Beugte alte Mann, in abgeschabten Reithosen, vom Tabat bcfledtem Roa, der Einsame von Sanssouci, der nach den drei schlesischen Feldzügen sein Reich in einem Geiste regierte, der modernste 2IuffcLung von R cht und S z alpoltttc mit einem 2lbsolulismus verband, der — ganz anders verstanden als so viele fürstliche Zeitgenossen - ein persönliches Reg m:n führt aus einem tiefen Mißtrauen und einem starien Wollen zur Güte und Gerecht gleit heraus. Ein He.d auch der Greis, der dem Freunde, dem eb'en Ke th am Abend eines neuen Krieges die Tragöd e seines Lebens erzählt, ohne Pose, ganz schlicht und drch erlchütternd. die Tragödie des Menschen Fricd- aaj, der ein Held roira. um keine Memme werden zu müssen. Franks drei Novellen gehören mit zum besten, was über diesen Menschen Friedrich geschrieben ist. 12Z1
* Sine Ueberraschung ganz besonderer Art bereitet RodaRodader großen, stetig wachsenden Gemeinde seiner Freunde. Man weiß nicht, soll man lachen oder weinen, nimmt man das dickleibige Buch zur Hand, in dem Roda Roda seinen „Roma n‘‘ erzählt und auch dem Dichter selbst ist nicht ganz wohl bei der Sache, ein Tränentüchlein muh doch in Bewegung gesetzt werden, als er darangeht, einen Rückblick auf sein Leben zu tun. Lang' hält's nimmer an, diese Katzemammerstimmung, bald ist der fidele Roda Roda wieder obenauf und schon die Urgeschichte seiner Familie, die dort drunten an der deutschen Südostmark, bei Ungarn, Serben und stämmigen Kärntnern spielt, wird so launig und humorvoll erzählt, nut, so viel köstlichen Schnurren und so anmutiger Satire, daß man atemlos weiter und weiter liest die Schicksale dieses seltenen Mannes, der unter der ewig lächelnden Maske ein goldiges Herz trägt, voller Liebe zur Menschheit und Sinn für das Schöne. Prachtvoll schmihig hingeworfene Zeichnungen Andreas Szenes' illustrieren das Buch, das nicht des Dichters letztes sein möge. Er ist uns noch manch aufheiternde und besinnliche Stunde schuldig. (Drei-Masken-Berlag. München.) 1484
Neue Romane.
* Die Hartjes. Roman von August Hinrichs. (Seinen 5 Mk. Quelle & Metzer in Leipzig.) Prachtvoll erdnahe ist dieser niederdeuische Bauernroman, von Aberglauben und dunkeln Sagen durchschallet, aber voll von sinnenfrohen, leidenschaftlichen und erdkräftigen Menschen. Mit sicherer Hand sind sie hingestellt: zart und inrug in ihrer unbeholfenen Liebe, zäh und verb.ssen im Haß, derb und ungeschlacht in ihrem urwüchsigen Humor. Stark und dramat sch ist d e Handlung aufgebaut. Goy, der Stolz des Dorfes, der kühnste seiner Genossen, der reichste Dauer des Dorfes, zerbricht an der Liebe, weil er der Stimme seines h'ißen Blutes folgen muß. Arm. verfemt baut er sich ein neues Leben auf. Schuld und Sühne, das ist das Lied, das durch diese Blätter klingt. Der Dichter führt uns durch rauchgeschwärzte Bauerndielen, das w:lde Moor, den rauschenden Wald: sie b.lden den Schauplatz. Ein starkes, gesundes Buch von hinreißender Spannung und Wucht. Ein Stück Kulturgeschichte, in satten und leuchtenden Farben gemalt. 1390
*'Auf eine wertvolle Sammlung bester Literatur aller Zeiten und Völker, die Vielseitigkeit, freundliche solide Aufmachung mit dem Vorzug her-Billigkeit verbindet, sei auch für das Weih- nachtssest besonders hingewiesen. Es sind die Hautsschahbücher des überaus rührigen Kemptener Verlages Kösel & Pustet, von denen als neueste die farbenfrohen ..Dene- tianischen Novellen" des Frhm. Franz von GaudH. Nikolai Gogols berühmter Kosaken- roman ..Paras Bulba". Marie von Hullens Künstlerroman „Der immergrüne Kranz"
und schließlich die schwermütigen Erzählungen Anton Höfers „Der Buckelschneider erschienen sind. Die Sammlung eignet sich auch vortrefflich zu Geschenkzwecken bei Massenbescherun- qen als wirllames Gegengewicht gegen die sich m letzter Zeil wieder erschreckend breit machende Schundliteratur.
