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Rr. 256 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen) Donnerstag, SO. Vttover {92$

Leos XIII. letzte Fahrt.

Don unserem römischen ^-Korrespondenten.

7t om , 24. Oktober.

Die römische Dacht vom 22. aus den 23. Ok­tober dieses wahres sah ein Schauspiel, das seit -wei Jahrzehnten fällig war: die letzte Fahrt des dreizehnten Leo b">m Vatikan zum Lateran. Don seiner poovisorischen Ruhestätte zu seinem prunk- vollen Ewigkeitsgrabe Ein Legendenkranz hatte sich bereits um diese immer wieder hinausge- - sl^bene feierliche Bestattung gerankt.

Leo XIII. war der letzte bauende Papst. Wie I sich die Kaiser bemühten, als Mehrer des Rei- I ches in der Geschichte fortzuleben. so wollte es die Tradition der Päpste, daß jeder die schon un- 1 endliche Zahl herrlicher Bauwerke in der ewigen , Stadt nach Kräften vermehrte. Aber Leo, der ein l Dichter war und als Diplomat den preußischen Kulturkampf beenden konnte, stieh als Bauherr an die politischen Schranken, die ihm sein Vor­gänger vererbt hatte. Als Pius IX., der frühere Graf Mastai-Feretti, vor dem Volksaufstand nach Gaeta geflohen, dann Stück für Stück des Kirchen- ljaates verlierend, schließlich auch Rom selber, nach einem bewegten politischen Leben 1878 starb, gingen die Wogen nicht nur in der kirchlichen und antikirchlichen Welt hatte er doch die beiden umstrittensten Dogmen, das von der un­befleckten Empfängnis Mariä und das von der Unfehlbarkeit des Papstes aufgestellt l noch hoch, sondern auch im politischen Italien, das xm päpstlichen Vorrechten nicht wissen wollte und keinerlei Anstrengungen machte, den Statt­halter Christi zu einer Ausgabe der freiwillig übernommenen Rolle desGefangenen im Va­tikan" zu bewegen. Lev, obwohl persönlich sehr friedliwend, konnte aus diesem offenkundigen Protest deS unversöhnlich zürnenden Pius nicht mehr heraus, es flarm bereits das mißverständliche Wort In Umlauf, der Papst dürfe den Boden der apostolischen Paläste nicht mehr verlassen, wo nun sollte er seine baufreudige Hand an­legen?

Er fand einen Ausweg durch den Lateran, der zweifellos ein päpstlicher Palast war, der bis zur Auswanderung nach Frankreich den Päpsten vis Residenz gedient Hatte. An seiner Basilika, der Johanniskirche,aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises Mutter und Haupt", setzte er den Meißel an, nachdem an der Peterskirche nicht gut mehr zu verbessern war. Leo verdanken wir die prunkvolle Apsis, in deren Rausch von Gold und Marmor, in deren Ricsengemälden und Wap­pen er sich selber verherrlicht. Hier lieh er auch dem großen Keherwerfolger Jnnocenz III. viel­leicht in dessen Eigenschaft als Wiederhersteller des Kirchenstaates ein Denkmal setzen, hier wollte er selber begraben sein. Roch zu Lebzeiten beauftragte er Giulio Tadolini mit der Ruhe­stätte. die den Papst in monumentaler segnender Haltung zeigt, zu seiner- Linken einen knienden Cßilger, zur Rechten das Symbol der Kirche. Grün schimmert der Sarkophag, geduldig harrend seit Jahrzehnten.

Warum nur bettete man den Erbauer nicht 6nrcin, warum wurde fein letzter Wille erst jetzt ausgeführt? Warum muhte der einbalfamierte Leichnam bis heute warten in der Vorkammer zu St. Peter?

