Nr. 282 Drittes Blatt
Mittwoch, 2. Dezember 1925
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesten)
Wirtichast.
• Der Ertrag der Tabak st euer. Man flößt vielfach auf die Ansicht, daß das Tabaksteueraufkommen im Monat Oktober mit nur etwas mehr als 16 Millionen Mark ausfällig gering und auf die seit 1. Oktober 1925 in Kraft getretene Zigarettensteuererhöhung zurückzuführen sei. Demgegenüber wird von fachmännischer Seite erklärt, daß durch die Tabaksteuernovelle die Zahlungsfrist für Tabaksteuer mit Wirkung vom 1. Oktober 1925 ab um einen vollen Monat hinausgcschoben worden ist. so daß im Monat Oktober laufende Einnahmen aus der Tabaksteuer, abgesehen von Rachsteuer- und rückständigen Dtträgen, überhaupt nicht erwartet werden konnten. Es können daher aus dem Steueraufkommen für Oktobn: Schlüsse auf die Auswirkung der Steuererhöhung für Zigaretten oder auf die Lage der Zigaretten-Industrie nicht gezogen werden.
* Der Auhr-Montan-Trust. Die Verhandlungen zur Bildung eines die großen Eisen- und Hüttenkonzerne des Auhrgebietes umfassenden Trusts gestalten sich nicht leicht. Ueb«?r die Beteiligungszisfer wird man sich voraussichtlich dahin einigen, daß der Ahein-Elbe- Union 36, Thyssen und Phönix je 27 und Ahe inst ahl 10 Prozent zugestanden werden Doraus- sehung für das Zustandekommen des Trustes ist die Erlangung eines Auslandkredites, der gestattet. daß die gesamten Schulden der einzelnen beteiligten Werke in eine Obligationsschuld mit langfristiger Amortisierung umgewandelt toer- den. Verhandlungen mit amerikanischen Geldinstituten sind im Gange, aber noch nicht zum Abschluß gelangt. Die Amerikaner wollen Gewißheit darüber haben, daß die gewährten Kredite produktiver Arbeit dienen und nicht durch zu hohe Steuern aufgezehrt werden. Die meisten Wene sind heute noch auf Bankkredite angewiesen für die sie 14 Prozent Zinsen zahlen müssen. Dabei kann natürlich kein Unternehmen aus einen grünen Zweig kommen. Kommt der Montantrust zustande, was nur möglich ist, wenn auch die Regierung das Ihre tut, um die Steuerbelastungen auf ein erträgliches Maß herabzudrücken, dann darf man hoffen, daß durch eine rationelle Wirtschaft die Hüttenindustrie des Ruhrgebieles wieder lebensfähig wird.
'Die polnische Handelsbilanz im Oktober. Die Handelsbilanz Polens im Oktober hat mit einem erheblichen äleberschuß des Exports über den Import abgeschlossen. Der Wert des Exportes bezifferte sich auf 141 508 000 Zloty, während der Import die Hohe von 80 083 000 Zloty erreichte. Bei einer näheren Analyse ist die bedeutende Aktivität der Han- dclsbilanz der steigenden Ausfuhr von Lebens- Mitteln (38 097 000 Zloty). Roggen- und Weizen 9 4 Mill., Gerste und Hafer 8,1 Mill., Zucker 3,6 Mill, zuzuschreiben. Der Restexport verteilt sich auf Kartoffeln, Kartoffelflocken, Fleisch, Eier, Hopfen usw.
Berliner Börse.
,(@igener Drahtberichi des „Gießener Anzeigers".)
