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-ivg. beider (Dem.) erfüllet einen Ausschuß- I bericht über einen kommunistischen Antrag, wonach mrpertiche Strafen und Arreststrafen für Schüler verboten sein sollen. Der Ausschuß spricht sich da­gegen aus; indessen wird ein Antrag der Kommu­nisten, der sich aus Schulbäder bezieht, der Regie­rung c«3 Material überwiesen.

Um 11 Uhr tritt eine Pause ein. Nach Wie­deraufnahme derVerhandlungen fragt Abg. Böhm (Dschn.) wegen der Aufhebung des alten Worm­ser Friedhofes an. Ministerialdirektor Spamer erwidert darauf, daß er in eine öffentliche Anlage umgewandelt werden soll; das Kreisamt habe Ein­spruch dagegen erhoben. Die Verhandlungen über diese Angelegenheit wären noch nicht abgeschlossen. Abg. G a l m (Komm.) verliest eine Kleine Anfrage des Abg. Dr. Greiner über die Wohnungs- not der Krankenpfleger in Gießen. Mi­nisterialdirektor S p a m e r bemerkt hierzu, daß die Wohnungsnot unleugbar vorhanden sei, Mittel da­gegen seien indessen nicht in den Etat eingestellt, weil noch'ältere Ansprüche vorliegen, wofür bis jetzt Gelder noch nicht flüssig gemacht werden konn­ten. Wenn das jedoch möglich fei, so werde sofort gebaut werden.

Abg. Dr. Leuchtgens (Bbd.) wendet sich bei Besprechung des Kap. 53 dagegen, daß man die Schule nicht in Ruhe lasse, daß die Klassen bald Kinos, bald andere Veranstaltungen besuchen müß­ten. Das Schlagwort von der Arbeitsschule und die Ueberlaftung des Lehrplans mit allerlei Fächern hätte viel geschadet. Hauptfächer müßten Religion, Deutsch und Rechnen fein. Der Unterricht im Deut­schen werde sträflich vernachlässigt. Die pädago­gischen Kurse zur Lehrerausbildung wären unzu- | länglich gewesen, die Seminarbildung habe dagegen , große Vorzüge gehabt. In der Reichsverfassung stehe nichts von akademischer Vorbildung der Volks- ' schullehrer; die Einführung der Neuerung wäre 1 nicht so eilig gewesen, aber unter Strecker sei man Schlagworten nachgelaufen. Was man jetzt mache, befriedige die Führer der radikalen Bewegung doch nicht, weil nicht die volle akademische Bildung ge­währt werde. Die jetzt eingerichtete pädagogische Akademie sei nichts anderes als eine höhere Schule mit anderer Firma, die der Technischen Hochschule angegliedert sei. Die Seminarbildung sei besser ge­wesen, wie ihr Ruf; die Seminare hätten nur aus­gebaut werden sollen. Don einem Dolksschullehrer müsse man unbedingt verlangen, daß er die Volks­schule durchlaufen habe, die künftigen Lehrer kamen nur noch von den höheren Schulen. Die Verteue­rung der Lehrerausbildung werde es verhindern, daß sich, wie bisher, Kinder von Bauern und Ar­beitern, die oftmals die besten Schüler feien, dem Lehrerberuf widmen. Die musikalifche Ausbildung der Lehrer werde Not leiden; die neuen Lehrer würden ohne sie sein und die allgemeine Volksbil­dung werde schwer geschädigt. Der Redner ver­langt zum Schluß Einschränkung des Beamtenappa­rates im Landesbildungsamt, gemäß seinem An­träge.

Äbg. Dr. Greiner (Komm.) meint, das Schul­wesen gebe einer Reaktion entgegen. Eine Schei­dung zwischen Volks- und höheren Schulen durfte es nicht geben; wie die Klassenfchule müsse auch der Klassenstaat beseitigt werden, der zum Untergang reif sei. Die akademische Lehrerbildung sei durchaus verfehlt. Für die Jugenderziehung sei die Produk- tionsschule zu fordern; die Kinder müßten in den Produktionsprozeß eingeführt werden, wie in Ruß­land. Der Religionsunterricht fei abzulehnen. Wenn in der Schule schon die Grundlage zu einem guten Geschmack gelegt worden wäre, so könnten Schund­filme nicht mehr bestehen. In seinen Schlußsätzen tritt der Redner für die in dem kommunistischen Antrag niedergelegten Forderungen ein.

