Dienstag, 1. Dezember 1925
175. Jahrgang
Nr. 281 Erstes Blatt
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange.
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Die deutsche Delegation in London.
Don Painleve zu Briand.
Herr Briand hat gerade nur eben Zeit gehabt, sein neues Kabinett vereidigen zu lassen, und mußte dann zur Unterzeichnung der Locarno-Verträge nach London fahren. . Er will aber schon am Mitt ro-o ch wieder in Paris sein, da er sich dann der Kammer v o r st e l l e n muß und endlich mit der außenpolitischen Rede zu Rande kommt, die er eigentlich schon Ende Oktober halten wollte. Es ist vielleicht mehr als ein Zuasll, daß derselbe Herr Briand, der gestürzt wurde, als in Cannes zum erstenmal die Möglichkeit eines europäischen Friedens am politischen Horizont erschien, wieder Ministerpräsident wird, wo diese Hoffnungen greifbare Gestalt annehmen können. Auch für Frankreich bedeutet dieser Weg von Briand zu Briand, der über Poincarö, Herriot und Painleoö führt, eine starke innerpolitische Wandlung, die, wenn sie nicht durch Einflüsse von außen her unterbrochen wird, der Zuversicht der deutschen Delegation in ihrer Erwartung auf kommende sehr weitgehende Rückwirkungen Recht geben dürfte. Fraglich aber bleibt doch noch, ob und wie lange Briand sich am Ruder wird halten können.
Die Klüse hat fast eine ganze Woche gedauert, Painleve, Doumer und sogar Herriot versuchten sich vergeblich an der Bildung eines Kabinetts, bis Briand, der vorher schon einmal den Auftrag zurückgegeben hatte, den zweiten erfolgreicheren Versuch unternahm. Sein Kabinett ist stark links betont. Die charakteristischste Persönlichkeit ist zweifellos der Finmrzminister Lou- cheur, der hinter den Kulissen dauermd eine große Rolle gespielt hat. Er schloß als Münster mit Rathen au das Wiesbadener Ab- k o m in e n rmd fuhr im vergangenen Jahr nach London, um Herrn Herriot klar zu machen, daß die Konzessionen, die er Deutschland geben könnte, abhängig seien von dem Entgegenkommen, das England auf dem Gebiete der Schulden den Franzosen zeigte. Lind weil auch Macdonald auf diesem Ohr taub blieb, war schließlich Loucheuo die Veranlassung, daß die Räumung der Ruhr bis zum 15. August 1925 hinausgeschoben wurde.
Der Loucheur von heute soll allerdings in erster Linie bas Finanzproblem lösen, was ja überhaupt wohl die erste und gefährlichste Aufgabe des Kabinetts Briands ist. Was man von Loucheur weih, geht in der Richtung, daß er den Llmweg über eine neue Inflation nehmen will, um der Staatskasse zunächst einmal Luft zu schaffen, daß er dann aber darangehen will, die laufenden Anleihen zu fundieren und gleichzeitig einen großen Spar- topf zu schassen, aus dem heraus die Verzinsung und Amorti'cuion dieser Anleihen sicher- gestellt ist. Der Spartopf selbst soll gespeist werden durch erhöhte Abgaben vom Einkommen und Vermögen. Das Projekt, das Loucheur verfolgt, bas also die Inflation durch Inflation austreibt, ist ein sehr gefährliches Er - p e r i m e n t, an dem sich die Sozialisten nicht beteiligen wollten. And das ist das zweite Charakteristische dieses - achten! - - Kabinetts Briand. daß die Sozialisten weder aktiv noch passiv daran beteiligt sind. Sie bleiben im Schmollwinkel, und die Entwicklung muß dahin führen, daß sie über kizrz oder lang in einen ausgesprochenen Gegensatz zu dem Kabinett Briand gedrängt werden.
Man kann deshalb auch andersherum sagen, daß das Kabinett Briand das Ende des Linksblocks bedeutet; bedeutet allein durch die Schuld der Sozialisten, die zunächst von aller Verantwortung frei bleiben wollten, dann plötzlich die ganze Macht für sich beanspruchten und noch in der vergangenen Woche Herrn Herriot, der mit ihnen durch dick und dünn ging, zum Verzicht aus die Kabinettsbiloung zwangen, weil er nicht in der Lage war, die Machtan- sprüche zu befriedigen, die von ihnen gestellt wurden. Auch die große Koalition in Frankreich geht unhaltbar ihrem Ende entgegen. Herriot hätte sie noch aushalten können, allerdings auf die Gefahr hin, dah er darüber in einen Konflikt mit dem Staat geriet. Die Sozialisten wollten aber auch mit ihm arbeiten und sind jetzt in die Opposition gedrängt.
