Ur. 2( Zwettes Blatt Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Sberhessen)
Montag, (5. September 192$
Wie der Krieg ausbrach.
Von Pros M. Pokrowski, Direktor der russischen Archive zu Moskau.
Am 31. Juli jährte sich der Tag, an dem Srrzonov den Zaren überredete, den Beseh! jur allgemeinen Mobilmachung zu erfassen, und damit den Wellkrieg entfesselte.
Weiten Kreisen blieb dies schicksalsschwere Datum lange Zeit unbekannt. Lange wurde der 31. Juli — der Tag der österreichischen allgemeinen Mobilmachung und der deutschen Dcr- tonbung des „Zustandes der Kriegsgefahr" — für den ersten Tag der russischen Mobilmachung gehalten Diese kleine chronologische Derheirn- richung half, begünstigt durch den allgemeinen Waffenlärm, den übermäßig eiligen Schritt der Zarenregierung vertuschen. In der allge- meinen Aufregung jener Tage konnte es übersehen werden daß der russische Degen zuerst entblößt wurde.
Einem engen Kreise war der Zusammenhang der Vorgänge iratürlich wohlbekannt. Schon am 2. August hielt Sazonov es für nötig, seine Eil- $erttgfcit in Paris und London zu rechtfertigen irÜnjerc allgemeine Mobilmachung," schreibt er km Jsvülslp und Benckendorsf, die russischen Geßcnwten. „wurde verursacht durch die ungeheure Verantwortung. die wir aus uns geladen hätten, wenn wir nicht alle Borsichtsmaßnahmen trafen. Die europäische, die Weltbedeutung des Konflikts ist unendlich wichtiger als seine llrsache." (®e- heimtclegramm Rr. 1627, 20. Juli alten Stils.)
Kürzlich Mmrde in Ausland ein Dokument der- SffenÄicht, das in der ganzen Welt Aufsehen erregte. Es sind dies die im Krasny-Archiv (Steten Archiv) erschienenen täglichen Aufzeichnungen des russischen Außenministeriums von Ende Juli bis Anfang August 1914, die von HanAeidircktor Schilling unter unmittelbarer Leitung Sazonovs geführt wurden. Aus bleiern Tagebuch geht unwiderlegbar hervor, daß nie Mobilmachung nicht nur gegen Oesterreich, sondern auch gegen Deutschland schon am 24. Juli ihren Anfang nahm, also dem Tage, an dem in Petersburg die Nachricht von dem österreichischen Ultima tum an Serbien einlief. An diesem Tage kamen die Verordnungen des Ministerrats über die Mobilmachung der baltischen Flotte zustande.
Im russischen Außenministerium war man sich bereits vor dem Ultimatum darüber klar, baß Jbcr österreichisch-serbische Konflikt den Krieg nach sich ziehen würde. Schon am 7. Juli drahtete Sazonov dem russischen Gesandten in Belgrad' „Der Zar geruhte, die Ueberlassung von 120 000 Gewehren und 120 Millionen Patronen aus Heeresbeständen an Serbien gegen Bezahlung zu gestatten."
Wer sich erinnert, wie ein Jahr später die Reservisten bei uns mit Stöcken ausgebildet wurden und wir überall Gewehre veralteter Systeme zusammenkauften, wird zugeben, daß es sich hier nicht um überflüssige Bestände handelte.
In den letzten Jahren haben serbische Gelehrte und Diplomaten bei dem Versuch, sich von der Schuld reinzuwaschen, selbst ausgeplau- dert, wer über sie hergefallen ist. Im vorigen Jahr hat Professor Stanvevitch bei einer Derteid,aung des Ministeriums Pachitch auf- gebceft, daß die Ermordung des Erzherzogs am 28. Juni 1914, angeblich ohne Dorwissen der serbischen Regierung, vorn Oberst D rn i t r i e - vitch (1917 wegen Verrats erschossen), dem Ehef der Rachrichtenabteilung im serbischen Generalstab, o r g a n i s i e r t worden sei. I
Das belangreichste in der Erklärung Stande- v'ttchs ist für uns, daß Dmitrievitch auf Weisung des russischen General st abes Handelle, als ob die Reise Franz Ferdinands das Vorspiel zur Kriegserklärung Oesterreichs an Serbien sei. Der hevrusfordernde Charakter dieser Mitteilung wird uns ohne weiteres klar, wenn wir erfahren, daß die Ermordung deS Hauptes der österreichischen Krieaspartei, Franz Ferdinands, seit 1913 m den serbischen Aktionsplan gehörte.
