Nr. 2l)0 Swettes Blatt Gkehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Vienstag, 26. AvM (924
Eine Ehrenschuld Amerikas.
Don Graf PvsadowSkh.
Für Staatswesen, welche für sich den Anspruch erheben, Rechtsstaaten zu sein, gilt es als Grundsatz, daß Verpflichtungen, die gegenüber o-nderen Staaten von ihrer jeweiligen Regierung über» nvnrmen sind, auch von nachfolgenden Regierun- gen geachtet werden. Der frühere Präsident der Bereinigten Staaten Woodrow Wilson gab wnh- renb dä Krieges über die künftige Behandlung Deutschlands Kahlreiche seine Regierung verpfl ch lende Erklärungen ab. In der Ansprache an den Senat vom 22. Januar 1917 stellte er ausdrücklich fest: ,2ch rede zunächst für mich selbst, und doch rede ich natürlich zugleich auch als das Verantwortliche Oberhaupt einer großen Regierung, und ich bin von der Ueberzeugung durchdrungen, daß ich nur gesagt habe, was das amerikanische Volk von mir zu hären erwartete." Er bezeichnete es als eine Pflicht der Regierung der Vereinigten Staaten, in den kommenden Tagen den Frieden zwischen den Völkern der Welt auf andere, ganz neu aufgestellte Grundlage zu stellen und fügte, an die Senatoren gewendet, wörtlich hinzu- „Sie können sich dieser Dienstleistung mit Ehren nicht entziehen."
Sachlich erläuterte er: „Zunächst muß der Krieg zu Ende gebracht werden. Die Verträge und Vereinbarungen, durch welche dies geschieh', müssen Bestimmungen enthalten, durch welche ein 5rtebe geschaffen wird, den es sich zu gewährleisten und zu bewahren lohnt; ein Friede, der bei der Menschheit auf Beifall rechnen kann, nicht aber ein Triebe, der bloß die einzelnen Interessen und die unmittelbaren Ztele der am Kriege beteiligten Rationen im Auge hat." Er fuhr fort: „Dor allem ist damit gesagt, daß es ein Friede ohne Lieg sein muß. Ein Sieg würde zu bedeuten haben, daß der Friede den Besiegten aufgezwungen würde, daß der Unterlegene sich den De- ornflungen des Siegers zu beugen hätte. Solche Vwingungen können nur in tiefer Demir t i- gung, i m Zustande der Nötigung und unter unerträglichen Opfern angenommen werden. Ru r ein Friede z w i- schenGleichge st eilten kann von Dauer sein — ein Triebe, der seinem ganzen We'en nach auf Gleichheit und auf dem gemeinsamen Genüsse einer allen zugute kommenden Wohltat beruht.
In der Ansprache vom 2. April 1917, in der vereinigten Stt.una der zwei Häuser des Kongresses erklärte der Präsident: „Mit dem deul § chen Volke haben wir keinen Streit. Wir hegen kein anderes Gefühl ihm gegenüber als das der Sympathie und Freundschaft. Nicht aus seinem Antrieb hat die deutsche Regierung diesen Krieg unternommen." Er wi d.rholle d'ele Auf- fassurrg mit den Worten: „Wir sind, lassen Sie mich das noch einmal sagen, aufrichtige Freunde des deutschen Dolles .... so schwer cs den Deutschen für den Augenblick auch werden mag, daran zu glauben, daß dies aus dem Herzen kommt." In Washington bei der öffentlichen Ansprache am sogenannten Fl.rggentage, dem 14 Juni 1917, erkannte der Präsident Wilson wiederholt ausdrücklich an, daß das deutsche Volk diesen Krieg nicht angestiftet oder gewollt habe, noch frohe es gewünscht, daß die Vereinigten Staaten in ihn verwickelt werden sollen.
In Antwort auf die Friedensvorfchläge des Papstes erwiderte am 27. Älllgust 1917 der Staatssekretär der Vereinigten Stellten, Robert Lansing, in Vertretung seiner Regi rang: „Strafende Beschädigungen, Auflösung ganzer Reiche. Schaffung von selbstsüchtigen, exklusiven Wirt- schaftsverbänden erachten wir als untauglich und allen Endes schlechter als wirkungslos, als keine geeignete Grundlage für irgendeinen Frieden und am allerwenigsten für einen dauerhaften Frieden. Dieser muß auf Gerechtigkeit und Einigkeit und auf den gemeinsamen Rechten der Menschheit Auf gebaut werden."
