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Samstag, 13. September 1924

ik. 216 Erstes Statt

V4- Jahrgang

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesten

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ben sind. AuS Jkirtg, der

worden wäre und

daß sich besondere Schutzzölle für das inländische Getreide erübrigten, da die Preise infolge des mangelhaften Angebots sowieso eine durchaus ge­nügende Höhe erreicht hätten.

Es kann jedoch keine Rede davon sein, daß die Rechtsparteien und ebenso wenig die Reichsregierung infolge des Ansteigens der Getreidepreise auf die Einbringung der Zollvor­lage verzichten werden: denn es wird gerade von der Reichsregierung immer wieder darauf hin­gewiesen, daß es sich bei der Zollvorlage nicht nur um die Lebensfähigkeit der deutschen Landwirt­schaft für die nächste Zeit handele, sondern daß man vor allem auch eine brauchbare W a f f e in die Hand bekommen wolle, um in den bevorstehenden Handelsvertragsver­handlungen mit Frankreich, Belgien und den Oststaaten eine gesicherte Grundlage zu haben, da­mit man nicht gezwungen ist, sich den Wünschen der fremden Staaten ohne weiteres fügen zu müs­sen, sondern bei mangelndem Entgegenkommen zu Gegenmaßnahmen schreiten kann. Es muh also nach wie vor mit einem erbitterten Kampfe

Die sozialistische und die bürgerliche Links­presse weisen zwar versteckt, aber doch verständ­lich genug darauf hin, dah die letzten Fortschritte in der Räumung der okkupierten Ge­riete nur durch den Verzicht Deutsch- ands auf die amtliche Aufrollung her Kriegsschuldfrage ermöglicht wor-

Parteien und Kriegsschuldnote.

Die Einschüchterungsversuche der Pariser Presse. - Kein Umfall der Regierung

Dies kann um so weniger der Fall sein, als der am meisten gefeierte Redner auf der Genfer Vötkerdu..d-r g. o.v fr., z <y - v.u . -p,u sident Her. iol. den au, d-er Lüge von Dentin- lanüs Alleinschuld am Weltkriege aufgebarLen Versailler Vertrag als einen Frieden des Rechtes und der Gerechtigkeit bezeich­net hat. Es ist nicht zu leugnen, dah über die Frage der Kricgsschuldnote die Meinungen tnr er­hall) der RegicrungSkoalilion ouseinan^erg hen. Da aber noch ganz wesentlich bedeutsamere Mei­nungsverschiedenheiten zwischen den Regierungs­parteien (in der Völkerbunds frage, in der Schutzzollfrage und in der Frage des Dür- gerblocks) bestehen, ist es nicht einmal inner- politisch und taktisch zu rechtfertigen, dah sich der rechte Flügel der Koalition den Wünschen der Linksparteien fügt. Es mag sein, dah ein deut--

Wege zu deutscher Einheit.

Von Rudolf Scheid, Dresden.

Mögen die einzelnen Gruppen des Wirt- schaftslebens und die Anhänger der verschiedenen politischen Richlungen zum DaweSplan ste cn, we sie wollen, darüber herrscht kein Streit, dah, not) welcher Seite hin auch immer die Folgen der Londoner Verhandlungen sich auswirben werden, so in jedem Falle durchgreifende Llnrstellungen und Erschütterungen bevorstehen, und aus i ie cm Bewusstsein heraus macht sich in wüten Kre.fen das Bestreben in verstärktem Mähe geltend, de i kommenden Stößen gegenüber dadurch den deut­schen Staats- und Wirtschastskörper zu rüsten, dah man mehr als bisher die Grundlagen wirt- schastlicher Kämpfe zu verdrängen sucht und die­sem Bestreben auch in der Erwartung nnchgeh-, auf diese Weise die einzige Handhabe zu finden, um die sich lustig katzbalgenden politischen Akro­baten einigermaßen zu Würde und Vernunft zu bringen. Wenn ein solches Bestreben einen Erfolg haben soll, so ist es offenbar, daß sich ein- nicht auf den Wirtschaftskörper in sich beschränkende Einstellung und Umftetlung vollziehen mühte, son­dern vielmehr hier Wandlungen auch hx den persönlichen Verhältnissen der nicht durch be­stimmte wirtschaftlich- Verhältnisse verbundenen einzelnen Volksgenossen eintreten muhten. Aus diesem Grunde scheint es angebracht, di- Voraus­setzungen und Möglichkeiten einer solchen Ent­wicklung einmal allgemein zu prüfen.