Der 13. 3uii 1881 gibt daraus die Antwort. On jener Rocht sollte der Leichnam des letzten Kirchenstaatsfürsten, der den tLinzug der italienischen Truppen durch die Porta Pia in Rom verflucht hatte, sollte der Vorgänger Leos von^der Peterskirche nach San Lorenzo überführt werden. Aber die antikleri- fclen Elemente rotteten sich zusammen, drangen aus die nicht gerade zahlreichen Equipagen der Kardinäle und Bischöfe, auf das betende Trauer- yesolge ein und gefährdeten be der Engelsbrücke koqar die Gebeine des Kirchenfürsten. Und unter solchen Anpöbelungen, unter fortgesetzten Dor- sroßen und Schmähungen mutzte der Zug den end­losen Ibeg fort setzen. Daher sprach man während des ganzen Pontifikats Pius X der zu An­fang des Weltkrieges starb, und auch unter dem Kriegspapst Benedikt XV. kaum mehr von einer Uebersührung der sterblichen Reste Leos. 2km wollte bessere Zeiten abwarten.

Sind wir nun soweit? Ganz ohne Zweifel. Seit der jetzige Papst auf dem Heiligen Stuhle sitzt, seit er am Krönungstage das Fenster zur äußeren Loggia der Peterskirche öffnen lieh und ?um erstenmal wieder, gegen den Qulrinal, gegen Italien gewendet, den großen Segen er­teilte urbis et orbis, über Stadt und Erd- lreis, seither wissen wir. datz die Aussöh­nung mit dem weltlichen Italien zu dbersl auf seinem Programme steht. Unter seinem Pontifikat konnten zum erstenmal wieder fremde Souveräne gleichzeitig im Quirinal wie im Vatikan Besuche machen, königliche und päpstliche Soldaten geben einander aus dem Pe- tersplatze die ©frre; um Konflikte mit der Regie­rung zu vermeiden, erlieft der Papst soeben erst

eine Enzyklika, die dem gesamten Klerus die E i n- Mischung in die Politik und insbesondere die Mitarbeit an politischen Zeitungen ver­bietet Und aus der anderen Seite lieft ein Mussolini drH von den Sozialisten tzinaus- geworfene Kruzifix wieder in den Schulen aufrich ten.

Aber warum die Ueberführung während der Rächt? In halber Heimlichkeit? Ohne Prunk und Pracht, wie sie der Pontifex zu feinen Lebzeiten doch so liebte?

Das ist nun eben das mögliche Politische. In diesen 'Tagen feiert der Faszismus zum zweitenmal den Marsch auf Rom und lodernd wird das Bekenntnis zum Liktorenbündel zum Himmel schlagen. Faszisten aber, fo erzählen uns ihre Gegner, haben es erst kürzlich fertiggebracht, während der Messe in eine Kirche einzudringen und auf heiligem Boden das Spielen ihrer Sturm­hymne zu erzwingen. Mussolini hat nicht mehr alle radikalen Elemente in der Hand. Er müßte mit Karabinieri und Soldaten den päpstlichen Trauerzug schützen lassen.

©ieften und Wieseck.

Weitere Antworten auf unsere Rundfrage.')

Bürgermeister Schomber, Wieseck:

Auf Ihre Einladung fühle ich mich veran­laßt, auch meine Stellungnahme bezüglich des Themas Gießen und Wieseck zu unter­breiten.

Mit guten Worten haben die beiden Bericht­erstatter die Vorzüge der elektrischen Dahn so­wie die Eingemeindung überhaupt geschildert.

Woran die damalige Erbauung der Dahn hauptsächlich scheiterte, will ich heute nicht er­örtern, sondern ich will die Aufmerksamkeit dar­auf lenken, was die Verbindung einer Dahn, wenn es auch nur eine Elektrische ist, für einen Ort und die in Frage kommende Stadt bedeutet.

Wit Leichtigkeit können wir das Zentrum der Stadt erreichen und ebenso leicht ist es um­gekehrt, daft die von drauften zu uns kommen fönnen. Zu diesen allgemeinen, ich möchte sagen, mehr idealen Vorzügen gesellen sich eine Reihe wirtschaftlicher Vorteile von allergröftter Be­deutung.

Mein Hauptaugenmerk ist, daraus zu achten, daft ein lebhafter, lohnender Güteraustausch für die Folge zu erwirken ist. Wie und in welchem Rahmen ein solcher Verkehr sich bewegen muh, dürften die späteren Verhandlungen ergeben.

