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Hai der Laiser in die Kriegführung eingegriffen?

Dom ©eneral b. 3nf. Dr. Phil. H von Kuhl

Herr Adolf W a g n e r hat ein Buch mit dem sensationellen TitelKaiserliche Ein­griffe in die Weltkriegführung" (Verlag Thalacker & Schwarz, Leipzig, 1254) geschrieben, das sicher Diel gelesen und von mancher Seite auSgenutzt werden wird. Aach dem Vorwort hat sich der Verfasser die Auf­gabe gestelltdas Wesentlichste über die Krieg­führung uno die Ursache des Kriegsverlustes zufammenzufassen und daraus die Folgerungen für die Zukunft zu ziehen". Gewiß ein löb­liches Unternehmen, vorausgesetzt, daß Herr Wagner die allgemeinen militäris-Hen Vorkennt- nisse und die besondere Kenntnis der Begeben- heilen, Zusammenhänge und Triebkräfte des Weltkrieges besitzt, die für eine so überaus schwere Aufgabe erforderlich sind. Ob dies der Fall ist, soll untersucht werden.

Zweifellos hat der Verfasser vielerlei ge­lesen. Ob er aber mit der richtigen Auswahl gelesen und ob er seine Quellen richtig be­wertet hat, mutz sehr bezweifelt werden. Eine seiner Hauptquellen, um das Regierungssystem Kaiser Wilhelms 11. zu schildern, ist das berüch­tigte Buch des Grafen Zedlih-Trühsch- ler (Zwölf Jahre am deutschen Kaiserhof"). Mittels dieses Buches schafft sich Herr Wagner den Untergrund für seine Darstellung der an­geblichen Eingriffe des Kaisers in die Krieg­führung. Am liebsten hätte er, wie er selbst sagt, das ganze Buch abgedruckt, umein vollständiges Bild von der wirklichen Führung der deutschen Geschäfte zu geben". Er entnimmt den Auf­zeichnungen des Grafen Zedlitz die Derechtigang, von einerftlavischm Unterwürfigkeit der Staats­männer und Militärs gegen den früheren Kaiser", von einerLakaiengesinnung", die im Offizier­korps geradezu gezüchtet wurde, vonuniformier­ten Sklaven" und dergleichen zu sprechen. Es ist nicht ersichtlich, was diese, aus einer so trüben Quelle geschöpften Verunglimpfungen des Osfi- zierkorps der alten Armee bezwecken, es sei denn, dah dadurchdie Ursache des Kriegs­verlustes" erwiesen werden soll. 3n der Tat macht Herr Wagner die für die Generale des Weltkrieges vernichtende Feststellung, dah unter Kaiser Wilhelm II.immer nur die Dümmsten avancierten".

Freilich erscheint es dem Leser dann un­begreiflich, dah ein von denDümmsten" ge­führtes Heer viereinhalb Jahre lang fast der ganzen Welt die Stirne bieten konnte und im 'Westen und Osten, in Italien, auf dem Balkan und in Asien in einer so ruhmreichen Weise gekämpft hat, dah ihm die Feinde die höchste Achtung zollen. Es wird dies um so erstaunlicher, wenn man aus dem Wagnerschen Buche erfährt, dah angeblich der Kaiser sein Möglichstes getan hat, um durch verfehlte Eingriffe die Krieg­führung za erschweren und greifbare Erfolge geradezu zu verhindern. Wer solche schweren Anschuldigungen erhebt, muh Beweise bringen, die vor der historischen Forschung bestehen. Prüfen wir, ob Äes der Fall ist.

. Im Westen soll der Kaiser im September 1914 zweimal durch schmähliche Rückzugsbefehle die Engländer und deren Bundesgenossen ge­rettet" haben.

Der erste Fall ereignete sich am 8. und 9. Sep- i Arber 1914 während der Marneschlacht. Oberst- teutnant Hentsch wurde von Moltke zur efjten und zweiten Armee geschickt, um sie zum Aus harren zu bewegen.Dah Henbsch Moltkes Befehl nicht befolgte, lag ausschließlich daran, dah er den Gegenbefehl lxs Kackers in der Tasche hatte!" Das Zurücknehmen des rechten Heeres- flügels ist nach Wagnerausschliehlich die Folge des Rückzugsbefehls Wilhelms II.", keineswegs infolge des Anmarsches starker feindlicher Ko­lonnen geschehen.Solche gab es gar nicht." Her? Wagner läht somit den Transport ftarfer französischer Kräfte vom rechten Flügel nach Paris und das Auftreten einer neuen französi­schen Armee in der rechten Flanke des deutschen Heeres gänzlich außer Betracht.

