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Die Präsidenten Frankreichs

Am Freitag hat der französische Natto- Ilallongreh in Versailles den Senatspräsiden­ten Gaston Doumergue zum Präsiden­ten der Republik Frankreich gewählt. Er ist in der Reihenfolge der Geschichte der zwölfte Präsident Frankreichs, aber der erste, der als Protestant und Junggeselle in das Elysöe eingezogen ist.

Von den bisherigen elf Präsidenten ha­ben nur vier die verfassungsmäßigen sieben Jahre Präsidentschaft ausgehalten, nämlich Grevh in seiner ersten Präsidentschaft, Lou- bet, Fallitzres und Poincare, der Kriegspräsi- bent (19131920). Die Reihenfolge der Präsidenten war im ganzen folgende:

1. Adolphe Thiers wurde am 17.Fe­bruar 1871 von dem in Bordeaux tagenden Parlament zum Chef der Exekutivgewalt der französischen Republik gewählt. Den Titel Präsident der Republik« erhielt er erst nach dem Friedensschluß mit Deutschland. Der An­sturm der Monarchisten und Bonapartisten zwang ihn am 24. Mai 1873 zum Rücktritt.

2. Marschall Mac Mahon erhielt Voll­macht als Präsident auf sieben Jahre. Anter seinem Regime kam erst die neue Verfassung zustande. Die Republikaner gewannen die Oberhand und zwangen ihm ein republikani­sches Ministerium auf. Vergebens wagte Mac Mahon am 16. Mai 1877 einen Staatsstreich gegen die Kammer. Nachdem im Januar 1879 die republikanische Mehrheit auch noch in den Senat eingezogen war, muhte Mac Mahon auf die Würde des Vaters der Republik ver­zichten. Die Aehnlichkeit des jetzigen Falles Millerand mit jenem Sturze Mac Mahons ist unverkennbar.

3. Jules Grevh, der Kammerpräsident, war der einzige, der bisher zweimal zum Prä­sidenten der Republik ausgerufen wurde, zum ersten Male am 30. Januar 1879, zum zweiten Male am 28. Dezember 1885. Aber ein Or­densskandal, in den sein Schwiegersohn Wil­son verwickelt war, führte am 1. Dezember 1887 zum Rücktritt Grevhs.

4. Sadi Carnot wurde nach schweren Wahlkämpfen Präsident. Er fiel wenige Mo­nate vor dem normalen Abschluß seiner Präsi­dentschaft in Lyon als Opfer des Anarchisten Caserio am 24. Juni 1894. Die Nationalver­sammlung trat bereits am 27. Juni zusammen.

5. Casimir Perier wurde im ersten Wahlgange des Kongresses mit einer genügen­den Mehrheit von 451 Stimmen gewählt. Der damalige Ministerpräsident Charles Dupuy, sein Gegenkandidat, gab aber die Veranlas­sung, daß der neurasthenische Perier schon am 15. Januar 1895 dem Drucke der Radikalen und Sozialisten wich und den Kammern seinen Rücktritt erklärte. Auch eine Parallele zum Sturze Millerands!

6. Felix Saure erlag im ersten Gange seiner interessanten Wahl seinem Geg­ner Brisson, während 184 Stimmen für Waldeck-Rousseau absplitterten. Im zweiten Wahlgang war Waldeck-Rousseau zurückge­treten, Brisson erhielt nur 361 Stimmen, wäh­rend Staute mit 430 Stimmen siegte.. Felix Saure starb am 16. Februar 1899 plötzlich und auf geheimnisvolle Art.

7. Emile Loubet siegte gleich im ersten Wahlgange mit 483 Stimmen, nachdem die Vorversammlung der Republikaner sich auf ihn, den Senatspräsidenten, geeinigt hatte. Sein Gegner Meline erhielt 279 Stimmen. Lvubet konnte seine sieben Jahre ruhig zu Ende führen.

