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Ur. 199 Zweites Blatt

Calles.

Der mexikanische Besuch in Deutschland

Der deutsche Zeitungsleser wird erstaunt fern, welch außerordentliches Interesse die Reichs- ixglei-ung trotj ihrer sonstigen Sorgen gerate -diesem Besuch entgegenbringt General Plutaroo ^Elias Calles, der am 1. Dezember als Rach- B Obregons die Präsidentschaft in der Re-

: Mexiko antreten wird, ist schon in Harn- , wo er an Bord des DampfersDeutsch­land" anlangte, mit den höchsten Ehrungen eines fremden Staatsoberhauptes empfangen worden, xmb zur Zeit wetteifern in Berlin die zuständigen ^Behörden und Wirtschaftsorganisationen, dem Hohen Gast das Derweilen in Deutschland so fangendem tote nur möglich zu machen.

Dieser' Eifer hat verschiedene, und tote totr «sofort hinzufügen möchten, wvhlberechtigte Gründe kCaLrs ist nach dem kürzlich erfolgten Besuche amerikanischen Staatssekretärs Hughes erst Die zweite polittsche Persönlichkeit von mter» xnatconaljer Bedeutung, die den Boden des neuen Deutschen Reiches nach Krieg und Riederbruch betritt. Die Kundgebungen für ihn sind mcht vttra eine versteckte Demonstration gegenüber England, das bekanntlich in letzter Zeit unatv» gm»Hme 2luSeinandersetzungen mit Mexiko hatte, nmo noch weniger gegenüber den Bereinigten fctaaten von Rordamerika, die sich ja neuerdings imit CalleS' Heimatlande zu verständigen scheinen.

Die deutsche Sympathie für den fünftigere -Präsidenten Mexikos hat also nicht den mindesten sRebenzweck, sondern entspringt den Gefühlen der Dinkbarkeit und des besonderen Verständnisses (für dieser amerikanischen Staat. Für die deut­schen Kenner Mexikos ist dieses Land, das aller- dingS viele Jahre hindurch durch Auf stände und bürgertrieg in Verruf geraten war, heute durch- aus nicht mtiyreine jener anarchistischen süd- amerikanischen Republiken, mit denen es un­möglich ist, normale Beziehungen zu unterhalten." Mexiko ist vielmehr ein Land, in dem man auf Schritt und Tritt auf unbegrenzte Zukinftsmog- lichkeiten stösst. Sein Ruf als polittich vulkani- scher Boden hat sich überlebt. Es wird langsam ein normales, in mancher Hinsicht sogar ein vorbildliches Staatswesen. Die Wahl des Gencoals Calles, der während der Mutigen Tage des Sturzes von Carranza ein Waffenbruder' Obregons war, wird überall als günstiges Vor­zeichen für bje weitere Festigung der glücklich eingetretenen inneren Beruhigung Mexikos be­trachtet. Deutschland ist auf ein freundschaftliches Verhältnis zu der mexikanischen Republik, mit der es durch stetig wachsende lebhafte wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen verbinden ist, ge- «rdezu angewiesen. Den Deutschamerikanern totrb es unvergeblich bleiben, wie Cal.es seinerzeit während des Weltkriegs als Gouverneur des Grenzstaates Sonora den Flüchtlingen aus den Vereinigten Staaten und anderen mittellosen Deutschen in grohzügigster Weise zu Hilfe kam, indem er ihnen entweder Arbeitsgelegenheit auf einer für diesen Zweck angelegten Siedelung ober Dargeld zur Weiterreise zur Verfügung stellte.

General Calles ist. das soll nicht verschwiegen werden, strammer Sozialist und zu Hause Gegenstand des Hasses der mächtigen Grost- grundbesitzerpartei. Aber die von dieser Seite gegen ihn gerichteten Vorwürfe, er seiBol- sfchewift aus der Moskauer Schale", sind irr­tümlich oder verlogen. 3n seinen gesetzgeberi­schen Plänen, die er unserem Mitarbeiter in langen iGesPrächen entwickelte, werden die Rechte ehrlich erworbenen Kapitals und ehrlicher Arbeit ausdrücklich ge­wahrt und nur die Auswüchse des Kapitalis­mus bekämpft. Seine Partei derCooperatista", welche die herrschende politische Gruppe in der Republik Mexiko darstellt, erklärt sich- für die Durchführung aller auch von anderen Parteien anerkannten sozialen Maßnahmen, von der lieber- zeugung ausgehend, das) der Staat nicht eine Mob formale Maschine sein soll, sondern berufen ist, in die sozialen Zustände des Volkes bessernd einzugreifen. Calles' politische Ziele finb: Un­bestechlich leit, Arbeiierschutz und Erziehung. Arbeitsfreude", so lautet sein Programm wöri- Uch,macht die Stärke einer Ration aus, aber nur wenn die Arbeit menschenwürdig entlohnt ijl, wenn sie eine geregelte Tätigkeit bedeutet jtmb nicht zu Zwecken der Ausbeut ing bient.