Wir stehen in diesen Dingen nicht auf Reu- land, vielmehr hat jo besonders unter den ersten Eindrücken der Revolution jeder von uns an diesem Drange nach innerem Ausgleich teilgenvm- men. Es kann auch nicht bestritten werden, daß vieles von dem erfrischenden Llmschwung. den uns die letzten Wahlen gebracht haben, feinen Grund in dieser allgemeinen Einstellung und nicht allein in bestimmten volitischen Ereignissen und Fehlern der damals üblichen Regierungen ftndet Aber es besteht doch anderseits kein Zweifel dar­über, dah wir das, was erreicht ist, im Hi-nblicl auf außenpolitische Rotwendigketten nicht als ge rügend ansehen können. Die größte nationale Mehrheit wird eS nicht verhindern tonnen, dah der Feind in Teilen unserer eigenen Volksge­nossen stets eine freudig bereite Hilfsarmee hat, bi- als Spitzel. Verleumder und Saboteure jed-m nationalen sich zu ekner Tot gestaltenden Hm- schwang im Wege stehen werden. AuS die er verhältnismähigen Erfolglosigkeit des Strebens nach innerem Frieden sollen wir lernen.

So wie die Dinge heute vor uns liegen, scheint man den wesentlichsten Fehler der bisher -ing-schlagenen Taktik auf die Formel biingen zu können: Verkennung der s ozialist isch- kommunistischen Geistes- und Ge- mütsverfassung.

1 Man hätte sich immer vor Augen Haltei sollen, durch welche politische- und soziale Schule die Massen gegangen sind, mit denen man zu einer Versöhnung gelangen wollte Man stelle sich doch nur einmal das vor, was jeder, mit eigenen Augen g-sehrn hat und was doch einzig ui d allein aus dem Geiste geboren ist, mit dem wir zu Frieden konrmen wollten: Um nur an die internationalen Kinderwochen zu erinnern: Zu Hunderten zogen die'e jungen Menschen dahin, die t-ilw-ise noch nicht lesen und schreiben und ganz b-stimmt noch in keiner Weise selbständig denken konnten. Die ersten Lieder, die diese Men­schen hörten, waren Hahge'änge: der erste Pf sich- ruf, den sie hörten, war die Pflicht, sich ,.Fre>- heif zu erkämpfen. .Fort mit d-r Prügelstrafe, fort mit der Religion aus der Schule!", das waren die Zuschriften der Plakate, die diese Jugend, die die erste Lebensvorbereitung erhalten sollte, mit sich führte. Oder wem es vergönnt war,'an einer jenerJugendweihen" teilzureh- men mit denen man die Konfirmation zu ersehen suchte: Wo sonst der Jugend eine Reife und ein Seelenhalt in Pflicht und im Derbundenheitsge- fühl mit einer höheren Macht gegeben wurde, da zertrat und zerpflückt» man hier alles, was sonst h-ilig war. So raubte man den peelen Lieser Jugend alles, was sie zu Eigenmenschen machte, und zwang sie unter einen Goh-n: die Partei! Di- könne dem jungen Genossen besser helfen als Kirche und Gottesdienst. Das war überall der gleiche Grundton die er Jugenderz'e- hung Lind so wurde eins erreicht: Wenn dieser junge Mensch, seelisch ausgeplündert and gefesselt, seine ersten eigenen Gedanken zu formen, feine ersten persönlichen Sehnsüchten zu fühlen begann, dann war die Grundlage. von der aus sein Füh­len und Denken einsehle, bereits unabänderlich festgelegt. Diese Grundlage aber hieß: Llnbe­dingte Verneinung alles Bestehen­den. Einem solchen Menschen mit Vaterland, mit Volk und Freiheit kommen, wäre von vorn- fcrein vergebliches Tun. Da ist eine Saite zerrissen, an der diese Töne sonst anftingen würden: so aber können sie es xricht mehr.