Um li Uhr werden die Beratungen abge­brochen; nächste Sitzung Freitag 9 Uhr,

Deutscher Reichstag.

Berlin, 2. Juli. Das Haus tritt nach Gr- ttedigung kleinerer Vorlagen in die weitere De- .raturrg des Haushalts des Reichs- ^fin an-Ministeriums ein.

Abg. Dietrich-Baden (Dem.) ist von dem 'Derwaltungsflatus des Reichsfinanzministeriums nicht befriedigt. Das Heer der Beamten des Finanzministeriums sei viel zu groß. Der Redner wendet sich gegen die heutige Gesehespraxis, die vielfach ad hoc gemacht werde und den Bedürsnissen der Praxis nicht genüge. Nachdem das Reich die Steuern übernommen habe, dürfe auch von den Ländern im Interesse der auch auf diesem Gebiete erforderlichen Stabilität nicht wieder darauf zurückgegriffen werden.

Reichsfinanzminister v. Schließen: Der Etat für 1925 weise gegenüber der letzten Regie­rungsvorlage eine ungünstigere Gestaltung von 754 Millionen Mark auf. Von diesem Betrag seien allein über 500 Millionen Mark für Maß­nahmen zum Schuhe der minderbemit­telten Bevölkerung bestimmt. Auch bei den Steuern sei das Finanzministerium durch sein Eintreten für die Ausdehnung des Kinderprivi­legs und die Veränderungen in der Lohnsteuer den sozialen Rotständen im Rahmen des Mög­lichen gerecht geworden. Ebenfalls sei in der Aufwertungsfrage, die den Reichstag ! ja in den nächsten Tagen beschäftigen werde, die ' Regierung besonders für die Minderbemittelten ' eingetreten. An der Spitze aller Erwägungen stehe zur Zeit aber

Fetzt und in den kommenden Jahren den Etat zu balancieren!

Der Apparat des Finanzministeriums sei zwar sehr groß, bei der Fülle der zu erledigenden Ausgaben aber noch nicht verkleinerungsfähig. Die Branntweinmonopolverwaltung sei ein rechtes Sorgenkind für die Reichsregierung. Eine durchgreifende Aenderung werde sich nicht vermeiden taffen.

Abg. Rönneburg (Dem.) beantragt, die Beratung des Etats des Finanzministeriums ab­zubrechen und erst die dritte Beratung des Gesetz­entwurfes über die Aenderung der Pachtfchutz- ordnung vom 9. Juni vvrzunehmen. Mit den Stimmen der Lircken und der Völkischen wird dieser Antrag angenommen.

Abg. Dr. David (Soz.) setzt sich für den sozialdemokratischen Entwurf ein, der den Pa ch t- schuh verlängern will und sich besonders für den kleinen Pächter und die Heuerlinge Cin^Qtog. Aornie (Korn.) weist die Auffassung zurück, daß die Kommunisten die arbeitenden Kleinbauern enteignen wollten. Rur den agra­rischen Großgrundbesitz wollten sie ent­schädigungslos enteignen.

Abg. Sogmann«Hannover (Dschn.) betont unter Bezugnahme auf die vorliegenden Pachtschutz­entwürfe der Demokraten und Sozialdemokraten, daß diese Parteien, wenn sie schon einmal den Landwirten helfen wollten, immer zu spät kämen.

Es müsse im Jnteresfe von Pächter und Verpächter der Pachtschutz abgebaut werden, damit das freie Spiel der Kräfte einfetzen könne.

