Nr. 232 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Samstag, 3. (Moder (925
Fünf Luftbrücken.
Zur Stockholmer internationalen Luftfahrlkonferenz. Don Fischer von Poturzhn.
Die internationale Luftfahrtskonserenz in Stockholm, bei welcher unter Vorsitz des um die europäische Luftfahrt hochverdienten General- Postmeisters Exzellenz 2 u h l i n bedeutsame politische und verkehrstechnische Entscheidungen fallen werden, lenkt die Aufmerksamkeit auf den großen Anteil, welchen Schweden heute in der Welthandelsluftfahrt einnimmt. Das schwedische Königreich verbinden in diesem Fahre nicht weniger als fünf Luftbrücken regelmäßigen Dien st es über die Ostsee mit dem Festlande: Stockholm—Heljingfors, Stockholm- Danzig, Stockholm—Karlshamm-Wa.nrmünfre.
Malmö—Warnemünde, Malmö—Kopenhagen.
* Die Verbindungen nach Helsingfors, Warnemünde und Kopenhagen verfügen über unmittelbaren Anschluß weiter nach Süden.
Wenn in anderen Staaten, wie zum Beispiel Deutschland, die Gunst der geographischen Lage die Entwicklung der Luftfahrt gefördert hat, so ist es eigentümlicherweise gerade Schwedens geographische Ungunst,welche gepaart mit der Tatkraft weitschauender Persönlichkeiten eine so beachtenswerte Leistung zu Wege brachten. Wenngleich bereits frühzeitig die schwedische Luftfahrt sich nicht nur kriegerischen, fbnbern auch friedlichen Zwecken zuwandte, so ist die eigentliche großzügige Verkehrs- politische Initiative Schwedens doch erst 1925 voll zur Geltung gekommen. Viemand konnte dieser Fortschritt überraschen, welcher anläßlich der internationa'en Gotenburger Luftfahrt-Aus- stellung 1924 Gelegenheit hatte, das tatkräftige 3nter<fe kennenzulernen, welches das schwedische Volk den Problemen der Handelsluftfahrt ent* gegenbrachte, und vor allen Dingen, wie es bereits damals verstanden worden ist, durch sachliche und ausgleichende Arbeit manche bestehenden politischen Schwierigkeiten des Vachkrieges zu glätten. Eine spätere Geschichte der Luftpolitik wird an diesen Erfolgen ehrlicher und für die Befriedigung Europas im allgemeinen hoch zu begrüßenden Diplomatie nicht vorübergehen können. Schon auf der internationalen Luftfahrtkonferenz z u Kopenhagen 1925 konnte man ferner beachten, wie sehr das Betreiben Schwedens imstande war, unbeirrt von dem politischen Scheuklappenkurs der Vachkriegs- zeit impulsiv den allgemeinen Fortschritt der Suftfaljrt zu fördern. Es sei nur erwähnt, daß es der schwedische Generalpostmeister Exzellenz 2 uhlin war, welcher auf Grund der in schwedisch-deutscher Zusammenarbeit bereits gemachten Erfahrungen der ungeheuren Bedeutung des Vachtflugverkehrs entsprechend ein Zusammengehen in der Lösung dieses technischen Problems für die führenden europäischen Luftfahrtstaaten vorschlug. Von diesen Gesichtspunkten aus betrachtet, verspricht gerade die Auswahl des dies- jährigo^ Konferenzortes, Stockholm, eine günstige Atmosphäre und einen wirklichen Erfolg.
Der Rahmes dieser Zusammenkunft ist schon, was die Anzahl der teilnehmenden Staaten betrifft, ein weit größerer, als dies letztes 2ahr in Kopenhagen der Fall war. Die Anmeldungen besagen, daß auch Italien an derselben teil- nehmen wird, welches der geographisch weitest entfernte Teilnehmer sein wird. Hierzu treten die mitteleuropäischen Länder und östlichen Rand- ftaaten, ebenso die Westmächte außer Frankreich, welches anscheinend die Bedeutung gerade dieser Zusammenkunft nicht so ganz erkannt hat.