Die Persönlichkeiten, die Briand zur Mitarbeit heranzog, sind zwar alle politisch so eingestellt, daß sie mit den Sozialisten arbeiten könnten. Das Programm aber, das sie verfolgen, wird weder aus finanzpolitischem noch aus innerpolitischem Gebiet den Sozialisten gefallen. Denn Briand hat als einen der wichtigsten Punkte seines Programnrs die Wahl- ref orm angekündigt, die Rückkehr zu den alten Arrondissement-Wahlen, die auch äußerlich das Ende des Wahlkartells zur Folge haben müßten. Es wird deshalb wohl kaum lange dauern, bis die Gegensätze zwischen Briand und den Sozialisten so stark werden, daß sie zum unheilbaren Bruch führen. Briand hat deshalb auch schon, seine Mehrheit nach rechts verlängert. Er verfügt über etwa 280 Stimmen, mehr als genug, um auch ohne die Sozialisten sich halten zu können, falls nicht etwa vom linlen Flügel der bürgerlichen Gruppen größere Teile absplittern. Iedensalls ist die Zeit des Kartells vorüber, «s fragt sich nur, Briand stark genug ist, sich mit Hilfe der linken bürgerlichen Parteien zu halten, ober ob er nur, waä für uns wegen ber anderen Interpretation der Locarno-Verträge vom Hebet fein könnte, als Wegbereiter für einen neuen Poincare arbeitet. DaS ist wegen der finanziellen Bedingtheiten Frankreichs Amerika gegenüber zwar nicht wahrscheinlich, ober doch immerhin möglich.
In der britischen Reichshauptstadt haben sich die Loconto-Delegationen aufs neue getroffen, ihre Zusammenkunft gilt aber nicht nur der Unterzeichnung des von ihnen am Lago maggiore geschaffenen Vertragswertes, sie steht noch unter einem anderen Zeichen, nämlich dem, die nächsten Etappen bei; europäischen Befriedung schon hier in London zu erreichen. Dazu gehört, was selbstverständlich ist, die Beseitigung des ernstesten Friedenshindernisses am Rhein. Die Delegationen dürsten zwar wegen der Feierlichkeiten wenig Zeit zum Konferieren finden, es sind aber wieder die wichtigsten Persönlichkeiten der einzelnen Außenministerien mitgefahren, was schon eine Gewähr dafür sein dürfte, daß man noch einmal die Fragen der Besatzungs- Minderung bzw. früheren Räumung der zweiten und dritten Zone, der Militär kontrolle und der Luftfrei- h e i t durchsprechen wird. Belgien und England haben es sich nicht nehmen lassen, für eine „freundliche Atmosphäre" zu sorgen: die Brüsseler Regierung hat alle Contumacialverfahren endgültig niedergeschlagen, das britische Kabinett hat den Abtransport der .Kölner' Garnison nach Wiesbaden bereits sichtbarlich in die Wege geleitet.
Inzwischen sind in Berlin die Vertreter der Regierungsparteien zusammengetreten, um an die Regierungsumbildung heranzu- gehen. Vom Zentrum aus wird bereits Propaganda für eine Locarno-Koalition gemacht, womit vorläufig nur ein schönes Schlagwort gefunden worden ist, aber auch nichts weiter. Wenn man sich nämlich diese Locarno-Koalition bei Licht betrachtet, entpuppt sie sich als die «große Koalition. Damit will die Deutsche Volkspartei nichts zu tun haben, aber auch die Sozialdemokraten haben bereits ein Haar in der Suppe gefunden. Diese Fühlungnahme dürfte mit der Einsetzung eines Ausschusses enden, dessen Aufgabe eZ sein wird, die Möglichkeiten einer Llmbildung zu studieren. Praktisch bedeutet das eine Verlängerung der Lebensdauer des jetzigen Kabinetts bis in den Ianuar hinein, zumal ja auch fesksteht, daß der Reichspräsident den Kanzler erneut mit der Bildung der Regierung beauftragen will.
Die Ankunft der deutschen Delegation.
Besprechungen mit Vandervelde.
London, 1. Dez. (TU.) Die deutsche Delegation hat die Ueberfahrt Ostende—Dover und die Fahrt zur Victoria Station in London gemeinsam mit dem belgischen Ministerpräsidenten Vander- velde und dem Staatssekretär R o l l i n zurückge- leat. Ferner befand sich an Bord ein Detachement britischer Truppen, die aus Köln abtransportiert wurden. Die Ueberfahrt nach London verlief nicht nur bei schönstem Wetter, sondern auch in voller Harmonie. Vandervelde gab dcr deutschen Delegation ein Mittagessen, bei der sich Gelegenheit zu einem ersten Meinungsaustausch über die Erleichterungen des Besatzungsregimcs und die Abrüstung ergab.
