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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Zrettag, 2. Januar 192&
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Die Deutschnationalen, die bisher in Frattionsgcmeinschast mit dem Hessischen Bauernbund standen, haben jetzt eine eigene Fraktion gebildet und den Abgeordneten Werner zum Borsitzenden gewählt. Sein Stellvertreter ist Abgeordneter Kindt.
Die Reichswehr im Jahre 1924.
Bon Oberstleutnant K. v. Oertzen.
1924 war für die deutsche Wehrmacht ein schweres Jahr. Sern Anfang sah den militärischen Ausnahmezustand. Die vollziehende Gewalt im Reiche lag bei dem Chef der Heeresleitung und die Wehrkreiskommandos waren mit einer Fülle von DerwaltungSange- legenheiten überhäuft, für die sie und die Militärbehörden nicht vorbereitet waren. Auch politische Dinge spielten naturgemäß hinein und brachten die Gefahr mit sich, daß das mühsame Werk der Herausnahme der Wehrmacht aus der Politik in Frage gestellt wurde.
Immerhin lohnte sich das Opfer, das die Reichswehr für das Vaterland bringen mußte. Die Einheit des Reiches blieb erhalten, nicht zuletzt, weil die bewaffnete Macht sich für sie einsetzte. Als eine üble Belastung übernahm das Reichsheer aus dem alten Jahre die ungeklärte Haltung der 7. bayerischen Division. Dadurch, daß die bayrische Regierung hier einen in der Verfassung und im Wehr- geseh nicht begründeten Streit um die Kommandogewalt heraufbeschworen hatte, waren die Führer der bayrischen Truppen in eine unhaltbare Stellung gedrängt worden.
Nachdem die Festtgung der Währung ihre wohltättge Wirkung geltend gemacht harre, kehrte Ruhe nach Deutschland zurück und so wurde es möglich, daß der militärische Ausnahmezustand aufgehoben werden konnte. Die Kommandobehörd^r konnten sich nun wieder ihren eigentlichen Aufgaben widmen und die Truppenteile in ihre Standorte zurückkehren.
Die Tättgkeit der Reichswehr während des Ausnahmezustandes, die besonders auch auf das charitattve Gebiet lebhaft Übergriff, hat ihr viel Freunde im Volke erworben und ihre Stellung in ihm wesentlich verbessert. Die wohlgeordnete Truppe, die sicher in der Hand ihrer Führer und ein zuverlässiges und scharfes Instrument für die verfassungsmäßigen Gewalten der deutschen Republik war, flößte überall Vertrauen ein und gab nach so viel Anruhe und gegenüber der auf die Straße drängenden politischen Leidenschaft ein lang entbehrtes Gefühl der Sicherheit. Daß die WehrmachtSpolittk der letzten Jahre richttg ge-
teien, während die Demokraten $ur Sozialdemokratie hielten. D ese zweyelle, weil nur wenige Stimmen der Mehrheit den Ausichlag gaben, zunächst das ErgebnL an, und es muhte die Gegenprobe gemacht werden.
Politische Zeichendeuter verkündeten nach dieser Abstimmung sogleich, das Zentrum werde aus der bisherigen Koalition austreten und sich den Rechtsparteien anschliehen. Dies ist ein voreiliger Schluß: denn das Zentrum hatte früher auch schon mehrfach gegen die anderen Koalitionsparteien gestimmt und wechselte deshalb seine Stellung nicht. Sehr wahrscheinlich wird es diesmal auch jo sein. Alles, was bisher über die Derhondlungen zur Regierungsbildung in die Oesfentlichkeit gelangt ist, beruht aus sehr unsicheren Quellen: die Tatsachen haben auch bis jetzt gegen diese Rachrichten gesprochen, denn es ist noch kein Derhandlungsergebnis gezeitigt worden. In vielen Kreisen glaubt man, daß die alten Koalitionsparteien sich wieder zusammen finden werden, daß auch die alte Regierung wiederkehrt. Die Bemühungen des Zentrums gehen offensichtlich nur darauf hinaus, für sich noch einige Vorteile aus der Lage herauszuholen. Vielleicht war die Abstimmung im Landtag nur ein Druckmittel, um die Sozialdemokratie etwas gefügiger zu machen.