Diejenigen Staaten, welche daher in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem schwedischen Luftdienst gestanden haben: Finnland, Danzig, Deutschland, Dänemark, Viederlande und England, haben auch für sich selbst in den letzten zwei Jahren reichlich Gelegenheit gehabt, zu erkennen, was es bedeutet, praktisch am Ausbau des Schweden—Kontinent-Verkehrs mitzuarbeiten. Während, wie bereits skizziert, die politische Atmosphäre die Erfüllung dieser Aufgaben ungeheuer erleichtert, macht andererseits die wirtschaftliche Stärke Schwedens diese Kooperation wirtschaftlich günstig. Der Seeverkehr mit Schweden und die beiden Fähren über die Ostsee entsprechen nicht dem regen
Handelsverkehr zwischen Schweden und dem Kontinent. So konnte es nicht Wunder nehmen, daß die in diesem Jahre mit Dreischrauben- Großflugzeugen betriebene Linie Amsterdam— Malmö mit unmittelbarem TageSanschluh nach London und Paris die frequentiertefte Luft- großverkehrsstrecke dieses Jahres war. So ist es an und für sich ganz selbstverständlich, daß der erste europäische VaHtflugver- k e h r bereits 1924 zwischen Derlm und Stockholm ausgenommen und in diesem Jahre durch eine zwei e Strecke Stockholm—Danzig erweitert wurde. Ebenso selbstverständlich ist der große Aufschwung, den die Hafenstadt Malmö in der Luftfahrt genommen hat: Mehrmalige Verbindungen während des Tages nach Kopenhagen, unmittelbar durchgehende Linien nach Holland einerseits und Dresden andererseits. Einen besonderen Charakter trägt die Luftverkehrsverbindung Stockholm—Helsingfors, welche ja bereits 1923 erstmalig betrieben wurde. Die Verbindungen zwischen Finnland und Schweden entsprachen vor Einsatz des Flugzeuges keineswegs der nachbarlichen Vähe.
Die Schaffung und Entwicklung der fünf Luftbrücken von Schweden zum Kontinent mag aber noch so geographisch und wirtschaftlich gc» eben (»in, sie wäre wohl niemals zustande gekommen, trenn nicht die technisch-organisatorische Frage rasch und glücklich gelöst worden wäre. Die Schwedische Aerotransport A.-G. unter Leitung der Gebr. F l o r m a n hat den organisatorischen Brückenvorfchlag von Stockholm nach Hellingfors, von Malmö nach Warnemünde und Kopenhagen vorgenommen und bedient sich hierbei des Junkers - Flugzeug-Typs, ja durch die mit ihr befreundete Flhgindustri in Malmö ist Schweden daran, diesen Typ selbst in Liszenz und Serienbau herzustellen. Selbstverständlich verwendet die Junkers-Luftverkehr A.-G. auf der Vachtluftstrecke Stockholm bezw. Warnemünde— Kopenhagen—Malmö ebenfalls Iunkers-Ganz- metall-Flugzeuge. Auch auf der Vachtluftstrecke Stockholm—Danzig verwendet die Vordiska Flhg- rederiet in Verbindung mit dem Deutschen Aero- Lloyd eine deutsche Konstruktion, den großen Dornier-Typ „Wal".
Aus dem Gesagten geht hervor, daß Schweden verkehrspolitisch und verkehrstechnisch zu den wenigen Staaten gehört, welche es verstanden haben, sich in kurzer Zeit eine hervorragende Stellung in der Luftfahrt zu sichern. Deutschland begrüßt diese Entwicklung auf das lebhafteste: Für den Verkehr zwischen Schweden und den West- bezw. Südstaaten Europas bildet Deutschland das große Transitgebiet, so daß schon aus wirtschaftlichen Momenten heraus eine weitgehende freundschaftliche Zusammenarbeit für beide Teile stets zum Vorteil sein wird. In den Fragen der Luftpolitik aber erkennt Deutschland in Schweden einen Staat, der wesentlich dazu beigetragen hat und wohl auch noch hervorragend dazu beitragen wird, den notwendigen Fortschritt der europäischen Luftfahrt durch seine Befreiung von kurzsichtigen und allgemein schädlichen politischen Hemmnissen zu fördern.