Auf der Victoria-Station hatten sich schon lange vor der um 4.30 Uhr erwarteten Ankunft der deutschen Delegation zahlreiche Zuschauer und Vertreter der Presse eingefunden. Der Sonderzug hatte jedoch Verspätung und lief erst um 5.15 Uhr auf dem Bahnhof ein. Inzwischen waren als Vertreter der englischen Regierung Außenminister Cham- b e r I a't n und der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Sir William T y r e l l, ferner der deutsche Botschafter Dr. S t h a m e r und der belgische Botschafter Baron M o n ch e u r erschienen. Die deutsche Delegation befand sich im ersten Wagen des Sonderzuges und als erster entstieg der Re i ch s k a n z 1 e r Dr. Luther, der von Chamberlain aufs Herzlichste begrüßt wurde, dem Zuge. Rach kurzen Gesprächen mit den deutschen Delegierten eilte Chamberlain nach dem zweiten Wagen, wo inzwischen Vandervelde und die übrigen belgischen Delegierten auf dem Bahnsteig erschienen waren. Dann bildeten sich auf dem Bahnsteig zwanglos zusammenstehende Gruppen. Man bemerkte u. a. die hohe Gestalt Lord d'A b e r n o n s , des englischen Botschafters in Berlin. Der deutsche Botschaftsrat D u s our- F e r o n c e war der Delegation gestern früh nach Dover entgegengereist. Rach der Begrüßung begaben sich die Delegierten zu den Wagen und fuhren in ihre Hotels. Chamberlain war die Liebens- mßrdigkeit selber. Er strahlte über das ganze Gesicht als er die einzelnen ihm bekannten Herren begrüßte. Zum Abendessen waren die deutschen Delegierten bei dem deutschen Botschafter ein- geladen.
Briand und Benefch in London.
Paris, 30. Aov. CSU.) Ministerpräsident Briand ist heute mittag in Begleitung Berthe 1 o t s nach London abgereist. Auf dem Bahnhof waren die Kabinettsmitglieder und verschiedene Botschafter zur Begrüßung erschienen. Man bemerkte u. a. den tschechischen Außenminister Dr. Bene sch, der mit seiner Gattin in demselben Zug nach London fährt. Die Rückkehr Briands ist für Mittwoch nachmittag 3.25Uhr vorgesehen, also eine halbe Stunde vor Zusammentritt der Kammer. Man befürchtet, dah, wenn die schlechte Witterung anhält, eine Ver
zögerung in der Rückreise des Ministerpräsidenten eintreten wird. Briand traf abends 7.35 Uhr in Begleitung Berthelots in London ein. Mit demselben Zuge traf auch Dr. Benesch ein. Briand wurde am Viktoria-Bahnhof von Austen Chamberlain, Sir William Ty- re l l, Lord C r o w e. dem englischen Botschafter in Paris und dem französischen Botschafter in in London, Grafen de Fleuriau, empfangen. Um 8.30 Uhr begab sich Briand in Begleitung Berthelots auf die französische Botschaft, wo ihm zu Ehren ein Essen gegeben wurde. Briand erklärte einem Vertreter des Reuterschen Bureaus, es sei die größte Genugtuung feines Lebens, den Vertrag von Locarno im Geiste gegenseitigen Vertrauens und gegenseitigen Wunsches zum Frieden zu unterzeichnen. Briand drückte seine Zuversicht aus, daß nunmehr für Europa eine neue Epoche beginnen werde, daß die Wunden des Krieges nunmehr geheilt werden könnten und gesunde Zustände in Europa wiederhergestellt werden würden.
Dr. Benes ch erklärte: In meinem Lande wurde das Locarnoabkommen mit Zufriedenheit von der ganzen öffentlichen Meinung auf genommen. 3m Parlament wurde es von allen Parteien mit Ausnahme der Kommunisten angenommen. Ich unterzeichne also mit der ungeteilten Z u - stimmung meiner Landsleute, ausge- nunmehr sich ihren inneren Angelegen- bebeutet, daß nunmehr die ganze europäische Politik, auf zwei Ziele zusteuert: 1. müssen wir möglichst rafch zu einer Einigung mit Rußland kommen; 2. müssen alle Länder West- und Mitteleuropas epischließlich Polen und der Tschechoslowakei nunmehr sich ihre ninneren Angelegenheiten widmen, da die wichtigsten äußeren Fragen jetzt geregelt sind.