Damit aber ist nur die negative Seite dieser sozialistisch-kommunistischen Geistesverfassung ge­kennzeichnet. Tas in diesem Zusammenhänge wich­tigere und entscheidende ölebel ist dies: Diese Menschen sind nicht nur Staatsfeinde, die ver­neinen. geblieben, sondern sie sind darüber hinaus zu einem Volke im Volle geworden mit allen Eigenarten, zum metribeftea gerade mit be > stärk­sten Triebkräften eines eigenen Volke), eines Vol­kes nicht nur mit einem gemeinsamen Hast, vn- > dem auch mit gemeinsamen eigenen Lettcedall-n und in ihrem Sinne gesprochen3oealen : Wie wir uns begeistern für die Freiheit-Helden, so entsteht da ein kraftvolles proletarisches Hel- , berrtum. Wie wir Leid empfinden über oen-LoO von Männern, die uns Vorbild sind, so empfand«

um die Sähe der Zollvorlage im Reichstage ge­rechnet werden.

Don ZentrumSkretsen werden zur Zeit Vermitt­lungsversuche unternommen, um der Sozioildemo- kratie die Zustimmung zur Zollvorlage zu ermög­lichen.

Die Versuche gehen besonders von links­stehenden Zentrumskreisen aus, die das Ab- gleiten der Sozialdemokratie in die Opposiüan und die Bildung des Bürgerblocks verhindern möchten. Die Vorschläge be­wegen sich in der Richtung, dah die Schutzzölle auf eine gleitende Skala eingestellt wer­den sollen, so dah also je nach dem jeweiligen Inder der Lebensmittelteuerung die Schutzzölle automatisch der Wirtschaftslage angepaht würden. Das Zentrum würde im Fall der sozialdemokra­tischen Zustimmung dafür eintreten, dah die ilm» bildmig der Reichsregierung in erster Linie nicht nach rechts, sondern n a ch l i n k s erfolgen würde. Die sozialdemokratische Reich stagsftaktion hat vorläufig diese Vorschläge nur inoffiziell zur Kenntnis genommen und sich ihre endgültige Stellungnahme Vorbehalten. Von fo- zialdeinokratischer Seite wird dabei besosders be­tont, dah die künftige Haltung der Reichstags- fraftion nicht nur von der Zollvorlage, sondern auch von der Stellung der Reichsregierung zur Kriegsschuldnote und zum Eintritt in den Völkerbund abhängen würde und dah endgüftige Beschlüsse d-r Sozialdemvkoatie nicht eher zu erwarten seien, bevor nicht alle diese schwebenden Fragen endgültig geklärt wären.

Die Tarispolitik der Reichsbahn.

fremde Einflüsse auf die künftige Gestaltung der deutschen Darife.

Berlin. 13. Sept. (Drahtmeldung.) Be­kanntlich schweben seit längerer Zeit Erwägungen innerhalb der Reichsregierung, die Reichs- bahngütertarife demnächst h-erabzu - eh en und auch andere Erleichterungen für den Frachtverkehr zu gewähren. Diese Absichten haben in französischen und besonders in englischen Wirtschaftskreisen st a rkes Be­fremden hervorgerufen, da man in den Kreisen der englischen Industrie, die ohnehin den Lon­doner Vereinbarungen mit starker Reserve gegen- übersteht, eine erhebliche Konkurrenz der deutschen Wirtschaft befürchtet. Zwar haben sich die Bedenken der englischen Wirt­schaftskreise noch nicht so weit verdichtet, dah sie einen förmlichen Schritt bei der englischen Reaierung unternommen haben. Aber man ist in den mahgebenden Kreisen der Reichsregierung davon unterrichtet, dah die englische Industrie einen stetig wachsenden Druck auf ihre Regierung ausübt, um sie zu einem Vorgehen in dieser Frage zu veranlassen.