Jur Aufhebung des Uniformverbots.
Anläßlich der Aufhebung des Uniformverbots sind vielfach irreführende Ansichten über die Berechtigung 3um Tragen der Militäruniform laut geworden. Es soll deshalb im nachfolgenden hierüber das Wichtigste mitgeteitt werden:
1. Verabschiedete Offiziere dürfen die Militär- uniform nur dann tragen, wenn ihnen dieses Recht bei oder nach ihrer Verabschiedung ausdrücklich verliehen worden ist. Vur Generale und die mit dem Charakter als Genevalmajor verabschiedeten Obersten besitzen ohne weiteres dieses Vecht. Alle anderen Offiziere muhten dieses Recht nachsuchen. Das hatte spätestens bis zum 31. Dezember 1922 zu geschehen. Die Erteilung der Genehmigung war von der Erfüllung gewisser Vorbedingungen abhängig. Heute hat die Einreichung eines solchen Gesuchs keinerlei Zweck mehr, da es unberücksichtigt bleiben würde.
2. Zuständig ist diejenige Uniform, welche in der DerleihungsveMgung bezeichnet ist, für Ge-
Der gefesselte Str om.
Roman von Hermann Stegemann.
26. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er war einsam geworden . Und zu dem Einsamen zog es sie mit überströmender Liebe. Sie wußte, daß er in ihrem Vertrauen Halt sand, daß sie sein Menschliches hütete. Und sie liebte ihn, liebte ihn mit all den Erinnerungen, Wünschen und Sehnsüchten, die sie als Kind, als junges Mädchen und als Weib an ihn verschwendet hatte.
Der Glaube an ihn war wie ein Licht, das ihrem Leben Helle gab, und in ihrer verschwiegenen, starken, opferbereiten Liebe sand sie die Kraft, die Einsamkeit eines Lebens zu ertragen, » das ihr so viel versagt hatte.
Am 21. Vovember war Ruths Geburtstag. Kalte Regenfälle hatten das grüne Tal um das bunte Herbstlaub gebracht. Graue Schwaden hingen an den Bergen, rostfarben strömte der Sljein.
Marie Ruppaner, die Frau des Amtmanns, mit der Ruth ein Jahr in VeuchUel gewesen war, kam am Vachmittag in der Amtskalesche herausgefahren und brachte ihre beiden vierjährigen Mädchen mit. Die Zwillinge erfüllten das leere Haus mit lustigem Lärm. Als Grete Auer gekommen war, die sich erst nach der Sprechstunde ihres Mannes freimachen konnte, setzten sich die drei Freundinnen zum Geburtstagskuchen.
Ruch mußte sich gewaltsam zusammenneh- men, um nicht unter der Last der alltäglichen Unterhaltung zu erliegen, die sich wie ein Bleigewicht auf ihre Schultern senkte. Sie hatte sich noch nie so einsam, so freudlos und unruhig gefühlt. Bei jeder harmlosen Berührung Hangen die Saiten ihres Innern in schmerzhaften Dissonanzen, und als Marie Ruppaner an Hanns Ingolds Auftreten in Rheinau erinnerte und sie mtt Erinnerungen aus der Jugendzeit neckte, hätte sie am liebsten alles herausgeschrien.
Dann war sie wieder allein.
Hanns hatte seit vierzehn Tagen nicht mehr geschrieben.
Der Vater war mit einem Pack neuer Bücher erschienen. Die lagen als Geschenk auf ihrem Tisch.
Der Abend war herabgesunken. Da faßte sie einen Entschluß, der heute reif geworden war. Sie ging zu ihrem Vater.