In der jährlichen Botschaft des Präsidenten an den Kongreß vorn 4. Dezember 1917 h ißt es: „Ihr hört mit mir die Stimmen der Menschheit, die in der Luft schweben .... Diese Stimmen beruhen darauf, daß den Krieg nicht in Akten der Rache irgendeiner Art endigen dürfe, daß keine Ration, kein Volk bestraft oder beraubt werden soll . . .. Steer Gedanke ist es, der in der Formel' ausgedrückt wevden soll: Keine Annexionen, keine Kontributionen, keine Strafentschä- bigungen . . . . Wir werden frei sein, den Frieden auf Großmut und Gerechtigkeit zu begründen, unter Ausschluß aller selb st süchtigen Forderungen von Vorteil, selbst auf feiten bes Siegers . . . . Niemand aber bedroht die Existenz oder die IInab* bangigfeü oder die friedliche Unternehmungslust des Datschen Reiches."
In der Ansprache vom 8. Januar 1918 an den Kongreß führte Präsident Wilson aus: „Der Tag der Eroberung und Vergrößerung ist vorbei";
Christiane von Goethe.
Von Alice Freiin von Gaudy.
„Gescholten viel —" doch nicht „viel bewundert" — wie Goethes Helena — lebt Christiane Dulpius, des Dichterheros „liebe Kleine" in der Nachwelt fort. Wenigen Frauen ist so schroffe Ablehnung widerfahren. Wenige mußten ihr häusliches Glück mit so völligem Verzicht auf gesell- schaflliche Stellung erkaufen. — „Gewöhnlich" fanden Christiane die Wohlgesitteten von Weimar. Lind doch hat diese „gewöhnliche" Frau ben außergewöhnlichsten Mann seiner Zeit — vielleicht aller Zeiten — durch 28 Jahre so an sich zu fesseln gewußt, daß er ihr, bis der Tod sie hin- wegraffte, leidenschaftlich ergeben war, daß er sein, Wohl gedankenlos angeknüpstes Verhältnis durch tiefe Treu adelte; daß er Christiane sehr bald dach Beginn ihres Zusammenlebens zu seiner ©atttn, mit allen häuslichen Rechten, eti- hob und schützte. Freilich brauchte der Unabhängige volle 18 Jahre, bis er sich zur Besiegelung des Bundes nach außen, zur kirchlichen Trauung entschloß. Das ist ihm schwer verdacht worden. Unb doch liegt die Erklärung seines Zögerns nicht sehr fern. Eine gesetzmäßige Verbindung mit der jungen Arbeiterin in DertuchS Dlumenfabrik hätte ihm unbedingt die Pforten des Hofes und seiner Gesellschaft verschlossen, und seine Stellung als Staatsminister und „Ge- hetmbderat" erschüttert. Umfo gewisser, als sein Zerfall mit Frau von Stein ihm schon sicheren Boden entzogen. Vielleicht hoffte er. mit der,
gleichzeitig enrpfahl er freien, unbefangenen und absolut unparteiischen Ausgleich aller kolonialen Ansprüche; die Interessen der betreffenden Bevölkerung müßten hierbei ebenso ins Gewicht fallen wie die Rechtstitel der Regierungen ... Die Vereinigten Staaten wünschten nicht, Deutschland zu verletzen oder in irgend einer Weise seinen berechtigten Einfluß oder seine Macht zu sperren; es solle seinen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern der Welt einnehmen. In der Antwort des Präsidenten im Kongreß an den deutschen Reichskanzler vom 11. Februar 1918 heißt es: „Es soll keine Annexion, keine Kriegs st euer, keine Strafentschädigungen geben.“ Er fügte hinzu, daß selb st süchtige Pakte in bezug auf Provinzen und Völkerausgeschlossenfein müßten.
