M.W
Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, mit d. Samstagsbeilage: G ießenerFamilienb lütter Monats-Vezvyrpreir:
2 ©olbmarh u. 20 Goldpfennig für Trägerloh«, auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt. F e r n s p r e ch-Anschlüsfe: für die Schriftleitung 112; für Verlag und
Geschäftsstelle 51. Slnschrtft für Drahtnachrichten: Anzeiaer Siehe«.
poiischeckkoato:
Sranffurt a. M. 11688.
erstes Blatt
Fayrgang
rinwvoq, f8. zum 1924
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Vrvck vnb Verlag: vrühl'sche Untversitöt§-Vuch- und Steindruckerei «. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.
Annahme von Anzeigen für die Tageenummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeDerbindlichkett Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mir Breite crt!ich8, auswärts 10 Goldpfennig; für Re- Klame-Anzeigen d 70mm Breite 35 Boldpfennig, Plotzvorfchrift20" „Auf- chlag. - Verantwortlich ür Politik u. Feuilleton )r. Friedr. Wilh. ßange; ür den übrigen Teil: Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.
Große Etatsdebatte im Hessischen Landtag.
DonunsererDarmstädterRedaktion.
Darmstadt, 17. Juni.
Präsident Adelung eröffnet die Sitzung 9i/2 ilfc.
Am Regierungstisch: Staatspräsident Ulrich und die Minister von Brentano, Henrich Und Raab.
Präsident Adelung teilt mit, daß der Aeltestenrat beschlosien hat, heute die Beratungen des Voranschlags mit einer Generaldebatte zu eröffnen. -Ium
Staatsvoranschlag für 1924
teilt Finanzminister Henrich einiges von dem Gang der Verhandlungen aus den Ausschuhöe- ratungen mit und bezeichnet mehrere Aenderungen, die seit der Festsetzung des vorläufigen Finanz- gesehes eingetreten sind. Gr weist ins^sondere auf die erhöhtem Ausgaben durch die Desoldungsord- tming hin. Eine solche wäre notwendig gewesen, laber das sie so ausfallen würde, habe man nicht erwartet. Die Regierung habe von Anfang an gegen die Form dieser Vorlage protestiert; mehr wolle er heute darüber nicht sagen. Die Schwierigkeit für Hessen liege darin, die Mittel für diese Vorlage aufzubringen. Im April und im Mai wären die Doranschlagsziffern der Steuereingänge überschritten, namentlich der April zeige eine beträchtliche Erhöhung. Jeder Monat erbringe etwa ein Mehr von i/2 Million, dies mache 6 Millionen im Jahre aus, doch seien Schatzungen sehr vorsichtig zu machen. Mehreinnahmen im Etat müßten in erster Linie für die Desoldungsvorlage verwendet werden, eine Erhöhung der Steuern sei nicht mehr möglich, ebensowenig eine Steuerherabsetzung.
Abg. Kaul (Soz.) wandte sich gegen Versuche der Deutschnationalen, in den Regierungen der Länder eine Äebereinstimmung mit der Reichsregierung in bezug auf die Zusammensetzung her- Leizuführen. Gegen derartige Versuche werde sich die Soz. Partei energisch wenden. Aus der drohenden wirtschaftlichen Katastrophe kämen wir nur durch Losung des Reparationsprvblems auf der Grundlckge des Sachverständigen-Gutachtens heraus. Daß die Hess. Regierung für das Gutachten eintritt, sei zu begrüßen. (Hört, hörtl) Dann kommt der Redner auf den Etat zu sprechen und empfiehlt äußerste Sparsamkeit. Die Aufhebung des Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft sei freilich nicht möglich; es werde damit auch nichts gespart. Die Aufhebung des Landesamtes für das Dildungswesen sei e^nfaNs unmöglich; man gebe damit ein Hoheitsrecht des Landes preis, Kulturfragen selbständig zu behandeln. Der Personalabbau zeige, daß sich die Hoffnungen, die man daran wegen der Ersparnisse geknüpft habe, nicht erfüllt hätten. Richts von den Differenzierungen und dem Ortsklassensystem sei in der neuen Desoldunasordnung beseitigt worden. Gegen den Wegfall der Besoldungszuschüsse des Reiches sei energisch zu protestieren. Regierung und Polizei mühten alles zum Schuhe der Republik tun. Der Redner fragt, ob es der Regierung bekannt sei, daß Studenten undSchüler mit kleinkalibrigen Waffen ausgebildet werden? (Abg. Kindt ruft: „Landesverrat!" und wird deshalb zur Ordnung gerufen.) Die Ausbildung mit kleinkalibrigen Waffen sei offenbar zum Kampf gegen die Republikaner bestimmt.