Es war jedermann klar, daß dieser Mord »das Signal zum Kriege geben würde. Schon Anfang 1914 sprachen die serbischen Offiziere offen von dem bevorstehenden Kriege mit lOesterreich. Dem Verfasser dieses Artikels gilt dies »mit anderen Einzelheiten als Beweis, daß Set» i e n z u in Ueberfall bereit war. Rur 'Serbien allein?
Hier kommen uns russische Quellen, darunter mit an erster Stelle das Verhör des Generals ^K o l t ch a k in Irkutsk, zu Hilfe. Rach Koltchaks -Aussagen war man bereits 1907 im russischen Ge- meralstab von der Unvermeidlichkeit des Krieges «überzeugt, in dem Deutschland natürlich den -Anfang machen sollte: doch war hierfür erst das Jahr 1915 ins Auge gefaßt. Verschiedene polllische Gruppen der Duma bekundeten hierfür 'wbhaften Belang: Koltchak, als Sachverständiger und Referent, mußte sie beständig.auf dem laufen- ifoen halten. Der Kriegsminister Suchomlinov erwähnt von diesen Sitzungen, daß sogar nicht ein-
Oer Alte auf Topper.
Vornan von Hanns von Zvbeltitz.
69. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Sie rechneten noch eine Weile. Das Fc^it wollte nicht recht stimmen, cs mußte bald der eine, bald der andere Posten for. bgcmimert toei- Sen. Aber d-r Gestrenge war s zufrreden. »Wir schaffens. ChZstel! Der liebe Gott wird werter helfen." Schob die Papiere zusammen, langte Nch Die Kappe vom Ragel. „Kann das lange Hocken nicht vertragen, muh frische Luft haben.
Roch einmal ging er in den Stall, freute sich über die Pferde, die munter an den Krippen standen, machte dann einen großen Rundgang um baS Dorf, trat in einzelne Gehöfte, oag.e dem Bürde ..Bist ein frecher Kerl, oeri^enst s nid>t mit deinem gottlosen Maulwerk, aber doch in drei Tagen ein paar Schesiel Korn vom Dominium haben. Der gnädige Konrg schickt solches." Sprach beim schmied vor: „Unter guter König schickt Geld. Du kannst bald bauen, ich geb' dir das Holz ta^u!" Und Immer leichter und froher wurde ihm dabei das Herz. Wie sich das heute marschierte! AI die Zeil öxjren ihm die Beine wie Blei gewllcrn. Heut schrrtt er aus, daß es eine Luft war.
Run kam er am Kirchhof vorbei, und da wollt' er sich ine Gräber curjeh-r; von wegen der
mal alle Mitglieder der Landesverteidigungskorn- mission Zutritt hatten. Durch die Schuld Admiral WojevodskiS verzögerte sich die Ausführung des Marineprogramms um zwei Jahre. So kam es, daß wir beim Auftauchen drohender Anzeichen im Frühjahr 1914 (das drohendste war das damals getroffene geheime englisch-russische Flot- tenabkommen) mit unseren Vorbereitungen nicht fertig waren.
In der baltischen Flotte wurde seit dem Frühjahr 1914 a u f das fieberhafte st e an den Vorbereitungen zum Kriege gearbeitet, also zu einer Zeit, da noch niemand an das österreichische Ultimatum denken konnte, weil der Erzherzog noch lebte, obgleich sein Schicksal in der serbischen Rachrichtenabteilung beschlossen war.