Man fragt erstaunt nach irgendeinem Beweise für die Erzählung von dem kaiserlichen Gegen­befehl in der Tasche des Oberstleutnants Hentsch. Jeder Kenner weih, dah dies eine Erfindung ist und dah die Vorgänge, die Hentsch zu seinem Verhalten bestimmt haben, längst völlig geklärt finb. Herr Wagner aber hat für feine Angabe, dah Hentsch einen von dem Moltkeschen Auftrag abweichenden Befehl des Kaisers besah, nur fol­genden Beweis:Rach den Enthüllungen Trühsch- lers können über den Auftraggeber von vorn­herein keine Zweifel bestehen!" Der sachver­ständige Historiker und Kritiker wird schwerlich dadurch überzeugt werden.

Derselben Begründung begegnen wir bei der Besprechung der Verdunosfensive des Jahres 1916:Rach den Enthüllungen des Grafen Zed-- litz-Trützschler wird man schwerlich noch Falken- hayn für den Urheber der Derdunoffensive halten können!" Mit diesem Satze wirst Herr Wagner die ganze historisch auf das genaueste beglaubigte Vorgeschichte dieser Offensive um!

Den zweiten Rückzugsbefehl, den der Kaiser gegeben haben soll, stellt Herr Wagner für den 14. September 1914 fest: Diezur Vernichtung des Feindes erforderliche Macht" stand an diesem Tage früh angeblich kampfbereit auf dem nord- französischen Schlachtfelde. Da bekommt der rechte Flügel wiederum einen Rückzugsbefehl vom Kaiser. Wer die Lage vom 15. September auf dem deutschen rechten Herresflügel in Frankreich kennt, weih, dah damals von der Möglichkeit einer Vernichtung des Feindes keine Rede war, sondern dah es darauf ankam, die durch die Mamefchlacht bedrohlich gewordene Lage zu­nächst wiederherzustellen.

Die vorstehend geschilderten Fälle kenn­zeichnen die Beweisführung Wagners genügend. Die übrigen von ihm angeführten kaiserlichen Eingriffe brauchen daher nur kurz berührt zu toerben.

Der Kaiser soll im August und September 1914 die Riederlage der Oesterreicher dadurch verschuldet haben, dah er den General von Con­rad zur Offensive aufgefordert unb ihn auf diese Weise in den Glauben versetzt habe, die Deui- schen gingen zu seiner Unterftütjung von Ost- preuften gegen den Rarew vor. Tatsächlich hat Conrad vor Beginn seiner Offensive aber genau gewußt, dah dies nicht der Fall war.

Im Sommer 1915 soll der Kaiser das Eln- i greifen Hindenburgs über Wilna verboten und dadurch bte Entscheidung verhindert haben. Jeder- mörm weih, dah für diese Begebenheiten ebenso töte für die Derdunoffensive 1916 in erster Linie

Falkenhahn maßgebend gewesen ist. Der Kaiser hat ferner angebl.ch die Vorbereitung gegen Die Rumänengefahr 1916 nicht geduldet und im Ja­nuar 1917 vorzeitig die Offensive g^9n mänien einstellen lassen. Rur noch eine Probe ber Wagnerschen kriegswissenschaftlichen Krtttt: 3m Herbst 1917 hat dec Kacker verhindert, datz das italienische Heer gefangen genommen wurde. Sonst hätte der Weg nach Südfrankreich in den Rücken der französischen Front offen geftanben. Aber das hätte zum Zusammenbruch Englands und aller Vasallen des Heiligen Stuhls ge^ ührt. Jedochdie Riederwerfung Englands lieh Wilhelm II. nicht zu!" r c ,,

Man könnte es für unnütz halten, auf solche Ausführungen einzugehen. Das ist aber leider nicht der Fall. Es ist zu befürchten, das) von mancher- Seite solche Anschuldigungen bereit­willig aufg'griffen und dem gutgläubigen Leser als Tatsachen aufgetischt werden. Dem soll hier­mit vorgebeugt werden.

Fortsetzung der Pariser Wirlschaftskonferenz.

Normaler Verlauf der Handcls- vertragsvcrhandlungen.