Reuerdings hat es nun den Anschein, als ob die englischen und französischen Wirtschaftskreise eine unmittelbare Einwirkung auf den Zünftigen Der- waltungsrat der deutschen Eisenbahnen versuchen würden, um auf diesem Wege Einfluß auf die deutsche Tarispolitik zu gewinnen.

Demgegenüber wird von unterrichteter Sette be­tont. daß die Reichsbahn vorläufig noch Eigen­tum des Teutschen Reiches ist und dah bis zu ihrer förmlichen Heber gäbe an das inter­nationale Konsortium die Ta-rifpolitrk noch völlig selbständig von der Reichsre­gle r u n g geregelt werden kann. Es ist da­her auch nicht zu erwarten, daß sich die Reichs- regierung durch solch» Bestrebungen ia ih en Ab sichten irgendwie beirren läht, und es ist mit der Veröffentlichung der neuen Frachtsätze tn ab­sehbarer Zeit zu rechnen. Weiter wird darauf hingewiesen, es bestehe wenig Wahrscheinlichkeit, dah sich der künftige Ve r wa l t u n g s r at der deutschen Eisenbah icn den Wünschen der englischen Wirtschaf:streife fügen werde iaauch ihm daran gelegen ist, nicht nur aus den Ellen- bahnen einen möglichst g rohen Gewinn hrrauszuschlagen, sondern auch das deutsche Wirtschaftsleben nicht durch überspannte Tarifpvlttik zu gefährden, zumal das Ge­lingen der ganzen Sach verständig en Pläne davon abhängt, dah die deutsche Wirtschaft lebens­fähig erhalten und damit die Zahlungs- f ä higkei t Deutschlands gesichert bleibt.

Der Generalagent berichtet der Reparationskonnnisfion.

Paris, 12. Sept. (WB.) Wie derTemps" mttteilt, kehrt der Generalagent für die deutschen Zahlungen Pvung morgen abend aus Berlin nach Paris zurück, um die Reparattons- kornmission über die von ihm bereits angeordneten Maßnahmen zu unterrichten. Doung wird sich auch in der kommenden Woche mit den beiden Treuhändern Delacroix und Roga ra unter- halten die vor dem 6. Oktober von der deutschen Regierung die Zertifikate über 11 Milliarden - Goldmark Eisenbahn- und 5 Milliarden Goldmark Jndustrieobligationen erhalten mühten. Dor dem > 6. Oktober mühten auch alle Kon rtoll- und Ausführungsorgane, die der Davesplan > vorsehe, gebildet werden. Ebenso mühten die neue Emmissionsbank und die Reichs- i eisenbahngesellschaft endgültig einge­richtet werden.

scher Protest in der Kriegsschuldfrage für den loyalen Teil der Menschheit nicht notwendig ist: um so notwendiger aber ist es, dah wir die durch unwiderlegliche Tatsachen bekräfiigte Schuld­losigkeit des deutschen Volkes an der großen Welttatastrophe gerade jetzt an einem Wende­punkt der Entwicklung gegenüber den Wahr­heit s s ä l sche r n Har und eindrucksvoll for­mulieren.

Eine amtliche Erklärung zur Kriegsschuldlüge.

Stritt Eintritt Deutschlands in den Völkerbund vor einer Lösung der

Kricgsschuldsrage.