Berlin, 2. Dez. Die Vorgänge am Deoisen- markt finden nach wie vor in Börsenkreisen größte Beachtung. Der Sturz der polnischen Währung, die gegen Kabel einen Tiefstand von 12 erreichte, wurde durch Intervention einer Großbank vorübergehend zum Stillstand gebracht. Der Pariser Franken feßte ebenfalls seine A b - wärtsbemegung fort und stellte sich gegen London aus 126, nachdem vorher schon ein Kurs von 127 zu hören war (gegen gestern 119,56 bis 122,50). Da sich die französische Finanzmisere objektiv bisher noch nicht geändert hat, kann auch mit einer Stabilisierung des Kurses vorläufig kaum gerechnet werden. Das Kursniveau des Aktienmarktes lag anfangs auf der ganzen Linie prozentweise niedriger, zumal die Börse durch neue Insolvenz- Meldungen beunruhigt wurde. Die Geldmarkt- lage ist weiter leicht. Tägliches Geld 8 bis 10Prozent, Monatsgeld 10 bis 11j Proz. Privatdiskonten blieben weiter gefragt. Eine weitere Ermäßigung der Säße hat man deshalb vorgenomeinn, um die Spanne gegenüber der Reichsbank nicht weiter zu vergrößern. Im Devisenverkehr waren außer den erwähnten Schwankungen der französischen und polnischen Währung keine nennenswerten Veränderungen zu verzeichnen .Die Reichsmark notierte gegen Mittag in London 20,34, Amsterdam 59,20. "
Börsenkurse.
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Frankfurter Börse.
(Eigener Drahtbericht des „Gießener Anzeigers".) Frankfurt, 2. Dez. Tendenz: Schwächer. —
Die gestern bereits hervorgetretene Abgabeneigung kam heute bei Beginn in ziemlich scharfen Formen zum Ausdruck und führte zu empfindlichen Kurs- rückschlägen. 2(nregenbe Momente, die der rückläufigen Bewegung hätten entgegenroirten können, läge nnicht vor, so daß die Baissespekulation leichtes Spiel hatte. Die Abgaben, die den ganzen Markt belasteten, gingen z.T. auf Berliner Rechnung und dürften auf Uttimo-Glattstellungen zurückzuführen jein. Dos Materialangebot umfaßte fast den ganzen Markt, doch war das Hauptbetätigungs- feld der Spekulation, der Montan - und Chemiemarkt, am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Die Werte des ersteren büßten 2 bis 3 Proz. ein, dje des letzteren bis zu 2 Proz. Auch Elektrowerte setzten erheblich niedriger ein. 2(tn Schiffahrtsmarkt waren die Rückgänge weniger scharf ausgeprägt. Bankaktien waren z.T. gehalten. Auto-, Maschinen-, Zucker- und B a u a k t i e n waren dagegen erheblich niedriger. Am E i n h ei t s m a r k t der Industrie- papiere war das Angebot überwiegend. Deutsche Anleihen blieben vernachlässigt. Don ausländischen Re n t en waren Ungarn gut gehalten, während Türken nachgaben. Der F r e i v c r k e h r blieb umsatzlos. Beckerköhle 38,5 Proz., Benz 26,5 Proz., Brown-Boveri 53 Proz., Growag 39 Proz., Krü- aershall 71 Proz., Ufa 48 Proz., Ufra 49,75 Droz. Der weitere Verlauf war schwankend. Vorübergehend konnten sich auf Deckungen leichte Erholun
gen durchsetzen, doch trug die Abschwächung des französischen Frankens eine Verstimmung in den Markt, infolgedessen die Abschwächungen eine Fortsetzung erfuhren. Das Geschäft war, da nur geringe Aufnahmelust bestand, lustlos und zurückhaltend. Am Geldmarkt ist eine leichte Entspannung zu beobachten. Tagesgeld 10 Proz., Monatsgeld 10 bis 11 Proz., je nach Adresse. Bankdiskonten 7 Proz., Industrieakzepte 9 bis 9A Proz. Im Devisen - verkehr wurde die katastrophale Abwärtsbewegung der polnischen Währung start beachtet. Warschau ging gegen Kabel bis auf 13 zurück. Auch Paris war gegen London abgeschwächt mit 124,90. Mailand lag ebenfalls schwächer. Mark und Pfund ind unverändert.
Devisenmarkt Berlin—Frankfurt a. M. Telearophtlche Auszahlung
Banknoten.