AIS nach dem DeihnachtSgruß an die In Ferien gehende Kammer Mustottni plötzlich aufstand und ihr eine Wahlreform unter den Baum legte, das heißt mit anderen Dorten die Rückkehr zum ancien rdgime ankündigte, da war dtefeS fafzi- stifche Rumpfparlament derart perplex, daß es. immer Ja ageautornat gewesen, mechanisch Beifall klatschte. Hm am nächsten Morgen fürchterlich zu erwachen. Bereits am 3. Januar soll es nun mietet 3a sagen. Mussolini ist von einer nie frage» toefenen Brutalität.
Gr verlangt von seinen Getreuen den Selbstmord. Werden sie den gewohntermahen blinden Gehorsam gegen den Duce auch so weit treiben? Fürchtet der Tyrann nicht die Schatten der Geschichte, den Ausstand seiner Prätorianer? Die aus dem Aventin versammelte Opposition behauptete noch am gleichen Abend, die Bombe fei in seinen eigenen Händen geplatzt. Neuwahlen, ja. aber niemals unter einem Mussolini! 2iic wurde sich auch der König dazu hergeben dürfen, ihn mit der Regierungsbildung zu betrauen, ©iolitti lächelt ...
Die alten Spieler, die Orlando und Salan- dra und Giolitti, griffen schon nach der er*?en Riederlage des Fa'z.smus die alten Fäd^n toicixr aus. Fühlte das Mussolini? Ist cs so, wie die abtrünnigen Zalzisten sagen, daß es, den eisernen Reifen um seine Brust zu sprengen. Öen eigenen Kopf zu retten, zu einem Verzweiflungsmittcl griff? Ein Tellsprung des starten ManneS an das rettende Ufer? Roch einmal, liest man, habe er einen Beweis für seinen maßlosen und kalten Egoismus erbracht. Seine zynllche Berechnung lei klar: die Verantwortung von den eigenen Schultern auf die Partei abwälzen, sie schuldbeladen ihrem Schicksal überlassen, Anschluß suchen bei Giolitti und den kommenden Männern und so nicht nur seine Person aus dem großen Zkladde- radatfch herausziehen, sondern auch sein Prestige. Den Moralspruch auf den Lippen: Ich (feile eben das Vaterland über die Partei!
Wie dem nun auch sei, der Sprung inö Dunkel ist getan. Wie er ausgeht, werden schon die nächsten Tage zeigen. Schon vor einigen Wochen schrieb ich unter Kennzeichnung Der veränderten Lage: Alle Möglichkeiten stehen offen.
Der Möglichkeiten aber sind so viele, die Unsicherheit ist Derart groß, daß man sich sogar fragt, ob Mussolini nicht manövriert, ob es wirklich auf Reuwahlen abgesehen ist oder die Kapitulation vor dem Aventin nicht nur eine Finte fei" soll. Die Opposition zeigt sich recht mißtrauisch, sie hat daS unerbetene Weihnachtsgeschenk inftinl- tiv zurückgestohen, wie eine Höllenmaschine. Die amtlichen Auslassungen sind sibyllinisch, lassen eine Hinausschiebung des Wahltermins auf unbestimmte Zeit zu. wobei nötigenfalls das Anno Santo zur Begründung herangezogen toerfren kann. In diesem Falle hätte also Mussolini den Willen zur „Normalisierung" bewiesen und die Situation wenigstens für ein Jahr gerettet. Dies auch gegenüber Der Drohung des radikalen Flügels, Der Satrapen. Für Die Rechtsliberalen gibt es nur eine Lösung: öalanöra. Die Popolari haben keine Meinung, Die Demofozialen erwarten das Zeichen vom Quirinal, Die Kommunisten wittern Morgenluft. Giolitti ist seines Sieges gewiß. Ob Mussolini' nicht, auch diese Anschauung läßt sich hören, Den Sturm heraufbeschworen hat, um klarer zu sehen? Mm Die zweckmäßigste Taste, die es anzuschlagen gilt, wählen zu können? Er hatte zu viele unsichtbare Gegner.