Abg. Ruh (Ztr.) erklärt, das Zentrum verlange, dah der Luxus noch mehr besteuert werde. Die Zentrumsfraktion habe einen Antrag im Landtag eingebracht, dah die Reichsregierung Schritte unternehme, um eine Freilassung der Gefangenen im besetzten Gebiet zu bewirken. Zur Desoldungsordnung stehe die Zentrumsfraktion in grundsätzlichem Gegensatz. Das Zentrum habe den Antrag gestellt, die Vorlage nur für ein Vierteljahr zu bewilligen und beim Reich die Aufhebung des Sperrgesehes zu verlangen. Weil kein anderer Weg jetzt möglich sei, werde die Zentrumsfraktion für die Besoldungsvorlage stimmen. Gegenüber dem Abg. Kaul betonte der Redner, dah die Staatsform für die Zentrums- Partei kein Dogma bedeute. 1
Abg.Dingeldey (DeutscheVolkspartei)beleuchtete zunächst unsere ungeheuren Wirtschaf ts- schwrerrgkeiten. Zur Steuerfrage übergehend erklärte der Redner: Es ist nicht zu billigen, dah Staatsgelder, tote es geschehen ist. in Bankdepots gesteckt und mcht dem Wirtschaftsleben zugeführt werden. Die Steuern sind in Hessen in der bisherigen Weise untragbar, sie sind ja auch höher wie im übrigen Reich. Tie steuerliche Belastungs- Möglichkeit ist überschätzt, Landwirtschaft und Weinbau erliegen bei diesen Steuerauslagen. Die Gewerbesteuer ist höher als in den benachbarten Staaten; insbesondre aus den Kreisen des Klein- Handwerks heraus wird Steuerabbau verlangt, die zahlreichen Stundungsanträge zeigen die Gefährlichkeit des gegenwärtigen Zustandes. Die außerordentliche Gcbäudesteuer ist ganz besonders drückend und ungerecht in Hessen. Die Deutschs Volkspartei verlangt, dah die landwirtschaftlichen Steuern nicht über die preußischen Sätze hinausgehen. He.absetzung der Gewerbesteuer um 50 <>/» und bei der außerordentlichen Gebäudesteuer, dah Eilächterungen namentlich für Kleinrentner und Hypothekengläubigec eintreten. Die Bautätigkeit des Staates gereiche nicht zur Forderung de8 Handwerks, sondern durch die Regiebauten werde dieses benachteiligt. Man müsse sich fragen, ob der Sinn des Personalabbaugesehes in Hessen richtig erfaßt worden sei? Das Kontrollrecht für diese Maßnahmen dürfe der Landtag sich nicht nehmen lassen. Die Regierung mühte ihre Vorschläge aus- arbeiten und dem Landtag vorlegen, genau wie bei jeder anderen Vorlage, damit auch wirk-
Das Programm der Herriot-Regierung.
Räumung des Ruhrgebiets nach Pfändersicherung.
Aushebung eines Teils der Ausweisungsbefehle. - Beschränkte Amnestie für die Rhein- und Ruhrgesangenen. - Annahme des Sachverständigenberichts.