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Frankfurter Getreidebörse.
(Eigener Drahtbericht des „Gießener Anzeigers".)
Frankfurt a. M., 2. Dez. Es wurden notiert: Weizen, Wetterauer 25,75 bis 26, Roggen, inländischer 18,25 bis 18,50, Sommergerste für Brauzmecke 23 bis 23,25, Hafer, inländischer 18,50 biß 21,25, Mais, gelb 20,50 dis 20,75, Weizenmehl, inländisches, -spezial 0 41 bis 42, Roggenmehl 27 bis 27,25, Weizenkleie 10,75 bis 11, Roggenkleie 11 bis 11,25. Tendenz: Fest.
Amtsgericht Wetzlar.
Q Wetzla r, 28. Rov. Wegen Diebstahls int Rückfalle und Betrugs hatte sich der im hiesigen Gerichtsgefängnis in Haft befindliche Automonteur Ernst B. zu verantworten. Ihm wurden mehrere Diebstähle zur Last gelegt. So soll er in drei Fällen Arbeitskollegen Geldbeträge von 100, 2.70 und 5 Mark entwendet haben. 3n einem, andern Fall hat er den Kaufmann August F. von Wetzlar, seinen früheren Arbeitgcb:r. bestohlen, indem er von einem diesem gehörigen Auto nachts eine Bosch-Lichtmaschine im Werte von 140 Ml. abmontierte, entwendete und für 50 Mk. verkaufte. Der Betrug soll In einer Gastwirtschaft in Schwalbach begangen worden sein. Dort soll sich der Angeklagie eine Flasche Wein und Wurst bestellt haben und dann heimlich, ohne zu bezahlen, verschwunden fein. Während der Angeklagte den Diebstahl der Lichtmaschine zugab, bestritt er die übrigen ihm zur Last gelegten Handlungen. Das Gericht sah mit Rücksicht au die Zeugenaussagen den Angeklagten bezüglich der Diebstähle der 100 Mk. und der Lichtmaschine sowie des Betrugs als überführt an und erkannte auf 1 Zahr 2 Monate Gefängnis, welche Strafe der Angeklagte annahm. Der Der-
treter der Staatsanwaltschaft hatte 2 Jahre 6 Monate Zuckst ha uS beantragt.
Der Arbeiter Gottfried war wegen gefährlicher Kör perversehung angeklagt, weil er den Arbeiter August G. von Wetzlar durch e'nen Messerstich derart verletzt hatte, daß der Mann sofort ins Krankenhaus aufgenommen werden mußte. Der Angeklagte behauptete, in Rotwehr gehandelt zu haben, denn der Derletzte und dessen Bruder hätten ihn, als er in Begleitung seiner Frau von Rauborn kam. unterwegs überlallen und schwer mißhandelt, so haß er schließlich 5um Messer gegriffen habe. Diese letzteren schildern jedoch den Angettagten als den Angreifer. Das Gericht gelangte zur Vertagung, da noch her behänd ll^.de Arzt als Sachverständrger gelaßen werden soll. .
Das Dienstmädchen Hedwig H. tn Haige r war unter der Beschuldigung, in Altenkirck>en ihrer Dienstherrin Kleidungsstücke usw. und her medizinischen Klinik in Gießen em Krankenhaushemd entwendet zu haben, wegen Diebstahls unter Anklage. Die A igcflagte gab die Diebstähle zu. Das Urteil lautet auf 30 Mk. Geldstrafe an Stelle von 10 Tagen Gefängnis.
Dem Kaufmann Friedrich M. von W e tz - l a r war durch gerichtlichen Strafbefehl unter der Beschuldigung, als Dertreter einer auswärtigen Firma bei einem Geschäftsmann Gelder für gelieferte Waren ohne Jnkassobefugnis cin- tasfiert und dieselben für sich verwendet zu haben, 1 Monat Gefängnis zudiktiert worden. Hiergegen erhob er Einspruch, hatte jedoch keinen Erfolg damit, denn das Gericht erkannte wegen Unterschlagung auf die gleiche Strafe.