• 2. Anker Larsen, Der Stein der Weisen. Für Larsen ist das religiöse Gefühl, ein Grundtrieb, ebenso selbstverständlich wie menschliche Begierde. Unabhängig von der o- zialen Schichtung und den Cinzelschicksalen tret)en alle Menschen um einen Punkt — um Gott. Der eine indem er die Unzulänglichkeit der kirchlichen Formen erkennt und Über ihre Grenzen tzinaus- wächst — der andere, indem er sich in die Theosophie flüchtet — nicht in den Spiritismus — um bis an die mystischen Grenzen unseres Da eins vorzudringen. — der drille, die einfältige, bäuerliche Noturlraft, der nach Schuld und Sühne fern selbstisches Wesen und sich aufgibt, „bis er nicht mehr ist. weil Gott ihn erfaßt hat". Der ^raumer geht zugrunde, weil er den Boden unter den Füßen verliert, lebensuntüchtig wird und in jenseitigen Erlebnissen und Vorstellungen ausgeht. Das einfache Naturkind rettet sich in die Hingabe an den Willen Gottes - und der Skeptiker findet auf dem Wege ins praktische Leben zu sich selbst zurück und zu den Menschen seiner Welt. Das tätige Leben rettet ihn. — „Das Buch wird über die Gemüter Macht bekommen, da es auf em Grundgefühl zurückgreist, das bei dem allgemeinen Schifibruch die Sinkenden über Wasser hallen kann" schreibt Georg Brandes. Das Werk, das m Dänemark größtes Aufsehen erregte, erschien soeben bei Grethlein & Eo. in Leipzig. 1448
Die soMjeiisierun g der Mongolei
Sell dem Tode des Lebenden Gottes, des H utu k t u in U r g a, der Hauptstadt der Mongolei, hat die Sowjetregierung im Verein mit der Dritten Internationale ihre Anstrengungen vervielfacht. um den Unterbau zur Sowjetisierung der mongolischen Republik in möglichst kurzer Zeit Durchzuführen. Nach dem Zusammenbruch der gewaltmäßigen Dolschewiiierung beschritt dieSowjet- regierung den Weg des politischen und administrativen Zellenbaues, deren Führer sich in den letzten Tagen des Novembers in Urga zur Ausarbeitung der Konstitution der Mongolischen Volksrepublik zusammengefunden hatten. Die Konstitution sieht ein republikanisches Derwaltungsshstem im Sowie11yp vor. Der Kleine Huruldan erinnert m seiner Zusammensetzung und Funktion an das Zentralvollzugskomitee der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken und tritt zweimal im Iahr zusammen. Der Große Huruldan tagte zum erstenmal am 25. November in Urga und ist, wie Sowjetblätter berichten, nach dem „Prinzip der demokratischen Vertretung aufgebaut, DaS die ausbeutenden Klassen vom W a hl- recht ausschlieh t". Die große Volksversammlung hat u. a. die rote Flagge zum Schutzzeichen der Republik erllärt und das europäische Kalenderstzstem eingeführt. Der Tagung des Großen Huruldan ging eine Beratung des Kleinen voraus. Die Wahlen in dem Großen Huruldan wurden wie folgt Durchgeführt: zuerst wurden die Vertreter der Haschuns (eine administrative Einheit, die 150 Iurten umfaßt) gewählt, diese wählten die Vertreter für den Kongreß der Ai- maks (ein Aimak umfaßt 20 Haschuns). Schließlich gingen aus dem Kongreß der Aimaks, deren es in der Mongolei vier gibt, mit Ausnahme eines, wo die Macht in Händen der Geistlichkeit ruht, die Deputierten des Großen Huruldan hervor, zu denen Vertreter der Behörden, der Beamten und der Geistlichkeit gehören. Die Sow
jets feiern die neue Konstitution der D^ngolei als großen Sieg. Aus der Tagung des Großen Huruloans in Urga. das in Ulan-Butor-Hoto, d.h. die Stadt des Roten Recken umbenannt worden ist, hielt auch ein Vertreter der.kommunistischen Internationale eine Begrüßungs
ansprache.
