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Deutschland erhobene Vorwurf von deutscher Seite zurück gewiesen worden. Das konnte die ReichLvegierung aber nicht davon entbin­den. die Sicherheitsverhandlungen, durch die nach Auffassung aller beteiligten Regierungen eine neue wichtige Etappe aus dem Wege zur endgültigen Befriedung Europas erreicht werden soll, ihrerseits mit der Wieder­holung jener Zurückweisung zu eröffnen. Das muhte um so mehr geschehen, als die bekannte Ertlärung des Reichskanzlers Dr. Marx vom 29. August 1924 noch nicht zur amtlichen Kenntnis der Verhandlungspartner gebracht war. Der Schritt war auch gerade jetzt deshalb geboten, weil die Alliierten den Gedairken des Sicherheitspaktes auf das engste mit dem D ö l - kerbundgedanken verbunden haben, und weil, wie schon das deutsche Memorandum vom September 1924 betont hat. der Eintritt Deutsch­lands in den Völkerbund nicht denkbar wäre, wenn er als ein stillschweigend S i ch a b f i n - den mit dem Versailler Schuldspruch gedeutet werden könnte.

Das Ziel, das die Reichsregierung bei ihrer Aktion allein im Auge hatte, ist somit durch die Tatsache der Ueberrelchung und der Ent­gegennahme des neuen deutschen Memoran­dums erreicht.

Hieran vermögen die alliierten Antworten, die sich auf die formale Regelung der Schuld­frage im Versailler Vertrag berufen, nichts zu ändern. Soweit diese Antworten über der for­malen Berufung aus den Versailler- Vertrag noch Bemerkungen enthalten, die auf eine sach­liche Stellungnahme zur Schuldfrage und auf einen erneuten Vorwurf gegen Deutschland hin- zudeuten scheinen, genügt ihnen gegenüber der Hinweis, dah es ein vergeblicher Versuch ist. an all den schon jetzt vorliegenden Ergebnissen vorübergehen zu wollen, welche die objektive wissenschaftlich: Forschung seit Ende des Krieges, insbesondere die lückenlose Akten- Publikation des deutschen Auswärtigerr Am­tes beseitigt hat. Selbstverständlich wird die deut­sch: Regierung auch weiterhin an ihrem Stand- punkt s e st h a l t e n. insbesondere kann kein Zweifel sein, dah überall da, wo bei politischen Auseinandersetzungen so grundlegende Stagen, wie der

Eintritt Deutschlands in den Dollerbund zur Erörterung gelangen, der Standpunkt zu wahren ist, dah Deutschland niemals einen politischen Akt vollziehen kann, der als Aner­kennung irgendwelcher moralischer Belastung des deutschen Volkes anzusehen wäre. Das wird bei einem etwaigen Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, aber auch dann, wenn es nicht dazu kommen sollte, den S i g n a t a r m ä ch t e n des Versalller Vertrages, denen gegenüber die jetzige, mit den bevorstehenden Verhandlungen zusammen­hängend: Erklärung nicht abgegeben worden ist. unmittelbar zum Ausdruck gebracht werden Das ilt nichts nnbcreS als ein selbstverständlicher Ausdruck der Ucberzeuzung, dah sich die Mit­glieder der Dölkerbundsgemeinschast nicht nur äußerlich, sondern auch moralisch als gleichberechtigt anerkennen müssen, wenn sie das Friedensziel des Völkerbundes Der» wirklichen wollen.

Eine englische Stimme.

London, 2. Olt. (211.) Die große Poli­tische Zeitschrift ..Rew Statesmgn erörtert heute an hervorragender Stelle noch einmal die Ver­antwortung für den Krieg und schreibt: Die deutsche Regierung hat nunmehr amtlich den Artikel 231 des Versailler Vertrages widerrufen. Ricmand kann die deutsche Regierung dafür tadeln: denn jedermann in der ganzen Welt weih, dah der Artikel von Deutschland unter .Protest und nur unter dem Druck der Gewalt unterschrieben worden ist. Er enthält kein wirkliches Eingeständnis der Allein­schuld Deutschlands am Kriege. Die Einführung dieses Artikels mit dem Friedensvertrag war ein typisches Beispiel gallischer Dummheit. CleTnenceau bestand darauf und Lord George und Wilson haben schmählich bei­gestimmt.