Schließlich faßte Präsident Wilson diese seine Ansichten über die künftigen Grundlagen des Friedens in den bekannten 14 Punkten zusammen. Mit diesen von ihm als Oberhaupt der Vereinigten Staaten abgegebenen Erklärungen vergleiche man die Behandlung, die unter Zustimmung desselben Präsidenten Wilson im Vertrage von Versailles dem deutschen Volke zuteil geworden ist und auf Grund jener Bestimmungen des Friedensvertrages unb zum Teil unter rechtswidrigen Bruches desselben fortgesetzt zuteil wird. Alles, was der Präsident der Vereinigten Staaten seinerzeit als Grundsatz hingestellt hat und was von Deutschland nur allzu vertrauensselig als Unter- Pfand für die Gestaltung des Frixdensvertrages hingenommen ist, wurde in das gerade Gegenteil verkehrt.
Deutschlands wurde eines Teils seinerPrvvm- zen mit überwiegender oder stark deutscher Bevölkerung sowie aller seiner Kolonien beraubt. Uner- trägliche finanzielle Lasten sind ihm auferlegt. Der Feind steht im Lande und übt eine fürchterliche Schreckensherrschaft Die Souveränität Deutschlands ist in Frage gestellt. Das Dawesabkommen fügt dem Friedensverttage von Versailles einen neuen Vertrag hinzu, der unser Vaterland durch unbegrenzte Lasten und auf unbestimmte Zeit zu einem Tributstaat unserer Feinde macht.
Präsident Wilson hat entweder Deutschland diplomatisch getäuscht, um es zum Abschluß eines Friedens wie der zu Versailles zu bewegen, oder er ist unter dem entnervenden @in» flußderPariserZuständezusammen- gebrvchen; jedenfalls ist er schuldig an dem größten Irrtum, dem je ein Volk erlegen ist.
Die Haltung des Präsidenten Wilson erinnert lebhaft an das Verhalten des Kaisers Alerander I. von Rußland nach der Niederwerfung Napoleons im Jahre 1813. Bis dahin hatte der Kaiser treu hinter dem Freiherrn vom Stein, dem großen deutschen Patrioten, uird dessen Programm gestanden; von Paris an begann aber die Verwandlung, wie Ernst Moritz Arndt in feinen „Wanderungen und Wandlungen mit dem Frei Herrn vom Stein" erzählt. „In Paris," so heißt es dort, „war die französische Gewandtheit und ßiftigfeit, welche mit unendlicher Geduld uird Kunst alle Maschinen und Geräte des Trugs für ihre Vorteile aufzuspannen und zu benutzen versteht, sogleich über ihn gekommen ... Sv kam der schlechte Pariser Friede, so die heilige Alianz zustande " Welche Rolle auch weibliche Einflüsse dabei spielten, erzählt Arndt des näheren.
Die Regierung der Vereinigten (Staaten und damit das amerikanische Volk haben durch die Erklärung ihres früheren Staatsoberhauptes eine Verpflichtung übernommen, deren Erfüllung sie sich, um mit Wilsons eigenen Worten zu reden, mit Ehren nicht entziehen können.
Die 'Bereinigten Staaten können gegenüber jenen Erklärungen, die für Deutschland die Grundlage des Waffenstillstandes und der Bereitwilligkeit zum Friedensschluß bedeuteten, sich nicht zurückziehen oder mehr oder weniger neutral abseits stehen; vielmehr haben die amerikanische Regierung und das amerikanische Volk die unzweuel- hafte Verpflichtung, die Zusicherungen ihres früheren Staatsoberhauptes einzulösen und die ungeheure Täuschung, der Deutschland zum Opfer gefallen ist, gutzumachen. Die Vereinigten Staaien können es gegenüber den Zusicherungen ihres früheren Präsidenten nicht zulassen, daß dem Frieden zu Versailles ein zweiter Vertrag hinzugefügt wird, der den wirtschaftlichen und polittschen Fortbestand Deutschlands in Frage stellt und dem deutschen Volk auf Grund des Dawesabkommens Lasten auferlegt, die zu seiner wirtschaftlichen Der- elenbung führen müssen. Jetzt bietet sich für Amerika die Gelegenheit, jene höhere Gerechtigkeit tatsächlich zu üben, die Woodrvw Wilson uns nur vorgespiegelt hat. Das lebende Geschlecht und das Leben der kommenden Geschlechter ist in höchster Gefahr. Möchte das deutsche Volk endlich aus seiner politischen Gleichgülttgkeit erwachen^ und hörbar feine Stimme erheben, ehe es zu spät ist. Ein Vertrag, der über den Inhalt des Friedensvertrages hinaus durch stillschweigende oder ausdrückliche Drohungen erzwungen ist, entbehrt der rechtlichen Voraussetzungen. Schließlich hat die deutsche Volksvertretung oder das Voll selbst das letzte entscheidende Wort!
