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ttr. <58 Swett« Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Samstag, 14. MI (924

Die russische Agrarfrage.

Don Alexander v. Gleichen-Ruhwurrn.

3ft die Anerkennung, die Rußlands Sowjet- Republik zuerst von Deutschland, dann von kleine­ren Staaten und schließlich von Italien und Groß­britannien gefunden hat, dazu angetan, eine Staatsform zu konsolidieren, die der Weltanschau­ung aller Staaten Europas feindlich gegenüber- steht? lind ist die Möglichkeit vorhanden, daß der Verkehr, der dieser Anerkennung folgt, mildernd auf das Rätesystem einwirkt? Bei der Antwort auf diese Fragen dürfen wir nicht vergessen, daß per russischen Bewegung als Endziel die Welt- revvlution vor Augen schwebt, mag sie auch noch so dicht in beruhigende Worte eingewickelt sein. Ohne eine Prophezeiung zu wagen, feien nur einige Folgerungen aus dem gegenwärtigen Zu­stand gezogen.

In einem bemerkenswerten Artikel (Revue des deux rnondes 15. II. 24) erklärte der frühere russische Ministerpräsident Kokovtzoff zwei Gegenströmungen, die das heutige Rußland wirt­schaftlich überfluten. Die eine ist das kommunisti­sche System des herrschenden Etatismus, das die Großindustrie, die Verkehrsmittel, den Kredit und den Außenhandel umfaßt. Die aridere besteht in einer Rückkehr zur Privatinitiative und erstreckt sich auf die Dauernwirtschaft, das Handwerk und den Handel im Inneren der verbündeten Sowjet­staaten. Da ungefähr 80 Millionen Bauern drei Millionen Fabrikarbeitern gegenüberstehen, spitzt sich das Problem der russischen Innenpolitik auf die Agrarfrage zu.

Die Diktatoren von Moskau haben behauptet, das Werk der französischen Revolution zu voll­enden, indem sie es dort aufnehmen wollten, wo es stehengeblieben ist, Nämlich bei der Verschwö­rung von Babeuf, dem letzten Sprossen des Ja­kobinertums, der schon den Kommunismus im Auge hatte. Aber sie rechnen zu wenig mit dem Charakter des russischen Dauern, der den fort­schreitenden Kommunismus mit gleichem Miß­trauen betrachtet, wie das Zarentum mit seinem privilegierten Großgrundbesitz. Diesen Charakter hat die Geschichte geformt, und deshalb sei ein Lirzer Ueberblid gestattet. Seit alters herrschte eine regelmäßig wechselnde Landverteilung in den Dörfern, die dem Bauern als Landsklaven seine bestimmte Arbeit zuwies. Als im Jahr 1861 Alexander II. diese Hörigkeit auf hob, trennte er den Dauern zwar vom Großgrundbesitz, wie es in Deutschland im Jahr 1848 geschehen war, lieh aber den kommunalen Landbesitz der Ge­meinden bestehen. Deshalb genügte die Reform nicht, den Dauer zufriedenzustellen. Er war noch immer nicht Desitzer der Scholle und sah im Groß­grundbesitzer, der dies verhindert haben sollte, seinen Erbfeind. Das Land den Dauern! hieß seine politische Parole.

Die Riederlagen der russischen Armee in der Mandschurei (1905) brachten etwas wie eine Ge­neralprobe der Revolution von 1917. Gleichzeitig mit den Riesenstreiks von Petersburg und Mos­kau entfesselte sich im ganzen Land eine Agrar­revolte. Jetzt viel zu spät kam die Regierung auf den Gedanken, einen konservativen Bauern­stand zu schaffen, dessen Verwirklichung Stolhpine und Krivixh^ine von 1906 bis 1910 versuchten, indem sie dem Dauer ermöglichten, sich aus der Gemeinsamkeit des Ackerlandes zu lösen durch Erwerb erbetgenen Landes. Die Katastrophe von 1917 unterbrach diesen Plan und lieferte die Großgrundbesitzer der Rache des Landvolkes aus, wie es Gorki mit flammenden Worten in seinem Sklavenaufstand" beschrieben hat. So schien der Dauer Anhänger des neuen Systems zu werden.