Abg. Gildemeifter (D. 23p.) spricht sich ebenfalls für den Abbau der Pachtschutzgesetze aus. Er setzt sich für feine Entschließung ein, die um Er­wägungen der Reichsregierung darüber ersucht, ob das Verhältnis der Heuerlinge nicht außerhalb der Pachtschutzordnung eventuell durch Landesge­setze geregelt werden könnte.

Damit schließt die allgemeine Aussprache. Die Schlußabstimmung ergibt die Annahme der No­velle im ganzen mit sehr großer Mehrheit.

Ein Ministerium für die besetzten Gebiete?

Berlin. 2. Juli. (Wolff.) Im Hauptaus- schuß des Reichstags wurde ein Zentrumsantrag angenommen, wonach das Ministerium für die besetzten Gebiete selbständig zu machen und mit einem eigenen Minister zu besetzen ist.

Die Regierungsumbildung in Preußen.

B e r I i n , 2. Juli. (WTB.) Wie aus parla­mentarischen Kreisen verlautet, fanden heute zur Frage der Regierungsneubildung in Preußen Besprechungen zwischen Vertretern des Zentrums, der Demokraten und der Sozial­demokraten statt. Es wurde zum Ausdruck ge- bracht, daß die weitere Behandlung der Frage bis zum Herbst zu vertagen sei, wenn sich die Deutsche Volkspartei nicht dahin schlüssig mache, zu der Politik der Großen Koa­lition zurückzukehren.

Keine Erhöhung der Hauszinssteuer.

Berlin, 2. Juli. (WB.) In der heutigen Vollsitzung des Stadtrates wurde die geplante Erhöhung der Hauszins st euer beraten. Die Regierung hatte eine sechsprozentige Erhöhung der Friedensmiete zum 1. August und eine weitere sechsprozentige Erhöhung zum 1. Oktober vorgefchlagen. Die Erhöhung am 1. August sollte zu einem Drittel dem preußr- scheu Staate und zu zwei Dritteln den Ge­meinden, die am 1. Oktober in vollem Umfange dem preußischen Staate zufließen.

Im Hauptausschuß des Staatsrates war Einmütigkeit dahin erzielt worden, daß der Staatsrat der Vorlage nicht zu stimmen könne, da die Hauszinssteuer ihrer Ratur nach als eine Steuer für allgemeine Zwecke nicht geeignet sei. Finanzminister Dr. Höpker- Aschoff wandte sich gegen die Stellungnahme des Staatsrates. Rach längerer Bespre­chung beschloß der Staatsrat, den Antrag seines Hauptausschusses und denjenigen seiner Mitglie­der Dr. Jarres und ©trugt aufrecht zu er­halten.

12% Sparkassenauswerlnng.

Berlin, 2. Juli. (Wolff.) Der Aufwer- tungsausschußdes Reichstags hat sich heute mit der Aufwertung für Sparkassengut- haben beschäftigt. Rach längerer Debatte ist ein Kornprornißvorschlag angenommen worden, nach dem die Sparkassenguthaben min­destens mit 12V-Prozent aufgewertet werden sollen, und zwar diejenigen Guthaben, die bis 15. Juli 1922 eingelegt worden find.

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Sachsen gegen

den StaaLsgerLchlshof.

Dresden, 2. Juli. (WTB.) Der Sächsische Landtag hat in seiner heutigen Vollsitzung einen kommunistischen Antrag auf Aufhebung des Staatsgerichtshofes in Leipzig einstimmig ange­nommen.

Koblenz englisches Hauptquartier.

Frankfurt a. M., 2. Juli. (TU.) Der englische Generalstab hat vorgeschlagen, nach der Räumung Kölns das Hauptquar­tier in Koblenz zu errichten.

Kleine politische Nachrichten.

Der Reichspräsident hat am Mittwoch den Generalagenten für die Reparationszahlun­gen, Setzmoui Parker Gilbert, empfangen.

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In Madrid ist die Konferenz der französischen und spanischen Marokko de le­gierten in Anwesenheit des französischen Innenministers Malvy zusammengetreten.

Aus aller Welt.

Opfer der Berge.

