Nr. U4 Zweite; Blatt Gietzener Anzeiger (Seneral-Anzeiger für Vberhessen) Donnerstag. 15. Mai 1924
Jur Psychologie des deutschnordischen Reiseverkehrs.
Don Dr. Walter Georgi.
Es ist seltsam, welche Wandlungen die Mentalität der Touristik im deutsch-nordischen Reiseverkehr während der letzten zehn Zahre durch- gemacht hat. Der Deutsche, der vor dem Kriege die nordischen Länder besuchte, wurde von einer oft schwärmerischen Liebe für den Norden getrieben Lag bei dieser Zuneigung bei vielen oft der Gedanke an die Llrheimat der Germanen zugrunde, so bedeutete für die meisten der Norden ein erfrischendes Erlebnis inmitten der kraftvollen Urwüchsigkeit der Landschaft und seiner Bewohner. Für den Reisenden aus den skandinavischen Landern war Deutschland das Land der geistigen Anregung, die Heimat der romantischen Staate und des industriellen Fortschritts, die Erholung spendende Ruhe in den lieblichen Tälern des Mittelgebirges mit seinen Badeorten und Sommerfrischen. Es war ein gesunder Austausch zwischen den Völkern, den der deutsch-nordische Reiseverkehr vor dem Kriege vermittelte.
Dann kam der Krieg. Für den Deutschen wurde es zur Llnmöglichkeit, seine Heimat au verlassen. Auch die Nordländer blieben zu Hause, es sei denn, daß man in Geschäften notgedrungen nach Süden fahren muhte. Deutschland war durch die Hungerblockade das Land der Entbehrungen geworden.
Nach dem Waffenstillstand und dem Friedens- schluh setzte der Reiseverkehr aus Deutschland nach dem Norden nicht wieder ein. Wie eine unsichtbare Mauer lag es nach dem Zusammenbruch um Deutschland. Seelische Hemmungen nach den Zähren einer umsonst getätigten, fast übermenschlichen Kraftanstrengung w.rk.en sich n cht minder aus wie Paßschwierigkeiten und Ernten der deutschen Valuta, die ein Kalkulieren im eigenen Lande erschwerte, aber ein wirtschaftliches Llmvechnen des eigenen Geldes in das Hochvaluta- rische Geld des Nordens fast zur Llnmöglichkeit machte. Deutschland schien sich zu einem Lande mit eigenen wirtschaftlichen Gesetzen und Preis- mahen zu entwickeln. Geschäfte mit dem Ausländer bedeuteten meist Verluste, während sie Idem Ausländer auf der Basis des Inlandver- kehrs leichte Gewinne brachten
Während die Deutschen selbst das Land nicht verlassen konnten, wurde ihre Heimat das Dorada der Valuta reisenden. Auch die skandinavischen Länder stellten ein grohes Kontingent j.ner Menschen, die in Deutschland nicht geistige Anregung und körperliche Erholung suchten, sondern ihren eigennützigsten Vorteil. Der Deutsche wurde Aus- bttrtungsobjekt. Infolge der jahrelangen Abgeschlossenheit vom Weltverkehr, verbunden mit einer trägen Selbsttäuschung üb?r den inneren Wert seiner Zahlungsmittel, sah er sich dem Ausländer meist hilflos ausgeliefert. Er glaubte, Geschäfte zu machen, und verlor bei jedem Geschäft an der Substanz seines Vermögens.
Es soll hier nicht mit jenen valutastarken Ausländern abgerechnet werden, die Deutschland in seiner Not mehr nahmen, als sie ihm brachten, älnerfreuliche Erscheinungen im Reiseverkehr hat es zu allen Zeiten gegeben. Man braucht sich nur an gewisse Kreise der Engländer zu erinnern, die in den neunziger Zähren am Rhein durch ihr anmaßendes Auftreten ebenso unbeliebt waren, wie vor dem Kriege jene unbeherrschten Scharen deutscher Touristen in Südschweden, die der billige Einheitspreis in den südschwedischen Bahnhofs- wirtschaften dazu reizte, die Buffets buchstäblich zu plündern, bis man sich gezwungen sah, in der Hauptreisezeit die schöne schwedische Sitte des Frühstückstisches aufzugeben. Zede Nation hat ihre schwarzen Schafe. Auf ihrem Rücken aber bauen die Einsichtigen nicht die Zukunft der Völker auf.
