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m. 252 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen-

der Kalmükensteppe seine Wirkung.

in

Bei den Kalmüken der Steppe

Don unserem K. H.-Derichterstatter*).

Locarno.

Von Alfred Richard Meyer.

Locarno, im Juni 1925.

Wie gut ist es doch, wenn man (aus irgendeinem nebensächlichen Grunde) einen feuilletonistischen Reisebrief unvollendet liegen läßt! Eines Tages sorgt schon die Zeit in diesem Falle sogar die hohe Politik für Aktualität und schnellste Vollendung. Und da ich nun an die Sommertage zurückdenke, die ich im schönen Locarno, am leuchtenden Ufer des Lago Maggiore verbringen durfte, ist es mir, als sei es erst gestern gewesen, wo nun morgen schon die große Paktkonferenz der Völ­ker anheben wird in herbstlicherer Stimmung, hoffentlich aber auch in der gesegneten Reife, die jetzt über der Landschaft des Tessins liegt ....

Wenn bisher das benachbarte Lugano, neben­bei vorteilhafter an der St. Gotthard-Schnellzug­strecke gelegen, als Kurort mehr von sich reden machte als Locarno, das erst mit einer Nebenlinie von Bellinzona aus und durch Umsteigen zu erreichen ist, so leitet das deutsche Luggarus, wie Locarno früher als Sih eines schweizerischen Land­vogtes hieß, seit einigen Jahren den Frühlina und die Saison der Fremden durch ein Kamelienfest ein, bei dem die deutsche Tänzerin Charlotte Bara, im nahen Ascona auf San Materno wohnend, diese blühende Blume darstellte.

Der deutschen Politik ist dieser nördlichste Teil des Lago Maggiore nicht unbekannt: denn gerade vor meiner Ankunft hatte der preußische Minister­präsident Braun und der Minister a. D. Wolfgang Heine ihr idyllisches Ferienheim auf dem Monte Derita bei Ascona verlassen, der von Locarno aus der beliebteste Ausflugsort ist, und allws der deut­

sche Dichter Werner von der Schulenburg seine Ro- koko-Besitzung hat, und allwo noch aus den Tagen der hier hausenden Vegetarier und irgendwie in­disch angehauchten Naturmenschen und Philosophen ein Rest kunstgewerblicher Mädchen und malender und dichtender Jünglinge in reizenden Chalets zu­rückblieb. Da ich mich am ersten Tage meines Aufenthalts in Locarno zum Barbier gegenüber dem Grand-Hotel begab und mich nach der ver­flossenen Saison erkundigte, ward mir die Antwort: Seitdem der amerikanische Schweinekönig, der mit Sonderzug hier ankam, weg ist . . ." Nun wird das stille Locarno noch vor der neuen Saison aanz andere Sensationen und viele Sonderzüge erleoen; und das kleine Postamt mit den wenigen Schal­tern ja, da fällt mir ein Erlebnis mit Post­beamten dieser Gegend ein, das für den postalischen Geist des Tessins sprechen möge, wenn es mir auch in Ascona, dem Vordörfchen von Locarno, passierte:

Mein Zimmer hat ich dicht am Ufer des Lago gefunden, im RestaurantEnrico il Verde" wes­wegen man nicht gleich im ersten Augenblick auf denGrünen Heinrich" und seinen Dichter Gottfried Keller zu kommen braucht, der sicherlich für die Jtalienisierung nur em brummiges Grunzen gehabt hätte . . . schon weil Locarno bereits im Jahre 1513 vom Herzog Maximilian Sforza an die Eid­genossen abgetreten ward, sich aber in seiner Bauart und Bevölkerung wegen der nahen Grenze bei Brissago viel des italienischen Charakters bewahrt hot. Die Wirttn, eine nette Ungarin, setzte von sich aus, der Ruhe und Erholung ihrer wenigen Pen­sionäre wegen, die Polizeistunde auf elf Uhr abends fest. Eines Nachts jedoch es mochte gegen 2 Uhr sein klang unter mir im Gastzimmer Klavier,

