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Ur. 225 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhefsen)Mittwoch, 24. September |92<
Deutscher Pfarrertag in Gießen.
1 Giehen, der Mittelpunkt des geistigen Lebens in Oberhcssen, die 6tabt der weithin reichen Segen spendenden 2IIma mater Ludoviciana, bat in diesen Tagen Die herzliche Freude und hohe Ehre, die Vertreter einer der größten Kuttur- müchte, die Pfarrer der Evangelischen Kirche Deutschlands, zu einer mehrtägigen Tagung zu beherbergen. Aus allen Teilen des Vaterlandes sind die Hirten der evangelischen Christenheit in grober Zahl herbeigeerlt. Unfern Gruß und unsere herzlichen Wünsche haben wir dem Deutschen Pfarrertag, dessen oberster Leitsatz die hingehendste Arbeit zum Wohle der Edangeftichen Kirche ist, bereits gestern ausgesprochen. Heule haben wir die angenehme Pflicht zu erfüllen, vor der Oeffentlichleit sestzustelfen, daß der reiche Dewinn, den die Pfarrer und die Gemeinden des evangelischen Glaubens von dieser 'Tagung erwarten, gestern bereits zu einem guten Teil m bte Scheuer gebracht wurde. Der Festgottesdienst am Montag abend rifit der Predigt unseres obersten Kirchenfürsten in Hessen, Prälaten I). Dr. Diehl, die außerordentlich befruchtende Geistesarbeit in der gestrigen ersten Hauptsihung und der eindrucvS- und ergebnisreiche gestrige Gemeindeabend haben die Tagung in ihrer ersten Hälfte auf eine sehr hohe Stufe des geisttgen und gemeindlichen Lebens in unserem evangelischen Glauben erhoben. Mtt berechtigtem Stolz und froher- Zuversicht für die kräftige Aufwärtsentwicklung der evangelischen Glaubensfache können nicht nur die Pfarrer, sondern auch die Gemeinden auf dieses Ergebnis der bisherigen Arbeit des Deutschen Pfturrertages Hinblicken, ihtb die Gewißheit kann man hegen, daß auch der zweite DerHandlungstag, der bei der Nieder- schrift dieser Zeilen noch vor uns liegt, zu dem gleich hohen Ergebnis wie sein Vorläufer führen wird.
Die Evangelische Gemeinde unserer Stadt hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Bannerträgern des Evangeliums den hiesigen Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu machen, ihnen in weitgehendem Maße Gastfreundschaft zu gewähren, oder sonst Anregungen in mancherlei Form zu bieten. Damit will die Evangelische Gemerndo Dießens zum Ausdruck bringen, daß sie sich eins fühlt mit den Seelsorgern aus den anderen evangelischen Gauen unseres Vaterlandes, eins im evangelischen Glauben. Der hohe Gedanke -edler Gastfreurrdschaft, der nach dem bekannten Wort handelt: „Gib dem Gast das Veste was du hast", leitete auch den Vauerschen Gesangverein bei seinem sehr anerkennenswerten Bemühen, den Gästen den gestrigen Gemeindeabend in bester Weife zu verschönen Seine prächttgen Gesänge, von einer überaus stattlichen Sängerschar unter der Leitung des Chormeisters G ö r - lach in durchweg vollendeter Weise dargeboten, standen in trefflichem Gleichmaß mit den sehr guten Worten, die man auch bei dieser Der- anftalluiig von den gedankenreichen RÄmern hörte. Daß unter diesen Umständen den „Dauern" Beifall in reichstem Maße gespendet wurde und daß man die allgemeine vollste 311 f rieben beit mit dieser wertvollen Bereicherung des Abends vielfach auch in herzlichen Worten zum Ausdruck brachte, das noch hervorzuheben, ist uns angenehme Chronistenpf licht.
Der Austakt der Tagung.