Paris, 21.'Rov. (£11.) Zu der Wieder­aufnahme der deutsch-französischen Wirtschafts- Verhandlungen erfährt der Par ser Vertreter der Tolegraphen-Anion" an zuständiger deutscher Stelle: Entgegen dm irreführenden Interpreta­

Augelegenheiten widersetzte. Rach dm bis letzt bekannt geworderren Rachrichten scheint das Komplott besonders gegen den Autzenmunster, General Condhlis, gerichtet gewesen zu fein.

Der künftige Slaatschef in China.

Peking, 21. Rov. (Hcwas.) Die Gesandt­schaften sind davon unterrichtet worden, dah T u a n - S ch i - I u i als der wahrscheinlichsP r ä= sident angesehen wird. Das interimistische Mi­nisterium werde ihm alsdann die Regierungsge­walt übertragen. Tuan-Schi-Iui, als erster Mi- nifter, wird die Funktionen des Minister- präsibenten übernehmen, bis er zum Staats­chef ernannt wird.

Die deuischnationale Reichs­wahlliste.

Berlin, 21. Rvv. (Priv.-Tel.) DieKreuz- zeitung" veröffentlicht die Reichswahlliste der Deutschnationalen Volkspartei, auf der an erster Stelle folgende Ramen stehen: Hergt, Fürst Bis­marck, Frau Behm, Lambach, v. Tirpitz: aus der Landesliste: Dr. Winckler, Chefredakteur Daecker, Frau Speht, Meyer-Bielefeld unb Hilger-Sptegel- berg.

Aus aller Welt.

Dr. (Eckeners Heimkehr.

Bremerhaven, 22. Rov. (T. 11.) Zum Empfange Dr. Eckeners sind bereits groheDor-

SZNKOUSSA-WA« toiei> vsm Montag an im GieSensv Anzeige« vevSßLentttHt. ß$ee tm^eee Zeitung von dem 1. Dszembsv 1934 an besteAen WM, eschM die Kummer» bis Gude Kovembev tSglM Softsnlss ins Kans ssbvarbt«Bestellungen wsvds« ent­gegen genommen in EeSen duvG bis GsschMS- Kstte des Gietzenes Änreigevs, GsSEeaS« S und dis Tvä'gevinnsn- answÄsis dnsG die Sst-

»ehen Jtvsigstellen und die vost

tionen der französischen Presse Hai die deutsche Regierung on Frankreich nicht bi e Forde­rung der Aufhebung der 26prozenti- g e n Ausfuhrabgabe gestellt. Die deutsche Delegation hat nicht den Versuch gemacht, einen Druck in dieser Hinsicht auszuüben. Für den Augenblick trete die Frage der 26prozentigen Abgabe in den Hintergrund. Sie wird in den nächsten Besprechungen nicht berührt werden. Die deutsche Regierung wird aber unterdessen mit allen Mitteln dahin wirken, dah die Ab­gabe fortfällt. Der deutsche Standpunkt läht sich in folgende Formel zusammenfassen: Stärkere Betonung unseres Verhändlungswillens über die Aufhebung der Abgabe beim RePa­ra t i on sa g e n t en: Aufrechterhaltung der Forderung, dah der abzuschlsehende Handels­vertrag so gehalten fein muh, dah er Aussicht hat, vom Reichstag an­genommen zu werden. Seydoux unb Herriot die gestern mit dem deut­schen Botschafter von Hoesch eine längere Unterredung hatten, haben erklärt, dah sie den Vorbehalt bezüglich des Reichstages nicht be­anstanden. Staatssekretär Trendelenburg hatte ebenfalls eine Unterredung mit dem fran­zösischen Handelsmini stör Raynaldi, über die eine kurze amtliche Erklärung ausgegeben wurde, die betont, dah die Wirtschaftsverhandlungen wie­der ihren normalen Fortgang nehmen werden.

Die Krise des Faszismus

Vor der Klärung im Parlament.

Rom, 22. Rov. (TU.) Mussolini Hut gestern vor dem groben faszistischen Rat In aller Deut- l chleit die Rotw'ndigkeit ausgesprochen, unver­züglich jede Ungesetzlichkeit zu unter­drücken, sonst laufe ber F's; Sinus Ge-ah bie Sympathien im Lande zu perl eren. Es wird f?gar behauptet, dah er feine Führung der Partei von dieser Rückkehr zur strengsten Disziplin abhängig gemacht habe. Ein Zir­kular an die einzelnen faszistischen Provrnzialrer- bände, bad Mussol ni bis ins kleinste ausgear­beitet hat, soll zunächst noch zurückgehalten wer­den, um nicht im Lager der F lszisten eine Ueber- stürzung hervorzurufen, die die Opposition aus- nutzen könne.