Run zur Landarmee: Seit 1903 — führt Suchomlinov an — schien mir der Zusammenstoß mit der habsburgischen Monarchie wahrscheinlich, und seit 1909, noch mehr seit 1912, die Teil - nahmeDeutschlands an diesem Kriege. Damit begannen die Vorbereitungen zu einem allgemeinen Kriege. Der Mobilisationsplan wird so ausgearbeitet, daß eineTeilmobilmachung nichtmehr durchführbar ist (weil man nur noch mit einem europäischen, keinem Einzelkriege mehr rechnet). Die Vorschriften über die öffentliche Mobilmachung werden durch solche für eine geheime — unter dem Rainen der „Kriegs- vorbereitungsperiode" — vervollständigt. In ihr wird alles, bis auf die Einberufung der Reserven, vorbereitet, so daß, wenn diese erfolgt, die Truppen kriegsbereit sind. Daher kam die Mobilmachungsverordnung dem B e f e h l zum Ausrücken gleich, was auch einem allerdings nicht veröffentlichten allerhöchsten Befehl im Jahre 1907 entspricht: „Der drahtliche Mobilmachungsbefehl in den europäischen Militärkreisen ist gleichzeitig der Befehl zum Beginn kriegerischer Handlungen gegen Deutschland und Oesterreich."
Die Allgemeinmvbrlmachung ist der Kriegs- beginn. Das sprach her russische Generalstabschef Obrutchev schon 1904 aus, doch gab die russische Diplomatie sich so große Mühe, diese Tatsache zu verheimlichen, daß sie schwer zu beweisen war. Waren nun die ehrenwerten Bundesgenossen hinter den Kriegsvorbereitungen Rußlands zu Wasser and zu Lande zurückgeblieben?
Hierüber geben die Erinnerungen des früheren englischen Genevalstabsmajors Bridge Aufschluß: Zuerst die bekannten Tatsachen über die englischen Vorbereitungen für einen Krieg in Belgien, die genaue @rEunbung der belgischen Küste durch den englischen Generalflab, aus denen klar hervorgeht, baß die Verletzung der belgischen Reutralität durch Deutschland ebensowenig unerwartet kam wie das österreichische Ultimatum. Die persönlichen Erinnerungen Bribges enthalten einige neue belangreiche Einzelheiten. In seiner Eigenschaft als Uebersetzer im Generalstabe hatte er am ersten Kriegslage ein Dokument zu bearbeiten, das die Kostenregelung für den Unterhalt der englischen Hilfstruppen in Rordfrank- reich betraf. In den Abrechnungen war den Geldkurs, zu dem die Zahlungen za leisten waren, genau festgesetzt, so daß jeder verständige Mensch einsehen mußte, daß es sich nicht um eine unbestimmte künftige Zeit, sondern am das laufende Jahr handelte. Das Dokument war von Anfang Februar datiert. Die Offiziere der Operationsabteilung des englischen Generalstabes arbeiteten schon Mitte Juli — als die Deutschen doch beim besten Willen die belgische Reutralität noch nicht verletzt haben konnten — ganze Rächte hindurch an der Fertigstellung der Mobilmachungspläne.
Die Wahrheit brüht sich endlich Bahn. Langsam. aber sicher!
Der erste Geburtstag des spanischen Direktoriums.
Don W. Renner.
Sonderlich erfreullch ist der Aspell der politischen Lage seines Laiches für das Geburtstagskind Primv de Rivera nicht, wenngleich die sensationellen Pressenachrichten, die von einer drohenden Krisis des Direktoriums zu melden wußten, übertrieben sind. Der Hauptgrund für die befremdliche Unklarheit über die inner- und außenpolitische Lage Spaniens ist die feit einem Jahre mit äußerster Strenge festgehaltene militärische Vorzensur über die Tag es presse, deren offiziell inspirierte Verlautbarungen durchweg einen Optimismus zeigten, der mit den tatsächllchen Ereignissen oft genug in seltsamem Widerspruch stand. Immerhin kann nicht bezweifelt werden, bah es den oft rücksichtslosen Maßnahmen Primv de Riveras gelungen ist, große Teile der inneren Verwaltung des Landes von der bis 1923 üblichen Korruption und Bestechlichkeit zu säubern, das Verkehrswesen erheblich zu verbessern und die Finanzverwaltung von dem Odium der Günstlingsund Repotenwirtschaft zu befreien.