Zett die Widersacher seines Herzenbundes umzustimmen. Da hatte er sich verrechnet. In.solchen Dingen waren die Weimaraner unerbittlich die zwar ttn Verborgenen alle Verirrungen gelten ließen, aber „öffentlichen Skandal" nicht duldeten. Man machte Dekehrungsversuche an Goethe, Vorschläge. Er brauchte ja nur durch eine „standesgemäße Ehe" feine Beziehungen zu Christiane abzubrechen — — Aber et lächelte nur. Erdachte nicht im entferntesten daran. Er kam nicht los von ihr. Er hatte sie lieb. Wirllich lieb. Sie und das Kind, den lichtblonden, kleinen August. Sie gab ihm Wärme, Behagen, Heimatsgefühl. Sie gab ihm ihre unverdorbene Ingen dfrische, ihr grenzenloses Verttauen, ihre Seele, die noch ein unbeschriebenes Blatt wat. Et hatte in jener Zett der Wandlungen, die Seelen mit allzuviel Inhalt — etwas satt. All' die Geziertheiten und Tiefgründigkeiten und geistreichen Schlaglichter und wohlgezielten, fernen Nadelstiche . . . Vielleicht war es gerade das Derbe, Volkstümliche in Christianens Art, das ihn anzog. Es stach so merkwürdig ab gegen den glatten, gedehnten Hofton. Wie diese beiden grunbnerfdxteixmen Menschen zueinander standen, zeigt eine Fülle von Briefen und Zettelchen, die allmählich aus ben_ Archiven auf- tauchen, herzerquickend in ihrer natürlichen Wärme und unmittelbaren Ausdrucksweise. Goethe war oft abwesend. Er begleitete den Herzog auf Reisen und ins Feld. Er beaufsichttgte die Staate» bergwerke. Er zog sich wochenlang, studienhalber, oder in Vetwclltungsangelegenfreiten, nach Jena zurück. Er brauchte Kuren in Teplih und Karlsbad. Dann flogen die Tauben der Sehnsucht
Brief aus Indien.
Don Dr. Artur Landsberger.
England weiß ganz genau, wo es sich den Luxus gestatten und seine Untertanen in dem Glauben lasten kann, sie seien souverän und der Engländer habe ihnen nichts mehr zu sagen. In Aegypten kann jeder, der will, diese Behauptung zehnmal am Tage hören. In Wahrheit hält England Aegypten, wenn auch nach außen weniger sichtbar als ehedem, fester in der Hand als Indien, wo dem Deutschen noch heute, sechs Jahre nach Friedensschluß, verboten ist, an Land zu gehen. Ceylon macht eine Ausnahme. In diesem Paradies, in dem die Orchideen und Lianen wachsen, tote bei uns die Brombeeren, in dem der Königstiger und die Cobra durch die bunten Steppen streichen tote bei uns das Rotwild, wo die sogenannten weißen Elefanten, die man sonst nur mal in Siam sieht, ihre Heimat haben, dem Deustchen eine Kette anzulegen, hat der Sohn Albions sich doch gescheut. Auch die Traditton sprach wohl mit. Denn der Ruf der deutschen Kolonie in Colombo, so klein sie war, erfüllte vor dem Kriege den ganzen Osten. Und — es klingt heute fast unglaublich — englische Offiziere legten mehr Wert darauf, im Hause des deustchen Konsuls zu verkehren, als im Hause des englischen Gouverneurs. Dennoch ist der Deutsche auch in Ceylon heute noch Paria. Kein Klub, nicht einmal die rein sportlichen, die keinen gesellschaftsichen Verkehr pflegen, nimmt Deutsche auf. Zwar raten die von London geschickt inspirierten Zeitungsartikel (nicht nur des „Colombo Observer") die Atmosphäre endlich zu entgiften (nicht Deutschlaick zuliebe, sondern, tote an langen Zahlenreihen nachgewiesen wird, im englischen Handelsinteresse), aber in Wirklichkeit hallten die fortgesetzten Kriegserinnerungs- feiern und Kriegerdenkmalsenthüllungen — kein Nest ist dafür zu klein — Haß und Erinnerung wach.