(Bin Bekenntnis zur Kolomalfrage.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Der koloniale Gedanke ist heute in Deutsch­land lebendiger als je. Koloniale Devanstal- tnngen haben mehr Zulauf als vor dem Kriege, namentlich von solchen Besuchern, deren Interesse frei ist vonoffizieller" Einstellung zur Sache. Auch auf der gegnerischen Seite wird dauernd von den deutschen Kolonien geredet. Der letzte Londoner Versuchsballon war bezeichnend genug. Es wurden unverbindlich ein paar koloniale Fetzen als Prämie für unfern beschleunigten Ein­tritt in den Völkerbund angeboten. Als das aber in Deutschland auf einmütige Ablehnung traf, hieß es: Wir denken ja gar nicht daran, kolo­nialpolitische Anerbietungen zu machen!

Am unruhigsten ist man, was das Kolonial­thema Betrifft, nicht in England, sondern in Frankreich. Dort fürchtet man den deut­schen Drang nach Tätigkeit und Ausdehnung und möchte ihn auf ein für vie Franzosen ungefähr­liches Gebiet ablenken. Für die Abtretung Ostpreußens an Polen, des Saargebiets an Frank­reich und den Verzicht auf den österreichischen Anschluß wurde uns einmal in französischen Zei­tungen die Rückgabe von Kamerun und dazu noch Madagaskar angeboten! Roch vor kurzem sagte der Dizepräsident der französi­schen Kammer, D u i s s o n, Deutschland werde seinen finanziellen Verpflichtungen nur nachkom­men können, wenn es durch Rückgabe der Kolo­nien ein genügendes Absatzgebiet be­käme.

Proletarfkaja, im September 1925.

Früher hieß es Wielikoknajeskaja, b. h. etwa Grohfürstenort. Dem bei der Einfüh­rung des Sowjetregimes allgemein üblichen Brauche der Ramensänderung von Städten, Straßen ufrv., muhte auch dieser von Kosaken bewohnte Ort folgen, und er wurde zuProle- tarskaja" umgetauft, ebenso wie aus dem nordöst­lich davor gelegenen Zaryzin jetzt Stalin­grad geworden ist. Proletarfkaja liegt zu beiden Seiten der Straße von Astrachan. 3n zirka 15- stündiger Bahnfahrt erreicht man die Station. Dann fährt man mit demJsrvvschtschik" (Pferde- drofchkenkutscher) noch etwa eine halbe Stunde, wobei man gründlich die berühmte russischeRa° sputtha", d. h. Wegelosigkeit, abwechselnd in Sand, Pfützen oder Schlamm versinkend, kennen lernt, bis man in dieStanitza", wie jedes Ko- sakendors heißt, gekommen ist. Das war einst eines der bedeutendsten Gebiete der Pferde­zucht, der die Kosaken ausschließlich oblagen. Sie waren ja nicht nur selbst die besten Soldaten des Zarenheeres, sondern lieferten der Armee auch das hefte Pferdematerial. Don der Regie­rung bekamen sie große Ländereien als Vieh­weiden und haben dafür einen bestimmten Pro­zentsatz an Pferden abliefern müssen.

Indern Dorf die typisch russischen strohbe­deckten niedrigen Häuschen und kleinen Gehöfte. Hier und da ein freundliches villenartiges Ge­bäude. Ein solches Hauö gehörte früher dem Grvhpferdezüchter, Gestütsinhaber. Der Sturm der Bolschewisten-Revolution hat auch sie hin­weggefegt. Die Revolution mit ihren wechselvollen Kämpfen zwischen Roten, Weißen und Schwarzen mit diesen Farben wurden die Anarchisten be­zeichnet, die besonders auch tn dieser Gegend auf­traten hat auch der Pferdezucht ein Ende gemacht. Diese nicht wohlhabenden Gehöftsbe- siher fristen jcht ein karges Leben, und statt prächtiger, fünfer Kosakenpserde ziehen Ochsen­gespanne chr Gefährt träge dahin.