Schwer zu leiden hat dagegen das Direktorium und sssin polltisches Renommee unter dem völligen
Steine, die er in Frankfurt zu bestellen gedachte. Als er so unter den alten Linden und .zwischen den jungen Maulbeerbäumen entlang ging, sah er den Gast am Grabhügel des guten Püttner stehen, und neben ihm den Rvtkovf. die Ruth. Das Jüngferlein nwcht' den Mvsjoh Grolich hierher geführt haben. Sie erzählte wohl vom Vater. Und dann sprach der Regimentsvvebiger zu ihr, ernst und lieb, schiens. und tröstend. Denn lic batte die großen Augen voll zu ihm aufgesch^en und sah so eigen vertrauensvoll aus. War doch ein wunderlicher Vogel, die 'Ruth Ehedem solch ein wilder Racker und nun immer artig und fittig. Ja freilich, so geljO: das harte Leben zähmt den Ucbermut. Mancher evfährfs früh, mancher erst, wenn das Herz alt und das Haar schlohweiß ist.
So trat er denn zu den beiden, sprach auch von seinem -guten Frsrnde, der da unten rühre: ging mit ihnen die paar Schritte weiter, bis zum Crbb^räbnisse und erzählte vom starken Egidius, wie der am Hose >u Dresden die Hufeisen zerbrochen und die Silberteller gebogen hätte und wie ihm, als er im hohen Alter ein wenig kindisch geworden, die Kräfte doch fo seltsam geblieben wären. „Sin verspieltes Leben dabei. Könnt' das Seinige nicht Zusammenhalten, lebte als Allerwellsvetter bald hier, bald da. zuletzt bei mir — ja — und hat doch einen schöllen Tod gefunden. Wenn man's so nennen darf. Will ihm mm ein kleines Epitaph setzen lassen
Mißlingen der angekündigten Marokkopolitik. Hier rächt sich Riveras unentschlossene, außenpolitische Einstellung, die einerseits eine Schädigung des spanischen Prestiges in Mrika nicht dulden^ will, andererseits aber auch ein Zerwürfnis mit Frankreich vermeiden möchte, obwohl nur auf Grund der eigenmächtigen Handhabung deSTangerskttuts durch die Franzosen die stete Erneuerung und Anfachung der Rifkabylenaufstände möglich ist. weswegen der Generalkommissar der französischen Zone, Marschall L y a u t e y, der zugleich Generalresident des Sultans in Tanger ist, es auch vorzog. Primv de Rivera auf keiner Marokko- reife nicht selbst zu begrüßen, eine Llnhöflichkeit, die von den leitenden Kreisen in Spanien mit äußerster Befremdung vermerkt wurde Eine andere Quelle der Unsicherheit wurde das mehrfach von Rivera geäußerte Programm, zwar die spanischen Waffen in Marokko erst zu einem vollen Siege zu führen, dann aber zu erwägen, ob eine Auf recht er Haltung der Interessensphäre in Marokko mit den wahrhaften Interessen des Landes im Einklang stehe, d h. also, einen ehrenvollen Rückzug aus Marvllo vvrzubereüen. Die kürzlich beendete Reise Riveras durch Spanisch-Marokko scheint ihn darüber auf geklärt zu haben, daß ein Aufgeben Marokkos angesichts des entschiedenen Widerstandes eines großen Teiles der Ma- rotfoarmec gegen ein solches Eingeständnis der militärischen Unzulänglichkeit Spaniens eine glatte Unmögtid>feit ist. Er hat also seine Pläne modifiziert, den festen Entschluß ausgesprochen, die spanischen Waffen bedingungslos zum vollen Siege zu führen und hat sich durch Amnestierung des Generals Derenguer die Marokkoarmee zu verpflichten gesucht. — Den kürzsich aufgetauchten Plan eines Austausches von Gibraltar gegen Marokko (dessen Hauptstadt Ceuta den Engländern den strategischen Wert Gibraltars reichlich ersetzen könnte, ganz abgesehen von dem ausgedehnten und fukunstsreichen Hinterlande) hat England in Rück- icht auf die ihm momentan fdjr nötige gute Laune Frankreichs gar nicht aufgegriffen. Rivera sieht sich also vor der Rotwendigkeit, den gerade jetzt zu drohendem Umfang gewachsenen Auf stand der Rifkabhlen, koste es, was es wolle, aus eigenen Kräften niÄ>erzuschlagen.