8. Armand F a l l i e r e s siegte am 17. Januar 1906 ebenfalls gleich im ersten Wahlgang. Er erhielt 449 Stimmen, sein Hauptgegner Doumer 371. Das Septenat Falliöres verlief ungestört.

9. Raymond P o i n c a r e brauchte am 17. Januar 1913 zwei Wahlgänge, um gegen seinen Hauptrivalen Pams (den Kandidaten ClemenceauS) durchzudringen. Er erhielt im zweiten Wahlgang 483, Pams 296 Stimmen. Auch die sieben Jahre Poincares nahmen ihren natürlichen und verfassungsmäßigen Verlauf.

10. Paul Deschanel, Kammerpräsi­dent, siegte in der Präsidentenwahl vom 17. Januar 1920 mit der Mehrheit von 734 un­ter 889 Stimmen über Ionnart und Clemen- ceau. Vier Monate darauf stürzte Deschanel auf einer Bahnfahrt aus dem Nachtschnell­zuge. Eine schwere Nervenkrankheit war we­niger die Folge, als vielmehr die Arsache jenes Anfalls. Mitte September 1920 trat Descha­nel von der Präsidentschaft zurück (und starb am 28. April 1922).

11. Alexandre Millerand wurde am 23. September 1920 mit 695 von 892 abge­gebenen Stimmen zum Präsidenten der Repu­blik gewählt. Er gehört zu den Präsidenten, die nicht glücklich und ruhig bis zu Ende herrschten.

Die Chronik einer asiatischen Dynastie kann kaum soviel Aeberraschung, Wechsel und Geheimnis bieten, wie die fünfzigjährige Ge- ischichte der französischen Präsidentschaft.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

UM

Wirtschaft.

Abänderung der Gcschäftsanfsicht.

Der Reichsrat nahm in seiner öffentlichen Vollsitzung vom Donnerstag nachmittag den auf Grund eines Initiativantrages vom Reichstage beschlossenen Gesetzentwurf an, wonach die Reichs­regierung mit Zustimmung des Reichsrats zu Abänderungen der Verordnung über die Ge­schäftsaufsicht ermächtigt wird und beschäftigte sich dann mit der von der Reichsregiaerung auf Grund dieses Ermächtigungsgesetzes vo ge chla e- nen Aenderung der noch aus der Krieg o.eit stam­menden Verordnung über die Geschrfisaussich.

Die Voraussetzung des Antrages aus Anord­nung der Geschäftsaufsicht werden etwas ver­schärft. Nach der jetzt bestehenden Verordnung kann die Aufsicht verlangen, wer infolge des Krieges oder der Folgen des Krieges zah ungs- unfähig geworden ist. wenn die Aussicht besteht, daß die Zahlungsunfähigkeit in absehbarer Z it behoben wird Nunmehr soll es heißen' Wenn die begründete Aussicht besteht. Fe werwird das Geheimverfahren au gehoben. Dishe war jede öffentliche Bekanntmachung ausge ch'.oj en. Nunmehr soll die Bekanntmachung im R e i ch s a n z e i g e r" erfolgen und die Landes­regierungen können noch wei er-e Beknnn wa . n- gen anordnen. Die Bekanntmachung soll auch auf die schon vorhandenen Geheim­verfahren insofern Anwendung finden, als die seit dem 1. Mai bestehenden Ee'chäftsaufsich- ten nachträglich veröffentlicht werden. E.en o w e hie Eröffnung soll auch die Beendigung dec Ge- schäftsaufjicht in geeigneter Wei e künftig rer- öffentlicht werden. Eine dritte Verschärfung le- steht darin, daß die Anhörung der am lichen Vertretungen der verschiedenen Gewer. s weigr, also von Handelskammern, Gewerbe­kammern und ähnlicher Institute, die bisher nur fakultativ vor der Eröffnung der Geschä, s- aufsicht stattfinden konnte, in Zukunft obliga­torisch ist.