Aber er schien es nur. Herren der Gewalt, schafften die Diktatoren in der Rächt des 26. Ok­tober 1917 jedes Privateigentum ab. Gesetze haben jedoch selbst wenn sie noch so blutige Gewalt diktiert, keine Macht, die Charakter der Menschen zu ändern. Mit den reichen Leuten kann man in den Zeiten der Revolution wohl rasch ein Ende machen, aber wenn es sich darum handelt, die Dauern zu zwingen, die Arbeiter in der Stadt zu ernähren, ohne selbst Früchte aus ihrer Arbeit zu ziehen, reckt sich zumindest passiver Widerstand empor. Die Bolschewisten sahen sich auch genötigt, ein eigenes Komitee zu bilden, das aus den schlimmsten Elementen, Lumpen und Säufern bestand, um auf dem flachen Land ihren Terror zu verbreiten. Da tat der Bauer so wenig wie möglich, es entstand Hungersnot und die Sowjets muhten ihr ursprüngliches System ändern. Die Logik des Kommunismus ging in die Brüche vor dem natürlichen Entstehen einer Ernte und deren Arbeit. Am Bauernaufstand muß und wird jeder Kommunismus scheitern.

Im Mai des Jahres 1922 stellte Lenin den Kleingrundbesitz wieder her. Roch gehört theo­retisch der Boden zwar dem Staat, aber Rutz- nieher ist der Bauer und berechtigt, über seine Zeit und den Ertrag seiner Arbeit zu verfügen.

Rur Verkauf, Verschuldung und Vererbung sind ausgeschlossen, auch dürfen die Gemeinden beschließen, ob sie dem einzelnen oder der Ge­samtheit ihr Land anvertrauen. Aber wenn die Kinder im Hause des Vaters arbeiten, geht das Feld ohne weiteres an sie über. Solche Verhält­nisse lassen den Dauer unzufrieden, und er strebt nach unbeschränktem Besitz. Dies macht ihn xum inneren Feind des gegenwärtigen, aber auch oes vergangenen Systems. Und nur ungern er­nährt er das (Bauerntum, die Arbeiter und Sol­daten. Er zählt jedoch nicht als politische Partei, und was ihn von den Dauern Europas unter­scheidet. die ziemlich einerlei in ihren Empfindun­gen sind, ist, daß der russische Mensch, von den Ereignissen hin und her getrieben, sich ausschließ­lich von plötzlich hereinbrechenden Gefühlen leiten läßt. Man kann sich nicht auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen, um eine öffentliche Ordnung aufzurichten. Wenn er sein Stück Land, ohne gestört zu werden, für sich bebauen kann, ist ihm Anarchie und Unordnung im Reich vollkom­men gleichgültig. Dieser psychologische Zustand erleichtert einerseits die Lösung der Agrarfrage, erschwert aber anderseits den politischen Zustand und scheint die Russen von neuem einer Hungers­not preiszugeben. Deshalb ist es wichtig, davon Kenntnis zu nehmen und von den Sowjets nichts zu erwarten, was sie nicht bieten könnten, selbst wenn sie wollten.

Wirtschaft.

Börse und Geldmarkt.

