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Nr. 232 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Samstag, 3. (Moder (925

Fünf Luftbrücken.

Zur Stockholmer internationalen Luftfahrlkonferenz. Don Fischer von Poturzhn.

Die internationale Luftfahrtskonserenz in Stockholm, bei welcher unter Vorsitz des um die europäische Luftfahrt hochverdienten General- Postmeisters Exzellenz 2 u h l i n bedeutsame po­litische und verkehrstechnische Entscheidungen fal­len werden, lenkt die Aufmerksamkeit auf den großen Anteil, welchen Schweden heute in der Welthandelsluftfahrt einnimmt. Das schwe­dische Königreich verbinden in diesem Fahre nicht weniger als fünf Luftbrücken regel­mäßigen Dien st es über die Ostsee mit dem Festlande: StockholmHeljingfors, Stockholm- Danzig, StockholmKarlshamm-Wa.nrmünfre.

MalmöWarnemünde, MalmöKopenhagen.

* Die Verbindungen nach Helsingfors, Warne­münde und Kopenhagen verfügen über unmittel­baren Anschluß weiter nach Süden.

Wenn in anderen Staaten, wie zum Bei­spiel Deutschland, die Gunst der geogra­phischen Lage die Entwicklung der Luftfahrt gefördert hat, so ist es eigentümlicherweise ge­rade Schwedens geographische Ungunst,welche gepaart mit der Tatkraft weitschauender Per­sönlichkeiten eine so beachtenswerte Leistung zu Wege brachten. Wenngleich bereits frühzeitig die schwedische Luftfahrt sich nicht nur kriegeri­schen, fbnbern auch friedlichen Zwecken zuwandte, so ist die eigentliche großzügige Verkehrs- politische Initiative Schwedens doch erst 1925 voll zur Geltung gekommen. Viemand konnte dieser Fortschritt überraschen, welcher anläßlich der internationa'en Gotenburger Luftfahrt-Aus- stellung 1924 Gelegenheit hatte, das tatkräftige 3nter<fe kennenzulernen, welches das schwedische Volk den Problemen der Handelsluftfahrt ent* gegenbrachte, und vor allen Dingen, wie es be­reits damals verstanden worden ist, durch sach­liche und ausgleichende Arbeit manche bestehenden politischen Schwierigkeiten des Vachkrieges zu glätten. Eine spätere Geschichte der Luftpolitik wird an diesen Erfolgen ehrlicher und für die Befriedigung Europas im allgemeinen hoch zu begrüßenden Diplomatie nicht vorübergehen können. Schon auf der internationalen Luft­fahrtkonferenz z u Kopenhagen 1925 konnte man ferner beachten, wie sehr das Be­treiben Schwedens imstande war, unbeirrt von dem politischen Scheuklappenkurs der Vachkriegs- zeit impulsiv den allgemeinen Fortschritt der Suftfaljrt zu fördern. Es sei nur erwähnt, daß es der schwedische Generalpostmeister Exzellenz 2 uhlin war, welcher auf Grund der in schwe­disch-deutscher Zusammenarbeit bereits gemachten Erfahrungen der ungeheuren Bedeutung des Vachtflugverkehrs entsprechend ein Zusammen­gehen in der Lösung dieses technischen Problems für die führenden europäischen Luftfahrtstaaten vorschlug. Von diesen Gesichtspunkten aus be­trachtet, verspricht gerade die Auswahl des dies- jährigo^ Konferenzortes, Stockholm, eine gün­stige Atmosphäre und einen wirklichen Erfolg.

Der Rahmes dieser Zusammenkunft ist schon, was die Anzahl der teilnehmenden Staaten be­trifft, ein weit größerer, als dies letztes 2ahr in Kopenhagen der Fall war. Die Anmeldungen besagen, daß auch Italien an derselben teil- nehmen wird, welches der geographisch weitest entfernte Teilnehmer sein wird. Hierzu treten die mitteleuropäischen Länder und östlichen Rand- ftaaten, ebenso die Westmächte außer Frank­reich, welches anscheinend die Bedeutung ge­rade dieser Zusammenkunft nicht so ganz er­kannt hat.