Am gestrigen Rachmittag hat die neue französische Regierung in der Kammer und im Senat die mit Spannung erwartete programmatische Er- llärung abgegeben. Ihr Inhalt dürfte alle diejenigen Optimisten in Deutschland und der Welt enttäuschen, die von der Linksregierung des Radikalsozialisten Herriot eine restlose Erfüllung der berechtigten deutschen Forderungen und eine rasche Wiedergutmachung des ungeheuerlichen Unrechts erwarteten, das am Rhein und an der Ruhr von den militärischen und zivilen Funktionären Poincares begangen wurde.
Das Sicherheitsproblem beherrscht nach wie vor die Handlungen der französischen Machthaber — auch Herriot wandelt diesem Ägi- tationsmittel des französischen Imperia.ismus zuliebe in den Bahnen seiner Vorgänger, wir feine Auslassungen über die Ernennung des Generals Rollet zum Kriegsminister und seine Programmrede beweisen. Und auch ec fürchtet dir Macht des zur Minderheit im Parlament herab- gewählten nationalen Blocks, dem zuliebe er sich nicht zu jener restlosen Ausrottung der Folgen der Poincarsschen Ruhrkampsgrwaltakte bekennen kann, die deutsche und ander; Optimisten erwartet hatten. Darüber dürfte noch einiges zu sagen fein. Für heute mag die Feststellung genügen, dah der Kurs der neuen Männer in Frankreich zwar noch sichtbar sich m den reichlich aus gefahrenen Geleisen von gestern bewegt, dah aber immerhin schon der gute Wille erkennbar ist, den schmalen Pfad einzuschlagen, der zu der angeblich von Frankreich so heiß ersehnten Verständigung führen könnte. Wir Deuffche werden gut tun, uns auch in Zukunft keinen Illusionen hinzugeben. Richt die schönen Worte französischer Botschaften und Regierungserklärungen — wie an dieser Stelle bereits betont wurde — sondern Taten allein können, das Mihtrauen bannen, das wir nach wie vor den Absichten und Handlungen der französischen Machthaber entgegenzubcingen ein Recht und die Pflicht haben.
Die Erklärung der neuen Regierung wurde eingeleitet mit der Verlesung einer
Botschaft des Präsidenten Dorrmergue,
deren Schluhsätze besagen:
In diesem Augenblick werden zahlreiche Probleme unserem Vaterland und unserem Parlament gestellt. Sie könnten leicht gelöst werden, wenn man überall in der Welt eine reine Friedensatmvsphäre atmen könnte. Wenn das noch nicht zutrifst, so hat Frankreich keine Schuld daran. Unser Land hegt keinen gefährlichen Ehrgeiz. Es will nur die Reparationszahlungen, die ihm feierlich versprochen worden sind, und keine illusorischen Sicherheitsgarantien erlangen. Seit dem Sachverständigenbericht, dem wir zum Beweis unseres Entgegenkommens bereitwillig zugestimmt haben, scheint die Reparationsfrage einer baldigen Lösung entgegenge-, führt werden zu können. Es ist aber erforderlich, dah der Schuldner ebenso wie der Gläubiger Beweise seines guten Willens gibt, und dah diese Beweise durch Taten und nicht durch einfache Versprechungen gegeben werden. Aber das Entgegenkommen Frankreichs, das aufrichtig und unanfechtbar ist, kann nicht soweit gehen, dah seine Wachsamkeit eingeschläfert wird dadurch, dah man die Opfer der Vergangenheit vergibt. Sein Entgegenkommen kann auch nichteinenVerzicht auf seine eigene Stärke bedeuten, ebensowenig wie den Verzicht auf die Kontrolle, die die Verträge bei einem Besieg'en zuerkennen, der die Revanche vorbereiten will, anstatt die von ihm übernommenen Verpflichtungen zu halten.
Das Parlament denkt wie das Land. Es will den äußeren Frieden nicht weniger als den inneren Frieden. Es toirb ihn — dessen bin ich überzeugt — weiter auf solider Grundlage, deren sicherste die Gerechtigkeit ist, aufzubauen. Mein heißester Wunsch ist es, in dem Maße, in dem die Verfassung es mir gestattet, dazu mitzuhelfen und meine Erfahrung und unbedingte Grgeben- heit Frankreich, der Republik und der Demokratie zur Verfügung zu halten, denen ich dreißig Jahre ohne Unterlaß gedient habe.