Um die Frage tnieber ins Rollen zu bringen, bedarf cs neuer Fühlungnahme der her in Be­tracht kommenden Vertreter der Stadt und der Gemeinde. Bei den wiederaufzunehmenden Ver­handlungen darf die Linienführung nicht zu viel in den Vordergrund treten, um so mehr, da diele bereits im Iahte 1914 in einer Stadtverordneten- sitzung fest gelegt wurde. Die Hauptsache ist die, daft wir eine gegenseitige Verbindung bekom­men, wobei das Interesse der Gesamtheit aus­schlaggebend sein muft, was dann von der ge­samten Bürgerschaft als ein Fortschritt in der Entwicklung der Gemeinde freudig begrüßt wer­den wird.

Daft die Errichtung der geplanten Dahn für unseren Ort sowie für die Stadt von größtem Vorteil sein wird, davon bin ich völlig überzeugt. Welcher Ruhen allen Schichten der Bevölkerung beiderseitig erwachsen würde, öas läftt sich heute noch gar nicht übersehen, datz aber alle Vor­teile haben würden, des bin ich sicher.

-Ich -hege die zuversicytliche (Sraxirtung, daß Verhandlungen wieder in Gang gebracht wer­den und der Plan sich nunmehr verwirklichen möge.

Bezüglich der Eingemeindung enthalte ich mich jeder Aeutzerung. da diese Angelegenheit erst nach Erbauung der Bahn in den Vorder­grund treten kann. Bei einer etwaigen Einge­meindung kann es für mich nur D ie Frage geben: Welchen Ruhen darf unsere Gemeinde bei einer solchen erwarten, und umgekehrt, wie wird es bei der Stadt sein.

Rektor Dr. Nein, Wieseck:

Ihrer Aufforderung, meine Airsicht zu Lü­ftern zu dem komnmnalpolitiichen ThemaRie­ften und Wieseck', komme ich gerne nach. Ich hoffe, mit meinen Ausführungen die beioen Hauptfragen elektrische 'Bahn und Eingemein­dung weiter klären zu helfen.

Wieseck schreitet mit Riel -nfchritten dem 4. Tausend an Einwohnern zu Es beherbergt also so viel Menschen als 10 Dogelsbe/gdörfchen. Und diese gröftle dörfliche Siedlung der Provinz hat keinerlei Bahnverbindung. Da; ist sicher eine grobe Seltenheit im Jahre 1924. Die fleiftige und äufterst betriebsame Bevölkerung bef efr: fast

) Dergl. Rr. 246 vom 18. Oktober.

Lin Jahr Rundfunk.

Von F. ©ün ft ermann.

(Rachdruck verboten.)

Der Oktober ist der Geburtsmonat Les Deut­schen Unterhaltu.rgsiund unks. Vor ei-tem Jahre begann der erste deutsche Sender seine Tätigleit, 'inb zwar im Vorhause in Berlin Dieser Sender toar auf Veranlas ung Les Staatssekretärs Bre­dow von der Reichspostbehörde eingerichtet wor­den. Auf Welle 400 gingen 12 Konzertstücke Don 89 Uhr abends zu der staunenden Hörern. Bescheiden war der Anfang. Skeptiker und Kri­tiker sanden reichlich Gelegenheit zum Rörgeln.

Vias ist im Laufe des Jahres aus dem Rundfunk geworden?

Man mag zum Unterho-iungsrundfutri stehen die man will. Das eine steht fest: der Rundfunk hat eine Bewegung entfacht, die weiteste Sch ch en unseres Volles umfaßt. Im Salon der elega.r er Srau läftt man sich zum ö-Uhr-Tee die Weifen eines fernen Orchesters gefallen; und in der ctube des Handwerkers, des kleiner Manes, her- chnmell sich abends jung und alt, um eine Opern- Übertragung anzuhören oder einem guten Vor­zug zu lauschen. Gerade aus den Krerfen, d e festen oder gar nicht erschwingen könn en, ein juteä Konzert zu besuchen, hat man _ sich mit Scgeifterung auf den Rundfunk gestürzt. Es dürfte auch ernsthaften Krittlern enrleuch.'en. Letz dieser Hinsicht dem Rundfunk ein Volks tum- -sicher Wert innewvhnt. sofern nur die Sen. er Xeben schmackhafter auch nähr af e Kost d.e en.