Die Abfahrt der deutschen Delegation.

Das diplomatische Korps aus dem Bahnhof.

Berlin. 3. Okt. (T. U.) Gestern abend um 9.20 Uhr hat die deutsche Delegation oom AnhaUer Bahnhof aus Berlin im «onderzug verlassen. Ein sehr starkes Aufgebot von Krimi­nalpolizei hatte sämtliche Zugänge zum wesllichen Bahnsteig besetzt und übte eine ungewöhnlich strenge Kontrolle aus. Kurz vor 9 Uhr wurde der Sonder­zug, der aus zwei Güterwagen als Schutzwagen, zwei Salonwagen, einem Speisewagen und drei Schlafwagen bestand, in die Halle hineingeschoben, und der Präsident der Reichsbahndirektion Berlin, Dr. S t a p f f, besichtigte zunächst den ganzen Zug, während zwei Ingenieure des zuständigen Bauamts die Lokomotive und die Kuppelungen revidierten. E>n Ingenieur der Reichsbahndirektion bestieg die Maschine um die Fahrt bis zur ersten Ablösungs- fration mitzumachen. Kurz nach 9 Uhr trafen dann gleichzeitig Reichskanzler Dr. Luther und Reichsaußenmini st er Dr. Stresemann mit ihren Familienangehörigen auf dem Anhalter Bahnhof ein und wurden dort vom Staatssekretär Dr. Meißner begrüßt, der tm Auftrage des Reichspräsidenten von Hindenburg den beiden Herern

die besten wünsche des Reichspräsidenten für ihre schwierige Aufgabe überbrachte. Wenig später erschienen zum erstenmal Vertreter ves diplomatischen Korps zur Abfahrt der Delega­tion. Mit dem Runtius Pacelti kamen die Botschafter Englands. Frankrerchs und Italiens. Runtius Pacelli als Doyen hes diplomatischrn Korps plauderte längere Zeit mit dem Reichskanzler, während d'Abernvn mit Minister Dr. Stresemann im längeren Ge­spräch verweilte. Dann kamen die übrigen Her­ren der Delegation, die Staatssekretäre Kemp- n e r, von Schubert, Ministerialdirektor Dr. Kiep, der Leiter der Presseabteilung des Auswärtigen Amts, und der Generalsekretär der Delegation, Legationsrat von Wedelham- m e r. Die zahlreichen Sekretäre, Stenotypistinnen ufw nahmen am Ende des Zuges in zwet Wa­gen zweiter Klasse Platz. Das Aktenmaterial war in einem Güterwagen untergebracht worden, dcr von zwei Kriminalbeamten bewacht wird. Pünktlich um 9.20 Uhr setzte sich der Sonderzug in Bewegung und verlieh unter den Glückwün­schen der Zurückbleibenden die Halle. Der Son-

derzua nach Locarno, der acht Minuten nach dem fahrplanmäßigen Frankfurter D-Zug den Anhal­ter Bahnhof verlassen hat, fuhr über Leip- 3 i g S r a n f f u r t a. M. »Basel.

Vriands Abreise.

Paris, 2. Oft (WTB.) Außenminister Driandhat in Begleitung des Generalsekretärs im Außenministerium, Bert Helot, heute früh im Auto Paris verlassen, um sich nach Locarno zu begeben. Briand trifft heute abend in Lau s a n n c ein. wo er die Rächt verbringt. Seine Ankunft in Locarno wird am Sonn­tag erfolgen, fast gleichzeitig mit der Chamber­lains. Wie Havas berichtet, ist es wahrschein­lich, daß Chamberlain und Briand am Sonnlagnachmittag eine Besprechung haben, um Einzelheiten für die Eröffnungssitzung der Konferenz, die für Montag vormittag angeseht ist, zu besprechen.

Locarno in Erwartung der Gäste.