Schöffengericht Gießen.
♦ Gießen, 30. Rov. Unter der Anklage der Kuppelei standen der Gastwirt Ludwig Karl Schr. und dessen ledige Tochter Elfe Schr. von Friedberg vor Gericht. Sie sollten der Unzucht eines ihnen nahestehenden Mädchens mit einem ihrer Logiergäste Vorschub gele.stet haben. Die Beweisaufnahme gestattete sich günstig für die Angeklagten; die Hauptbelastungszeugin ist so übel beleumdet, daß ihren Angaben kein Glauben beigemeffen wurde. Es erfolgte daher Freisprechung.
Die mehrfach vorbestraften Philipp W. aus Friedberg und Wllly W. aus D a d - R a u - heim hatten in Bad-Rauheim am 10. Oktober 1925 aus einer dem Peter Mörler daselbst gehörigen Feldscheune mehrere Zentner Hafer in mitgcbrachten Säcken entwendet bzw. zu ent wenden versucht. Sie hatten zwei andere zur Beteiligung aufgefordert, diese hatten jedoch ab- gelehnt und rechtzeitig der Polizei Anzeige gemacht. Die Täter wurden daher auf frischer Tat ertappt. Strafe: je 1 Jahr Gefängnis.
Vücherlisch.
— Zigeunerblut im Aktenschrank, Roman von Homo. (Thüringer Derlagsanstatt und Druckerei G. m. b. H., Jena.) Preis 3,80 Mk. 548
— W. Reumeyer. Abseits. (Verlag R. Eckstein in Leipzig.) — Eine Sammlung reizender Iagdgeschichten, die jedem Weidmann Freude machen werden. 541
— Manfred Kyber: Der Königs- gaukler. (Verlag Seifert in Heilbronn.) 280
— Schriften der deutschen Gesellschaft für Soziologie. Band IV. Verhandlungen des IV. Deutschen Soziologentages. (I. E. B. Mohr sPaul Siebecks in Tübingen.) 778
Rundfunk-Programm
des Frarrkfnrtrr Senders.
(Aus der .Radio-Umschau".)
Donnerstag, 3. Dezember:
3.30 bis 4 Uhr: Die Stunde der Jugend. 4.30 bis 6 Uhr: Rachmittagskonzert des Haus- orchesters: Operetten von Millöcker. 6 bis 6.30 Uhr: Die Lesestunde. 6.30 bis 7 Uhr: Stunde des Südwestdeutschen Radioklubs, Dortrag. 7 bis 7.30 Uhr: Uebertragung von Kassel, Vortrag von Oberstudiendirektor Dr. Küster über „Das Aus- landsdeutschtum. seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung". 7.30 bis 8 Uhr: Vortrag von Dr. Bentz-Hanau „Das deutsche Handwerk der Reuzeit". 8.30 Uhr: „Singen Sie mit!"
Pelzmartel.
Ein Rürnberger Spielzeugroman.
Rach dem 2:a!ienischen der Teresah erzählt von Gustav W. Eber lein.
.Copyright 1925 by A. Scherl G. m. b. H., Berlin.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die drei Störche machten sich zunächst daran, die Umgebung des Hauses, wo Abraham Schloß wohnte, auszukundschatten. Wenn der tückische Mensch, dachten sie, durch den Gang der Ereignisse in Sicherheit gewiegt, Tante Berta schon freigelassen haben sollte, wäre es den dreien leicht gefallen, sie durch offene Beschimpfung zu re'.zen und zu zwingen, sich zu stellen, um auf die Herausforderung zu antworten, denn die D.c.stigkeit der Elster ist größer als ihre Vorsichtigkeit. Daraus hätte man einfach Tante Berta umzingett und ihr mit Schnabelhieben zu verstehen gegeben, daß sie verhaftet sei und den Störchen zu folgen habe. So, und nun schnurstracks zum Bürgermeister. Da bringen wir den Missetäter! Und jetzt — wer Augen hat, der sieht, wer Ohren hat, der hört, und wer Verstand hat, überlegt: Wenn der Bürgermeister nicht gerade blind, taub und verbohrt war, mußte ihm diese diebische, von den drei weisen Störchen Rürnbergs ge angengenommene und ihm vorgeführte Elster zu denken geben. Und wenn er herausbrachte, daß Tackte Berta, wie man doch gleich sah, eine zahme Elster war und Abraham Schloß gehörte--nun, die Schluß
folgerung war für Luginsland klar wie die Sonne.