Man könnte dieses Glaubensbekennt­nis des mexikanischen Präsidenten, der in

Sietzener Anzeiger General-Anzeiger sSr Gderhessen)

Deutschland den Staatssvzialismus -udieren will, Wort für Wort in das deutsche Mantelgesetz für das Londoner Abkom­men übernehmen als eine Art Warnung vor dem Unfug der Reparations-Ausbeutung.

Georg H och stet ter- Berlin.

Die französische und die deutsche wirtschaft nach Annahme des Sachverständigengutachtens.

Dom französischen Standpunkt aus betrachtet ist die Annahme des Sachverständigengutachtens für die Wirtschaft Frankreichs teils günftig, teils ungünstig. Günstig ist sie insofern, als sie Frank­reich aus dem Reich der unerfüllbaren Utopien endlich auf den Boden der wirklichen Tatsachen zurückführt, ein Umstand, der auf die Dauer für die französische Wirtschaft nur forderlich sein kann. Vor allem wird der französische Finanz- minifter endlich einen klaren Haushalt ausstellen können, und es wird der französische Staats­bürger gezwungen, ausDmrnliche Steuern zu zahlen, um den Staatshaushalt und die Währung im Gleichgewicht zu halten. Gerade daran hat die französisch: Wirtschaft ein lebhaftes Znteresse, da sie durch das wiederholte Sinken des Fran­ken letzten Endes Substanzverluste zu verzeichnen gehabt hat. Auf die Dauer tann der Franken nur stabil gehalten werden, wenn fein inneren Wert fest bleibt und wenn eine vernünftige Finanzwirischaft betrieben wird, die allerdings mit den bisherigen Methoden eines übermäßi­gen Militarismus und- einer nicht gut geleiteten? Wiedevaufbaupolittk nicht in Einklang zu bringen ist. Die Lösung dieses Problems wird jedoch nicht leicht fein, da Frankreich nicht weniger als 100 Goldmilliarden Franken Schulden (davon 40 Goldmilliarden äußere Schulden) zu tragen hat: ungefähr 30 Goldmilliarden innere Schul­den müssen sehr bald zurückgezahlt werden: es ist deshalb damit zu rechnen, daß für die nächsten Jahre ein Fehlbetrag von mindestens einer Papiennilliarde monatlich von Frankreich auf­gebracht werden muß. Ungünstig ist für Frank­reich auch der Umstand, daß es in Zukunft nicht mehr in dem bisherigen Maße in der Lage ist, mit dem Mittel des Zwanges den Teil seiner Produktion auf dem Weltmarit unterzubringen, den es im Inland nicht lassen kann. Bisher wurde die Ausfuhr der überflüssigen Produltton betixriftelligt mit staatlichen Beihilfen, mit dem als Ausfuhrprämie wirkenden Mittel des Fran- lenverfalls und dem die deutsche Er,-eugung hem­menden Mittel der Ruhrausbeutung, die die deutsche Industtie fast ganz vom 'Weltmarkt ver­schwinden ließ. 3n Zukunft wird Frankreich bis zu einem gewissen Grade doch auf diese künst­lichen Mittel verzichten und sich mehr auf 3ntelli- genz und Arbeitsambeit verlassen müssen.