Von Proletarfkaja geht es ostwärts in eine unabsehbare Steppenwüste hinein. Die KaI- müten herrschten hier einst. Zahlreiche Hünen­gräber, die sich aus der weiten Ebene empor- yeben, deuten darauf hin, daß es ein Boden ist, über den Völker in alten Zeiten dahingezogen sind. Man bezeichnet die Kalmüken als Äach- fommen der Hunnen, und neben ihren mongo­lischen Aasseeigentümlichkeiten haben sie manche Sitten und Gebräuche bewahrt, die den Hunnen eigen waren. II. a. ist bei ihnen der Drautraub auch heute noch allgemein üblich, in der Form, daß also jeder seine künftige Frau regelrecht rauben muß. Wird er dabei ertappt, so wird er von den Angehörigen der Braut verprügelt und muh obendrein noch ein Duhegeld zahlen. Jetzt sind die Kalmüken ein im Aussterben be­griffenes Volk, das im ganzen noch ein paar Hunderttausend Stammesgenossen zählt und sich tn der Hauptsache von Viehzucht nährt. OestliH vom Manutzch, der auf alten Atlanten als Kulturgrenze" bezeichnet und jetzt noch als geo­graphische Grenze zwischen Europa und 2ffien angesehen cvird, einem linken Rebenfluß des Don, nordwestlich des Kaspischen Meeres ist ihr Reich", dieAftonome Kalmützkaja Oblas" (Au­tonomer Kalmüken-Bezirk), jetzt als ein klei­ner Sowjet-Staat im großen Reiche der 11. S. S. R. (Union der Sozialistischen Sowjet- Republcken)'mit Daschanta als Hauptort, wo der frühere Häuptling auch unter dem neuen Regime seinen Platz behauptet hat. Die Kal­müken haben also am Althergebrachten festge­halten.. Während der Revolution waren sie viel­fach auf der Seite der Weißen und haben in diesen Zeiten stark gelitten.

Ungefähr eine Stunde mag das Pferdege- spann von Proletarfkaja durch die Stepve ge­trabt haben. Das monotone Bild der mit dürren, in sommerlicher Reif egelblich schimmernden wil­den Gräsern bedeckten Fläche, auf der fein Baum und kein Strauch Kt sinden ist, wird ab und zu von kleinen Seen unterbrochen. Es sind Salz­seen, wie im übrigen alles in diesen Gebieten voriommende Wasser und die Erde selbst salz- halttg sind. Ehemaliger Meeresboden, dessen Wasser tn vorhistorischen Zeiten nach dem Kaspischen Meere zurückgeflossen sind. An ein­zelnen Stellen ragen in der Steppe ummauerte Rundungen empor. Es sind Brunnen, die aus großer Tiefe der Erde Sühwasser spenden, das die Menschen oft aus Entfernungen von vielen Kilometern sich heranholen. Dann beginnt mit einem Male die Steppe ihr Kleid zu wech-

) SieheGieß. Anz." Rr. 229 vorn 30. Sept., Dr. 220 vom 19. Sept., Rr. 214 von 12. Sept, und Rr. 208 vom 5. Sept.