Nach der Wahl.
Von Oberbürgermeister Dr. Külz (Dresden) M. d. R.
Zum gleichen Thema äußerte sich am Freitag vergangener Woche Exzellenz Dr Becker als Vertreter der Deutschen Volkspartei. Im folgenden geben wir einem führenden Mitglied der demokratischen Aeichstagsfraktion das Wort. In einem dritten Artikel wird sich ein Mitglied der deutschnationalen Reichst-gfraktion zu der durch die Wahlen g- schaffenen Lage äußern.
D. Red.
Bei Beginn des Wahlkampfes wurde dieser in weiten Schichten des deutschen Volkes nicht als die Notwendigkeit eines Appells an die Wähler in einer großen politischen Frage empfunden. sondern sie als die vermeidbare Folge einer überflüssigen parteipolitischen und Regierungskrisis. Hieraus ergab sich ein gewisser Unmut. der eine schwache Wahlbeteiligung befürchten lieh. Im weiteren Verlaufe des Wahlkampfes trat jedoch in dieser Beziehung ein völliger Wandel ein. Die groß angelegten Parteitage einzelner Parteien, insbesondere der Deutschen Volkspartei und der Demokraten und die intensive Arbeit der Presse steigerten sehr schnell das Interesse der Allgemeinheit an den Wahlen, und sehr bald stellte sich die Erkenntnis em, daß es am 7.Dezember um grundlegende Ent- scheidungen und um Schicksalsfragen der Nation gehen werde. Diese Erkenntnis zeitigte die erstaunliche Tatsache, daß trotz der Häufung der Wahlen innerhalb der letzten sechs Monate die Wahlbeteiligung doch gegenüber den Maiwahlen nicht unerheblich zugenommen hat.
Wer selbst inmitten des Wahlkampfes stand, merfte sehr bald auch auf anderem Gebiete eine bemerkenswerte Wandlung zum Besseren. Während noch im letzten Wahlkampf in den Versammlungen das hohle Schlagwort und die tönende Phrase starke Wirkung ausübten, befreiten sich jetzt weite Kreise von dieser suggestiven Wirkung und zeigten das ernste Bestreben, sich mit kühlerem Verstand in de pofit.schen Probleme zu vertiefen. Der Rauschzustand der politischen Ekstase, von dem früher weite Kreise befallen waren, verflüchtigte sich merklich. So verlor der politische Radikalismus schon aus diesem Grunde an Boden. Andere Momente kamen hinzu. Die Kommunisten entbehrten ihrer zugkräftigsten Agitatoren, die es vorzogen, im Ausland die Wiederkehr ihrer Immunität abzuwarten. Die Nationalsozialisten pendelten ziellos zwischen den verschiedenen Gruppen und Verbänden hin und her und diskreditierten gegenteitig ihre bisherigen sogenannten Führer, die mit Namen zu nennen zu viel Ehre bedeuten würde, die Unfruchtbarkeit des extremen Rad kalismus trat täglich mehr zutage, und das Endergebnis war der Rückgang der Kommunisten und Nationalsozialisten um je 1 Mill on Stimmen. Diese Dezimierung der radikalen Flügel w rd für den Parlamentär schon Betrieb des neuen Reichstags eine w llkommene Entlastung bedeuten, denn es bedeutet doch einen erheblichen Unterschied, ob 94 Saboteure des Parlamentes am Werke sind oder nur 57.
Der unerfreuliche HangzurZersplitte- rung ist leider nur wenig gemildert worden:
er scheint manchen Kreisen als deutsches Übel tief im Blut zu sitzen. Gleich Derbangntf- voll ist die starke Neigung, rein beruf 8 = ständische oder materielle Sünderin t e r e s s e n über das Allgemeinwohl zu fegen Interessenpolitik über Staatspolitik, dieser Satz leuchtete aus vielen Wahlaufrufen hervor und hat die Stimmen von vielen Tausenden von Wählern zur politischen Bedeutungslosigkeit verurteilt.