Berlin. 12.'Sept. (WTD.) Mit Rücksicht auf die Zeitungspolemik der letzten Tage in der Angelegenheit der Kriegsschuldlüge und des Beitritts Deutschlands zum Döl - kcrbund wurden heute der Presse von beru­fener Seite sehr bestimmte Informationen erteilt, wonach die Kundgebung zur Kriegsschuldlüge zu­erst im Reichstag erwogen, später aber zum Ab­schluß der Londoner Dcrhandlungen geplant war. Sie hat aber in London aus rein techni­schen Gründen wegen des gedrängten eiligen Verlaufs deS Abschlusses nicht mehr erfolgen können. Die deutschnationale Einwir­kung ist weder in diesem noch in einem späteren Stadium maßgebend gewesen. Wie überhaupt die Frage niemals vom parteipolitischen Standpunkt aus angesehen worden ist. Gelegentlich der parlamentarischen Beratung des Londoner Paktes hat der Außenminister mit vollem Einverständnis mit dem Ka­binett auch die Deutschnativnalen von der ge­planten Formulierung der Erklärung über die Kriegsschuldlüge rechtzeitig unterrichtet. Es dürfe nicht übersehen werden, daß die Kundgebung der Regierung lediglich eine prinzipielle Verpflichtung zur Notifizierung ent­halte, daß es aber zur Autorttät der Reichs­regierung gehöre, w a n n sie ihre Anlündignng in die Tat umsetzen wolle. Sicher ist, daß Deutsch­land nicht in den Völkerbund eintreten kann, ehe nicht die K r i e g s s chu l d f r a g e ge­löst ist. Auch zwischen dem Staatssekretär von M a l h a n und dem Außenminister haben in dieser Frage keine Meinungsverschie­denheiten bestanden. Aebrigens hat auch in London trotz dieser Gelegenheit kein einziger Staatsmann den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, der eine reine Zweckmäßig­keit s s r a g e sei, angeregt. Wenn der leere Stuhl Deutschlands in Genf beseht werden soll, müsse man das Statut zugunsten Deutsch­lands ändern und ihm nicht zumuten, daß es den Ratssitz durch die Wahl erlange, son­dern ihm einen st ä n d i g e n Ratssitz zuteilen.

Zollvorsage,Landwirtschaftshilfe und Bürgerblock.

Der Kampf dec Parteien. Das Zen- triinf als Zünglein an der Wage^

Die Mihernte. die in vielen Gegenden Deutsch­lands infolge des ungünstigen Wetters vorhanden ist hat dazu geführt, daß von feiten der Landwirt­schaft und insbesondere des Reichslandbandes weitgehende Forderungen an die Regierung hin­sichtlich langfristiger Kredite. Steuerstundungen und Zinsermäßigangen gestellt worden sind. In linksgerichteten Kreisen besteht durchaus die Reigung, diesen Wünschen so weit entgegen- zukonnnen, wie es die Finanzlage be£ Reiches und Preußens irgendwie gestattet. Es ist auch damit zu rechnen, daß das preußische Landwirtschasts- Ministerium für ein möglichst weites Entgegen­kommen der Landwirtschaft gegenüber eintritt. Die linksgerichteten Parteien haben dabei jedoch den Hintergedanken, daß der große Ausfall, der bei der Ernte, insbesondere der Getreideernte zu er­warten ist, die Einbringung der Zoll- Vorlage zum mindesten überflüssig, wenn nicht schädlich erscheinen lasse. Sie werden sich daher bei der Beratung der Zollvor­lage darauf berufen, dah der Landwirtschaft schon wirksame Hilfe in weitgehendem Maße zuteil ge-

md desEclair" sucht die genannte Presse nach­zuweisen, daß die französischen Militaristen und Lhauvinisten auf einen neuen politischen Fehler Deutschlands warten, um eine für Frankreich schädliche' Entwicklung zu hemmen. Solche Fehler Ser Reichsregierung würden fein: eben die nach­trägliche Absendung der Kriegsfchuldnote und bann ein Verharren auf der Weigerung, in den Völkerbund einzutreten.

