Ausgabe 
3.7.1925
 
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Kettag, 3. Zuli 1925

175. Jahrgang

Nr. 153 Erstes Blatt

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Die -eutsch-französifchen wirtschastsverhandlungen.

Unterzeichnung eines modus vivendi am Samstag.

Paris, 3. Iuli. (111.) Die französische presse berichtet, dah sich Staatssekretär Trendelen- bürg gestern nach der Unterredung mit L h a u - met telephonisch mit der Reichsregierung in Ver­bindung gesetzt habe. Eine Antwort der deut- fchen Delegation auf die französische Rote, die heute vormittag übergeben werde, wird nicht vor Samstag erwartet. 3m übrigen wird zugegeben, bah sich die Aussichten aus eine Ver­ständigung erheblich gebessert haben. L'Avenir" weist darauf hin. dah gestern in den Kreisen der französischen Dirtschaftsdelegation un­verkennbarer Optimismus vorherrschte. Lhau- met hofft, dah in der für Samstag in Aussicht ge­nommenen Vollsitzung die Unterzeichnung des pro­visorischen modus vivendi erfolgen werde.

Ueberreichung der Note.

Paris, 2. Juli. (WTD.) Handelsminister Cha um et hat heute nachmittag den Staats- felretär Lrendelenburg empfangen, dem er die französische Antwort auf die deut­schen Vorschläge betreffend den abzuschließenden Modus vivendi überreichte.

Die Unterredung dauerte über zwei Stun­den. Die beiden Delegationsführer haben sämt­liche strittigen Punkte, die in den zwischen den beiden Delegationen ausgetauschten Roten be­rührt werden, besprochen. Die französische Dele­gation hat zugesagt, dah sie morgen mittag die französischen Forderungen for­mulieren werde, zu denen alsdann die deutsche Delegation unmittelbar Stellung nehmen werde.

Die SicherheitspaKtsrage.

Wie wir erfahren, verhandelte der Reichskanzler Dr. Luther im Anschluß an den Kabinettsrat mit den Führern der Reichstagsfraltion der Deut­schen Volkspartei. Die Reichstagsfraktion der Dolkspartei veröffentlichte nach dieser Besprechung eine Erklärung, in der sie mitteilt, daß die Fraktion von der Einbringung einer Interpella­tion zunächst absehe, nachdem der Reichskanzler erklärt habe, daß eine Aussprache über die außen­politische Lage im Reichstag no chin dieser Tagung stattfinden werden.

Die Reichstagsfraltion der Deutschen Volkspartei hat Richtlinien für den Abschluß eines Sicherheitspaktes ausgestellt, in denen es heißt, die Deutsche Dolkspartei stimme der Initia­tive der deutschen Regierung zu, eine Lösung der Sicherheitchrage nicht gegen Deutschland herbeizu­führen. Sie fordert, daß die in Gang gebrachten Er­örterungen in den Grundgedanken des deutschen Memorandums fortgeführt werden unter Ablehnung jeder Hineinziehung der militärischen Bündnispolitik Frankreichs.

Dec Eintritt Deutschlands in den Völkerbund sei vor der Räumung der Ruhr und des 5ant- tionsgebiefs sowie auch der ersten Rheinland­zone undenkbar.

Gr setzt weiter ein Festhalten an den Grundsätzen des deutschen Memorandums über den Völkerbund voraus. Wenn auch der Sicherheitspakt den V e r - sailler Vertrag nicht abändere, so könne doch Deutschland keine Verschlechterung der sich aus dem Vertrag ergebenden Lage hinnehmen.

3m Zusammenhang mit einem Sicherheitspakt ergebe sich die Notwendigkeit, das Rheinland- abfommen den veränderten Verhältnissen an- zupassen. Alle Streitigkeiten aus dem Versailler Ver­trag, insbesondere auch über die Entmilitarisierung des Rheinlandes, müßten einem Schiedsver­fahren unterstellt werden. Jede Wiederaufnahme früherer Sanktionsmaßnahmen fei abzu- le h n e n. Schiedsverträge dürfe Deutschland nur als Subjekt feiner Politik in voller Freiheit abfchließen.