Die Hauptveränderung betrifft die Möglich­keit der Aufhebung bereits bestehen­der Geschäftsaufsichten. Die Geschästs- aufsicht ist fortan ohne weiteres aufzuheben, wenn in einer Gläubigerversammlung die Mehrzahl der Gläubiger, die zugleich die Mehr­zahl der Forderungen, mehr als die Hälfte vertritt, die Aushebung beschließt. Dann muß die Geschäftsauffiicht sofort aufgehoben werden.. Auch für jetzt schon bestehende Fälle. Außerdem soll die Aufsicht ohne weiteres ein Ende finden, wenn der Schuldner nicht bis zum Ablauf der Frist von einem Monat seit Anordnung der Aufsicht einen Antrag auf Eröffnung des Vergleichs­verfahrens einreicht. Das soll auch für be­reits bestehende Geschäftsaufsichten gelten, nur daß hier die Frist von zwei Wochen vom In­krafttreten der neuen Verordnung an gesetzt ist. Schließlich findet die Geschäftsaufsicht ohne wei­teres ihr Ende, wenn drei Monate seit ihrer Anforderung verstrichen sind. Auch das findet auf bereits bestehende Geschäftsaufsichten An- wendung, mit der Maßgabe, daß die Beendi­gungsfrist auf zwei Monate vom Inkrafttreten der neuen Vorschriften aus festgesetzt wird. Weiter wird der Einfluß der Gläubigerver­sammlung und des Gläubigerbe i - r a t s auf den ganzen Verlauf unb die Durch­führung der Geschäftsaufsicht erhöht, und ferner sind Gebühren vorgesehen, während bisher Gebührenfreiheit bestand. Für einzelne Fälle sind diese Gebühren ziemlich hoch. Angenommen wurde noch ein Antrag Preußens, wonach für die die Aufsicht führende Person die Pflicht fest­gesetzt wurde, bei Weiterführung des Geschäftes des Schuldners ausdrücklich tunlichst darauf hin- zuwirken, daß vorhandene Warenvor­räte und sonstige Bestände zur Ver­äußerung kommen. Die Vollsitzung erklärte sich mit den Beschlüssen der Ausschüsse einver­standen..

Die Verordnung ist am Samstag imReichs­anzeiger" bekanntgegeben worden und hat damit Gesetzeskraft erlangt.

*

* Ermäßigungdermitteldeutschen Draunkohlenpreise. Der Reichswirtsch.rfts- minister hat mit Wirkung vom 16. Iuni ab die Preise iüc mitteldeutsche Braunkohlen um durch­schnittlich 10 Prozent herabgesetzt.

Discontv-Gesellschaft Berlin. In der am Freitag abgehaltenen Sitzung des Aufsichtsrates wurde über die Ergebnisse dec ab­gelaufenen Geschäftsjahres berichtet. Es betragen in Billionen Mark: Wechsel und Zinsen 8 610 744, Provision 5 157 956, dauernde Beteiligung bei an­deren Danken 21, Roheinnahmen 13 768 722; Ver­waltungskosten erforderten: 11 159 022, Steuern 2 609 700. In der Bilanz sind aufgeführt (Vill­mars) Kasse, fremde Geldsorten usw. 10 551 161, Wechsel und unverzinsliche Schahanweisungen 7 495 617 Nostvoguthaben bei Danken 58 322 496, Vorschüsse auf Waren 6 807 490, Schuldner in laufender Rechnung 57 182 219, Avalschuldner 7 776 367. Passiva: Gläubiger 140 078 681, Ak­zepte 250 388, Avalverpflichtungen 7 776 367. Ein­schließlich der Ergebnisse der Norddeutschen Dank in Hamburg und des A. Schaaffhcrusenschen Dank­vereins A. ©., deren gesamtes Aktienkapital sich bekanntlich im Besitz der Discvntogesellschaft be­findet, weisen die obigen Posten folgende Ziffern auf: Wechsel und Zinsen 871 046, Provision 7 787 898. Roheinnahmen 16 851 845. Dagegen er­forderten Vecwaltungskasten 13 687 127. Die Hauptposten der Gemeinschaftsbilanz per 31. De­zember 1923 sind folgende: Aktiva: Kasse 16 443 856, Wechsel 9 808 071, Nostr Guthaben 93 225 910, Vorschüsse auf Waren 8 472 785, Schuldner in laufender Rechnung 85 284 380, Aval­schuldner 9 792 380; Passiva: Gläubiger 213 086 982, Akzepte 250 864. Die Gesellschaft hat in diesem Fahr beschlossen, keine Dividenden zu Verteiler, sondern die äleberschüsse zum Ausgleichi ihrer Substanz zu verwenden. Der Währungsversalt hat dem Bankgeschäft im vergangenen Jahr das Gepräge gegeben. Die Papiermarkbilanz hat nur geringe Dedeutung. Die Aufstellung dec Gold­bilanz, mit der die Gesellschaft beschäftigt rst, ge­staltet sich außerordentlich schwierig. Dre Zähl der Angestellten betrug Ende des Jahres 1923 17 400, ?u Beginn des Iahr^ 16 400, und wird sich zum Juli 1924 auf rund 11 000 verringern.