Diejenigen Staaten, welche daher in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem schwedi­schen Luftdienst gestanden haben: Finnland, Dan­zig, Deutschland, Dänemark, Viederlande und England, haben auch für sich selbst in den letzten zwei Jahren reichlich Gelegenheit gehabt, zu erkennen, was es bedeutet, praktisch am Aus­bau des SchwedenKontinent-Verkehrs mitzu­arbeiten. Während, wie bereits skizziert, die politische Atmosphäre die Erfüllung dieser Auf­gaben ungeheuer erleichtert, macht andererseits die wirtschaftliche Stärke Schwedens diese Kooperation wirtschaftlich günstig. Der See­verkehr mit Schweden und die beiden Fähren über die Ostsee entsprechen nicht dem regen

Handelsverkehr zwischen Schweden und dem Kon­tinent. So konnte es nicht Wunder nehmen, daß die in diesem Jahre mit Dreischrauben- Großflugzeugen betriebene Linie Amsterdam Malmö mit unmittelbarem TageSanschluh nach London und Paris die frequentiertefte Luft- großverkehrsstrecke dieses Jahres war. So ist es an und für sich ganz selbstverständlich, daß der erste europäische VaHtflugver- k e h r bereits 1924 zwischen Derlm und Stock­holm ausgenommen und in diesem Jahre durch eine zwei e Strecke StockholmDanzig erweitert wurde. Ebenso selbstverständlich ist der große Aufschwung, den die Hafenstadt Malmö in der Luftfahrt genommen hat: Mehrmalige Verbin­dungen während des Tages nach Kopenhagen, unmittelbar durchgehende Linien nach Holland einerseits und Dresden andererseits. Einen be­sonderen Charakter trägt die Luftverkehrsver­bindung StockholmHelsingfors, welche ja be­reits 1923 erstmalig betrieben wurde. Die Ver­bindungen zwischen Finnland und Schweden ent­sprachen vor Einsatz des Flugzeuges keineswegs der nachbarlichen Vähe.

Die Schaffung und Entwicklung der fünf Luftbrücken von Schweden zum Kontinent mag aber noch so geographisch und wirtschaftlich gc» eben (»in, sie wäre wohl niemals zustande ge­kommen, trenn nicht die technisch-organisatorische Frage rasch und glücklich gelöst worden wäre. Die Schwedische Aerotransport A.-G. unter Leitung der Gebr. F l o r m a n hat den organisatorischen Brückenvorfchlag von Stockholm nach Hellingfors, von Malmö nach Warnemünde und Kopenhagen vorgenommen und bedient sich hierbei des Junkers - Flugzeug-Typs, ja durch die mit ihr befreundete Flhgindustri in Malmö ist Schweden daran, diesen Typ selbst in Liszenz und Serienbau herzustellen. Selbstverständlich ver­wendet die Junkers-Luftverkehr A.-G. auf der Vachtluftstrecke Stockholm bezw. Warnemünde KopenhagenMalmö ebenfalls Iunkers-Ganz- metall-Flugzeuge. Auch auf der Vachtluftstrecke StockholmDanzig verwendet die Vordiska Flhg- rederiet in Verbindung mit dem Deutschen Aero- Lloyd eine deutsche Konstruktion, den großen Dornier-TypWal".

Aus dem Gesagten geht hervor, daß Schwe­den verkehrspolitisch und verkehrstechnisch zu den wenigen Staaten gehört, welche es verstanden haben, sich in kurzer Zeit eine hervorragende Stellung in der Luftfahrt zu sichern. Deutsch­land begrüßt diese Entwicklung auf das leb­hafteste: Für den Verkehr zwischen Schweden und den West- bezw. Südstaaten Europas bildet Deutschland das große Transitgebiet, so daß schon aus wirtschaftlichen Momenten her­aus eine weitgehende freundschaftliche Zusammen­arbeit für beide Teile stets zum Vorteil sein wird. In den Fragen der Luftpolitik aber er­kennt Deutschland in Schweden einen Staat, der wesentlich dazu beigetragen hat und wohl auch noch hervorragend dazu beitragen wird, den not­wendigen Fortschritt der europäischen Luftfahrt durch seine Befreiung von kurzsichtigen und all­gemein schädlichen politischen Hemmnissen zu fördern.