Ein Festgvttesdienst am Montagabend ht der Iohanneskirche lütete die Tagung des Deutschen Pfarrertages ein. Äeöen den auswärtigen Gästen hotten sich auch aus der demeiiide Gießen viele Besucher eingefun- den, so daß ungefähr 1000 Teilnehmer in dem Gottes Hause versammelt waren. Dekan Guß- nenn- Kirchberg versah die Liturgie, der Gießener Kirchengesangverein unter der bewährten Leitung von Prof. Trautmann trug zwei Chöre vor, Prälat I). Dr. Diehl aus Darmstadt hielt die eindrucksvolle und gehaltreiche Predigt über Cvang. Markus. 3m Anschluß an den Gottesdienst fand im Saale des Gesellschastsver- eins eine Vereinigung geselliger Art statt. Pfarrer Kalbhenn aus Grof^n-Duseck und feine Söhne erfreuten die Versammlung durch -nehrere Pvsaunenvorttäge. Pfarrer B e ch t 0 l s - Heimer hielt die Begrüßungsansprache, in der er auf die geschichtliche und lirchliche Bedeutung der Stadt Gießen hinwies. Pfarrer Fritsch- Ruppertsburg, der feit dem Bestehen des Hessi-
Die Kunst recht zu behalten
Derjenige, der sagen würde, wir kämen aus dem großen Wust unserer unglücklichen Derhält- niffc erst bann heraus, wenn die Fabrikation der Aktenmappen gewaltig zurückginge, könnte wohl manches Argument für feine Meinung vorbringen. Wir sthen zuviel in Sitzungen an) Beratungen, debattieren zuviel und vertun damit die Zeit. Es wird nicht sehr viele Menschen in Deutschland geben, die von dem Wert einer Diskussion heute noch sehr viel halten, nach all dem, was wir in einer Unmenge von Zusammenkünften der verschiedensten Art erlebt haben. Wer in seiner Erinnerung herumsucht. wird nur sehr selten auf einen Fall stoßen, in dem die Debatte nicht versandete, abirrte, so daß man zu Schluß der Sache sich um ganz andere Dinge ftrüt als um die, die man behandeln wollte, oder in noch unangenehmere Dahnen -abzweigte. Das mag sehr bedauerlich fein, denn an sich wäre es natürlich sehr wünschcmswert, wenn die Auseinandersetzung über ftrittige Gegenstände nicht von vornherein zur Aussichtslosigkeit verdammt wäre, ist aber nun mal so. Interessant wäre es natürlich, zu erfahren, warum der Fall eigentlich immer so hoffnungslos liegt, weshalb die Menschen, die doch auf anderen Gebieten manchmal wenigltens einigermaßen vernünfttg sind, hier so vollkommen unk rauchbar werden. Man geht so häufig mit dem Gefühl tiefer Beschämung nach einer retlos versandeten Debatte nach Hause, aber woran es eigentlich lag, daß nichts bei der Sache herauskam, wirb uns in'den seltensten Fällen klar. Zu einem Teil liegt es natürlich daran, baß jeder Streit um Meinungen und Anschauungen aussichtslos ist, weil Grundanschauungen und ähnliches jeder Beeinflussung unzugänglich sind: aber sehr erheblichen Einfluß üben doch auch noch andere Dinge aus. Und wenn sich die erfteren
schon Pfarrvereins dessen Organ, das „Hessische Kirchenblatt", leitet, bot einige Bilder aus der Geschichte des Pfarrvereins dar.
Die erste Hauptsitzung.
Am Dienstag vormittag begann die Hauptarbeit der Tagung in der Reuen Aula der Universität. Die Versammlung war außerordentlich stark besucht, ferner waren die Vertreter der hessischen kirchlichen Spitzenbehörden bzw -Körperschaft, des Staates und der Provinz Obcr- hrssen, der Landes-Universitäl und der Stadt Gießen anwesend.
Begrüßungen.