* Barmer Bankverein Hugo S t i n n e s. In der in Barmen abgehaltenen G - D. des Barmer Bankvereins vorm. Hinsberg, Fischer & Go. kam es über den Antrag der Ver­waltung der Firma Stinnes, die im vorigen Hahrs 200 Mick. Mr. Aktien des Barmer Ban' -relnS

übernommen hat, eine Option auf weitere 200 Will. Mk. Aktien einzuräumen, zu einer längeren Diskussion. Die Verwaltung erklärte, es sei un­richtig, daß die Firma Stinnes auf diese Weise die Aktienmehrheit des Bankvereins erhalte, nach voller Ausübung der Option werde Stinnes über 30 Pcvz. des gesamten Aktienkapitals verfügen. Die Verwaltung halte die Schaffung eines enge­ren Verhältnisses für vorteilhaft. Die Bant würde ihre Geschäfte auf der bisherigen Grundlage wei­terführen und keineswegs die speziellen Inter­essen der Fa. Stinnes vertreten. Diese habe üb­rigens erklärt, auch in Zukunft ihren Aktienbesitz nicht unter Umgebung des Barmer Bankvereins vergröbern zu wollen. Der älebernahmekurs der an die Fa. Stinnes zu gebenden Aktien solle durch ein aus 3 Mitgliedern bestehendes Komitee festgesetzt werden. Der Optionsantrag wurde schließlich mit allen gegen 2392 Stimmen zweier Aktionäre angenommen, die gegen den Beschluß Widerspruch zu Protokoll gaben. Im übrigen genehmigte die Versammlung den Iahcesabch.uh sowie die Neuwahl des Banldirektvrs R o g a [ ä E i (Leiter der Stinnesschen Finanzabteilung) zum persönlich haftenden Gesellschafter. Neu in den Aufsichtsrat wurden gewählt Die als persönlich haftende Gesellschafter ausscheidenden Herren A r i o n i und Hinsberg, außerdem Heinrich Theodor F l e i l m a n n - Is r oha und Wckhe.m G i r a r d e t - Essen. Der Ee,chä tsgang im lau­fenden Hahr ist befriedigend. Es verlau et, daß der Barmer Bankverein nach seinem Anschluß an Stinnes nach Düsseldorf verlegt wird.