Die genannten nationalistischen französischen Blätter machen es H e r r i o t zum Vorwurf, daß er auf das bekannte Schreiben des Reichskanzlers mit der Ankündigung der Kriegsschuldnote vor der lleberfendung dieses Schriftstücks in Berlin hat warmen lassen, und so den Alliierten einen Vorwand geraubt hat, die Räumung und die Abrüstung zu verzögern. Da ein so angesehener Mann wie der frühere Reichstags­präsident L o e b e sich zum Wortführer in der deutschen Völkerbundsbewegung gemacht hat, wird es nach Rückkehr des Reichskanzlers nach Berlin, spätestens aber nach Wiederzusammentritt des Reichstags eine lebhafte Auseinandersetzung über die Zweckmäßigkeit der beiden Schritte der Ab­sendung der Kriegsschuldnote und eines deutschen AufnahmcgesuchS für den Völkerbund, geben.

Die Entscheidung nach re in sachlichen Gesichtspunkten wird dadurch erschwert, daß in der Frage der Kriegsschuldnote eine taktlose und diplomatisch geradezu ungehörige Einflußnahme des französischen Ministerpräsidenten in Berlin statt gesunden hat, und daß sich in der Völker­bunds rage eine unberufene Pazifistenkama- rilla eingemischt hat. Die Bemerkung, daß das ReichSftrbtnett durch eine Zusage an die Deutsch- nationalem zur alsbaldigen Absendung der Kriegsschuld"ote verpflichtet sei, kann nicht als stichhaltig anerkannt toerden, da eine ver­antwortliche Reichsvegierung tn solch wichtigen Fragen überhaupt keine Bindung für die Zukunft übernehmen darf. Aber selbst wenn man sich die Argumentation gewisser Grup­pen innerhalb der Deutschnationalen Volkspartei zu eigen machen wollte, könnte man darauf er­widern, daß die Deutschnattonalen alles andere getan haben, als die von der Reichsregierung vorgelegten Reparationsgesehe einmütig anzu­nehmen.

Unter den genannten Vorbehalten müssen sich die Parteien der Regierungskoali- ti on darüber klar werden, ob sie auf die Ueber- reichung der Kriegsschuldnote verzichten dürfen. Schon einmal haben Regierung. Koalitionspar­teien und Wirtschaftsorganisationen in einer folgenschweren Frage taktisches Schwei­gen bewahrt, gegenüber dem Sachverständigen­gutachten vom 9. April dieses Jahres. Man tritt wohl feinem von denen, die damals für Still­schweigen plädierten, zu nahe, wenn man heute feststellt daß die in wesentlichen Punkten un­befriedigende Londoner Entscheidung schwerlich in dieser Form zustande gekommen wäre wenn es nus gelungen wäre, den Welt- völlern und insbesondere den alliierten Staaten den richtigen Begriff von der unendlichen Schwere des von den Sachverständigen emp^ sohlencn Reparationsprogrammes beizubringen. ES sei zugegeben, daß man damals die psycho­logische Wirkung einer eingehenden deutschen Kritik an dem Sachverständigengutachten nicht vorhersehen konnte.

Es ist aber zweifellos ein Rückfall in eine als schädlich erwiesene Taktik, wenn wir um des Heben Friedens willen den Mund verschließen. Das gleiche ist jetzt auch in Betracht zuziehen, wenn wir uns über Absendung oder Richtabsendung der Kriegsschuld- note klarzuwerden suchen. Einer geschickten fran­zösischen Propaganda wird es später einmal möglich fein, auf die Haltung einer bürgerlichen deutschen Regierung im September 1924 höhnisch und ironisch hinzuweisen und zu beha'ipten, wir hätten uns durch einen leisen Wink aus Paris davo n abhalten lassen, einenun­ehrlichen Protest" loszulassen. Wenn der Reichs­kanzler Ende August mit guten Gründen die Absendung eines deutschen Protestes in der Kriegsschuldfrage als notwendig bewies, so kann dies nicht am 1 5. September bereits