Die allgemeine Geld- und Kveditkrise 'hat sich in den letzten Wochen eher nach verschärft. Man spricht viel von der notwendigen Mobisisrerung der Warenvorräte, ohne immerhin recht zu be­denken. daß hiervon allein das Heil auch nicht zu erwarten ist. Die Kauf- und Konsumkraft weiter Volkskreise ist außerordentlich gering, so daß die auf den Markt geworfenen Waren trotz aller Preisnachlässe vom Inlande nicht aufgenommen werden können. Es wäre höchstens denkbar, daß ein Teil der Waren aus schwächeren Händen in kapitalkräftigere übergeht die natürlich auch wte- der in Erwartung einer Besserung der Lage und einer Erhöhung der Preise an denselben festhalten würden. Die Hoffnung, daß der Preisabbau in einem Umfange erfolgen könnte, der ein rasches Abfließen der Warenvorräte nach dem Auslande ermöglicht, ist leider zur Zeit gering. Die Ge­stehungskosten sind so hoch, insbesondere infolge der Hohe der Löhne, Gütertarife usw., daß selbst bei starken Preisermäßigungen das Ausland die deutschen Preise in den meisten Branchen noch weiter unterbieten kann. Die Knebelung der deut­schen Wirtschaft durch die Micum-Verträge er­weist sich hier als besonders schweres Hemmnis für eine durchgreifende Gesundung. Es erhebt sich bereits die Frage, ob die Reichsbank in ihrer Kre­ditpolitik nicht des Guten zuviel tut. Die Ein­schränkung der Kredite ist solange berechtigt, als dadurch wirklich begrüßenswerte Wirckungen, wie Preisabbau, Reinigung der Wirtschaft von unso­liden Unternehmungen und dal. erzielt werden. Die Dinge sind bereits jedoch soweit gediehen, daß auch die nach soliden Grundsätzen geleiteten Unternehmungen in schwere Bedrängnis kommen, und daß das Gespenst einer rieserchaften Arbeits­losigkeit erneut auftaucht. Die jüngsten Reichs­bankausweise zeigen daß die Reichsbank über Mittel verfügt mit Denen Abhilfe geschaffen wer­den könnte. Die Rentenmarkkredite sind zwar zu einem großen Teile für Steuerzahlungen ver­wendet worden, aber gerade diese Summen sind schließlich doch wieder bei der Reichsbank zu­sammengeflossen, wo sie als Guthaben des Reiches und der Minder bereits einen bedeutenden Posten repräsentieren. Man muß berücksichtigen, daß schon verhältnismäßig bescheidene Summen hinrerchen würden um wenigstens die gewerbliche Produktion in Fluß zu halten und neue Detriebseinschrän- kungen und Arbeiterentlassungen zu verhüten.

Die augenblickliche Krediteinschränkung be­zweckt den Schutz Der Rentenmark gegen Infla­tion und Entwertung. Dieses Ziel kann erreicht werden, solange die Wirtschaft gesund bleibt. Trägt aber die scharfe Krediteinschränkung die Schuld an der Zerrüttung der Wirtschaft und der erneuten Zunahme Der Arbeitslosigkeit, so hat sie ihren gesunden wirtschaftspolitischen Sinn ver­loren. Es ist gewiß schwer, hier den richtigen Mittelweg zu finden. Man kann aber wobl hoffen, daß Dr. Schacht sich der Erkenntnis Der wirt­schaftlichen Rotwendigkeiten nicht völlig ver­schließt. Vorläufig hat es den Anschein als ob der Reichsbankpräsident alles Heil von Den Kre­diten der Golddiskontbank erwartet. Die Erhöhung der amerikanischen Rediskontkredite von 5 auf 25 Millionen Dollar bedeutet ja zweifellos einen Erfolg. Man darf jedoch die Wirkung dieses Vor­ganges für die Gesamtwirtschaft bei weitem nicht