Das Programm des Unterzeichnungsaktes. London, 1. Dez. (TU.) Die Unterzeichnung der Verträge von Locarno wird heute vormittag in hem sogenannten goldenen Empfangs- saal des Foreign Office stattfinden, der in vergangenen Zeiten bereits mehrfach Zeuge bemerkenswerter historischer Versammlungen und Handlungen gewesen ist. Um 10 Uhr treten Beauftragte der Signatarmächte zur Prüfung der Vollmachten der Delegierten zusammen. Um 11 Uhr beginnt die feierliche Handlung der Unterzeichnung der Verträge. Die Delegierten nehmen an einem großen, mit grünen Tuch bedeckten Tische in der Mitte des Raumes Platz.
Die Verteilung der Plätze
ist dieselbe wie in Locarno. Am oberen Ende der Tafel sitzt Premierminister Baldwin als Führer der örtlichen Delegation, zur Rechten des Außenministers Chamberlain. Die übrigen Delegierten gruppieren sich in folgender Reihenfolge: Frankreich, die Tschechoslowakei,,Polen, Belgien, Deutschland und Italien. Hinter den Tischen sitzen die diplomatischen Vertreter der Signatar- möchte, die britischen Botschafter in Paris, Berlin und Brüssel, die Mitglieder des britischen Kabinetts und die Hohen' Kommissare der britischen Dominions. Nach Eröffnung der Sitzung teilen die Rechtsbeiräte des Foreign Office mit, daß die Vollmachten der Delegierten geprüft und für gültig befunden worden sind. Darauf wird Chamberlain den Delegierten vorschlagen,
die ve fchiedenen Verträge zu unterzeichnen.
Der gegenteilige Sicherheitsvertrag wird von öen Bevollmächtigten in der Reihenfolge des französischen Alphabets unterzeichnet werdcm. Für Großbritannien ' erben Baldwin und Chamberlain unterzeichnen. Sie werden dabei eine traditionelle Feder in Form eines Gänsekiels benutzen. Danach werden die Schiedsverträge unterzeichnet werden. Reben die Unterschriften der Delegierten werden die Staatssiegel gedrückt. Darauf folgt die Lleberreichung der verkündigten Kollektivnote über
die Auslegung des Artikels 16
des Völkerbundpaktes an die deutsche Delegation und die Unterzeichnung der Verträge zwischen Frankreich und Polen und Frankreich unb^ der Tschechoslowakei burch die Vertreter dieser Staaten. Rach der Unterzeichnung werden die Delegationsführer kurze Ansprachen halten.
In jedem Vertrage ist vorgesehen, dah er ratifiziert werden soll, und daß die Ratifi- kationsurkunden beim Völkerbund in Genf niedergelegt werden sollen. Es ist ferner vorgesehen, daß die unterzeichneten Originalverträge ebenfalls beim Völkerbund niedergelegt werden, der den Dertragsmächten beglaubigte Abschriften ausfertigen soll.
Rach der Unterzeichnung des Paktes werden Dr. Luther und Dr. S t r e fe m a n n sich im Du ck i n g h ' m - P a 1 a st einschreiben. Dann werden sie das Frühstück bei Chamberlain einnehmen. Auße rb?n übrigen Unter- Zeichnern werden an diesem Frühstück neben arideren Damen auch die Gemahlin des Premierministers und das Parlamentsmilglied Lady Astor teilnehmen. Rach dem Empfang der Delegierten durch den König folgt eine Besprechung Dr. Luthers und Dr. Etresemanns mit Briand. Morgen nachmittag werden die beiden Führer der deutschen Delegation bei Ram- sah Macdonald den Tee einnehmen. Ferner werden, wie schon bekannt, die Delegierten im Lancaster-House von Chamberlain
imb morgen abend in Downing-Street von Baldwin bewirtet werden.
Chamberlain Ritter des Hosenbandordens.
London, 30. Roo. (WB.) Der König hat Chamberlain zum Ritter des Hosenbandordens ernannt und der Gattin Chamberlains das Großkreuz des Britischen Reichsordens verliehen.
Der 1350 von Eduard 111. gestiftete Hosenbandorden (Order of the Garter) ist der höchste und berühmteste britische Orden. Der Gründung des Ordens liegt solgende Sage zugrunde: Auf einem Balle verlor die Gräfin Salisbury, die Geliebte Eduards III. ihr linkes blaues Strumpfband. Der König hob es auf und rief aus: „Honi foit qui mal y pense!" (Schande dem, der Schlechtes dabei denkt.) Der Köng soll dann den Hosenbandorden mit diesem Motto gegründet haben, das unter den Ordensinsignien auf blauem Band unter dem linken Knie getragen wird. Die anderen Insignien sind ein breites Band, von der linken Schulter zur rechten Hüfte mit der Figur des heiligen Georg in Gold und Brillanten, ferner ein achteckiger silberner Stern auf der linken Brust. Der Orden st die höchste Aufzeichnung des Britischen Reiches.