Jnnerpvlitisch ist Riveras Lage dadurch ziemlich gesichert, daß alle früheren Parteien durch ihre fang- und klanglose Kapitulation vor den Generälen im September vorigen Jahres jeden Kredit im Volke verloren haben und dadurch für den Augenblick zur Dedeutungslosi^eit verurteilt sind Selbst ein Politiker von dem Range M a u r a s erklärt sich für nicht in der Lage, sich tn der gegenwärtigen Situation zur Verfügung zu stellen. So ist es möglich, daß vorläufig an die Wiederherstellung einer gesetzmäßigen Zivilgewalt nicht zu denken ist, ja, daß Rivera mit gutem Gewissen die Bildung einer solchen auf Grund des Fehlens geeigneter Männer verweigern kann
Die für Oktober geplante Heerschau der „Union Patriotica", der spanischen 'Faschistenmiliz, die Rivera sich im Laufe des verflossenen Jahres herangebildet hat, wird erweisen, wie die Macht des Direktoriums fundiert ist. Aber man kann schon jetzt sagen, daß die einzige Gefahr für Rivera höchsteiis aus Heereskreisen fo atmen könnte. Eben aus jenen Kreisen, deren militärischer Ehrgeiz durch die schwankende MarvRopvlitik bedroht wurde, und sie sich anscheinend um die Generäle Weyler und Cavalcanti gruppieren. Da aber aus solcher Gegnerschaft nur das Wiederau flehen einer Aera der Pronuncicnnentos resultieren könnte, de- rengleichen schon so oft sehr schlimme Zeiten über Spanien heraufgeführt haben, Bann man dem Di- reftortum und Spanien nur wünschen, daß es gelingen möchte, die gegenwärtige Krisis zu überwinden und das Land allmählich in den Kurs zu führen, den der zweifellos gute Wille der „Putschist«:" vom 13. September 1923 zu steuern gedachte.
Der Kreistag des Kreises Gießen
trat am Samstagvormrttag im Regierungsgebäude zu Gießen unter dem Vorsitz des Kreis- dirÄtors, Prvvinzialdir^for Graes zu einer Sitzung zusammen.
Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte Provinzialdirektor Graes tn herzlichen Worten seines verstorbenen Amtsvorgängers, des Pro- vinzialdireVors unb Kreisdirektors Matthias, dessen hohe Verdienste als vorbildlicher Beamter und dessen ausgezeichnete Eigenschaften als Mensch er in trefflichen Worten hervvrhob. Das Haus ehrte den Entschlafenen durch Erheben von den Sitzen. Sodann bat der Redner um das Vertrauen des Kreistages unb der ganzen Bevölkerung. Er werde sich in seiner Dienstführung von jeder Parteipolitik fernbalten, jeder Beamte müsse rrn Dienst streng objektiv bleiben, er habe über den Parteien, aber nicht hn Dienste einer Partei oder einer Wirtschaftsgruppe zu stehen. Er werde immer bestrebt fein, die Gegensätze auszu gleichen, und niemals toerbc er den Boden des Rechts verlassen. Er bitte alle um treue Mitarbeit zmn Wohle des Kreises Gießen.
und deinem Vater, Ruth, einen Stein. Vom (Selbe, das der gnädige König uns gibt"
Das Jüngferlein ward ein wenig rot — immer schoß ihr jetzt so leicht das Blut in die Wangen —, küßte die Hand und banfte. Unb dann war sie mit einem Male verschwunden.
Aber der Alte merkte das eigentlich nicht. Er spazierte mit dem lieben Gast unter den Linden, und sie sprachen über dies und das: vom Junker und wie beffen Grab ausschaue: von der Majestät, die gar eine starke Erinnerungsgabe haben müsse: tom Dorf und den Leuten. Mit einem Male standen sie vor dem Pfarrhaus. Das Häuslein war auch hier, rückseitig, hoch hinauf mit Efeu begrünt, aber das Dach hing schräg hinunter, war vermoost und hatte tiefe Löcher im Stroh. Oft genug hatte der Gestrenge bas im Vorübergehen gesehen und nimmer draus geachtet. Heut schüttelte er den Kopf „Muß auch gebessert werben. Man finb't fern Gnd'."