3n Steiermark wurden seit Dienstag 13 Touristen aus Wien, Gcaz und Linz ver­mißt. Sieben von ihnen wurden teils auf dem Hochtor, teils auf der Planspitze erfroren ausgefunden. Alle sieben waren tot. Die andern sechs konnten in völlig erschöpftem Zu­stande aufgefunden werden.

Heber das Touristenunglück in den öster­reichischen Alpen hören wir aus Graz: Eine Gruppe von vier Wiener Touristen, die am letzten Sonntag trotz des schlechten Wetters eine Klettertour ins Gesäuse unternom­men haben, wurde an der Rordwand des Hoch­tors erfroren aufgefunden, llnter den Verunglückten befindet sich der Gründer des Alpenvereins ..Dvnauland", der trotz eines künst­lichen Beins die schwierigsten Gebirgspartien be­wältigte.

Die seit Beginn der Woche unterwegs be­findliche Rettungsexpedition stieß ferner beiderPlanspiheaufzweiweitereEr- frorene Wiener Alpinisten. Die Beglei­terin dieser Herren konnte noch lebend, wenn auch in ganz erschöpftem Zustande zu Tal gebracht werden. Schließlich blieb noch em siebenter Wiener Tourist auf dem Oedstein vor Erschöpfung liegen und wurde später tot an­getroffen. Seine drei Wandergenofsen hat­ten nur mit dem Aufgebot aller ihrer Kräfte das Tal erreichen können, um Hilfe zu holen.

Der älteste Deutsche: 101 Jahr alt.

Bad Kreuznach, 2. Juli. Wohl der älteste männliche deutsche Staatsbürger ist der am 24.11.1824 * in Langenschwalbach im Taunus geborene

Greis mit langem, weißem Bart, der dieser Tage mit rüstigen Slhritte durch die hiesigen Badeanlagen schritt. Geistig und körperlich ist er noch vollkommen auf der Höhe, kann ohne Brille lesen und hat nur im Lause des Jahrhunderts das Schreiben verlernt. Seine Brust zierten die Erinnerungsdenk­münzen aus 1848, 1864, 1866 und 1870/71 sowie das Eiserne Kreuz 1. Klasie. Von Berus Grubenschrei­ner, hat er noch bis 1920 in saarländischen Gruben gearbeitet. Der von der Polizeioerwaltung in Saar­brücken ausgestellte Paß bestätigte die Richtigkeit der gemachten Angaben des noch lebensfrohen Greifes.

Das Hochwasser in Galizien.

Die lleberfchwemmungen in Galizien scheinen ihren Höhepunkt überschritten zu haben. I« Westgalizien betragen nach amtlicher Angabe die von.den Heberschwemmungen angerichteten Schäden 20 Millionen Zloty. 21 800 Morgen Saat wurden vernichtet. 40 000 Menschen sind obdachlos.

Folgenschwere Explosion.

Aus Langenargen (Bodensee) wird gemeldet: Durch die Explosion einer Benzinflasche haben der Apotheker Baß, seine Frau und das Dienstmädchen schwere Brandwunden erlitten. Die Frau und das Mädchen sind inzwischen gestor­ben. Baß ist schwer verletzt ins Krankenhaus ge­bracht worden.

Der Königsberger Gemäldediebstahl.

Die Berliner Kriminalpolizei hat den Dieb- stahl von sechs Gemälden aus der Königs­berger Schloßgalerie aufgeklärt. Cs gelang ihr, sechs der gestohlenen Bilder, die sich in einem Koffer in einer Charlottenburger Pen­sion befanden, zu beschlagnahmen. Zwei Gemälde fehlen noch. Der Dieb, ein Kunsthändler W o h l- gemuth, ist anscheinend ins Ausland ent­kommen.

Der Landrat von Liebenwerda verhaftet.

Der Landrat Vogel wurde auf Veran­lassung der Staatsanwaltschaft verhaftet. Gleichzeitig sollte in Berlin der Sparkassen­direktor des Kreises Liebenwerda, Merres, ver­haftet werden. Wie es heißt, hat Merres je­doch ein ärztliches Attest über seine Haftunfähig­keit vorgelegt.