Soweit wäre alle- immer noch barlamen- tarisch, eS fragt sich nur, ob sich Die bisherigen Nutznießer DeS saszistischen Staates mit einer gemäßigten. für sie in leDem Falle katastrophalen Lösung zufrieDen geben. Schon im Frühling Wahlen, bei Denen man Amt unD Würden verlieren wird? Mussolini wird sich hüten müssen vor Den Ideen des März.
Das Reichsbewsrtungsgesetz.
oBerlin, 31. Dez. (Priv.-Tel.) Wie wir hören, hat der letzte vorläufige Referentenent- tourf eines Reichsbewertungsgesetzes Die Länder außerordentlich überrascht. Zuerst war nur von gemeinsamen Richtlinien für die Bewertung des landwirtschaftlichen Grundvermögens Die Rede. Der letzte Entwurf geht nun weit über Diesen ursprünglichen Plan hinaus, sucht nicht nur Die Bewertung des landwirtschaftlichen
wesen mar, zeigte sich deutlich während Der beiden erbitterten Wahllämpfe, die das Jahr 1924 dem deutschen Volke brachte. Die Reichswehr blieb aus dem Spiel. Niemals, seitdem das deutsche Heer besteht, ist so wenig von ihm die Rede gewesen, wie in diesen Wahlschlachten. Das Ziel, die Reichswehr aus dem Parteistreit herauszuziehen, scheint erreicht. Die Manneszucht ist gefestigt; Verstöße gegen das Verbot, sich politisch zu betätigen, sind immer seltener geworden, so daß Strafen aus diesem Grunde kaum noch verhängt zu werden brauchten.
Aber noch eine andere, viel schwerere Probe auf ihre Manneszucht mußte das deutsche Heer bestehen. Die gegen uns verbündeten Mächte erzwangen, daß Deutschland die Wiederaufnahme der Militarkontrolle gestattete. Das deutsche Heer wurde einer sogen. Generalinspektion unterworfen. Der schon mehrfach zurückgelegte Leidensweg mußte von neuem beschritten werden. Wieder strömten Scharen von Kon troll Offizieren ins Land und in uitzähligen Besuchen wurde alles von neuem durchspürt und sogar unnennbare Orte nicht geschont.
Mit einer gewissen (Genugtuung stellte die deutsche Regierung von Zeit zu Zeit fest, daß die Konttollhandlungen „reibungslos" verliefen, d. h. die Offiziere und Mannschaften der Wehrmacht haben mit zusammengebissenen Zahnen die Konttollschmach erduldet. Ans dünkt, daß darin iein schlechtes Zeichen für ihre Matmeszucht liegt.
Zur Zeit ist nicht abzusehen, ob und wie diese Generalinspeltion enöen wird. Nicht unmöglich ist, daß Frankreich von neuem versuchen wird, gegen den Zusammenhalt Der Reichswehr vorzugehen.
Erhebliche Teile des Reichsheeres konnten im September Feldübungen auch außerhalb der Hebungsplätze abhailen. Vorzüglich war überall die Aufnahme und mit Freuden ist von allen Seiten festgeftellt worden, daß die junge Wehrmacht des Reiches sich günstig entwickelt; leider ttat aber natürlich auch an die Oeffentlichkeit. wie unsäglich schwach sie ist und noch mehr, tote mangelhaft sie nach dem Willen Frankreichs ausgerüstet ist.
Den Einheiten unserer Flotte war es möglich, sich auch außerhalb der heimischen Gewässer zu zeigen; auch ihr ist wohlverdiente Anerkennung zuteil geworden Sie hat die deutschen Farben würdig bertreten. Der Kreuzer A, der erste Neubau seit dem Zusammenbruch, soll Anfang Januar 1925 vom Stapel laufen.
So schließt das Jahr 1924 besser, als es angefangen hat. Hoffen wir, daß das kommende Jahr die deutsche Wehrmacht weiter festigt und sie endlich von denen befreit, die ihr und dem deutschen Volle das Blut ab- zuzapf.en 's ich bemühen.
