vr. joo
Erscheint täglich, nutzer Sonn- und Feiertags, mit d. Samstagsbeilage: GietzenerFamiliend »ärter
Monatr-öezvtzrxreir:
2 Boldmark u. 20 Gold- pfennig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. Fernspre ch-Anschlüsse: für die Lchriftleitung 112; für Verlag und
Geschäftsstelle 51.
Anschrift für Drahtnachrichten: AnztigerSiehe».
pok>sche<ttonto:
Frankfurt a. DL 11686.
Erstes Blatt
K4- Jahrgang
Dienstag, 29. April 1924
SietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheflen
VrvS md Verlag: Vrühl'sche Univerfitätr-Vuch- unö Sklnörndcrei R. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schnlstrahe Z.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer big zum Nachmittag vorher ohne jcdeVerbindlichdeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich8, auswärts 10 Goldpfennig; für Re- Klame-Anzeigen v 70mm Breite 35 Doldpfennig, Plohvorschrift 20°,, Auf- schlag. - Verantwortlich für Politik u. Feuilleton: Dr. Friedr. Wilh Lange; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Deck, sämtlich in Gießen.
Wie sieht es in der sozialistischen Arbeiterbewegung aus?
Dom Gewerkschaftsvorsitzenden Georg Streiter, Berlin.
Die Sozialdemokratie befindet sich in einer verzweifelten Lage: das einst machtvolle „'Holl- wert dec Arbeiterklasse", die sozialistischen Eewcr.'- schäften brechen immer mehr und mehr zusammenl Offiziell wird zugegeben, daß der Verlust an Mitgliedern im Hohe 1923 über ll/a Millionen betragen habe! Danach kann man ungefähr die wa hre Ziffer errechnen. Die Düsel.>o.fer sozialistische „Dvlksstimme" schreibt über den elenden Zusammenbruch des Generalstreiks wegen der Arbeitszeitverlängerung: „Diese Gewissenlo- J i g k e i t hatte verhängnisvolle Folgen. Enl- äuschuug, Verärgerung und Mutlcs gleit macht- n sich breit, und die schamloseste Hetze gegen die Gewerkschaften bewirkte als einzigen (S.fclä dieser kommunistischen „Klassenkampfpolitik", Laß die Zahl der Mitglieder von 29 003 auf 4000 sank." Don Essen meldet die „Volksstimme", Daß. die Zahl der dortigen Mitglieder des sozialistischen Me'allar^iterverbanLes von 21 003 auf 6030 gesunken sei!
Der „Zimmerer", ebenfalls ein nicht gerade sehr zahmes sozialistisches Gew.'rkschaftsblatt, schreibt ganz offen: „Die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung sich inm tt: b r bevor!" Das darf natürlich nicht sein, weil, ja weil damit „dem frechen Vordringen der Reaktion" kein Hall geboten werden kann. O, ihr ahrrungs- losen Engel! 3hr hattet ja niemals den Mut, tonfcquenT zu fein! Jetzt Wach en die kommuni- sttfthen „Zellenbauer" in den G< weich chafbm übermächtig an, und man ruft: Haltet den Dieb!
Wenn es nicht so urrsagbar traurig wäre, zu sehen, wie die d.u sche Arbe.te.schäft sitz reg n° fettig zerfleischt, man könnte über uüs, was die sozialistischen Vorstände der Gewerkschaften zur Bezwingung des kommunistischen Ansturms tun, die bittersten Satiren schreiben. Die einen versuchen es mit süßen Lockungen, indem sie (wie es z. B. die roten „Gemeindearbeitec" tun) sagen. Last daS kvmmunistifche Programm an sich gar «nicht so übel sei, man könne mit ihm in Preußen 3. B. die Hebammenreform sehr nett durchführen. Dec Himmel bewahre uns vor den kommunistischen Versuchen auf dem Gebiete der Vvlkswohlfah.tS- pflege! Die anderen Arbeiterführer aber wagen Kops und Kragen, indem sie in den Gewertschafts- blättern — schimpfen, bis sie in der nächsten Generalversammlung des Verbandes nicht mchc wiedergewähll werden, llnb wie sie schimpfen! .Kommunistische Lümmelei", .Vecräterardeit", „Verbrecher sches Treiben", „Wirrt pfe uno Quertreiber". Man wirft sich auch gegen, eilig Unter- fchlagung von Gewertschasts- un» Streikgeldern vor. Die Lektüre der fozialistischen Gewerkschafts- blätter gehört wirklich nicht zu den angenehmsten Beschäftigungen.