Beginn der Räumung Kölns.
Köln, 30. Roo. (MTV.) Der Abzug der englischen Truppen aus Köln hat heute offiziell seinen Anfang genommen. Ein kleiner Trupp von etwa 100 Mann ging heute vom Kötner Hauptbahnhof nach England zurück. In aller Stille wurde ein weiterer kleiner Transport auf dem Güterbahnhos Gereon zusammengestcUt, dcr morgen früh etwa 220 Mann nach Wiesbaden bringen soll.
Bezeichnend für den Räumungsbeginn ist die Tatsache, dah bereits in der Rächt vom Samstag zum Sonntag mit dem Abtransport von Lin- richtungsgegenständen begonnen wurde. Ueberhaupt ist bemerkenswert, dah die Vorbereitungen zum Abtransport hauptsächlich in der Nachtzeit ober den frühen Morgenstunden durchgesührt werden.
Wie von maßgebender Seite verlautet, bereitet die Stadt Köln eine Befreiungsfeier vor, bei der man auf die Anwesenheit des Reichspräsidenten hofft.
Einstellung der KonLumazial- verfahren in Belgien.
Berlin, 30. Nov. (Wolff.) Die hiesige belgische Gesandtschaft teilt mit: Die deutsche Regierung ist durch die belgische Regierung benach- richtig! worden, daß der Beschluß gefaßt worden ist, die in contumaciam noch schwebenden gerichtlichen Verfahren für Verbrechen oder Delikte, welche durch Deutsche in Belgien während des Krieges begangen sein sollen, nicht weiter zu verfolgen. Dieser Beschluß ist wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten in bezug auf gerichtliche Verfahren, welche in contumaciam nach vielen Jahren für die begangenen Taten verfolgt werden und wegen der hohen Kosten dieser Prozesse, die keinen praktischen Wert darstellen, gefaßt worden.
Die belgische Regierung ist außerdem der Meinung, daß' nach der Konferenz von Locarno die Weiterverfolgung derartiger Prozesse unnützerweise ein Hindernis für die zu wünschende Beruhigung zwischen beiden Ländern bilden würde.
Oie deutschen lftiegerg aber in Zrankreich und Belgien.
Berlin. 30. Rov. (WTB.) Heber ben Zustand bet beutschen Kriegergräber in Frankreich und Belgien erfährt bas WTB. von zu- stänbiger Stelle folgendes: 3n Frankreich sind bis jetzt rund 400 000 Gräber, d. h. drei F ü n f - t e 1 alter auf französischem Boden befindlichen Grabstätten deutscher Kriecer durch den Direktor deö Zentra lnachweisamt es für Kriegerverluste und Kriegergräber, Geh. Oberregierungsrat Horning, besichtigt worden. Die Besichtigung hat ergeben, daß die französischen Stellen erhebliche Anstrengungen gemach! haben, die vertragsmäßige Verpflichtung zur Unterhaltung der Gräber ^u erfüllen.
Die französische Gräberverwaltung unterhält nicht nur die von deutschen Truppen angelegten Friedhöfe, soweit sie nach den Hmbcttungen bestehen geblieben sind, sondern sie läßt sich auch tbie Pflege der von ihr neu geschaffenen Sammelfriedhöse und Friedhofserwciterungen angelegen fein. Dabei verfolgt sie den Grundsatz, daß die deu tschen Friedhöfe in gleicher Weise wie die französischen inst andgesetzt werden. Dah die von den Franzosen angelegten Sammelfriedhöfe, auf denen fortgesetzt raxf) neue Beisetzungen stattfinden, zur Zeit noch einen kahlen, unserem Empfinden nicht entsprechenden Eindruck Hervorrufen, war nach Lage der Dinge nicht zu vermeiden.
Deutscherseits ist ab r der Wunsch ausgesprochen worden, daß auf bieten neuen Anlagen möglichst bald die Grabstätten mit Efeu und die Friedhofsanlagen mit einigen Bäumen bepflanzt werde--. Rach dieser Richtung hin liegen bereits gewisse Zusagen des französischen Oräbet- dtenstes vor, deren 'Bestätigung durch die französische Regierung die Herstellung eines würdigen Zustanbes der deutschen Fried»