Verräter Mussolini?
Von unserem römischen L-Korrespondenten.
Sturm von den Alpen bis Sizilien! Das ganze Land wankt in seinen Grundfesten. Die Front in Auflösung, die Regierung zwischen zwei Feuern, das Parlament in Fetzen und Ferien, Mussolini als Verräter!
Was ist geschehen? Nicht mehr und nicht weniger, als daß der Schöpfer des saszistischen Staates mit eigener Hand die Bombe ins eigene Haus schleuderte. Saturn, der seine eigenen Kinder frißt. Warum und wozu?
Die Ratlosigkeit in allen politischen Schichten ist grenzenlos. Cs gibt mehr Diagnosen als Aerzte. Niemand weiß Sicheres. Wahrscheinlich Mussolini auch nicht. Nur das fühlte ja jeder seit geraumer Zeit, es lag etwas in Der Luft, irgend etwas mußte geschehen. Aber gerade das, was nun wirklich geschah, das hatte niemand er- wartet, niemand. Eine fröhliche Weihnachten!
von der Regierungrbildung in Hessen.
(Don unserer Darmstädter Redaktion.)
Die Landtagsverhandlungen am Montag haben eine gewisse Enttäuschung gebracht: man hatte vielfach erwartet, daß in dieser Sitzung das Ergebnis der bisherigen Besprechung über die Regierungsbildung in Hessen bekannt- gegeben und diese selbst vorgenommen würde. Aber bereits vor Beginn der Sitzung, Die erst nach 12 Ubr begann, wurDe bekannt, daß Die Regierungsbildung bis zum Januar vertagt sei. Die Tribünenbesucher, Die in überaus großer Zahl erschienen waren, hatten freilich davon noch keine Kenntnis, und sie harrten geduldig aus in der Erwartung, daß sich das Geheimnis Der Verhandlungen entschleiern werde. Die Formalitäten der Bildung des Landtagspräsidiums durch den Alterspräsidenten, die Wahl des eigentlichen Präsidenten sowie Der Vizepräsidenten Durch Stimmzettel unD Deren Auszählung waren alles andere als interessant für Das Publikum, gleich- rvohl wartete es in Geduld. Die Spannung legte sich indessen, als der LandtagspräsiDent ein Schreiben des Staatspräsidenten verlas, worin dieser den Rücktritt der Regierung anzeigte und miUcilte, daß diese bis zur Neubildung Des Kabinetts im Amt bleiben toerDe. Das Haus nahm von diesem Akt, Der Den Bestimmungen Der Verfassung entspricht, stillschweigend Kenntnis.
Die Präsidentenwahl bot keinerlei Heber- raschung. Die stärkste Partei ftelli bekanntlich Den Präsidenten: und daß Die Sozialdemokratie wieder Den Abgeordneten Adel ung präsentieren würde, w-ar selbstverständlich. Der nun wcedergewählte Landtagspräsident genießt bei allen Parteien wegen der Hnparteilichkeit ferner Amtsführung hohes Ansehen. Die Wiederwahl wäre einstimmig erfolgt, wenn nicht die vier Kommunisten Zettel mit dem Namen Dr. Greiner abgegeben hätten. Die Kommunisten stehen im Landtag überhaupt abseits von allen übrigen Parteien, und sie stimmen unentwegt gegen alle Vorschläge, mögen sie von bürgerlicher, oder sozialdemokratischer Seite kommen. Hm nicht m Den Verdacht zu geraten, daß sie sich bei den Abstimmungen einer dieser Gruppen anschliehen, rechtfertigen sie hinterher durch Erklärungen ihr Verhalten. Wie starr sie auf diesem Verfahren bestehen, zeigte sich deutlich auch bei Der Präsidentenwahl, indem sogar Dr. Greiner, den Die Kommunisten aufgestellt hatten, nach Ausweis Det Stimmzettel f i ch selbst gewählt hat. Mit einer scharfen Opposition der Kommunisten ist also bestimmt im neuen Landtag zu rechnen.