Nach Indien selbst aber muß der Deutsche sich hineinschmuggeln; „not allowed to land in Bombay" schreibt ihm die Schiffspolizei in den Paß, ohne zu ahnen, daß Sachsen längst wieder Hunderte von indischen Händlern mit Waren versieht, die dann als indische an Einheimische und Fremde verkauft werden. (Was würde die schöne ©atttn des englischen Gouverneurs sagen, erführe sie, daß der schwere, schwarze Seiden- schal, nut dem sie auf so manchem Feste glänzt, von einer Chemnitzer Firma stammt?)
Auch toerm man nicht das Glück hat, tote mancher ehemals vergnügungsreisende deutsche Dichter, als Gast mil.iardenschwerer Mahaia?- schahs Herden von Weiszen Elefanten un ' schwarzen Dienern zur Verfügung zu haben (iixte ist aber in Iirdien vor dem Kriege zu arnmengelrgen worden!), geht einem doch sehr vald der Geist dieses Landes auf, dessen sinnfälligstes Merkmal Geistlosigkeit ist. Nimmt man die Parsen aus, — jenen zahlenmäßig so verschwindend kleinen Vvlksstaimn, der in Indien das Kapital verkörpert — so erkannt man bald, daß den Millionen Hindus und Mohammedanern England Hekuba ist, daß ihre Interessen itichi auf politischem ober wirlschaf! sichern, sondern religiösem Gebiete liegen. Der seit Jahrzehnten verbreitete Ruf: „Es gärt in Indien!", womit man gern die England drohende Gefahr kennzeichnet, ist in bie.ee Form grundfalsch. Für die nationale Unabhängigkeit, tote sie zum Beispiel Irland erstrebt, stirbt von den dreihundert Millionen Indern nicht der hundertste Teil. Für die Unverlehbarkeit ihrer religiösen Gebräuche sterben dreihundert Millionen mit Lächeln auf den Lippen. Als England den Hindus die Witwenverbrennung verbot — ^ie trotzdem freute noch stattfindet — traf es di: Volksseele stärker, als wenn es weitgehenden politischen oder wirtschaftlichen Zwang geübt hätte. Denn dies Volk (mit Ausnahme der Parsen) ist nicht wie der Europäer kapitalistisch, sondern religiös eingestellt. Im übrigen ist das Schicksal der heutigen überfebertiben Witwen tragischer, als das Ec^ckfal der Witwen war, die im Flammentod ihrem Gatten folgten. Da die Kinder schon im Alter von wenigen Jahren miteinander verheiratet werden, so gibt es Witwen schon im zartesten Kindesalter. Ohne die Möglichkeit, je wieder zu freiraten, werden sie von der Familie und allen aus gestoßen, verachtet unb gemieden. Man kann ihr Schicksal von dem Tage an, an dem sie Witwe wurde, nur als den Leidensweg einer zu lebenslängsichem Steifen Terurlettten bezeichnen. Denn die Form, in der man ihr begegnet, gleicht einem fortgesetzten Dorwurf, daß sie noch am Leben ist. Kein Wunder, daß die unzähligen Freudenhäuser Indiens die Zuflucht die er W t- wen sind. Draußen in der Welt hat sie feine Exist enzberechtigung und -Möglichkeit mehr. Hat man mit dem an sich selbstverständlichen 'Verbot der Witwenverbrennung aber Hunderte Millionen Hindus gekränkt, so werden fte deshalb doch nie zur Waffe gegen England greifen, denn sie firob phlegmatisch und bedürfen der Einwirkung Dritter. Anders wäre es, verböte man den Par-
frin und her mit den zierlich gefalteten Brief- blättchen, und es ist rührend zu sehen, wie eines des anderen Leben errät, burefrbringt und fördert. „Hab mich lieb", schließt Goethe fast jeden dieser Trostgrüße, und Christiane bittet: „Komm' bald zurück!" oder sie beruhigt ihn: „Mir fehlt nichts als — Du!" — Sie war keine Briefstellerrn. In mangelhafter Rechtschreibung, in unfertigem Stil quälten sich anfänglich ihre Gedanken aus der Feder. Wo sollte sie es auch her haben? Aber sie war llug — das bezeugt Goethe immer wieder — und lernte durch Uebang. Auch anderes. 