Für Deutschland ist, abgesehen von der künf­tigen politischen Einstellung Frankreichs zu ihm wesentlich, ob in Zukunft England ober d e Ver­einigten Staaten von Rordamerika größeren Ein­fluß auf Europa haben werden. England ist in immer größtem Maße aus das europäische Wirtschaftsgebiet als Absahstätte angewiesen, da seine Kolonien sich wirtschaftlich selbständig zu machen bemühen und da ihm die Deoei nig en Staaten in feinen bisherigen Absatzgebieten schärfste Konkurrenz bereiten. England muß also mehr als bisher fein Hauptaugenmerk auf die Beherrschung der europäischen Wirtschaft richten. Daraus ergäbe sich für Deutschland eine un­günstige Lage insofern, als vor allem der eng­lische Bergbau und die englische Eisenindustrie als schärfste deutsche Konkurrenten auftreten würden. Auch würde es die Produkte, die England von Deutschland abzunehmen geneigt wäre, ver­mutlich sehr im Preise drücken. Die Ausbreitung englischer Herrschaft über Europa würde also größtenteils auf Kosten Deutschlands vor sich gehen, (künftiger wäre für uns die Lage, wenn die Vereinigten Staaten das ist das Wahr­scheinlichere ihren Einfluß in Europa weiter ausdehnten. Denn in diesem Falle würde es Deutschland unter maßgeblicher Beteiligung ame­rikanischen Kapitals weitgehend industrialisieren, um einen gewerblichen Vorposten in Europa zu schassen. 3n diesem Falle wären die wirischaft- lichen Lebensbedingungen vielleicht einigermaßen erträglich, wenn auch selbstverständlich Amerika den größten Gewinn davon tragen würde.

Das 'Beste wäre, wenn zur Stärkung ihrer beiderseitigen Positionen Frankreich und Deutsch­land sich wirtschaftlich ehrlich verständigen wür­den. Solange die politische Haftung Frankreichs sich aber nicht ganz wesentlich ändert, ist an eine Verwirklichung Derartiger Pläne leider mcht zu denken.

Das neue Wahlgesetz.

Rach der soeben fertiggcftellten Wahlrefvrm- nvveile zerfällt das Reichsgebiet in 156 Wahl­kreise. Ostpreußen bildet 6 Wahlkreise, Berlin 10, die Provinz Brandenburg 7, Pommern 5, Schle­sien 8, Oberschlesien 3, die Provinz Sachsen 8, Schleswig-Holstein 4, Hannover 9, Westfalen 12, Hessen-Rassau 6, das Rheinland 18, Bayern wird in 18 Wahlkreise, Sachsen in 12, Württemberg in 7, Baden in 6, Thüringen in 4, H e s s en in 4, Hamburg in 5 Mecklenburg-Schwerin mit Lü­beck und Mecklenburg-Strelitz' zusammen in 2 Wahlkreise geteilt. Die ßänoer Oldenburg, Braunschweig, Anhalt und Bremen bilden je einen Wahlkreis. Die 156 Wahlkreise werden zu 16 Wahlkreisverbänden zusammengefaht, die mit den bisherigen Wahlkreisverbänden überein- stimmen. 3ober Kreiswahlvorschlag darf nicht über zwei Bewerber benennen und muß ein Kennwort tragen. 3innerhalb des Verbandes gel­ten die Wahlvvrschläge mit dem gleichen Kenn­wort als untereinander verbuiüxm. Verbundene Wahlvorschläge gelten den unverbundenen gegen­über als ein Wahlvvrschlag. Bei Verbänden, die sich über mehrere Länder erstrecken, ist eine älnderverbindung für selbständige Ländergruppen vorgesehen. Ein Bewerber kann innerhalb eines Verbandes in mehreren Wahlkreisen kandidieren. Die innerhalb einer Verbindung für eine Partei aufgebrachten Stimmen werden zusammengerech­net. 3&>er Wahlvorschlag und jede Grrchpe ver­bundener Wahlvorschläge erhält auf je 75 000 Stimmen ein Mandat. Die Rest stimm en werden dem Reichswahlvorschlag zugerechnet. Die auf die Gruppe verbundener Wahlvorschläge ent­fallenden Sitze werden auf die Bewerber der einzelnen Wahlvorschläge nach dem Hochstzahl- sysiem verteilt. Für die Zuteilung des Sitzes ist also nicht mehr der Platz auf der Liste, sondern die Zahl der erhaltenen Stimmen, assv der Wahl- erfolg des Kandidaten, maßgebend. Soweit in­folge außergewöhnlich niedriger Wahlbeteiligung bie Zahl von 399 Abgeordneten nicht erreicht werden sollte, wird eine entsprechende Korrek­tur vvrgenommen und zwar nach der Gesamt- slimmenzahl der in den einzelnen Reichstoahl- vorschlägen vereinigten Kreiswahlvorschläge. Roch fehlende Sitze werden den Kreiswahlvor- fd)lägen mit den größten Reststtmmenz.ihlen zu- geteilt. Wird die Zahl von 399 Abgeordneten überschritten, so findet ein Abstrich von der Reichswahlliste statt.