fein. Weite Flächen sind beackert, Kulturen mit Sonnenblumen folgen, Rhizinuspflanzungen, aus denen wertvolles Maschinenöl gewonnen wird, Maisfelder und Getreideboden, auf dem in ge­waltigen Schobern die Ernte zusaminengetragen ist und mit Hilfe von Dampfmaschinen gedroschen wird. Und bald erblickt man am Horizont helle Umrisse, die sich allmählich als ein großer Guts- h o f darstellen. Hier ist die Zentrale der Län­dereien, die Krupp zur Bewirtschaftung von der Sowjet-Regierung übernommen hat. Rund 30 000 Disjatinen (Hektar), ein Gebiet, so groß wie etwa das ehemalige Fürstentum Lippe-Detmold. Landstriche, die vor zwei Jahren in 'Bearbeitung genommen, vorher niemals von eines Menschen Pflug durchfurcht worden sind und nur als Vieh­weiden dienten. Sie haben sich als fruchtbare Boden herausgestellt, die besonders in diesem Jahre gute Erträge geliefert haben. Zurzeit der großen Hungersnot im Jahre 1921/22 war es, als der Plan der Urbarmachung auch dieser Ge­biete in Erwägung gezogen wurde. Auf dem Wege durch die lanowirtschaftliche Konzession, die "nun auch Krupp erworben hat, wird Ruß­land hinsichtlich der Ernährung dauernde Hilfe geleistet, indem durch den Versuch einer Muster­wirtschaft durch die Konzession die Landwirtschaft gehoben werden soll. Kruppsche latchwirtschaft­liche Maschinen, Lastautos und Personenwagen sind herangeschafft worden, um alle in Angriff genommenen Pläne durchzuführen. Mehrere hun­dert Arbeiter, Kosaken, Kalmüken, deutsche Ko­lonisten, Kleinrussen u. <l, manche für mein Gverz-Objektiv willkommene Typen, finden dabei Brot und Lohn. Man baut Werkstätten und Häuser, um den Arbeitern Beschäfttgung und Unterkunft zu gewähren. Auch eine Feldbahn soll demnächst gebaut werden, um die Ernte- erträgniffe zur Bahnstation transportieren zu können. Für die Arbeiter sind auch Möglich­ketten zur Erholung in den Freistunden geschaffen. Große Spielplätze mit Turngerät geben Gelegen­heit zu Sport, der auch eifrig geübt wird. Ein Arbeiter-Klubhaus dient den Arbeitern zu geselligen Zusammenkünften. Den größten Raum dieses Arbeiterllubs bildet ein Theatersaal. in dem Vorführungen und Unterhaltungsabende veranstaltet werden. Die Arbeiter haben diesen Raum in besonderer Art ausgestattet. In leuch­tendem Rot prangt die Decke eines am Ein­gänge angebrachten Tisches, lieber der Bühne ist zwischen Girlanden aus Grün und roten Schleifen das Bild Lenins angebracht mit der Inschrift in russischer Sprache:Wir folgen den Ratschlägen unseres Lenin". Und zur Seite steht eine große rote Fahne. Auch über die Kal- mükensteppe hin hat also Moskau seinen Arm gestreckt. Aber trotz allem, das Wunder, das aus einem unentwirrbar scheinenden Chaos mit ungeheuerer Energie ein festgefügtes Ganzes, oft brutal und rücksichtslos, schaffen konnte, tut auch

Wir brauchen nicht mehr daran zu erinnern, daß in dem fünften von WilsonS vierzehn Puntten einefreie, weitherzige und unbedingt unpar­teiische Schlichtung aller kolonialen Ansprüche" zugesagt war. Als wir dann die Friedensbedingungen von Versailles in der Hand hielten und an diese Zusage erinnerten, bekamen wir die heuchlerische Antwort, Deutschlands Versagen auf dem Gebiete der kolonialen Zivilisation" sei so deutlich zutage getreten, daß es unmöglich sei,13 bis 14 Millionen Einge­borene von neuem einem Schicksal zu überlassen, von dem sie durch den Krieg befreit worden sind."

Das war gelogen, und niemand wußte besser als die Lügner selber, wie sehr sie logen. Eine Farce aber blieb dabei übrig, die Regierungen und Rationen, die hn Kriege gegen Deutschland alsAlliierte und Assoziierte" zu­sammenstanden, England voran, haben sich doch früher nicht die Mühe gegeben, das Einstecken von Kolvnialbeute erst noch moralisch zu be­gründen. Was man erbeutet hatte, nahm man, und damit gut. Sie hätten sich auch diesmal nicht geniert aber Wilson, von dem man nicht weih, ob er besser ein heuchlerischer Schulmeister oder ein schulmeisterlicher Heuchler genannt wird, hatte ihnen einenmoralischen" Klotz ans Dein gebunden.

Im Juni 1919, gleichzeitig mit dem Ver­sailler Diktat, veröffentlichten dieStimmen der Vernunft" in Bern ein Dokument zur Vor­geschichte des Friedens, das so gut wie nirgends beachtet worden ist, obwohl es für die Kolonialfrage Höch st wichtig ist. Es handelt sich um einen dringenden Funkspruch, den Wilsons damaliger Berater, Oberst House, im Oktober 1918 von Lyon nach Washington schickte. Darin war von der Freiheit der Meere, von Wirtschaftsfrieden, Abrüstung. Völlerbund und verschiedenem andern die Rede, und auch von den Kolonien. Dieunparteiische Schlich­tung" der Frage wegen der deutschen Ko­lonien kommt gleichfalls darin vor, und zwar sollten dabeiGrundsätze von zweifacher Art" angewendet werden: Erstensdie berechtigten Ansprüche der Parteien" (Deutschland, England und Japan werden genannt, Frankreich und Bel­gien merkwürdigerweise nicht), und zweitensdie Interessen der Eingeborenen-Bevöllerung".