Nur bei Wahrung aller dieser Grundsätze scheine der Deutschen Volkspartei der Abschluß eines Sicher­heitspaktes mit Deutschlands Interessen vereinbar.

Die Sicherheitsfrage im Reichskabinett.

Berlin, 2. 3uli. (WTB.) Das Rcichs- lablnett setzte heute nachmittag die Beratungen über die außenpolitische Lage fort. Reichsminister des Auswärtigen Dr. Stress- ann berichtete über den Stand der Bor- Arbeiten für die Beantwortung der französischen Sicherheitsnote. Cs besteht über die Grundlinien der Antwort Einverständnis. Die Vorlage des Entwurfs im Kabinettsrat ist ehestens zu erwarten.

Der deutsch - polnische Konflikt.

Berlin, 2. Juli. (DU.) Die deutschen Maßnahmen stellen ein Spiegelbild der polnischen Maßnahmen dar. Sie werden in Einfuhrverboten auf eine Reihe von Ar­tikeln bestehen, die die wesentlichen polnischen Ausfuhrwaren betreffen: vor allem Agrar- Produkte, wie Getreide und Fleisch.

Indes gehen trotz dieser Maßnahmen die Be- mühungen weiter, um eine Beilegung des Konfliktes zu ermöglichen. Die polnische De­legation hat ersucht, in der Durchführung der deutschen Gegenmaßnahmen einen kurzen Auf­schub eintreten zu lassen, um endgültige Instruk­tionen aus Warschau einzuholen.

Marokkodebatte im

Die Schuldfrage. Die

Paris, 2. Juli. (WTD.) Im Senat hat heute nachmittag der radikale SenatorDluhsen über die Marokkopolitik interpelliert. Minister­präsident Painleve hat sich zur sofortigen Beant­wortung der Interpellation bereit erklärt. Der Interpellant erklärte, der (Senat wäre glücklich, durch eine klare Abstimmung an dem Gelingen des in Marokko eingeleiteten Werkes Mitarbeiten zu können. Aach seiner Ansicht müsse man auch dem Sultan von Marokko Dank für seine Haltung aussprechen und einmütig die kom - munistischen Umtriebe tadeln, die die Aktion der französischen Soldaten behinderten. Es sei selbstverständlich, daß man einen baldigen Frieden herbeisehne, jedoch nur unter der abso­luten Bedingung, daß die französischen Rechte und die französische Würde vollkommen ge­wahrt würden. Abd el Krim besitze zwar weder Artillerie noch Flugzeuge, aber ge­nügend Geld.

Es sei unrecht, zu behaupten, Frankreich habe Abd el Krim angegriffen.

Die Ursache der heutigen Ereignisse seien darin zu suchen, daß es die Spanier nicht ver­standen hätten, die ihnen zugewiesene Zone in Marokko beseht zu hätten. Senator Bluhsen gibt Auskunft über die französischen Gesamtverluste, über die Zahl der Kampfflugzeuge, über die Blockade der marokkanischen Küste und deren Wirksamkeit. Er stettt ferner die Frage, ob Spanien bereit sei, in seiner Zone Frankreich eine gewisse Handlungsfreiheit zuzusichern und ob es zur Mitarbeit sich bereit finden werde. Abd el Krim sei ein Rebell gegen den Sultan. Man müsse deshalb von ihm fordern, daß er die Macht des Sultans anerkenne.

Senator C h e r o n von der Republikanischen Bereinigung (Partei Poincarö-Mrtterand) er­klärt, über den entscheidenden Schlag müsse eine Einigung erzielt werden, da in Marokko das Prestige Frankreichs auf dem Spiele stehe. Eine Frage bliebe ihm am Herzen. Gr wünsche Auskunft über die kommunistische Propa­ganda. Die Kommunistische Partei erkläre täglich u.rb öffentlich, sie tminshe den Erfolg .Abd el Krims. Das dürfe man nicht dulden. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, um diesen Uebel- stand zu beseitigen.

Der radikale Senator S o u l i e r erklärt, er müsse doch fragen, ob die Partei Cherons durch die Propaganda, die sie für die kommunistische Agitation mache, dieser mehr nütze als schade.