23jäfrrig kam sie ins Haus und bewährte sofort ihren praktischen Sinn. Umsichtig sorgte sie für alles. Fast täglich erschienen Gäste, häufig auswärtige Freunde, die beherbergt werden mußten. Es fehlte nie an etwas. Sparsam und vorausschauend teilte sie alles ein. Die Legende ihrer Verschwendung ist längst als lügenhaft erwiesen. Nie verstimmte sie viele Arbeit, nie entmutigten sie Sorgen, die oft in schweren Scharen kamen, unter denen Goethes zu Gallenübeln geneigtes Temperament sehr litt. Ueber alles siegte ihr Frohsinn, das unverwüstlich Heitere, Lie- k^nswürdige ihrer warmen, lebensprühenden Persönlichkeit. Die Hausfreunde: Herder, Riemers, Eckermann, Heinrich Mayer, Bury usw., die sie genau kannten, schätzten und verehrten sie sehr. Sie war unbegrenzt hilfsbereit und wohltätig. In den schweren Kriegszeiten, wo sie Marschälle als Hausgäste unb bis zu 60 Mann verpflegen mußte, leitete sie alles *fo geschickt, daß Goethe nicht genug des Lobes zu spenden weiß. Ihre Geistesgegenwart rettete ihn 1806 aus schwerer
Ten, die Leiber der Verstorbenen den Geiern «nn Fraß zu lasten, oder man zwänge sie gar, Vfrre Toten zu beerdigen ober zu verbrennen.
würden trotz ihrer Minderzahl, Hindus unb Dv» hammedaner spontan zum Glaubens kämpf gegen die Briten emporzureißen unb Englands Herrschaft in Indien wär? gewesen. Das aber weiß auch England, dessen Stärke gerade darin liegt, daß es die Psvch' ter von ihm beherrschten Döl^ ker kennt und respektiert, soweit Mißachtung mit Gefahr verbunden wäre. Die „indische Gefahr" besteht also in Wirklichkeit nicht.
Genau so unzutreffend ist die immer wieder» kehrende Bezeichnung, baß Indien ..das Land der Wunder" sei. Fakir und Voghi sind unS so wesens- und gcfühlsfremb, baß bie Distanz sie uns tote ein Wundet erscheinen läßt. Man gebe sich boch einmal die Mühe, die verschiedenen Religionen dieser Inder auf ihren ethischen Gehalt hin zu prüfen. Denn das Ethische ist ja wohl das Wesentliche jeder Religion. Diese über die Selbstentäußerung hinaus bis zum Selbstzweck getriebene Askese, vor der Europa staunend unb bewundernd steht, ist letzten Endes doch nichts anderes als grober Unfug. Wallfahrer, die tausende von Kilometern auf der Erde rolend oder auf Sandalen, in die von unten spitze Nägel geschlagen sind, zurücklegen, um zu ihrem Wallfahrtsorte zu gelangen, gehören ins Irrenhaus ober besser ins Arbeitshaus. Das sind „Zerrbilber" ursprünglich reiner Ideen, die von der Masse der Ungebildeten unverstanden unb mißdeutet, nicht verdienten, ernst genommen zu werden, sofern sie vereinzelt bticbcn. Aber hier handelt es sich um Millionen, die fortgesetzt weitere Millionen zu religiösen Monomanen machen unb der produktiven Arbeit entziehen. Diese von den Fremden angeftaamten „Wunder" Indiens haben gemeinsam nur den Schmutz unb die Gedankenlosigkeit unb werden von den Engländern geduldet, weil diese religiösen Fanatiker ungefährlicher sind als die nationalen. Gewiß, es gibt auch solche und die Europäer Heben es, jeden änber, der etwas Laut die nationale Einheit unb Befreiung von bet Bevormundung Englands predigt, als Helden zu feiern. Der Engländer erregt sich darüber nicht. Mehr als einmal schon hat er nationalen Alarm geradezu heraufbeschworen, wenn es galt, eine religiös erhitzte Atmosphäre abzukühlen und auf ein weniger gefahrvolles Gleis zu leiten. Wer in Indien Piäi- tik treiben ober auch nur verstehen will, der muß nicht nur ein guter Psychologe, sondern vor allem ein genauer Kenner der drei wesentlichen Religionen dieses Landes fein. Gäbe es deren viele, so würde sicherlich weniger Unsinn über die der englischen Weltmacht von feiten Indiens drohende Gefahr geschrieben.