Hiernach werden alleAnsprüche" Englands und Japans, die gegen eine Rückgabe der Kolonien an Deutschland sprächen, formuliert: Die Gefahr, daß Deutschland die Kolonien als HnterfeebootSIjäfett verwenden und die Einge­borenen bewaffnen würde: außerdem brauche es sie als Ausgangspunkt von Jntriguen und be­drücke die Eingeborenen. Die berechtigten Ansprüche Deutschlands dagegen seien: 1.Daß es Zugang zu den Tropen mit ihren Rohstoffen braucht": 2.daß es ein Gebiet für seinen Devolkerungsüberschuß nötig hat"; 3.d a h nach den vorgeschlagenen Friedens­bedingungen die Eroberung keinen Rechtsanspruch der Gegner bedeute.

Dieser dritte Sah, der aus Wilsons mo­ralischer Friedensküche stammt, hat die Alliierten in Versailles genötigt, als den entfcheiden- b en. und zwar den allein enffcheidenden Grund, für die koloniale Beraubung Deutsch­lands sein angebliches kulturelles Ver­sagen in den Kolonien zu nennen. In dieser Schlinge haben sie sich selbst gefangen, denn es gibt eine übertoältigenbe Menge von Zeugnissen und Beweisen dafür, daß gerade Deutsch­land seine kulturelle Mission in Afrika in der Eingeborenenpolitik, im Gesundheitswesen, in der Entwicklung der Vollskulturen, im Straßenbau usw. hervorragend gut verstanden und verwirklich t hat. Dieser Beweis ist nicht nur mit vielen Zeugen aus der Vor- und Rachkriegszeit zu führen, amerikanischen, eng­lischen, italienischen und andern, sondern vor allen Dingen auch durch unsere Einge­borenen selbst. Riemand wünscht unsre Herrschaft sehnsüchtiger zurück als sie. Darum gibt es für uns keinen anderen Standpunkt als den: Heraus mit unserem kolonialen Eigentum, um das wir durch Lüge und Heuchelei gebracht worden sind! Ihr selbst habt es gestanden: Die Eroberung begrün­det kein Recht und ihr selbst habt anerkannt, daß wir ein Recht auf koloniale Rohstoffe und Siedlungsgebiet haben!

Aus vcm Amtsv?rkündigungsblaLt.

Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 78 vom 2. Oktober enthält: Wahl der Provinzialtags- und Kreistagsmitglieder. Ab­rechnung der Samenklenge Gammelsbach. Maul- und Klauenseuche in Lehnheim. Gebühren für amtstierärztliche Dienstverrichtungen. Per- sonenstanbsaufnahme am 10. Oktober 1925.

Gitarre, Mandoline und Gesang sehr laut auf, daß ich wütend über die Störung aus dem Bett sprang. Aber da mußte ich auch schon auflauschen: Solch gebändigten Rhythmus, solch herrliche Stimmen hatte ich lange nicht gehört! Das warFra Dia- volo" aber wie gesungen, mit welchem Schmiß, als handle es sich um den modernsten Bersaglieri- Marsch! Erst pfiff ich mit. Dann fang ich mit! Und schon wollte ich mich anziehen, mich herabbegeben, die tüchtigen Sänger kennenzulernen, mit ihnen das Weinglas anzustoßen, wie sie es jetzt da unten recht vernehmbar und ausführlich taten. Da ich am anderen Morgen die Wirttn nach dem ebenso spaten wie herrlichen Trio fragte, erhielt ich die Antwort: Ja, da müssen's scyon entschuldigen, wenn Sie's in der Nachtruhe gestört hat! Aber da kann man nichts machen gegen die hohe Obrigkeit! Das waren der Herr Postdirektor, der Herr Postmeister und der ^Briefträger! Die haben seit einigen Wochen ein Trio gebildet! Aber schön singen's nicht wahr?" Vielleicht ergibt diese Erkenntnis für die hohe Politik, die jetzt in Locarno tagen und näch­tigen wird, etwas von dem kameradschaftlichen Geist, der hier die Post zu beseelen scheint, und der hoffentlich ebenso fröhlich auch der gesamten inter­nationalen Berichterstattung zugute kommen wird. Ich sollte es meinen, nach meinem Erlebnis zu schließen....