Eine mannhafte Rede in Deutsch-Böhmen.

D. A. 3. Bei der Enthüllung eines Denkmals für die Dauernbefreier in Leipa hielt Abgeord­neter Krzepek eine bedeutsame politische Rede. Das Denkmal besteht aus einem eisernen Pflug, der auf dem stehengebliebenen Sockel des entfern­ten 3osephdenkmals steht. Krzepek erinnerte an die Großtaten des Bauernbefreiers 3oseph und bekannte sich mannhaft für die halbe Million or­ganisierter deutscher Landwirte zu dem Geist des Mannes, dem das Denkmal ehemals galt. Rie­rn and könne dem deutichen Volke den Glauben an seine Kraft und Große rauben, ein großes Mil­lionenvolk könne auf die Dauer in diesem kleinen Staate nicht entrechtet und unterdrückt werden. 3oseph II. habe selbst Hand an den Pflug gelegt, und so sei der eiserne Pflug der würdige Rach­folger seines eigenen Standbildes. Das deutsche Volk habe das Seine dazu beigetragen, daß die­ser Staat überhaupt bestehe und bestehen könne. Ohne die Rückkehr zur Arbeit durch das deutsche Millionenvolk gebe es keinen tschechischen Staat. Das deutsche Volk habe nach dem Kriege kein Blut mehr vergießen wollen. Es warte darauf, bis der Tag komme, da ihm als ehrlichem deut­schem Volke die Mitarbeit und die ihm zustehen­den Rechte nicht mehr vorenthalten würden. 3n diesem Sinne würden die parlamentarischen Kämpfe um unveräußerliche Rechte geführt. Ewig könne die Entrechtung durch eine Mehrheit, die

Montag, 25. August 1924

eigentlich gar keine Mehrheit sei, nicht dauern. Wenn das deutsche Volk zur Ueberzeugung komme, daß es auf dem jetzigen Wege nicht mehr weiter­gehe, daß ruhige Arbeit und Verhandlungen nicht zum Ziele führtest, dann solle dieses Symbol der Arbeit, das man heute enthülle, auch sagen, daß es aus Eisen sei. Das deutsche Volk werde nim­mermehr auf seine Rechte verzichten. Kaum sei die Präsidentenreise mit ihren versöhnlichen Klän­gen vorüber gewesen, da sei der Mann, der an der Spitze der Rationaldemokratischen Partei schon im vorigen 3ahre den Ausgleich zerschlug, nach Pilsen gefahren, habe sich dort noch zu Lebzeiten des Präsidenten Masaryk als Präsidenten be­grüßen lassen und habe sich offen dem deutsch- tschechischen Ausgleich zum zweiten Make ent­gegengestellt. Was sagten die Regierenden dazu? Das deutsche Volk jedenfalls fordere seine Recht« mit Macht. Man mache es ihm nicht unmöglich^ auf dem friedlichen Wege der Arbeit und der Vernunft zu bleiben I

Unrentabler Abbau.

Von D. Martin U l b r i ch - Magdeburg.

Seit 3ahresfrist wird in unserem Vater- lande kräfttg abgebaut, weil man sparen will. Man baut ab beim Reiche, bei den Einzelstaaten, den Kommunen, den Schulen, Danken, Fabriken und vielen anderen Betrieben. Es ist aber die Frage, ob jeder Abbau wirtschaftlich vorteilhaft ist. Das gilt vor allem hinsichtlich der Einschrän­kungen der Wohlfahrtspflege, wenn man bei vie­len Kranken die Anstaltsunterbringung oder das Heilverfahren ablehnt, weil angeblich keine Mit­tel dazu vorhanden seien.