Die Tagesordnung ber Rechtsliberalen, der Salandra-Gruppe, dürfte diesem energischen Eingreifen Mussolinis Rechnung tragen, darin wird der Regielmng das Vertrauen ausge­sprochen, weil die Rechtsliberalen der Ansicht seien, dah bie Regierung die Macht habe, die Staatsautorität und den Frieden wieder herzu- stellen, wenn auch G i o l i 11 i durch Soleri seiner Opposition erneut Ausdruck geben lasse. Eine Klärung der Stimmung im Parlament ist heute bei ber namentlichen Abstimmung nach den Reden Mussolinis unb Pederzonis zu erwarten.

Mißglückter Militärputsch in Athen.

Athen, 22. Rov. (TU.) Der Versuch eines i evolutionären Handstreichs wurde durch das rasche Eingreifen der Regierung vereitelt. An der Verschwörung gegen die Regierung waren 30 Offiziere, darunter der General Loudas, beteiligt. Die Aufrührer wollten das Parla­ment während der Rachtsitzung vom Mittwoch auf Donnerstag mit einem Truppenaufgebot und mit Panzerautos umzingeln, die Mitglieder der Regierung verhaften und für den Fall, dah das Parlament sich widerspenstig zeigen sollte, eine Diktatur ausrufen. Die Regierung ist rechtzeitig von dem Pten unterrichtet worden unb hat sämtliche Verschwörer verhaftet. Das Ä cm blutt ist auch tatsächlich daran gescheitert, dah die grobe Mehr hei t der Offiziere sich absolut jetx» Einmischuna ber Dlrmo» in di? politischen

bereit ungen getroffen worden. Sobald sich das Sch'.ff dem Hafen nähert, werden bie Vertreter der Reichs- unb Staatsregierung, bes Rmchsver- kehrsministeriums, der Stadt Bremerhaven, der Zeppelingesellschaft, der Städte Flensburg unb Friedrichshafen sowie wahrscheinlich auch ein Ver­treter ber Stadl Berlin mit einem Dampfer des Rorddeutschen Lloyd, demColumbus", entgegen» fahren.

In einem der Salons des OzeaufchifeZ wird dann die offizielle Begrüßung auf hoher See stattfinden, bei der Staatsekretär Kröhne im Hamen des Reichspräsidenten u.ib des Reichskanzlers Dr Eck^ier die Glückwünsche der Heimat aussprechen w.rd. Man rechnet damit, dah ber Andrang der Bevölkerung Brrrne. Harens bei der Landung Dr. Eckenecs auherorltentlich groß sein wird. Es sind deshalb besondere Vor- keh.ungen getr-f en worben. Bei seine.' Ankunft in Friedrichshafen ist ein weiterer g vher Emp­fang vorbereitet, an dem alle Angehörigen der Werft te [nehmen werden. Zu Ch.en Dr. Eckeners veranstaltet ferne? der Reichspräsident am Mittwoch ein Frühstück.

Frau Harding f.

Die Gemahlin des vormaligen amerikanischen Präsidenten Harding ist gestorben. Die Taufe des Luftschiffes Z. R. III, die für Montag geplant war, wurde wegen der Beisetzung von Frau Harding auf Dienstag verschoben.

Die Rebision im Graff-Prozeh verworfen.

Vom Stettiner Schwurgericht waren am 8. Juli wegen Ermordung des bel­gischen Oberleutnants Graff bie Polizeiwachtmeister Kaws, der inzwischen ge­flüchtet ist, unb Eng eler zum Tode ver­urteilt worden. Beide hatten gegen das Urteil Revision eingelegt. Das Reichsgericht hat nun­mehr bie Revision verworfen.

Der Frontbannführer Oswald entlassen.

Wie die Blätter aus München melden, ist nunmehr auch der letzte ber verhafteten national­sozialistischen Frontbannführer Oswald au5 ber Hast entlassen worden, nachdem er sich bereit erklärt hatte, Bayern zu verlassen und in seine württembergische Heimat zurückzukehren.

Aus Stabt und Land.

(Sieben, den 22. Rovern" er 1924.

Totensonntag.