Das Grand-Hotel, das über 150 Zimmer ver­fügt, ist von einem wundervollen Garten umgeben, der auch während der Saison nur für Hotelgäste reserviert ist. Friedlichste Abgeschlossenheit und Rübe war hier immer die Parole. An der Piazza Grande liegen zwischen den kleinen Kaufhäusern der Ar­kaden zwei der entzückendsten Cafts, die mit Lecke­reien und Bäckereien aufzuwarten wHsen, wie sie

Samstag, 3. Moder (925

Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben. Auf­nahme der taubstummen und blinden Kinder in den staatlichen Anstalten. Beleuchtung der Hausfluren. Dienstnachrichten.

Jur Oberbürgermeisters wähl in Gießen.

Die Stadtverordneten-Versammlung hat in ihrer jüngsten Sitzung den Oberbürger­meister Keller durch einstimmige Entschei­dung der anwesenden 39 Stadtverordneten zum Oberbürgermeister unserer Stadt wiedergewählt; eine Zweidrittelmehrheit des Hauses entschied in einer anschließenden zweiten Abstimmung, daß die Wiederwahl auf Lebenszeit gilt. Obcrbürgenneifter Keller hat bereits crtlärt, daß er dem neuen, ehrenvollen Rufe des Stadt- Parlaments Folge leisten wird.

Wir haben in unserer Rr. 226 schon betont, daß diese Wahlentscheidung eine hohe Ehrung für das wiedergewählte Stadtoberhaupt ist, da sie ein außerordentliches Maß von Vertrauen der Dürgerschaftsvertretung zum Ausdruck bringt; gleichzeitig haben wir daraus hingewiesen, daß diese Entscheidung als ein besonderer Markstein in der Geschichte unserer Stadt angesehen werden muß. Die Einmütigkeit des Wahllörpers ist ein guter Grund, auf dem der wiedergewählte Ober­bürgermeister mit Freude an seinem Amt auf­bauen kann. In den überaus schwierigen fom- munalpolitischen Verhältnissen der Gegenwart und auch noch mancher Jahre der Zukunft ist die Freude am Amt, hervorgerufen durch eine starke Vertrauenskundgebung der zur Entscheidung Be­rufenen, ein besonders wertvolles Rüstzeug eines Stadtoberhauptes. Daß dem Lenker unserer städti­schen Geschicke dieser große Vorteil zur Seite steht, ist im Interesse unseres Gemeinwesens zu begrüßen; man darf aus diesem Vorteil eine Führung erwarten, deren Wege auswärts gehen und deren Ziele hochgesteckt sein müssen. Ein wei­terer Aktivposten dieser Wiederwahl ist die Tat­sache, daß die große Summe von Kenntnissen: und Erfahrungen am hiesigen Platze, die Ober­bürgermeister Keller in sechsjähriger Tätigkeit als Beigeordneter und in anschließender zwölfjähriger Amtsführung als Oberbürgermeister gesammelt hat, auch wetterhin unserem Gemeinwesen pro- dukttv arbettend und entscheidend erhalten bleibt Wie überaus wichtig gerade dieser Aktivposten ist, kann man ermessen, wenn man nur an einige der vielen hochbedeutsamen Ausgaben denkt, die in unserer Stadt übet kurz ober lang gelöst werden müssen.