überschätzen. Die Kredite der Golddiskontbank kommen nach wie vor ausschließlich den am Export beteiligten Kreisen zugute. Alle übrigen Schichten der Wirtschaft haben von diesen Krediten lernen Ruhen. Ihnen bietet sich bei der jetzigen außen­politischen Lage auch wenig Aussicht. Ausland­kredite auf direktem Wege zu erreich >n. Das Aus­land wartet die Entscheidung über das Sachver- ständigen-Gutachten ab. Diese Haltung .richtdeut- scher Kapitalisten ist gewiß zu begreifen. Um so mehr sollte aber die Reichs bank andere Weg?, gehen und sich bemühen, die gesunden Kräfte dw deutschen Wirtschaft über die kritischen Wochen hinwegzubringen. Der Pleitegeier streckt seine Fänge bereits nach Unternehmungen aus, die bis­her als gut fundiert und solide galten. An der Dürfe kursieren die unglaublichsten Gerüche. Die (Nervosität beginnt auch sich auf das Publikum zu übertragen, daS gar nicht mehr wagt, feine flüs­sigen Gelder aus der Hand zu geben. Greift dieses Mißtrauen weiter um sich, so erleben wir in Deutschland sehr bald ähnliche Vorgänge, wie sie sich in letzter Zeit bei den österreichischen Danken ereigneten, d. h. Zurückziehung der Privatgut- habcn und ängstliches Festhalten flüssiger Mittel. Dann allerdings beginnt das Dlut im Körper bet Wirtschaft zu stocken. Katastrophen größten Stiles liegen alsdann im Bereiche der Möglichkeit. Die für unsere Finanz- und Wirtschaftspolitik verant­wortlichen Stellen sollten deshalb, bevor es zu spät ist, ihr Augenmerk darauf richten, daß das Blut im deutschen Wirtschaftskörper wieder leb­hafter pulsiert, und daß alle irgendwie verfüg­baren finanziellen Mittel in diejenigen Kanäle gelenkt werden, von denen aus die Wirtschaft be­fruchtet und in Gang gehalten wird. W. V.

*

* Die Stützungsaktion für den Berliner Effektenmarkt. In den Der- 'banblungen übet eine Stützungsaktion dec Danken für die (Berliner Dörse wurden, wie die (Berliner (Blätter melden, die Richtlinien für die technische Durchführung festgelegt. Im Falle starker Ab­gaben soll durch Ausnahme von heraus kommendem Material der Tendenz eine Stühe geboten und Kurseinbrüche, wie sie in den letzten Tagen er­folgten, nach Möglichkeit verhindert werben. Diese Stühungsbereitschaft evhält dadurch eine posiive Unterlage baß ein Stühungsfvnbs von ben Dan­ken gezeichnet worden ist. Man hofft, daß allein die Tatsache Der Stühungsbereitschaft bet Danken einen psychologischen Einfluß auf bie Börse aus­üb en unb Ser Börsenspekulation gewisse Schranken auferlegen wirb. DemBerliner Tageblatt" zu­folge hat sich bie Reichs bank an ber Bildung des Stützungsfonds nicht beteiligt. Um ihre Mitwir­kung sei auch nicht nachgesucht worden. Die an der Berliner Börse kursierenden Gerüchte, daß auch für die Industrie eine Stützungsaktion etn- gelcitet werden soll, entsprechen, wie mehrere Blätter melden nicht den Tatsachen.

* OberschIesis che und englische Kohle. Da die englische Kohle in letzter Zeit in Brandenburg. Pommern unb Ostpreußen reich­lichen Eingang gefunben hat, s o ist bie Preisbe­rechnung für westoberschlesische Kohlen jetzt so ge­halten. daß die oberschlesische mit der englischen Kohle in Wettbewerb treten kann. Der letzt wen kommt der billige Wasserweg zugute, während bei der oberschlesischen Kohle die Frachten in bie Wagschale fallen, bie den Absatz erheblich, er­schweren.