Jur Aufhebung des Uniformverbots.

Anläßlich der Aufhebung des Uniformverbots sind vielfach irreführende Ansichten über die Be­rechtigung 3um Tragen der Militäruniform laut geworden. Es soll deshalb im nachfolgenden hierüber das Wichtigste mitgeteitt werden:

1. Verabschiedete Offiziere dürfen die Militär- uniform nur dann tragen, wenn ihnen dieses Recht bei oder nach ihrer Verabschiedung aus­drücklich verliehen worden ist. Vur Generale und die mit dem Charakter als Genevalmajor verab­schiedeten Obersten besitzen ohne weiteres dieses Vecht. Alle anderen Offiziere muhten dieses Recht nachsuchen. Das hatte spätestens bis zum 31. Dezember 1922 zu geschehen. Die Erteilung der Genehmigung war von der Erfüllung ge­wisser Vorbedingungen abhängig. Heute hat die Einreichung eines solchen Gesuchs keinerlei Zweck mehr, da es unberücksichtigt bleiben würde.

2. Zuständig ist diejenige Uniform, welche in der DerleihungsveMgung bezeichnet ist, für Ge-

Der gefesselte Str om.

Roman von Hermann Stegemann.

26. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Er war einsam geworden . Und zu dem Einsamen zog es sie mit überströmender Liebe. Sie wußte, daß er in ihrem Vertrauen Halt sand, daß sie sein Menschliches hütete. Und sie liebte ihn, liebte ihn mit all den Erinnerungen, Wünschen und Sehnsüchten, die sie als Kind, als junges Mädchen und als Weib an ihn ver­schwendet hatte.

Der Glaube an ihn war wie ein Licht, das ihrem Leben Helle gab, und in ihrer verschwie­genen, starken, opferbereiten Liebe sand sie die Kraft, die Einsamkeit eines Lebens zu ertragen, » das ihr so viel versagt hatte.

Am 21. Vovember war Ruths Geburtstag. Kalte Regenfälle hatten das grüne Tal um das bunte Herbstlaub gebracht. Graue Schwaden hin­gen an den Bergen, rostfarben strömte der Sljein.

Marie Ruppaner, die Frau des Amtmanns, mit der Ruth ein Jahr in VeuchUel gewesen war, kam am Vachmittag in der Amtskalesche herausgefahren und brachte ihre beiden vier­jährigen Mädchen mit. Die Zwillinge erfüllten das leere Haus mit lustigem Lärm. Als Grete Auer gekommen war, die sich erst nach der Sprechstunde ihres Mannes freimachen konnte, setzten sich die drei Freundinnen zum Geburts­tagskuchen.

Ruch mußte sich gewaltsam zusammenneh- men, um nicht unter der Last der alltäglichen Unterhaltung zu erliegen, die sich wie ein Blei­gewicht auf ihre Schultern senkte. Sie hatte sich noch nie so einsam, so freudlos und unruhig gefühlt. Bei jeder harmlosen Berührung Hangen die Saiten ihres Innern in schmerzhaften Disso­nanzen, und als Marie Ruppaner an Hanns Ingolds Auftreten in Rheinau erinnerte und sie mtt Erinnerungen aus der Jugendzeit neckte, hätte sie am liebsten alles herausgeschrien.

Dann war sie wieder allein.

Hanns hatte seit vierzehn Tagen nicht mehr geschrieben.

Der Vater war mit einem Pack neuer Bücher erschienen. Die lagen als Geschenk auf ihrem Tisch.

Der Abend war herabgesunken. Da faßte sie einen Entschluß, der heute reif geworden war. Sie ging zu ihrem Vater.