Da fragt der Gast plötzlich: „Mit Verlaub, gnädiger Herr, ist wohl die Pfarre schon aus- geschrteben?"
„Ausgeschrieben freilich' gab der Gestrenge zurück. „Hat sich aber noch keiner zur Probe- Predigt gemeldet. Die Pfarre ist schlecht, um's grab' herauszusagen."
„Run, ich nwcht' mich wohl bewerben. Wenn'S genehm wäre."
Das kam fo überraschst. baß der Alle einen Schritt rückwärts trat
Hieraus ging man zum einzigen Puecki iKi Tagesordnung über: Ausschlag der Kreis- Umlagen für das Rechnungsjahr 1924 Mit dieser Angelegenheit hatte sich der Krvisiai; jetzt zum dritten Male zu beschäftigen. nachdem seine beiden ersten Beschlüsse die ministerielle Genehmigung nicht g. fanden hatten. Provinzial« direktor Graef betont:, daß man iin Interesse einer geordneten Kreis verwallung jetzt unter allen Umftänben zu einer ersprießliche Regelung kommen müsie. Zur Deckung des KneisbÄxrrfo schlug der Kreisausschuß folgende Regelung ba Ausschlagssähe vor (gerech tet In dem Der» hältnis. in welchem alle Gemeinde.i des Kreise.' einschl der S'adt Gießen einerfeits unb die Landgemeinden allein andererseits die Umtagea atff- zubringen hoben):
A. Für die von allen Gemeinden des Kre «les einschl. der Stadt Gießen auszubringenben 160 303 Mark 1. Aallgemeine Gebäudefteuer: Steuerwerk 184 131 300 RN. non 100 RN. «Sceuernvrt 1.65 Pf. - 30 380 Mk. 2. Vorn land unb forstw. genügten Grundbesitz - Steuerwert 152 924 300 RN. von IOC- Mark Steuerwert 3,2 Ps 48935 Mk 3- Sonder» gebäudesteuer von 100 Mk. Steuerwert 6,6 Ps 121 526 Mk. Davon 2/«r 81 000 Mk. Summe
160 315 Mk.
B. Für die non den Landgemeinden allein aufjubrtngenben 105 400 RN 1. Allgemeine Gv- bäubefteuer. Stauerwer! 67 472 500 Mk. von )00 Mark Steuerwerk 2.1 M 14100 Mk 2. Dom land- unb forst wirtschaft sich genutzten Grundbesitze Steuerwert 131 362 700 RN 4,1 Ps = 53 800 Mk. 3. Sondergebäudesteuer non 100 Ml. Steuer wert 8.4 Pf. 56676 RN. Davon — 37 700 RN. Summa 105 600 RN
Das Mitglied der rechten Seite des Hauses Bürgermeister Müller- Bellersheim i ab»n gegen den Verwaltungsantvaig Stellung, wobei auf die überaus schwere Rosiage der Lan^bwöNerung infolge des tatastrophcvten Ausfalls der Ernte hingewiesen wurde. Der Redner beantragt« Gleichstellung der Ausschlagsfähe Provi-nzialdi- rettoi Graes edarmte die schwelen Erntever- lüfte der Landwirtschaft an. Kreistagsmitglied Amtsgerichtsdirektor Schmahl = Giehsn erläuterte den Antrag des Abg. Muller dahin, daiß er die im Derwaltungsantrag unter b vorgeschlagenen Sätze auf die Höhe der unter A vorgeschlagenen ermäßigt wissen wolle. Hierdurch cntfteb? ein Einnahme-Ausfall von rund 18 000 Mk., den man aus dem Reservefonds decken könne Ei,l formulierter Antrag der Mitglieder Amtsgerichtsdirer- tor Schmahl und Büvgermei> Krenzien- Gießen forderte, dieser Regelung .zuzustimmen.