Staatssekretär Dr. h. c. Bredow, der der eigentliche Schöpfer des Rundfunkes in Deutsch­land ist, gab vor wenigen T»grn dir Zah! der angemeldeten Teilnehmer au, 350 000 an, dazu kommen die Familienntt g'.ieder, so datz täglich etwa 1 Million Volksgenossen durch den Rund- sunterbaut, erfreut oder hin und wieder geärgert werden. Diese Zahl, die eher zu niedrig als zu hoch gegriffen fein dürfte, umfaßt nur bie angemclbctcn Teilnehmer Es ist jedoch offenes Geheimnis, daß es eine sehr große Zahl von sogenannten Schwarzhörern gibt, die nich allein die Postbetzord- um den gewiß nicht uncr chwing- lichen Monatsbeitrag von 2 Mark bring m so i° bern die durch felbftg;baute, un achgemLße Appa­rate oft die Ursache unangenehmer 6törun.;en sind. Der Kampf gegen öie'e Schwarzhörer ist lebhaft im Gange; es ist zu wünschen, daß er Wandel schafft

Das eigentliche Funkwesen das erst all­gemeine Bedeutung erlangte, als es der großen Malfe zugänglich gemacht wurde ist natürlich erheblich älter als der ülnterhaltungsrund- funk. Vorher diente das Funkwesen lediglich nrili- tärischen Zwecken. Marconi, der die elettro- maanetischen Wellen zuerst in ihrer Auswertbar- keit erkannte, hatte keinen geringeren spian aI3 alten Enden der Erde seine Stationen zur Ter bin» bunq mit dem gesamten Schiffsverkehr zu errichten und so ein Monopol in die Hände zu bekom- men Beinahe wäre ihm das auch gelungerr Er hatte Anweisung erlassen, keinem Schrfte Mtt- teüung zu geben, das nicht mit seinen 3rrftru-

austchließlich auS Industriearbeitern Die vor­handenen Kleinbauern stellen beinah: aus jeder Familie ebensalls der Industrie oder dem Ver­kehr Kräfte zur Verfügung, weil sie zum Teil auf dem durch fortge'etzte Teilung verlleii«rten Besitz ihr volles Auskommen nicht mehr haben. Damit will ich sagen, daß Wieseck nicht zu ver­gleichen ist mit einer gleichgroßen Siedlung etwa im Vogelsberg oder in der Wetterau, wo ein hoher Prozentsatz der Devöllerung an Ort und Stelle sestfthi und im Heimatdorfe selbst den Un­terhalt verdient. Aus unter;m Dorfe find Tag für Tag mit absoluter Gewißheit (und daS ist bei einer RentabilitätSberechnu ig von ausschlag­gebender Bedeutung» rund 2000 Men'chen un c - wegs zur Stadt und zurück. Und trenn von diesen 2000 nur ein kleiner Bruchteil die elektirche Bahn benutzt, so ist nach meinem Dafürhalten ein Fehl schlag von voncherein ausge ch offen. Es ist bei dem Bau der Bahn hierher doch keinerlei technische Schwierigkeit zu überwinden, keine Uebersührung über andere Bahnanlagen, kein Brückenbau, feine Straßen Verlegung, keine Er­weiterung des Kraftwerkes, kein Kauf neuer Wa­gen, keine Einstellungneuen Personals, rein gar nichts, als der einfache Sireckenbau auf der Strafte. Mich wundert nur. datz die Stadt Gieften die ge­schäftliche Gewinnmvglichkeit, die in einer kon­kurrenzlosen Straßenbahn hierher liegt, nicht schon längst ausgenutzt hat. Anders wäre es, wenn auch die Staatsbahn an unserem Dorfe vorbei- liefe. Dann würden vielleicht die sehr zahlreichen @ifcnbafrnangcftclltcn, die hier wohnen, diese be­nutzen, um sofort zum Dahihof Gießen zu ge­langen. Die Verlegung der beiden 'Bahnstrecken nach Fulda und Gelnhausen, die ja sicher mit der Steigerung des Automobilverkehrs lommen muft, wird unserem Dorf auch eine Eisenbahn bringen. Ich habe den festen Glauben, daft wir trotz aller Hemmungen von außen einem neuen Ausstieg entgegensetzen. Es ist nicht abzustreiten, datz wir bei alter Kapital- und Wirilchaftsnot soeben eine rasche Aufwärtsentwicklung des Auto­mobilverkehrs erleben. Sie wird bei Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse sicher bald noch ein viel schnelleres Tempo annehmen. Das ist etwas, was mit Sicherheit für uns in der Luft liegt. Vor 20 Jahren hätte niemand von uns zu hoffen gewagt, daß 1924 fast jedes Dorf un­seres Vaterlandes TBafferkitung und elektrisches Lich'. hätte. Heute ist es Tat ach:. Und so werden wir heute in 10 Jahren eine ganz andere Zahl von Autornobllen in Deutschland haben. Dann aber wird der hemmende Bahnübergang an der katholischen Kirche eine Verkehrs technische ilnmcg- lichkell werden. Dann bekommen wir Wiesecker auch die Eisenbahn. Aber darüber brauchen wir uns heute den Kopf noch nicht zu zerbrechen. Viel wichtiger und von viel höherer Bedeutung für unser Dors ist im Augenblick die elektrische Stratzenbahn, denn sie führt urS sofort ins Herz der Stadt und unsere Arbeiterschaft zu ih.en Arbeitsstätten, und zwar viel besser, als Has die Staatsbahn tun würde.