Zwischen den Parteien des Reichstags, die man als die historischen ansprechen kann, hat das Ergebnis des Wahlkampfes eine grundlegende Verschiebung des Krafte- verhältnisseö nicht gebracht. Diejeni- gen. die einen Rechtsblock für erreichbar hielten, sahen sich ebenso enttäuscht wie die. welche eine ausschlaggebende Stärkung- der bisherigen Regierungsparteien erhofften. An äußeren Möglichkeiten einer Regierungsbildung finb verschiedene vorhanden, eine innerlich festgefügte Regierung zu schaffen, wird ungeheuer schwierig fein.
Da die Demokraten eine Rechtsregierung selbstverständlich nicht mitmachen werden, scheidet eine solche selbst für den Fall aus, daß das Zentrum sich zu ihr verstehen würde. Eine Koalition aus Zentrum. Sozialdemokraten und Demokraten kommt ziffernmäßig nicht rn Betracht. Co bleiben also die beiden ernsthaft zu erwägenden Möglichkeiten, die große Koalition von der Volkspartei bis zur Sozialdemokralle oder die bisherige Koalition der Mitte. Der Gedanke der großen Koalition findet jetzt unter dem unmittelbaren Eindruck des Wahlkampfes naturgemäß weder bei der Dolkspartei noch bet den Sozialdemokraten Resonanz. Aber auch dann, wenn die über dem Kampffeld noch lagernden Nebelschwaden sich verzogen haben werden, wird nur schwerlich die große Koalition am politischen Horizonte auftauchen. Wohl hat der Führer der Volkspartei. Dr. S t r e s e m a n n. mit Wort und Tat sich in Der Vergangenheit wiederholt zur großen Koalition bekannt, aber der rechte Flügel seiner Partei ist doch jetzt so stark geworden. daß es selbst diesem gewandten Arrangeur nicht gelingen wird, das Steuer seiner Partei im Reich in das Kielwasser einer Koalition mit Der Sozialdemokratie zu bringen. Aus der an- Deren Seite ist zu befürchten, daß der Zuwachs bet den Sozialdemokraten, der ja zweifellos aus Dem radikalen Lager kommt, auch Die Sozialdemokratie wenig geneigt machen toirD, sich ihren Wählermassen gegenüber durch ein Zusammengehen mit der schwarz - weih - roten Dolkspartei zu exponieren.
So bleibt wahrscheinlich als einzige, fast tragikomisch anmutende Möglichkeit nur die b i 8 - hörige Koalition Der Mitte. Was die Demokraten im alten Reichstag als das Ge°>
Die rote Kaschgar.
Roman von Fedor von Zvbektih.
18 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
„3a,“ sagte Frehe. „ich weiß es noch."
„Da sah er wie ein Waldgoll aus, und wir waren seine Dryaden. Wir hatten unsre roten Kleiderchen an, wie Mohnblumen ober Feuer- nellen, und schließlich zogen wir Stiefel und Strümpfe aus und patschten im Wasser umher. Glückliche Kindheit! Was ist aus unsrer Freundschaft geworden? Du sitzest zwischen deinen Betbrüdern, und ich behüte da oben meine Schleiereulen — Gert aber geht uns durch Die Lappen, nimmt erst ein Weib und Dann reißt er aus. Zu Schiff nach China — näher durfte es nicht fein“
„Iöses, was redest du!" rief Gert, wütend über das störende Dazwischentreten Alexes. Wolltest du nicht einen Dock belauern, holde Diana? Vielleicht kommt er noch — wir lassen dich allein. Freye. ich führe meinen Gaul und bringe dich durch Den Wald purüd. Es Dämmert, und du kannst dich tierirren.
„Schönen Dark. Gert." erwiderte Frehe, „der Wall» ist mein Garten, ich finde selbst in der Dacht meinen Weg. Aber du hast doch recht mit der mahnenden Dämmerung. Die Mutter wartet, es ist Zeit, daß ich gehe."
„Ich begleite dich." wiederholte Gert störrisch.
„Ditte nicht", sagte Freye.