Er sah über seinen Büchern. Als sie ein­trat. deckte er rasch eine Zeitung über seine Lektüre.

Und plötzlich war es Ruth, als müßte sie nun auch dieser Heimlichkeit, die ihr längst kein Geheimnis mehr war, ein Ende machen.

Zieh nur das Veueste über die Chirurgie wiederr hervor, das du da verbirgst, ich Weitz ja, 7,aß du trotz allem nicht davon losgelom- men bist."

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und blickte ihn liebevoll an.

Er fuhr zusammen, wollte aufbrausen, sah in ihr ernstes, klares Gesicht, warf plötzlich den Kopf in die aufgeftütjten Arme und keuchte wie im Kampfe mit einer Last:

Ja, Mädel, hast ja recht! All die Jahre betrüg ich mich und dich und alle. Mach' den Äaturarzt, spiel' den Kräuteronkel, den Wasser- und Sonnendoktor und fluch' auf das Messer, das mich einmal im Sttch gelassen hat! Und komm' doch nicht los davon, bin ein Chirurg ohne Hände, einer, dem zum Willen die Kraft fehlt, ein elender Kurpfuscher, verbauert, ver­sauert, und das Leben nicht wert, das ich führe!"

Die Hände vor's Gesicht geschlagen, schrie er's rauh vor sich hin und hörte auf keine Zusprache.

Ruth lieh die Hand auf seiner Schulter ruhen. Im letzten Zwielicht verschwamm die Stube. Ausgestorben lag das weitläufige Ge­bäude, in den Dachrinnen fang der Tropfenfall.

Und als Engechardt sich beruhigt hatte, nur zuweilen noch ein Atemholen seine Schultern hob, begann Ruth zu sprechen.

Papa, ich habe schon lange gewußt, daß du noch hängst an deinem allen Berus. Ich weiß auch, daß du dabei an etwas denkst, das nie mehr lebendig werden kann."

Vein, nie mehr!" schrie er wild, von zor­nigem Weh geschüttelt, in die hohlen Hände.

nerale und mit dem Cha ratter als Generalmajor verabschiedete Obersten die Generalsuniform.

3. Wer eine Militäruniform, gleichviel aus welcher Veranlassung, ohne dazu berechtigt zu sein, trägt, trägt die Uniform unbefugt und macht sich nach RStrGB. § 360 Ziff. 8 strafbar (Geld­strafe bis 150 Mk. oder Haft bis zu 6 Wochen).

4. Die mit der Berechtigung 5um Tragen der Uniform verabschiedeten Offiziere können, wenn sie bei ihrer Verabschiedung dem akttven Stande angehörten, ihr Recht jederzeit und bei allen Gelegenheiten nach freiem Ermessen aus­üben. Verboten ist es lediglich, die Uniform an­zulegen in Ausübung eines etwa neu ergriffenen Berufs und im Ausland. Im übrigen entspricht es den überlieferten Standesauffassungen der verabschiedeten Offiziere, daß die Uniform nur bei feierlichen, festlichen und kameradschaftlichen Veranstaltungen oder aus einer besonders be­gründeten Veranlassung angelegt wird, nicht aber bereits bei größeren und kleineren Gesellschaften oder Vergnügungen privater Art.

5. Offiziere, die bei ihrer Verabschiedung dem Beurlaubtenstande angehörten und das Recht zum Tragen der Uniform erhalten haben, dürfen dieses Recht nur in denselben »Fällen ausüben, in denen sie als Reserve- oder Landwehroffizier berechtigt oder verpflichtet waren, in Uniform zu erscheinen. Diese Fälle sind in die Bette-dungs- Ordnungen der einzelnen Kontingente festgelegt. Danach muhte die Uniform angelegt werden bei Einberufungen, bei jeder dienstlichen Ver­anlassung, bei Festlichkeiten in Anwesenheit Seiner Majestät, bei Offizier- und Ehrenrats­wahlen, bei Aufstellung von Krieger- usw. Ver­einen und deren Festlichkeiten, sowie bei Beerdi­gungen von Mitgliedern und bei offiz'ellen kame­radschaftlichen Vereinigungen im Offizierkor^s. Ueberdies durfte die Uniform angelegt werden bei sonstigen vaterländischen Festen und der eigenen Trauung. Ein großer Teil dieser Veran­lassungen ist heute gegenstandslos geworden.