* Ha m bürg-Amerikanische Paket­fahrt A.-G. Hamburg. Das Unternehmen erzielte im Geschäftsjahr 1923 nach Rückstellungen und Abschreibungen einen üleberfchuß von 153 000 Mark, der auf neue Rechnung noig.tragen werden soll. Im abgelaufenen Geschäckojayr gelangten insgesamt 18 See dumpfer mit 116 595 Brutto-Re­gistertonnen zur Abl eftrung, unter dener sich dir für Amerika bestimm e t P.chagicr a pferAlbert Ballm' undDeutschland" befinden. Die Ton­nage wird sich auf 388 826 Brutto-Registertonnen erhöhen, sobald die in Arbeit befindlichen Damp­ferNjassa",Saarland" undVogtland" abge­liefert we.den. Während sich das Pajsagegeschäft durch die zunehmende Auswanderungslust gün­stig gestaltete, stellte der Frachtoerkehc nach, den Vereinigten Staaten infolge des starken Wett­bewerbs eine Verlustquelle dar. Die Zusammen­arbeit mit der Harrimangruppe hat sich auch im Berichtsjahr erfreulich gestaltet. Nach Weßindien verlief der Verkehr normal, im mexikanischen Ge­schäft wirkte die dortige Revolution störend ern.

* Maschinenfabrik Moenus A. G.» Frankfurt a. M. Der Jahresabschluß der Ge­sellschaft ergibt einen üteberschaß von 253 713 Billionen Mark, der auf neue Rechnung vorge­tragen werten soll. Die Reserve erscheint mit 878 096 Drllionm. Auch im neuen Geschäftsjahve ist dec Beichnftigungsgrad gut gewesen, doch läßt dec Auftragseingang seit Mitte Mai bedeutend nach.

* 60prozentige Aufwertung des Aktienkapitals bei dec Ilsoder Hütte A. G. Die diesjährige ordentliche Gene­ralversammlung der Gesellschaft wird auf den 30. dieses Monats einberufen; es wird vocge- schlagen werden, von der Verteilung einer Divi­dende Abstand zu nehmen. Gleichzeitig wird die Verwaltung die Goldmarkeröffnungsbilanz per 1. Icmuar 1924 zur Beschlußfassung vorliegen. Die Bewertung der Vermögensgegenitände dec Gesell­schaft ermöglicht eine Aufwertung des Aktien­kapitals ohne Zuzahlung seitens der Aktionäre. Die Verwaltung plant eine Erhöhung um 60 Pro­zent vorzuschlagen.

* Kaliwerk Aschersleben stillge­legt. DerBerliner Lokalanzeiger" meldet aus Halle a. d. S., daß das Kaliwerk Aschersleben nun­mehr den gesamten Betrieb stillgelegt hat. Der noch 600 Mann'zählende Rest der Belegschaft wurde auf zwei Monate entlassen. Auch die Kali- gewerkschast Karlsfund hat den Betrieb eingestellt und sämtliche Arbeiter entlassen.

* ZurStillegungderKönigshütte verlautet, daß ein Teil der Kündigungen rück­gängig gemacht werden soll. Die vorgesehene gänz­liche Stillegung der unteren Werke soll nicht aus­geführt werden.

Vermischtes.

Harakiri.