Aulo-Unfall des spanischen Thronfolgers.

Aus Madrid wird gemeldet, daß das Auto, in dem der Erbprinz saß, mit einem Omnibus zu- fammenstieß. Der Erbprinz trug leichte Ver­letzungen davon. Das königliche Auto wurde vollständig zertrümmert.

Tvaldbccmd.

In der Nähe des Stadtforstes von Jastrow an der Neustettiner Bahnstrecke entstand ein Wald- brand, der auf das Gebiet der Oberförsterei Plietnitz Übergriff. Etwa 600 Morgen Wald sind vom Feuer betroffen. Als Brandursache wird Funkenauswurf bezeichnet. Ein Kommando der Schneidemühler Schutzpolizei im Verein mit den Feuerwehren der umliegenden Dörfer gelang es, das Feuer einzudämmen.

Neuer Nordpolflug Amundfens.

A m u n d s e n plant eine neue Nordpol- expedition, für die wiederum Großflugzeuge des Dornier-Typs vorgesehen sind. Ob ein Zusam­menarbeiten Amundfens mit Nansens Zeppe­linexpedition zustande kommt, hängt von dem Ausgang der angebahnten Verhandlungen ab. Wahrscheinlich wird jedoch Amundfens Expedition schneller vor sich gehen als die für 1927 in Aus­sicht genommene Zeppelinexpedition.

Hochschulnachrichten.

Der Fall Lessing.

Die Danziger Sludenlenschasl zum Fall Lessing.

Der Danziger Hochschulring Deutscher Art hat mit einer Entschließung zu der Affäre des Prioat- dozenten Dr. Lessing von der Technischen Hoch­schule Stellung genommen, in der zum Ausdruck ge­bracht wird, 'daß der Danziger Hochschulring mit Befremden von der Entwicklung der Angelegenheit und mit Entrüstung von der Stellungnahme des Preußischen Kultusministeriums Kenntnis genommen hat.Alle Auslanddeutschen legen schärfsten Protest dagegen ein, daß ein Mann wie Dr. Lessing, der die heiligsten Ideale des deutschen Volkes verletzt hat, noch weiter als Führer der Hochfchuljugend tätig fein darf . .

Die Berliner Studentenschaft zum Fall Lessing.

Das Presseamt der Studentenschaft der Universi­tät Berlin teilt mit:

Anläßlich der merkwürdigen Stellungnahme des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung zum Falle des Professors Lessing in Hannover hat der Vorstand der hiesigen Studenten­schaft folgendes Telegramm an die Technische Hoch­schule in Hannover geschickt:

Studentenschaft der Universität Berlin verurteilt das einseitige Vorgehen des Ministers gegen den Kampfausschuß gegen Lessing" und spricht Dank und Bitte um Fortsetzung des Kampfes aus.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 3. Juli 1925.

Die Kalle Pracht".

Ich weiß nicht, ob ich mit diesem Ausdruck überall verstanden werde. Aber er ist doch wohl auch hierzulande üblich. Jedenfalls hörte ich ihn häufig nennen, und zwar in ganz bestimmten Kreisen, in denen auf diekalte Pracht" etwas gegeben wurde. Sie haben zwar ein mokantes Lächeln aufgesetzt, wenn sie heute davon sprechen, aber es gehörte früher zur Selbstverständlichkeit, einekalte Pracht" zu besitzen.

Man versteht darunter die gute Stube. Jenes Zimmer, das besonders sorglich gehütet und vor den neidischen Blicken böser Nachbarn beschützt wurde, weil gewöhnlich in ihm alle die Dinge ihre Auf­bewahrung sanden, die man schnell aus der Hand setzen und anderen nicht zeigen wollte. Es war manchmal zu komisch, wie sorgfältig gerade diese Tür geschlossen wurde, als führte sie in das dreizehnte Zimmer des Hauses und nicht in den Raum, auf den man hätte besonders stolz (ein können. Es mag unterschiedlich gewesen fein, aber unserekalte Pracht" daheim glich während der meisten Monate des Jahres einem Raritätenkabinett mit allen mög­lichen Kuriositäten, und meine Mutter wurde sehr empfindlich, wenn man diesen wunden Punkt be­rührte oder sich luftig darüber machte; das verstand unsereiner eben nicht.