Locarno, 2. Oft. CSU.) Obwohl im Lause des morgigen Tages schon die meisten Dele­gationen eintreffen, steht der Ort noch mitten in den Vorbereitungen für die Konfe­renz. Roch immer sind zahlreiche Arbeiter mit dem Aufreißen ber ©traben und init dem Legen von Kabeln beschäfttgt. Auf dem Postamt wird sieberhaft gearbeitet, um den völlig unzureichenden Fernsprechapparat zu vervoll­kommnen. Die Schweizerische 2anbe6bertoaltung tut das Menschenmöglichste, um die nötigen Vor­bereitungen schnellstens durchzuführen. Trotz all dieser Anstrengungen erscheint der am Ort vor­handene Apparat keineswegs auszurei­ch e n. um den großen Anforderungen zu ent­sprechen, die vor allem die Presse an alle Verkehrseinrichtungen stellen wird.

In dem Quartier der deuts ch e n Delegation, dem Hotel Esplanade sind bereits alle Vorbereitungen getroffen. Die deut­sche Delegation ist sehr gut untergebracht; denn es ist ein modernes Haus, das ursprünglich ein Sanatorium werden sollte, da es auf einer Höhe liegt, so kann man von ihm aus den ganzen See überblüfen. Es ist umgeben von einem hüb­schen Garten, der von Palmen- und Mimosen- bäumen beschattet ist. Das Hotel selber hat eine geschmackvolle Halle, die einem kleinen Palmen- garten gleicht. Das Haus der deutschen Ver­treter, 25 Minuten von der Stadt entfernt, wird trotz des weiten Weges schnell zu erreichen sein, da genügend Kraftwagen zur Verfügung stehen. Als Vorteil wird angesehen, daß keine andere Delegation hier wohnt, auch Herr Be­ne s ch, Ser alle Anstrengungen machte, um hier unterzukommen, mußte daraus verzichten. Er hat jetzt, wie,der polnische Außenminister, noch einig: kleinere Räume im Palacehotel be­kommen, das von den anderen Delegationen schon bis unter das 'Dach angefüllt ist. Die polnische Delegation hat für ihre Beamten noch kein Un­terkommen finden können. Der Saal, in dem die VetHandlungen stattfinden werden, liegt in dem Gerichtsgebäude, in dem noch heute die Wände neu gestrichen werden. 3m ganzen Hause sieht man Handwerker mit der Ausbesse­rung beschäftigt.

Vie interparlamentarische Union.

Eine Rede Lobes.

Washington, 2. Oft. (Wolff.) 3n der Eröffnungssitzung der Interparlamentarischen Union sprach Reichstagspräsidenl Löbe als erster Debatteredner zur politischen Weltlage. Der Da wesplan habe die Diktatur der Ge­walt und der Sanktionen durch einen Pakt Gleich­berechtigter erseht, die Währung stabilisieren hel­fen und der deutschen Wirtschaft eine neue Grundlage gegeben. Damit sei auch Deutschlands Gläubigern gedient. Dawes und seinen Mit­arbeitern gebühre Dank, den er als erster deut­scher Redner auf der Tagung diesen Männern aussprechen wollte. Lobe hob das tapfere Ein­treten des Präsidenten C o o l i d g e in der Ab­rüstungsfrage hervor. Der Erfolg sei bis­her ungenügend, toeil Europa nicht allgemein fortschrittlich- Traditionen habe.

Deutschland habe abgerüstet und erwarte jetzt die allgemeine Abrüstung, wie sie in den Vertragen vorgesehen sei.

