen, Karlsruhe. Magdeburg, Berlin-Halenfee irfto. bearbeitet worden Den Eindruck, den man in Wetzlar von dem Er-- gebnis des Wettbewerbs hat, faßt der „Wetz-- larer Anzeiger" im Hinblick auf den an erster Stelle preisgekrönten Entwurf in fnlgenben Satz zusammen: „Mit diesem neuen Bebauungsplan dürfte einer ber Eigenart der örtlichen Verhältnisse unseres alten Wetzlar in jeder Werfe Rech^ nung tragenden Weiterentwicklung die Wege geebnet fein.“ Außer Wettbewerb hatten Stabt- baurat Kleemann unb Stabtvermessungsrat Geschke von 'Wetzlar noch einen Bebauungsplan zur Prüfung burch die Preisrichter vorgelegt. „Das Gesamtresultat dieses Entwurfs würbe," nach dem „Wetzlarer Anzeiger", »dahingehend zufaiinnengefaßt, daß der außer Wettbewerb eingereichte Entwurf soviel beachtenswerte Vorschläge entßäli, baß er nach dem Urteil der auswärtigen Preisrichter sicherlich in die engere Wahl getomanen sein würde und baß bic „Verwertung des Entwurfs für die endgültige Ausgestaltung des Bebauungsplanes daher empfohlen werben kann" " Man kann schon auS diesem einen Wettbewerbsbeifpiel entnehmen, daß das Ergebnis eines solchen Ausschreibens em Vorteil für die betreffende Stadt ist, ber in feiner hohen Zutunstsbebeutung bei Wettern ben Wert bet ausgeworfenen Summe für den Wettbewerb übersteigt, auch wenn biefer Betrag sich auf 60 000 ober 80 000 Mk. ober gar auf 100 000 Mk. be> lautcn sollte. Ilm einer gedeihlichen Zukunft willen müffen eben von dem Gemeinwesen ber Gegenwart auch mal besondere Anstrengungen verlangt werden. Wetzlar ist diesen weitsichtigen unb richtigen Weg gegangen. Wir fragen nur: ilnb Gießen? ilnd wann Gießen?
Dieselbe Frage: ilnb Gießen? muß man auch stellen, wenn maft sich an eine andere
1 .......
, listischer Ideen. Diese beiden Geisteskomplere — unvereinbar, ober auch — für den Nachfahren österreichischer Kleinbauern — unentrinnbar, suchte Steiners philosophisch geschulte Dialektik zur Snn- these zu vereinigen. Mit einer Abhandlung übet „Welt- und Lebensanschauungen" begann er 19<X> diesen Versuch, der ihn alsbald ins Transzendente abwandern ließ. Eine zufällige Berührung mit der Theosophie der Miß Bejant löste endlich den ganzen Komplex irrationaler Strebungen aus, die sich bann in kurzer Zeit zu dem Softem ber anthroposophischen Lehre zusammengefchlossen.
Der Sozialpolltiker Steiner begann bie Er» lösung der Menschheit durch die „Dreiteilung des sozialen Organismus" zu verkünden, der Literarhistoriker unb Künstler versprach seinen (betreuen, sie burch ein geheimnisvolles Seelentraining nicht nur zum tiefsten Kunsterleben, fonbern zum eigen- schöpferischen Erleben fähig zu machen. Die Neigungen zu Tanz, Spiel und Sport, bie seine Gläubigen von ihm hätten fort Lotfen können, fing er in der Eurhythmie ein, vielleicht ber seltsamsten Fruch! seiner Lehre, bie denn auch schon beutlich bas Verhängnis erkennen ließ, baß über kurz ober lang über Steiners gleich geist- wie naturwibriges System hereinbrechen mußte. Den hemmungslosen okkultistischen und parapsychologischen Tendenzen ber 3eit unb ber großen Menge kam er mit ber ekstatischen Verkünbigung ber Außenwelt unb bes Astralleibes entgegen, zu bereu Erleben unb Er langung er burch ein betörendes System von geistlichen Exerzitien hinzuführen versprach. Wer aus den Exerzilten wurds Ererzieren und aus der Eurhythmie peinvoll schlechter Tanz und sinnlose Pan- tomime. Die Getreuen begannen schon längst, sich zu verlaufen, zumal die wiederkehrende Wirtschafts, ordnung auch bie Quellen spärlicher fließen ließ, die wahrend der Blütezeit des Ehaos bie anchropo- sophische Insel ber Seligen reichlich gesegnet hatten. Die Anthrovosophie mar in den Zeiten angstvoller Zerrissenheft eine Zuflucht vor ben Schrecken des Unterganas dev Abendlandes. Ihr Begründer unb Prophet hinterläßt einen wankenden Bau, aus dem die große Menge schon cwszuziehen begonnen hat.