Mer steckt nun eigentlich hinter den „255irr- köpfen und Quertreibern" ? Es ist längst erwiesen, Last die tommunistische Partei als solche die Zerstörung dec Gewerkschaften alß solche betreibt und nameittlich betrieben hat, als die Por.ei allgemein verboten war. Das geht u. a. deutlich aus einer Entschließung dec kommunistischen Partei hervor, in der es u. a. heistt: „Die bevorstehende Arbeit kann nur dann erzeig- reich geleistet werden, wenn jedes Parteimilglied diszipliniert den Weisungen dec Partei folgt. Das vereinzelle Herauslaufen von Parteimitgliedern ans den Gewerkschaften desorganisiert die Be- wegung, macht die Oppvsllion und die Partei aktionsunfähig und erleichtert zum Schaden dec gesamten Arbeiterklasse txn Reformisten ihre De- räteracbeit. Kein Parteimitglied hat das Rechst die freien Gewerkschaften zu txrLf en, bvr Ile Partei es nicht im Interesse der im Entstehen begriffenen Zndustrieverbände gestattet."
Dec entscheidende Stu>mangriff auf die Stellung der Gewerkschaften soll also noch erfolgen. Die Offeiif.be ist mit Flugblättern, Anweisungen Und Ausrufen vorbereitet Zn wohigeg.i.d.r.er Schlachtordnung stehen u. a. folg nee revolutionäre Kampf forma tronen: D'trie^s eilen, revolutionäre Betriebsräte, K.P.D.-Fraktionen. Rote Gew rk chafcskartelle, Mitteleuropäisches Dur au, LeichSarbeitsausschust, Rcichsausschuß der Betriebsräte. Reichsausschuh der Erwerbslosen, Zwölferausschrh decWe marerKenferenA. Dreier- Immission, Zentralkomitee zur Verteidigung d r gew r schaftlichen Einheit A_s Gene-al a o sunk- ttoniert Ler Zentralvorstand der K.P.D. und ein sehr geheimnisvolles Direktorium Der K P.D. Hamen von Personen, die hinter Liesen „Formationen" stehen, werden nicht genannt
Die Entscheidungsschlacht soll Ende Mai geschlagen wcrüen. Dann wird ein „Kongreß d t revolulwnären Delegierten dec gewe kschasttch organis.ecten und der gewerkschaftlich nich organisierten klassenbewustten AvLeitecichaft" u ter starker russischer Teilnahme stattimden. Dann, ja Lann soll das Ende der „freien“ sozia- listischen Gewerkschaften herbeigeführt werden.
Warten wir ab! Einstweilen versuchen die nicht gerade sehr tapferen und entschlossenen sozialistischen „Führer" der Gewerk chr-ftm th ©.* fahr durch den 1. Mai zu bannen: „<38 ist für die deutsche Gewerk chastsbewegurg eine Ehrensache, am 1. Mai ds. Zs. mit tesv:rderer (S n- rnütigkeit und Entschlossenh.tt für Len Achtstundentag zu demonstrieren!" „Würdig' soll das geschehen. Wir werden ja sehen, ob Die Kommu- !nisten inzwischen vergessen haben werden, Latz
Die Pariser Konferenz.
PoinearLs Besprechung mit den belgischen Ministern: Die französisch-belgische Solidarität.