Alexe lachte. „Du hast noch immer den alten Stierkopf, Gert", rief sie. „Ueberkge gefälligst: wenn einer aus Kappietsch dich mit einer ledigen Schwester der Gemeinde sieht, muß er da nicht glauben, der Teufel der Weltsünde wolle sich unter die Sillen im Lande drängen? Soll Freye das schwarze Lämmchen in ihrer Herde werden? Ich mache dir einen anderen Vorschlag. Drüben unter den Eichen hält der Förster mit meinem Wägelchen. Kotoyiere mich und iß mit mir auf Der Wesenburg zu Abend."
„Ich sehne mich nicht nach dem Geplärr der Tanten", erwiderte Gert grob.
„Ich kann uns auch auf meinem Zimmer servieren lassen, wenn dir das lieber ist."
„Merci, auch das nicht. Es dünkt mich Gefahr dabei."
Unwillkürlich schoß ihr das Blut in die Wangen. Verzeihung — jetzt versteh' ich", Tagte sie. „Du hast Sammlung nötig für deine Hochzeit. Geh in dich, Gert, und wasche deine Seele. Theda wird sicher Freude empfinden über einen Sünder, der Buße tut, wenn du ihr aus deinem Purgatorium auch nur schreiben kannst, weil ein Engel mit feurigem Schwerte —"
Diesmal lieh Frehe sie nicht aussprechen. Unbewußt empfind sie. daß über der lockeren Zunge Alexes eine Häßlichkeit schwebte. „Aus Wiedersehn. Lexe." sagte sie und reichte ihr die Hand, „ich muh fort.“
Die Domina war wieder von strahlender Liebenswürdigkeit. Sie legte ihren Arm um den Hals Frehes und küßte sie. „Grüß' mir die Mutter", entgegnete sie. „Und weiter gute Besserung. Besuch' mich doch auch einmal — aber sage dich vorher an, Damit du mich daheim findest . . ."
Gert stand abseits, das Gesicht verfinstert, durch die gestrafften Adern des Halses hämmerte der Schlag des Herzens. Gr nahm Frehes Hand und drückte sie so fest, daß das Mädchen die Zähne zusammenbiß. Es war ein schmerzlicher Abschied. Seelisches quoll bei Gert in Muskel und bewegte den Atem.
„Seh ich dich nicht mehr?" fragte er halblaut und heiser.
„Nein, Gert", erwiderte sie. „Goll behüte dich."
Sie riß ihre Hand mit scharfem Ruck an sich und wandte sich. Alexe und Gert schauten ihr nach, keiner sprach mehr, Nervenstimmung glitt schattenhaft über die Gesichter, beide standen unter dem Albdruck einer Schweigsamkeit, die sich nicht brechen ließ. Freye eilte raschen Fußes über den Wiesenplan, umringelt vom Abendrot, über sich den schweren Flügelschlag eines Nachtvogels. Unter Den Bäumen verlohte ihre Gestalt.
Gert warf sich schwerfällig auf sein Pferd. Der Falbe wieherte hungrig dem Futtertrog ent» 1 gegen und tänzelte. Gert riß ihn zusammen und nahm ihn fest zwischen die Klammern der Schenkel.
„Reitest du neben mir?" fragte Alexe. „Dein Weg ist mein Weg."
„Vielleicht war er es mal“, antwortete Gert in herbem Trohe. „Ieht reite ich querfeldein.“
Er nickte ihr zu. Mit schnobenden Nüstern und hochgeworfenem Halse glitt der Falbe in zuckelndem Kurztrab über die Wiese. „Die", murmelte der Reiter — wer wußte, wem das Schimpfwort gatt? — Alexe hörte es nicht, aber dasselbe Schmähwort kam auch, lautlos beinahe und, wunderlich genug, mit einem wehenden Unterton von Zärtlichkeit von ihren Mädchenlippen. als sie Den kleinen See umschritt, zurück nach ihrem Iagdwagen. —
Ein Umschwirren traumhafter Gedanken begleitete Freye. Die Schwermut des Abends, der in goldgetönten, verblassenden Farben seine Schleppe durch Den Wald zog. kreiste in ihrem Blut. Er gab Dem Abschied Weihe und Feierlichkeit. Kirchenandacht war in ihr und eine ergebene Fassung. Es war ja alles richtig, was Gert in feiner Eigensucht gesagt Halle: eine Ehe zwischen ihm und ihr hätte nimmermehr zu einem gefesteten Glück geführt. Aber suchte er denn ein Glück? Sie beantwortete sich Die Frage nicht. Sie schloß ab. Auch in ihr war es Abend, und morgen begann ein junger Tag.