* Ein auslänbischer Kredit für bas Stahlwerk Becker. Wie basBerliner Tageblatt" erfährt, hat bie Familie Becker zur Ablösung ihrer Derbinblichkeiten in ber Schweiz ben Besitz an Aktien ber Steinkohlenbergwerk> Decker A. G. in Dochum veräußert unb zum an- beren durch die Vermittlung des Generalsekretärs Ewald Heuer in Den letzten Wochen ein Darlehen von mehreren Millionen Mark aus dem Auslände 'hereingenommen gegen eine entsprechende Hypo­

thek auf die Wlllicher unb Krefelder Anlagen unb gegen Verpfändung eines größeren Aktien­paketes der Stahlwerk Decker 21. G. Trohbem ist bas Werk in Wittich infolge KohlemnangelS ge­zwungen, einige Wochen stillzuliegen.

* Golbmarkbilanzber Ueberl anb- zentrale Marisfelder Seekrers A. G. Die Gesellschaft konstatiert in ihrem Geschäftsbe­richt einen Substan^oerlust von etwa 150 000 Gm^ so daß die Kleinattien im Verhältnis von 15:1, bie übrigen Aktien un bisherigen Renn betrage von 1000 Mark im Verhältnis von 25:1 zusammen­gelegt werben sollen. Die Vorzugsaktien sollen zurückgekauft werben. In ber Golbmark-Eröfs- nungsbilan? per 1. Januar sind Anlagewerte asw. mit 820 154 Mk., Grundstücke unb Gebäube mit 537 200 Mk ber Rentenbankanteil mit 34 770 Mk. auf ber Debetseite aufgeführt. Unter ben Aktiven steht außer bem Rentenbankanteil bas Aktien­kapital mit 1 646 000 und Obligationen mit 7566 Mark. Der Reingewinn von 14 124 Gm. soll vor­getragen werden. Die Gesellschaft hat, um sich flüssige Mittel zu schaffen, teilweise zu einer Re­alisierung von Substanzen schreiten müssen. Die Aussichten für bas neue Geschästsjähr werben als außerordentlich trübe bezeichnet. Wenn durch Des- seiung der wirtschaftlichen Lage dem Rückgang des Stivmabsahes nicht Einhalt geboten würde, stände das neue Geschäftsjahr im Zeichen des Kampfes um die Existenz.

"Kapitalzusammenlegungim Sa» rotti-Konzern. Die Sarotti Dayernwerke 21. G. München, eine Gründung der Berliner Sa­rotti A. G., beantragen, das Stammkapital von 207 Millionen unb bas Dorzugsaktienkapital von 3 Millionen auf 213 000 Goldmark umzustellen. Die Höhe einer geplanten Kapitalserhöhung wird noch nicht bekanntgegeben.

(Berliner Börse.

Berlin, 13. Juni. (Wolff.) (Bei der gestern erwähnten Stützungsaktion der in ber Stempel- vercinigung zusammengeschlossenen (Berliner Groß­banken und Banksirmen handelt es sich nicht um einen für alle Einzelheiten festgelegten Plan. (Man beabsichtigt künftig im Falle eines bringenden Angebots durch ülebemahme des an den Markt strömenden Materials den Kursstand zu stützen, um nach Möglichkeit Kurseinbrüche, tote sie in der letzten Zeit erfolgen, zu verhindern. Ein fester Beschluß darüber, wie weit jede Dank an diesen Stühungsmahnahmen beteiligt fein soll, liegt noch nicht vor. In Dörsenkreisen beziffert man die in Aussicht genommene Höchstsumme auf einige Millionen Mark. Die Hoffnung, daß nach Möglichkeit ein direktes Eingreifen nicht notig fein würde, wurde durch den heutigen Börea- verkauf insofern bestätigt, als schon bie Tatsache ber Bereitschaft ihren Einbruch auf die Stim­mung nicht verfehlte. Das Angebot hat bereits gairz wesentlich nachgelassen. Die bisher sehr rührige Baissespekulation nahm eingeschücht-rt Deckungen auf fast allen Marktgebieten vor. In­folgedessen und bei erhöhten Auslandsaufträ en ergaben sich teilweise kräftige Kurserholungen, bei den führenden Montan- und Inbustriewerten von 24 Billionen Proz., bei deutschen Kali­aktien, bei welchen ein amtlicher Kurs zunächst nicht zustande kam, sogar von 8 (Billionen Proz. Im allgemeinen bewegten sich die Kurserhohungen

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Die Bantiger.