Ebensowenig wie auf jenen kürzlich igen Kritikern, die den wiedererwachten Reisetrieb des deutschen Volles zu Angriffen gegen den deutschen Dvlkschavakter auszunutzen suchen. Es wird viele geben, die zu schneller Kritik beveit, verständnislos vor der Tatsache stehen, das) in diesem Zähre nicht wenige Deutsche über die Grenzen ihres Vaterlandes nach dem Ausland gehen. ilnb sei es agch nur für einige Tage! Man wird uns zurufen, daß wir daheim bleiben und das für die Reise bestimmte Geld für die deutsche Not opfern sollten. Man wird uns an die Hilfe des Auslandes erinnern und uns als charakterlos hinstellen, daß wir diese Hilfe annehmen, während wir die Mittel für Vergnügungsreisen bereit haben. Diese Hilfe hat Lausenden und Abertausenden von ärmsten, unterernährten Menschen in jener kritischen Zeit, wo kein Deutscher ans Reisen Lachte, das Leben gerettet. Das wissen wir.
Wir werden niemals die Dankbarkeit für die Hilfe des Auslandes und besonders der stammverwandten nordischen Länder vergessen.
Aber ihr müht auch wissen, dah jetzt nach äleberwindung des Schwersten diese Reisen nach zehnjähriger Abgeschlossenheit für die meisten Deutschen, die für Tage oder Wochen ihr Vaterland verlassen, Lebensbedürfnis sind. Es ist ein geistiger und seelischer Hunger, der sie nach den Zähren härtesten Lebenskampfes hinauslr.ibt zu enen Völkern, die von diesem verzweifelten Ringen verschont blieben und sich das innere Gleichgewicht bewahrten, während wir an Geist und Körper zermürbt, der Ruh: beraubt wurden. Es werden wahrlich, von der Klasse der Schwerverdiener abgesehen, wenige darunter sein, denen 'ine „Vergnügungs" reise vorschwebt. Dir em Hunger, der an einem geistig so hochstehenden Volle wie dem deutschen Volke mit seinen zahllosen Auslandsbrzichungen vor dem Kriege h:ute last stärker nagt als der Hunger des Magens, wird man die ersten kargen Ersparnisse opfern, vie eine stabilisierte Währung gewährt. Es ist heute nicht anders als früher.
Erinnert ihr euch nicht mehr der drutschen Gelehrten, Beamten, Studenten und Lehreri n n, die das ganze Zahr über arbeiteten uno sparten, um in den Ferienwochen jenseits der Grenzen die Heimat und die Kultur fremder Völker kennen zu lernen? Es galt trockene Theorie der Schul- jahre in lebendige Wirklichkeit umsetzen.
Ihr lacht vielleicht über unsere Romantik, aus der uns die letzten Zahr? der Prüfung aufschreckten. Aber unsere Sehnsucht haben wir uns trotzdem bewahrt. Sie lebt heute noch in uns wie einst, als ein Stück deutschen Wesens, das uns die Kraft gibt, ein Zahr lang wie ein Pferd zu schaffen, um uns irgendwo unter den Eindrücken der Ferienwochen in der Harmonie eigener oder fremder Kulturen w'.ederzu finden. Und auch heute noch, in der schweren Zeit unseres Vaterlandes, treibt uns jene Sehnsucht des Gefühls und des Geistes, wie jene gcrman.fchen Scholaren der Renaissancezeit, die über die Alpenpässe nach den gesegneten Gefilden Ztaliens zogen. Werft Steine auf uns, wenn ihr es wagtl
Es wäre oberflächlich, den neu erwachten Reisetrieb weiterer Kreise des deutschen Volkes schlechthin mit der Abhängigkeit von äußeren Bedingungen, wie der Preisgestaltung in der eigenen Heimat, erklären zu wollen. Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß wir gegenwärtig in der Preisberechnung des Hotelg:w.rbes ein schwieriges Tiebergangsstadium von den Znflations- p.eisen zu den Goldmarkpreisen durchmachen, und daß die deutsche Fremdenindustrie mitunter in der vernünftigen Kal ulierung ih.er Un osten und Preise allzu hohe Zahlen als Ri.ikvprämien eingesetzt hat. Diese ängstliche .Vorsicht ist n£er beute, nachdem eine stetige Währung erreicht ist, überwunden. Die einige Monate hindurch übermäßig erhöhten Preise haben sich allmählich wieder dem Weltmarktpreis genähert. Wenn sie ihn hier und dort noch etwas übersteigen, so liegt dies vor allem an der Steuerpolitik des Reiches und der Gemeinden, die den Fremdenverkehr mit so tjoßen Abgaben (oft bis 40 v. H.) belegen, daß die niedrigen Grundpreise erst durch die Steuerzuschläge über den Weltmarktpreis hinausgetrieben werden.