Rach Gesang und Gebet gab der Vvrsif.ende des Dättschen Pfarrvereins. D. Kvckelke- Schwelm, der Tagung ein inniges „Gruß Gott" mit auf den Weg Dann sprach er herzliche De- grühungswvrte. Sein Gruß galt zunächst dem Rektor der Landes-Universität Professor Di'. L a q u e u r, hierauf dem Provinzialdirektor G r a e f als Vertreter des hessischen Staates und der Provinz Oberhessen, dem Oberbürgermeister Keller als Vertreter der Stadt Gießen, wobei der Redner die herzliche Gastfreundschaft der Gießener Bürgerschaft rühmeno hervvrhob. Weiter waren herzliche Willkvinmensworte gewidmet: dem Prälat D. Dr. Diehl, dem Oberhirten unserer Evang. Landeskirche in Hessen; dem Präsidenten des Landeskirchentages Frhr. v. Hehl zu Herrnsheim: dem Vertreter des Dekanats Gießen Dekan Guß mann: schließlich noch der Theologischen Fakultät unserer Landes-Universität. deren enges Verbundensein mit den Pfarrern der Redner besonders hervorhob.
Aus der Reihe der Gäste sprach als Erster der Rektor der Landes-Universitat Professor Dr. Laqueur. der die herzlichen Grüße und besten Segenswünsche unserer Hochschule überbrachte und dabei betonte, daß die deutschen Universitäten immer die hohe Bedeutung der theologischen Wissenschaft und des Pfarrerstandes erkannt und sich auch in den schwersten Zeiten nach dem Rieder - bruch unseres Vaterlandes stets schuhend vor die theologischen Fakultäten gestellt hätten.
ProvinUaldirektor G r a e f, als Vertreter des Staates und der Provinz, sprach gleichfalls herzliche Grüße und Wünsche aus und stellte als besonders bedeutsam in den Vordergrund die Rotwendigkeit des engsten Zusammenarbeitens der staatlichen und kirchlichen Behörden. Der Stärkung der sittlichen Kräfte und der staatlichen Autorität müsse die gemeinsame Arbeit zum Gegen unseres Volkes gelten. Als besonders wichtig sei hier anzusehen die Arbeit auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege, wo nicht ab-, sondern aufgebaut werden müsse. Auch der Jugend müsse man sich gemeinsam mit Liebe und Sorgfalt annehmen. 3n Worten hohen Lobes gedachte er hierbei der Arbeit des Evangelischen Erziehungs- Vereins, der für den Kreis Gießen arbeitet, und er dankte den Geistlichen, die hierfür in selbstloser, opferreicher und vielfach auch dornenvoller Weise tätig feien. Er halte es für selbstverständlich und gtfxiabe daran, daß aus der Zusammenarbeit der geistlichen und staatlichen Behörden gute Früchte erwachsen würden.
Den Willkommengruß und die Segenswünsche unserer Stadt überbrachte Oberbürgermeister Keller. Er fand dabei vortreffliche Worte über die Bedeutung der Religion für unser Volk. Die Pflege und Vertiefung der religiösen Gesinnung sei eine Frage, die heute niemand als eine private Aufgabe ansehen dürfe. Jetzt, wo vielfach Rechte begehrt, aber Pflichten wenig freudig hingenommen würden, jetzt in der Zeit einer vielfach falsch verstandenen Freiheit müsse man wünschen, daß die Religion dem Volke immer tiefer in die Seele hineingelegt werde. Das sei eine Frage von höchster öffentlicher und staatlicher Bedeutung. Zur Bewältigung dieser Ausgabe möge der deutsche Pfarrerstand immer die Kraft finden und von dieser Tagung reiche Anregung mit fortnehmen.