„Bravo, ausgezeichnet!" rief Schnabelspih ironisch ..Und wer macht es dem Bürgermeister begreiflich, daß Tante Berta dem Abraham Schloß gehört? Das wissen doch nur wir allein! Unö teer sollte uns verstehen?"
Wie man's auch drehte und wendete, es blieb immer die gleiche Schwierigkeit, über die man nicht hinuegkam, nämlich die Sprach- unwissenheit der Rürnberger, die für alles mög
liche Schulen hatten, aber dabei gerade die wichtigsten Sachen zu lernen versäumten.
Obwohl entmutigt, gaben die drei Störche ihren Plan noch nicht auf. Man konnte neue Rachrichten einholen, neue Beweise beibringen, auf jeden Fall mußte die Aufmerksamkeit der Bürger mit allen Mitteln wachgehalten werden.
3n der Tat sanden die Rürnberger bald Gelegenheit, die Rase in die Luft zu stecken, denn auf allen Dächern war ein ungewöhnliches Hin und Her zu bemerken. Mit Einbruch der Dämmerung erhoben sich die drei Störche in steilem Flug bis zu den Glockenstühlen der Lo° renzer Kirchtürme, umkreisten sie dreimal und ließen sich dann gleichzeitig alle drei auf einen Taubenschlag nieder, wo sie aus ganz sonderbare Weise fraieelten, als wollten sie an die unten zu'ammenlausenden Leute eine Ansprache hatten. 3a, so ausdrucksvoll war ihr Benehmen, daß alle, die in den Störchen Vögel besonderer Art sahen, darin ein Zeichen und eine Mahnung erblickten. Daß die Störche etwas von außergewöhnlicher Wichtigkeit zu verkünden hatten, darüber konnte es keinen Zweifel geben, aber wer ßatte einen Zusammenhang zwischen ihrem Erscheinen, dem geschlossenen Taubenschlag und dem Wünzendiebstahl vermuten sollen, nachdem kaum einer wußte, wo Abraham Schloß wohnte! Uebrigens blieb den Rürnbergern nicht viel Zeit, über dar eigenartige Gebaren der Störche nach- zu denken, denn es bereiteten sich noch viel unbegreiflichere und wunder.ichere Ereignisse vor, die auf lange hinaus den Gesprächsstoff bilden sollten.
Als sie den Versuch, die Rürnberger auf die richtige Spur zu bringen, als aussichtslos . erkannt hatten, zogen sich Luginsland, Schnabelspitz und die wütende PZiefenstelz in guter Ordnung zurück. Vorher geschah aber noch etwas Rührendes: Die drei Störche flogen feierlich an dem Leinen Fenster vorbei, hinter dem zwei verlassene Kinder beim spär.ichen Lampenschein warteten: Cicfel und Otto. Mutterseelenallein tearie.cn sie in der öden Wohnung, eines ans andere gekauert, stumm und matt vor Hunger,
Kälte und Angst. Sie warteten auf Gevatterin Cornelia und Gevatter Franz, die ausgegangen traten, um zu erfahren, warum der Vater nicht heimkehre. Den Gruß der Störche bemerkten die Kinder nicht.