Dieser „Friedens"-Dotschaft des Präsidenten folgte die Verlesung der programmatischen
Erklärung der Regierung durch den Ministerpräsidenten Herriot in der Kammer und den Justizminister Renault im Senat.
Die Regierung, die sich Ihnen vorstellt, hat die Pflicht, den von der Wählerschaft am 11. Mai
zum Ausdruck gebrachten Willen in die Tat um» zusetzen. Sie wird ihr Programm Har zum Ausdruck bringen, selbst auf die Gefahr einer gewissen Länge, damit jeder von Ihnen weih, ob er die Regierung unterstützen kann oder gegen sie stimmen soll. Im Innern wie nach außen hat die Regierung nur ein Ziel, Frankreich in der Arbeit und durch den Fortschritt den Frieden zu geben, den es so sehr verdient. Zunächst den moralischen Frieden. Wir sind zwar entschlossen, keineBotschaftbeim Vatikan aufrechtzuerhalten und das Gesetz über die geistigen Orden durchzuführen, aber das alles in keiner Weise aus dem Gedanken der Verfolgung und Intoleranz heraus. Wir wollen nur die Souveränität der republikanischen Gesetzgebung und die notwendige Scheidung zwischen dem Gebiete des Glaubens und dem der öffentlichen Arbeit sichern.
Die Erklärung kündigt an, dah die Regierung noch heute einen großen Amnestie-Entwurf einbringen werde, der nur Verräter und Fahnenflüchtlinge ausschließt, und dah sie die Wiedereinstellung der bei dem Streik von 1920 entlassenen Eisenbahnbeamten betreiben werde. Das C r» mächtig ungsgeseh soll unverzüglich auf» gehoben toeroen. Die Regierungserklärung streift dann die gesetzgeberische Vereinigung C l s a h - L 0 t h r in g en s mit Altfrankreich. Die Erklärung verspricht die Aufrechterhaltung des Gesetzes be t r. den Achtstundentag. Der Hauptträger der Produktion, der Arbeiter und der Bauer, hätten ein Anrecht auf Schuh gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter und Arbeitsunfähigkeit. Die Befrei- ung der Arbeiterschaft sei ferner nicht möglich ohne die Entwicklung beä Unterrichts. Das ganze Programm der Regierung lasse sich nicht ohne eine strenge Finanzgebarung verwirklichen. Rur sie ermögliche die wirksame Bekämpfung der Teuerung.
Cs bleibt uns nur übrig, fährt die Erklärung fort, uns vor dem Parlament über
unsere Außenpolitik und die Sicherheitsfrage auszusprechen. Auf militärischem Gebiet beabsichtigen wir eine Reorganisation, die die Erfahrungen des Krieges rötlich erscheinen lassen und die durch die Bedürfnisse des Landes geboten ist. Diese Reorganisation, die eine Herabsetzung der aktiven Militärdienst zeit mit sich bringt, muh so durchgeführt werden, daß Frankreich sich dadurch in feinem Falle eine Dlöhe gibt ober geschwächt wird. Frankreich weist ausdrücklich jeden Gedanken an Annektion und Eroberung zurück. Cs will den Frieden zunächst für sich, aber auch für die anderen Völker. Cs wünscht eine unzweideutige Sprache zu führen.
Unsere demokratische Regierung wird mit Festigkeit die Rechte unseres Landes verteidigen, wie sie in den Friedens Verträgen niedergelegt sind.
Wir haben Anspruch auf Reparationen.