Er sah über seinen Büchern. Als sie eintrat. deckte er rasch eine Zeitung über seine Lektüre.
Und plötzlich war es Ruth, als müßte sie nun auch dieser Heimlichkeit, die ihr längst kein Geheimnis mehr war, ein Ende machen.
„Zieh nur das Veueste über die Chirurgie wiederr hervor, das du da verbirgst, ich Weitz ja, 7,aß du trotz allem nicht davon losgelom- men bist."
Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und blickte ihn liebevoll an.
Er fuhr zusammen, wollte aufbrausen, sah in ihr ernstes, klares Gesicht, warf plötzlich den Kopf in die aufgeftütjten Arme und keuchte wie im Kampfe mit einer Last:
„Ja, Mädel, hast ja recht! All die Jahre betrüg’ ich mich und dich und alle. Mach' den Äaturarzt, spiel' den Kräuteronkel, den Wasser- und Sonnendoktor und fluch' auf das Messer, das mich einmal im Sttch gelassen hat! Und komm' doch nicht los davon, bin ein Chirurg ohne Hände, einer, dem zum Willen die Kraft fehlt, ein elender Kurpfuscher, verbauert, versauert, und das Leben nicht wert, das ich führe!"
Die Hände vor's Gesicht geschlagen, schrie er's rauh vor sich hin und hörte auf keine Zusprache.
Ruth lieh die Hand auf seiner Schulter ruhen. Im letzten Zwielicht verschwamm die Stube. Ausgestorben lag das weitläufige Gebäude, in den Dachrinnen fang der Tropfenfall.
Und als Engechardt sich beruhigt hatte, nur zuweilen noch ein Atemholen seine Schultern hob, begann Ruth zu sprechen.
„Papa, ich habe schon lange gewußt, daß du noch hängst an deinem allen Berus. Ich weiß auch, daß du dabei an etwas denkst, das nie mehr lebendig werden kann."
„Vein, nie mehr!" schrie er wild, von zornigem Weh geschüttelt, in die hohlen Hände.
nerale und mit dem Cha ratter als Generalmajor verabschiedete Obersten die Generalsuniform.
3. Wer eine Militäruniform, gleichviel aus welcher Veranlassung, ohne dazu berechtigt zu sein, trägt, trägt die Uniform unbefugt und macht sich nach RStrGB. § 360 Ziff. 8 strafbar (Geldstrafe bis 150 Mk. oder Haft bis zu 6 Wochen).
4. Die mit der Berechtigung 5um Tragen der Uniform verabschiedeten Offiziere können, wenn sie bei ihrer Verabschiedung dem akttven Stande angehörten, ihr Recht jederzeit und bei allen Gelegenheiten nach freiem Ermessen ausüben. Verboten ist es lediglich, die Uniform anzulegen in Ausübung eines etwa neu ergriffenen Berufs und im Ausland. Im übrigen entspricht es den überlieferten Standesauffassungen der verabschiedeten Offiziere, daß die Uniform nur bei feierlichen, festlichen und kameradschaftlichen Veranstaltungen oder aus einer besonders begründeten Veranlassung angelegt wird, nicht aber bereits bei größeren und kleineren Gesellschaften oder Vergnügungen privater Art.
5. Offiziere, die bei ihrer Verabschiedung dem Beurlaubtenstande angehörten und das Recht zum Tragen der Uniform erhalten haben, dürfen dieses Recht nur in denselben »Fällen ausüben, in denen sie als Reserve- oder Landwehroffizier berechtigt oder verpflichtet waren, in Uniform zu erscheinen. Diese Fälle sind in die Bette-dungs- Ordnungen der einzelnen Kontingente festgelegt. Danach muhte die Uniform angelegt werden bei Einberufungen, bei jeder dienstlichen Veranlassung, bei Festlichkeiten in Anwesenheit Seiner Majestät, bei Offizier- und Ehrenratswahlen, bei Aufstellung von Krieger- usw. Vereinen und deren Festlichkeiten, sowie bei Beerdigungen von Mitgliedern und bei offiz'ellen kameradschaftlichen Vereinigungen im Offizierkor^s. Ueberdies durfte die Uniform angelegt werden bei sonstigen vaterländischen Festen und der eigenen Trauung. Ein großer Teil dieser Veranlassungen ist heute gegenstandslos geworden.