Da ist vor allem die Krüppelfürsorge, die sich durch vieles Sturmlausen das Gesetz vom 6. Mai 1920 erkämpft hat, das allen Krüppelst unter 18 3ahren öffentliche Fürsorge zur Heilung und Ausbildung zusichert und bereits Hunder­ten zum Segen geworden ist. Gerade hier müßte besonders intensiv gearbeitet werden. Sind doch nachweislich 90 Proz. aller Krüppel gesund ge­boren, so daß sie aufs Gefundsein hin angelegt sind, iveshalb die Hilfe nichts weiter zu tust hat, als nach Möglichkeit den früheren Rormal- zustand wieder herzustellen. Wie gut kann man im frühen Alter Klump- und Spitzfüße korri­gieren, Skoliosen und Kyphosen strecken und Hüfte­gelenkluxationen beseitigen. Wenn man aber bei allen diesen die rechte Zeit verpaßt, ist nur noch kostspielige Hilfe mit zweifelhaften Erfolgen mög­lich. Dazu kommt die sittliche Gefährdung 3st es doch bekannt, wie sehr gerade die Krüppel zu Verstoßen wider das Gesetz und zur Vagabon- bage neigen. Am teuersten aber kommen sie, wenn sie vom Vettel leben, indem sie sich vom leichv- gläubigen Publikum reiche Almosen erschwindeln.

Ebenso falsch ist es, an den Schwach­sinnigen zu sparen, die, frühzeitig von den rechten Erzieherhänden erfaßt, zu brauchbaren Halden oder Vierielkräften werden, während sie, sich selbst überlassen, gar zu gern die Mitläufer bei jedem Unfug machen. Öhre Politisierung hat den linksradikalen Parteien aus ihren Reihen manchen Zuwachs verschafft. Auch stellen sie kein geringeres Kontingent zu den Radaulustigen, Kri-- mincllen und Arbeitsscheuen. Schwachsinniga Mädchen neigen stark zur Prostitution. Wer hier Bescheid weiß, wird die Annahme begründet fin­den, daß die-Hälfte der Dirnen sich aus den. Schwachsinnigen refrutieti. Wie oft ist es schon vorgekommen, daß ein minderwertiges Mädchen eine allzusparsame Gemeinde mit drei, vier oder mehr unehelichen Kindern belastet hat, in denen das Manko der" Mutter sich potenzierte. Dazu kommt die Verseuchungsgefahr durch' Geschlechts­krankheiten.

Den größten Schaden richtet der Abbau der Tuberkulosenfürsvrge an. Pflegt doch ihr Hinausschieben dazu zu führen, daß viels bisher trockene Fälle floride werden, so daß der Erkrankte jeden Ort, den er berührt, mit feinem Auswurf verseucht. Dazu kommt der Mangel an Sauberkeit, die gemeinsame Benützung von Wohn­räumen, Kleidungsstücken und Eßgeräten. So tann es geschehen, daß ein Tuberkulöser, dessen Heilbe­handlung man ersparte, in seiner Umwelt ein Dutzend anderer Menschen infiziert und dadurch über sie viel Unglück bringt. Eine besondere Klasse der Tuberkulosen bilden die Luposen, deren aus­satzähnliches Leiden sie den anderen unb schließ­lich sich selbst zum Ekel macht. Man zählt gegen­wärtig etwa 30 000 Lupuskranke in Deutschland, deren Krankheit im Anfangsstadium meist hell-

Durch Schweden auf denUanälen.

Don Dr. Walter Georgi.

Am Riddarholm in Stockholm liegen die weißen Kanaldampfer. Die Sonnenlichter Hüpfen über den blauen Spiegel des Mälarsees. 3m Süden recken sich die steilen Granisselsen von Södermalm über dem Wasser empor. 3m Rorden steigt wie ein venetianischer Palast das imposante neue Rathaus aus den Fluten. Vor uns am Kai ein bewegtes Treiben: in letzter Stunde anrollende Frachten, knarrende Ladebäume, Passagiere, Hotel­diener, abschiednehmende Grüppchen. Und doch keine Hast, als ob dasdolce far niente" einer zweitägigen Kanalfahrt von Stockholm bis Göte­borg bereits jede Bewegung beeinflußt. Aber unter den Passagieren eine gewisse Spannung und Erwartung vor der Reise, die guer durch Wittelschweden führt mit seinen Seen, Kanälen und feinen reizvollen Landschaftsbildern. Die Turmuhr der alten Riddarholmskirche, unter der Schwedens bedeutendste Herrscher und Paladine Wummern, schlägt die Abschiedsstunde- Taue wer­den losgeworsen, die Schisssmaschine beginnt zu arbeiten, ein Tücherschwenken von hüben und -drüben. Der Kanaldampfer steuert auf den Mälar- flee hinaus und läßt die bewegte Silhouette der schwedischen Hauptstadt hinter sich, bis eine Felsen- vxmd sie verdeckt. *