Reben der Verringerung der Kriegsmittel sei auch der Abbau des Kriegswillens nötig. Deutschland könne schwere Lasten nur tra­gen, wenn man ihm die Entfaltung feiner wirt­schaftlichen und industriellen Kräfte gewähre und dem Austausch seiner Erzeugnisse keine Hinder- insse in. den Weg lege. Das große Problem sei die Liebertragung der deutschen Ar­beitsleistung auf andere Rationen ohne Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts. Amerika dürfe die Ver­schiebung der wirtschaftlichen Kräfte zwischen den beiden Kontinenten, wie sie seit 1914 vor sich ging, nicht übersehen. Von der Wende der 3ahr- hundcrte bis 1914 zeigen beide Kontinente einen gewaltigen Aufstieg der produktiven Kräfte in Landwirtschaft, Bergbau und Industrie, der 30 Prozent betrug. Von 1914 bis 1924 verfiel Eu­ropa in Stagnation, während Ameri­kas Produktion Zweiter gewaltig anwuchs. Zur Erläuterung seiner Ausführungsn gab ter Red­ner eine Reihe von Beispielen aus dem Wirt­schaftsleben. Er wies besonders auf den Anteil Amerikas am Verbrauch der Seidenproduk- tivn der W-elt hin, der 1914 40 Prozent, 1921 dagegen 90 Prozent betrug, was

die hohe Lebenshaltung Amerikas veranschauliche. Amerika nehme jetzt in der Technik und Organisation den ersten Platz ein. Europa habe wenig Aussicht, Amerika wieder einzu­holen. Daraus erwüchsen aber für Amerika auch Pflichten. Mögen die Söhne der größten Republik der Erde empfinden, daß es zwischen den einzelnen Staaten und ihren Bürgern nicht nur eine gewaltsame militärische, sondern auch wirtschaftliche, finanzielle und soziale Sklaverei und Unfreiheit gibt. Möge es die Pflicht zur Solidarität der Kulturnationen fühlen, die auch diese Sklaverei beseitigt.

LobeL Rede, die ins Englische übersetzt wurde, wurde von der Versammlung außerordentlich bei­fällig aufgenommen. Sie wurde den anwesenden Stenographen noch einmal französisch diktiert und in verschiedene Sprachen übertragen.

Ein Teil der deutschen Delegierten, darunter Eickhoff, Dr. Wirth, Dr. Sch-ücking, Löbe, Quidde,

Schnee, sowie Frau Mend:, Frau Zfüls und syr.iu Sa>röder folgten gestern abend einer Einladung zu einem Essen beim deutschen Bot- Ichaster, während ein anderer Teil der beut» jchen Delegierten, darunter Korell, Hillen- brand, Schneider, Freiherr v. Rheinbaben, Erke­lenz und Frau Teusch Gäste des deutschen Bot­schaftsrates Dr. Di eck hoff waren. Die Reichs­tagsabgeordneten Schücking und Frau Mende hielten auf bem Bankett Reden, in denen sie namens der deutschen Delegation dem Botschafter und den Mitgliedern der Botschaft für ihre vor­züglichen Vorbereitungen, die herzliche Aufnahme und wertvolle Unterstützung dankten. Der Bot­schafter hob in seiner Antwort hervor,' welch große Bedeutung die Reise der Delegierten nach Amerika gehabt habe, unb baß sie eine Unter­stützung bei seiner schwierigen Aufgabe bedeute.

Ajdir von den Spaniern genommen.

Madrid, 3. Oft. (WB.) Havas. Die Spanier haben Ajdir, die Hauptstabt bes Rif­gebiets, eingenommen. Ueber bie Einnahme herrscht in Mabrib allgemeine F e st st i mm u n g. Alle Fenster der Hauptstraßen sind festlich er­leuchtet. Der König erschien vor der auf dem Echlohplatz versammelten Menge und be­grüßte sie vom Balkon. Der König und die Mitglieder des Direktoriums haben an Primo be Rivera Glückwunschtelegramme geschickt, in denen die Hoffnung aüsgedrückt wird, daß mit der Einnahme Ajdirs der erste Schritt zur völligen Riederkämpfung Abb el Krims gemacht worden sei. Primo be Ri­vera hat von bem Kriegsschiff ..Alfons XIII. aus die Operationen der Truppen bei Alhuce- rnas verfolgt. Der Schlachtkreuzer unterstützte während der Kämpfe die spanischen Truppen durch sein Artilleriefeuer.