So wie eben die Straßenbahn m Gieften liegt und läuft, ist ihr Akttonsradius zu flein. Haupt­lebenszentren der Stadt wie Kliniken und Uni­versität sowie volkreiche Vororte erfaftt sie ja gar nicht. Ich erinnere hier an das Vorgehen anderer Städte, z. D. Darmstadts, das eben im Begriffe ist. die chemische Groftindustrie Merck mit ihren über 2000 Arbeitern dem Retze der städttschen Straßenbahn anzufchließen. Eberstadt ist bereits verbunden, und die Stadt plant schon lange eine Erweiterung nach Süden, die Berg­straße entlang. Ich bin fest überzeugt, daft diese elektrische Linie an der Bergstraße den gesamten Lokalverkehr von der Staatsbahn ablenken wird.

Die Einwohner von Wieseck firtt> sich über den Wert einer elektrischen Bahn friert er alle im klaren. Der Arbriter würde am Morgen zur Arbeitsstätte und am Abend von ihr zurück je eine halbe Stunde, also eine dolle Stunde Zeit des Tages gewinnen. Die stellt für ihn einen wirtschaftlichen Wert dar, der nicht zu unterschätzen ist Das Schuhwert würde geschont, und die Ge­fahr einer Erkrankung durch no'feä und kaltes Wetter würde wesentlich reduziert werden. Wenn die Stadt einen wirtschaftlich möglichen Fahrpreis anseht, dann werden nach meiner festen Ueber- zeugung beide Teile Gieften und Wieseck auf ihre Kosten kommen.

Vor einem Jahr verbot sich die Ausführung eines solchen Projektes von selbst. Die Gemeinden bekamen nur entwertete Steuern und waren finan­ziell in schlimmster Lage. Run hat sich aber das Blatt vollkommen gewendet. Jetzt haben die Ein­zelindividuen ihr Vermögen, die Gemeinden und Städte ifrre Schulden verloren. An den Kom­munen ist es jetzt, die richtige wirtschaftliche Ein­stellung zu beweisen. Städte und Gemeinden dür­fen nach meiner Ansicht eben keine Kapitalien an- lammeln. D e verfügbaren Gelder müssen hinein in die Wirtschaft, um sie zu befruchten. Das Bauen aller Art muft ermöglicht werden, um so mtt diesem Schlüssel allen anderen Industrien und Ge­

werben neue Entwicklung zu bringen. Der einzelne ist jetzt nicht oder nur selten in der Lage, für größeres aufzunedmendes Kapital die notwendige Sicherheit zu bieten. Die Gemeinden und Städte aber können es fast alle auf Grund ihres 'übalb- besitzes Und hier liegt eine moralische und wirt­schaftliche Verpflichtung für sie vor. Wenn der einzelne eben nicht bauen lann. so sollen es wenig­stens Gemeinden und Städte tun Der Bau der elektrischen Bahn nach Wie eck wäre ein kleiner, aber immerhin wertvolle'. Anstoß für die Wirt­schaft des Gießener Bezirkes, eine gröbere Anzahl Arbeitsloser könnte eine längere Zeitspanne loh­nende Beschäftigung haben.