Die Manöver her deutschen Wehrmacht.
Eine Unterredung mit Reichstvehrmrnistcr Dr. Geßler.
Die großen Manöver der Reichswehr sind soeben zu Ende gegangen. Während ihres Verlaufes wurden, wie gemeldet, in der Presse des In- und Auslandes mehrfach Angriffe gegen die Reichswehrleitung erhoben, wobei insbesondere die Art und der Umfang der Manöver kritisiert wurden. Wir haben deshalb jetzt nach Beendigung der Hebungen den Reichswehrminister Dr. Gehler um eine Unterredung gebeten, wobei der Minister ausführte:
„Sie machen mich auf die unfreundlichen Bemerkungen aufmerksam, die Sie in Zeitungen des In- und Auslandes über die Hebungen gefunden haben, die Reichswehr und Flotte in den letzten Wochen abgehalten haben. Mich haben diese Angriffe gegen die Reichswehrverwaltung einigermaßen in Erstaunen gesetzt. Derartige Hebungen finden seit Jahren statt. Die Mittel dafür find im Reichswehrhaushalt der letzten Rechnungsjahre ausgcbracht und von den gesetzgebenden Körperschaften ohne wesentliche Bemerkungen bewilligt worden. Wenn im Ausland Kritik geübt wird, so kann ich das verstehen. Große strategische Manöver, wie sie besonders in Frankreich und Polen stattgefunden haben oder interessante Tankschlachten, wie sie der englische Generalstab dem erstaunten Publikum bieten konnte, waren bei uns ebenso wenig zu sehen, wie das Zusammenwirken zahlreicher moderner Kriegsschiffe jeder Gattung, wie sie das Mittelmeer und der Pazifische Ozean gesehen haben. Hnfere Hebungen fanden in dem Rahmen statt, den uns die Bestimmungen des Versailler Vertrages gesteckt haben, und sollen unsere Truppe auf die Aufgabe des Grenzschutzes vorbereiten, für die sie bestimmt ist. Daher haben unsere Hebungen der Interalliierten Militär-Kontrollkommission auch zu keinen Bemerkungen Veranlassung gegeben.
Eine besondere Genugtuung war in diesem Jahre, daß devReichspräsident die Heber«
„Du hast trotzdem keinen Grund, dein Leben schlecht zu machen."
v$r riß die Hände vom Gesicht und blickte auf. Sie konnte seine 'Züge nicht mehr erkennen.
„Hab' keinen Grund, Mädel! Meinst du, ich wüßte nicht, daß mir damals das Hnglück nicht passiert wäre, wenn ich nicht nach einer durchschwärmten Vacht an den Operationstisch getreten wäre! Hälft du mich für einen Gesinnungslumpen, der sich selbst belügt! Vein, nein, das ist der Engelhardt nicht! Aber eine Frau hat er gehabt, die war von Gold. Die hat gesagt: Ja komm, flick nicht, was nicht mehr zu flicken ist. Hier in Berlin geht die große Strahenbürste über dich weg und du wirst beiseitegefegt. Komm mit mir! Wir gehen irgendwohin in den Schwarzwald, wo ich daheim bin und wo du so gerne gewandert bist. Dort kommst du wieder zurecht. Siehst du Mädel, wer sich als Student verlobt, legt sich eine Kette um den Fuß. Aber ich. ich dank' es deiner Mutter, die mir in Freiburg ans Herz gewachsen ist. daß ich damals nicht kaputt gegangen bin. Dafür hat f i e sich hier opfern müssen."
„Das ist nicht richtig, Papa. Die Mutter war sicher hier fröhlicher als in Berlin."