Prä^t D. Dr. Diehl grüßte als oberster Hirte der hessischen Landeskirche und als Präsident des hessischen Landeskirchenamtes. Er ermahnte, an den guten Grundsätzen, die vor 34 Jahren zur ©rünbung des Pfarrvereins geführt hätten, stets festzuhalten. Weiter sprach er für eine verständnisvolle Zusammenarbeit der Pfarrervereine mit den Kirchenregierungen, wo- irie ändern lassen werden, bei den anderen ist doch eine Abhilfe möglich. Die Kenntnis von der Technik der Debatte ist sehr gering geworden bei uns, wenn sie etwa verglichen wird mit der der scholastischen Zeit. Heute ist der Fall meistens so, daß die rednerischen Talente sich zum allergrößten Teil lediglich ihren 3nfhnften überlassen: daß bicje Znstinkte in der Praxis allmählich einen Veredelungsprozeß durchmachen, erfährt man meistens nicht, im Gegenteil, erst wagen sich schüchtern einige nicht ganz einwandfreie Methoden hervor, die Leute fallen darauf rein, dev Redner merkt, was er bieten darf, wird kühner, und im Laufe einer längeren Praxis wird er immer mehr Finten und Kniffe finden und sie immer hemmungsloser anwm^en. Warum? Weil die Kenntnis der Debattiermethoden unter den Zuhörern so gering ist, daß bei einiger Geschicklichkeit des Redners der größere Tell des Publikums restlos auf solche Kniffe reinfällt. Wäre die Kenntnis der unerlaubten Debattiermethoden nur ein wenig mehr verbreitet, so würde es sehr viel leichter fein, einem Redner, gleich wenn er sich auf unerlaubtes Gelände begibt, llarzamachen, wie und wo er sündigt und ihn auf den einwandfreien Weg zurückzuleiten. Denn n ar a~if das Durchschauen kommt es an, die Methoden selber wiederholen sich immer wieder, werden nur einmal so und einmal so gedreht. Wer sich für diese Dinge interessiert, die ja nicht nur rein praktische Zwecke haben, sondern bei deren Betrachtung manche Erkenntnis vom Wesen der Sprache und des menschlichen Denkens abfällt, wird mit besonderer Genugtuung begrüßen, daß ein Forscher von dem Rufe 5t O. Erdmanns sich mit einer unendlichen Geduld dieser verzwickten und vei-zwackten Dinge angenommen hat und das Resultat seiner Untersuchungen in einem Buche*)
•) K. O. Erdmann: Die Kunst, recht zu behalten. Leipzig, H. Haesfel, Verlag.
bei gegenseitiges volles Vertrauen immer die maßgebende Richtschnur fern müsse. Dann werde die Kirche, der beide dienen wollten, immerdar gedeihen.
Frhr. v. Hehl zu Herrnsheim entbot die besten Wünsche des LandeskirchentageS und gab der Hoffnung Ausdruck, daß unser Volk sich wieder einhellig zu den Wahrheiten des Evangeliums zurückfiichen möge.
3m Ramen der theologischen Fakultät unserer Landes-Universität sprech deren derzeitiger Dekan Prof. Dr. Karl Ludwig Schmidt herzliche Grüße und Wünsche. Der Redner verbreitete sich bann in großen Zügen über das Verhältnis zwischen den Pfarrern unb ber Universitäts-Theologie und bat, die Pfarrer möchten der Universitäts-Theologie bei ihrem schweren Suchen nach Wahrheit immer Vertrauen schenken, wie auch umgekehrt stets volles Vertrauen entgegengebracht werde. Als äußeres Zeichen dieses Vertrauens habe die theologische Fakultät unserer LandeS- Univerfität beschlossen, drei Veteranen dqr deutschen Pfarrervereinsfache zu
Ehrendoktoren der theologischen Fakultät der Universität Gießen
zu ernennen. Die drei ausgezeichneten Herren sind: Pfarrer Theodor Wahl, jetzt in Essen, auf dessen Anregung hin vor 34 Jahren in Gießen der hessische, als erster deutscher Pfarrerverein, gegründet wurde, Dekan Jakob 3 a u d t -Planig, der Vorsitzende des Hessischen Pfarrvereins, und Pfarrer 3ohs. Fritsch -Ruppertsburg, der langjährige verdiente Herausgeber des „Hessischen .Kirchenblattes". Mit herzlicher Begrüßung der Geehrten verband Prof. Dr. Schmidt die Aufforderung an die Tagung zu ernster Arbeit und frohen Entschlüssen.
QlamenS der Ausgezeichneten sprach D. Frits ch - Ruppertsburg der Fakullät herzlichen Dank aus. Der Vorsitzende ixinftc hierauf den Rednern für die vielen guten Wünsche, und darauf ging man zur Erledigung der Tagesordnung über.