Roman von Hermann Stegemann.

27 Fortsetzung. ((Nachdruck verboten.)

Er lieh oben, zwischen Fels unb Geschiebe einen Gesteinsbohrer ansehen unb suchte in bie gehärtete Masse etnaubringen. Zweimal miß­glückte der (versuch, Dann traf der Bohrer auf eine weichere Schicht und riß eine Oeffnung. Dan- tiger richtete ein Gerüst auf und setzte die Boh­rung fort. Als die Drehung versagte, trieb er einen geschärften Eisenträger in die Oeffnung unb keilte ihn fest. Gewaltige Schläge trieben das Eisen schräg abwärts durch den hartgebacknen Schutt.

Der Baumeister ließ seinen Sohn gewähren.

Plötzlich fuhr der Eisenträger, der anfangs Zoll für Zoll eingedrungen war, mit einem fd>mat- Kenden Laut wohl btei Fuß tief ins Geschiebe. (Breiig quoll es aus dem geöffneten Erdmaul und floh, geloe, geifernde Blasen werfend, nach außen.

Durch, wir finb hindurch!" schrieen die Leute.

Da sprang Lorenz zu und schlug antwort­heischend mit einem Hammer auf bas vibrierende Eisen. Unb da klang von den Eingeschlossenen, am andern Ende getroffen, der Träger so laut, daß es alle vernahmen, bie vor Ort arbeiteten.

Lenz flieg hinab und sagte, zum Arzt gewenbet: So, Doktor, nun sorgen wir für Luft unb Qlafyrung!

Eine Hand fiel auf seine Schulter. Gottfried Bantiger rüttelte ihn sanft unb murmelte:Mein Oungel"

Das war alles, kein Wort weiter, aber dem Sohne stieg's heiß in die Kehle.

Er ging ans Werk, den Verschütteten £uft und Rahrung zuzusühren. Rach vielen mißlunge­nen Versuchen gelang es. statt der Eisenschiene ein vorn zugeschlagenes Rohr durch das Geschiebe Au stoßen. Lenz überließ es keinem andern, bie Klopfzeichen zu geben und auf Antwort zu warten, unb auf einmal svürte er, bah bas andere Ende aufgezwängt worden war, Denn wie aus weiter Ferne kam ein dumpfer Ruf. Er traf fein Ohr, das er hart an bie Oeffnung gelegt hatte, unb nun rief er zurück und fragte, ob alle lebten, sprach ihnen Mut zu und verspracht ihnen Luft und Rahrung.

Sie pumpten gesäuerte Luft in das Rohr und liehen mit Milch gefüllte Soxhletflaschen In Schnüren hineingleiten. Von zehn Mann waren sieben unverletzt, zwei von schweren Quetschungen niedergeworsen und einer tot.

Die Arbeit ging weiter.

Als Lenz am andern Tage wieder antrat, war ber Schuttwall bis auf die letzte, aus nach­gestürzten schweren (Blöden gebildete Schranke ab­getragen, aber der Schwemmsand sah jetzt härter als Mörtel dazwischen unb der Druck von oben war wieder im Wachsen. Dort hatte sich FelS- geflein gelost und das Leitungsrohr aus der Schräglage gedrückt. Die Luft strich noch hin­durch aber bie Stimmen schwiegen. Man hatte den Versuch aufgegeben, den Verschütteten (Nah­rung zuzuführen, und ihre Klopfzeichen waren immer spärlicher geworden. Der Erdbrache schmatzte wieder, und brauner säuerlicher (Brei troff aus ber Höhle.