Die Manöver her deutschen Wehrmacht.

Eine Unterredung mit Reichstvehrmrnistcr Dr. Geßler.

Die großen Manöver der Reichs­wehr sind soeben zu Ende gegangen. Während ihres Verlaufes wurden, wie gemeldet, in der Presse des In- und Auslandes mehrfach Angriffe gegen die Reichswehrleitung erhoben, wobei ins­besondere die Art und der Umfang der Manöver kritisiert wurden. Wir haben deshalb jetzt nach Beendigung der He­bungen den Reichswehrminister Dr. Gehler um eine Unterredung gebeten, wobei der Minister ausführte:

Sie machen mich auf die unfreundlichen Be­merkungen aufmerksam, die Sie in Zeitungen des In- und Auslandes über die Hebungen gefunden haben, die Reichswehr und Flotte in den letzten Wochen abgehalten haben. Mich haben diese An­griffe gegen die Reichswehrverwaltung einiger­maßen in Erstaunen gesetzt. Derartige Hebungen finden seit Jahren statt. Die Mittel dafür find im Reichswehrhaushalt der letzten Rech­nungsjahre ausgcbracht und von den gesetzgeben­den Körperschaften ohne wesentliche Bemerkungen bewilligt worden. Wenn im Ausland Kri­tik geübt wird, so kann ich das verstehen. Große strategische Manöver, wie sie besonders in Frank­reich und Polen stattgefunden haben oder inter­essante Tankschlachten, wie sie der englische Gene­ralstab dem erstaunten Publikum bieten konnte, waren bei uns ebenso wenig zu sehen, wie das Zusammenwirken zahlreicher moderner Kriegs­schiffe jeder Gattung, wie sie das Mittelmeer und der Pazifische Ozean gesehen haben. Hnfere He­bungen fanden in dem Rahmen statt, den uns die Bestimmungen des Versailler Vertrages gesteckt haben, und sollen unsere Truppe auf die Aufgabe des Grenzschutzes vorbereiten, für die sie bestimmt ist. Daher haben unsere Hebungen der Inter­alliierten Militär-Kontrollkommission auch zu keinen Bemerkungen Veranlassung gegeben.

Eine besondere Genugtuung war in diesem Jahre, daß devReichspräsident die Heber«

Du hast trotzdem keinen Grund, dein Leben schlecht zu machen."

v$r riß die Hände vom Gesicht und blickte auf. Sie konnte seine 'Züge nicht mehr erkennen.

Hab' keinen Grund, Mädel! Meinst du, ich wüßte nicht, daß mir damals das Hnglück nicht passiert wäre, wenn ich nicht nach einer durchschwärmten Vacht an den Operationstisch getreten wäre! Hälft du mich für einen Gesin­nungslumpen, der sich selbst belügt! Vein, nein, das ist der Engelhardt nicht! Aber eine Frau hat er gehabt, die war von Gold. Die hat ge­sagt: Ja komm, flick nicht, was nicht mehr zu flicken ist. Hier in Berlin geht die große Strahenbürste über dich weg und du wirst bei­seitegefegt. Komm mit mir! Wir gehen irgend­wohin in den Schwarzwald, wo ich daheim bin und wo du so gerne gewandert bist. Dort kommst du wieder zurecht. Siehst du Mädel, wer sich als Student verlobt, legt sich eine Kette um den Fuß. Aber ich. ich dank' es deiner Mutter, die mir in Freiburg ans Herz gewachsen ist. daß ich damals nicht kaputt ge­gangen bin. Dafür hat f i e sich hier opfern müssen."

Das ist nicht richtig, Papa. Die Mutter war sicher hier fröhlicher als in Berlin."