Der Dau der elektrischen Straßenbahn hierher würde auch rasch die zweite aufgeworfene Frage der Eingemeindung beantworten. Eine normale Aufwärtsentwicklung der deutschen Wirtschaft vor­ausgesetzt. nehme ich bestimmt an. daß die zwischen Gießen und Wiefeck liegende unbebaute Strecke rasch sich mit Wohnbauten schließen würde, denn gerade das zwischen den beiden Siedlungen Itc- gende Gelände gehört zum schönsten und günstig­sten Bauterrain, über das die Stadt verfugt. Es ist sehr guter, stets hochwasserfreier Boden, der zum großen Te 1 mit Dränage versehen ist. DaS ganze mächtige Geländestück neigt im größten Teil leicht nach Süden. Ich sehe gerade in diesem Ge­lände eine ideale Stelle für die Anlage einer Gartenvorstadt mit Einzelwehn fra ufern. Die Straße nach Wiefeck hat bereits Wasserleitung. Die An- läge von Querstraßen zwischen der Straße nach Wieseck und der Marburger Straße stieße nir­gends auf die geringste Schwierigkeit Diese Wohn­lage hätte den Blick aus das schöne Wiesecktal mit dem einzigartigen Wiesengrund. Mit ein paar Schritten wären die Anwohner nach Rorden auf der Marburger Straße, um kKts Lahntal mit seiner schönen Berg- und Durge.isilhoiuitte zu ge­nießen, oder nach Süden brauchten sie wenige Schritte zum Philosophenwald.

Für eine Eingemeindung von Wiefeck sehe ich keinen einzigen zwingenden Hinderungsgrund. Wieseck ist zwar freute noch vollk)mmen dörflichen Charakters. Das ist an sich kein Schaden und würde sich dazu rasch ändern. Alle kommunalen Anlagen find für dörfliche Derhälttafse genommen in guter Verfassung. Die Straßen sind nun alle ausgebaut. Die Gebäude, die sich im Besitze der Gemeinde befinden, sind alle in gutem baulichen Zustande, ilnferc Feldmark wird soeben bereinigt. Die Schule ist nahezu ausgebaut und erfordert für die nächsten Jahre keine hohen Aufwendungen. Ja, wir sind sogar in der glücklichen Luge, in einem guten ehemaligen Fabrikgebäude ein ver­fügbares Reservoir für weitere sechs Schulsäle zu besitzen. Unfcr immerhin nicht zu verachtender Waldbesitz schließt sich hinter dem Trieb sowohl wie am Hangelstein unmittelbar an den Wald- besih der Stadt an. Gießen würde alsdann zu den hessischen Gemeinden mit dem höchsten Waldbesitz zählen. Der große Vorteil, der in einer möglichst frühen Eingemeindung von Wieseck läge, wäre der, daß alle Maßnahmen von da ab getroffen würden mit dem Ausblick auf größere und weitere Derhältnisfe, und daft wir dabei stets in allen Dingen fachmännische Beratung hätten, die wir eben in unseren dörflichen Verhältnissen schle^er- dings nicht haben können.

3 Mk. 37 Pfg.

kostet ein selbstgebackener

MM-Wen

nach folgendem

Oetker-Rezept:

500 g Weizenmehl.......ca. M. 0.24

250 g Korinthen.......ca. ,, 0.50

50 g Zitronat (Sukkade) . . . . ca. ,, 0.40

100 g Rosinen........ca. ,, 0.25

250 g Margarine, Pfd. ca. 0.90 ... 0.45

200 g Zucker, Ptd. ca. 0.45 .... 0.18 »

6 Eier, St. ca. 0.19....... 1.14

1 Tasse Milch........ca. ,, 0.08

2 Teelöffel voll Zimt.....ca. 0.05

1 Päckchen Dr. Oetker'»Backm" . . ,. 0.08 TI5f

Ziihoroi+iinri- Die butter rühre schaumig, gib uoereiTung. Zucker> Ligeld Mehl, dieses mit dem Backin gemischt, Milch hinzu und zuletzt die Ko­rinthen, Zitronat, Rosinen, Zimt und den Eierschnee. Fülle die Masse in die gefettete borm und backe den Kuchen ui etwa l'/i Stunden. 1832ss

Verlangen Sie vollständige Rezeptbücher in den Geschäften, wenn vergriffen, durch Postkarte gratis und franko von Dr. A. Setter, WrnMelNrlk. Blelelelö Eingetretene Preisschwankungen sind zu berücksichtigen.