Der erste Hanptvortrag.
Als erster Redner sprach der Generalsuper- irrtenbent D. Zvellner-Münster über das Thema: „Der Subjektivismus, seine Gefahren und feine Schranken" Aus dem Ramen „Subjektivismus" liest er, daß hier etwas ist, was eine Uebertreibung oder Ueber- spannung Don etwas Richtigem barstellt. Diese Uebertreibung sei ber Grund für die heute obwaltenden Uebelstände auf dem in Frage stehen- deii Gebiete. Es wurde sich also darum handeln, zu erkennen, wo diese Ueberspannungen liegen. Wenn sie erfaßt seien, müsse erörtert werben, tote die Schade nurfachen beseitigt werden können, bannt das Gesunde und Berechtigte zur Entfalt trag tarne. Richt von außen her können Schranken aufgerichtet werden, sondern mit der Erkenntnis des Guten und Gefunden müssen die inneren Kräfte mobil gemacht werden, die zur Ueber- toinbung ber Gefahren imstande sind. Der Bor- tragende führte dann nach diesem Grundgedanken das Thema durch, er konstatierte zwischen Luther und der Aufklärung einen tiefgehenden Bruch und forderte auf, über die Aufklärung hinweg wieder den wirklichen Luther zu erfaffen und auf ihm aufs neue aufzubauen. (Lebhafter Beifall ber ununterbrochen gespannt lauschenden Versammlung dankte dem Redner.)
An den Vortrag, ber allgemein als geistige Großtat ersten Ranges bezeichnet wurde, schloß sich eine längere Aussprache, in der Geh. Kirchen- rat Prof. D. Dr. Krüger, Prof. Dr. .Karl Lud. Schmidt, Prof. Dr. Hans Schmidt, D. Wa hl ° Esten, Pfarrer Schmidt- Wiesbaden, Pfarrer Hoffmann -Maulbach und Ge° nerastuperintendent D. Zvellner sprachen.
Der Gemeindeabend
in der Turnhalle am Oswaldsgarten war von den Tagungs-Teilnehmern, die vielfach ihre Familienangehörigen mitbrad)ten, und von zahlreichen Mitgliedern der Gießener Evangelischen Gemeinde überaus stark besucht. Die große Turnhalle tonnte die Schar der Besucher kaum fassen.
Der Bauersche Gesangverein unter fernem Chormeister G örlach leitete den Abend mit dem wunderbaren Chorgesang „Tie Himmel rühmen des Ewigen Ehre" ein. Die wackere
vorgelegt hat, aus dem einige Proben einen Begriff von der interessanten Materie geben mögen.
„Ihn die 3ngnoranz eines Gegners triumphierend festnageln zu können, wird zu direktem Trug und Schwindel gegriffen: man erfindet dreist „anerkannte" wissenschaftliche Tatsachen oder beruft sich auf irgendwelche Winkelautoren als hervorragende Autoritäten. „Was, Sie kennen nicht den großen Rattonalökonpmen Bibitz? 3a, nehmen Sie mir nicht übel, wenn Sie nicht einmal Bibih kennen, wie wollen Sie da über wirtschaftliche Fragen mitreden?" Worauf dann der andere, wenn er ein bescheidener und schüchterner Mensch ist. ganz beschämt ob seiner großen Kennt- nislosigkeit klein beigibt.
Es gibt unzählige Schikanen und Kniffe, die sich unmöglich alle aufzählen oder gar in ein System bringen lassen. Sie täuschen zwar auf die Dauer niemand, aber sie entfalten doch eine augenblickliche Wirkung, indem sie den Gegner verblüffen unb außer Fassung bringen, so baß der andere sich als der ileberlegene erweist und scheinbar als Sieger aus dem Streit hervorgeht. Kein Mittel dazu ist schäbig und albern genug, daß es nicht gelegenttich Anwendung finden konnte. So wissen Rechthaberische dadurch oas letzte Wort zu behalten und sich einen guten Abgang zu sichern, daß sie die vom Gegner gebrauchten sprachlichen Tropen, etwa Ironie ober Hyperbeln, wörtlich nehmen. Ein persönliches Erlebnis dieser Art ist mir in lebhafter Erinnerung. Ein anscheinend durchaus im Recht befindlicher Gatte hielt seiner Frau das Unzu- lässige ihres Verhaltens vor: ,.3ch begreife nicht deine Skrupellosigkeit: ich verstehe nicht, wie du solche Grundsätze vertreten kannst." Worauf die Frau entgegnete: „3a, wenn du so dumm bist und gar nichts begreifst und gar nichts verstehst, dann solltest du doch lieber den Mund halten und mir als der klügeren das Handeln überlasten."