Mit dem Beginn der Sommer-Reisesaison wird auch hierin eine Wandlung zur Gesundung eintreten, da das Reich und die Gemeinden im Interesse des Fremdenverkehrs sich den allgemeinen Klagen nicht werden verschließen können und die hohen Steuersätze ermäßigen müssen. Ein Tinterschreiten des Weltmarktprei es wird dann sogar zu erwarten sein. Seine Inlandspreise aber werde-,i den Deutschen nicht über die Grenzen treiben, ebensowenig wie sie den Ausländer au die Dauer davon abhalten werden, Deutschland zu besuchen.
Ist eine Auslandsreise heute für den gebildeten Deutschen ein inneres Bedürfnis, so wird der Ausländer nach den Monaten einer begreiflichen Verärgerung über die von der deutschen Fremdenindustrie vorüberghnd geübten Prei e gern wieder nach jenen deutschen Städten mit ihren bedeutsamen kulturellen Einrichtungen zu- rückkehren, wo er stets geistige Anregung und Erbauung fand. Es ist sicher, daß sich vor allem der Nordländer solcher Erwägungen am wenigsten wird verschließen können. Die .Zahl de er, die wissen, was sie den deutschen älniversitäten und Kunststätten verdanken, ist groß im Norden, und ihr Wunsch, nach Deutschland zu reifen, ist nicht minder stark. Es werden in Zukunft keine Valutareisenden fein, die an einem Ausverkau Deutschlands verdienen wollen. Diese Zeilen sind vorbei. Es sind jene ernsthaften Menschen, die wir mit Freuden in Deutschland begrüßen, und deren
Aüfenthalt im Lande der Deutsche so gastlich tote möglich gestalten wird. Ihm ist der nach geistiger Anregung verlangende wie der Erholung uchende Ausländer in gleicher Weise willkommen. Die Heilschätze unseres Bodens, die die zahlreichen Heilquellen unserer Bäder und Kurorte penden, und für die der Nordländer in seiner Heimat keinen Ersah findet, stehen ihm ebenso wie dem Deutschen zur Verfügung. Sobald das unberechtigte Mißtrauen auf lange Sicht gegen die deutsche Gastlichkeit verschwunden ist, dürste ich schnell wieder der internationale Fremden» trom und mit ihm der Nordländer in 'Deutschland einfinden.
Die Mentalität der Touristik hat seit dem Kriege manche Wandlungen erfahren, erfreuliche und unerfreuliche Erscheinungen gezsttigt. Der Nordländer ist hiervon nicht ausgenommen. Aber jene Zeiten liegen hinter uns. Keiner wird in der Gegenwart nach den Zähren des Kampfes und der Zerrissenheit mehr an seinem äußeren und inneren Aufbau arbeiten müssen als der Deutsche. Eine Auslandsreise bedeutet ihm Wiedergewinnung mancher im aufreibenden Kampf verlorenen Kräfte. Zeder Einsichtige wird aus diesen Sünden die Entwicklung des deutschen Reiseverkehrs vor altem nach dem Norden begrüßen, ebenso wie auch unter anderen Voraussetzungen den Nordländer in unserer deutsch:» Heimat. Möge der Reiseverkehr zwischen Deutschland und dem Norden als notwendiges Glied eines friedlichen kulturellen und wirtschaftlichen Ausgleichs bald wieder die bedeutsame Rolle wie einst vor dem Kriege spielen I
Wirtschaft.