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menten ausgerüstet war. Das Funkwesen wäre völlig in die Hände Englarrds, geraten. Auch deutsche Schiffahrtsgesellschaften wären schon in den Ring eingeschlossen. Hier setzte die Arbeit Bredows ein. Mit Hilfe der Hamburg-Süd- amerika-Linie gelang es, Bresche zu schlagen. Rach wenigen Jahren war es möglich, eine den t- s ch e Organisation zu schäften, die sich über die ganze Erde erstreckte.

Das war besonders wichtig, da Englartd es verstanden hatte, den Erdball mit einem Kabel- netz zu umspannen. Die Säulen Englarrds waren tatsächlich seine Flotte urrd das K a fr e l n e h. Deutschland begann zwar auch, Kabel zu bauen, und schuf die Verbindung mit Südamerika, mit dem Osten. Aber der Anteil Deutschlands am Weltkabel betrug doch nur 8,3 vom Hundert, der Anteil Englands dagegen 54 vom Hundert. Trotz dieser Sachlage wurde es in Deutschland vor dem Kriege versäumt, das Funkwesen genügend aus­zubauen. Welche Bedeutung die Gegner Deutsch­lands den wenigen Stationen des Deutschen Rei­ches beimatzen, geht daraus hervor, daß sie bei Ausbruch des Weltkrieges die erdenklichste Mühe darauf verwandten, die deutschen Funkverbindun­gen in ileberfee mit großem Aufwand von Streit­kräften zu zerstören.

1919 ging man in Deutschland daran, Funk­verbindungen mit den wichtigsten Ländern her­zu stell en Heute ist das Funkwesen bereits stärker ausgebaut als vor dem Kriege. Verbindungen be* ftefjen mit fast allen Ländern Europas, aufter- dem zwei mit den Veretmgten Staaten, eme

mit Südamerika, eine mit China, eine mit Togo Aber nicht nur dem Fernhören. auch dem Fernfprechen ohne Draht wendet man be­sondere Aufmerksamkeit zu. ilnö da ist gerade dieser Tage ein Ersolg zu verzeichnen gewesen, der bahnbrechend sein dürfte. Wie Staatssekietär Dredcw in einem Vortrage nrittrilte, ist es am 14. Ottcbcr 1924 gelungen, ein Gespräch zu führen mit einem Dampfer auf See, nämlich mit dem von Bremen ausgefahrenen DampferSierra Morena". Don Berlin aus wurde er drahtlos an­gerufen und zur Antwort aufgefordert. Deutlich vernehmbar konnten die in Berlin in der Reichs­post versammelten Gäste durch Lautsprecher die Antwort frören: .Hier Sierra Morena". Der Ausbau dieser Erttndung ist nach Bredows Aeußerung lediglich nur mefrr eine Geldfrage. Auch Versuche mit l)-Zügen sind im Gange.

Wir sehen, der Llnterhaltungsrundfunk ist nut ein Zweig des weit verästelten Funkwesens. Wer noch vor einem Jahre, als von Berlin aus die ersten Konzerte auf unvollkommenen Sendern, unvollkommenen Empfangsapparaten mitgeteilt wurden, die heutige Entwicklung propheze.! hätte, wäre ungläubigen Hörern begegnet Obgleich das Furrkwesen bereits ein Viri:t:ljahrhundert alt ist, haben wir doch alle das Gefühl, als stecke es noch in den Kinderschuhen. Die technischen Mögllch- fetten lind längst nicht erschöpft. Was freute mit dem fahrenden Dampfer gelungen ist. fann morgen mit dem O-Zug. übermorgen mit dem Luftschiff geschehen. Die eleltromagiletiia-en Wellen smd noch längst nicht all ihrer Geheimnisse beraubt