Der Vorsitzende unterbrach die Sitzung, uw in nichtöffentlicher Beratung des ZtvisauSschusses zu der neuen Lage Stellung zu nehmen Rach Wiederaufnahme der Verh.inblangen teilt: bei Vorsitzende mit, der KreisauslchuN ha de mit 4 gegen 2 Stimmen bei einer Stimmenthalttrng beschlossen, an dem Anträge der Verwaltung fest- zuhalten.
In der Abstimmung wurde die Pstttt- form des Derwal kungsantrags abge- lehnt: nur ein Teil der sozialbenrokratifchsa Fraktion stimmte dafür. Der Antrag Schmahl- Krenzien wurde mit 13 gegen 9 Stimmen angenommen.
Hiernach gelten die hn Antrag der Vermattung unter A genannten Ausschlags!ätze allgemein für Stadt und Land, der Landbevölkerung ist also die erbetene Ermäßigung deWil- ligt. Der Einnahme-Ausfall von 18 000 Mk. soll aus dem Reservefonds gedeckt werden
Turnen, Sport und Spiel.
Ruder-Regatta in Gießen.
Begünstigt von angenehmem Wetter, hielt bet Verein Rudersport Gießen 1913 am Samstag unb gestern auf der Lahn die vierte Herbst-Ruder-Regatta des Lahn- Regatta-Derbandes ab. Mit den sportlichen Leistungen, insbesondere mit dem Verlaus der letzten Kämpfe des gestrigen Haupttages kann man zufrieden sein. Eine stattliche Zuschauermenge säumte an beiden Tagen die Ufer der Rennstrecke unb füllte besonders gestern den Festplatz. Die Rennen über die ca. 1800 Meter lange Strecke zeitigten folgende Resultate:
Dorrennen am SamStag nachmittag.
Jungmannen-Dierer (H. Happsl-Gc- dächtnispreiS). 1. Lauf: 1. Wetzlarer Ruderklub, nicht gezeitet, 2. Limburger Ruderklub. 50 Meter vor dem Ziel aufgegeben. 2. Lauf: 1. Ruderverein Bad Ems 7.152/io Min., 2. Rubergesellschaft Lohnst ein. aufgegeben.
Zweiter Jungmannen-Vierer 1. Lauf: 1. Verein Rudersport Gießen (Freund) 7.15, 2. Verein Rudersport (2. Boot, Plank) 7.25, Rudergesellschaft Lahnstein aufgegeben 2. Laus: Limburger Rudergesellschaft geht allein über die Bahn. Wetzlarer Ruderklub wegen Kvlliffon ausgeschlossen
Anfänger-Vierer: 1. Laus: 1. Verein Rudersport Gießen (Mönnig) 7.12, 2. Marburger
„Ist doch nicht Euer Ernst —" „Warum sollt's nicht mein Ernst sein?" „Ich sagfs ja schon, die Pfarre ist schlecht, nährt ihren Mann nur eben, wenn er so mvdeste ist, wie s mein Püttner selig war llnd das kaum "
„Die Eltern haben mir ein kleines Vermögen vererbt, ich brauch' nicht so arg au, Geld zu schauen."
Der Alte wiegte den Kopf. „Da gratulier* ich Ader. Herr. Ihr seid mir wert Drum rat' ich Euch ab Ich denk' mir, Euch ist eine gute Pfarre in irgendeiner Stadt sicher, paßt besser zu Euch. Da habt Ihr Zukunft. W:r mal auf der Klitsche festgehakt ist, den läßt sie nich wieder los. Immer die Bauern und immer bu Bauern, dicke, harte Schädel unb manchmal toentfl darunter — Herr, das kriegt Ihr balde über."
„Doch zieht's mich in solch ein Amt. gnädiger Herr. Ich mag die Stadt nicht, ich liebe da- Land. Unb was die Bauern betrifft, die stehc meinem Herzen am nächsten. Der Bauern Arbeii ist am fröhlichsten unb voller Hoffnung, hat Doktor Martinius getagt - Wenn ich allo dem Herrn Patron genehm wär', meß»’ ich mich —" „Daß Ihr mir genehm seid nehmt im voraus für gewiß. Ader überlegt s dreimal. Auch das: Als Hagestolz könnt Ihr hier nicht hausen. Zur Pfarre gehört nun mal die Quarre, tote man sagt."
(Fortsetzung folgt)