Paris, 28. April. (Wvlff.) Dir französisch- belgische Ministerbesprechung am Quai d'Orsay hat um 10 Alfyr begonnen und bis 12 51t)r 10 Min. gedauert 3m Anschluß an die Besprechungen fand ein Frühstück statt, an dem außer Poincare und den Ministern noch teilnahmen: der belgische Botschafter Baron de G r i f s i e r d H estroy , der erste und der zweite belgische Delegierte in dec Repacationskvmmision, Delacroix und G u t t, Finanzminister Francois M a r s a l, Minister für öllentliche Arbeiten Le Lrocquec, der erste und der zweite französisch Delegierte in der Repacationskommission, Ba rthou und M a u c l a i r e, Ministe ialüirektvc Perretti della Rvca vom Quai d'Orsay, dec französische Delegierte in Ler Rheinlairdkommission T i r- ard usw.
Ministerpräsident TheuniS erklärte beim Verlassen des Quai d'Orsay den Journalisten, es habe sich lediglich um eine vertrauliche Besprechung der drei Minister gebandelt, bei der weder Sekretäre noch Stenographen zugegen gewesen feien. Rach der „3nh>rmation" ift erklärt worden, Latz es geradezu lächerlich sei, von Vermittlung zu reden. Es handele sich um einen Höflichkeitsbesuch, den auch die englische Regierung völlig in dec Ordnung gefunden Habe. Belgien bekunDe er seine Solidarität mit Frankreich, aber man könne natürlich nicht von ihm verlangen, Latz es feine besonde.en 3nteressen au&er acht lasse. Die Minister seien lediglich zu einem Meinungsaustausch allgemeiner Art gekommen, bei dem Beschlüsse nicht zu erwarten seien.
Eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Regierungen bestehe nicht Belgien sei Ebenfalls der Ansicht baß die Reparations- kommission handeln solle. Es denke in keiner
Werse daran, daS Ruhrgebiet zu raumen.
Sicher bedürfe es zur Durchführung des Sachverständigenplans der Wiederherstellung der deutschen Wirtschafts- unö Verwaltungsfreiheit. Sie solle allmählich erfolgen. Dieses und die 800-Millionen-Anleihe seien die Hauptvorteile, die von vornherein Deutschland geboten würden. Aber sie müßten auch für Frankreich und Belgien die Garantie für die buchstäbliche Erfüllung des Planes seien. Die Abänderung gewisser Bestimmungen der Sachverständigenberichte komme überhaupt nicht in Betracht Durch die offiziellen Antworten der Regierungen sei deren Standpunkt in dieser Beziehung bekannt. 3n dem Bericht gäbe es manches, was den Belgiern nur halb gefalle.
Wenn aber jeder an- einem solchen Bauwerk seine petsöulichen Retuschen anbringen wollte, so wurde mau niemals zu seiner Aufrichtung kommen.
Der „3ntranfigeant“ will erfahren haben, daß in der Besprechung die belgischen Minister ihren Standpunkt in der Reparationsfrage entwickelt hätten und daß Poincare nur von Zeit zu Zeit unterbrochen habe, um aus der französischen Auf- faf.urg heraus die notwendig erscheinenden E i n- wände zu machen. Das Blatt schließt daraus, daß es noch längerer Aus ei nander- setzungen bedürfen würde, um eine Verständigung zu erreichen, die zwar möglich, aber doch nicht Tatsache sei. — Das „Echo de Paris" berichtet, daß die Konferenz sich am Vormittag über einige Allgemeinheiten der französisch-belgischen Politik im Ruhrgebiet bewegt habe, während am Rachmittag im Beisein von Be - amte n und Sachverständigen einige spezielle Gegenstände zur Erörterunggekommen seien. Rach Dem „Petit Parisien" habe man sich leicht über die Rotwendigkeiten geeinigt, die Re- varationskommission handeln zu lassen, die ja damit beauftragt sei, die zur Ausführung der Sach, erstäniigenpläne notwendigen Maßnahmen vorzubereiten.
Man habe ferner entschieden, daß die wirtschaftliche Räumung des Ruhrgebiets nicht die Zurückziehung der Truppen in sich schließe, die, wenn auch herabgesetzt und in weniger sichtbarer Form bis zu dem Augenblick doch zu verbleiben hätten, in dem Deutschland seine Verpflichtungen erfüllt habe.