Otto und Liese! dachten, wie glücklich sie noch am Abend vorher gewesen waren, hatten sie doch ein gutes Väterchen, eine Puppe und ein Kindertheater. Und jetzt gar nichts mehr. Den Ta.er hatte man sortgelührt, und sie wußten nicht, wohin. Das Theater war weg. Auch Kunigunde hatten sie genommen, in die Schachtel getan und neuerdings in den Laden des Meisters Leopold zurückgebracht. Warum nur das alles? Die Kinder hatten von all dem nichts begriffen und daher konnten sie nicht weinen, nur schrecklich traurig waren sie. Einmal sagte Otto: „Daran ist der böfc ©c’elle, der Pelzmärtel schuld. Der hat uns Weihnachten verdorben."
Aber Liesel fuhr ihm erschrocken über den Mund: „Still, wenn er. dich hören würde!"
Da wagte sich Otto nicht mehr über Pelzmärtel zu besagen, aber durch das Fenster konnte man ihn nun ganz leise meinen sehen.
Die drei betrübten Störche schlugen darauf den Weg zum Gefängnis ein. Hier lag in einer dunklen und falten 3eile ein Mann in Kummer und Rot. Er zitterte bei dem Gedanken an seine verlassenen Kinder, dachte voll Schrecken an seinen geschändeten Ramen, an die Tücke des Mannes, der ihn ins Verderben gebracht hatte, und mit Bitterkeit an die Vorsehung, die solches zuließ. Die drei Störche nahmen auf dem Dache Ausstellung und ließen chre rauhe, schnarrende Stimme ertönen, in der Zorn, Liebe und Schmerz zum Ausdruck kamen. Peter hörte es und nahm es als ein gutes Vorzeichen. 4
Unterdessen hatten die Rürnberger alle Hände voll zu tun, um Öen Weihnachtsbaum zu schmücken, die Geschenke herzurichten und das Festmahl vorzubereiten. Auch in lange Girlanden aus Tannenzweigen, Misteln und Stechpalmen steckte man bunte Kerzen. Ueberall flimmerte und schimmerte es von silben Rüssen,
Glaskugeln und Dethlehemsternen, überall leuchteten rotbackige Aepsel, dufteten braune Lebkuchen. 3n jeder Ecke gab es eine kleine Windmühle samt Müller und Müllerin und dem mit Säcken beladenen Esel. An allen Wänden und von der Decke herunter, aus den Girlanden und Zweigen und Mistelbüschen heraus hingen an unsichtbaren Fäden Geschenke über Geschenke.
Da waren bunte Haufen von Hampelmännern, Herden von puhigweißen Lämmern, Berge von Trompeten und Gewehren, Rudel von Gummifatzen, ganze Puppenvölker, die einander an den Händen hielten. Die Weihnachtsbäume waren überladen, die grünen Zweige der Fichten und Tannen bogen sich unter dem Gewicht des Schmuckes. Rie hatte man einen derartigen Reichtum, einen solchen Ueberfhiß an Spielzeug wie in diesem 3ahre gesehen: es war eine wahre UeberfchwTmmung, es schien, als ob alle ausgemacht hätten, diesmal ein ganz außer» gewöhnlickes Weihnachtssest zu feiern.
Der Brauch, einen Baum zu schmücken, war, wie ich euch schon erzählte, neu aufgekommen. Eine beglückende Reichest! Sogar die ernsten, in ihren Geschäften ausgehenden Väter sanden einen solchen Gefallen daran, daß sie gegen die Sitte die Kinder nicht schon um neun Ußr zu Bett schickten. Rein, sie wollten selbst dabei sein und tarnen daher überein, die Kerzen erst um neun Uhr, nach Ladenschluß, anzuzünden.
Um neun Ähr! Um neun Uhr! Endlich ist die Stunde da ...
Und die Kinder wußten fast nicht, ob sie sich mehr über das Ausbleibendürfen oder auf die Geschenke freuen sollten.
Die vielen, vielen schönen Sachen, die cs geben würde!
Auch der Kinder der Armen würde gedacht werden.
Rur an Otto und Liesel dachte niemand.
Um neun Uhr war ganz Rürnberg in festlicher Erwartung. Ober als sich die Türen zu den geheimnisvollen Zimmern offneren, in denen sich das Christusllnd solange zu tun gemacht hatte, da--- (Soitjeßung folgt.)