Ruth fand weiter kein Wort, um ihn aufzurichten. Auf einmal war ihr klar geworden, daß der Vater einen unheilbaren Schaden davongetragen hatte, weil er an seiner Lebensaufgabe gescheitert war. Zwar hatte er sich einen neuen Lebensplan gemacht und war darüber grau geworden. aber seine Kraft war nur verhüllte Schwäche: das, was er als Arzt tat und vertrat. war aus Trotz und Resignation geboren. Hnd doch sein ganzer Halt. Vur noch ein Halt. Vicht mehr. Hnd Ruth Engelhardt dachte an Hanns Ingold und fein Werk.
„Papa, ich möchte dir eine Mitteilung machen. Venn's ein Geständnis, wenn du willst. Ich*liebe Hans Ingold."
Ruhig und bestimmt kamen die Worte über ihre Lippen. Sie war sich noch nie so klar gewesen, daß sie Hanns liebte. Siebte, wie er war, bereit, für ihn zu tun, was das Leben verlangte. Sie liebte ihn, als wäre sie kein Mädchen mehr, sondern eine gereifte und geprüfte
lieferung seines verewigten Amtsvorgängers ausrechterhalten und den Hebungen in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber beigewohnt hat. Der Besuch des Reichspräsidenten Ebert hatte den Flottenübungen gegolten. Reichspräsident von Hindenburg nahm an den Hebungen der Pommersch-M'ecklenburg-Schleswig-Hol'steinifchen Division teil. Die anerkennenden Worte, die der Oberbefehlshaber der Reichswehrverwaltung und der Truppe ausgesprochen hat. werden uns alle äu hingebender Pflichterfüllung anspornen. Auf den Truppenübungsplätzen läßt sich Die Truppe für die ihr obliegende Aufgabe nicht schulen. Die Eigenart des modernen Kampfes. Die die Einheiten völlig auflöst, und die einzelnen Soldaten zu selbständigem Handeln zwingt, erfordert w e ch- selndes Gelände. Wollte man sich darauf beschränken, ihnen nur Aufgaben zu stellen, Die sich in den aus tausend Hebungen bekannten Dodenbcdeckungen der Hebungsplähe abspielen, so würde das nichts anderes bedeuten, als wenn man Schülern Exempel aufgäbe und ihnen gleichzeitig die Lösungen frittierte. Erleichtert wird der Heeresverwaltung die Abhaltung Der Manöver abseits der reichseigenen Plätze durch die geringen Flurbeschädigungen. Früher erforderte Die starke Massierung der Truppen, besonders die in geschlossenen Verbänden attackierende Reiterei, Die Aufwendung großer Entschädigungssummen. Die Bewegung der einzelnen Soldaten bei Der aufgelösten Gefechtsordnung hinterließ bei den schon fast völlig abgeernteten Ackerflächen kaum m e rk- bare Spuren und wird Den Fonds, aus dem die Flurbeschädigungen zu bezahlen sind, nicht sehr in Anspruch nehmen. Es war mir auch eine Herzensfreude, zu sehen, wie herzlich die Truppe von der Bevölkerung a u f genommen wurde. Heberall habe ich feststellen können, daß jung und alt sich Darin überboten, ihren Soldaten Gutes anzutun. Vicht wenig trug hierzu die gute Haltung uei, die die Reichswehr- angehörigen in und außer Dienst, während Der Hebungen und im Quartier zeigten. Vicht eine einzige Ausschreitung grober Art ist vorgekommen. Wahrlich ein gutes Zeichen für die Manneszucht. Mit besonderer Genugtuung habe ich Die Berichte der deutschen Presse über Die Hebungen selbst verfolgt. Mir ist nicht ein einziges absprechendes Urteil vor Augen gekommen, das Der übenden Truppe gegolten hätte. Ich weiß, wie wichtig eine solche öffentliche Anerkennung für Den Geist der Reichswehr ist, und wie der innere Halt dadurch gefeftigt wird, wenn sie sich vom Vertrauen b?r gesamten Bevölkerung getragen sieht. Die Kritik, die wir gefunden haben, als wir aus der Abgeschlossenheit der Kasernen und Lager vor das Volk traten, hat uns gezeigt, daß wir auf dem rechten Wege sind."