Von den übrigen 2tbftimmungen beanspruchte eigentlich nur eine ein erhöhtes Interesse, well sich Dabei gewisse Gegensätze offenbarten. Die Deutsche Volkspartei und der Hess,sch" Bauernbund hatten beantragt, Die Zahl Der M tgliefrer des Finanzausschusses und d s Gesetz- gebungsausschusses von b.sher 11 auf 1-1 zu erhöhen. Die Absicht ist hierbei gewesen. Den bürgerlichen Parteien einen stärkeren Einfluß in diesen Ausschüssen zu sichern. In den letzten Jahren sind nämlich die Ausschuhbera- tungen oftmals viel wicht ger gewesen, als manche Vollversammlung des Landtags, wcsfratb Die stärkere Besetzung Der Ausschüsse gerechtfertigt ist. Als der Abg. Din gelb ey (Deutsche Dolks- partei) in seiner Degriindimg des Antrags aus- sührle. daß die Ausschußberatungen gründlicher sein möchten und Dafür Die Verhandlungen des Plenums abgekürzt werden könnten, wurde er andau-rnd durch laute Zwischenrufe Der Linken des Hauses unterbrochen. Der Präsident mußte daher schon in der ersten Sitzung des SanfrtagsS von seiner Glocke recht ausgiebig Gebrauch machen; möglicherweise ist dies tein gutes Vorzeichen, daß sich die künftigen Landtagsverhandlungen ohne Reibungen gestalten. Eine Erklärung deö 2lbg. Hoff m a n n-- Darmstadt, daß s'.ch das Zentrum Dem Anträge auf Vergrößerung der Ausschüsse anschließen werde, war in der Unruhe des Hauses untergegangen, oder kaum verstanden worden. Darum sah man gespannt der Abstimmung entgegen; vor allem, wie sich das Zentrum verhalten würde. Das Zentrum stimmte mit den übrigen bürgerlichen Par-
Die rote Kafchgar.
Roman von Fedvr von Zobeltitz.
31. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Gert schlug ihm lachend auf die Schulter. „Sie kommen mir grade zurecht, Verehrtester , entgegnete er. „Ich habe den Kopf optier Ärgernisse unD möchte sie loswerden. Erzählen Sie mir von Ihren Reisenplänen — das wird mich auf andere Gedanken bringen!"
Er faßte Herrn Murray unter den Arm und geleitete ihn in sein Haus. —
Die Schutztruppe für Die ©efanDtf<f)aften war angekündigt worden. Vierhundert Mann: Rusten Engländer, Amerikaner. Fcanzo,en Japaner und Italiener, zuletzt tarnen Die Deutschen. Sie trafen erhiöt verstaubt, ermattet und mangelhaft, ausgerüstet auf dem Bahnhofe ein und marschierten durch wirbelnde Staubwolken, von gaffendem Volk begleitet, nach dem Fremdenquartier. Em Häuflein Menschen als Schutz gegen eine aufständische Bewegung, die wie der grüne Draste in der Kriegsflagge des Landes drohend Die Zähne bleckte! — _ , .,
Wenige Tage später waren auch Die Geleise Der Kalgan-Bahn und Der nach Tienttm führenden Linie zerstört und Damit Die Gesandtschaften von Der Außenwelt abgeschnitten.
etemcncc Savary hatte man infolgedessen noch nicht nach Frankreich zurückschicken können. Aber man hielt sie Wie eine Gefangene.
8.
Friedrich, Der alte Diener Gerts, war nach Der Abreise seines Herrn wieder in Groß-Ponar untergebracht worden. Es war da natürlich langweiliger als in Der Iünggesellenvürtschaft des (Grafen Gert, aber Friedrich war doch auch so allgemach in Die Jahre gekommen, tn denen Die Langeweile eine gewisse Ruhe bedeutet, und Die tat ihm wohl. .