Wenn dann die Zeit der üblichen Winterbesuche kam, wurde aufgeräumt, geheizt und alles für die gastliche Ausnahme für Menschen eingerichtet, wah-

renb es vorher nur eine Art Zeughaus war, wo man gelegentlich auch einmal feinen Zyllndechut oder einen Stoß Bücher vorübergehend deponieren durfte.

Wie strahlte nun diekalte Pracht", wenn die schwatzenden Menschen unter den großen elektrischen Lampen saßen, die in jeden Winkel hineinieuck. teten! Die Gäste konnten ja nicht wißen, daß wir uns selber eigenllich auch als Gäste in diesem Zim­mer fühlten und es um nichts besser kannten, als sie auch. Oder ob sie ahnten, wie es sich in Wirklichkeit verhielt, weil es bei ihnen auch so war?

Heute ist die Glanzzeit derkalten Pracht" ner* schwanden. Entweder wohnt einmöblierter Herr" darin, rücksichtslos, wie diese möblierten Herren meistens sind, oder man hat eine kleine Separat­wohnung für die verheiratete Tochter daraus ge­macht, oder man mußte selber das Zimemr begieben, weil Zwangsmieter in die Wohnung gesetzt wurden. Dabei stellte sich heraus, wie unpraktisch diese gute Stube gewesen war: nur zum Anschauen, nicht zum gebrauchen. Die Möbel zu zierlich, der Teppich zu kostbar; von den Nippes seligen Angedenkens schon gar nicht zu reden.

Und von Jahr zu Jahr stirbt diefalte Pracht" immer mehr aus. Die Menschen sind nicht einfacher geworden, aber ein wenig praktischer, sie wollen nichts mehr wissen von kostspieligen Nutzlosigkeiten. So fahr denn hm, dukalte Pracht"! H. W.

** Deigeordnetenwahl in Gießen. 2n der gestrigen nichtöffentlichen .Sitzung der Stadtverordneten-Dersammlung wurden'die un­besoldeten Beigeordneten Justizrat Dr. Rosen­berg und Kommerzienrat K l i n g s p o r, deren Amtszeit ihr Ende erreicht hatte, auf eine wei­tere Amtszeit von sechs Jahren wiedergewählt. Beide Herren stehen feit 1919 in ihren Aemtern.

L.Tl. Von derLandes-Tlniversität. Die Mainzer Verlagsanftalt und Druckerei A.-G. hat gelegentlich des 75jährigen Bestehens des Mainzer Anzeigers" der Lan desuniversttät 25 000 Mark für wissenschaftliche Zwecke über­wiesen. Der Verleger desGießener An­zeigers", Herr Richard Lange, stiftete aus An­laß des 175jährigen Bestehens seines Blatte- 10 000 Mark, deren Verwendung er Rektor und Senat anheimgestellt hat.

** Personalien. Ernannt wurden der Landgerichtsrat bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen Friedrich Schnitzspahn zum Ober- landesgerichtsrat bei dem Oberlandesgericht m Darmstadt mit Wirkung vom 1. 6. 1925; der Amts­richter bei dem Amtsgericht Homberg a. d. Ohm Karl Bachmann zum Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Ulrichstein; der Amtsrichter bei dem Amtsgericht Ulrichstein Amtsgerichtsrat Adolf Schudt zum Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Homberg a. d. Ohm; der Gerichtsassessor Karl Leon- Hard Groß in Alsfeld zum Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Ulrichstein mit Wirkung vom 15. Juni 1925.