Die Eisen- und Stahtwareu-Jnduftrie im April.
Dem Eisen- und Stahlwaren-Zndustriebund wird über die Lage seines Industriezweiges aus den einzelnen Dirken wie folgt berichtet :
Hagener Bezirk: Die Geschäftslage im April hat sich gegen den März wenig verändert. Die Beschäftigung hätte Wohl eine De eöung erfahren können, wenn die Betriebe die Möglichleit gehabt hätten, sich Kapital oder Kredit zu beschaffen.
Remscheider und Velberter Bezirk: Di': eingegangenen Berichte lassen eine erfreuliche Belebung des deutschen Inlandgeschäftes in Werkzeugen, Schlössern, Beschlägen und Klein- eisenwaren erkennen. Der Umsatz htt sich gehoben. Auch gehen neue Aufträge in ausreich.nl em Maße ein. Die Löhne sind ebenso wie die Verkaufspreise auf der Höhe des Vormonats gebli.ben. Die Geschäftsaussichten erscheinen nicht unbefriedigend. Das Auslandgeschäft ist dag:gen immer noch gedrückt und schwieriger, wenigstens in einigen Artikelw
Schmalkaldener Bezirk: Der Monat April stand auch hier in steigendem Maße unter dem Zeichen der Geldknappheit, die mehr und mehr eine ernste Gefahr für die Industrie wird. Der Export ist zurückgegangen, weil die Preise, dip die deutsche Industrie verlangen muß, für das Ausland zu hoch sind. Die Beschäftigung für das Inland ist im hiesigen Bezirk im allgemeinen gut. Die Zahl der Erwerbslosen hat abgenommen. Rohmaterial wird im ganzen genügend angeliefert.
Süddeatschland: Die Geschäftslage im Monat April entsprach ungefähr der des Vormonats. Der Auftragseingang hit sich erhalten, so daß die Beschäftigung in verschiedenen Zweigen als befriedigend bezeichnet werden kann. Die Ver- taufreife sind gedrückt. Es müssen oft 'Aufträge hrreingenommen werden, die äußerst ungünstig liegen, damit auch in der nächsten Zeit die Beschäftigung aufrechterhalten werden kann.
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Die Lage
der westdeutschen Lederindustrie.
Die Beschäftigung in der Lederindustrie Westdeutschlands ij noch immer gut Die Nachfrage nach Ledersorttn, insbesondere Vachetten für Polsterzwecke und Pvrtefeuilleartikel, ist sehr groß und die Preise sind entsprechend hoch. Der Bedarf tritt vorwiegend aus dem Ausland auf, eine an sich durchaus erfreuliche Erscheinung. Die Konkurrenzfähigkeit im Aus lande ist aber bei den bisherigen Roh Warenpreisen naßeyu ausgeschlossen, da namentlich England in den Deutschland benachbarten Staaten durch wesentlich billigere Preise scharfe Konkurrenz macht Eine Gesundung kann nur eintreten durch wesentlichen Abbau der Rohwarenpreise. Dieser Abbau scheint jetzt mit ziemlicher Energie einzutreten. Die Häute- auktivnen der. letzten acht Tage verliefen wesent
lich abgeschwächt und brachten Abschläge bis zo 30 Proz., so daß also wieder Hoffnung vorhanden ist, im Ausland mit England konkurrieren zu können. Außerordentlich leidet auch die Lederindustrie unter dem Geldmangel und unter den- enormen Zinsenbelastungen. Auf die Dauer wird die Zinsenbelastung, wie sie jetzt gang und gäbe ist, einfach nicht mehr tragbar fein, da wir allein dadurch schon ungefähr 18—20 Prozent teuerer produzieren als das Ausland, ferner die Verteilung von Leder von der rohen Haut bis zum Verkauf immerhin 6 Monate in Anspruch nimmt, ganz abgesehen von den anderen Lasten, die der Betrieb zu tragen hat. Erschwerend wirkt jetzt, und zwar in die Augen fallend, die Ausfuhrabgabe, die die Betriebe aufzubri,:gen haben. Wenn nicht bald eine Aenderung eintritt, wird die Lederindustrie unter diesen Abgaben schwer zu leiden haben und viele Geschäfte nicht abwickeln können, für die fie sonst infolge der Vorzüglichkeit ihrer Fabrikate bestimmt ist.