Senator C h e r o n erklärt, er müsse auf diese Propaganda Hinweisen und verlangen, daß Frank­reich und die Republik vor ihr geschützt werden. Es handle sich um em Verbrechen, gegen das man ankämpfen müsse.

Dann ergreift der fortschrittliche Senator Dourgy das Wort, um sich ebenfalls gegen die Kommunisten zu wenden. Er erklärt jedoch, daß er in der Marokkofrage der Regierung das Vertrauen schenken werde.

Ministerpräsident Painlevs ergreift hierauf das Wort. Es fei feine Aus- gabe, so erklärt er, die Ereignisse in Marokko auf ihren wahren Umfang zurückzuführen. Innerhalb

französischen Senat,

kommunistische Gefahr.

Frankreichs und außerhalb seiner Grenzen mür­ben die Ereignisse übertrieben und so dargestellt, als ob man einen Krieg führe, der vielleicht lange dauern könne. Da sei eine lächer­liche Fabel, wie es auch lächerlich sei, zu be­haupten, man habe in einer schweren Schlacht 1600 Mann verloren. Die Zahl der französischen Offiziere und Soldaten, die seit Beginn des Feldzuges in Marokko getötet oder verschwunden seien, betrage 400.

Er verwahre sich dagegen, dah seine Re­gierung für den jetzigen Krieg verantwort­lich sei, denn sie sei es nicht gewesen, die den Ouergha im vergangenen Jahre über­schritten habe.

Gewiß habe es sich damals nur um eine Vor­sichtsmaßnahme gehandelt. Aber Posten im Bor­den des Quergha zu errichten, habe Gefahren nach sich gezogen. Als er Ministerpräsident ge­worden sei, seien Einbrüche der Rifleuten erfolgt, die den Weg nach Fez bedroht hätten. Er habe damals viel eher zu einer polizeilichen Operation, als zu einem wirklichen Krieg Befehl gegeben. Die Schwierigkeiten lägen darin, dah der Feind rasch Soldaten ausheben könne. Die A u s - rüstung der Rifleute dürfe man nicht übertreiben. Abd el Krim verfüge nur über wenige Kanonen.

Aber die Rifarmee sei tapfer und wisse vor allen Dinaen bas Terrain gut auszunützen. Man werde nichts vernachlässigen, um den Angrei­fer zurückzuweisen, aber zu gleicher Zelt auch keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um einen Frank­reich würdigen Frieden zu erzielen, durch den seine Rechte, seine Ehre und sein Prestige gewahrt wür­den. Nicht ein Tropfen Blut werde unnötig ver­gossen werden. Der Friede aber, den man anstrebe, fei eine heikle Sache, denn der Su l ta n v o n Ma­ro k k o sei da vorhanden, dessen Autorität zu wah­ren sei, außerdem Spanien, in dessen Zone Abd el Krim Haufe. Man habe Verhandlungen mit Spa­nien angeknüpft, die auf gutem Wege seien. Aber wer Frieden schließen wolle, müsse bedenken, daß der Wunsch einer Partei allein hierzu nicht aus­reich:. Außerdem dürfe man nicht um Frieden winseln und nur über ihn verhandeln, wenn es möglich sei, ohne eines der Rechte Frankreichs zu schmälern.

Nach der Rede des Ministerpräsidenten verbrei­teten sich einige Senatoren nochmals über die kommunistische Propaganda, was Außen­minister Briand zu der Erklärung veranlaßte, daß, wenn man wirkungsvoll gegen die kommu­nistischen Kräfte ankämpfen wolle, man nicht zögern dürfe, zu propagandistischen Maßnahmen feine Zu­flucht zu nehmen. Es sei vielleicht ein Fehler ge­wesen, daß Frankreich und Spanien nicht früher Fühlung miteinander genommen hät­ten, denn beide Länder seien, was Marokko anbe- treffe, von dem gleichen Friedensgeist beseelt. Frankreich halte seine Ohren für Friedensvorschläge offen, roeipi sie von demjenigen ausgehen, der da­zu berufen sei, sie zu machen.