In Groß-Ponar hatte er lediglich für <3etne Exzellenz zu sorgen. Hnd mit Dem war nicht mehr allzu viel los, seit er sich gänzlich vom Hofleben zurückgezogen hatte. Aäußerlich hielt er noch firmier' auf sich, war unglücklich, wenn seine Ober- Hemden schlecht geplättet oder die Beinkleider Nicht vorschriftsgemäß gebügelt waren, ging auf
seinen Spaziergängen im Park genau so gekleidet wie Hüter den Linden Berlins, und legte einen Frack an, wenn er Hellmut von Meyding einmal zum Abendessen lud, um — wie er es nannte — sich von ihm Vortrag halten zu lassen.
Aber innerlich zerfiel er, das merkte man. Er war aus der Mechanik eines Lebens gerissen, die ihn in ihrer vielseitigen Verschlingung bis zuletzt auftecht erhalten hatte. Jetzt versagte indes hie und Da ein Rädch<m, ein Heber setzte aus, eine Walze ging langsamer, das Oel trocknete ein. Gr war nicht mehr Der Alte. Sorgen machte er sich nicht, am wenigsten um Gert. Dem war ja nun Der Weg geebnet — für alle Falle, ob Die kleine Theda mit dem Leben davontam oder nicht, er schrieb auch recht vergnügte Briefe aus Peking, gefiel sich da außerordentlich, war beliebt und angesehen in seinem Kreise, brauchte freilich viel Geld. Doch Dafür war er der erste Gras von Hora-Geisbach, und was Den Horas fehlte, ersetzten die Geisbachs. Nein, Sorgen hatte Der alte Herr nicht, nur seinen Aerger. Mit den v er Dämmt en Dohrversuchen durchlöcherte man feinen ©runD und Boden, man hatte in bestem Rübenacker einen Schacht niefrerbringen wollen und ihn wieder aufgegeben, weil sich im Geschiebe inselartige Hnterbrechungen zeigten, und hatte eine ganze Schonung niedergeschlagen,^ um endlich Dem Kali sachgemäß auf den Leib rücken zu können. An Den Bergen, der „Halde", wimmelte es von Menschen. Da kroch man schon in Die Erde hinein, Gerüste ragten in die Luft, fremdartige Rieseninstrumente wühlten sich in den Boden, in klaffende Oeffnungen senkten sich eiserne Segmente mit Detonfullung. das Krachen der Sprengarbeit war weithin zu hören. Baracken wurden errichtet, man legte eine Feldbahii, Mauerwerk kletterte in die Höhe, schon nanD ein ganzes Haus unter Dach und Fach, aus Esten und Holz baute dahinter ein zweites sich auf. Die Industrie eroberte sich Grvh-Ponar. Das war nicht zu vermeiden gewesen, aber es befragte dem alten Grafen nicht. Er ärgerte sich auch, daß Geisbach Sag für Sag von Schwichelde heruber- ram und frier schaltete und waltete, als ob er auf seinem Eigentum stehe. Er kam nie in das Schloß, sondern fuhr am Abend immer wieder nach Schwichelde zurück, aber er klopfte gev-'.ssw-
das Bett überhaupt nicht ausgesucht. Er saß noch auf Dem Schreibtischsessel, Doch Der Ober körper war vornübergefallen, unD Die Stirn tag auf dem Buche. Das er vor sich hatte. Es war die Farnlliengeschichte, ein Dicker QuartbanD, frei Druck mit weißen Blättern durchschossen. Auf Der letzten aufgeschlagenen freien Seite sah man Die zierliche, preziöse Handschrift des Grasen, rokoko-
haft verschnörkelt, aber noch fest in Den Zügen. Die Eintragung bezog sich auf Die Nummer 458
Der Genealogie Des Geschlechts unD lautete:
„Hans Sigismund Leutold ®erfrort (Gert),
erster Graf von Hora-Geisbach Freiherr zu
Hohendonzberg zufolge feiner am 5. 10. 99 er
folgten Vermahlung mit Annasreda Sfreba Geisbach, geb. 16. 4. 82, einzigen Tochter deS Geheimen Kommerzienrats Ernst Geisbach auf
SchwichelDe (Nord-Hat^). Bestätigung der Na- mensvereinigung laut Kabinettsorder Berlin 25.