Zur Einnahme Adjirs totrb noch gemeldet, daß auch das fruchtbare Gebiet auf bem linken Ufer bes Gisflusses unb bie bie neuen Stellungen beherrschenden Anhöhen beseht worden seien. Reiches Kriegsmaterial, das vom Gegner im Stich gelassen wurde, sei in die Hände der Spanier gefallen. Die Rifleute sollen bedeu­tende Materialverluste erlitten haben.

Preußischer Landtag.

Berlin. 2. Oft. (TU.) Rack einem An­trag des Ostausschusses wird beschlossen, zur Behebung der Rotlage Oberschlesiens das Staatsministerium zu einer Reihe von Ab- hilsemaßnahmen zu ersuchen. Darauf fetzte das Haus die allgemeine Aussprache über den Han­de l s e t a t fort.

Abg. Dr. Pinferneil (D. Vp.) hebt her­vor. daß der Ruf nach Hilfe für die Wirtschaft sehr eindringlich an dos Reich und den Staat gerichtet werde. Die Wirtschaft müsse wieder lernen zu kalkulieren und müsse Mittel zur Rationalisierung finden. Gerade als liberale Partei sind wir für die Beseitigung überflüssiger Zwischenglieder. Ohne grundlegende Reform der Bank- und Kredit­politik geht die Wirtschaft zugrunde. Der Red­ner tritt für den Schuh der gesunden Kartell­politik ein. Selbstverständlich müßten die Kar» tellübergrisfe vermieden werben. Der Ruf nach Ersparnissen gelte in erster Linie den Kom­munen, von denen sich ein großer Teil nicht auf unsere Armut besinnen konnte.

Abg. Goll (Dem.) wünscht, daß Deutschland durch günstige Handelsverträge wieder Anschluß an die Weltwirtschaft erhalte. Die falschen Wege der Zoll- und Steuerpolitik müssen verlassen werden. Darauf hinzuarbeiten sei die Aufgabe der preußischen Regierung. Die Kontrolle des Handwerkes und des kleinen Kaufmannes sei weiter nichts als eine Wiedereinsührung der Zwangswirtschaft. Eine Berbilligungsaktion könne nur dann durchgeführt werden,'wenn man von dem Ermächtigungsgesetz Gebrauch mache und die Zölle herabseye.

Abg. Hana (Soz.) fordert eine Vermeh­rung der Gewerbeaufsichtsbeamten. Jetzt werden kaum 20 Prozent aller Betriebe kontrolliert. Zu gering sei auch die Zahl der Gewerbepflegerinnen. Von der angefünZügten Preissenkung habe sich noch nicht viel gezeigt.

Abg. Konradt (Dnll.) wendet sich gegen die Auswüchse der Truste und Kar­telle. Fortschritte für das Handwerk können nur erzielt werden durch eine enge Zusammen­arbeit der Handwerferorganisationen mit dem Handelsministerium. Rotwendig sei ein moder­nes Refvrmhandwerfsgesetz. Das Hand­werk verlange Beseitigung der Luxussteuer. Der Redner wendet sich gegen die Beschäftigung von Gefangenen mit HandwerkSarbeit. 3etzt würden sogar die Stiefel der Reichswehr und der Polizei in den Strafanstalten hergestellt.

Abg. Bayer-Waldenburg (D. Vpt.) erklärt, das Handwerk und das Gewerbe würden gerne an einer Preissenkung mitarbeiten, wenn ihnen nicht durch Steuern unb andere Maß­nahmen ber Weg hierzu verbaut werde. Zu Festpreisen könne man nur kommen, wenn, man auch im Tarifwesen Festigkeit unb längere Ab s chlüss e erreichen werbe. 3m Tarifwesen müßten bie freubtg begrüßten An­fänge weiter ausgebaut werben. Übersichtlich- feit unb Vereinfachung der Steuern sei not­wendig, ebenso ein Abbau der GefängniSarbriten. Dcr Warenhandel in dsn Diensträumen und wäh­rend der Dienststunden müsse aufhören. Die Deutsche Volkspartei werde für den Schutz des Handwerks immer eirrtreten.

Eine Frnanzkonferenz der Ländermin ster.