Man vergegenwärttge sich zunächst die starke Dringlichkeit einer großzügigen Stadt­er Weiterung mit umfassenden Ge - ländeerschließungen für Wohnungsbau- und Jndustriesiedlungsxwecke. Auf diesem Gebiete unserer kommunalen Arbeit sind wir heute noch in einer Weise rückständig, die zu starken Be­denken Anlaß gibt. Die Kriegszahre und die katastrophale Entwicklung in den Inflationszeiten haben hier zum großen Teil außerordentlich hem­mend gewirkt, ein übriges zur Behinderung tru­gen mancherlei andere Gründe bei, die wir hier nicht im einzelnen aufzählen wollen. Als rechte Hand für diese gewaltige Aufgabe steht dem Oberbürgermeister jetzt ein neuer Beigeordneter zur Seite, dem man mit Vertrauen entgegen­kommt und von dessen Vorschlägen eine starke Wendung der unhaltbaren Verhältnisse zum Bessern erwartet wird. Ein anderes sehr wichtiges Aufgabengebiet ist die st ä d t i f ch e Finanz» wirtschaft. In dieser Hinsicht stehen, wie anderwärts allerdings auch, dem obersten Leiter unserer Stadt Probleme von so außergewöhnlicher Größe bevor, wie wohl noch kaum zu irgendeiner Zeit vorher. Auf der einen Seite muß großen und dringenden Anforderungen unbedingt entsprochen werden, auf der aoberen muß man sich mit größter Sorgfalt hüten, die steuerliche Leistungs­kraft der Bürger zu überspannen, und obendrein zeigen sich Reich und Staat zugeknöpft bis über die Halsbinde hinaus. In dieser überaus schwieg rigeit Lage stets Herr der Dinge zu fein, ist eine Aufgabe, die nur mit vollster Hingabe der Arbeitskraft und mit ganzer Einsetzung des Führerwertes bewältigt werden kann. Weiter ist jetzt in wesentlich regerer Weise den Aus­gaben der Verkehrserschließung un­terer Stadt zu entsprechen. Der Besitz der großen Volkshalle verpflichtet uns zur stärksten Werbung des Fremdenverkehrs in Gestalt von großen Tagungen, Ausstellungen u. dal. Wir hoben schon bei einer früheren Gelegenheit, im Rahmen unserer Betrachtungen überGießener Zukunftsfragen" in Rr. 102 vorn 2. Mai b. I. angeregt, zur gedeihlichen Erledigung dieser 2Ir* beit ein städtisches Verkehrsamt zu schaffen, da ein privater Verein. wie der Ver- kehrsverein, trotz des besten Willens seiner Leiter

nur der raffinierteste Confiseur in Paris oder Brüssel herzustellen weiß. So kenne ich eine Brüsieler Dame, die eine bestimmte Art von Honig-Patisserien ausgerechnet aus Locarno zu beziehen pflegt. Viel­leicht kommt auch Herr Dr. Stresemann aus diesen internationalen Geschmack. Nicht nur die Liebe, son­dern auch die Diplomatie soll ja schon des öfteren durch den Magen gegangen sein. Und wenn ich der Gäste der letzten Woche hier gedenke, so sehe ich neben Braun und Wolfgang Heine die Dichter Her­mann Hesse und Ernst Toller an verschiedenen Tischen, und an einem anderen gar denPrinzen von Theben", die Dichterin Else Lasker-Schüler neben der schönen Frau Asta Gresser oder neben der Tänzerin Charlotte Bara und ihrer Mutter Elvira. Vom Gerichtsgebäude gegenüber, wo die Ministerkonferenz stattfinden wird, bis hierher sind es nur wenige Schritte, und vom früheren Regie­rungsgebäude, wo jetzt der Sitz des Kaufmännischen Vereins ist, und wo der Deputierte Mordasini sein Denkmal hot, und allwo alles zur Bequemlichkeit der Journalisten eingerichtet wurde, auch.

Oberhalb der Stadt, auf bewaldetem Felsen, liegt die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso mit einer Drahtseilbahn bequem zu erreichen. Aber die Schönheit Locarnos genießt man erst vom See aus, wenn man nach Ascona wandert und weiter nach R o n c o, vorüber an einer kleinen Bonbon- und Likörfabrik, und weiter gar bis nach Brissago, die vor einigen Monaten für 110 000 Franken aus­geboten wurden, wo eine deutsche Baronin einmal eine Puppenfabrik, ein eigenes Maschinengewehr, einen eigenen Poststempel und zwischen Cypressen, Reben, Feigen, Oliven- und Granatbäumen einen eigenen unterirdischen Gang von einer Insel zur anderen hatte. Sv ungestört wie hier hätte die Kon-