Wie aus Hapan berichtet wird, hat ein Un­bekannter vor der amerikanischen Gesandtschaft in Tokio Harakiri begangen, um auf diese altnatro- nale Weise gegen das neue amerikanische Ein- wanderungsgeseh, das die Iapaner ausschließt, zu protestieren. Zwei andere Männer folgten seinem Beispiel. Man sieht daraus, daß diese feierliche Form des Selbstmordes im Reiche des Mrkado noch nicht ausgestorben ist, obwohl sie in dem offfiiellen Stcafsystem seit dem Jahve 1869 abgeschafft ist. Das Harakiri ist nicht etwa, tote manchmal behauptet wird auf eine Weltanschau­ung zürückzuführen,. die das Qeben für wertlos hält, vielmehr ist es gerade die höchste Einschätzung des Lebenswertes die den Selbstmörder dazu ver­anlaßt, das Höchste, was er besitzt, nämlich sein Leben zu opfern. In alten Zeiten war das Sep- puka oder Harakiri die Form der Hinrichtung, die bei besonders schlimmen Verbrechen angewendet wurde, und zwar waren es 'hauptsächliche Vergehen gegen die Nation, wie Verrat, Aufruhr, Maje­stätsbeleidigung und anderes, die auf diese Weise geahndet wurden. Die Vornahme des Harakiri ge­hörte in den Feudalzeiten Iapans zu den ein- drucksvollsten Zeremonien, die große Vorberei­tungen erforderte. Die Selbstentleibung erfolgte! auf einer Bühne, die in der Haupthalle eines Tempels errichtet war. Hier versammelten sich vor dem mit Teppichen belegten und kostbaren Dophängen ausgeschlagenen Podium hohe Staatsbeamte, die als Augenzeugen dem Vor­gang beiwohnten, und dann erschien der Ver­urteilte, mit der feierlichen Hostleidung angetan, begleitet von zwei Waffenträgern. Er setzte sich voll ruhiger Würde auf einen Teppich hörte auf­merksam der öffentlichen Verlesung seines Urteils zu und ttfurbe dann gefragt, ob er noch irgend­welche Abschiedsworte an seine Familie zu senden habe. Dann dankte er den anwesenden Richtern für ihre Mühewaltung und Höflichkeit, sprach be­wegte Worte des Abschieds, in denen er zugleich die Gerechtigkeit seines Schicksals anerfannte, und dann wurde ihm das kurze Schwert das er zu der Zeremonie bedurfte, auf einem Tablett dar­gereicht. Das Wort Harafi -i, das sich aus Hara = Bauch und Kiri Schneiden «usammensetzt.

Montag, ft». Ml 1924

bezeichnet ganz eindeutig die erforderliche Hand­lung. Vorher wurden noch Gebete hergesagt, die Buddha an riefen und denEdelstein-Lotus des Gesetzes". Durch diese monotonen Hymnen geriet der Selbstmocdlandidat in eine verzückte Stim­mung. die ihn über alles Irdische hinaushob, und so war er denn genügend vorbereitet, um zu den Ahnen einzugehen und seine Ehre wiederzuer- langen, die ec durch sein Vergehen verlor:n hatte. Der Verurteilte ergreift nun dos Schwert, öffnet sich das Gewand und bring, sich zwei genau voc- geschriebxne Bauch schnitte vei. den einen senkrecht, den anderen wagececht. LlnmiUckbar danach wird ihm von dem einen Waffenträg: inii einem ein­zigen Streich des langen Schw . y dec Kopf ab­geschlagen. Da das Bauchaufschlitzen nur die Ein­geweide herausquellen läßt und durchaus nicht sofort tödlich wirkt, so ist das nachherige Köpfen zur Abkürzung der Tooesquale; sehr notwendig. Das Harakiri ist seit langem abeeschaffl, aber wre die letzten Vorfälle vor der amerikanischen Ge­sandtschaft in Tokio beweisen, gibt es noch immer Männer, die den Geist des alten Hapern, dem Budo, huldigen und sich einem grausamen, lange wahrenden Sieben u-i rtoerfen, weil sie den Ge­danken nicht ertragen können, daß die Ehre ihres Volkes angegriffen fei.

Büchcrtisch.

Einen historischen üleberblick über die Ent­wicklung des Nationalitätsgedanlens gibt Georg Widenbauer in dem AufsatzNationalitätsprinzip und Irredenta" in der foeben erschienenen Nr. 4132 der LeipzigerIllu st riertenZeitung" (Verlag I. H. Weber). Aus dem sonstigen Inhcckt der Nummer sind besonders zu erwähnen eine Aeihe von Aufnahmen vom Deutschen Tag in Halle. An künstlerischen Reproduktionen stehen an erster Stelle eine Anzahl farbig reproduzierter Merke von R. Schmidt-Hamburg, die wunder­schöne Landschaftsbilt e: aus Norwegen zeigen. Dem Schaffen des München r Malers Hans Sta­delmann ist ein Beitrag gewidmet, dem fünf Re­produktionen von charakteristischen Werten des Meisters als Illustrationen beigegeben sind. Zwei Dllder von neuen Methoden Der Landwirtschaft in Amerika und auf Hawai werden Landwirte be­sonders interessieren. Schließlich seien noch er­wähnt eine Reihe von Aufnahmen aus dem so­eben eröffneten Darmstädter Schjohmuseum.