Wir verlangen sie im Rainen der Gerechtigkeit. Die neue internationale Ordnung, die wir wünschen. kann nicht auf einer Unbill aufgebaut Verben. Sobald aber Deu tschland hinsichtlich der Reparationen und der Sicherheit sein Verhalten mit dem Friedensvertrag in Einklang gebracht hat wird es ihm völlig frei stehen. ln den Völkerbund einzutre- t e n. Wir sind gegen die Politik der Isolierung und der Gewalt, die za territorialen Besetzungen und Pfandnahmen führt. Angesichts des heutigen Standes der Dinge in Deutschland und dec Rotwendigkeit, nicht allein Frankreich sondern alle Völker gegen eine neue Offensive des nationalistischen Asideutschtums zu schützen, halten wir es nicht für möglich, bas Ruhrgebiet zu räumen, bevor die Pfänder, wie sie von den Sachverständigen vorgesehen sind, deren Bericht wir ohne Hintergedanken annahmen, mit gerechten und wirksamen Garantien für die Durchführung konstituiert und den zu ihrer Verwaltung befugten internationalen Organisationen übergeben sind. Wir halten es auch für nötig, daß die Entwaffnung Deutschlands von den Alliierten gemeinsam überwacht und sobald wie möglich durch die Aktion des Völkerbundes kontrolliert wird. M i r toerbcn d ie Probleme der Sicherheit durch Garantiepakte z u lösen haben, die selbst aber der Kontrolle des Völkerbundes unterstellt sein sollen.
Dies vorausgeschickt, erHärcn wir, daß unsere Regierung mit allen Mitteln dafür arbeiten wird, dey Rationen, die das Vorbild Frankreichs leiten soll, einen aufrichtigen und dauerhaften Frieden
sich die Verwaltungen, die sich aufgebläht haben, verkleinert werden. Das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft, sowie das Landesbildungsamt können aufgehoben werden. Kulturfragen stehen nicht, wie Abg. Kaul behauptet, im Vordergrund dieses Amtes, sondern hier handelt es sich um die Frage, ob ein Amt notwendig ist oder nicht. Dieses Amt hat die doppelte Anzahl von Räten als andere Abteilungen. Die Deutsche Volkspartei hat zur Desoldungsvorlage einen Antrag im Landtag eingebracht, in dem die Regierung ersucht wird, mit aller Schärfe gegen bie völlig unzureichende und ungenügende Erhöhung der Gehälter für die unteren und mitt
leren Deamtenbesoldungsgruppen zu protestieren und für eine Reuregelung einzutreten. Wir sind der Ueberzeugung, daß die Bezüge auch heute noch nicht ausreichen; wir lehnen aber das Ausspielen verschiedener Deamtenkategorien in llebereinftim- mung mit der Beamtenschaft ab. Das Leistungsprinzip darf nicht verlassen werden; wir verlangen aber eine Aufbesserung der unteren Beamten. Der Weg der Bevorschussung wie in Sachsen und Baden ist auch von der hessischen Regierung zu prüfen; wir werden einen dahingehenden Antrag stellen. Bei den Bezügen der Polizei ist eine befriedigende Arbeit undenkbar. Das Unrecht an den Militäranwärtern ist unbedingt zu beseitigen. In
zu geben. Wir werden nach besten Kräften bet allen Völkern den demokratischen Geist ermutigen und unterstützen, auf den wir uns selbst berufen. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um den Völkerbund und alle internationalen Einrichtungen zum Zwecke der Information, der Sicherung oder des schiedsgerichtlichen Ausgleichs zu befestigen. Wir werden eine Politik gerechter Handelsabkommen treiben. Um das Resultat zu erzielen, das wir anstreben, werden wir zunächst die Bande verstärken, die uns mit unseren Alliierten und unseren Freunden vereinigen. Wir werden versuchen, ihre Interessen und ihre Bedürfnisse zu verstehen, wie wir von ihnen Verständnis für die unserigen verlangen werden. Wir werden ihnen mit solcher Evidenz den Friedenswillen und die Loyalität Frankreichs beweisen, daß sie sich mit uns dahin verständigen, jene Garantien der Sicherheit zu gewährleisten, die der Sachverständigenbericht v 0 r- sieht.