Berlin, 2. Oft. (Wolfs.) Die Reichsregierung hatte die Ministerpräsidenten unb die F i - nanz - und Innenminister der Länder ein­geladen, um mit ihnen die allgemeine Fi­nanzlage des Reichs, ber Länder und Gemeinden und die Zweckmäßigkeit der Aufnahme von A u s - landanleihen burchzufprechen. Der Reichs- nüniftcr der Finanzen wies nach, daß die auf Grund der Steucreingänge in den ersten fünf Monaten des laufenden Rechnungsjahres, d. h. in der Zeit von April bis August vielfach in der Presse verbreiteten Schätzungen für das ganze Jahr in einem unver­einbaren Widerspruch zu den tatsächlich zu erwar­tenden Eingängen stehen, unb daß die Gesamtein­gänge im ganzen Rechnungsjahr den Voran­schlag kaum erreichen werden. In den den kommenden Monaten nnfallenben Beträgen wird sich eine wesentliche Entlastung der Wirtschaft gegen­über den vergangenen Monaten bemerkbar machen.

Der Neichsbanlvräsident wies vor ollem auf die Ge- fahren hin, die aus der unnötigen Inanspruchnahme des Anleihemarktes, namentlich im Auslande, auf die Dauer für die Gestaltung ber Zahlungsbilanz drohen. Die Beratungen ergaben volles (Einvernehmen in der Rotwrndigkeit, auf stärkste Zurück­haltung der Gemeinden in der Auf­nahme von Ausländsanleihen hinzu- wirken. Es wurde völlige Liebereinstimmung dar­über erzielt, daß Reich, Länder unb Gemeinden auch weiterhin olle Möglichkeiten zu verfolgen haben, die sich hinsichtlich weiterer Senkung der Ausgaben bei allen öffentlichen Verbänden und möglichster Beschränkung der steuerlichen Be­lastung bieten.

Dor einer Tarifsenkung für Gas, Wasser und Elektrizität.

Berlin, 2. Oft. (WTB.) Wie eine Berliner Korrespondenz erfahrt, wird in der kommenden Woche im Reichswirtschaftsministerium 'eine Be­sprechung zwischen Vertretern der Länder, Kom­munen und Fachverbändr aller größeren Städte Deutschlands und ber Verbraucher ftattfinben, deren Ziel der Abbau der Tarife für Gas, Wasser und Elektrizität ist. Es toirb nicht nur über eine Minderung ber Grundgebühren, fonbern auch insbesondere über bie Senkung der Mieten für die Wasser- und Elektrizitätsmesser verhandelt. **

Aus aller Welt.

Der sarnesifche Becher zertrümmert.

Rom, 3. Oft. (WTB. Funkspruch.)Messa- gere meldet aus Reapel: Ein Aufseher des itortigen Rationalmuseunrs hat, um sich für eine ihm vom Direktor des Museums auferlegte Diszi­plinarstrafe zu rächen, den berühmten farnesi- schen Becher, der aus einem einzigen! Stück Onyx geschnitten ist, zerschla­ge n. Dieser Becher ist eines der kostbarsten Meisterwerke alter Kunst und hat wegen seines Material nicht seinesgleichen auf der ganzen Welt. Die Direktion des Museums hofft, die einzelnen Stticke des Dechers wieder z u f a m m e n f ü g c n zu können.

Wettervoraussage.

Heiter bis wollig, vielfach westliche Winde, etwas wärmer, vorwiegend trocken, Morgennebel.

Bon Skandinavien her rückt ein sehr starkes Fallgebiet nach Südosten vor. Ihm ist der bis­her über Mitteleuropa liegende hohe Druck west­lich ausgewichen. Ausläufer dieses Tiefs werden vorübergehend leichte Riederschläge, besonders über Rordbeutschland bewirken. Später erfolgt neue Aufklärung. Es sind bereits Temperaturen bis zu 20 Grad Celsius zu verzeichnen.

Gestrige Tagestemperaturen; Maximum 19,5 Grad Celsius, Minimum 7,9 Grab Celsius. Heu­tige Mvrgentemperatur: 10,3 Grab Celsius.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 3. Oktober 1925.