Am rasch sich verdunkelnden Himmel blitzten schon ein paar Sterne, als sie die Dorfstraße betrat. Leben war hier, ein stilles Huschen, die Gemeinde zog nach Dem Bethaus zur Nacht- andacht. Letzter Glockenton sättigte Die kühler ge- toorDene Luft.
Ein großer Mann tauchte neben Freye auf, Den Rundhut lüftend. „Grüß' Gott. Schwester Freye", sagte er. „So sehen wir uns doch noch einmal.“
Sie spürte wieder etwas wie einen leichten Stich im Herzen, genau wie am Vormittag, da sie an den Bruder Dorotheus gedacht und ihn zugleich unvermutet neben sich gesehen hatte.
„Ich freu’ mich Darüber, Herr Fiedler,“ erwiderte sie, aber Da sie dies sagte, ging ihr Atem schwerer als sonst. „Zwischen unferm Lebewohl am Morgen und jetzt liegt eine Aussprache mit meiner Mutter — sie hat Den Wunsch. Sie kennenzulernen, bevor Sie abreisen.“
Der Missionar hatte sein Empfinden in Der
Gewalt. Doch blieb er unwillkürlich stehen, mit einer leichten Bewegung Der Ueberraschung. Die Beter kamen jetzt von allen Seiten aus den Häusern. Die meisten grüßten stumm, ein paar junge Weiber steckten unter wispernden Lauten Die Köpfe zusammen, als sie die beiden sahen. Die große Glocke Hub wieder mit Vollton an und rief Die Gemeinde zum letzten Male zur Andac^.
„Lassen Sie uns einen Augenblick zur 6eita treten, gnädiges Fräulein," bat Bruder Dorv- theus, und rasch führte er Frehe in die kleine dunklere Nebengasse, die in einem Dogen zu den auf Der Höhe gelegenen Dillen führte. „Ich nehme an,“ fuhr er fort, „Daß Sie mit Ihrer Frau Mutter über meinen — wie soll ich mich ausDrücken — meinen Werbeversuch gesprochen haben."
„3a,“ sagte sie fest, „ich tat es — tat eS absichtlich, weil ich weih. Daß Die Mutter svch über meine Zukunft beunruhigt unD Daß schon die Möglichkeit einer Sicherung ihrem armen Herzen FrieDen bringen kann. Verstehen Sie mich recht, Herr FieDler — ich Dachte Dabei weniger an mich selbst als an Die Mutter. Ich bleibe bei Dem, was ich Ihnen heute früh sagte — ich kann Ihnen keine feste Zusage geben, aber auch keine Abweisung — ich warte ab, ich bin ja un- gebunDen I Darf ich Sie Daraufhin mit meiner Mutter bekannt machen?"
„Ich bitte Darum“, erwiderte Bricker Doro- theus ohne weiteres. „UnD warm?"
Freye überlegte. „Vielleicht wäre jetzt die geeignete Stunde“, entgegnete sie. „Der Nachmittagsschlaf ist für Mutter immer ein erquickliches Ausruhern Ich will sie fragen. Kommen Sie mit?"
Er bejahte, und sie schritten nebeneinander den Weißdornpsad Hinauf zum Hause der Frau von Elstern, unter Dem kalkig gewordenen Nacht- Himmel, auf Dem auch schon eine weiße Sichel- spitze Des Mondes über den tannendunkeln Bergen sich Hochschob.
„Bruder Dorotheus,“ begann Freye nach kurzem Schweigen von neuem, „ich habe eine Bitte. Es geht gottlob der Mutter ersichtlich ein wenig besser, aber eine Kranke ist sie noch immer. Nehmen Sie Rücksicht Darauf. Seien Sie vorsichtig in Den Antworten, die Sie ihr geben,“
(Fortsetzung folgt.)
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