Der Senat hat schließlich der Regierung das Ver­trauen ausgesprochen und ihre Haltung in Ma­rokko gebilligt, und zwar einstimmig mit 290 Stimmen.

Die Internationale China-Konferenz.

London, 2. Juli. (Wolff.) Nach Blällermel- dungen aus Washington wird dort geäußert, wenn P e t i n g auf bie Anregungen bes neuen amerikani­schen Gesandten Max Murray befriedigend ant­worte, bann bestehe guter Grunb zu ber Annahme, baß eine internationale Konferenz, wie sie von bei Washingtoner Abrüstungskonferenz vor­gesehen würbe, balb einberufen würbe, unb daß auch anbere Mächte, bie nicht an ber Washing­toner Konferenz teilgenommen haben, barin ver­treten sein würben.

Nach weiteren Tieibungen aus Washington heißt es, baß bie Bereinigten Staaten bie Heranziehung einer befonberen, aus einem Kommissar unb Sach- verstänbigen deftehenben Kommission erwäge unb bie anberen Vertragsmächte aufforbern werde, einen gleichen Schritt zu tun. Diese Kommission würde bann in Schanghai ober Peking zusammenkommen, um sich mit ber Frage berAufhebungberEx- territorialität zu befassen. Voraussetzung zu einem solchen Schritt würde nach amerikanischer Auffassung sein, baß eine solche Aufhebung nur all» m ä t) l i g erfolge, unb baß eine verantwortliche Zentralgeroatt in China vorhanben sei, bie bie Fähigkeit besitze, ihre Autorität im Lanbe zur Gel­tung zu bringen.

Bezüglich ber Nachricht, nach ber bie Regierung ber Vereinigten Staaten wünscht, baß bie Frage ber exterritorialen Rechte in China als- balb in Erwägung gezogen werbe, wirb barauf hin­gewiesen, baß bie amerikanische Regierung bie bal­dige Einberufung einer Kommission, wie sie von ber Washingtoner Abrüstungskonferenz vorgesehen wor­ben fei, als wünschenswert betrachte, bamit Mittel unb Wege gesucht werben, um bie exterritorialen Vertragsrechte in China mit bem chinesischen Rechts­system in Übereinstimmung zu bringen. Dieser Kommission soll bie Wahrung ber Interessen der amerikanischen Staatsangehörigen anoertraut wer­ben. Es besteht Grund zu der Annahme, daß die Regierung der Vereinigten Staaten bereits Schritte unternahm, um die an bem Washingtoner Vertrag beteiligten Nationen an diese Angelegenheit zu er­innern.

Neue Wirtschastsverhandlungen mit Spanien.

Berlin, 1. Juli. (WTD.) Rach der am 21. Juni erfolgten Ratifikation des deutsch-spa­nischen Handelsvertrages ist die Reichsregierung entsprechend ihren bei der Beratung bes Ver­trages im Reichstage abgegebenen Erklärungen an die spanische Regierung herangetreten, um sofort neue Verhandlungen über Abänderung der im Reichstag beanstandeten Bestimmungen einzuleiten. Die spanische Regierung hat sich zu Verhandlungen bereit erklärt. Die deutsche Dele­gation, die aus Vertretern der beteiligten Mi­nisterien besteht, ist heute mittag unter Führung des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Grafen Lerchenfeld nach Madrid abgereift. Einige Vertreter des Weinbaus und des Weinhandels schließen sich ihr als Sachverständige an.

Die Verteidigung im Moskauer Studentenprozetz.

Moska u, 2. Juli. (Wolff.) Meldung der russischen Telegraphen-Agentur. Im Prozeß gegen die deutschen Studenten bittet der Verteidiger Duchowskoi um Enthe­bung von den Pflichten als Verteidiger, da Kindermann mit ihm im Verlaufe des Prozesses keinerlei Kontakt hinsichtlich der Frage der Füh­rung des Prozesses aufrechterhalten habe. Das Gericht gibt dem Ersuchen statt.