2llte Menschen halten öfters Zwiesprache mit ihren Dahingeschiebenen. In stiller Stunde breiten sie die Gegenstände vor sich aus, bie sie von ihren Toten besitzen: alte längst vergilbte Briefe, verblaßte Lichtbilber, ein Danb, eine Haarlocke. Diese Äußerlichkeiten rufen mächtig bas B ld. bas geistige Wesen, die Persönlichkeit des Entschlasenen wach. So machen es wir alle am Totensonntag. Vor dem Llltgewordenen steigt ein liebes, vertrautes Bild auf, es ist das Eltern­haus. Vielleicht ist es schon längst vom Erd­boden verschwunden, vielleicht hat es modernen Straßenzügen Platz machen müssen, in unserem Herzen bleibt es unzerstört. Wie glücklich waren wir, als in diesem Hause noch Vatertreue und Mutterliebe über uns walteten. Diese schöne, glückliche Zeit ist vergangen wie ein Schattenspiel an der Wand, dem Vater haben wir den Gedenk­stein gesetzt unb der Mutter Blumen auf das ®rab gepflanzt, heute treten wir im Geist an ihre Grabhügel. Im Elternhause sprangen mit uns bie Geschwister aus und ein, längst hat sich der frohe Kreis gelichtet, hier ruht btt Bruder auf einem Dorfkirchhofe, von dessen Zaun man im Frühling hinaus schaut in das blühende Feld, dort bie Schwester auf einem städtischen Gottes­acker, in dessen verschlungenen Wegen man sich beinahe berieten kann. In den schöneren Stun­den unseres Lebens standen und Freunde zur

Seite. Hätten wir noch Stammbücher wie unfese Vorfahren vor hundert Jahren, so mühten wir hinter manchen Ramen das Wort setzen, das in einem alten Gießener Stammbuch steht: starb in seinen Iünglingsjahren. Schwer ist Witwer­und Witwenleid. So einsam wird das Leben, wenn der Ehemann fehlt, in dessen Hand die Gattin einst wohl geborgen war, so hart, so un­erfreulich das Dasein, wenn dem Manne die * Gefährtin ferner Jugend nicht mehr zur Seite steht. Am schmerzlichsten ist der Verlust von Kin­dern, ob es eine junge Menschenknvspe war, die über Rächt vergangen ist, ob ein Kind nach Kreuz unb Leib unb trüben Tagen aus dem Hause ber Seinen hinausgetragen worden ist, ob ber hoffnungsvolle Sohn, bas Angesicht nach dem Feinde gewendet, in der Feldschlacht ge­fallen ist.

Unserer Toten wollen wir gedenken, aber nicht um sie klagen. Sie ruhen in Frieden. Sie sind jenseits von Kampf, Unruhe, Sünde. Enttäuschung und Herzeleid. Die Bibel sagt von den Dahiugesch ebenen, bah sie überwunden haben. Unsere Toten haben das Elend dieser Tage über­wunden, sie sehen nicht bie Erniedrigung unseres Vaterlandes, sie hören nichts von dem Streit, der in unseren Reihen herrscht, sie gleichen dem Schiff, das auf der hohen See den Stürmen! preisgegeben war, nun aber den schützenden Hafen erreicht hat. Es ist verkehrt, den Tod mit allen Schrecken zu umgeben, die die Phantasie nur ersinnen kann. Franz von Assisi hat den Tod so schön denBruder Tod" genannt. Unter den Reueren hat keiner den Tod so treffend ge­schildert, wie der Wandsbecker Bote Matthias Claudius. Er läht das Mädchen sprechen:Vor­über, ach, vorüber, geh, wilder Knochenmann! Ich bin noch jung, geh lieber und rühre mich nicht an!" Hierauf antwortet der Lod:Gib deine Hand, du schön unb zart Gebild! Din Freund unb komme nicht zu strafen. Sei guten Muts! Ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen!"