Wirtschaft.
Ein holländisches Urteil über die Anssichten der deutschen Anleihe.
Die „Amsterbamsche Crebiet Maatschapptj" schreibt in ihrem Wochenbericht: Die Frage der deutschen Anleihe dürfte nun bald spruchreif werben. Bereits jetzt bildet bie Moglichteit rhrer Placierung Gegenstand breiter Ausführungen. Angeblich sollen in den Kreisen der holländischen Großbanken bereits offiziöse Besprechungen über bie Uebemafrme eines Teilbetrages geführt worden sein. Ob sich aber bas holländische Anlagepublikum bcrcitfinben wird, Mittel zur Verfügung zu stellen, wird nicht nur von den Bedingungen abhängen, zu denen bie Anleihe angeboten wird, sondern an erster Stelle von den gebotenen Garantien. In gewissen Finanzkveisen meint man sogar, die Anleihe hätte in Holland nur wenig Aussicht auf Erfolg, wenn sie nicht, in gleicher Weise toie die österreichische, vom Völkerbund oder von einigen Großmächten selbständig garantiert wird. Leichter als in Holland, so meint man frier, sei die Anleihe in den Der. Staaten unterzubringen, weil dort mehr als hier der Zinsfuß usw. einen Anreiz bieten könne, auch weil drüben, abgesehen von den deutsch-amerikanischen Kreisen, das große Publikum nicht im gleichen Umfange die schlechten Erfahrungen an Markwerten gemacht habe wie die holländischen Anlage- und Spekulantenkreise. Daß aber auch die amerikanischen Bankiers bisher noch keine bestimmten Zusagen gemacht haben, weist toofrl darauf hin, daß auch diese die Lage noch immer nicht als genügenb fundiert betrachten. Die Placierung der deutschen Anleihe würde sicherlich stark erleichtert, wenn tatsächlich die rn Aussicht genommene neue Konferenz zrlr Festsetzung des Endbetrages des deutschen Schadenersatzes stattfände. Das Fehlen der Festsetzung einer definitiven Entschädigungssumme hat man hier immer als die schwächste Stelle des Dawes-Gutachlens betrachtet. Die Unsicherheit über den Umfang bet künftigen Verpflichtungen Deutschlands muß Wohl beim Bestreben einer Wiederherstellung der Orb»
Gefahr durch Marodeure. Sie hatte alle Kräfte eingesetzt, ihren Haushalt unbeschädigt durch bie Sturmfluten der schwer erregten Zeit zu steuern, unb ein tiefes Dankesgefühl gegen sie brachte endlich Goethes langgehegten Entschluß zur Reife: er ließ sich mit ihr trauen — ganz schlicht und „ohne Rumvhr". Zehn Jahre hat Crsittane als anerkannte „ Frau Geheimbderat" in die Welt hinausgehen dürfen. Es hat ihr kaum einen Ur terschied bedeutet. Sie hat sich an den bösen Lästerzungen nicht gerächt — und niemals Gunst gesucht, wo sie ihr zuvor verweigert worden. Sie war viel zu glücklich daheim, mit dem Stern ihres Lebens, in ihrem behaglichen Haus am Frauenplan. Trotz ihrer anfänglichen Unbildung, ihrer unbändigen Tanzlust, ihrem Heißhunger nach „Vergnügen", mit denen sie sich für häusliche Frohne entschädigte — unter voller Zustimmung des Gatten, der die „lustige Kleine" getrost sich austoben ließ — ist sie in Goethes Art hineingewachsen, mit der vollen Hingabe eines schlichten, verstehenden Herzens — so weit, daß er sogar seine Arbeiten mit ihr besprechen unb ihr Urteil ein holen konnte, was Briefe unwiderleglich beweisen. Die „gewöhnliche" Frau hot vermocht, was vielleicht frunbert Ebenbürtigen nicht gelungen sein würde: sie hat Goethe glücklich gemacht. Seine Totenklage über Christiane ist wie ein Glvrtenschein um ihre Treue:
„Du versuchst, o Sonne, vergebens, durch die düstern Wolken zu scheinen: Der ganze Gewinn meines Lebens ist, ihren Verlust zu beweinen!"