Andererseits aber könne die wirtschaftliche und administrative Einheiet Deutschlands nach den Wünschen der Sachverständigen progressiv wiederhergestellt werden, aber er st nachdem der Plan Dawes in Ausführung be- griffen sei. Dir französisch-belgische Cisen- a h n r e g i e müsse in das allgemeine Eisens bahnnetz aufgehen, aber alle wichtigen Dispositionen müßten getroffen werden, um die Sicherheit Der französisch-belgischen Truppen zu gewährleisten. Das allgemeine Sanktionsprogramm fei entgegen der allgemeinen Meinung nichtaufgeworfen worden. 3n dem Augenblick, in Dem die militärische Besetzung als die beste der Sanktionen beibehalten werde, habe man es nicht für notwendig gehalten, über andere Sanktionen zu verhandeln, die im Falle einer Verfehlung in Erscheinung treten sollten. Rach dieser Richtung hätten die Minister an das ©ommunique einer vor angegangenen franz.-belg. Konferenz erinnert, in dem die ständigeSoli- Parität Frankrei chs und De lgiens in der Ruhrfrage festgestellt worden sei. Der „Pettt Parisien" glaubt zu wissen. Laß, Die Frage der interalliierten Schu Iden im Laufe Der Verhandlung nicht aufgeworfen worden fei. Rach dem „Reuyoct Harald" sollen zwei Beschlüsse gefaßt worden sein. Man habe beschlossen:
1. die von den Alliiierten gemeinsam im Falle einer deutschen Verfehlung durchzufüh- renden Strafmaßnahmen ihrer Art nach festzulegen, bis die Zeit für die wirtschaftliche und eventuell eine teilweise militärische Räumung des Ruhrgebiets käme;
2. daß Belgien und Frankreich im Ruhrgebiet bleiben werden, bis der Plan Dawes zufriedenstellend funktioniere.
Belgien stehe auf Dem Standpunkt, daß, eine vollkommene Wiederherstellung der deutschen wirtschaftlichen Einheit erft erfolgen könne, wenn bestimmt fei, ob der Plan ein unglückliches Experiment fei oder das größte jemals gegründete wirtschaftliche Unternehmen darstelle. Theunis gehe von Dem Gedanken aus, daß es nach den französisch-deutschen Wahlen möglich sein werde, die tolitische Sette Les Dawesplanes von bei en Setten mit größerem En'gegenkomm m zu regeln. Die französische und belgische Regie.ung tourten wahrscheinlich ihre Vertreter in der Reparations- kommission dahin anweisen, die technische Organisationen, die Der Plan Dawes vorsehe, so rasch wie möglich zu vervollständigen und Die Bankiers zu Drängen, bei Der Vorbereitung Der ersten Anleihe von 800 Millionen Go IDmark keine Zeit zu verlieren.
Macdonalds Politik.
London, 28. April. (WTB.) Premierminister Macdonald sagte in einer Rede in seinem Wahlkreise Aberavon in Wales, er wünsche keinen Zweifel darüber $u lassen, daß er den Bericht Der SachverstänDigen als eine günstige Gelegenheit für eine Regelung unD für ein Ueber- einkommen ansehe. Er selbst habe nicht Die Absicht, eine einzige Möglichkeit zu verlieren, Den Bericht der Sachverständigen zur Geltung zu bringen, und er hege den Wunsch, daß Frankreich an seiner Seite stehen möge. Einige Blätter sprächen von einer Isolierung Frankreichs. Richts wünsche er so wenig wie das. Er habe im Gegenteil den Wunsch, Seite an
Seite mit Frankreich zu stehen.
Vor allem würde er gern Poincare zur Kenntnis bringen, daß Frankreich, soweit feine
Sicherkeit in Frage komme, keinen besserer» Freund in England habe als ihn selbst. Gr sei überzeugt, daß Die Berichte dec SachverstänDigen im Zusammenhang mit den Lehren der letzten vier Jahre Frankreich Dazu bringen würden, zu erkennen, daß Der Weg zu einem neuen Frieden nur betreten werden könne durch treue Kameradschaft, durch Zusammenarbeit mit Belgien und Den kleineren Rationen und dadurch, daß man Deutschland eine wirkliche Möglichkeit gäbe, eine Verpflichtung zu übernehmen und sie zu halten. Er habe Die Absicht, sein Bestes zu tun, diese Politik ohne irgendwelche Winkelzüge vermittelst einer offenen und klaren Politik auszuführen.