** Die Benutzung der Jugend­herbergen. Man schreibt uns: In Allen- stein hat der diesjährige Reichs-Jugendher­bergstag stattgefunden. Für die jugendlichen Wanderer find folgende neuen Bestimmungen von Wichtigkeit: Der Bleibenausweis (50 $f.) wird künftig an alle 14- bis 20-Jährigen ver­ausgabt. Es wird indessen erwartet, daß alle verdienenden Jugendlichen ihre Ehre darein setzen, das Herbergswerk durch freiwillige Mit­gliedschaft zu unterstützen. Schüler und Stu­denten über 20 Jahre müssen fortan die Mit­gliedskarte haben. Jugendliche bis 20 Jahre unter verantwortlicher Führung brauchen in Zukunft keinen Bleibenausweis. Die Mit­gliedskarte bzw. der Bleiben ausweis des Füh­rers mutz mit Lichtbild versehen fein. Jugend­liche Einzelwanderer müssen, wie bisher, den Bleibenausweis mit Lichtbild haben. Letztere Bistimmung ist wichtig für die zahlreichen Ju­gendgruppen von Vereinen, bei denen also in Zukunft, sobald sie in Gruppen wandern, nur der Führer den entsprechenden Ausweis ha­ben muß.

Vorn: Uzen.

Lageskalender für Freitag. Stadttheater: 3/46 UhrCarmen". Verein Creditreform: 6 Uhr Vereinsbureau Hauptver­sammlung. D.H.C.: Monatsversammlung bei Hopfeld.Die Wanderer" Rad.-Ges.: Frankfurter Hof" Monatsversammlung.

Von der Gießener Waldbühne wird uns geschrieben: Es sei an dieser Stelle noch­mals auf die Wohltätigkeitsvorstellung der Gießener Waldbühne zum Besten der Kriegsblinden am Sams­tag, 4. Juli, aufmerksam gemacht. Die in dem Mär­chenluftspiel vorkommenden Tänze werden von Frl. Lotte Riegel, einer jungen Künstlerin aus der Tanzschule von Frl. Toska, Frankfurt a. M., aus« geführt Erwähnt sei ferner, daß das Lustspiel eigens für die Waldbühne geschrieben ist. (Näheres in der heutigen Anzeige.)

Wettervorauss age.

Heiter bis halb bedeckt, wechselnde Winde, warm, nur strichweise Riederschläge.

Während der Kern des Hochdruckgebietes nördlich Skandinaviens liegt, dringt von Frank­reich her ein Tiefdruckgebiet vor. Doch hat es den Anschein, als ob wir einer abermaligen Schönwetterlage zusteuern, da das Tief bald ab­gezogen sein dürfte. Aussicht auf stärkere Rieder­schläge ist zur Zeit nicht vorhanden.

Landkreis Gießen.

-l Treis a. d. 25 a., 2. Juli. Zu dem Bericht über das Gefangvereinsfest ist berichtigend zu bemerken, daß nicht ber ©efang- verein Hachborn, sondern der Gesangverein G e r- mania-Dellersheim in der 4. Klasse mit 136 Punkten einen 3. Preis errungen hat.

n Vom oberen Wettert al, 2. Juli. Die S ommerf rucht hat sich im ganzen recht gut entwickelt. Roggen und Weizen werden eine gute Ernte geben. Auch der Hafer, der etwas kurz geblieben war, hat sich noch gemacht. Die Heuernte ist noch nicht beendet, da viele Wiesen bis gegen zwei Stunden weit liegen; die Kleeernte war vorzüglich So ist dieses Jahr kein Mangel an Futter. Auch die Hackfrüchte entwickeln sich im allgemeinen gut. Dagegen hat die Obsternte schlechte Aussichten. Es gibt wohl etwas Aepfel, aber kaum Dirnen. Kirschen gab es auch recht wenig. Die Zwet- sch e n c r n t e wird auch recht mittelmäßig wer­den. Die Schädlinge, vor allem die Blatt­läuse, haben überall große Verheerungen ange­richtet.

Kreis Friedberg.

sf Friedberg, 2. Juli. Die Schülerinnen der Schillerschule und der Stauen»

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