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Rückgang der Großhandelsindexziffer.
Die auf den Stichtag des 13. Mai berechnete Großhandelsindexziffer des Sa- tistischen Reichsamtes ergibt gegenüber dem Stande vom 6. Mai (125,2) einen Rückgang auf 123,8 oder um 1,1 Proz. Von den Hauptgruppen sanken im gleichen Zeitraum Lebensmittel von 110,3 auf 108,5 oder um 1,6 Prozent, davon die Gruppe Getreide und Kartoffeln von 92,4 auf 91,7 oder um 0,8 Proz., Industriestoffe von 153,0 auf 152,4 ober um 0,4 Proz. (davon die Gruppe Kohle und Eisen mit 145,2 nahezu unverändert). Inlandwaren gingen von 114,1 auf 112,8 ober 1,1 Proz. und Einfuhrwaren von 180,6 auf 178,9 ober um 0,9 Proz. zurück.
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* Die Kohlenförderung im Ruhrgebiet. Nach den vorläufigen Berechnungen wurden vom 27. April bis 3. Mai im gesamten Ruhrgebiet ohne die von der Regie betriebenen drei Zechen und zehn Kokereien in sechs Arbeitstagen 1 711 039 Tonnen Kohlen gefördert. Auf das besetzte Gebiet entfallen davon 1 565 897 in fünf Arbeitstagen der vorhergehenden Woche. Die Kokserzeugung vom 27. April bis 3. Mai stellte sich auf 402 829 (im besetzten Gebiet auf 368 250) in sieben Arbeitstagen (in den Kokereien wird auch Sonntags gearbeitet) gegen 398 095 (361 846) in der Vorwoche. Die arbeitstägliche Kohlenförderung stellte sich vom 27. April bis 3. Mai im gesamten Ruhrgebiet auf 285 173 gegen 320 258 in der Vorwoche und 369 743 im Zahre 1913. Die tägliche Koks.rzeugung stellte sich auf 57 547 (56 871 bzw. 62 718). Im besetzten Gebiet betrug die arbeitstägliche Kohlenförderung 260 983 (297 514 bzw. 348 586). die tägliche Kokserzeugung 52 607 (51 692 bzw. 58 338).
* Die Reichsdank beschränkt den Ankauf von Inlandschecks. Die Reichs» bank hat Len Ankauf von Inlandschecks mit Wirkung vom 15. Mai ab auf Beträge von 1000 Billionen Mark (Rentenmark) und darunter beschränkt, da sie wiederholt die Beobachtung gemacht hat, daß der Scheck entgegen seiner Bestimmung in weitem Umfange als Kreditmittel benutzt wird. Die Mißstände der Inflationszeit hatten dazu geführt, daß der Verkehr sich anstelle der ilebertoeifung für die Fernzahlung des Schecks bediente, der dann in der Regel vom Scheckempfänger diskontiert wurde. Hieran ist von weiten Kreisen festgehalten worden, obwohl die Hemmungen der Inflationsperiode schon feit langen Monaten behoben sind und der äieberweisungs- verkehr — dies ist der für die Fernzahlung gegebene und auch billigere Weg — wieder einwandfrei arbeitet. Der legale Verkehr wird mithin ?^trd> die Maßnahme der Reichsbank nicht, getroffen; es soll lediglich der Ausschreibung ungedeckter Schecks und sonstiger mißbräuchlicher Verwendung von Schecks entg:gengewirkt werden.