Sängerschar füllte die Veranstaltung mit zahlreichen weiteren Proben ihrer hohen .Kunst aus. stets dankbar belohnt von dem überaus ftarten Beifall der Zuhörerschaft.
Dekan D. 3 a u b t - Planig. ber Vorsitzende des Hessischen Pfarrvercins, begrüßte btc Teilnehmer bes Abends unb den Vauerschen Gesang- verein, dem er für seine freundliche Bereitwilligkeit zur Verschönerung des Abends herzlichst dankte, und huldigte bami ber Stadt Gießen, mit ber sich viele Teilnehmer der Tagung eng verbunden fühlen.
Superintendent H 0 p p e - Blumberg <Pom- mtrn) bereitete der Versammlung mit Quittetlun- gen über die Verhältnisse in Pommern einen wertvollen geistigen Gewimr Gr führte u. a. aus: Wir haben im 3uni dieses 3ahres bas achthun- bertjährige 3ubiläum der Christianisierung Pommerns burch Bischof Otto von Bamberg gefeiert. Roch heute wirb bei ber Stadt Pyritz ber ..Otto- Brunnen" gezeigt, wo er die ersten Pommern getauft hat. Pommern hat unter allen deutschen Landen am letzten das Christentum angenommen. Roch lange waren die Pommern in Deutsche land als wilde Heiden begünstigt und gefürchtet. Die Reformation ist dann später durch 3vhann Bugenhagen, einen geborenen Pommern, CutberS Freuild und Seelsorger. 1535 eingeführt. Heute besteht Pommern inertnnirbigcrtixifc kirchlich aus zwei sehr verschiedenen Provinzen. Hinterpom- mcni ist durchaus kirchlich, mit guter kirchlicher Sitte unb Gewöhnung Vorpommern dagegen Durchaus unkirchlich feit alten Zeiten, lieber- die Gründe dieses überraschenden llnterfchiedes ist man sich nicht recht im Hanen. Es wirken wohl eine ganze Reihe ©rünbe mit. Pommern ist sehr lange politisch ein Zankapfel gewesen zwischen Polen, Schweden unb Deutschen Merkwürdigerweise nimmt die Kirchlichkeil Pommerns zu mit dem Alter ber Zugehörigkeit zur Mark Brandenburg. Hiitterpommern ist am ersten zur Mark gekommen im Westfälischen Frieden. Alt-Dor- Pommern 1720 von Schweben an Preußen abgetreten, Reu-Vorpommern erst 1815 unb heißt noch heute im Dolksmunbe Schwebisch-Pommern. Es ist das unkirchliche Pommerm. 3n Vorpommern ist auch das „Dauernlegen" sehr geübt worben. unb das hat in jeder Beziehung, politisch, sozial, sittlich unb kirchlich üble Folgen gehabt. Dazu tomml. daß die Stammesart in Vor- unb Hiitterponrmern verschieben ist. 3n Vorpommern, durch Heinrich den Löwen viel germanische Ein- Utrrtberung, in Hinterpommern viel.wehr slawisches Blut. Daher ist der Hinterpommer gcfüfoligcr, mehr von der Gefühlsseite zu fassen. Daher sind in Hiitterpommern mehrfach grpfocte Erweckungsbedingungen gewiesen, in Vorpommern gar nicht. Der Vorpommer ist viel reservierter unb kühler. Man muß mit ihm nicht einen, sondern zwei Scheffel Salz gegessen haben, ehe man sein Ver- trauen gewonnen hat. Dann allerdings ist er mich zuverlässiger als der Hinterpommer. Der Vorpommer ist ein Mensch, der auf sich hält aus Selbstachtung, daher dort auch viel weniger Trunksucht als in Hinterpommern. wo sie, je näher an Polen, desto schlimmer ist. Man darf das kirchliche Hinterpoinmern nicht überschätzen, wenn auch dort wohl mehr verinnerlichtes Christentum als in Vorpommern, und man darf das unkirchliche Vorpommern nicht unterschätzen, man muß es genau kennen, um es recht zu beurteilen.