9. 99. 1900 zweiter Sekretär an Der Deutschen GesanDtschaft zu Pek —“
Hier riß Die Eintragung ab. Die FeDer hatte sich gespreizt und ehre Anzahl kleiner Tinten- llexe über das Papier verstreut.
Friedrich war zitternd neben seinen Herrn getreten. Er richtete ihn im Sessel auf, und da fuhr der Kopf frort zurück auf die Lehne des Stuhls. Ein Schlaganfall hatte Den Grafen getötet.
Friedrich verschloß Der Zimmertür und nahm den Schlüssel an sich. Dann benachrichtigte er die übrige Dienerschaft, telephonierte an Den Hausarzt und wollte nun Hellmut von Meyding von dem Trauerfall in Kenntnis sehen. Doch der war schon auf Die Felder geritten. Ein Bote wurde ihm nachgesandt.
Die Ernte war zum größten Seil eingebracht und zufriedenstellend gewesen. Hier und da lag schon ein Acker unter Stürze, die Zuckerrüben standen noch, die Kleebrache färbte sch gelblich Hellmut ritt langsam umher, die Zügel lang, das Auge wachsam. Diese Wachsamkeit fürchtete man, er sah alles. Hnd er machte alles allein, er hatte keinen Hnterinspektor. nur ein paar Vögte. Eine neue Zucht war über Groß-Ponar gekommen. Doch auch Die Leute Hegten darüber nicht. Es war schon besser als Der alte Schlendrian.
(Fortsetzung felgt)
matzen Die Felder ab und vergrämte mit seinen lärmenden Arbeitern das Wild tn Den Forsten, er hatte anfänglich auch manche Stteittgkeit mit Hellmut, der für Ernte und Jagd fürchtete, bis er einsah, daß in künftigen Zeiten der Goldschatz des Gutes seine Kaligruben sein würden. Hnd nun ärgerte sich wieder Gras Hora, dah Hellmut allmähuch völlig auf die Seite Geisbachs trat und mit allen seinen Maßnahmen einverstanden war.
Der alte Herr ging kaum noch aus. Er stand sehr spät auf und schlenderte mir bei gutem Wetter ein wenig durch die Parkwege, las feine Zeitungen und eine Menge politischer Broschüren, Die ihm sein Buchhändler zuschickte, und widmete sich im übrigen seiner Arbeit. Das berühmte Kochbuch hatte er liegen lassen, um ein neues Werk zu beginnen: „Der Hofmarschall, geschichtlich und in der Gegenwart", das aber gleichfalls nicht über Die ersten Kapitel hinauskam, weil ihm eingefallen war, Die schon gedruckt vorliegende Familiengeschichte Der Horas einer Nachbesserung und Wetterführung bis auf den Stand von freute zu unterwerfen. Dabei mutzte Hellmut ihm helfen, Der im alten Inspektorfraufe wohnte und jedesmal gewaltig fluchte, wenn Friedrich ihm von dem Onkel Anton eine Einladung zum Abendessen überbrachte. Denn Die Abende waren für den Vielbeschäftigten Die einzigen freien Stunden, in denen er sich gern mit feiner Liebhaberei, seiner Briefmarkensammlung, zu beschäftigen pflegte. Ging er aber ins Schloß, so mußte er notgedrungen den Frack anziefren. Aus Der genealogischen Salbaderei für Die Familiengeschichte machte er sich wenig, immerhin glich sich Die Langewelle ein wenig aus durch die vortrefflichen Menüs und die guten Weine, Die der Oheim ihm vorsehte.
Eines Morgens trat Friedrich in das Herrenzimmer und stutzte schon in der Tür.
.Herrgott." rief er. „Exzellenz! —'“
Der alte Graf hatte sich nach Dem Abendessen wie gewöhnlich umgefieiDet und sich Dann im bequemen Hausrock noch einmal an Den Schreibtisch gesetzt. Damit konnte Friedrich ab» treten, fein Dienst war erledigt. Zum Schlafengehen bedurfte Gras Hora feiner Hilfe nicht.
Otbcr in dieser Nacht hatte Der alte Herr