Eine Besprechung PokncarSs mit Macdonald.
Paris, 29. April. (WTB) Die „Chicago Tribüne" behauptet zu wissen, daß höchstwahrscheinlich Poincare in den nächsten Wochen zu einer Besprechung mit Macdonald nach London reifen werde. Diese Fühlungnahme werde das Vorspiel sein zu einer allgemeinen Konferenz der Inteca l ierten. Dasselbe Blatt bringt die offenbar allein Dastehende Rachrichtz daß Marschall F o ch gestern befragt worden sei, wie Die wirtschaftliche von der militärischen Be- sehutzg im Ruhrgebiet zu scheiden sei und inwiefern Die Alliierten ihre Zugriffe auf Die Eisenbahnen Des Ruhrgebiets und des Rhein- landes lockern, ohne sich Schwierigkeiten bei Der BeförDerung Der Truppen und der Zufuhr für sie auszusetzen.
Die deutschen Mitglieder der Gutachtenorganisationen.
Paris, 28. April. (WTB.) Die Krieg* lastenkommisfion hat Der Reparationskommisfton heute nachmittag eine Rote überreicht, in der die Mitglieder Der verschiedenen Organismen bezeichnet werden, Die die deutsche Regierung ernannt hat: Für Die Eisenbahngesellschaft Staatssekretär Dr. Bergmann sowie Den Staatssekretär vom Aeichsverkehrsministerium Vogt, für Die 3nDuftrieobligationen als Vertreter der Regierung Den Staatssekretär im Reichswirt- schaftsministerium Dr. TrenDelenburg, für Die 3nDuftrie Geheimrat Dr. 2 uecher.
Die Veröffentlichung der Sachverständigengutachten.
Berlin, 28. April. (Wolff.) Zu der Behauptung in Der Deutschnationalen Presse, daß tec erste Auszug aus dem Sachverständigengutachten von de Reichscgieung tendenziös zugunsten des Gutachtens gefä bt woden sei, wird folgendes festgestellt:
Es lagen damals in Berlin erst einzelne Teile des Sachverständigengutachtens vor, und auch diese waren nur lückenhaft und stellenweise verstümmelt. Tatsächlich ist das Gutachten erst zwei Tage später in seiner vollständigen und endgültigen Fassung hier eingegangen. Die Reichsregierung hat bei der Veröffentlichung eines vorläufigen Auszuges in der Pressekonferenz, in Der der Auszug verteilt wurde, ausdrücklich darauf Hinweisen lassen, daß das Out- crchten hier noch nicht vollständig vorliege, daß für Die Vollständigkeit dse Auszuges daher D t o Ver antwo rt ung nicht übernommen werden könne, und daß daher der vorläufige Auszug nicht zur Grundlage für eine endgültige Beratung des Gutachtens gemacht werden dürfe. Die Presse war also über die Sachlage vollständig aufgeklärt, und da in der Pressekonferenz auch Vertreter der deutschnationaleu Presse zugegen waren, kann dieser Sachverhalt auch in den deutschnationalen Parteikreisen nicht unbekannt geblieben sein.
Was Den 3 nhalt Des Auszuges anbelangt so waren Darin im übrigen alle wesentlichen.
nach ihrer Meinung ja gerade Die „Gewcrkschasts- bonzen" Den Achtstundentag „verraten" haben.
Zedenfalls legen diese Vorgänge Im sozialistischen Arbeiterlager Den bürgerlichen Patte:en Die ernste Vecpslich ung auf, mit wachsamem Auge Die weitere Entwicklung Der Dinge zu verfolgen und Dem denkenden Arbeiter dieTocezu vernünftiger Sozialpolitik so weit als möglich zu öffnen.
Eine neue Wahlrede des Reichskanzlers.