Gewerblicher Rechtsschutz. Von Dr. Philipp Allseldt, ord. Professor an der älniversität Erlangen. (Band 11 dec Hamburger Kaufmannsbücher). 1. Teil: Musterschutz, Erfin­dungsschutz. Preis 3,50 Mk. 1924 Hanseatische Declagsanstalt, Hamburg 36. Dec Band ist vor­nehmlich dazu bestimmt, die Ang hörig m des Kaufmannsstandes über die wichtigsten F ugen aus dem Gebiete des gewerblichen Rechtsschutzes, das eng mit Dem kaufmännischen Leb.n rer.nl pst ist, zu unterrichten. Er enthält das Gesetz über Musterschutz (Geschmacks- und Gebr uchsmuster-- schuh) und Erfindungsschutz «Patentrecht). In die systematische Darstellung wird stets Der Wortlaut der gesetzlichen Bestimmungen eingefügt. Soweit einzelne Fragen von gewisser Bedeutung streitig sind, wird dazu in Kürze Stellung genommen und gezeigt, welche Auffassung das Reichsgericht oder das Patentamt, soweit dieses oder jenes fick dazu geäußert hat, verttitt.

(In einem Teil der Auflage wiederholt.) Französische Massenverhaftungen in Lud» wigshafen.

Ludwigshafen, 14. Juni. (Priv.Tel.) Hier sind wegen Verbreitung falscher Re - gief ranken annähernd hundert Perso­nen von der französischen Kriminalpolizei verhaftet worden. Sämtliche Verhaftete er­klärten. sie hätten nicht gewußt, daß sie fal - s ch e Regiefranken im Besitz hatten. Die falschen Scheine sind nämlich den echten so ähnlich, daß zu ihrer Llnterscheidung eine fachmännische Kenntnis gehört.

Metzgerstreik in Warschau.

Deuthen (Obecschl.), 14. Juni. (Wolff.) DerOber-schlesische Kurier" meldet aus War­schau: Die passive Resistenz der Warschauer F l e i f ch e r hat sich derart verschärft, daß W a v schau seit fünf Tagen völlig ohne Fleisch ist. Der Vorsitzende der Warschauer Fleischerinnung und zehn weitere Gewerbetrei­bende wurden verhaftet. Dec Kampf der Fleischer richtet sich gegen eine H erabset- 3 u ng der Fleischpreise.

Schwere Explosion an Bord eines amerikw Nischen Schlachtschiffes.

San Pedro (Kalifornien), 14. Huni. (Wolff.) Bei einer Schießübung explodierte der Panzerturm des SchlachtschiffesMis­sissippi" der 450 Pfund Explosivstoffe enthielt. Von Der 'Besatzung wurden 46 Mann, darunter drei Offiziere, .sofort getötet Und 20 Mann durch Brandwunden mehr oder weniger schcver verletzt.

Geschäftliches.

Süße Speisen von Rhabarber.

Brotsuppe mit Rhabarber. 3 Brot­kanten werden am Abend zuvor mit 1! Liter Wasser eingeweicht. Am nächsten Morgm läßt man sie in dem Wasser wäch lochen und treibt sie dann durch ein Sieb oder Die Fleischhackma­schine. Inzwischen werden auch 1 1' . Pfund Rhabarberstiele in kleine Würfel geschritten und mit Zimt und Zitroneasch,ale in 1 , tckter Wasser gargekocht. Dieses gießt man im Brotbrei, läßt es zusammen kurz auflochen unb schmeckt die Suppe mit Süßstofflösung und Zuckec ab.

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