* Deutsche Girozentrale. Der Deutsche Zentralgiroverband und seine Bank, die Deutsche Giro'entrale-D.utsche Kommunalbank, legen ihren Geschäftsbericht für 1923 vor. Die Innen-Organisation wurde weiter ausgebaut, so daß das Institut in der Lage ist, die Berliner Effektengeschäfte aller Girozentralen und auch der Sparkassen auszufuhren. Die Bank weist einen Detriebsüberschuß von 1 075 512,6 Billionen Mark aus, wovon 10 Proz. der Sicherheitsrücklage überwiesen werden sollen. Von dem verbleibenden Reingewinn soll dir Hälfte nochmals der Sicherheitsrücklage zugesührt und der Rest von 483 980 Billionen Mark zur Verfügung der Verbandsver- fammlung gehalten werden. Diese wird ihn voraussichtlich zur Neubildung des Betriebskapitals verwenden. Weiteres Betriebskapital soll von den Einzel-Girozentralen eingefordert werden. In
Die Bantiger.
Roman von Hermann Stegemann.
3. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Das seltsame, unsichere Verhältnis, das sich bann und wann zwischen ihnen auftat, sank wieder in die Tiefe und verlor sich unter der Schwelle des Bewußtseins. Ein Strom von Zärtlichkeit überflutete alle Risse und Sprünge und trug Vater und Tochter in einer einzigen großen Empfindung vereinigend über die gefährliche Stunde hinweg. Enger, hingebender als je schmiegte sich Agnes an die Brust, in der sie dar- Herz hart und herrisch klopfen hörte. Zuversichtlich und kraftvoll wie immer hielt Gottfried Bantiger fein Kind umfangen. Arm in Arm überschritten sie die Schwelle.
Bantiger hatte die alte Eßstube des Herrenhauses in einen Arbeitsraum verwandelt, in dem für Staffeleien, Zeichentische und Schränke Platz war. Tief hing die Balkondecke herab, die dunkel getäfelten Wände verloren sich im Zwielicht, und an der Schmalwand drohte ein mächtiger xamtn, groß genug, ganze Ochsenviertel am Spieß zu raten. Ein Leuchterweibchen spiegelte seine nackten Brüste im Glanz der elektrischen Birnen, wenn früh abends das Licht auf flammte, und blickte aus rätselhaften Augen auf den Mann hrrcw, der dann mit starken Schritten auf und nieber ging, während Agnes an der Schreibmaschine saß und seine geheimsten Briefe und Berichte zu Papier brachte.
Als Vater und Tochter eintraten, waren Schreiber und Zeichner eifrig beschäftigt. Ban- tiger sand rasch gefaßt Weisungen und Aufträge, um sie zu entfernen. Sie wurden auf bzn Bauhof, In die Ziegeleien, in die Steinbrüchr und
zur Verladestelle geschickt und verließen nacheinander den Raum.
Untcrbeffen stellte Agnes dem Vater auf dem Eichen tisch neben dem Kamin einen Imbiß bereit
Der Baumeister aber fließ die Tür seines Schlafraumes aus, ging ins Badezimmer und erfrischte sich am Dergwasser, das rauschend in die Badenische schoß, als er den Hebel Niederdrückte und dem zischenden Strahl den Zugang fretgob. Eine falte Luftwelle stürzte jäh aus dem Bad ins Schlafzimmer und erfüllte es mit feuchtem Brodern.
Gottfried Bantiger hatte sich vor sechs Zähren, als seine Frau einer Nachtpfleaerin bedurfte, seinen Schlaf raum neben der Arbritsst ube im Unterstock des Hauses einrichten lassen und die alte Brunnstube, die in die natürliche Felswand gehauen und eng mit dem Hause verbunden war, in einen Daderaum umgewandelt. Der Arzt war vergebens bemüht gewesen, ihn von diesem tollen Plan abzubringen. Er hatte weder den Rat des Arztes noch die scheuen Bitten seiner Frau beachtet und sein Bett in dem dunklen, von Eiseskälte erfüllten Raum aufgeschlagen, in dem einst die Wcinkrüge der Heroen von Runs gekühlt worden waren. Er hatte alle Beschwörungen mit der Antwort abgewiesen: „Mein hitziges Blut fürchtet fein Reißen."
Er hatte Recht behalten, er war keine Stunde krank gewesen und stand heute noch aufrecht in seinen Schuhen und sprühte Kraft und Leben.
Als er wieder in die Stube trat, war der Tisch gedeckt. Er aß und trank und ließ sich dazu die wichtigsten Briefe vorlesen, die seit drei Tagen eingegangen waren.