Pfarrer Ma her-Berlin gab einen bemerkenswerten Einblick in die Verhältnisse der evangelischen Gemeindearbeit in ber Reichshauptstadt. Aus seinen Worten sei folgendes festgehalten: Die Millionenstadt Berlin zeigt schroffe Gegensätze von grausigem Elend unb glänzendem Prunk. An Schwierigkeiten sind vor allem zu erwähnen: Der flutende Wechsel der Gemeinbebewohner, Wohnungselend, Verhetzung, besonders in großen Fabriken, wo unsere Arbeiter der Massenpsychose erliegen, während sie daheim für Einzelseelsorge recht zugänglich sind Was aus der Heimat- gemeinbe an guten Sitten und kirchlichem Sinn mitgebracht wurde, wirb oft durch die Woge des Großstabtlebens hinweggespült. Eine Fülle von Freud" und Leid flutet in- und durcheinander im Pfarrhaus einer Berliner Gemeinde. Auf der anderen Seite die Erfolge: Gerade im 3rr» und Wirrsal des Grofostadtlebens finden wir oft ein Suchen und Sehnen nach etwaS Festem, Unwandelbarem, Ewigem, eine rührende Anhänglich-
Der brave Ehemann war so verdutzt, dafo er keine Erwiderung sand, während die Gattin als Siegerin aus dem Zimmer rauschte. 3ch habe gefunden, baß Frauen in dieser Kampfesweise sich besonders hervortun.
Sehr beliebt ist es. eine reine Sachfrage auf das moralische Gebiet hinüberzuspielen und dann Pathos und Rührung zu entwickeln. Ein Teilnehmer an einer Sitzung der Reparationskommis- sion in Paris erzählte mir den folgenden, fehl kennzeichnenden Vorfall. Als bestimmt wurde, Deutschland habe den Preis aller im Kriege zerstörten Gebäude zu ersehen, die ursprünglichen Kosten sollten aber überdies wegen des gesunkenen Geldwertes mit vier multipliziert werden, stimmten die deutschen Unterhändler zwar im allgemeinen zu, beantragten jedoch, es sollten nur für relativ neue und gut erhaltene Gebäude die vollen Erneuerungskosten in Ansatz gebracht werden: von alten und schadhaften Gebäuden aber sei der Wert entsprechend herabzusehen. Das war offenbar sehr vernünftig und billig. J2Iber der Vertreter Englands, Bvadbury, DciTucfte den natürlichen Standpunkt. „Was," so rief er pathetisch aus, „gerade die Armen, die nur elende Baracken hatten, sollen schlechter behandelt werden als die Reichen? 3m Gegenteil, gerade sie sollen in erster Linie voll entschädigt werden!" Heber diesen wohlfeilen Edelmut auf fremde Kosten entstand allgemeine Rührung. Der deutsche Antrag fiel durch, und wir zahlen jeht für eine zerstörte, aber schon vorher verfallene elende Scheune den Preis einer schonen neuen — multipliziert mit vier. Welch ein Humbug! Die Deutschen beriefen sich, wie sich von selbst versteht, auf die Grundsätze der Gerechtigkeit: unsere Gegner aber stellten sich so, als handele es sich bei ihren Beschlüssen um die Grundsätze einer sozialen Fürsorge für die Armen, wozu wir doch wahrhaftig feine Verpflichtungen hatten. Welch eine Verwirrung übet den Gegenstand der Verhandlung!