Kartoffelfeuer.

Sie holen jetzt auf den Feldern Kartoffeln heraus. Einer gräbt mit dem Karst vor, Kinber und Grauen lesen in feinen Spuren auf. Gelb und fleischig liegen die Erdäpfel auf dem braunen Acker. Sie werben in Körbe gesammelt, in Säcke geschüttet und heimgefahren.

Das Schönste dabei ist bas Kartoffel­feuer, das man aus dem bürten Kraut an- zünbet. Wenn bas Kraut nur cinigerm ißen trocken ist, brennt es ausgezeichnet. Da schleppt jeder Bub und jebes Mäbel eifrig heran unb wirft es auf bie Flamme, bie ben bicken, silber- grauen, gelblichen Rauch durchbrechen will, jln- gezählte Flammenzungen fressen sich an den Stau­den entlang. Es sprüht unb spritzt, bampft unb Pufft, knistert unb rauscht, glimmt und schlägt mit gewaltiger Kraft empor.

Welche Wärme das Feuer ausstrahlt. Man muß auf die Seite springen, wenn ber Winb hineinbläst unb mit ber Flamme spielt. Auf dem Gesicht liegt der heiße Rauch, man spürt bas Sprühen der Asche, unb Die Augen tun weh. Trotzdem steht man. steht, schleppt immer neues Kraut heran und fühlt ftch wohl wie feiten. Es liegt uns eben noch etwas im Blute aus der Zeit, wo unsere Ahnen um Feuer hockten und nachdenllich zusahen. wie bie Flamme wechselte und ftch immer wieder bewegte. Da erwacht ein Stück Urmenschtums in und; Lust jauchzt auf. eine Art Zerstörungstrieb möchte der Flamme opfern. So wirft man Kartoffeln ins Feuer und läßt sie braten. Sie müssen aus der Asche heraus­geholt werden, schwarz unb unförmig, wie sie nun einmal sind. Ihr Duft ist anbers, wenn man sie auf dem Tisch hat, sie riechen hier nach Feuer und schmecken nach Rauch.

Des Abends beleuchtet weithin ber Schein dieser Feuer, in deren Kreis bunfle Gestalten schattenhaft sich bewegen. Sie gehören zum Herbst wie die frohen Feste des Weins, die in den Bergen an Rhein. Main und Reckar jetzt frohe Menschen und frohe Lieder schaffen. M.

Saisonschluh

im Gießener Flugbetrieb.

Das Reichsverkehrsministerium hat angeord­net, dah mit dem 30. September der flugptan- mähige Luftverkehr sein Ende erreicht. Damit schloß auch die regelmäßige Luftver- bindung Gießen Frankfurt unbzurück.

Unser Flughafen hat am 3. 3uli d. I. feine Tätigkeit begonnen, an 33 Tagen wurde flug- planmäßig mit Frankfurt verkehrt. In dieser Zeit benutzten 106 Fluggäste das neue Verkehrsmittel auf dem Fluge nach Frankfurt und 81 Fluggäste auf dem Rückflug. Die durchschnittliche Flugzeit betrug 25 bis 30 Minuten. Außerdem fanden 9 Sonderslüge mit 32 Personen und 31 Rund­flüge mit 147' Personen statt. Das Flugzeug ..Gießen beteiligte sich am 30. August am Flugtag in Limburg und am 13. September am Fkugtag in Fulda. Auch in Darm­stadt hatte das Flugzeug Gelegenheit, auf An­ruf von Kongreßteilnehmern Rundflüge auszu- führen, wobei 20 Personen befördert wurden. Ramentlich bet der erstgenannten Veranstaltung war die Beteiligung des Publikums besonders stark. Bei 13 Rundflügen wurden in Limburg 52 Personen aufgenommen, unb es lagen außer- bem so viel weitere Anmeldungen vor. daß die dvppekte Zahl hätte erreicht werben können, wenn die Dunkelheit dem Fliegen nicht ein Ziel ge­boten hätte. Auch von den zahlreichen Anmel­dungen in Fulda konnten wegen der Ungunst der