Man richtet sich in der kleinen Kajüte für die Äveieinhalltägige Reise von der Ostsee $ur Rordsee ein, verstaut seinen Koffer, freut sich an Der sauberen Einrichtung des Schiffleins, erkundet Den Speisesaal auf dem Oberdeck und fühlt sich itoöell heimisch. An den bewaldeten Friseninseln des Mälarsees steuern wir vorbei, überall ocker­gelbe ober rote Landhäuser mit weißen Fenster- tren^en, die Sommervlllen der Stockholmer. Dann ^Kimgshatt", wo über einem stellen Felsen ein eiserner Hut auf einer Stange an die sagenhafte Alucht eines SchwedenDnigs erinnert, der von Met vor verfolgenden Fremden mit seinem Rosse fc) den See setzte und jenen nur seinen Hut als Torte zurückließ. 3n scharfer Biegung wendet

sich das Schiff nach Süden in den Dockholmssund. Wie zu einer Schlucht verengen sich die steilen Felsenufer, bis die weißen Häuser von Södertelje durch grüne Laubwälder hindurchschimmern. An der ersten Schleuse, die das Schiff passiert, bietet man Kirschen und die als Delckatesse berühmten Söderieljer Brezeln fell. Dann steuert das Schiff in den Kanal hinein.

Mtt der ersten Schleuse des Gotakanals öffnet sich uns der Weg durch denGarten" Scywedens. Don Schleuse zu Schleuse steigt das Schiff in der Rächt die Hohe hinan. Man verschläft Soder- köping und den Roxensee. Rur von Zeit zu 3eit hort man im Halbschlaf das Rauschen des Was­sers, das in ein Schleusenbassin hineinströmt, und Kommondorufe, die durch die Rächt bringen. Schon am frühen Morgen ist man auf Deck. Mitten durch das fruchtbare Oestergötland geht jetzt die Reise, vorbei an freundlichen Dörfern, an Wiesen und Feldern, auf denen die goldene Morgensvnne liegt, durch dichte Erlen- und Bir­kenwälder, die so nahe an das Wasser herantreten, daß die Zweige oft das Schiff berühren. Bald ist das Kanalbett nur mtt Mühe in die Felsen hin­ein gearbeitet, bald gleitet das Schiff zwischen künstlichen Dämmen dahin, von deren Hohe man in ein liebliches Tal hinabblickt, durch das sich wie ein Silberband der Motalaström dahinschlän- gelt. Bei einem Aufenthalt an irgendeiner Schleuse verläßt man das Schiff, um zwischen den Ducken längs des Kanalbettes zu Fuß einen Teil des Weges zu wandern. Fernes Hämmern uni) Tosen bringt plötzlich an unser Ohr. Wir nähern uns den Eisenwerken von Motala, die wett über Schwedens Grenzen Weltruf besitzen. Dor einem Grabhügel dicht am Kanalbett machten wir halt. Hier ruht Graf Platen, der geniale Erbauer des Gotakanals, unter Ulmen und Pappeln im An­blick seines Werkes. Wahrlich, das schönste Denk­mal, das sich ein Mann selbst gesetzt hat!

3n bte wette blaue Wasserfläche des Wetter­sees hinein steuert das Schiff, vorüber an Dad- fleaa mit seinen Klostergebäuden und seinem be­

festigten alten Schloß, und erreicht hinter Karls- borg wieder die Kanalstraße. Am Abend ist die Wcssserscheide zwischen Ost- und Rordsee erreicht. Run beginnt das Boot die Schleusentteppe hinabzuklettern. Am späten Abend überqueren wir den Wikensee, der für die tiefer liegenden Schleusen das Wasser liefert. Wie dun sie Ge­rippe heben sich die Tannen am Ufer vom nordisch Hellen Rachthimmel ab. Heber Wiesen und Fel­dern liegt das Silberlicht des Mondes. Wie ein leuchtendes Band erstreckt sich die Kanalrinne vor uns. Der Rachtwind streicht durch die Pappeln und Dirken am Ufer und über das Schiff, das 'mtt seinen Lichtern den Uferrand und das in der Strömung sich neigende Schllf beleuchtet. Hier und dort schimmert Licht aus einem einsamen Bauernhof. 3n grenzenloser Wette wölbt sich der Sternhimmel über uns. Wir gleiten durch die traumhafte Rächt in den Schlaf hinein.