Cs ist nicht leicht, dem eigenen Sterben in das Auge zu sehen, wer sich aber mit aller Schärfe klar gemacht hat, dah er sterben muh heute, morgen ober in Jahr unb Tag, der ist nach dem 90. Psalme in Wahrheit klug. Ein solcher Mensch legt nicht mehr viel Gewicht auf die Erdendinge. Ob er hundert ober hunberttausenb Mark ge­winnen kann, erscheint ihm nicht mehr so wichttg, wichtiger ist ihm, sich den Frieden seiner Seele zu erringen. Ueberhebung unb Stolz schwinden aus dem Herzen, wenn der Mensch sich ver- gegeirwärtigt, dah er schon sehr bald mit denen in derselben Gräberreihe liegen kann, die er für geringer ansehen mag als sich selbst. Gr ist auch nicht mehr so unbedingt darauf auS, sein wirlliches ober vermeintliches Recht durch- zusetzen; das Unrecht, das ihm andere antun, nimmt er gelassen hin, Schicksals schlüge, die ihn treffen, bringen ihn nicht aus dem seelischen Gleichgewicht. Wer durch den Gedanken an den Lod klug geworden ist, der tritt seinen Mit­menschen gütig unb gelinde gegenüber. Es gibt ein Wort, das klingt wie ber Posaunenton des jüngsten Gerichtes, es ist das Wortzu spät". Mancher möchte seinem Ehegatten ein guter Weg­gefährte, seinem Kinde ein liebevoller Helfer, seinem Mitmenschen ein treuer Bruder sein, aber er verschiebt es von Tag zu Tag. Da reiht der Lod die anderen von hinnen, es ist zu spät. Richt zum letzten wirb ber durch den Gedanken ar den Tod sehend Gewordene sich auch um baä kümmern, was man im christlichen Sprach­gebrauch bieEwigkeit" nennt, er wird öfters nod) seiner Bibel greifen, seine Seele im Gebete sammeln, die Gemeinschaft des lebendigen Gottes suchen, damit er, wenn ihn einmal die Sterbens­not anpackt, friedevoll unb gelassen von dieser Erde scheiden kann. H. B.

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Unser neuer Roman.

In unserer Montag-Ausgabe beginnen wir mit dem Abdruck des neuen Romans

Die rote Kaschgar.

Die Erzählung flammt aus ber Feder deS glänzenden Schriftstellers Fedor von Zo - b e l t i h , der hier eine Handlung geformt hat, die von Anfang bis Ende mit starker Spannung erfüllt. Der Roman, der erst In diesem Jahr er­schienen ist, gehört wohl mit zu den besten Werken dieses beliebten Schriftstellers. Wir hoffen, mit dem Abdruck unseren Lesern einen guten literarischen Genuß zu bereiten.

Die Redaktion.

Wettervoraussage.

Milde, zeitweise geringe QhiffTänmg, doch wieder zunehmende Bewölkung, leichte Regen fälle.

Vornotizen. l

TageSkalender für SamStag: Sauers Saalbau: 8 Uhr öffentl. Vortrag Emil Peters über:Wege zum glücklichen Leben". G. R. G.: SV« llhr Generalversammlung. Licht­spielhaus Bahnhofstr.:Rosenmontag". Hess. Bilderbühne:Gösta Derling". Astoria-Licht- spiele:Der Seeteufel".

Tageskalender für Sonntag. Totengedenlseiem: UVi Uhr auf dem Brand- Platz, 2'/-. und 3 Vi Uhr auf dem Reuen Fred Hof. Cchneider-Zwangsinnung: Ahr in Hotel

Hopfrlb Monatsversammlung für Hen'eafchneider. Reue Aula: 31/» und 8>/s Ahr MckfwnSvvr- träge. Lichtspielhäuser tote SamStag.

Der Oberhessische GeschichtS- verein beginnt, wie man uns schreibt, seine Vortragsreihe in diesem Winter am nächsten Donnerstag mit einem Vortrag des Professors Dr. Delbrück überDer Ornat des altchrist­lichen Kaisers" mit Lichtbildern, ein Thema, von dem man annehmen darf, dah es Anllang finden wird. Prof. Delbrück ist als genauer Kenner der byzantinischen Ikonographie bekannt. Wir verweisen auf die Anzeige in der gestrigen Rüm­mer des Gießener Anzeigers. Weitere Vorträge, die jeden Freund deutscher und heimatlicher Ge­schichte interessieren, werden folgen.

Die Angehörigen des ehem R. I. R. 222 laden zur Ftter der 10jährigen Wiederkehr der Kämpfe um L)bz, an denen bas Regiment so ruhmvollen Anteil genomnten hat, zum 29. unb 30. Rovember nach G.etzen. Saal­bau Sauer, ein. (Siehe heutige Anzei e) Die Feier wird, so schreibt man uns, den Ernst ber Zeit entsprechend, in schlichter unb einfacher Weise b gangen. Die Lichtbiltervorführungen, b'e aus zahl e chen Originalaufnahm n von Kame­raden brstchen, bie diese von 1915 bis 1917 in den Karpathen unb Gal zien auf genommen habens werden s cher alle, die bort mitgrkämpst haben,1 außerordentlich interessieren, unb so ist za hoffen? baß, wie in früheren Jahren, so auch'diesmal