Dann rauchte er in starken Zügen und diktierte seiner Tochter die kurzen Antworten. Die Schreibmaschine erfüllte den Raum mit lebendiger
älnruhe und erstickte die Stimmen der Vögel, die zu den geöffneten Fenstern hereinriefen.
Agnes Bantiger faß mit gefalteter Stirn und gepreßten Lippen vor den klappernden Tasten. Sie' schrieb nicht nur, sondern plante und dachte mit, und wenn ihr ein Sah, ebn Wort ober eine Weisung nicht gefielen, hatte sie eine Art, zweifelnd den Kopf zu heben und eine Frage zu tun, die den Baumeister aufmerken ließen, ohne ihn zu stacheln. Dann setzte er zuweilen andere Worte ein, zuweilen bestand er aber auch mit Nachdruck auf seinem Diktat, und Ens beugte den Kopf und schlug die Buchstaben mit flinken Fingern auf das wandernde Papier.
Nach zwei Stunden war die geheime Schreibarbeit getan. Agnes stand auf und ging, und Bantiger setzte seinen Namen breit und fest unter die fertigen Briefe.
Der Tag begann sich zu neigen.
Der Baumeister ordnete noch das Tägliche und rief seinen Sohn durch den Fernsprecher zu sich
Lorenz war in der Bauhütte, und der Vater trat wartend ans Fenster. Er starrte auf den Markt, auf den siebenröhrigen Brunnen, auf dem Sankt Martin, der Schutzherr von Alt-Runs, .seinen Mantel mit einem buckligen Bettler teilte, und suchte über den Staffelgiebeln den von wein- roten Wolken gefärbten Ak^endhimmel. Lauter als der Brunnen und das Geräusch der Gassen fangen in der Feme die von der Roten Wand stürzenden Wasser der Runs.
Während der Baumeister auf seinen Sohn wartete sann er über der Ausführung seiner neuen Pläne, und als er den Zweisitzer hinter dem Rathaus hervorschießen sah, freute er sich mehr darauf, seinem Erstgeborenen das kühne Unternehmen zu schildern, als mU ihm darüber zu beraten.
Eigentlich stand alles schon fest, war bet Plan schon zu einem fertigen Gebilde geworden, das nur noch sichtbar gemacht werden mußte.
Als Gottfried Bantiger sich über diesem Gedanken ertappte, übermannte ihn eine schmerzliche Erinnerung.
Das Sichtbarmachen, das Ausgestalten, bas Durchsetzen seiner Pläne, das ihm Bedürfnis. Lust und Kampf war, wurde seinem ältesten Sohne zur treu geübten Pflicht. Lorenz Bantiger wandte Eifer, Verstand und ein reichliches Maß von Weltklugheit daran, die großen Unternehmungen des Vaters durchzuführen, und war so dem Baumeister ein tüchtiger S)elfer geworden. Seinem Wesen fehlte der große Zug, der die Werke des Vaters adelte. Die konstruktive Phantasie hatte sich dem Ingenieur versagt. Gottfried Bantiger wußte das wohl, doch nicht das schmerzte ihn jetzt, als er den Sohn die Treppe empor- steigen sah, sondern die Erinnerung an Georg, seinen zweiten Sohn, der ferne eigenen krausen Wege ging und sich trotz seiner achtundzwanzig Zahre noch kein Ziel gesteckt hatte. Er war von der Technik zur Philosophie, von der Philosophie zur Qllolerei geirrt, ergriff alles mit rasch entflammter Inbrunst, um sich nach kurzem, heißem Bemühen enttäuscht davon abzuwenden, und hatte sich dem Einfluß und der Welt des Vaters völlig entzogen. Er war wie Wasser, das durch die hohlen Hände läuft, und ließ auch fein eigenes Leben wie Wasser im Sand zerrinnen. Und doch fehlte er gerade in diesem Augenblick dem Vater, nicht als Helfer wie Lorenz, sondern als Zuhörer, als ein Mensch, der leicht zu begeistern war, der von den Gedanken hingerissen wurde, der ble Gedanken des Vaters im Fluge erfaßte und dadurch die Tatkraft und das Machtgefühl des Baumeisters steigerte und beflügelte.
(Fortsetzung folgt)