Wir müssen sie heute noch herausholen," sagte der Baumeister. Er war schon mit ber Fort­führung der regelmäßigen 2lrbeiten beschäftigt»

hatte eine Fahrt nach Wolfenziel gemacht, wo der Bau des Tunnels rüftig fortschritt, unb betrachtete den iUnfall als abgetan.

Dort oben hängt's, fügte er nach einer Weile hinzu unb wies zu ber drohend ausgebauchten Stelle. Das (Rohr schien abgeknickt. Ein karren- groher Klumpen schlug herab.

Lorenz (Bantiger ging ans Werk. Es gelang, einen Stützbalken anzubringen und eine Dleirde einzuziehen. Das Holz knirschte und bie (Blenbe bog sich nach kurzer Zeit, aber das Wagnis glückte. Eine Höhlung tat sich auf unb gegen Abend brach die letzte Schicht nach innen.

Eine ekelhafte Dunstwelle entströmte der Oeff­nung. Aber in der Tiefe war Leben.

Dumpfe Rufe grüßten bas einfallende Licht. Die Retter antworteten.

Laute, jauchzende Rufe liefen ben Tunnel ent­lang und sprangen wie junge Hunde aus dem Berg.

Alles war guten Mutes.

Als bie Lücke auf Mannsbicke erweitert war, galt es nur noch die Geretteten aus dem Stollen zu holen.

Tragmatten und Seile waren schon zur Stelle.

Da rollte sich plötzlich die schwere Eisenblende, die über ber Oeffnung ausgespannt lag, knatternd zusammen. Der Don schnitt durch Mark unb Dein. Große Klumpen schlugen herab und bnoblen bie Dresche zu füllen. Ein Felsblock stürzte unb zerschlug einem Zimmermann bas (Bein.

Einen Ballen heran, ein Rundholz quer darunter I" befahl Lorenz.

Aber es herrschte einen Augenblick Verwir­rung unb die Minuten zählten.

Lenz sah, daß ein neuer Einsturz drohte, der zwar ben (Bau nicht schädigen konnte, aber die

Verschütteten um die Rettung betrog.

Er wußte, was ber Augenblick von ihm for­derte, unb er schüttelte den kalten Schauer ab, den ihm bie Erkenntnis über den Leib jagte, wandte sich zu seinem Vater, der hart ireben ihm stand, und sagte:Wir dürfen nichl warten. <5ie müssen heraus, eh' ber Rahmen bricht!"

Er flieg ins Gebälk.

Ce.nfl!r schrie der Baumeister und streckte die Härrbe aus, um ben Sohn herunterzureihen, da blickte Lorenz (Bantiger ben Vater an, als wollte er sagen:Bedenk', bah bie Leut auf uns schauen, unb bah bu ben Sohn des Gottfried (Ban- tiger selbst an diesen Platz gestellt hast!"

Der Blick machte ihn frei, unb aus ber zu­greifenden, zurückhaltenden Gebärde Des Vaters wurde ein dankbarer, schmerzlicher Gruß, unb der Baumeister rief mit gewaltsam beherrschter Stimme:Geh, hol sie heraus!"

Dann schob er die Fäuste in bie Manteltaschen.

Lorenz Bantiger erflomm bie Dresche, band sich ein <§pil um den Leib und zwängte sich rück­wärts in die geschlagene Lücke.

Als sein Kopf verschwand, stöhnte ber Bau­meister leise aus, aber er stand wie aus Stein.

Das Werk ging seinen Gang. Eine Tragmatte tauchte, von Lenz nachgezogen, in bie Oeffnung. Klatschend fielen einzelne Brocken in den svrrtzen- den Sohlenbrei. Rach einigen Sekunden, oie sich zu Ewigkeiten dehnten, beugten bie im Gerüst Stehenden sich vor und holten bas Seil wieder an. Der erste ber Verschütteten entstieg, 5um Gespenst verfallen, dem geöffneten (Stollen. Der zweite folgte. Es ging Schlag auf Schlag. Schon

lFortsetzung folgt.)