Ruth fand weiter kein Wort, um ihn auf­zurichten. Auf einmal war ihr klar geworden, daß der Vater einen unheilbaren Schaden davon­getragen hatte, weil er an seiner Lebensaufgabe gescheitert war. Zwar hatte er sich einen neuen Lebensplan gemacht und war darüber grau ge­worden. aber seine Kraft war nur verhüllte Schwäche: das, was er als Arzt tat und ver­trat. war aus Trotz und Resignation geboren. Hnd doch sein ganzer Halt. Vur noch ein Halt. Vicht mehr. Hnd Ruth Engelhardt dachte an Hanns Ingold und fein Werk.

Papa, ich möchte dir eine Mitteilung machen. Venn's ein Geständnis, wenn du willst. Ich*liebe Hans Ingold."

Ruhig und bestimmt kamen die Worte über ihre Lippen. Sie war sich noch nie so klar ge­wesen, daß sie Hanns liebte. Siebte, wie er war, bereit, für ihn zu tun, was das Leben ver­langte. Sie liebte ihn, als wäre sie kein Mäd­chen mehr, sondern eine gereifte und geprüfte

lieferung seines verewigten Amtsvorgängers aus­rechterhalten und den Hebungen in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber beigewohnt hat. Der Besuch des Reichs­präsidenten Ebert hatte den Flottenübun­gen gegolten. Reichspräsident von Hin­denburg nahm an den Hebungen der Pommersch-M'ecklenburg-Schleswig-Hol'steinifchen Division teil. Die anerkennenden Worte, die der Oberbefehlshaber der Reichswehrverwaltung und der Truppe ausgesprochen hat. werden uns alle äu hingebender Pflichterfüllung anspornen. Auf den Truppenübungsplätzen läßt sich Die Truppe für die ihr obliegende Aufgabe nicht schulen. Die Eigenart des modernen Kampfes. Die die Ein­heiten völlig auflöst, und die einzelnen Soldaten zu selbständigem Handeln zwingt, erfordert w e ch- selndes Gelände. Wollte man sich darauf beschränken, ihnen nur Aufgaben zu stellen, Die sich in den aus tausend Hebungen bekannten Dodenbcdeckungen der Hebungsplähe abspielen, so würde das nichts anderes bedeuten, als wenn man Schülern Exempel aufgäbe und ihnen gleich­zeitig die Lösungen frittierte. Erleichtert wird der Heeresverwaltung die Abhaltung Der Manöver abseits der reichseigenen Plätze durch die geringen Flurbeschädigungen. Früher erforderte Die starke Massierung der Truppen, besonders die in ge­schlossenen Verbänden attackierende Reiterei, Die Aufwendung großer Entschädigungssummen. Die Bewegung der einzelnen Soldaten bei Der auf­gelösten Gefechtsordnung hinterließ bei den schon fast völlig abgeernteten Ackerflächen kaum m e rk- bare Spuren und wird Den Fonds, aus dem die Flurbeschädigungen zu bezahlen sind, nicht sehr in Anspruch nehmen. Es war mir auch eine Herzensfreude, zu sehen, wie herzlich die Truppe von der Bevölkerung a u f ge­nommen wurde. Heberall habe ich feststellen können, daß jung und alt sich Darin überboten, ihren Soldaten Gutes anzutun. Vicht wenig trug hierzu die gute Haltung uei, die die Reichswehr- angehörigen in und außer Dienst, während Der Hebungen und im Quartier zeigten. Vicht eine einzige Ausschreitung grober Art ist vorgekom­men. Wahrlich ein gutes Zeichen für die Mannes­zucht. Mit besonderer Genugtuung habe ich Die Berichte der deutschen Presse über Die Hebungen selbst verfolgt. Mir ist nicht ein einziges ab­sprechendes Urteil vor Augen gekommen, das Der übenden Truppe gegolten hätte. Ich weiß, wie wichtig eine solche öffentliche Anerkennung für Den Geist der Reichswehr ist, und wie der innere Halt dadurch gefeftigt wird, wenn sie sich vom Ver­trauen b?r gesamten Bevölkerung getragen sieht. Die Kritik, die wir gefunden haben, als wir aus der Abgeschlossenheit der Kasernen und Lager vor das Volk traten, hat uns gezeigt, daß wir auf dem rechten Wege sind."