Rebel am anderen Morgen auf dem Wenersee. 3n der Rächt sind wir die 19 Stufen bis zu seinem Spiegel hinabgestiegen. Dicker grauer Dunst um­hüllt das Schiff. Das eintönige Läuten der Schiffsglocke ist Warnungssignal. Rur für einen Augenblick erkennt man oft durch die Rebelwand die gesvensttgen Umrisse eines begegnenden Schif­fes. Kirchenglocken, die den Sonntag verkünden, bringen durch den Rebel und zeigen die Rähe von Wenersborg an. Das westliche Ufer des Sees ist erreicht. e

Hier beginnt die letzte Kanalstrecke, die das Schiff zum Kattegatt hinabsteigt, der Trollhatta- kanal, der mit seinen großartigen Schleusenanlagen die weltberühmten Trollhättasi'Ile umgeht. Ober­halb der Katarakte bei dem Städtchen verläßt man bas Schiff, das zum Durchschleusen mehrere Stun­den benötigt. Schon von weitem verkündet ein donnerndes To en die Stelle, wo die aus dem Wenersee rbfließenbe ©ötaelf in fünf Stufen durch die tiefe Felsenschlucht hinabbraust. 3n einer un­unterbrochenen Kette von Fällen und Strom- schnellen schießen die eingeengten Wassermassen durch die Felsenkluft. Das Brausen der wilden

Flut, die sich wie eine zähe, metallgrüne Masse zwischen den Felsen hindurchzwängt, um sich in Schaum und Gischt aufzulösen, verschlingt jeden Ton der menschlichen Stimme. Um den Schnei­derfelsen tost die Flut, der seinen Ramen von einem zum Tode verurteilten Schneider erhielt, dem man Gnade versprochen hatte, wenn er, auf dem Felsen sitzend, einen Anzug nähen konnte. Doch als er mit seinem Werk fast zu Ende war, stürzte er, seiner Sinne beraubt, in die brausende Flut und ertrank. Weiter unter der großen Drücke der Fahrstraße hindurch tobt der Fluß zwischen den steilansteigenben Felsenufern hindurch, bis et plötz­lich einige hundert Meter weiter unten beruhigt und friedlich zwischen grünen Matten dahinströmt, als sei nichts geschehen. Eine betriebsame 3n- buflrie hat sich an den Fällen an gesiedelt und nimmt oft dem Bilde die Ursprünglichkeit. Aber die Gewalt der Wasser zeigt noch heute ihre un» gebändigte Kraft. Wenn der Mensch einst über sie triumphiert und sie ganz in die Fesseln der Ruhkraft geschlagen hat, bann ist Schweden um ein imposantes Landschaftsbild ärmer. Möge diese Zeit noch lange fern sein!

Friedlich zieht das Kanalboot auf der Götaelf dahin. Freundliche Hügel, Heine Fellen berge zu beiden Seiten des Flusses. Dörfer, Höfe, Güter, kleine Fabriken begleiten am Ufer den Weg des Schiffes. 3ede Ansiedlung ist in heimatliches Grim eingebettet. Die runden Türme der Ruinen von Bohns Fori tauchen auf. 3mmer lebhafter wirb der Schiffsverkehr auf dem Strom: kleine See­schiffe begegnen uns. Wir nähern uns Göteborg, dem Ziel der Reise. Die Silhouette des alten FortsSkansen Leijonet" erscheint auf dem CBergr rücken über der Stadt. Der Masten- und Schorn­steinwald der Ueberseeschiffe taucht auf. Aus un- zähligen Fabrikschloten quillt dichter Rauch. Hinter den Speichern am Kai steigt die Stadt an_ den Felsenhügeln empor. Darrn wendet sich das Schiff zur Landungsstelle im Bomans Haven Wir stehen am Kai und sehen den Schiffen nach, die auf dem Strom hinuntergleiten, und ahnen hinter bar Bergen bas Meer