In dem Plaidoher des Verteidigers Dittmars tritt dieser dafür ein, die Ange­klagten nicht die ganze Härte des Gesetzes fühlen zu lassen, obwohl der Tatbestand des Para­graphen 61 einwandfrei als erfüllt zu betrachten sei. Der Verteidiger bittet zu berücksichtigen, dah die bisherige Umgebung Dittmars die Schuld trägt, daß er in die Terrorexpedition hinein- gezogen wurde. Der Verteidiger weist den Vor­wurf zurück, daß Dittmar Verrat an seinen Kameraden übte, da durch die Verhandlungen festgestellt fei, dah die Aussagen Kindermanns den Aussagen Dittmars vorausgegangen feien. Der Verteidiger zitiert das Wort Trotzkis, dah Terror gegenüber einer aufsteigenden Klaffe machtlos sei, diese daher gegenüber ihren Fein­den Rachsicht üben könne.

Hessischer Landtag.

Darmstadt, 2. Juli. (Eigener Bericht.) Präsi­dent Dr. v. H e l m o l t eröffnet bie Sitzung um 9.30 Uhr. Die Beratungen werden bei Kap. 42, ,Landes-Heil- unb Pflegean st alten ufw., ausgenommen. Die Einnahmen unb Aus­gaben bes Kapitels (3 324 842 Mk. unb 3 542 184 Mk.) werben bewilligt. Zn Kap. 43,A n ft a 11 für Schwach- unb B l o b^i nige Alicestift" bei Darmstabt spricht '21 bg. Stork (Soz.) gegen die UeberfüUung ber Klassen.

Abg. Fräulein Birnbaum (D. Vp.) erklärt: Ist es schon bebauerlid), baß bei normalen Kinbern in ber gegenwärtigen Not ber Zeit bie Klaffen­frequenz zu hoch ist, so muß um so mehr eine tnbi- oibuelle Behcmblung für geistesschwache Kinder ge­fordert werden, damit aus diesen armen Menschen­kindern noch etwas werben kann. Es ist also un- bebingt nötig, baß bie Klassen möglichst klein sind, aber auch bie Auswahl ber Lehrer muh sehr sorg­fältig erfolgen; nur bie allerbesten Lehrer dürfen Verwendung finden. Dann ist jedoch auch notwendig, daß sie wirtschaftlich sichergestellt sind. Daß sie in Gruppe 8 kommen, ist ein Verlangen, das wir all« unterstützen können. Das Kapitel (Einnahme und Ausgabe 143 520 Mk.) wirb angenommen, bazu auch ein Antrag Heinstabt, bas Kapitel künftig zu benennen: Anstatt für GeistesschwacheAlicestift" bei Darmstabt.

Das gestern zurückgestellte Kapitel 41, Heb- ammenanftalt zu Mainz" wirb sobann beraten. Abg. Frau Roth (Komm, wünscht, baß balb bas Hebammengesetz vorgelegt wirb unb verweist auf ben Antrag ber komm. Partei bazu. Ministerialbirektor Spanier erroibert barauf, baß bas Gesetz möglichst balb vorgelegt werben soll; bie Verzögerung sei burch neue Fortsetzungen über bie Berufsvertretung veranlaßt. Die Abg. Frau H a 11 e m e r (Ztr.), Frl. Birnbaum (D. Vp.) unb 3 o ft (Bbb.) bitten eben­falls um balbige Vorlegung bes Gesetzes unb brin­gen noch befonbere Wünsche vor. Das Kapitel mit 123 800 Mk. Einnahme unb 165 778 Mk. Ausgabe wirb genehmigt.

Zu Kap. 44,Volksgesunbheitspfleg e", liegt ein Antrag D r. Werner vor:Der Fi- nanzausschuß ersucht bie Regierung, balbigft barauf hinzuwirken, alle Vereinigungen unb Körperschaften, bie aus laufenben öffentlichen Mitteln Beihilfen empfanaen, Vertreter ber Regierung unb bes Land­tags in ihren Vorstand ober Aufsichtsrat aufzu­nehmen." Der Abg. Dr. Werner beantragt ferner noch, ben Zuschuß an ben Heilstättenverein für Hessen (Lupusheilstätte) auf 40 000 Mk. zu erhöhen. Der Ausschuß beantragt, bie Anträge Dr. Werner anzunehmen un bbie Ausgabe mit zusammen 103 222 Mark zu genehmigen.