Der Sprachenkampf in Etfaß-Lothringen.

DieD0lkssti mme", ein in Saargemünd und Saaralben erscheinendes neues Tageblatt für baä deutsche Sprachgebiet Lothringens, das sich durch eine unabhängige und gesunde Kritik auszeichnet, und eine Heimattreue Politik treibt, beschäftigt sich mit Den augenblicklichen Sprach» Verhältnissen in Elsah-Lothringen, die in folgen­dem geschildert werden:

Wenn auch das Volk des deutschen Sprach­gebietes in Lothringen genau wie im Elsaß das rücksichtslose und verständnislose Vorgehen der Schul- und Verwaltungsbehörden in der Sprachenfrage immer als eine brutale Ver­gewaltigung angesehen hat, so gab es doch in unseren eigenen Reihen feige Verräter, die aus sentimentalem Dusel unser tausendjähriges Recht auf unsere Sprache einem falsch verstandenen Patriotismus opfern wollten. Heute kickstet sich ihre Reihe sehr stark. In der Oeffentlichkeit werden die Stimmen immer zahlreicher, die Re­gierung und Verwaltung warnen und zur Einsicht und Hmkehr mahnen. Das natürliche Recht auf die Muttersprache läßt sich nicht mit Füßen treten und in den Boden stampfen. Auch Preußen achtete nach dem Krieg von 1870 dieses Recht in Lothringen. Der Hnterricht in den Schulen des französisch sprechenden Gebietes wurde noch mehr als zehn Jahre ausschließlich

Frau. In der Einsamkeit war sie dazu gewor­den, ohne ihm mehr als den Mund gereicht zu haben.

Engelhardt löste ihre Hand von seiner Schul­ter und hielt sie fest.

Du hast mir einmal gesagt, du hassest ihn. Das war verkappte oder malträtierte Liebe. Als er kam, um uns Lebewohl zu sagen, hab' ich's gewußt. Hnd nun liebst du ihn, Mädel, heißt das, daß ihr euch liebt? Daß"

3a, Papa, wir lieben uns."

Du weiht, daß er von vorn anfangen muß. Der alte 3ngold verzeiht ihm nie, daß er Hand legen wollte an den Rhein.

3ch weih das alles."

Eine selbstsüchtige Genugtuung über tarn Engelhardt. Er behielt Ruth noch lange um sich. Einer, der von vorn anfangen muh, kommt lang­sam vorwärts.

Wo ist er jetzt?" fragte er beruhigt.

3ch weih es nicht. Er arbeitet an einer neuen Schrift über sein Werk."

Was sagst du da! Hnd sagst es so gleich­mütig! Gr hat den wahnsinnigen Plan nicht auf gegeben! Er will!"

Engelhardt war wild vorn Stuhl gefahren.

Er muh, Papa. Spürst du denn nicht, daß er muh! Glaubst du ich hätte ihn so lieben lernen, wenn ich nicht fühlte, daß er muh, daß er sich einseht und alles opfert Dafür!"

Ihre Stimme hatte einen jauchzenden Klang und tonte sehnsüchtig in der dunklen Stube.

Licht, mach' Licht, ich will dein Gesicht sehen, Ruth, ehe ich dir sage, was ich darauf zu sagen habe."

Ruhig trat Ruth zur Konsole, tastete nach den Streichhölzern und zündete die Lampe an.

Lah die Glocke und sieh mich an!

Sie stellte die Lampenglocke beifeite.

Er ergriff ihre Hände, zog sie dicht zu sich heran und sagte langsam, ihr jedes Wort bis ins Herz hinabstohend:

Du hast dir dein Hrteit gesprochen, Mädel. Er ist einer, der alles opfert für fein Werk. Alles, Ruth! Auch dich!"

. (Fortsetzung folgt.) 1 t

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