Der Sprachenkampf in Etfaß-Lothringen.
Die „D0lkssti mme", ein in Saargemünd und Saaralben erscheinendes neues Tageblatt für baä deutsche Sprachgebiet Lothringens, das sich durch eine unabhängige und gesunde Kritik auszeichnet, und eine Heimattreue Politik treibt, beschäftigt sich mit Den augenblicklichen Sprach» Verhältnissen in Elsah-Lothringen, die in folgendem geschildert werden:
Wenn auch das Volk des deutschen Sprachgebietes in Lothringen genau wie im Elsaß das rücksichtslose und verständnislose Vorgehen der Schul- und Verwaltungsbehörden in der Sprachenfrage immer als eine brutale Vergewaltigung angesehen hat, so gab es doch in unseren eigenen Reihen feige Verräter, die aus sentimentalem Dusel unser tausendjähriges Recht auf unsere Sprache einem falsch verstandenen Patriotismus opfern wollten. Heute kickstet sich ihre Reihe sehr stark. In der Oeffentlichkeit werden die Stimmen immer zahlreicher, die Regierung und Verwaltung warnen und zur Einsicht und Hmkehr mahnen. Das natürliche Recht auf die Muttersprache läßt sich nicht mit Füßen treten und in den Boden stampfen. Auch Preußen achtete nach dem Krieg von 1870 dieses Recht in Lothringen. Der Hnterricht in den Schulen des französisch sprechenden Gebietes wurde noch mehr als zehn Jahre ausschließlich
Frau. In der Einsamkeit war sie dazu geworden, ohne ihm mehr als den Mund gereicht zu haben.
Engelhardt löste ihre Hand von seiner Schulter und hielt sie fest.
„Du hast mir einmal gesagt, du hassest ihn. Das war verkappte oder malträtierte Liebe. Als er kam, um uns Lebewohl zu sagen, hab' ich's gewußt. Hnd nun liebst du ihn, Mädel, heißt das, daß ihr euch liebt? Daß —"
„3a, Papa, wir lieben uns."
„Du weiht, daß er von vorn anfangen muß. Der alte 3ngold verzeiht ihm nie, daß er Hand legen wollte an den Rhein.
„3ch weih das alles."
Eine selbstsüchtige Genugtuung über tarn Engelhardt. Er behielt Ruth noch lange um sich. Einer, der von vorn anfangen muh, kommt langsam vorwärts.
„Wo ist er jetzt?" fragte er beruhigt.
„3ch weih es nicht. Er arbeitet an einer neuen Schrift über sein Werk."
„Was sagst du da! Hnd sagst es so gleichmütig! Gr hat den wahnsinnigen Plan nicht auf gegeben! Er will —!"
Engelhardt war wild vorn Stuhl gefahren.
„Er muh, Papa. Spürst du denn nicht, daß er muh! Glaubst du ich hätte ihn so lieben lernen, wenn ich nicht fühlte, daß er muh, daß er sich einseht und alles opfert Dafür!"
Ihre Stimme hatte einen jauchzenden Klang und tonte sehnsüchtig in der dunklen Stube.
„Licht, mach' Licht, ich will dein Gesicht sehen, Ruth, ehe ich dir sage, was ich darauf zu sagen habe."
Ruhig trat Ruth zur Konsole, tastete nach den Streichhölzern und zündete die Lampe an.
„Lah die Glocke und sieh mich an!“
Sie stellte die Lampenglocke beifeite.
Er ergriff ihre Hände, zog sie dicht zu sich heran und sagte langsam, ihr jedes Wort bis ins Herz hinabstohend:
„Du hast dir dein Hrteit gesprochen, Mädel. Er ist einer, der alles opfert für fein Werk. Alles, Ruth! Auch dich!"
। . (Fortsetzung folgt.) ■ 1 t
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