Abg. Harth (Soz.) wünscht schärfere Bekämp­fung ber Tuberkulose.

Abg. Frl. Birnbaum (D.Vp.) fragt an, wie sich bie staatlichen Zuschüsse auf bie Kinberheime ver­teilen.

Ministerialbirektor S p a m e r bemerkt dazu, daß der Staat die Hälfte der Miete trägt.

Abg. Frau Roth (Komm.) beantragt, für bie Volksgesunbheitspslege soviel einzufetzen wie für bie Schutzpolizei, unb zwar 4 Millionen.

Abg. Frhr. v. H ey l (D. Vp.) erroibert ber Frau Roth, es könnten Gelder für die Schutzpolizei gespart werben, wenn bie Kommunisten ihre Agitation aufgeben. Der Rebner weist in biefer Beziehung auf bie früheren Verhältnisse in Thüringen hin. Die Wohnungsnot ist auch baburch verschärft worben, baß wir bas alte Volksheer nicht mehr haben unb bie jungen Leute jetzt früher heiraten. Eine vom Abg. Harth aufgestellte Behauptung, baß 14 bis 16 Stunben gearbeitet würde, zweifelt ber Rebner an, solche Fälle seien ihm nicht bekannt. Daß Kranke in Werkstätten arbeiten, bereite ben Arbeigebern große Sorge wegen ber Mitarbeiter. Zum Schluß seiner Ausführungen bittet ber Rebner bie Regie­rung, alles baran zu fetzen, um bie Dolksgefunbheit zu förbern.

Abg. Frl. Birnbaum (D. Vp.) weist auf bie großen Unterschiebe in ben staatlichen Zuschüssen für bie kinberheime hin. Nach längerer Geschästs- orbnungsbebatte wirb die Abstimmung über bas Kapitel zurückgesteltt. Angenommen werben bie Ka- pitel 46, ,S taatsunterstützungskasse'

(Ausgabe 91000 Mk.), 49,F o n b s f ü r ö f f e n t - 1 iche unb gemeinnützige Zwecke" (212 000 Mark Einnahme und Ausgabe), 50,Nichtstaat - liehe Bausachen" (4000 Mk. Ausgabe), 51, Hochbauwesen" (443 000 Mk.). Einige Kapitel werden zurückgestellt.

Die Beratungen werden nunmehr bei Kap. 53, Landesamt für das Bildungswefe n", fortgesetzt. Hierzu liegt ein Antrag Dr. Leucht« g e n s unb Glaser vor, 6 akabemische Stellen und 18 von mittleren und unteren Beamten in ber Zen- traloerroaltimg zu streichen.

Ministerialrat Ur stabt leitet bie Beratungen mit einer Darstellung ein, wie jetzt in Hessen bie Lehrerbilbung neugeregelt worben ist. Snsbefon- bere spricht ber Rebner über bie Forberung ber Hochschulbilbung, die er für alle Lehrer sortiert. Da Hessen bereits pädagogische Kurse einge­reicht hatte, so wäre ber Uebergang zur neuen Lehrerbilbung leicht gewesen; bie Lehrerseminare mürben aufgehoben unb bie Einrichtungen ber Tech­nischen Hochschule in Darmstabt ben Zwecken ber Lehrerbilbung bienftbar gemacht. Die Mainzer Kurse werben von Darmstadt aus geleitet. Die Aus- bilbung ber Lehrer bauert 2 3ahre, wenn auch eine dreijährige Borbilbung für ben Beruf erwünscht fei. Die neue Form ber Lehrerbilbung ist für den Staat billiger, nicht aber für bie Eltern; es ist gleichwohl nicht zu befürchten, baß ein Lehrermangel eintritt, denn bie Konkurrenz unter ben gelehrten Berufen ist so stark, baß viele gern bie Ausbilbungsmöglichkeit ergreifen, um schon nach zwei Jahren einem Be­ruf zugeführt zu werben.