Um Frieden zu schaffen, werden wir noch mehr tun. Frankreich weiß nichts von Haß. Es genügt ihm, sich auf die Gerechtigkeit zu stützen. Unsere Regierung wird keineSchwäche kennen gegenüber denen, die ir Deutschland es noch nicht aufgegeben haben, die Verträgezu verletzen und die Idee der monarchischen Wiederherstellung zu nähren. Aber sie wünscht daß die deutsche Demokratie sich festigt. Sie ist schon jetzt zu Maßnahmen des Wohlwollens bereit
Der Strafaufschub, der von den Desatzungsi behörden gewährt worben ist, wirb in eudgül-- tige Degnabigungsmaßnahmen umgewanbelt werben. Auch auf bie politische« Verurteilten, ausgenommen bie, bie wegen der Anschläge gegen bie Sicherheit unserer Truppen verfolgt worben sind, wirb bie Amnestie angewenbel werben. Für bie kleinen Beamten ober Angestellten, bie nur auf Anweisung gehandelt haben, werben bie Ausweisungsbefehle zu, rückgenommen werben. Gewisse schwere Fälle werben besonders geprüft werben.
Besser als Worte werden diese Beschlüsse beweisen, daß, wenn die Deutschen ihrerseits die zur loyalen Durchführung des Sachverständigen- berichts erforderlichen Arbeiten beschleunigen, die sianzösische Regierung den Bemühungen eines Deutschland, das mit Entschlossenheit den Weg der Demokratie und des Friedens betritt, entgegenzukommen vermag.
Tragische Ereignisse, Abweichungen in bet Doktrin, die uns von der Regierung in Moskau trennen, lassen uns nicht vergessen, daß das russische Volk lange gemeinsam mit uns auf dem Schlachtfelde geblutet hat. Wir bereiten schon heute die
Wiederaufnahme der normalen Beziehungen zu Rußland
vor. Sie sollen unter den Bedingungen erfolgen, die der Respekt vor den Verträgen uns gebietet. Bevor wir uns eine Formel zu eigen machen, die das französische Interesse berücksichtigen muß, müssen wir gewisse Vorsichtsmaßregeln treffen und Informationen sammeln, mit deren Einziehung wir begonnen haben.
Der Verlauf der Kammersitzung.
P a r i s, 17. Juni. (WB.) Die Kammer hatte ein zahlreiches Publikum angezogen. Als Mi- nisteri>räsident Herriot in Begleitung der anderen Minister den Sitzungssaal betritt, wird er von den Parteien der Linken mit Händeklatschen begrüßt. Die Botschaft des Präsidenten der Republik wurde mit Beifall aufgenommen. Rur die Mehrzahl der Sozialisten und die Kommunisten beteiligten sich nicht an der Kundgebung.
Ministerpräsident Herriot besteigt dann aufs neue die Rednertribüne, um die Regierungserklärung zu verlesen. Die Linke nimmt die Ankündigung, daß bie Botschaft beim Vatikan beseitigt wird, mit starkem Beifall auf, während ein Abgeordneter der Rechten ruft: „Sie arbeiten für' die Boches!" Ministerpräsident Herriot erwidert: „Wir gehen in dieser Frage nicht intolerant vor." Im weiteren Verlaufe der Verlesung wird vor allen Dingen bemerkt, daß der ehemalige Kriegs- minifter Maginot mit erhobenen Händen bei den Stellen ebenfalls Beifall klatscht, die sich mit der Heeresfrage beschäftigen. Als der Ministerpräsident mit der Verlesung der Regie
feinen weiteren Ausführungen weist der Redner darauf hin, daß die Sozialdemokraten, wenn sie für sich das Recht öffentlicher Demonstrationen in Anspruch nehmen, nicht ein 'Verbot fordern dürften, wenn Andersdenkende einmal demonstrieren. (Sehr richtig!) Die angeblichen Hebungen mit Heinen Kalibern hätte Abg. Kaul besser an anderer Stelle, außerhalb des Parlaments, vorbringen tonnen. (Sehr richtig!) Wir müssen uns alle zusammenfinden, um das Vaterland zu erhalten!
(Lebh. Beifall.)
Die Weiterberatung wird hierauf auf Mittwoch vertagt.