Köln a. Rh., 28. April. (WTB.) Reichskanzler Dr. Marx verteidigte in einer Zentrums- Wahlversammlung das Vorgehen Der Reichsregierung, die sich mit Den Grundsätzen des Sach- verständigrnZulachtens einverstanden erklärt habe und bereit sei, sich an den Verhandlungen über Die Reparationsleistungen an Hand des Gutachtens zu beteiligen. Er betonte dabei gegenüber Den Deutschnationalen, daß Die Reichsregierung, Die in ihrer Entscheidung im 3nteresse des Deu scheu Volkes keinen Augenblick gezögert habe, keineswegs eine nur geschättsführende Regierung sei, sondern sich im vollen Besitze Der Rechte eines Reich skabinetts befinDe. Glaubt man Denn — so fragt Der Reichskanzler — man hätte dem deutschen Volke genützt, wenn man auf Die Aufforderung Der Reparationskvm-
mission geschwiegen oder Die Entscheidung hinausgezögert hätte?
Durch die Erklärung der Regierung werde daS Recht des künfiigen Reichstages ke'mes- fallS beeinträchtigt, die notwendigen Gesetzentwürfe zu kritisieren, zu berändern und auch selbst abzulehneu, wenn der Reichstag eine solche Verantwortung auf sich nehmen wolle. Se bstverständlich bedeute die Erklärung keines- we gs eine Anerkennung aller Einzelheiten des umfangreichen Gutachtens. Die Regierung wolle endlich im 3ntereffe des deutschen Volkes selbst wie auch Der ßn* enteftaaten und der ganzen Welt wirtschafllich und finanziell Ordnung im Reiche schaffen. Die Sachverständigen erklärten ausdrücklich, daß das besetzte Ee.iet in wirtschaftlicher, finanzieller und damit selbstverständlich auch verwaltungsrechtlicher Beziehung wieder Der Hoheit Der deutsch-m Reichsregierung unterstehen müsse. Die Erfüllung dieser Voraussetzung der Sachverständigen werde seBstredend auch von der deutschen Regierung mit allem Rachdrr. ck betont und verlangt teer'cn. Une.läßlich sei ferner, baß mit Abschluß des Reparationsübereinkommens auch die A u s g e w i e s e ne n wieder In ihre Heimat zurückkehren und die Gefangenen befreit werden müssen; denn es solle d^ch endlich zwischen Den Rachbarstaaten Frieden werden, um desser.twi len Deutschland zu Den größten Opfern bereit wäre.
Der Reichskanzler wandte sich energisch geaeo den verbrecherischen Wahnsinn derer, DU einem waffenlosen und besiegten Volke Vortäuschen wollten, durch eine Betätigung vou Wut und Tapferkeit könne eS sich die Rettung erringen.
Man müsse sich mit Der Tatsache abstnden, daß F j-rfLeith Aur Zett Die stärkste Militärmacht Der W.lt sei. Die selbst England an Ausrüstungen! mit Flugzeugen und den rnoDernstei Wnffen schm wit überholt habe, während Deutschland alles fehle, womit ein moder ne c Krieg geführt wird. Die Frage, die jetzt zur Entscheidung stehe, fei: Soll Dec von der Regierung beschctttene Weg ttxitergegangen und dadurch eine ruhigere Fortentwicklung zum Desseren gewährleistet werden, oder soll ein andere«, unbekannter Weg gegangen werden, der nach Den 6it er en Erfahrungen der letzten Iabre ganz gewiß sehr schnell ins Unglüd und das deutsche Volk nxb einmal in Die wahnwitzige Flut Der 3nflation stürzen würde? Dec Reichskanzler wies schließlich auf d.e Rotwendig- keit hin. Daß im neuen Reichstag eine starke Mitte vorhanden fein müsse, auf Die sich Die Regierung stützen könnte, um folge.ichtig und ohne Schwanken eine Politik zu betreiben. Die allein zum Wiederaufstieg te3 deutschen Voll^ führen könne. Alle ihre Verantwortung bewußte» Staatsbürger müßten daher dafür sorgen, Daß die MitteIpcrrteien im Reichstag über eine aus-, reichende Mehrheit verfügter».


